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TORONTO PRESS
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Zeitschrift
für
französische Sprache und Litteratur
begründet von
Dr. G. Koerting nnd Dr. £. Koschwitz
Professur a. d. Universität z. Kiel weil. Professor a. d. Univers. z. Königsberg i. Pr.
herausgegeben
Dr. D. Behrens, ( „
Professor an der Universität zu Giessen. / l i
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Band XLV.
Chemnitz nnd Leipzig.
Verlag von Wilhelm Gronau.
1919.
Alle Rechte vorbehalten.
INHALT.
Abhandlungen. s«it«
Baist, G. Vom Papagei 358
Behrens, D. Beiträge zu einer Geschichte der französischen Sprache.
1. Die Ausbreitung der französischen Sprache 157
Bruch, J. Franz. forteresse 135
Noch einmal über frz. parelle 147
Ettmayer, K. von. Satzobjekte und Objekto'ide im Französischen 319
Friesland, C. Technische Hochschulen und neuere Sprachen . . 494
Gamillscheg,E. Beiträge zur französischen Lautgeschichte. I. Zur
u — «-Frage 341
Glaser, K. Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur Frank-
reichs in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dritter Teil 1. 289
Aufklärung und Revolution in Frankreich 397
Hilka, A. Der Tristanroman des Thomas und die Disciplina clericalis 38
Högberg, P. Zwei altfranzösische Sprichwörtersammlungen in der
LTniversitäts-Bibliothek zu Uppsala 464
Klozner, L. rescape 154
santon 155
Küchler, K. Die Ansichten des jungen Renan über französische
Literatur und Literaturkritik 437
Meyer-Lübke, W. Zur m — «-Frage. III., IV 350
Etymologisches. 1. Altfrz. chäine, meisme und verwandte Formen.
2. Altfrz. ramposner 485
Richter, E. boche 121
Spitzer, L. Frz. habüler — prov. avol — frz. billet 366
Span, dibujar „zeichnen" = frz. deboissier 375
Zenker, R. Weiteres zur Mabinogionfrage (Fortsetzung) .... 47
Referate und Rezensionen.
Dichtungen, zwei altfranzösische, neu herausgegeben von 0. Schulz-
Gora (A.Schulze) 380
Dupuy, Aug. France et Allemagne. Litteratures comparöes (W. Mar-
tini) 388
Gamillscheg, E., und L. Spitzer. Die Bezeichnungen der „Klette" im
Galloromanischen (H. Maver) 503
Martino, P. Le roman r6aliste sou« le second empire (H. H e i s s) . 386
- IV —
Seit«
Merk, C. J. Anschauungen über die Lehre und das Leben der Kirche
im altfransösischen Heldenepos (F. Busigny) 499
Raoul von 8o%M äs. — Di- Lieder Raoul von Soissons, herausgegeben
ron Emil Winkler (W. Such ier) 235
8erban, X. Leopardi et la France (W. Haape) 268
- Leopardi sentimental (W. Haape) 268
Soblik, P. Werther und Rene (W. Martini) 394
Votier», Adolf. Altfranzösisches Wörterbuch, herausgegeben von Er-
hard Lommatz8ch (W. Meyer-Lübke) 261
MlSZELLE.
Behrens, D. ulboche 494
Beiträge zur Geschichte
der politischen Literatur Frankreichs in
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Dritter Te il:
Die politischen Theorien.1)
V. Von Hotman zu Bodin.
Wir haben die Betrachtung der politischen Theorien des
16. Jahrhunderts in Frankreich bis zu dem Punkte geführt, wo
die Frage nach den Grenzen der königlichen Macht, welche zuerst
Commynes in den Gesichtskreis der Staatstheoretiker gerückt
hat, als Frage nach dem Wesen der besten Staatsform gefaßt,
in der Verherrlichung des ständischen Systems durch Hotman
ihre erste zusammenhängende Beantwortung findet.2) Der Augen-
blick ist bedeutungsvoll für die Entwicklung der politischen
Literatur. Die religiösen Erörterungen, die bisher um das Toleranz-
problem gravitiert, gelten den besten der Theoretiker für den
Augenblick als überwunden. De FHospital und nach ihm Estienne
Pasquier haben hier Abschließendes gesagt.3) Neue Momente bei-
zubringen war auch angesichts der Vergewaltigung, welche der
Toleranzgedanke in dem Mordanschlag der Bartholomäusnacht
erfahren, nicht gut möglich. Wenn man die zahlreichen Traktate
der Zeit liest, wird man sich leicht überzeugen, wie auch bei dem
besten Willen immer und immer nur dieselben Ideen in schwer-
fälliger Erörterung hin- und hergewälzt werden.4)
!) Kapitel I— IV vgl. diese Zeitschrift XXXIX. S. 183—263.
2) Vgl. diese Zeitschrift XXXIX. S. 222 ff., S. 240 ff.
3) Vgl. diese Zeitschrift XXXIX. S. 187 ff., S. 207 ff.
*) Nur Gentillets „Remontrance au Roy Tres-Chrestien Henry III.
de ce nom, roy de France et de Pologne, Sur le faict des deux Edicts de
sa Maieste donnez ä Lyon, Vun du X. de Septembre, et Vautre du XIII.
d'Octobre dernier passe, presente annee 1574 touchant la necessite de paix,
et moyens de la faire" (A Francfort 1574)hebt sich aus der Zahl dieser
Schriften durch manchmal überraschende Gedanken heraus. Sie fordert,
sich hier mit anderen Schriften berührend, die Duldung der neuen Lehre
im Namen des inneren Friedens (S. 80 ff.) und häuft die Schuld an
den noch immer herrschenden Streitigkeiten bald auf „ces messieurs
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV1/'. 1
2 Kurt Glaser.
Da war es ein Glück, daß Hotmans Anregungen auf frucht-
baren Boden fielen. Die Partei der Politiker griff seine Ideen auf,
um sie den eigenen Grundsätzen und Forderungen dienstbar zu
machen. Ihr Ziel ist ein allein durch die Versöhnung der Religions-
meinungen zu ermöglichendes engeres Zusammengehen in den
Fragen des staatlichen Lebens. L' Hospitals Gedanken folgend,
rücken sie mit voller Überlegung die religiöse Seite der Partei-
gegensätze in den Hintergrund. Die Oppositionslust gegen das
Königtum, die seit der Bartholomäusnacht die Gemüter ent-
flammt, findet in ihren Kreisen durch die Betonung des Rechts
der Stände in Hotmans Sinn eine neue Stärkung.
Den schwächlichen Widerspruch, der sich gegen die Theorien
der „Franco-Galüa" gleich bei ihrem Erscheinen geregt, hatte Hot-
man selbst mit kräftiger Hand beiseite geräumt. Der Geschichts-
schreiber Masson hatte in seinem „Iudicium [Papirii Massonis]
de Libello Hotomani"b) den Theorien der „Franco-Gallia" eine
flüchtige und unzulängliche Erwiderung entgegengesetzt. Hot-
man kanzelte ihn in dem groben Ton persönlicher Invektive ab.6)
Etwas anders, aber nicht besser verfuhr er mit Antoine Matharel,
einem Schriftsteller im Dienst der Katharina von Medici. In aus-
führlicher Widerlegung war er Kapitel für Kapitel, Punkt für
Punkt dem Gedankengang der „Franco-Gallia" nachgegangen,7)
seine sachlichen Auseinandersetzungen nach der Sitte der Zeit
mit Schmähungen höchst persönlicher Natur vermischend. Ihm
schleuderte Hotman eine in makaronischem Latein abgefaßte
Replik entgegen, in der er, ohne sich auf eine Verteidigung seiner
les Potentais d'Italie, qui ont leurs estaffiers en France en grand credit,
par le moyen desquels ils nous entretiennent en guerre civile, prennent
leur passe-temps ä nous voir entrebattre" (S. 88), bald auf den vergiftenden
Einfluß der machiavellischen Staatslehren (S. 151 ff.). Dem König
wird durch den Hinweis auf den Ruhm, den ersieh durch die Beendigung
der Religionskriege bei dem bereits in dem beneidenswerten Zustand
konfessionellen Friedens lebenden deutschen Volk erwerben wird, ge-
schmeichelt und noch mehr durch den Vorschlag, nach dem Vorbild
Gottfrieds von Bouillon an der Spitze des geeinigten christlichen
Europas einen Kreuzzug gegen die Türken zu unternehmen (S. 103 ff.).
Zur Autorschaft Gentillets vgl. Lelong, Bibliotheque historique de la
France II. S. 274. nr. 18 319.
5) Angehängt an Matharels Widerlegungsschrift (vgl. Anm. 7).
c) „Strigilis Papirii Massoni, sive Remediale caritativum contra
rabiosam phrenesim Papirii Massoni, Jesuitae excucullati; per Mata-
gonidem de Matagonibus, Baccalaureum Formatuni in Jure Canonico
et in Medicina, si voluisset'1 (1575).]
7) „Ad Francisci Hotomani Franco-Galliam, Antonii Matharelli,
Reginae Matris a Rebus procurandis Primarii, Responsio, in qua agitur
de initio Regni Franciae, Successione Regum, publicis Negotiis et Polilia;
ex Fide Annalium nostrorum, Germaniaeque et aliarum Gentium Graecis
etLatinis. Praefixum est I udicium Papirii Massoni, de. Libello HotomanV'
(Parisiis 1575.)
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 3
eigenen Theorien einzulassen, Person und Ansichten seines Gegners
ins Lächerliche zog.8)
Vor dem schwächlichen Widerspruch, den der Humanist
Louis Le Roy (Ludovicus Regius) in seiner Schrift „De VExcellence
du gouvernement royal avec exhortation aux Francois de perseverer
in icelwj sans chercher mutations pernicieuses" (1575) erhoben,9)
hat Hotman weiter keine Notiz genommen. Er hätte auch hier
immer nur dieselben Argumente wie bei seinen anderen Gegnern
wiedergefunden. Neue Beweise gegen die ständische Theorie
bringt Le Roy überhaupt nicht bei, ja er gibt sich kaum die Mühe,
die bisherigen Streitargumente im Einzelnen nachzuprüfen. Die
bedingungslose Ablehnung der ständischen Theorie ist ihm eine
Selbstverständlichkeit. Den Vertretern der Nation räumt er allein
das politisch bedeutungslose Recht ein, „se contenter de l'heur
gu'ils ont d'approcher de leur Roy, de lui presenter leurs requestes,
et oblenir les remedes et provisions necessaires" . Für den Dritten
Stand empfindet der stolze Humanist nur Verachtung.10)
Es konnte nicht ausbleiben, daß die Hotmansche Theorie von
dem Recht der Stände in den revolutionären Gelüsten frondieren-
der Kreise eine starke Stütze fand und als eine Rechtfertigung des
Widerstands der Untertanen gegen die Regierung ausgelegt wurde.
Schon die „Question, assavoir s'il est loisible aux suiets de se
deffendre contre le Magistrat, pour maintenir la Religion vrayement
Chrestienne"11) (1573 ist auf diesen Ton gestimmt.12) Interessanter
ist die Ende 1573 oder im Jahre 1574 erschienene Schrift eines
Protestanten: „Du droit des Magistrats sur leurs suiets. Traute
tres-necessaire en ce temps, pour ad tertir de leur deuoir, tont
les Magistrats que les suiets publie par ceux de Magdebourg Van
M. D. L. et maintenant reven et augmente de plusieurs raisons
8) „Matagonis de Malagonibus, Decretorum Baccalaurei, Monitoriale
adversus Italo-Galliam sive Antifranco-Galliam Antoni Matharelli
Alvernogeni." (1575.)
9) Le Roy war schon bei früherer Gelegenheit für die königlichen
Rechte eingetreten und hatte in diesem Sinne zwei Traktate geschrieben :
„Des troubles et differens advenans entre les hommes par la diversite des
religions, ensemble du commencement, progres et excellence de la chrestienne
(Paris 1567), und: „Exhortation aux Francois pour vivre en Concorde
et jouir du bien de la paix par Loys le Roy" (Paris 1570). Auch in seiner
Aristo telesübersetzng („Les Politiques d'Aristote traduittes de grec,
en francois . . ." 1568) hatte er bereits mehrfach Gelegenheit genommen,
seine Ansichten über Fragen des politischen Lebens auszusprechen.
Vgl. H. Becker, Loys Le Roy. Paris, these, 1896. S. 186 ff.
10) Vgl. H. Becker S. 221.
11 ) In : Memoires de V Etat de France sous Charles IX. IL S. 239 ff.
12) „Et quant ä maintenir ceste proposition qu'il n'est point loisible
de defendre la Religion par armes: ainsi cruement proposee, eile est
fausse. Car par armes legitimes il est loisible de defendre la Religion.
Toute guerre iuste est loisible". ib. S. 242 r°.
4 Kurt Glaser.
et exemples" ,n) Der Gehorsam gegen Gott wird als eine selbst-
verständliche Pflicht hingestellt, aber gleich von vornherein wird
die Gehorsamspflicht gegenüber der weltlichen Obrigkeit der
folgenschweren Einschränkung unterworfen, daß man dem Fürsten
nur dann Gehorsam schuldet, wenn er nicht selbst sündigt und
„choscs irreligieuses et iniques" befiehlt. Diese Einschränkung
wird ganz im Sinne der Theorien der Zeit auf eine Scheidung
zwischen dem wahren und dem falschen Herrscher, zwischen
König und Tyrann hinausgespielt.14) Gegen einen Tyrannen ist der
Widerstand nicht nur erlaubt, sondern geradezu Pflicht. In einer
sorgfältig und fast ängstlich nach allen Seiten ausschauenden
Erörterung wird dieser Gedanke im Einzelnen durchgeführt. Der
Nachdruck fällt dabei auf das Recht der Beamten. In der Ordnung
des Staates nehmen sie eine selbständige Stellung ein. Ihre be-
schränkteren Befugnisse fließen aus derselben Quelle wie die
höheren des Herrschers, aus dem Begriff des Staates. Sie sind
der so uverai nete, d. h. dem Königtum als solchem, und nicht dem
souverain, d. h. der Person des Herrschers verpflichtet. Daraus
ergibt sich für die Beamten das Recht, im Interesse des Staates
Übergriffen des Fürsten zu wehren. Ihr Organ sind die Stände,
deren hohe Befugnisse gegenüber den geringeren Rechten des Herr-
schers gebührend betont werden. „Le sommaire" — heißt es
S. 507 v.° zusammenfassend — „de tout ce que dessus, est: Que le
sowieraiii gouuernement est tellement entre les mains des Roys, oa
autres tels souuerains Magistrats, que si ce neantmoins se destournans
des bonnes loix et conditions, qu'ils auront i rees, ils se rendent
Tyrans tous manifestes, et ne donnent Heu d meilleur conseil: Alors
il est permis aux Magistrats injerieurs de pouruoir ä soi et ä ceux
13) In: Memoires de VEtat de France sous Charles IX. II. S. 483—
522. Über den Zeitpunkt der Veröffentlichung vgl. Cardauns, Die Lehre
vom Widerstandsrecht des Volks gegen die rechtmäßige Obrigkeit im
Luthertum und im Calvinismus des 16. Jahrhunderts (Bonn. Diss. 1903)
S. 65. Lateinisch unter dem Titel: „De jure Magistratuum in Subditos"
(1578). Dagegen wendet sich eine andere Schrift: „Joannis Beccariae
Refutatio cujusdam Libelli, cui titulus: De jureMagistratuum in Subditos"
1590 (vgl. Lenglet, Methode historique III. S. 53 und Lelong, Bibliotheque
historique de la France II. S. 763, nr. 27 120).
14) Vgl. ,,Question, assavoir s'il est loisible aux suiets de se deffendre
contre le Magistrat", in Memoires de VEtat de France sous Charles
IX. [I. S. 243 v°, 244 r°; „Apophtegmes et discours notables recuiliis
de diuers autheurs: Contre la tyrannie et les tyrans" ib. S. 522 r° — 553v°;
,, Discours des iugemens de Dieu contre les Tyrans: Recueiili des histoires
sacrees et profanes, et nouuellement mis en lumiere" ib. S. 554 r° — 630 r°;
,,Le Politique, Dialogue, traittanl de la puissance, a thorite, et du deuoir
des Princes, des divers gouuernemens: iusques ou Ion doit supporter la
tyrannie: si en une oppression extreme il est loisible aux suiets de prendre
les armes pour defcndre leur vie et liberte: quand, comment, par qui, et par
quel moyen cela se doit et peut faire" (1574), ib. III. S. 76 r°; „Vive
Description de la Tyrannie et des Tyrans, avec les moyens de se garanlir
de leur joug." Reims 1577 (vgl. Lelong nr. 27 135).
Bt iträge :ur Geschickte der politischen Literatur usw. 5
quils ont en Charge, resistans ä ce Ti/ran manifeste. Et quant aux
Estats du pays ou autres, ä qui teile authorite est donnee par les
loix, ils s'y peuuent et doiuent opposer iusqu ä remettre les choses
en leur estat, et punir mesmes le Tyran, si besoin est, selon ses
demerites. En quoi faisant tant s'en faut qu'ils doiuent estre tenis
sedit eux et rebelies, que tout au rebours ils s'acquittent du de ioir
et serment qu'ils ont ä Dieu, et ä leur Patrie."
Was uns diese Schrift noch besonders interessant macht,
ist die Methode, durch die sie ihre Ergebnisse zu gewinnen weiß.
Sie begnügt sich nicht damit, wie es die Gewohnheit der Zeit
war, ihre Beweisgründe in beliebiger Auswahl aus der Bibel und
aus der alten oder nationalen Geschichte zu schöpfen; sie bemüht
sich vielmehr, und zwar nicht ohne Selbstgefälligkeit, ihre Theo-
rien auch mit Gründen der Vernunft zu erweisen und nicht bloß
durch historische Argumente, sondern auch durch logische De-
duktionen zu stützen. In dieser Beziehung hebt sich der Traktat
„Du droit des magistrats" wohltuend heraus aus der Zahl der
anderen gleichzeitig oder wenig später erschienenen Schriften,15)
die ebenfalls für die Rechte der Stände eintreten und den Unter-
tanen das Widerstandsrecht gegen den Fürsten zugestehen für
den Fall, daß dieser gegen die göttlichen Gesetze verstößt und die
Sicherheit des Staates gefährdet.16)
Für den Augenblick herrscht Hotmans These unumstritten.
Die Berufung der Stände wird das Schlagwort der Zeit. Guillaume
de Tavannes, der im Todesjahr Karls IX. (1574) Burgund be-
reiste, faßte seine Eindrücke dahin zusammen, daß alle Welt
nach den Ständen verlange.17)
Am entschiedensten unter den im gleichen Jahre erschienenen
Flugschriften erheben die nämliche Forderung die „Advis et tres
humbles remonstrances ä tous Princes, Seigneurs, Cours de Parlemens
et sujets de ce Royaume: par un bon et grand noinbre de Catholiques
tant de l'Estat Ecclesiastique, la noblesse, que tiers Estat, sur la
nuvivaise et universelle disposition des afaires" (1574/18). Der Ver-
fasser entwirft in ausführlicher Schilderung ein Bild der traurigen
Zustände im Lande, der Verarmung des Dritten Standes, der
Knechtung der Geistlichkeit und der Rechtlosigkeit des Adels.
Als einzigen Ausweg aus der Not der Zeit weiß er die Berufung der
Stände zu nennen. Der König brauche von ihnen keine Schmäle-
rung seiner Macht zu befürchten; sie würden, ihrer Überlieferung
35) ,,Le Politique" (vgl. vorhergehende Anm.) und „Response ä
la question asauoir s'il est loisible au peuple et ä la noblesse de resister
par armes ä la felonie et cruaute a"un seigneur souuerain'1 ; in: Memoires
de l'Estat de France sous Charles IX. III. S. 318 r —351 v°.
l6) Vgl. im übrigen Cardauns S. 65 ff.
n) Vgl. Picot, Histoire des Etats Generaux II. S. 302.
18) Auch in: Memoires de V Estat de France sous Charles IX. III.
S. 43 v°— 49 r°.
G Kurt Glaser.
getreu, sich allein auf Bittgesuche beschränken und im Zusammen-
arbeiten mit der Krone ihre Aufgabe zu erfüllen wissen, ohne an
die königlichen Hoheitsrechte zu rühren. Der von der Partei
der Politiker vertretene Gedanke, daß ohne eine Verständigung in
staatlichen Fragen eine Einigung in religiösen Dingen nicht mög-
lich sei, wird mit Klarheit und Schärfe verfochten.
In etwas einseitigerem Lichte sieht der Verfasser der „Harangue
par la noblesse de toute la France, faicte au roi tres chrestien Charles
IX. sur l'estat de ce royaume" ( 1574) die Sachlage an. Auch er legt
den Nachdruck auf die Beseitigung der politischen Spannung,
aber er hält diese in der Hauptsache schon dann für gehoben,
wenn nur dem Adel seine früheren Rechte zurückerstattet werden.
Das Recht der Stände auf Mitregierung stellt sich ihm als ein
Ausfluß altüberlieferter Adelsprivilegien dar. Der Adel ist die
Seele der Stände. Nur von der Wiederherstellung seiner
Rechte ist eine segensreiche Wirksamkeit der Stände und damit
eine Gesundung des Staates zu erhoffen.
Stärker und offensichtlicher als der Verfasser der „Harangue
par la noblesse de tonte la France" zeigt sich der Herzog von Alencon,
der Bruder Heinrichs III., durch Hotman beeinflußt. In seinem
Programm, das, ganz im Sinne der Politiker, eine Versöhnung der
katholischen und protestantischen Religion auf der Grundlage ge-
meinsamer politischer Verständigung erstrebt, halten sich der
Widerspruch gegen das Königtum und die Betonung ständischer
Rechte die Wage. Die „Brieve Remonstrance ä la Noblesse de
France sur le fait de la Declaralion de Mgr le duc d' Alencon" (1576),
die in seinem Auftrag bei dem Adel Stimmung machen soll, ist
ganz in Hotmans Geist gehalten, nur viel unselbständiger in der
Durchführung der Gedanken und ungelenker in der Form.
Eine selbständige Weiterführung der Hotmanschen Ideen
haben wir überhaupt erst in den „Vindiciae contra tyrannos"
vor uns. Den Verfasser hat man in Theodor Beza zu erkennen
geglaubt, auch Hubert Languet hat seit Bayle19) lange als solcher
gegolten, und noch neuerdings ist seine Autorschaft von Lureau
ausführlich verteidigt worden.20) Dagegen haben Lossen21) und
Elkan22) Du Plessis-Mornay als Verfasser sehr wahrscheinlich zu
machen gewußt.
19) Dicüonnaire (1720) II. S. 1659.
20) Lurean, Les doctrines demoer atiques chez les ecrivains protestants
francais de la seconde moitie du XV Ig siecle. Bordeaux, these, 1900,
S. 38 ff.
21 ) Über die Vindiciae contra tyrannos des angeblichen Stephanus
Jtmius Brutus. Sitzungsberichte der bayr. Akad. der Wissenschatjen
Phil.-hist. Klasse 1887, 1, S. 215 ff.
22) Die Publizistik der Bartholomäusnacht und Mornays Vindiciae
contre tyrannos. Heidelberg 1905. S. 60 — 123. Vgl. auch Waddington,
Revue historique 51 (1893) S. 65 ff. und Cardauns S. 92 ff.
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 7
Die „Vindiciae" suchen religiöse Anschauungen mit staats-
rechtlichen Begriffen zu verquicken und aus den Geboten der
Religion Normen für das politische Verhalten zu gewinnen. Die
Schrift zerfällt in vier Teile, deren jeder eine am Anfang gestellte
Frage beantwortet. Den Ausgangspunkt liefert die Calvinsche
Frage, ob die Untertanen dem Fürsten gegenüber zu Gehorsam
verpflichtet sind, falls er ein dem göttlichen Gesetz wider-
streitendes Gebot erläßt: „An subditi teneantur, aut debeant
Principibus obedire, si quid contra legem Dei imperent". Nachdem
diese Frage negativ entschieden ist, folgt die Behandlung der-
selben Frage nach der positiven Seite, ob die Untertanen das Recht
haben, einem Fürsten, welcher Gottes Wort mißachtet und die
Kirche unterdrückt, Widerstand zu leisten: „An liceat resistere
Principi legem Dei abrogare volenti, Ecclesiamve vastanti" . Sie
erweitert sich ihm sofort zu der anderen, auf das politische Gebiet
hinüberführenden Frage, ob der Widerstand auch gegen einen
tyrannisch regierenden, Recht und Gesetz mißachtenden Herr-
scher erlaubt sei: „An, et quatetius Principi Rempublicam aut
opprimenti, aut perdenti, resistere liceat." Und endlich: „An jure
possint, aut debeant vicini Principes auxilium ferre aliorum Princi-
pum subditis, Religionis purae causa ajflietis, aut manifesta
Tyrannide oppressis."
Die Beantwortung dieser vier Fragen geschieht, außer unter
Zuhülfenahme der traditionellen, besonders reichlich aus der
Bibel geschöpften Argumente, auf dem Wege einer logisch klar
aufgebauten staatsrechtlichen Beweisführung, welche durch die
Hereinziehung der Vertragstheorie besonderes Interesse gewinnt.
Die Einsetzung der weltlichen Herrscher wird auf einen
zwischen Gott und Volk abgeschlossenen Vertrag zurückgeführt.
An ihn sind Fürst und Volk in gleicher Weise gebunden. Das
Volk darf seine Pflicht gegen Gott auch dann nicht vergessen,
wenn sie der Herrscher verabsäumen sollte. Zu diesem ersten
Vertrag tritt noch ein zweiter hinzu, welcher zwischen Volk und
Herrscher geschlossen wird und das Volk zum Gehorsam gegen
seinen Herrscher verpflichtet unter der Bedingung, daß er seines
Amtes gut waltet. Mit der Einführung der Vertragstheorie
kommt ein Zug in die staatsphilosophische Literatur Frankreichs,
welcher indessen erst in der Fassung, welche ihm nachmals der
Rationalismus gegeben, eine wirklich bedeutungsvolle Rolle in
der politischen Theorie zu spielen berufen war. Die Grundlagen,
auf welche die Vertragstheorie der „ Vindiciaeu in letzterLinie zurück-
führt, sind weder neu noch kühn.23) Auch das Verfahren, dessen
sie sich bei der Herleitung und Ausgestaltung der Vertragstheorie
jm Einzelnen bedienen, ist wenig geeignet, ein brauchbares Element
23) Vgl. Gierke, Johannes Althusius und die Entwicklung der natur.
rechtlichen Staatstheorien (Breslau 1880) S. 76 ff. und Lurcau S. 59 ff-
8 Kurt Glaser.
staatsrechtlicher Erörterungen abzugeben. Denn statt in der
Theorie des Vertrags eine prinzipielle Erklärungsart des Staates
zu erblicken, verlegt sich die Schrift auf eine bedenkliche historische
Beweisführung. Der Verfasser folgt hier sichtlich dem Muster
Machiavellis und Hotmans,24) wie er sich in der Anlage seiner
Schrift Bezas Traktat vom Recht der Untertanen zum Vorbild
genommen hat.25) Aber während Machiavelli aus der Beobachtung
der Menschen und ihres Treibens Lehren für seine Wertung der
staatlichen Verhältnisse abstrahierte und vorwiegend aus der
römischen Geschichte schöpfte, während Hotman in die Ver-
gangenheit des französischen Volkes zurückging und hier Grund-
lage und Rechtfertigung seiner ständischon Theorie suchte,
steigen die „Vindiciaeu zur Geschichte des jüdischen Volks hinauf,
um ihr nicht bloß die Materialien für ihre Beobachtungen, sondern
zugleich die Maßstäbe ihres Urteils zu entnehmen. Die jüdische
Geschichte erscheint ihnen typisch für die Menschheitsgeschichte
überhaupt.26) An historischem Sinn gebricht es dem Verfasser
der „Vindiciae" so gut wie ganz. Das Bewußtsein, daß politische
Ideen und Begriffe nicht ein für allemal starr feststehen, sondern
dem Wechsel und Wandel nach Zeit und Volk unterliegen, ist
ihm nicht aufgegangen. Ohne Bedenken schiebt er jüdische und
christliche, römische und mittelalterliche Vorstellungen inein-
ander und nimmt keinen Anstand, die Gültigkeit der alten bibli-
schen Gesetze ruhig auch für die Franzosen des 16. Jahrhunderts
zu verkünden.
All die Schlüsse, zu denen die „Vindiciae11 über das Verhältnis
von Herrscher und Volk gelangen, sind Folgerungen aus der
Vertragstheorie. Aus ihr ergibt sich der Satz, daß die Könige,
als von Gott zu ihrem Amt berufen, nur die Vasallen Gottes sind
(„reges . . . regis regum vasalli sunt" ) und wenn sie ihre Pflicht
nicht erfüllen, der Absetzung unterliegen. Damit hängt weiter
zusammen, daß die Untertanen nur so lange zum Gehorsam gegen
den Herrscher verpflichtet sind, als der Herrscher selbst die Gebote
Gottes befolgt. In derselben Richtung bewegen sich auch die
anderen Schlüsse, welche die Schrift aus dem zwischen Gott
und Volk bestehenden Vertrag zieht. Der Vertrag zwischen Gott
und Volk ist der zeitlich frühere: schon vor der Einsetzung der
Könige hat sich Gott sein Volk auserlesen und mit ihm einen
Bund geschlossen. Seinen vertraglich übernommenen Ver-
pflichtungen kann das Volk nur dann wirklich nachkommen,
wenn ihm die Wahrung seiner Rechte gegen den Herrscher zu-
24) Janet, Histoire de la science politique II 1887). S. 33.
->5) Elkan S. 125.
2C) ,,Si enim, qnod ex ea (= Scriptura sacra^ facile probabitur,
universo Populo Judaico licuit, imo si injunctum fuit, nemo, credo negabit,
quin idem de universo Populo Christiano alicujus Regni, idem plane
staluendum sit". (S. 240, 241).
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 9
gestanden wird für den Fall, daß er Gottes Gebote mißachtet
und dadurch vertragsbrüchig wird. Dem Volk wird deshalb die
Befugnis eingeräumt, im Notfall auf dem Wege des bewaffneten
Widerstandes die vertraglich übernommenen Verpflichtungen zu
wahren. Das Widerstandsrecht wird ihm als eine aus eigener
Initiative auszuübende Pflicht zugesprochen. Doch gleich hier
setzt jene Einschränkung ein, welche nicht zur Proklamierung
einer schrankenlosen Demokratie gelangen will, sondern einer
Formulierung des ständischen Rechts in Hotmans Sinne zustrebt.
Das Recht zum Widerstand wird nicht dem gesamten Volk,
sondern allein den dem Volk gesetzten Beamten, d. h. den Ständen
zuerkannt.-'7) Obwohl ihre Mitglieder einzeln dem König unter-
geordnet sind, stehen sie als Organisation über dem König. Sie
sind die berufenen Hüter der Rechte des Volkes; die Ausführung
und Handhabung des Widerstandsrechts hat nach Mehrheits-
beschluß zu erfolgen und bleibt nicht auf den einzigen Fall, daß
der Herrscher das göttliche Gesetz verletzt, beschränkt. Auch
die Verteidigung der weltlichen Rechte eines Volkes liegt
ihnen ob. Das Volk ist mächtiger als der König („populus rege
potior"). Mit einem ganzen Aufwand biblischer und juristischer
Argumente sucht die Schrift, die Ansicht, daß das Volk bei der
Einsetzung seines Herrschers auf seine Souveränität zu Gunsten
des Herrschers verzichtet habe, zu bekämpfen und das durch die
Machiavellische Lehre stark erschütterte Prinzip einer im Namen
Gottes geübten Volkssouveränität zu retten.
Eine Zeitlang schien es, als ob die große gemeinsame Forde-
rung der,, Tvvmco-GaZ/ia" und der „Vindiciae", die Wiederherstellung
der ständischen Rechte, tatsächlich von Erfolg begleitet sein
sollte. Das Verlangen nach Einberufung der Stände war der
Boden, auf dem sich die gemäßigten Katholiken mit den Pro-
testanten vertrugen oder doch zu vertragen geneigt waren. Schon
in das Jahr 1573 fallen die ersten, allerdings noch mit geringer
Kraft unternommenen Versuche einer Verständigung zwischen
beiden Religionsparteien.28) In den folgenden Jahren wurden die
gleichen Versuche mit größerem Erfolg fortgesetzt. Die Bewegung
der „Politiker" gewann rasch an äußerer Ausdehnung und innerer
Kraft. Schon verstiegen sich einzelne ihrer Wortführer zu Peti-
2') ,,An vero universam multitudinem, belluam, inquam, illam
innumerorum capitum, tumultuari et coneurrere in eam rem, quasi agmine
facto oportebit? Quis vero in ea turba ordo esse queat? quae consilii, quae
rerum gerendarum species ? Cum de universo populo loquimur, intelligimus
eos qui a populo authoritatem aeeeperunt, magistratus, nempe, rege inferi-
ores a populo delectos, aut alia ratione constitutos, quasi imperii consortes
et Regum Ephoros, qui Universum populi coetum repraesentant. Intelli-
gimus etiam Comitia, quae nihil aliud sunt, quam Regui cujusque Epitome,
ad quae publica omnia negotia referuntur."
28) Vgl. Lancelot Du Voesin De La Popeliniere, L'Histoire de
France enrichie des plus notables oecurences . . . (1581) IL S. 202, 267.
10 Kurt Glaser.
tionen und Vorstellungen unmittelbar beim König.29) Selbst die
strengen, in religiösen Dingen zu keinerlei Zugeständnissen ge-
neigten Katholiken der Liga griffen die weltlichen Forderungen
der Politiker auf, um sie zu den ihrigen zu machen. Die An-
erkennung der ständischen Rechte durch den König bildete auch
für sie den Kernpunkt ihres politischen Programms.30)
Wieder beginnen die Flugschriften sich an der Erörterung
zu beteiligen. Die kühnste von ihnen „La France-Turquie" ruft
„tous princes, seigneurs, gentilshommes, et autres bons et legitimes
Francois, tant d'une que d'autre Religion" zum Kampfe für die stän-
dischen Rechte auf.31) In ironischem Ton vergleicht sie die Zustände
in Frankreich mit denen in der Türkei und sucht nach Mitteln und
Wegen, um in Frankreich die Mißwirtschaft des Orients einzu-
führen. Schwer wird das schon nicht fallen. Man braucht nur das
Bollwerk der ständischen Rechte beiseite zu räumen, und das
werden die Bürgerkriege rasch und gründlich besorgt haben. Der
König braucht nur Gewalt anzuwenden und seinen Willen dem
zerbrochenen Staat aufzuzwingen und auch in der Religion an
die Stelle ernster Frömmigkeit die Dummgläubigkeit des türkischen
Sklavensinns zu setzen. Mit Spott und Hohn überschüttet die
Schrift die Königin-Mutter und ihre Ratgeber. Ihre unter schein-
heiligem Gebahren schlecht verhüllte Absicht ist es doch nur,
keinen dauernden Frieden aufkommen zu lassen und dem Adel
und den Ständen alles Recht zu nehmen. Ihnen ist nichts heilig,
haben sie doch in der Bartholomäusnacht selbst das Leben des
Königs aufs Spiel gesetzt und so die Schuld für dessen lang-
sames Siechtum auf ihr Gewissen geladen. Nur ein einmütiger
Zusammenschluß aller vaterländisch Gesinnter, ohne Unterschied
der Religion, kann hier helfen. Die Königin-Mutter muß ins
Kloster wandern, ihre Ratgeber müssen von der Bildfläche ver-
schwinden, die ständischen Rechte müssen ungeschmälert wieder-
hergestellt werden.
Der Gedanke Hotmans und der ,, Vindiciae", die Beschränkung
der königlichen Macht durch die Stände, wird durch den Gegen-
satz gegen die Staatstheorien Machiavellis in ein neues Licht ge-
rückt. Ihren ersten Widerspruch hatten Machiavellis Lehren von
katholischer Seite erfahren. Der Kardinal Reginald Polus und der
Bischof von Cosenza, Catarino Politi hatten sich gegen ihn aus-
gesprochen. Ihnen war der portugiesische Bischof von Silva r
29) Vgl. De La Popeliniere ib. S. 271 ff.
30) Vgl. D'Aubigne, Histoire Universelle (Societe d'histoire de
France) S. 824 ff.
31 ) „La France-Turquie, c"est ä dire Conseils et moyens tenus par
les ennemis de la Couronne de France, pour reduire le royaume en tel estat
que la Tyrannie Turquesque." Orleans 1576.
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 1 1
Osorius gefolgt.32) Auch in Frankreich war die Erörterung der
Theorien des Florentiner Staatsmanns damals an der Tages-
ordnung, nachdem seine Schrift vom Fürsten auch ins Französische
übersetzt worden war (1553).33) Von den Feinden des Hofs wurde
Katharina von Medici als durch die Irrlehren ihres Landsmannes
verführt gebrandmarkt und die Bartholomäusnacht als ver-
derblichster Ausfluß machiavellistischer Staatsanschauungen hin-
gestellt. Die Unverträglichkeit der machiavellistischen Staats-
lehren mit den von protestantischer Seite vertretenen An-
schauungen auf einen Gegensatz italienischen und französischen
Wesens hinausspielend, schreibt eine jener Schriften: ,,j/ est
necessaire pour avoir une bonne paix, de hannir Machiavel per-
petuellement de France, comme aya t este le plus grand menteur
et imposteur qui fut jamais . . . ses disciples, qui ont introduit en
France V Observation des preceptes de Machiavel, sont cause des
guerres civiles et calamitez du royaume . . ,"34)
Die erste zusammenhängende Wider legnng der Machiavellischen
Lehren hat J. Gentillet unternommen in seinem „Discours sur
les moyens de bien gouverner et maintenir en paix un Royaume,
ou autre Principaute. Contre Nicolas Machiavel Florentin" (1576).
Von dem Widerspruch gegen einzelne markante Lehrsätze
Machiavellis ausgehend, sucht Gentillet die Notwendigkeit einer
Beschränkung der königlichen Gewalt auf Kosten der ständischen
Befugnisse darzutun. Die Hauptschuld an den reformbedürftigen
Zuständen am Hof und im Lande schiebt er dem Einfluß des
Italienertums zu. Die „etrangers", die „Italiens" und „Italianisez"
haben alles Unglück verschuldet. Sie müssen deshalb bestraft und
ihrer Macht beraubt werden; ihr Abgott Machiavelli, der ihre
Seelen vergiftet hat und in letzter Linie an allem Schuld trägt,
muß mit allen Waffen bekämpft und seines Nimbus entkleidet
werden. Der Kampf gegen den Machiavellismus ist eine heilige
nationale Pflicht. Denn sein Eindringen in Frankreich bedeutet
eine entscheidende verhängnisvolle Wendung, welche einen völligen
Umsturz in der geschichtlichen Tradition im Lande herbeigeführt
hat: an die Stelle einer wohlwollenden Regierungsform ist die
Tyrannei, an die Stelle rechtlichen Sinns ist die Willkür getreten.35)
Gentillet meint es herzlich gut mit allem, was er in seinem
Zorn auf Machiavelli und in seiner Begeisterung für Frankreich
zusammenschreibt. Aber wie es so oft geht, wenn man eine große
Aufgabe mit unzulänglichen Kräften unternimmt, bleiben auch
32) Vgl. Robert von Moni, Geschichte und Literatur der Staats-
wissenschaften III (1858) ,S. 542 ff. Waille, Machiavel en France (1884)
bedarf in wesentlichen Punkten der Ergänzung. Vgl. auch Joseph
Barrere, Etienne de La Boetie contre Nicolas Machiavel. Bordeaux 1908.
33) Vgl. Lelong nr. 27 091.
34) „Remontrance au Roy Tres-Chrestien Henry III." S. 151
(vgl. Anm. 3).
35) Preface S. 11.
12 Kurt Glaser.
bei ihm Irrtümer und Mißverständnisse nicht aus. Er stellt sich
eine Widerlegung Machiavellis entschieden zu leicht vor und läßt
sich blind von seiner Verabscheuung seiner Lehren treiben.
Gleich im Eingang seiner Vorrode schreibt er den für einen ernsten
Kritiker bedenklichen Satz: ,,/>?/ ingement naturel ferme et solide,
Machiao el aussi n'en au dt point, comme se void par les fades et
ineptes raisons dont il confirnie le plus so'iuent les propositions et
Maximes qu'il met en auant : ains seulement auoit quelquesubtdite teile
quelle, pour donner couleur ä ses meschans et damnables enseigne-
mens. Mais quand on examine un peu de pres sa subtilite, ä la
verite on la descouure estre une pure bestise, voire accompagnee
de lourdise, et sur tout pleine de meschancete extreme." Vorurteils-
losigkeit ist nicht Gentillets Sache, und auch die Dicke des Buchs,
das er gegen Machiavelli zusammenschreibt, kann nicht als Beweis
dafür gelten, daß er diesen ersten Grundirrtum wieder gut gemacht
hätte. Gentillet liest eben mit aller Gewalt aus jedem Satz seines
Erzfeindes eine bewußte Bosheit und eine offensichtliche Be-
stätigung seiner vorgefaßten Meinung über Machiavellis Sünden-
theorie heraus. So schießt er des öfteren in seinen Widerlegungs-
versuchen an seinem Ziel vorbei und trägt im Tone höchster
sittlicher Entrüstung Dinge vor, die Machiavelli in der von
Gentillet betonten Allgemeinheit niemals in Frage gestellt hat.
Statt Machiavellis Gedankengängen in ihren inneren Beziehungen
nachzugehen und das Ganze seiner Theorie ins Auge zu fassen,
reißt er einzelne Sätze aus dem Zusammenhang heraus, um dann
an ihnen eine billige Widerlegungskunst zu üben. Der Eifer, mit
dem er auf den nun einmal selbstgewählten engen Pfaden seinem
Ziel zueilt, ist allen Lobes wert, aber der Schwierigkeiten des
Machiavelliproblems wird er sich nicht bewußt. Unverdrossen
schüttet er vor dem Leser seine reiche Belesenheit in den Quellen
der antiken und nationalen Geschichte aus. Wie so viele andere
sucht auch er durch die erdrückende Masse des Materials über-
zeugend zu wirken. Großzügige Gliederungen des Stoffes sind
bei der Enge des Ausgangspunktes nur schwer möglich. Ohne
Wesentliches und Unwesentliches immer scharf zu scheiden, eilt
er von Problem zu Problem.
Über die Rechte des Herrschers sucht er Klarheit zu gewinnen
durch eine Zergliederung des Begriffs Herrscher. Die Gesamtheit
der fürstlichen Macht zerlegt sich ihm in die puissance absolue
einer- und in die puissance cwile andererseits. Die erstere gibt
dem Fürsten weitgehende Rechte, aber sie findet ihre Grenze an
den göttlichen Gesetzen, an den Geboten der Natur sowie an den
Grundgesetzen des Staates. Die letzteren sind in Frankreich das
Salische Gesetz, das Recht der Stände und die Unveräußerlich-
keit des Staatsgutes (S. 47 ff.). Die puissance civile dagegen
(S. 60 ff.) ist mehr eine moralische Schranke; sie bindet den
Herrscher an die „bornes de, la raison, du droict et de l'equite, et
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 13
de laquelle il faut presumer quele Pritice useet veut user ordinairement
en tous ses commandemens, sinon que par expres il face declaralion
qu'il veut et ordonne ceci ou cela de puissance absolue, et de sa certaine
science."
Die Machtfüllo, die dem Herrscher innerhalb dieser Grenzen zu
Gebote steht, ist noch längst groß genug, um Gutes wirken zu
können. Gentillet läßt es an wohlgemeinten Mahnungen und
Ratschlägen für den Herrscher nicht fehlen. Er malt ihm fast auf
jeder Seite seines Buches die Staatsgefährlichkeit der machia-
vellistischen Lehren in den dunkelsten Farben, er hält ihm das
Schicksal der unwürdigen Tyrannen alter und neuerer Zeit vor
Augen und warnt ihn vor den Lastern, denen auch der beste
Herrscher anheimfallen kann, vor der Schmeichelei, die schon so
manchen betört hat (S. 110), vor der Grausamkeit, die sich über
alles Recht hinwegsetzt und nur Feinde erweckt (S. 314, 391 ff.,
398 ff.), vor der Habgier, die Menschen und Staaten verdirbt
(S. 506 ff.). Vor allem aber warnt er vor dem schlimmsten
Laster, vor der Tyrannei selbst. Der edle Fürst muß gewalttätige
Maßregeln meiden, sein ganzes Streben muß aufrichtig fried-
liebend sein (S. 262), er darf sich nur guter Ratgeber bedienen
(S. 63 ff.). Zu seinen notwendigsten Tugenden muß eine auch
durch das Unglück nicht zu beugende Standhaftigkeit gehören
(S. 499 ff.). Eine der vornehmsten seiner Aufgaben ist eine gerechte
Justiz, deren er sich selbst mit allem Ernst annehmen muß
(S. 617 ff.). Nicht der tyrannische, sondern der gerecht und milde
regierende Fürst findet erfahrungsgemäß die meiste Liebe bei
seinen Untertanen (S. 414, 478 ff.). Eine auf Milde beruhende
Herrschaft ist am festesten gegründet (S. 483).
Das Bild, das Gentillet von den Aufgaben und Pflichten des
Herrschers entwirft, ist in allen seinen Teilen von der Furcht vor
der Tyrannei übertüncht. Überall lauern böse Mächte, die den
Fürsten umstricken und von der Bahn der Tugend abdrängen
wollen. Oft genug ist schon ein einziger Ratgeber ein Verführer;
darum soll der Fürst nie einem einzelnen sein Ohr leihen. Nur
wenn er kluge und selbstlose Ratgeber hört, wird er allen Ver-
suchungen, die ihn zum Tyrannen machen und dadurch in ein
sicheres Verderben stürzen wollen, mit Ehren aus dem Wege gehen.
Die Tyrannei in ihren verschiedensten Formen ist in Gentillets
Augen der Ursprung alles politischen Unglücks. Sie lehren zu
wollen ist nach seiner Meinung der Zweck Machiavellis, sie be-
seitigen zu helfen der Zweck seines eigenen Traktats.
Ein Jahr nach Gentillets „Discours" (1577) ließ Lambert
Daneau, durch Anne Du Bourg dem Calvinismus gewonnen, in
juristischen wie theologischen Dingen gleich bewandert,36) seine
36) Vgl. Niceron, Memoires pour servir ä Vhistoire des liommes
illustres 27 (1734). S. 21 ff.
1 i K ort Glaser.
„Ethices christianae libri tres"^1) erscheinen. Seine Betrachtungen
auf das Gebiet der Religion und Ethik hinüberlenkend, ergeht
er sich in weit ausgesponnenen, in säuberliche Definitionen ge-
kleideten Erörterungen über die Gehorsamspflicht der Christen
gegen Gott,38) über das Recht des Staates in religiösen Fragen,39)
über die Beziehungen zwischen weltlicher und kirchlicher Obrig-
keit.40) Die absolute Gewalt gehört doch Gott allein. Darum hat
der Fürst kein Recht, in Sachen des Glaubens zu gebieten. Ihm
steht nur die Befugnis zu, für die äußere Ordnung im kirchlichen
Leben zu sorgen. Religiösen Gehorsam kann er von sich aus nur
so weit verlangen, als dadurch weltliche Dinge berührt werden.
So verschieden auch Gentillet und Daneau in der Auswahl und
methodischen Behandlung ihrer Probleme zu Werke gehen mochten,
sie waren sich beide darin einig, daß die königliche Macht von
Rechts wegen einer Beschränkung ihrer Befugnisse unterliege.
VI. Jean Bodin.
Aus den verschiedensten Erwägungen heraus gelangen die
Schriften, die in den Jahren 1573 — 77 erschienen sind, unter offen-
kundiger Anlehnung an die „Franco-Gallia" und die „Vindiciae"
zu einer scharfen Bekämpfung der Monarchie, die sie durch die
Identifizierung mit der Tyrannis zu brandmarken suchen. Wären
diese Gedanken unwidersprochen durchgedrungen, so hätten sie,
wenigstens in der Theorie, eine starke Erschütterung der könig-
lichen Macht zur notwendigen Folge gehabt. Aber das hat der
mutige Verfechter der Herrscherrechte verhindert: Jean Bodin.
Seine „Six Livres de la Republique", die im Jahr 1577 erschienen
sind, haben das Pendel der staatstheoretischen Erörterungen,
das stark nach der Seite der Volksrechte hinüberschwang, wieder
nach der Seite der königlichen Rechte ausschlagen lassen.
Schon einige Jahre zuvor (1566) hatte Bodin manche Ge-
danken seiner „Six Livres de la Republique" in seinem „Methodus
ad jacilem historiarum Cognitionen" ausgesprochen, aber die Schrift
blieb, da sie lateinisch abgefaßt war und keine Übersetzung ins
Französische erlebte, zunächst weiteren Kreisen unzugänglich41)
und konnte schon um deswillen keinen Einfluß auf die Entwicklung
37) Vollständiger Titel: „Ethices christianae libri tres. In quibus
de veris humanarum actionum principiis agitur: atque etiam legis Diuinae,
siue Decalogi explicatio, illiusque cum scriptis Scholasticorum, Jure
Naturali siue Philoso phico, Ciuili Romanorum, et Canonico collatio
continetur. Praeterea Virtutum, et Vitiorum, quae passim vel in sacra
Scriptura, vel alibi occurrunt, quaeque ad singula legis Diuinae praecepta
reuocantur, definitionesli (Genevae 1577).
38) S. 126 ff.
39) S. 140 r" ff. S. 205 r°.
40) S. 169 IT.
41) Spuren ihres Einflusses vermag ich nur bei dem gelehrten
Louis Le Roy (vgl. schon Anm. 9) festzustellen.
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 15
der politischen Theorien ausüben, als die von ihr erörterte Frage
nach dem Wesen di>v besten Staatsform damals noch keineswegs
jene aktuelle Bedeutung besaß, die ihr erst Hotmans „Franco-
Gallia" geben sollte. In ausführlicher Vergleichung stellt Bodin
die verschiedenen Arten von Staatsformen nebeneinander und
gibt der erblichen Monarchie als der natürlichsten und am leich-
testen zu verwirklichenden unverhohlen den Vorzug. Aber diese
Erörterungen machen nur einen Teil dessen aus, was die Schrift
an theoretischem Gehalt bietet. Bodin geht auf die Suche nach
einer neuen, weit ausgreifenden Methode, die es ermöglichen soll,
Geschichte, Jurisprudenz und Politik zu verknüpfen. Die Ge-
schichte ist nach seiner Auffassung die beste Quelle für die Er-
kenntnis und Beurteilung rechtlicher Verhältnisse und Normen.
Die höchste praktische Weisheit, die sie zu liefern vermag, ist
die reiche und zuverlässige Belehrung, die sie dem Politiker gibt.
Alles, was den Menschen nah oder fern betrifft, zieht er herbei,
um über die Menschheit als solche völlige Klarheit zu gewinnen
und die menschliche Einzelexistenz im Zusammenhang des großen
Lebensprozesses zu begreifen. Aus der Beobachtung der weiten
Zusammenhänge, die sich aus der Masse der Einzelerscheinungen
erschließen, ergibt sich ihm als letzte Folgerung die Erkenntnis
des Fortschritts, der die Menschheit von Stufe zu Stufe empor-
führt und zu immer größerer Vollkommenheit auf allen Gebieten —
das mit der menschlichen Natur allzu eng verknüpfte Gebiet der
Moral allenfalls ausgenommen — gelangen läßt. Bodins Methode
der Beweisführung mit ihrer Mischung biblischer und antiker
Argumente ist entschieden weit weniger beizupflichten als dem
großen Gedanken, von dem sie eingegeben ist. Von der Idee
des Fortschritts macht er nach zwei, für den Ausbau seiner
späteren Theorien wesentlichen Seiten hin seine Nutzanwendung.
Von ihr aus gelangt er zu einer verallgemeinernden und vertiefen-
den Beurteilung des geschichtlichen Werdens. Ihr ordnet er auch
die Vorstellung unter, die er sich von dem römischen Recht macht.
Die Rechtsanschauungen, die in ihm zum Ausdruck gelangen,
bilden nur ein Glied in der langen Kette von Rechtsvorstellungen,
welche bei den verschiedensten Völkern und in den verschiedensten
Zeiten zu Tage treten, und sind deshalb der übertriebenen Hoch-
schätzung nicht wert, welche ihm die Juristen jener Zeit (an
ihrer Spitze Cujas) widerfahren ließen. Über dem einzelnen Recht
steht das allgemeine Recht. Die einzelnen Vorgänge, die Schick-
sale ganzer Völker, gewinnen erst in dem großen Zusammenhang
des Werdegangs der Menschheit ihren wahren Inhalt. Differen-
zierend wirken dabei von vornherein zwei überall durchgreifende
Faktoren ein: der Unterschied der Rassen und der Einfluß des
Klimas.
Den Gedanken, welche der „Methodus" vorgetragen, gibt
Bodin zehn Jahre später in seiner „Republique" eine neue ver-
16 Kurt Glaser.
tiefende Begründung. Auch die Theorie von der Notwendigkeit
einer starken monarchischen Gewalt spinnt er hier noch weiter
aus. Man merkt ihm deutlich an, wie er es tut, um dem Wider-
spruch gegen die umstürzlerischen Bestrebungen, die sich seit
der „Franco-GalUa" und den „ Vindiciae" in der politischen Literatur
breitmachen, Worte zu leihen. Aber Bodin ist weit entfernt
davon, den Kampf gegen die Anhänger der ständischen Theorie
in der Form einer landläufigen Polemik zu führen. Die Wider-
legung der gegnerischen Ansichten ist für ihn nur eine Etappe auf
dem Wege zu seinem höheren eigentlichen Ziel, der Begründung
einer weitausgreifenden eigenen Theorie. Jeder weltfremden
Konstruktion, die im Grunde doch nur auf eine willkürliche
Beugung staatsrechtlicher Begriffe und Anschauungen hinaus-
läuft, ist er abhold. Das unterscheidet ihn nach seiner Meinung
von Plato und Thomas Morus. Aber nicht minder zeigt er sich,
wie schon in seinem „Methodus", als Feind jeder nüchternen, aus
Nützlichkeitsrücksichten eingegebenen Staatsraison, wie sie Machi-
avelli vertreten. Von ihm unterscheidet er sich durch die starke
Wertung ethischer Faktoren. Den beiden Grundpfeilern, die er
in dem System des italienischen Theoretikers herausfindet, der „im-
piete" und der „iiijusticei\ stellt er mit Plato die „justice11 als Kardi-
naltugend gegenüber. Ein gedeihliches Staatswesen ist ihm ohne die
sittliche Tugend der Bürger nicht denkbar. Ein Staat hat nicht
nur materielle Aufgaben zu erfüllen, ist nicht bloß Spielraum der
menschlichen „action", sondern wesentlich der „contemplation", die
die sittlichen Kräfte löst und den Blick zu Gott emporlenkt.
Inmitten der streitenden Meinungen sucht sich Bodin zu
einer Höhe der Erkenntnis emporzuarbeiten, von der aus er das
Ganze der staatsrechtlichen Theorien mit weitem und freiem
Blick umfassen und mit der Tiefe seiner Gedanken durchdringen
kann. Er schöpft aus den Schätzen der Antike und greift mit
vollen Händen in den Ideenschatz seiner eigenen Zeit. Aber auch
da, wo er Fühlung mit anderen sucht, überrascht er durch die
Originalität, mit der er sich fremde Gedanken zu eigen macht und
weiterbildet. Von keinem seiner Vorgänger aus alter und neuer
Zeit ist er in besonders starkem Maße «der gar vollständig, ab-
hängig. Piatos Ideenwelt schwebt ihm bei dem Aufbau seiner
eigenen Theorien, die er um die Souveränitätsidee gruppiert wie
Plato um die Idee des Guten, vor Augen. Ihm entlehnt er die Wert-
schätzung der Moral, die Auffassung der „justice11 als der das staat-
liche Leben regelnden Kardinaltugend und spielt so den platonischen
Idealismus gegen den machiavellischen Utilitarismus aus.42) Mit
Plato erblickt er eine der höchsten Aufgaben eines geordneten
Staatswesens in der Identifizierung von Natur und Zweck des
Individuums mit Natur und Zweck des Staatsganzen und pro-
42) Vgl. auch Baudrillart, J. Bodin et son temps (Paris 1853) S. 232.
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 17
klamiert den Satz, daß der Staat denselben Bedingungen unter-
liegt wie die menschlichen Einzelwesen, deren Vereinigung den
Staat ausmacht. Von .Aristoteles dagegen übernimmt er die streng
ins Einzelne gehende, experimentierende Methode, in der sich
die Kunst des Politikers mit der des Naturforschers zusammen-
fand. Auch bei seiner Wertung des Souveränitätsbegriffs sind
offensichtlich aristotelische Gedanken mit im Spiel. Seine Hoch-
stellung der Familie und der väterlichen Gewalt, die er bis zum
Recht über Leben und Tod ausdehnen möchte, beruht auf römisch-
rechtlichen Grundsätzen, zu denen ein Einschlag Calvinscher
Sittenstrenge verstärkend hinzutritt.43) Aus solchen Anschau-
ungen heraus erklärt sich auch seine noch in anderen Fragen zu
Tage tretende Neigung zur Härte in Gesetzgebung und Ver-
waltung und nicht zuletzt seine Überzeugung von dem starken
Hoheitsrecht der Herrscher, das sich ihm aus der unbeschränkten
väterlichen Gewalt herleitet.
Vor allen seinen theoretisierenden Zeitgenossen zeichnet sich
Bodin durch eine große, in ihrem Reichtum geradezu über-
raschende Vielseitigkeit und Tiefe des Wissens aus. Als Gelehrter
ist er mit gleicher Gründlichkeit in geschichtlichen wie in sprach-
lichen Dingen bewandert; besonders ist ihm das Hebräische
nahe vertraut. Als Jurist kennt er sich nicht nur in den Rechts-
verhältnissen der verschiedensten Völker und Zeiten aus, sondern
weiß auch in den nationalen Rechtsquellen gehörig Bescheid bis
hinein in die dunkelsten Winkel der Register des Pariser Parla-
ments, die er „diligemment" durchstöbert hat.44) Und dabei steckt
in ihm ein geistvoller Naturforscher. Freilich sind seine natur-
wissenschaftlichen Kenntnisse in mehr als einer Hinsicht nur
krasser und flacher Dilettantismus. In seinen astrologischen An-
schauungen zumal tritt viel Aberglaube zu Tage. Sein Bestreben,
die Ordnung und Gliederung des staatlichen Lebens der Regel-
mäßigkeit und Gesetzmäßigkeit des Weltenlaufs anzupassen,
führt ihn zu mancher Absonderlichkeit. Aber alles das ändert
nichts an der Tatsache, daß er als erster Gebiet und Methode der
Naturwissenschaft der staatstheoretischen Forschung hinzuge-
wonnen hat. Er wäre sicherlich nie zu seiner so folgenschweren
Theorie des Klimas gelangt, wenn er nicht auch Naturwissen-
schaftler gewesen wäre. Die Staatstheoretiker des 18. Jahr-
hunderts, Philosophen wie Naturalisten, haben auch in dieser
Beziehung nur von ihm lernen können.
Der Vielseitigkeit seines die verschiedensten Gebiete um-
fassenden reichen Wissens paßt sich die Richtung seiner Methode
an. Er faßt seine Probleme von allen möglichen Seiten ins
Auge und sucht ihre Lösung mit rein empirisch gewonnenen
43) Baudrillart S. 242.
**) Vgl. ferner Fournol, Bodin precurseur de Montesquieu. Paris,
these, 1896. S. 23, 25, 26.
Ztschr. f. ttz. Spr. u. Litt. XLV1/1. 2
18 Kurt Glaser.
Normen, wie mit dem Wert in Einklang zu bringen, der sich
aus der besonderen Art ihres Entstehens und Werdens ergibt.
In allem verfährt er scharf analysierend. Aber noch größer
als seine Kunst der Analyse ist seine Kunst der Synthese. Mit
feinem Geschick weiß er das Kleine und Einzelne zu dem Ganzen
seiner Theorie zusammenzufügen und seinen Gedanken eine ein-
heitliche Richtung auf das oberste Ziel seiner Staatstheorie zu
geben, die Konstruktion eines harmonisch geordneten,' lebens-
kräftigen politischen Organismus. Von überall her nimmt er die
großen Maßstäbe, nach denen er sich jene Gliederung und Ordnung
des staatlichen Lebens vollziehen läßt: aus der Gesetzmäßigkeit
der umgebenden Welt, die sich seinem Auge sinnenfällig auf-
drängt, wie aus dem Zahlensystem der Pythagoreer, in dessen
geheimnisvollem Aufbau er die Symmetrie der Dinge dunkel ahnt.
In seiner ganzen Art, die Probleme zu erfassen und klarzustellen,
tritt eine starke Parallelisierung der Gedanken zu Tage, ein Ab-
wägen und Ausgleichen, ein Trennen und Verbinden, aus dem
sich nicht immer ohne Mühe ein einheitliches Ergebnis loslösen
will. Durch ihre besondere Natur getrennte und doch wieder
innerlich zusammengehörige Begriffe wie es Individuum und
Staat, göttliches und menschliches Gesetz sind, geben zwei der
großen Gegensätze ab, zwischen denen sich seine Gedanken hin-
und herbewegen. Auch die beiden Fragen, welche die politische
Publizistik jener Frage stets und ständig erörtert, die Frage,
nach dem Ursprung und Inbegriff der Rechte des Herrschers,
die Frage nach dem Wesen der besten Staatsform sind für ihn
unzertrennlich. Ihre Lösung sucht er darum auch auf dem Boden
einer gemeinsamen Grundlage zu gewinnen, indem er, ganz im
Sinne seiner Methode, von vornherein den Gegensatz klarstellt,
der zwischen dem abstrakten Begriff der ,,souverainetei: waltet und
dessen Verkörperung in der konkreten Form der „puissanc ", als
deren Träger das »'-.ouvernement" erscheint. Die Souveränität ist
nur politisch, aber nicht moralisch unumschränkt; sie ist die
Quelle aller „puis anceu ; ihrem Wesen nach ist sie dauernd, während
die „puissance" zeitlich begrenzt ist; sie kann in allen Staatsformen
in gleicher Weise in die Erscheinung treten. Somit ist denn das
Gemeinsame aller Staatsformen, d. h. der gemeinsame Zweck
aller staatlichen Organisationen darin zu suchen, daß in ihnen
in irgend einer, wenngleich im Einzelnen verschiedenen Weise
die Idee der Souveränität zum Ausdruck gelangt. Aus der Vor-
stellung von der Wesenseinheit der Souveränität ergibt sich B )din
weiter die Vorstellung von der Verfassungseinheit eines jeden
Staates. Der französische Staat ist eine reine Monarchie und
läßt keine Beimischung demokratischer und noch weniger aristo-
kratischer Elemente zu. Das lehrt die Geschichte, das lehrt auch
eine sorgfältige und vorurteilslose Abwägung der tatsächlichen
Befugnisse der einzelnen Staatsorgane.
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 19
Den Urgrund aller Souveränität findet Bodin in dem Gesamt-
willen aller freien Glieder eines Volks. Sie bleibt indessen nicht
bei dem Volk, sondern wird erst mit dem Augenblick lebendig,
w< i sie von dem Volk auf den Herrscher übergeht. Aber mit diesem
Akt der Übertragung erlischt zugleich jedes Recht des Volks auf
die Souveränität. Es begibt sich seines Rechts und seiner Macht
zu Gunsten bestimmter Organe und schafft so staatliche Ord-
nungen. Am vollkommensten verkörpert sich die Souveränität
in ihrer Geschlossenheit und Einheit in der Monarchie.
Zur Theorie des Königtums von Gottes Gnaden hat sich
Bodin freilich nicht verstiegen. Sie zu verfechten überläßt er
den dienstbeflissenen Hoftheoretikern. Er kann in seiner Über-
zeugung von der Notwendigkeit einer starken monarchischen
Gewalt wohl den Satz schreiben: „il n'y a rien de plus grand en
terre apres Dieu que les princes souverains", aber er ist doch darum
kein Vertreter des schrankenlosen fürstlichen Absolutismus. Er
hält es für möglich und sogar für zweckmäßig, daß sich der Fürst
gewisser Befugnisse zu Gunsten anderer entäußert. Das Wesen
der Staatsverfassung wird dadurch weiter nicht berührt, denn
eine Übertragung gewisser Befugnisse auf andere zieht nicht die
Souveränität, sondern nur die Art ihrer Ausübung, das „goaverne-
ment", in Mitleidenschaft. Göttliche und natürliche Gesetze
ziehen dem Herrscher von vornherein Schranken. Die höchste
Grenze seiner Macht liegt in dem göttlichen Gesetz.45) Dazu
treten weiter die moralischen Gebote und die Achtung, welche
jeder einzelne Staatsbürger für sein Privateigentum zu bean-
spruchen hat.
Mit Calvin ist Bodin der Meinung, daß über dem Willen des
Herrschers der Wille Gottes waltet und die oberste Pflicht der
Untertanen darin besteht, den weltlichen Gesetzen zu gehorchen,
sofern sie nicht den höheren göttlichen Geboten widerstreiten.46)
Die Gebundenheit in Gottes Willen allein bietet die sicherste
45) ,,Si nous disons que celui a puissance absolue, qui n'est point
subiect aux loix, il ne se trouuera Prince au monde souuerain: veu que tous
les Princes de la terre sont subiects aux loix de Dieu, et de nature, etäplusi-
eurs loix humaines communes ä tous peuples" (Republique I. 8. S. 131).
„Quant aux loix diuineset naturelles, tous les Princes de la terre y sont
subiects, et n'est pas en leur puissance d'y contreuenir, s'ils ne veulent
estre coulpables de leze maieste diuine, faisant guerre ä Dieu, sous la
grandeur duquel tous les Monarques du monde doyuent faire ioug, et baisser
la teste en toute crainte et reuerence. Et par ainsi la puissance absolue
des Princes et seigneuries souueraines, ne s'estend aucunement aux loix
de Dieu, et de nature . . ." (ib. S. 133).
46) „carc'est uneloy diuine et naturelle, d 'obeir aux edicts etordonnances
de celuy ä qui Dieu a donne la puissance sur nous, si les edicts n'estoyenX
directement contraires ä la loy de Dieu, qui est par dessus tous les Princes
car tout ainsi que Varriere vassal doit serment de fidelite ä son seigneur,
cnuers et contre tous, reserue son Prince souuerain: aussi le subiect doit
obeissance ä son Prince souuerain, enuers et contre tous, reserue la maieste
de Dieu, qui est seigneur absolu de tous les Princes du monde" (ib. S. 152).
2*
20 Kurt Glaser.
Bürgschaft für die gerechte Ausübung des Herrscheramts, denn
sie verbietet es dem Fürsten zum Tyrannen zu werden. Das
Streben eines jeden guten Herrschers muß darin bestehen, ein
Ebenbild Gottes zu werden. Wer sich an dem Fürstin vergeht,
sündigt gegen Gott. Der souveräne Fürst ist die Verkörperung
der Idee des Rechts auf Erden. Aus seinem Willen fließt das
Gesetz: „Or il est certain que la coustume n'a pas moitis de puissance
que la loy: et si le prince souuerain est maistre de la loy, les, parti-
culiers sont maistres des coustumes. Je respons que la coustume prerid
sa force peu ä peu, et par longues annees d'un commun co'/sentement
de tous, ou de la plus part: mais la loy sort en un moment, et prctid
sa vigueur de celuy qui a puissance de Commander ä tous: la coustume
se coule doucement, et sans force: la loy est commandee et publiee
par puissance, et bien souuent contre le gre des suiects." „Et par
ainsi toute la force des loix ciuiles et coustumes, gist au pouuoir
du prince souuerain. Voila donc quant ä la premiere marque de
souuerainete, qui est le pouuoir de donner loy ou Commander d tous
en gener al, et ä chacun en particulier: qui est incommunicable aux
suiects . . .i<47) „Sous ceste mesme puissance de donner et casser
la loy, sont compris tous les autres droits etmarques de souuerainete: de
sorte qu ä parier proprement on peut dire qu'il n'y a que ceste
seule marque de souuerainete, attendu que tous les untres droits sont
compris en cestui-lä . . ,"48)
Der zuverlässigste und einzig mögliche Weg, um sich über
das Wesen des Gesetzes Rechenschaft abzulegen, besteht demnach
darin, daß man sich zunächst über den Begriff des Herrschers
und den Umfang seiner Befugnisse klar wird. Die Scheidung
zwischen Herrscher und Tyrann hat für Bodin jede Bedeutung
eingebüßt. Nur der gute Herrscher ist der Betrachtung wert und
kann als Quell rechtlicher Ordnungen ernstlich in Frage kommen.
Der ständischen Theorie der „Franco-Galliail und der ,,Vindi-
ciaeu gegenüber nimmt Bodin eine durchaus ablehnende Haltungein.
Für das Recht der Stände bleibt kein Raum bei ihm. Der souveräne
Herrscher braucht sich nicht an sie zu binden. Nicht einmal in
England, dem gelobten Land ständischer Freiheiten, ist das der
Fall.49) Auch noch bei späterer Gelegenheit greift Bodin auf den
gleichen Gedanken zurück. Nachdem er den obersten Zweck
eines jeden guten Staates in der Anpassung an das göttliche Gesetz
gefunden, tritt er in eine Zergliederung der etwa im Einzelnen
möglichen Staatsformen ein. Er durchmustert sie alle, mit dem
Altertum beginnend, um mit der Feststellung zu schließen, daß
die Staatsform Frankreichs von alters her die Monarchie gewesen
ist und sich ständische Rechte nicht entdecken lassen.50)
47 ) I. 10. S. 222.
48) I. 10. S. 223.
49) I. 8. S. 137. 13S. 141.
50) II. S. 251 ff., VI. S. 835 ff.
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 21
Immer von Neuem lenkt Bodin seine Betrachtungen auf
die Person des Herrschers zurück. Der gute Monarch erscheint
ihm wie ein Geschenk von Gottes Gnaden. Gewiß ist es gut,
wenn er seine Ratgeber befragt,51) aber diese dürfen nicht den
Versuch unternehmen, ihm ihre Meinungen aufzudrängen und
über seine Entschließungen herrschen zu wollen. Jeder Versuch,
die Hoheitsrechte des Fürsten anzutasten, führt doch nur zu
Umsturz im Staate. Der Staat steht und fällt mit seinem Herr-
scher. Hohe wie niedere Beamte empfangen alle ihre Befugnisse
von dem Fürsten und sind ihm zu unbedingtem Gehorsam ver-
pflichtet, und zwar selbst für den Fall, daß er ein dem Staats-
wohl zuwiderlaufendes Gebot erlassen sollte. Eine Widersätzlich-
keit gegen den Fürsten ist immer vom Übel.52) Aber Bodin ist stets
darauf bedacht, diese Machtbefugnis allein auf den guten Fürsten
einzuschränken und den Tyrannen, als zu gedeihlicher Regierung
unfähig, von seiner Betrachtung auszuschließen. Der Fürst,
so wie er ihm vorschwebt, ist mehr als ein gewöhnlicher Mensch.
Tief in seiner Brust liegen die Wurzeln staatlicher Größe; er
schuldet Gott allein Rechenschaft. Aus dem Chor der Sterblichen
hebt er sich durch besondere Tugenden heraus. Sein Beispiel ist
der beste Lehrmeister für kommende Geschlechter.
Die Folgerung, die sich aus dieser Anschauung von dem Wesen
des Herrschers für die Wertung des Verhältnisses von Herrscher
und Staat ergibt, ist einleuchtend: die Aufrechterhaltung des
fürstlichen Hcheitsrechts, der souverainete, ist eine Lebensfrage
für den Fortbestand eines jeden geordneten Staates.53) Dem-
gegenüber können Änderungen anderer Art „changement de loix
de coustumes, de religion, de place"54) nur eine nebensächliche
Bedeutung beanspruchen.
Bi dins Auffassung vom Fürsten erhebt sich hoch über die
nichtssagenden Ausführungen, welche die Verfechter der absoluten
Mi narchie zu Beginn des Jahrhunderts vorgetragen hatten.55)
Während sich jene in fader Lobhudelei eines noch auf der Höhe
seiner Macht stehenden Königtums ergangen und mit aufdring-
5 ) Vgl. auch III. 7. S. 500.
b-) „Mais y a il chose plus dangereuse ni plus pernicieuse, que la
desobeissance et mespris du subiect enuers le souuerain ? Nous conclurons,
donc qu'il uaut beaucoup mieux ployer sous la maieste souueraine en toute
obeissance, que en refusant les mandemens du souuerain, donner exernple
de rebellion aux suiects: gardant les distinctions que nous auons ci dessus
posees: et mesmement quand il y va de Vhonneur de Dieu, qui est et doit
e tre ä tous suiects plus grand, plus eher, plus precieux que les biens ni
la vie, ni Vhonneur de tous les Princes du monde." (III. 4. S. 427, 428.)
53) IV. 1. S. 503 ff.
M) ib. S. 504.
55) Vgl. G. Weill, Les theories sur le pouvoir royal en France pendant
les guerres de religion. Paris 1891. S. 10 ff. und Marcks, Gaspard von
Coligny I (Stuttgart 1892), S. 182 ff. Vgl. auch diese Zeitschrift XXXIX
S. 236.
22 Kurt Glaser.
lichem Pathos einseitig die Rechte des gottbegnadeten Herr-
schers betont hatten, stand Bodin vor der ungleich schwierigeren
Aufgabe, die unter unwürdigen Trägern der Krone verloren-
gegangenen oder doch stark erschütterten Rechte der Monarchie
erst wieder erkämpfen zu müssen. Gegenüber der mühelosen
Selbstverständlichkeit, mit der jene Publizisten dem König alles
und jedes Recht zugesprochen hatten, betont Brdin mit Nach-
druck und Ernst die schweren und heiligen Pflichten des
Herrschers. In dem Versuch, das wahre Verhältnis zwischen
Recht und Macht des Herrschers zu gewinnen und dieses Ver-
hältnis im Sinne einer Stärkung der königlichen Autorität durch
eine nachdrückliche Betonung der Heiligkeit der Pflicht mora-
lisch zu vertiefen, liegt nicht zum mindesten Bodins Verdienst.
Die Persönlichkeit des Fürsten gewinnt für den Zusammen-
hang seiner Theorie eine ganz neue Bedeutung. Die Befähigung des
Fürsten ist die unerläßliche Vorbedingung für das Gedeihen des
Staates. Von seiner persönlichen Tüchtigkeit hängt unendlich viel
ab, nicht minder auch davon, daß er das rechte Vertrauensverhältnis
zu seinen Untertanen zu gewinnen weiß. „Le sage Prince doit
at maniement de ses subiects imiter la sagesse de Dieu au gouuer-
nement de ce monde, il faut qu'il se mette peil souuent en veu'e des
subiects, et auec une maieste conuenable ä sa grandeur et puissance:
et neantmoins qu'il face chois des hommes dignes, qui ne peuuent
estre qu'en petit nombre, pour declarer sa volonte au surplus, et
incessamment combler ses subiects de ses graces et faueurs".^) Wenn
der Fürst nichts von der Regierung versteht oder sie anderen über-
läßt, muß es mit dem Staat zurückgehen. Dieselbe Gefahr be-
steht, wenn ihm von unwürdigen Schmeichlern falsche Begriffe
von seinem Amt beigebracht werden. „Et ceux-lä s'abusent
bien fort, qui pensent rehausser la puissance du souuerain, quand
ils luy monstrent ses griff es, et qu ils luy fönt entendre que son vouloiry
sa mine, sonregard, doit estre comme un edict, un arrest, nne loy."57)
Das sind alles Gedanken, an deren Formulierung die verwirrten
politischen Verhältnisse im damaligen Frankreich nicht un-
beteiligt waren. Hier wie auch sonst genügt es Bodin nicht,
sein Urteil allein auf das geschichtliche Material, das wohl auch
schon andere vor ihm ausgebeutet, zu stützen — er tut dies mit
größerer Genauigkeit und Umständlichkeit als Hotman — ; er
sucht vielmehr seinen Ansichten eine besondere Durchschlags-
kraft zu leihen, indem er sein Urteil zugleich an Hand der schwe-
benden Fragen seiner Zeit zu erläutern unternimmt. Weit und
reich ist das Beobachtungsgebiet, das sich da vor ihm auftut.
Aber er versteht es, die Masse der Erfahrungstatsachen, die ihm
von allen Seiten zuströmen, in scharfer Gliederung zu meistern
56) IV. 6. S. 617.
57) IV. 6. S. 633.
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 23
und für seine Zwecke zurechtzulegen. Mit glücklichem Griff
weiß er aus der Fülle der Erscheinungen das für seine Theorie
Wesentliche herauszuheben.
Die Stellung des Herrschers rückt sich ihm durch eine Be-
trachtung der ihn umringenden Gefahren in ein neues Licht.
Ein Blick auf die Vorgänge seiner Zeit lehrt ihn, daß die schlimmste
Gefahr, in die ein Herrscher geraten kann, der Bürgerkrieg im
eigenen Lande bildet. Hier ist der Herrscher vor eine seiner
schwierigsten Aufgaben gestellt. Über den Parteien stehend,
muß er der Unruhen Herr zu werden suchen. Das kann ihm frei-
lich nur dann wirklich gelingen, wenn auch das Volk sich seiner
Pflichten erinnert. Mit Strenge und Gewalt ist in solchen Lagen
nicht allzuviel zu wollen. Tyrannische Zuchtmittel sind eines-
guten Herrschers unwürdig. Das stärkste Mittel, durch das ein
Herrscher auf sein Volk einwirken kann, ist der Appell an
vaterländisches Gewissen und königstreue Gesinnung. Das Ziel
seines Strebens muß es sein, geliebt und nicht gefürchtet zu
werden.
Von dem gleichen Gedanken ist auch seine Auffassung von
dem Verhältnis des Herrschers zur Beligion beeinflußt. Der
Herrscher darf in Glaubensfragen keinen Druck auf die Gewissen
ausüben wollen, sondern muß seine Untertanen durch Milde für
die Religion zu gewinnen suchen. Durch die Erfahrungen seiner
kriegerischen Zeit ist Bcdin klug geworden. Er ist ein Feind
allen Umsturzes. Der Wert oder Unwert staatlicher Einrichtungen
und politischer V( rgänge ergibt sich ihm nicht zum mindesten
aus ihrer Bedeutung für die Erhaltung eines bestehenden Staates.
Und diese, allein aus politischen Erwägungen hergeleitete Auf-
fassung ist es, die auch für seine Stellung zur Religion maßgebend
geworden ist. Er verschließt sich gewiß nicht der Erkenntnis,
daß der Religion eine staatserhaltende Kraft innewt hnt, aber die
tägliche Erfahrung hat ihn nur zu sehr belehrt, daß der Streit
um die Religion dem Gedeihen des Staates schaden muß. „II
n'y a chose si claire et si verkable quon n'obscurcisse et quon
n'esbranle par dispute".58) Warum soll man da über die Religion
hadern?
Für alles hat Bodin den Blick des nüchternen Welt-
manns. Was sich nicht unmittelbar in den Dienst staatlicher
Aufgaben stellen läßt, erscheint ihm bedeutungslos. Sein
Ziel setzt er klar und d utlich in die Darlegung all der
Faktoren, die zur Stärkung der souveränen Macht und damit
zur Festigung des Staates beitragen können. Die Vielheit
der Aufgaben, die hier angesichts der verwirrten Verhält-
nisse Frankreichs zu lösen bleiben, sind ihm kein Geheim-
nis; er durchmustert sie mit der Erfahrung eines weltgewandten
58) IV. 7. S. 652.
24 Kurt Glaser.
Politikers, aber er weiß auch, daß es nicht genügt, diesen oder
jenen einzelnen Mißstand um seiner selbst willen abzustellen.
Seiner Zeit vorauseilend, dringt er bis in die ethnologischen Eigen-
heiten der Völker ein, aber nur, um auch von hier aus Klarheit zu
gewinnen über die Grundlagen, auf denen sich ein Staatswesen
aufbaut. Er findet in Natur und Charakter der einzelnen Völker
wesentliche Unterschiede heraus und getraut sich bereits an den
Versuch heran, diese Unterschiede mit der Theorie des- Klimas
in Einklang zu bringen und aus ihnen seine Folgerungen für die
Organisation staatlicher Gebilde herzuleiten. Was f ür e i n Volk
gut ist, ist es noch lange nicht für ein anderes. Ein Staat kann nur
dann von Dauer sein, wenn er auch der geographischen Natur
des Landes und den Eigenheiten des Volkstums gebührend Rech-
nung trägt.
Aus der Erörterung des Einzelnen lenkt Bodin seine Be-
trachtung immer wieder auf große Gesichtspunkte hinüber. Sein
Ziel ist es, alle in seinem Werk zerstreut gebotenen Einzelbe-
obachtungen zu summieren und als Ergebnis dieser Summierung
den Nachweis hinzustellen, daß die Monarchie die beste der mög-
lichen Staatsformen sei. Schon auf allen früheren Seiten seines
weitschichtigen Buchs klingt dieser Gedanke durch, aber erst
in einem der letzten Kapitel59) gewinnt er eine zusammenfassende,
programmatische Erörterung.
Der Volksstaat mit seiner Gleichmacherei ist nach Bodins
Begriffen innerlich unmöglich. Kein Regent ist schlechter als
das Volk. Jeder gebärdet sich da wie ein „petit Roi" und fühlt
sich allen Zwanges und aller Verantwortung überhoben. Bürger-
kriege sind unausbleiblich. Volksherrschaft führt leicht zum
Schlimmsten, zur Tyrannei der Masse. Der Druck des Volks-
willens läßt alles Leben im Staat ersticken und lähmt die Ent-
faltung der sittlichen Kraft der „vertu".
Für die Aristokratie hat Bodin schon etwas mehr übrig.
Sie steht in der Mitte zwischen Demokratie und Monarchie und
zieht aus dieser zentralen Stellung manchen augenscheinlichen
Vorteil. Aber starke Bedenken gegen die Möglichkeit ihrer Durch-
führung springen sogleich ins Auge. Man denke nur, wie schwer
es ist, einen einzigen guten Herrscher zu finden, und da sollte
es gelingen, gleich mehrere tüchtige Aristokraten auf einmal
aufzutreiben! Streitigkeiten werden auch hier nicht ausbleiben.
Das Zusammenarbeiten der regierenden Herrn beruht im Grunde
doch nur auf Freundschaft (amüie). So lange sie in Eintracht
leben, mag es mit der Aristokratie noch gehen, aber wenn Streitig-
keiten ausbrechen, sind doppelt ernste Gefahren zu befürchten.
59 >
)VI. 4: „De la comparaison des trois Republiques legiti "es, c'est
ä scavoir de Vestat populaire, Äristocratique, et Royal, et que la puiss-
ance Royale est la meilleure."
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 25
Natürlich verkennt Bodin auch nicht die Nachteile der
Monarchie, aber sie erscheinen ihm nur gering, verglichen mit
denjenigen der Demokratie und Aristokratie. Eine starke, wohl-
geordnete, von einem weisen Herrscher geführte Regierung ver-
mag es allein, inneren Zwistigkeiten vorzubeugen und die beste
Bürgschaft für eine machtvolle Entwicklung nach Außen zu
geben. Die Monarchie ist die natürlichste Staatsform : es gibt nur
einen Gott, und so auch nur einen König. Jeder Versuch, die
Macht des Herrschers durch die Einführung ständischer Mit-
regierung zu beschränken, führt notwendig zur Schwächung des
Staates und muß in ihrer letzten Konsequenz eine „confusion
populaire ou anarchie miserable, peste des estats et Republiques"60)
ergeben.
Das Stück Bodinscher Theorien, daß wir hier entwickelt
haben, stellt nur einen Teil der reichen und tiefen Ideen dar,
welche die „Six livres de la Republique" enthalten. Kein anderes
Werk Bodins offenbart in gleichem Maße die Sicherheit zielbe-
wußter großzügiger Beweisführung und die ganze reiche Kunst
planmäßigen Aufbaus seiner Gedanken. Aber es fehlt in seiner
gewaltigen, vielverschlungenen Natur auch nicht an tiefgreifenden
inneren Widersprüchen. Der Mann, der als politischer Theoretiker
alle seine Zeitgenossen überragt und den so wesensverschiedenen
staatsphilosophischen Richtungen, wie es die des 17. und 18. Jahr-
hunderts in Frankreich sind, bleibende Anregungen gegeben hat,61)
ist in anderen Dingen von einer unbegreiflichen Rückständigkeit.
In seiner „Demonomanie"02) huldigt er dem krassesten mittel-
alterlichen Hexenglauben und noch am Vorabend seines Todes
griff er zur Feder, um in seinem „Amphitheatrum naturae" unter
einem ganzen Aufgebot wirrer und wüster Gelehrsamkeit die
großen Entdeckungen eines Copernicus und Galiläi abzulehnen.
Nicht weniger überraschend wirkt der Gegensatz, welcher zwischen
der Klarheit und Durchsichtigkeit waltet, mit der Bjdin die
verwickeltsten staatsphilosophischen Probleme auseinanderlegt,
und der geheimnisvoll verschleiernden Art, in der sein „Colloquium
Heptaplomeres" gehalten ist. Die merkwürdige Schrift, die zu
Lebzeiten ihres Verfassers niemals gedruckt worden ist,63) bald
cn) VI. 4. S. 965.
Gl) „II setnble bien que Von ait continue de le (= Bodin) lire, et
je serais surpris que Hobbes, que Spinoza, que Bossuet ne Veussent pas
lu. Mais on le lit ,en tout cas, sans le dire, et nous le verrons rarement
cite". Brunetiere, Histoire de la htterature francaise classique I. S. 535.
Eine Bestätigung dieses Satzes wird noch manche interessante Ab-
hängigkeit anderer von Bodin zu Tage fördern und lehren, daß die
Liste in Wirklichkeit viel länger ist.
62) Vgl. F. v. Bezold, J. Bodin als Okkultist und seine Demonomanie
in Historische Zeitschrift 105 (.910) S. 1—64.
6a) Diese Zeilen waren schon geschrieben, als v. Bezolds für die
äußere Geschichte wie für die innere Wertung wichtige Arbeit {„Jean
26 Kurt Glaser.
aber handschriftlich umlief, von Grutius und Leibniz, von Milton
und der Königin Christine gelesen und im Jahre 1684 der Ehre
einer ausführlichen gelehrten Widerlegung gewürdigt worden ist,
hat schon mancherlei Kopfzerbrechen verursacht. Bereits Leibniz
erkannte ihren Wert und trug Sorge, den ersten ungünstigen
Eindruck, den er von ihr empfangen,64) durch einen ausdrück-
lichen Hinweis auf ihre Gelehrsamkeit und Gedankentiefe wieder
zu \ erwischen. Aber er erkannte bereits auch, daß die, Schrift
vieles streift und nur weniges gründlich behandelt. In der Tat
ist es gerade die fast überall zu Tage tretende, fragmentarische,
gelegentlich sogar aphoristische Erörterung philosophischer und
religiöser Fragen, die manches Rätsel aufgibt. Und nicht weniger
erschwert die skeptische Art der Beweisführung, welche eine eben
gewonnene Erkenntnis gleich wieder in Zweifel zieht, die Er-
fassung der Gedankengänge. B< din handhabt die skeptische
Methode mit einer Laune und Willkür, hinter der selbst Beroalde
de Vervilles sprunghafte skeptische Manie zurückbleibt. Nirgends
will es recht gelingen, in dem Chaos der widerstreitenden Mei-
nungen des „Colloquium Heptaplomeres" die wirkliche Ansicht
des Verfassers herauszufinden. Bodin muß jedenfalls einen ge-
wichtigen Grund gehabt haben, ganz gegen seine sonstige Ge-
wohnheit mit seiner persönlichen Meinung hinter seinem Stoff
zurückzutreten. Eine Identifizierung seiner Anschauungen mit
denjenigen einer einzelnen bestimmten der im Dialog vorgeführten
Personen ist — das werden die vielen bisherigen Erklärungs-
versuche zur Genüge gezeigt haben65) — beim besten Willen nicht
durchzuführen. Erst wenn man die von den verschiedenen Per-
sonen zerstreut geäußerten Ansichten zusammennimmt, gewinnt
man ein klares Ergebnis. Als Zweck der Schrift stellt sich die
Verkündigung des Satzes heraus, daß die positiven Religionen
nur der Ausdruck einer höheren allgemeinen natürlichen Religion
sind. Die Wahrheiten, die in gleicher Weise in der einen wie in
der anderen Religion liegen, halten sich gegenseitig die Wage.
Nicht das Fürwahrhalten einzelner Dogmen, um das die Vertreter
Bodins Colloquium Heptaplomeres und der Atheismus des 16. Jahr-
hunderts1 in Histor. Zeitschr. 113, S. 260 ff. und 114, S. 237 ff.) erschien.
Über die Zeit der Entstehung vgl. v. Bezold, Hist. Zeitschr. 113, S. 266.
Übrigens gibt auch Niceron, Memoires pour servir ä Vhistoire des hommes
illustres 17, S. 264 das Jahr 1588 an. Die ersten (aber unzulänglichen)
Ausgaben veranstalteten G. E. Guhrauer, Das Heptaplomeres des Jean
Bodin (Berlin 1841) und L. Noack, Joannis Bodini Colloquium Hepta-
plomeres de rerum sublimium arcanis abditis. E codicibus manuscriptis
bibliothecae academicae Gissensis cum varia lectione aliorum apographorum
nun primum typis describendum. 1857. Vgl. jetzt auch F. v. Bezold
Histor. Zeitschr. 113 (1914) S. 279 ff.
64) Er hatte sogar eine Widerlegung gegen sie geschrieben. Baud-
rillart S. 194.
65; Vgl. jetzt F. v. Bezold, Histor. Zeilschrift 114, S. 249 ff .
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 27
der verschiedenen Religionen in der Schrift ebenso gelehrt und
hartnäckig wie ergebnislos streiten, sondern die Anerkennung
allgemeiner natürlicher, dem vernünftigen Denken von selbst ein-
leuchtender religiöser Wahrheiten macht das eigentliche Wesen
des Glaubens aus.00) Hebt man diese große Idee aus der Masse
der weit auseinanderfließenden übrigen Gedanken heraus, so
erkennt man si fort, wo der eigentliche Zweck und die wahre
Bedeutung der Schrift liegt: sie wendet sich von der einseitig
degmatisierenden Auffassung von dem Wesen der Religion, wie
sie das Refermationszeitalter vertreten, ab und erhebt sich zur
Verkündigung von Grundsätzen, die erst der Deismus weiter aus-
gestalten sollte. Von Bcdin gilt dasselbe, was Brunetiere67) von
Bayle schreibt: ,,Il est deiste, avant que les libres penseurs anglais
aient donne la formule du deisme". Es ist leicht einzusehen, weshalb
Bodin den Grundgedanken seines „Colloquium H eptaplomeres" in
eine wenig klare und durchsichtige Form gekleidet hat. Den
religiösen Fanatismus seiner Zeit hatte er zur Genüge an seinem
eigenen Leibe erfahren; er wußte nur zu gut, welche Gefahr in
der Neuheit und Kühnheit solcher Ideen für den lag, der sie offen
zu verkündigen wagte: ein Anhänger der Toleranz in L'Hos-
pitals Sinne, war er nur mit genauer Not dem Blutgericht der
Bartholomäusnacht entgangen, und als er vier Jahre darauf auf
dem Ständetag zu Blois für die Duldung der neuen Lehre in
Frankreich eintrat, sah er sich aufs Neue der Ketzerei verdächtigt.
Wie Montaigne, mit dem ihn noch so manch andere Ähnlichkeit
verbindet, wollte auch er seine Ansichten nur „jusqu au feu
exclusivementu offen vertreten.
66) „Constat igitur optimam atque antiquissimam omnium religonem
ab aeterno Deo cum reeta ratione mentibus humanis insitam, quae quidem
Deum aeternum ac solum homini colendum proponit, quoniam superius
demonstratum est, Deum illum ab omni corporum contagione alienissi-
mum, verum omnium conditorem et conservatorem esse, qui cum optimus
sit, summ um etiam eultum ei deberi, caetera numima, quae ab eo creta sunt,
honoris eultu Uli anteferre aut conjungere sine ingenti piaculo posse
neminem. Qui ergo sie vixerit ut purum Deicultumet naturae leges sequatur,
quis dubitet, quin eadem jelicitate jruatur, qua nunc justus Abel . . . T
(ed. Noack S. 142). ,,Si haec optima et antiquissima religio naturae,
omnium simplicissima sufficit ad vitam beatam, cur tot sacrificia, cere-
moniae, ritus lege Mosis jubentur? . . . Si naturae lex et naturalis religio,
mentibus hominum insita, sufficit ad salutem adipiscendam, non video,
cur Mosis ritus, ceremoniae necessariae sint" (S. 143). An späterer Stelle
heißt es: ,,Si vera religio in puro aeterni Dei eultu versatur, naturae
legem sufficere confide ad hominum salutem." Gegen Schluß der Schrift
(S. 351, 352): „Quae cum ita sint, nonne praestat simplicissimam illam
et antiquissimam eandemque verissimam naturae religionem, uniuseujusque
mentibus ab immortali Deo insitam, a qua dissidendum non erat, amplexari,
illam inquam religionem, in qua Abel, Enochus, Lothus, Sethus, Noemus,
Jobus, Abrahamus, Isaacus, Jacobus, Deo carissimi, heroes vixerunt,
quam inter tot ac tarn varias opiniones incertum quemque vagari, nee
habere_ certam animi sedem, in quam acquiescat?"
6<) Histoire de la litterature francaise classique III. S. 58.
28 Kurt Glaser.
VII. Für und wider Bodin.
Der Einfluß von Bodins Gedanken auf die politischen The-
orien der Zeit ist unverkennbar. Natürlich setzt sich seine
Theorie nicht unangefochten durch. Merkwürdig ist, daß
der schärfste Widerspruch gegen Bodins Buch dem Herrscher
dargebracht wurde, in dessen Interesse die Durchführung der
Bodinschen Gedanken am meisten gelegen hätte. Der Sieur
Michel de la Serre schrieb in voller Entrüstung eine „Remon-
trance"^8) in der er Heinrich III. klarzumachen suchte, daß
Bodin nur die Sache des Calvinismus vertrete und seine
Betonung der Herrscherrechte im Grunde eine Maske sei, unter
der sich die umstürzlerischsten Absichten verbergen.69) Ein
Anonymus verstieg sich sogar dazu, eine lateinisch abgefaßte
Schrift „Marii Salamonii patritii romani de prineipatu libri VI"
(1578) dem Papst zu widmen. In der Form eines Wechsel-
gesprächs zwischen Philosoph, Jurist, Theolog und Historiker
wird der Unterschied zwischen Herrscher und Tyrann erörtert,70) die
Gebundenheit des Fürsten an das Gesetz dargelegt,71) der Anteil
des Volks bei der Schaffung und Handhabung der Gesetze betont
und daraus endlich die Unterordnung des Fürsten unter den
Willen des Volks gefolgert.72)
6Ö) ,, Retnontrance au Roi Henri III. sur les pernicieux Discours
de la Republique de J. R. pur le Sieur de la Serre'1 (Paris 1579). Zur
Person des Verfassers vgl. Niceron, Memoires pour servir ä Ihistoire
des hornmes illustres 10, S. 151.
69) ßodin wehrte sich gegen ihn und andere (besonders gegen das
„Avertissement ä Jean Rodin, sur le quatrieme Livre de sa Republique ',
par Augier Ferrier, Medicin. Paris 1580. Vgl. Niceron, Memoires 17,
S. 260, 261) in seiner ,, Apologie de Rene Herpin pour la Republique
de J. Rodin". s. 1. s. d.
70) S. 3 (,-Qui prineipem dicit, Tyrannum omnino exeludit"),
S. 46 ff.
71) S. 9 („Ergo lege regia ligatur prineeps: et per hoc, populi"),
S. 10 („Firmum sit itaque inter nos, lege divina, et naturali, ac regia
soluturn non esse prineipem"), S. 15 ff. (,,omnium parens Natura, siue
Deus ab inilio omnes homines aequales genuit. ingruentibus deinde necessi-
latibus, processil non eadem omnium conditio, et officium; sie coeperunt
regna et Principatus hominum conuentionibus. — principatus ergo non
a se ipso, sed ab alio quandoque esse coepit. — Non dubium Prineipem
Romanum prouidentia Pop. Romani coepisse . . ■ Nunquid Prineeps
alia leges conslituat auetoritate, quam principatus: Nunquid maioris
auetoritatis leges ipso prineipatu existant. postremo, Nutn in arbitrio sit
Principis, leges tollere").
72) S. 27 („Ex kis si diligenter consideras, palam fit, ius Principatus
nihil aliud esse, quam ius quoddam populi: et per hoc, iure populi et
auetoritate quisque prineipatum agere, ac leges constituere', nee plus
posse et valere, quam eius potest populus. finge illius populi Prineipem,
qui nullius imperii sit, proculdubio nihilo plus Regulus erit '), S. 28
(,,Nimirum igitur si suis subiieitur legibus, non quasi suis, sed uniuersi
populi, cuius auetoritate sunt constitutae, ac vigent. hinc est, quod mortuo
Principe, leges non intereunt, quia non interit populus, cuius auetoritate
viuunt").
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 29
Über das Recht der Stände bringt die Schrift nur unbestimmte
und für die Sache ziemlich belanglose Ausführungen. Etwas
weiter kommt schon der „Miroir di s Frangois"™) der im Jahre
1581 geschrieben und im folgenden Jahr unter einem Pseudonym
(Nicolas de Montand) veröffentlicht worden ist. Der Verfasser
steht ganz auf dem Boden Hotmans, dessen Argumente er
andächtig nachschreibt,74) aber von Hotmans methodischer Sicher-
heit merkt man ihm herzlich wenig an. Während Hotman mit
feiner und freier Kunst die Fülle geschichtlicher Tatsachen für
seine Theorien auszubeuten weiß, läßt sich unser Anonymus fast
willenlos von seinem Stoffe tragen. Seine Gedanken lassen eine
gleichmäßig klar fühlbare Ordnung vermissen. Schon die Anlage
der Schrift, die aus einer Reihe grob aneinandergefügter Teile
besteht, bringt es mit sich, daß ein und dasselbe Thema mehrfach
behandelt wird. Statt daß aber die großen strittigen Fragen der
Zeit in ihrer vollen Bedeutung scharf herausgehoben und in den
Vordergrund der Betrachtung gerückt werden, wird Wesentliches
und Unwesentliches in buntem Wechsel nebeneinandergestellt.
Eine wirklich durchschlagende, theoretisch wertvolle Beweis-
führung kommt auf diese Weise nicht zustande. Zu allem Über-
fluß greift der Verfasser mit schwerfälliger Hand zur Form des
Dialogs, in dem er in wunderlicher Gruppierung die unmöglichsten
Gestalten nebeneinandertreten und in plumpem Wechselgespräch
pro und contra disputieren läßt. Aus den weitschweifigen und
seichten Wechselreden löst sich der wirkliche Gedankeninhalt nur
mit Mühe los. Hätte uns der Verfasser nicht gleich zu Anfang
selbst verraten, daß er Anhänger und Verfechter der ständischen
Theorie sei und in diesem Sinne schreiben wolle, wir könnten es
aus dem Disputieren, das Sem, Harn, Japhet und Nimrod (S. 5 ff.),
Versoris und Marcel (S. 37 ff.), Honorat und Tubalcain (S. 105 ff.),
Clerge, Noblesse und Tiers Estat (S. 219 ff.), Scipion und Milon
(S. 288 ff.), Bezebeel und Archimedes (S. 403 ff.) aufführen, nicht
ohne Weiteres entnehmen. In der äußeren Anlage, in manchem
kleinen, einzelnen Zug folgt der Verfasser sichtlich Pasquiers
73) Vollständiger Titel: „Le Miroir des Francois, compris en trois
livres. Contenant Vestat et maniement des affaires de France, tant de
la iustice, que de la police, auec le reglement requis par les trois Eslats
pour la paeification des troubles, abolition des excessiues tailles, et gabelles:
dnns gratuits et charitatifs equipolans ä deeimes, suppression des super-
numeraires officiers, demolition des citadeles, restauration des universitez,
Colleges et hospitaux, taux et appreation de viures, et autres ma[r]chandises :
punitioncontre les usuriers, tyrans, et rongeurs de peuple. Et generalement
tous les secrets qu'on a peu recueiltir pour V embellissement, et enrichissement
du Royaume, et soulagement du public. Le tout mis en Dialogues par
Nicolas de Montand. A la Royne regnante" MDLXXXII. Zur Verfasser-
frage vgl. Lelong, Bibl. histor. II. S. 773, nr. 27 206 und France Pro-
testante (ed. Haag), art. Nicolas Barnaud. I (1877) S. 840 ff .
74) Besonders S. 320, 321.
Kurt Glaser.
„Pour parier". lh) Auch sein Vorsuch, die Erörterungen dramatisch
zu beleben und die verschiedenartigen, in der Diskussion zum
Ausdruck gebrachten Standpunkte durch eine scharf abgestufte
Charakterisierung der einzelnen disputierenden Personen zu
motivieren, weist auf Pasquiers Vorgang hin. Aber es fehlt ihm
das Geschick und die Gedankentiefe seines Vorbilds, und so kommt
es, daß das, was bei Pasquier Überlegung und Geist ist, bei ihm
den Eindruck eines angequälten Besserwissens erweckt. Durch
eine ganze Fülle von Perioden redet er sich gleich auf den ersten
Seiten mühsam zu dem Ergebnis durch, daß der Fürst unter dem
Gesetz steht.70) Mit eben solcher Umständlichkeit verfährt er,
um das Maß der Befugnisse eines Herrschers gegenüber seinem
Volk abzugrenzen und die Unterordnung des Menarchen unter den
Willen des Volks darzutun. „ Parce que le Roy est seulement premier et
souuerain gouuerneur,et seruit eur du Royaume, qui n'a po tr maistre et
seigneur que le peuple, duquel les Roysrecoiuent ladignite royalle, telle-
ment que tout le peuple considere en un corps, estpardessus et plus gr and
que le Roy . . . II sera donc permis aux officiers du Royaume ou ä tous
ou ä hon nombre d'iceux pour le moins de reprimer les tyrans, non
seulement cela leur est loisible, mais aussi leur deuoir le requiert
si expressement, que s'ils ne le fönt, il n'y a excuse quelconque qui
puisse couurir leur laschete . . . le Roy est estably en ce degre par
le peuple, et pour amour du peuple, et ne peut subsister sans le peuple"
(S. 30, 31). Und ähnlich schreibt er an späterer Stelle: „Le Roy
d'oü est il vassal? Du Dieu Souterain. De qui reeoit il la dignite
Royale? Du Peuple . . . Le Roy a il fait le peuple? Non pas,
mais le peuple l'a fait" (S. 261). Vom Königtum selbst hat er die
edelste Vorstellung. Seine Heiligkeit sucht er durch die Gegen-
überstellung mit der Tyrannis ins rechte Licht zu rücken.77) Un-
umschränkte Rechte freilich kann er auch dem besten Herrscher
nicht zuerkennen. Seine Ausführungen Schritt für Schritt durch
geschichtliche Belege deckend, führt er in weitschichtigen Er-
örterungen aus, daß die monarchische Gewalt ihre natürlichen
Schranken in dem Willen des Volks findet, das über den Herrscher
gebietet, wie in der Gehorsamspflicht der Untertanen gegen
Gott, hinter der die Gehorsamspflicht gegen den Herrscher zurück-
treten müsse.78) Den Blick auf seine Zeit lenkend, schiebt er wie
lö) Vgl. diese Zeitschrift XXXIX. S. 207 ff.
76) ,,s'i7 (d. h. der König) fait autrement, il n'est plus Roy mais
tyran, il n'est plus iuge, ains brigand: et ne le faut plus appeller con-
seruateur, ains deserteur de la Loy" (S. 14).
77) Vgl. S. 69, 103 ff.
78) „C'est donc une chose resoluequil ne faut obeir aux Rois, quand
ils commandent ä leurs subiets chose qui soit contraire ä la volonte de
Dieu ... II est bien raisonnable, parce que Dieu inuestit les Rois de
leurs Royaumes, quasi de mesme sorte que les vassaux sont inuestis du
fief par leur souuerain, et de la doit-on conclure que les Roys qui sont
vassaux de Dieu meritent d'estre priuez du benefice de leur Seigneur,
'ils commettent felonie." (S. 79.)
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 31
Gentillet die Hauptschuld an der Verdunklung des königlichen
Namens den Ratgebern und Günstlingen am Hofe zu und läßt
seinem Haß gegen die Königin-Mutter und ihre ,, Italiens" freien
Lauf.79) Nur das Eingreifen der Stände kann hier Abhülfe schaffen
und Monarchie und Land vor dem Untergang erretten. Den
Ständen steht das höchste Recht im Staate zu, ja sie haben sogar
das Absetzungsrecht, falls sich ein Herrscher Übergriffe zu Schulden
kommen läßt und dadurch den Staat in Gefahr bringt.80) An das
Eingreifen der Stände knüpft er die höchsten Erwartungen. Sie
sind das Bindeglied zwischen Herrscher und Volk und ihrer ganzen
Organisation nach dazu berufen, zwischen beiden ein auf Auf-
richtigkeit beruhendes Vertrauensverhältnis herzustellen. Die
Liebe des Volks ist die beste Stütze des königlichen Ansehens;81)
aus ihr fließen der Monarchie auch starke materielle Machtmittel
zu, von deren Größe die Schrift durch das kindliche Mittel öder
zahlenmäßiger Berechnungen eine Vorstellung zu geben sucht.82)
In allen seinen Gedanken ist der „Miroir" stark von Hotmans
ständischer Theorie sowie der Calvinschen Lehre vom Wider-
standsrecht der Untertanen beeinflußt. Selbständigkeit ist über-
haupt nicht seine Stärke. Auch das, was er über die Frage nach
dem Wesen der besten Staatsform bietet,83) kommt nicht über
alltägliche Erwägungen hinaus.
Im Gegensatz zu dem Versuch, die staatliche Gewalt auf die
Rechte der Stände zu gründen, macht sich mit immer größerer
Stärke eine Strömung im Bodinschen Sinne geltend, wenn-
gleich die reiche Gedankenwelt der „Repiibliqiie" nicht sofort in
ihrer ganzen Tiefe zu voller Geltung gelangt und sich ihre Wir-
kung zunächst mehr auf äußerliche Züge erstreckt.
Schon im Jahre lo75 war D'Albons „De la maieste
royale" erschienen, in rein panegyrischer Form gehalten und
theoretisch nicht weiter ernst zu nehmen. Auch Estienne Forcatel
nimmt in seinem Werk „De Gallorum imperio et philosophia"
(1580) wiederholt84) auf die Rechte des Königtums Bezug, ohne
79) S. 17 ff.
80) S. 296. 315.
81) S. 37 ff. 403 ff.
82) S. 37 ff.
83) S. 296 ff.
84) Vgl. besonders S. 55 v.°: ,,sed potius reputet occulta quaedam
virtutum semina Regibus ingenita, quae si adolescere sinantur, repente
fructum ferant industriae et gloriae supra aliorum mortalium facultatem,
et ante tempus naturae legibus praestitutum, quasi praecoci fruge";
S. 305: „Tale vero apparet fuisse Regis Francorum ius et autoritatem
ante Pharamonem, qualis ab Aristotele recitatur Lacedaemoniorum, ac
valde collaudatur, tanquam maxime omnium, quorum genera quatuor
affert, pollens secundum leges. Neque enim omnimoda potestate valebat:
sed regionem egressus, rebus bellicis praesidebat, tum etiam in urbe sacri-
ficiis ac Deorum caeremoniis: vitae autem necisque potestatem extra bellum
non habebat. ut etiam apud antiquos, inquit, fuisse videtur, oslendente id
32 Kurt Glaser.
daß es ihm gelingt, viel tiefer einzudringen. Schon die Widmung
des Buchs an Katharina von Medici läßt nichts Gutes ahnen.
Mehr steckt schon in Jean Du Tillets „Le Second Livre des Menwires
et rechercties de France" (1578). Der gelehrte und fleißige „Greffier
de la cour de Parlement d Paris" will seiner Zeit die „Titres,
«randeur et exceüence des roys et royaume de France" vor Augen
führen und geht in dieser Absicht die Befugnisse des Königtums
durch, wie sie '"n den einzelnen Zweigen der Begierung und Ver-
waltung des Landes zu Tage treten. Der Weg, den er dabei einhält,
ist der der historischen Darlegung. Mit der ältesten Periode be-
ginnend, dringt er Schritt für Schritt bis zu seiner Zeit vor, über-
all die Fülle der königlichen Machtbefugnisse an Hand der Tat-
sachen nachweisend. Die Unumschränktheit der Bechte des
Herrschers identifiziert sich ihm mit der selbstverständlichen
Pflicht alleiniger Verantwortlichkeit vor Gott.85)
Ähnliche Gedanken kommen in den dickleibigen „Grandes
Annales et histoire generale de France" des Francois de Belle-
Forest zum Ausdruck.86) Wie Du Tillet geht auch er chronologisch
vor und gibt eine ausführliche Schilderung der Geschichte Frank-
reichs. Aber während bei Du Tillet die Theorie nur ganz nebenbei
abfällt (obwohl sie die selbstverständliche und stillschweigende
Voraussetzung seines ganzen Standpunkts bildet), geht Belle-
Forest mit größerer Ausführlichkeit auf theoretische Erörterungen
ein. Seine Auffassung vom Werdegang des französischen Volks
fußt auf seiner Wertung des französischen Königtums. Die Fest-
stellung, daß es von Anbeginn der französischen Geschichte
Könige in Frankreich gegeben hat, ist für ihn von gleicher funda-
mentaler Wichtigkeit wie es für Hotman die Erkenntnis gewesen
war, daß sich von Anbeginn an ständische Körperschaften nach-
weisen lassen. Belle-Forest sucht sich gleich von vornherein
über die Befugnisse des Königtums Klarheit zu verschaffen.
Er findet, daß die Monarchie nicht willkürlich schalten und
walten konnte: „le Roy estant estably pour le Royaume, c'est
d dire non pour son prouffit particulier, ou pour tout faire
ä sa fantasie, ains pour le bien de tous, pour le support des
subiects, et auancement de celle couronne, et puissance, ä laquelle
le sang, et succession de ses ancestres l'ont appelle" (S. 1 v°).
Vier Schranken {„fr eins" ) sind es, an die das Königtum gebunden
Homero, apud' quem Agamemnon in concionibus iurgiis et maledictis
vexatur, ominitans Interim se occisurum quemcunque a proelio fugientem
viderit". Forcatel kommt auf dieselben Fragen in gleichem Sinne
zurück in seiner späteren Schrift: ,,Stephani Forcatuli, Jurisconsulti,
de Francorum Regum Jure, Auctoritate et Imperio" (1595).
85) Vgl. S. 142. Beachtenswert sind auch die folgenden Sätze:
,,Aussi sont les roys de France, pour n'avoir superieur, iuges en leur
propre cause" (S. 142 v°) und ,,iustice est la f erntete du throne royal.
Les arrests et iugemens et causes du roy sont en son nom . . ." (S. 143 v°)
8C) Paris 1579. 2 Bände.
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 33
ist : die Zustimmung der Kirche, die die „Religion" vertritt, die
Zustimmung der Parlamente, die die „Justice" verkörpern, die
königlichen Ordonnanzen selbst, die die „Police" darstellen, und
schließlich, alle anderen überragend, die Stände, „le conseil et
consentemcnt de l'assemblee. Et c'est celuy qui a le plus de puissance,
et lequel bien que soit fait suyuant la volonte des Roys, si est-ce que
la raison le voulant, et requer ant, il peut s'opposer ä la mesme dignite
Royale: d cause que ce corps public est compose tant du Chef que des
membres, et que l'Eglise, la Noblesse, et la Justice, et le peuple
y sont uniz pour le bien, et proufit du Royaume" (I. S. 2 v°).
Aber Belle-Forest ist sich auch klar darüber, daß solche Be-
schränkungen der Würde des Königtums keinen Eintrag tun
können. Über dem Recht der Menschen steht das Recht Gottes.
Der Herrscher ist ein Werkzeug in höherer Hand und ganz dem
göttlichen Gesetz unterworfen. Weder Volk noch Stände können
über den Thron verfügen. „Que si les Roys se sont soumis ä la loy,
c'est pour leur grandeur, et honneur, et non afin que d' la on tire
une consequence teile, que c'est aux subiets de faire, et deffaire les
Roys, puis que c'est par l'election des subiets que la couronne leur
a este octroyee. Cor depuis qu'un Roy est esleu, sacre, et couronni,
qu'on Va fait auec condition que son estat sera successif, qu'on luyafait
les serments de fidelite, qu'on s'est asser uy et assniecty ä ses loix,
et volontez, il n'est plus loisible aux subiets de venir ä election, puis
qu'il est ainsi que par la premiere ils se sont despouillez de leur
liberte de choisir, et eslire les Princes: et ont donne au sang des Roys
et semence des Princes, ce qui premierement consistoit en leur
puissance" (I. S. 2 v°).
Belle-Forests Ziel ist die Widerlegung Hotmans. Ohne immer
unmittelbar auf die Theorie der Franco-Gallia Bezug zu nehmen,87)
sucht er überall zu einem ihr widersprechenden Ergebnis zu ge-
langen. Zwar kommt auch er nicht um die Tatsache herum, daß
die Stände nachweisbaren Anteil an der Regierung Frankreichs
gehabt haben88), ja er führt (II. S. 966 v°) sogar einen Fall an,
wo die Stände dem König ihre Unterstützung versagt haben,
aber er bemüht sich sichtlich, ihren Anteil auf ein möglichst
geringes Maß zu beschränken und ihre Mitwirkung in Dingen der
Regierung für ein freies Zugeständnis des Königtums zu erklären.89)
87) Wie I. S. 22 v°.
88) „Sur quoy est ä noter que ces Royaumes lors estans comme separez
du corps Francois, il failloit aussi qu'en V establissement du Roy, y ayant
controuerse pour le fait de la succession, que les estats y entreuinssent,
et que par iceux fut donne iugement ä qui la couronne appartenoit, Varrest
desquels seruit de preiuge pour Vaduenir contre les illegitimes, pour leur
inhabilite de regner, et pour les proches du sang, lesquels sans autre forme
d'approbation seroyent inuestis de la couronne". I. S. 83 v°.
89) ,,Surquoy fault encor' noter que V Euocation des ces estats fut
faite par le Roy mesme, afin qu'on ne pense que autres que les Roys aye
puissance de la faire, et qu'on ne tombe en ceste faulte, que le corps public
Ztschr. f. frz Spr. u. Litt. XLV'/'. 3
34 Kurt Glaser.
Durch seine ganze Darstellung der französischen Geschichte zieht
sich der Gedanke hindurch, daß die Macht der Stände nur ver-
schwindend klein erscheint gegenüber dem, was das Königtum
bedeutet. Ilim steht die höchste Gewalt über alle Untertanen zu,90)
es übt den Schutz über die Kirche91), es unterliegt keiner päpst-
lichen Bestätigung,92) ebensowenig wie auch sonst dem Papst
irgend ein Recht in politischen Dingen zusteht.93) Alles Recht
der Stände fließt aus dem Recht des Königs, wie das des Königs
wieder von Gott herkommt. Der König allein beruft die Stände94) ;
ihr selbständiges Eingreifen ist stets nur durch Notlagen ver-
ursacht gewesen und hat nie Segen gebracht.95) An großen wie
kleinen Ereignissen der französischen Geschichte wird diese Auf-
fassung im Einzelnen veranschaulicht. Weitauseinanderliegende,
aber inhaltlich eng zusammengehörige Betrachtungen fügen sich
so zu einer Theorie zusammen, die, auf eine reiche Fülle weit-
schichtigen Materials gestützt, eine schroffe Ablehnung der Hot-
manschen Ideen bedeutet.
Zu denen, die von Bodin gelernt haben, und an das Recht
des Königs glauben, gehört auch der Katholik Guy Coquille,
Sieur de Romenay. Wiederholt tritt er in seinen Schriften für
das angestammte Recht der französischen Könige ein. „L'ex-
perience", so schreibt er gleich im Eingang seiner „Memoires
pour la reformation de VEstat ecclesiastique" ,96) „et la doctrine
les scavaus nous fönt connoitre que le goiwernement des peuples le
plus assure, auquel il y a moins d' inconvenient, est la Monarchie."
An die Spitze seines „Discours des Estats de France, et du droit
aye plus de puissance que la teste: il est bien vray, que selon et suyuant
la pratique de ce Royaume, depuis que les Roys ont accorde, ou conuoque
les estats, qu'ils ont nomine les iuges et deputez en iceux, ils se lient, et
assuietissent ä ce que ces iuges determineront, non comme membres, ains
comme ayans Vauthorite, et du chef, et du corps du Royaume tous unis
ensemble: veu que, comme nous auons dit des le commencement de ceste
histoire, autre cas est le Roy, et autre la royaute, laquelle est plus grande
que le Roy, comme celle qui luy donne Vauthorite, et le rend admirable
ä ceux qui sont les membres d'icelle, Vame de laquelle, s'espand en eux,
et forme ce corps parfait de la republique, pour la conseruation duquel
touts les membres se hazardent ä tout peril, n'y espargnant leur salut
propre: et c'est ainsi que nous disons que les estats ont puissance sur le
Roy, d'autant que le Roy est chef des estats, et oblige par son office ä
poursuiure le bien public, duquel s'esloignant, il fait diuision du corps
d'auec le chef, et altere Vunion qui est entre les Roys, et la Royaute, et
entre le souuerain, et la republique'' . I. S. 85. 86.
S. 879 v°, S. 1618 v°, S. 1620 v°,
80\
!l
. S
. 1222
v°.
»')
II
S
1290 '
v°.
92 v
1.
s.
295 v°
S.
373 v°.
»,
I.
s.
577 v°
94)
I.
s.
231 v°.
Vgl
. ferner II
1293
V
°, S. 1294
v°.
95) II. S. 879 r°.
96) Oeuvres I. (Bordeaux 1703). S. 1.
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 35
que le Duche de Nivernois a en iceux"91), in welchem er diesen
Gedanken weiter ausspinnt, stellt er den Satz: „Le gouvernement
de ce Royaume est vraye Monarchie, qui ne partieipe de Democratie
ny d' Aristo er atie, comme aueuns ont voulu dire ä cause des Estats
et des Parlemens. Laquelle opinion est eloignee de la verüb; car
si les Estats faisoient la Democratie, il y auroit terns et lieux certains
pour les assembler, ce qui n'est pas: mais ils sont convoquez sous
l'authorite et mandement du Roy, quand aueunes affaires se presentent
grandement importantes ä la Couronne et Estat d'icelle." Natürlich
weiß auch er wohl, daß ein Herrscher menschlichen Schwächen
und Fehlern unterliegt und sich täuschen kann und deshalb bei
seinem Volk Rat holen muß, ja als eins der „meilleurs remedes"
erscheint ihm die Berufung der Stände. Aber Stände und Parla-
mente sind nur die Organe des Herrschers und haben sich seinem
Willen zu fügen. Von diesem Standpunkt aus erörtert er so-
dann die ständischen Rechte. Als wichtigste Befugnisse stehen
ihnen die Entscheidung in Thronstreitigkeiten zu, wie zur Zeit
Hugo Capets und Philipps VI., die Pflege der lokalen Justiz, wie
sie die Goutumes enthalten, und die Bewilligung der Steuern,
die letztere freilich ein Recht, das ihnen seit Ludwig XL stark
verkürzt worden ist.98)
Zu den Theoretikern der Bodinschen Richtung zählt auch
Francois De La Noue.99) Seine „Discours politiques et militaires",
die er in den Jahren 1580 bis 1585 in der Gefangenschaft des
Herzogs von Parma schrieb, können die protestantische Ge-
sinnung ihres Verfassers nur schwer verleugnen. Auf dem Boden
der Religion baut La Noue seine Theorien von der Ordnung des
Staates und den Rechten des Herrschers auf. Sein Standpunkt
ist ganz der Calvins, wie ihn sich auch Bodin für seine Zwecke
zurechtgelegt hat. Gott ist der Ursprung aller weltlichen Staats-
ordnungen. Unter seinem Schutz gedeiht die weltliche Macht;
die Auflehnung gegen Gott führt zum Untergang des Staates.
Von Bodin übernimmt La Noue die Betonung der „justict" als
der Grundlage und Quelle aller staatlichen Ordnungen und stellt ihr
als die drei den Staat zerstörenden Gewalten die „injustice, impieteu
und „dissolut on" gegenüber. Die Erfüllung der von Gott über-
tragenen Pflichten ist die höchste Aufgabe der Herrscher. Sie
sind dafür auch „comme des images veritables de Dieu". Die
Untertanen haben dem Herrscher unbedingten Gehorsam zu
leisten. Die christliche Religion macht ihnen solche Pflichten
97) Oeuvres I. S. 276 ff.
9 ) Vgl. auch: „Des Pairs de France, leur origine, fonetion, rang
et dignite", Oeuvres I. S. 450 ff. und „Dialogue sur les causes des miseres
de la France entre un Catholique ancien, un Catholique zele et un Palatin,
fait en Vannee 1590", Oeuvres I. S. 214 ff.
") Zum Folgenden vgl. Hauser, Frangois De La Noue. Paris,
these, 1892.
3*
36 Kurt Glaser.
doppelt ernst und heilig. Selbst wenn die Herrschaft zur Tyrannei
ausartet und der Herrscher sein Volk etwa „en surcharges sur
les biens" oder ,,erc accroissements de labeurs imposes sur les per-
sonnes" bedrückt, bleibt die Gehorsamspflicht uneingeschränkt
bestehen. Nur für den Fall, daß der Herrscher selbst gegen Gottes
Gebot verstößt und ähnliches auch von seinem Volk fordert,
dürfen sich die Beamten — aber auch nur diese — gegen ihn auf-
lehnen. Zu Hotmans Anschauung von den altüberlieferten
Rechten der Stände kann sich La Noue, auch hier Bodins Stand-
punkt teilend, nicht bekennen. Das einzig Gute, das er den
Ständen nachzusagen weiß, ist, daß sie in der besonderen Notlage,
in die Frankreich durch die Bürgerkriege geraten ist, das letzte
Mittel der Rettung darstellen. Aber auch für diesen Fall will er
ihnen nur eine beratende Mitwirkung zugestehen. Ihre Mitarbeit
darf unter keinen Umständen zu einer Einschränkung der Herr-
scherrechte führen.
Der Gehorsam gegen den König erscheint La Noue noch aus
anderen Erwägungen heraus gerechtfertigt. Im Gegensatz zu
Bodin, der, ohne die Beziehung zu den besonderen Verhältnissen
seiner Zeit zu lösen, eine reine, allgemein gültige Theorie der
königlichen Rechte zu geben bestrebt war, ist La Noue bemüht,
seine Theorien nach den Erfahrungen einzurichten, die er in seinem
vielbewegten Leben gesammelt hat. Ein Blick auf die Vorgänge
seiner Zeit lehrt ihn, daß die erste Ursache der Kriege im Lande
die geringe Achtung vor dem Königtum ist. Freilich über die
Frage, woher das kommt, zerbricht er sich nicht weiter den Koüf.
Er zögert sogar nicht, selbst Heinrich III. sein Lob zu zollen
und ihn in gewagter Vergleichung neben Titus zu stellen.
Hohes erwartet La Noue auch von dem gesunden Sinn und
von der aufrichtigen Friedensliebe des französischen Volkes. Die
Adligen müssen hier mit ihrem Beispiel vorangehen. Ohne ihre
Mithilfe läßt sich der Neubau des Staates, der dringend not-
wendig geworden ist, nicht durchführen. Vor allem muß ihr Trotz
gebrochen werden. Sie müssen es endlich verlernen, nur ihren
eigenen Plänen zu leben und durch die Unsitte des Duells ihr
kostbares Blut, das ja auch das des ganzen französischen Volkes
ist, zu verspritzen; sie müssen sich an ein einfaches und sparsames
Leben gewöhnen und dürfen nicht sich oder gar den Hof in un-
sinnigen Prachtbauten überbieten wollen; sie sollen sich statt
dessen der Studien befleißigen und für eine gute Erziehung ihrer
Kinder sorgen. Der König hat die Pflicht, hier einzugreifen.
La Noue gefällt sich darin — seine „Discours11 sind Heinrich IV.
gewidmet — eine ganze Fülle von Vorschlägen zur Beherzigung
auszukramen und sich die erträumte nationale Erziehungsarbeit
durch den Hof in breiten Erörterungen bis ins Kleinste hinein
auszumalen. Ohne einen gebildeten, geistig und sittlich hoch-
stehenden Adel kann seiner Ansicht nach kein Staat gedeihen.
Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur usw. 37
Auch in der äußeren Politik ist noch vielerlei zu bessern.
Ihre ganze Richtung muß auf den Ton eines friedlichen Zusammen-
lebens der einzelnen Mächte gestimmt werden. In nebelhafter
Ferne schwebt ihm wie D'Aubigne100) als letztes Ziel einer groß-
zügigen, von wahrhaft christlichem Geist getragenen Politik der
Gedanke eines Kreuzzugs des geeinigten Europa gegen die
Türken vor. (Schluß folgt.)
Marburg i. H. Kurt Glaser.
10°) Oeuvres completes de Theodore Agrippa Z)' Aubigne (ed. Reaume-
Caussade): ,,Sa vie ä ses enfants" I. S. 82. Vgl. auch Reaume, Notice
biographique et litteraire sur Theodore Agrippa D'' Aubigne (1883). S. 37.
Der Tristanroman
des Thomas und die Disciplina clericalis.
Auf die Bedeutung des Thomas als gelehrten Dichters, der
ein Kleriker1) im mittelalterlichen Sinne des Wortes gewesen sein
mag, ist bereits mehrfach hingewiesen worden. So behauptet
W. G o 1 1 h e r2) : „Thomas war literarisch fein gebildet, er kannte
Wace und die antiken oder byzantinischen Romane und be-
arbeitete den Tristanroman mit großer Freiheit." Nicht nur
seine romantischen Zutaten sind des echt höfischen Darstellers
würdig, die psychologische Analyse der Gefühle und Stimmungen,
die die Hauptpersonen beseelen, auch sein Hang zur Sentenz und
moralischen Belehrung, so daß er über Frauenseele (ire de femme
est a duter 2595), Freundestreue, Neid, Haß, und Verleumdung
gegenüber wahrer Anhänglichkeit und Verschwiegenheit die
richtigen Töne findet. So ist er am besten dem verfeinerten
Geschmack seiner Zeit entgegengekommen, daraus erklärt sich
die weite Beliebtheit seiner eleganten Tristanfassung, die zur
Nachahmung in anderen Ländern Europas reizen mußte. Jeden-
falls ist er stark lyrisch und didaktisch veranlagt und bleibt
sich dieser Neigung bis zu den Schlußworten der Dichtung getreu.
Daß man bisher, soweit es die lückenhafte Überlieferung dieses
Epos erlaubt, seine Eigenart bei der Gesamtbeurteilung noch
nicht genügend bis in alle Einzelheiten hinein beleuchtet hat,
mögen die nachstehenden Bemerkungen, die in mir bei einer er-
neuten flüchtigen Prüfung aufstiegen, zeigen.
An mindestens vier Stellen läßt sich bei Thomas der Einfluß
der Disciplina clericalis3) , des ältesten mittelalterlichen Novellen-
buches des Petrus Alfonsi, feststellen:
1) Novati, Studj di filologia romanza II 403. Vgl. Bedier, Le roman
de Tristan par Thomas. Paris 1905, t. II, S. 42 ff.
2) Tristan und Isolde in den Dichtungen des Mittelalters und
der neuen Zeit . Leipzig 1907, S. 141.
3) PetriAlfonsi Disciplina clericalis hgb. A.Hilka und W . Söderhjelm.
Helsingfors 1911 (Acta societatis scientiarum Fennicae t. XXXVIII, 4
(= DC1). Kleine Ausgabe (= dcl.). (Sammlung mittellat. Texte,.
Heft 1.) Heidelberg 1911.
Der Tristanroman des Thomas usw. 39
I. Thomas V. 805—832 {Bidier I 293) = Saga (in E. Kölbings
Übersetzung) S. 182 (die Stelle fehlt im Sir Tristrem=- E). Von den
Verwundungen und den Heldentaten Tristans bekommt Isolde
keine Kunde, da sich seine Neider dazwischen stellen. In der
Umgebung des Königs Marc hat er falsche Freunde, die nur da»
Schlechte der Königin überbringen, das Gute aber ihr verschweigen.
Dadurch bewerkstelligt der Dichter den Übergang zur Cariado-
Episode, die nach Bedier II 268 seine Erfindung zu sein scheint.
Thomas Saga
807 Car co est costume d' envie Und das ist die Gewohn-
Del mal molt dire e del bien mie; heit derer, welche andere
Car envie les bons faiz ceille, beneiden, daß sie über
Les males ovres esparpeille. das Gute schweigen und
Li s ag e s hum pur ico d it ihren Ruhm und die Vor-
S u n filz e n an cien e s er it züglichkeit derer ver-
„Milz valt estre senz compainie bergen, welche bedeu-
Quaveir compainie a envie, tender sind als sie [und
E senz compainun nuit et jor daß sie die Unschuldi-
Que aveir tel u n'ait amor. gen anklagen und ihre
L e bien celer at q ue il s et, eigenen Fehler durch
L e mal dir at quant il le Schmähungen gegen an-
het"A) dere verhüllen]. Des-
Se bien fait, ja n'en parlerat, halb gab ein weiser Mann
Le mal a nul ne celerat, seinem Sohne die Lehre:
Pur <*o valt milz senz compainun „Besser ist es allein,
Que tel dunt ne vient si mal nun ohne Genossen zu hau-
sen, als mit solchen, die
auf einen neidisch sind I"
Bedier (zu V. 813 ff.) hat jene Quelle vergeblich in den
salomonischen Sprichwörtern und in Catos Distichenbuch gesucht.
Dafür zitiert er die späten Enseignements des Robert de Ho (hgb.
M. V. Young, 1901, V. 109):
Fiz, mout vient meuz tot sol errer
Que malveis compaignun mener,
Kar en tel leu poet hom venir
Que par ennor s'en (l. n'en) poet partir
E s'il a malveis compaignun,
Honte en reeeit tot a bandun.
Aber offenbar handelt es sich bei Robert nur um Warnung vor
schlechter Gesellschaft (vgl. DC1. VII exemplum, wo an einem
Beispiele die Wahrheit des Spruches erhärtet wird: Quisquis
iniquae gentis consortio fruitur, proeul dubio mortis immeritae
4) Offenbar hört das Zitat erst mit V. 818 auf (Bedier läßt es mit
V. 816 schließen).
40 Alfons Hilka.
poenas lucratur), nicht aber, wie hier, vor falschen und verleum
derischen Freunden und Neidern.
Thomas hat den Spruch der DC1. 6,24 aufgegriffen: Ne te
associaveris inim eis Ulis, cum alios possis reperire socios. Quae
enim male egeris, notabunt; quae vero bona fuerint, devitabunt
(v. 1. deviabunt, denigrabunt, depravabunt). Freilich hat er den
ersten Teil dahin abgeändert fsenz compainum), daß es besser
sei, gar keinen Verkehr als nur Neider zu haben.
II. und III. Thomas 869—932 = Saga (Kölbings Übersetzung)
S. 182 = Sir Tristrem Str. CCLXXVI— CCLXXIX.
Der falsche Gariado (S: Mariadokk, E: Canados), der sich
anschickt, Isolde die üble B; »tschaft von der Verheiratung Tristans
in der Bretagne zu überbringen, findet die Nichtsahnende beim
Singen des lai de Guirun vor, wozu sie sich zur Harfe begleitet.
Bei Thomas ist nun der Anschluß an den Gesang ganz natürlich
und ebenso die Anspielung an das volkskundliche Motiv: Eulen-
gesang = Todesvorbote, üble Vorbedeutung überhaupt, auf das ich
hier nicht näher eingehen will.5) Aber des Thomas' Verwendung
dieses Motivs ist durchaus nicht durchsichtig genug, da er noch
andere Vorstellungen und noch einen anderen Sinn hereinträgt,
vor allem auch das Thema von der zur unrechten Zeit überbrachten
Kunde, so daß eine Kontamination zweier ganz verschiedener
Themen zu konstatieren ist. Die schwierige Stelle gewinnt daher
nicht an Klarheit, bisher ist sie auch nicht befriedigend gedeutet
worden. Der nordische Übersetzer bereits hat den dunklen Text
des Thomas nicht verstanden, betont daher nicht Isoldens Gesa ng
(iu Anfang des 72. Kapitels heißt es nur: Eines Tages saß die
Königin in ihrem Zimmer und dichtete einen Leich über
unglückliche Liebe; indem trat Mariadokk zu ihr) und seine weitere
Dialigpartie zeigt, daß er mit seiner Quelle nicht viel anzufangen
weiß, daher kombiniert er schließlich die Eule mit dem Wolfe,
was wohl Thomas V. 906 si sui huan, e vos fresaie entsprechen
soll.
Thomas Saga
V. 869 Ysolt trove chantant un lai, Als er so einstmals kam,
870 Dil en riant: „Dame, bien sai sprach er zur Königin:
Que l'en ot fresaie chanter ,,Frau, wenn die Leute
Contre de mort home parier?) ^ine Eule singen hören,
5) B dier (zu V. 871—2) weist auf Plmius, Hist. nat. X 12, auf
den Bestiaire des Guillaume le Clerc nebst Pyramus et Thisbe (V. 638
Vit le huant, vit lafr.saie) hin. Vgl. Servius zu Vergils en , IV 462.
Eine Dichtuug De bubone quod sit nuncius mortis bei J . Werner, Bei-
trag zur Kund'5 d<js Mittelalters.2 Aarau 905, S. 91. A. Wutke,
Der deutsche Volksaberglaube3. Berlin 1900, S. 202 (die Todes-
bedeutung des Eulenrufes ist uralt, bereits vedisch).
6) VV. 870 — 871 geben keinen Sinn. Ich nehme folgende Besserung
a-i : Quant l'en ot fresai ■ chanter,
Covient de mort home penser =» S.
Der Tristanroman des Thomas usw. 41
Car sun chant signifie mort; da ziemt es ihnen, an
E vostre chant, cum jo record, ihren Tod zu denken, da
Eulengesang Tod bedeu-
tet, und da mir nun
scheint, daß dies ein
Klage- und Kummerlied
ist, da müssen wohl
welche jetzt ihr Leben
gelassen haben."
875 Mort de f r e s aie signifie
A l c o n ad o r p er d u la
v i e.
— Vos dites veir" , Ysolt lui dit; ,, Ja", sprach Isond, ,, du
„Bien voil que sa mort signifit hast recht, ich wünschte
Assez est huan u fresaie sicherlich, daß dieser Ge-
880 Ki chante dunt altre s'esmaie. sang Tod bedeute. Das
Bien devez vostre mort doter, ist gewiß eine böse Eule,
Quant vos dotez le mien chanter, die ein anderes mit sei-
Car vos e s t e s fresaie asez nem Kummer quält ;
Pur la novele qu' aportez. aber dir kommt es wohl
88o Unques ne er ei aportisiez zu, deinen Tod zu fürch-
Novele dunt l'en fust ja liez ten, da du dich vor mei-
Ne unques cha enz ne venistes nem Singen fürchtest.
Males novelesne desistes . . . Die Eule fliegt stets vor
schlechtem Wetter, du
aber kommst stets mit
üblen Nachrichten; da
bist in Wahrheit eine
umherfliegende Eule, die
immer böse Botschaft
bringen und Spott und
Hohn äußern will.
893 De vostre ostel ja nen istrez Ich weiß genau, daß du
Si novele die n'avez nicht hierher kommen
895 Que vos poissiez avant conter . . . würdest, wenn du mir
eine erfreuliche Nach-
keit mitteilen wolltest!"
903 Cariado dune li respont: Mariadokk sprach: ,,Du
„Coruz avez, mais ne sai dont. bist jetzt erzürnt, Kö-
905 Fols est ki pur vozdiz s'esmaie. nigin! Aber ich weiß
Sisui huan, e vos fresaie! nicht, ein wie großer Tor
Que que seit de la meie mort, der sein muß, der deine
Males noveles vos aport Worte fürchtet. Ich
Endreit de Tristan vostre dru: mag eine Eule sein, aber
Vos l'avez, dorne Ysolt, perdu; du ihre Magd! Wie es
En altre terre ad pris moillier ! aber auch um meinen
Tod stehen mag, so
42
Alfons Hilka.
Ysoli respont par grant engaigne :
„ Tait diz avez estS h u an
Pur dire mal de dan Tristran!
Ja Deus ne doinst que jo bien aie,
S' endreit de vos ne sui fresaie!
Vos m'avez dit male novele,
Ui ne vos la dirai jo bele:
En veir vos di, pur nient m'avez;
Ja mais de mei bien n'esterez.
bringe ich dir die trau-
rige Botschaft: du hast
jetzt Tristram, deinen
Geliebten, verloren, er
hat sich in einem an-
deren Lande eine Frau
genommen . . ."
916 Ysoli respont par grant engaigne: Da sagte Isond: „Mit
Spott und Hohn bist du
stets Wolf und Eule ge-
wesen und hast von
Tristram Übles geredet.
Gott lasse mich nie et-
wasGutesgenießen,wenn
ich mich deinem Willen
und deiner Torheit füge I
Und obschon du mir
Böses über Tristrem
sagst, so werde ich doch
nimmer dich lieben noch
dein Freund werden . . ."
Im Sir Tristrem (Kölbings Übersetzung S. 276) ist alles
verwischt: Tristrem hatte ein Lied gedichtet, das sang Ysonde,
die Kluge, und harfte immer zugleich. Herr Canados war dabei,
er sprach: „Dame, du hast unrecht in Wahrheit, wer es gesehen
hat ! ie eine Eule und gewaltige Stürme, so schreist du laut öffent-
lich ( ?). Du liebst Tristrem heftig, Unrechtes hat man dich ge-
lehrt! Tristrem, um deinetwillen, in Wahrheit hat er sich be-
weibt . . ." „Herr Canados, hüte dich, immer bist du mein Feind;
du verstehst nur in schändlicher Weise zu verfolgen (?), wo man
Ehre erweisen sollte . . . Unwahres verstehst du vorzubringen,
sodaß dir immer Leid widerfahren möge dafür ! . . . Ich gebe dir
eine Versicherung: dein Glück sollst du verlieren. Was du von
mir erbeten hast, soll dir niemals zuteil werden! . . . ." Dazu
meint R. Heinzel (Tristan und seine Quelle = Ztschr. f. d. Alter-
tum XIV (1869), S. 405): „Sir Tristrem läßt Canados eine ganz
unmotivierte Unart sagen: der Dichter hat den freilich frostigen
Witz bei Thomas nicht verstanden. Dieser meint: Wenn eine
Eule singt, so stirbt ein Mensch; singt nun ein Mensch, so muß
wohl eine Eule sterben. Das Kompliment muß wohl sein, daß
Isolde keine Eule sei." E. Kölbing (Saga, S. CXXIII) hält dem
entgegen: „Daß von dem Sterben einer Eule die Rede sein muß,
lehrt aber Isoldens Antwort. Sehr geistreich ist der Scherz im
Urtexte ohnehin auch nicht; ja ich kann nicht einmal die Pointe
herausfinden, welche Heinzel hineinlegt." Bedier (zu Vers 870 bis
884) gibt eine Interpretation, die er selbst als unsicher bezeichnet:
„Cariado se presente devant Isolt, decide ä lui annoncer la trahison
Der Tristanroman des Thomas usw. 43
de Tristan, nouvelle qui sera pour eile, il le prevoit, corame un
message de mort. „Je sais", lui dit-il, „qu'on entend chanter la
fresaie, au moment ou Von va parier d'un mort1), rar son chant
signifie mort; or, [qui plus est], votre chant, ä bien considerer
les chosesg, signifie la mort de la fresaie [elle-meme]: quelqu'un
que je sais [la fresaie que vous etes] a perdu la vie." C'est ä-dire:
,,non seulement votre chant accompagne, comme celui de la
fresaie, la nouvelle de mort que je vais vous dire, mais c'est
sa propre mort qu' d son insu chante la fresaie." II le dit en termes
assez vagues pour qu' Isolt puisse lui repondre: ,, — Soit, je
veux bien que mon chant signifie la mort de la fresaie; mais la
fresaie, c'est vous, dont le chant afflige qui l'entend; c'est votre
mort que mon chant doit vous faire redouter." Dem muß man
folgendes entgegenhalten: Es ist klar, daß Cariado an einen
Volksaberglauben anspielt: Wenn die Eule singt, so muß ein
Mensch sterben. Sarkastisch und tückisch zugleich, da er die
Wirkung der üblen Nachricht ahnt, vergleicht er Isoldens trau-
rigen Gesang (von der Herzmäre) mit dem Eulengesang. Er
zitiert einfach boshaft die Volksweisheit: da muß jetzt jemand
gestorben sein. Von dem unbewußten Todesgesange der Eule
selbst (= Isolde) kann doch hier nicht die Rede sein.8)
Thomas hat sicher die folgende Stelle der DC1. 13, 18 (= dcl.
13, 32 ff.) nachgeahmt: Ein Schüler und ein Lehrer hören auf ihrem
Spaziergange vor der Stadt die greuliche Stimme eines Menschen,
der sichtlich trotzdem darauf sehr stolz ist (in tribus delectatur
homo, etsi bona non sint: in sua voce, in suo carmine et in suo
filio). Der Lehrer meint spöttisch: Si verum est quod homines
dicunt vocem bubonis hominis mortem portendere, tunc ista sine
dubio vox bubonis mortem9) annuntiat. Der Gesang sei so schauer-
lich, daß diesmal eine Eule an ihren eigenen Tod glauben müsse.
Dadurch rückt die Thomasstelle in ihre richtige Beleuchtung.
a) Cariado meint spöttisch: ,, Eulengesang im allgemeinen
bedeutet den Tod eines Menschen, dein Kummerlied den Tod
der Eule selbst. Es muß also jetzt jemand gestorben sein."
b) Isolde nimmt (Spott gegen Spott) diesen Gedanken auf, richtet
aber die Spitze gegen den Spötter selbst: „Diese Eule, deren
Tod mein vermeintlicher Eulengesang ankündigt, bist du, Cariado,
7) Diese gekünstelte Deutung fällt weg, wenn man den Text der
W. 870 — 871 nach S bessert (Vgl. oben meine Anm.). Cariado bringt
ja keine Todesnachricht!
8) Auch dies ist unrichtig, da die Worte cum fo record, wie wir
weiter sehen werden, sicher die Erinnerung (recorder) an den volks-
tümlichen Aberglauben andeuten.
9) Eine schlechte Rezension der DC1. bringt entstellend: vox
bubonis mortem hominis annuntiat = frz. Prosa (11,7 unserer Aus-
gabe, Helsingfors 1912): sans iaille dont anonche eheste vois de
chuette mort d'omme.
44 Alfons Hilka.
selbst. Mir ist es ganz recht, daß mein Lied ihn bedeutet. In der
Tat, wer so wie du nur Kammer nachrichten bringt, ist eine Eule
oder ein Uhu (V. 879 Assez est huan u fresaie Ki chante dunt
altre s'esmaie). Fürchtest du di<h vor meinem Gesang, der dein
nahes Ende dir voraussagt, so hast du Veranlassung dazu wohl
wegen der neuen üblen Botschaft, die mich kränken soll (V. 883
€ar cos estes fresaie asez Pur la novele qu'aportez), du hättest dich
sonst nicht aus dem Hause gewagt!" Thomas verbindet also das
volkstümliche Moment ( vox ista bubonis mortem hominis portendit
mit der Übertreibung (ista vox bubonis mortem annuntiat),
wobei der U nglücksbote mit dem bubo gleichgesetzt wird. Das
Folgende stimmt zu dieser Parallele. Denn auf Isoldens Vorwurf
erwidert Cariado: ,,Dein Zorn rührt mich nicht. Gut, ich bin
der Uhu, du die Eule (V. !06 Si sui huan, e vos fresaiel). Die
Todesdrohung steht dahin. Jedenfalls bringe ich üble Kunde:
verloren hast du deinen geliebten Tristan!" Und nochmals wirft
ihm Isolde vor: „Als Verleumder Tristans bist du stets ein echter
Uhu gewesen, von dem ich nichts mehr wissen will."
Dadurch schwinden, im Zusammenhange mit jener Stelle
der DCL, alle Unklarheiten unseres Dialogs im Thomas; aber auch
die Saga verdient keineswegs den Vorwurf der Unklarheit oder
Unrichtigkeit. Wie kam aber Thomas dazu, noch den „Unglücks-
raben" mit dem alten Motiv vom Ungiücksvogel zu kombinieren?
Zweifelsohne diente hierzu eine andere Stelle der DC1. Denn im
Zusammenhange mit Isoldens spitzigem Hinweis darauf, daß der
Unglücksbote sonst nicht sein Haus verlassen hätte, finden wir
bei Thomas die Anspielung (S und E wußten nichts damit zu
machen, ließen sie also einfach aus) :
V. 889 II est tuit ensement de vos
Cum f u j ad i s d' u n perechus,
K i j a n e le v ast de Vastrier
F o r s pur un ho nie corocier.
Bedier bekennt im Glossar, s. v. astrier: cimetiöre' Nous ne
savons ä quoi fönt allusion les vv. 889 — 892.
Ein jeder Leser der DG1. erinnert sich hier sofort an die
Figur des gefräßigen und faulen Dieners Maimundus (DC1. 38 = dcl
42), der zum Türschließen zu träge ist und der die Unglücksbotschaft
seinem Herrn, der nach einem guten Geschäft zu den mali rumores
gar nicht aufgelegt ist (cave ne dicas mihi rumores malos !) brocken-
haft beibringt, so daß der Unglückliche, der alles plötzlich verloren
hat, Familie wie Hab und Gut, schließlich zusammenbricht. Nun
erklärt sich auch das rätselhafte Wort astrier: es ist eine Weiter-
bildung zu astre, aitre, atre Vorhalle, wo ja die gewöhnliche Ruhe-
stätte des Sklaven gewesen sein mag.
Auf die Kompositionsart des Thomas wirft die Kombination
verschiedener Motive aus dem lat. Text des Petrus Alfonsi ein
Der Tristanroman des Thomas usw. 45
drastisches Licht: er nimmt sein Gutes, wo er es eben findet und
verwertet es ganz frei.
IV. Thomas V. 1149—1452 (fehlt Saga] und Sir Tristrem)..
Isoldes Klage über die Drohung der Brengvein, sie bei ihrem
Gemahl anzuschwärzen:
L'e n ne poet estre plus träiz
Que par privez e par nuirriz.
Quant li privez le c o n s e i l s e t ,
T r alr le p u et , s e i l le he t.
Vgl. den Exkurs der DC1. 6, 15 = dcl. 6, 27 ff. de consilio:
Cave tibi de consilio illius a quo petis consilium, nisi tibi sit fidelis
comprobatus. — Noli consilium tuum omni revelare homini. Qui
enim consilium suum in corde suo retinet, sui iuris est melius eligere.
Consilium abscondilum quasi in carcere tuo.est reclusum, revelatum
vero te in carcere suo tenet ligatum.
Ich schließe diese Bemerkungen mit dem Hinweis darauf,
daß es in diesem ganzen Zusammenhange auch recht wahrschein-
lich ist, daß Thomas das berühmte, später oft verwendete10) Motiv:
Geliebte = Tod und Leben, vgl.
V. 1061 La bele raine, s'amie,
En cui est sa mort e sa vie
(Bedier I 258, bei Gottfried10) erhalten)
Isolt ma drue, Isolt m'amie,
E n v us m a mort, en v u s m a vie.
V. 2311 Cum a dame, cum a amie
En qui maint sa mort e sa vie
aus der bekannten Freundschaftssage in der DCL entnommen
hat, wo der Liebeskranke beim Anblick der gesuchten Geliebten
ausruft (DCL 5,1 = dcl. 5, 4): Ex hac est mihi mors et in hac
est mihi vita.
Mit geringerer Bestimmtheit läßt sich eine Entlehnung für
den Exkurs über die novelerie (Thomas V. 285 — 356) behaupten.
Vgl. DCL 30,7 = dcl. 32,30: Magis valet parva beatitudo quam
plena domus auro et argento. — Qui multa cupit, semper maiorum
fame tabescit. — Radix pacis est aliena non cupere, et fructus eius
est requiem habere.
Merkwürdig ist der Epilog bei Thomas V. 3125 ff.: Er richtet
sein Gedicht vor allem an die in Lust und Leid Liebenden, damit
sie sich an diesem essemple erbauen und vor Liebeslisten (engins
d'amur) bewahren können:
Pur essemple l'ai i s s i f ait
E pur Vestorie emb ellir ,
Que as amanz deive plaisir,
10 ) Vgl. W. Hertz, Tristan und Isolde von Gottfried von Straßburg.5
Stuttgart und Berlin 1907, Anm. 134.
46 Alfons Hilka.
E que par Heus poissent trover
Chose u se puissent recorder:
Aveir em poissent grant confort,
Encuntre change, encuntre tort,
Encuntre paine, encuntre plur,
Encuntre tuiz engins d'amur!
Daß der Dichter hier jene Episoden seines Werkes betont,
wo die ruses d'amour dem Ehemann gegenüber ihren Triumph
feiern, verrät seine besondere Tendenz. Es scheint, daß die exempla
des spanischen Judenchristen Petrus über Weiberlist (de ingenio
nequam feminarum, de mulierum artibus), die auch dieser nur
corrigendo mores ad nostram utilitatem verzeichnet hat, zur Nach -
ahmung in mannigfaltigen Variationen angespornt haben.
Breslau. Alfons Hilka.
Weiteres zur Mabinogionfrage.1
II.: Die Bearbeitungen von Chr6tiens Erec in
ihrem Verhältnis zu diesem und zu dem kym-
rischen 3Iabinogi.
1. Der Erec des Hartmann von Aue in seinem Verhältnis zu
Chr6tiens Erec und zu dem Mabinogi von Gereint. Mit einem
Exkurs: Fee Morgain = irisch Morrigan.
In seiner im vorigen Artikel kritisierten Abhandlung geht
Gaede von der Voraussetzung aus, daß Hartmann von Aue für
seinen Erec als alleinige Quelle die gleichnamige Dichtung Chre-
tiens von Troyes benutzt und überall da, wo er von ihr abweicht,
nach eigenem Gutdünken vollkommen selbständig die Dar-
stellung des französischen Dichters modifiziert, verbessert und
ausgeschmückt habe.
l) Vgl. diese Zs. 411 (1913), 131—65, und 421 (1914), 11—73. Die
Fortsetzung der Artikelreihe wurde dadurch verzögert, daß der Verf.
14 Monate lang im Heeresdienst gestanden hat.
Seit der letztgenannte Artikel erschien, hat Förster als Ab-
schluß seiner Chretien-Ausgabe veröffentlicht: Kristian von Troyes
Wörterbuch zu seinen sämtlichen Werken. Unter Mitarbeit von Hermann
Breuer verfaßt und mit einer litterargeschichtlichen und sprachlichen
Einleitung versehen, Halle 1914 (Romanische Bibliothek No. 21), und
hier erneut über den „Artusroman und seine Anfänge"
S. 13, über die Frage: „Welches ist der erste Artus-
roman?" S. 17, über den „Erec" S. 52 — 56 und über den „M ab i -
nogion" -Streit S. 139 gehandelt. Irgend etwas neues bringt
er aber zu den in Rede stehenden Problemen nicht bei, vielmehr be-
schränkt er sich darauf, seine bekannten Behauptungen zu wieder-
holen, indem er die gegnerischen Arbeiten nicht einmal anführt, ge-
schweige denn, daß er auch nur den leisesten Versuch machte, die
gegnerische Beweisführung zu widerlegen.
S. 13 Anm. 1 werden die bekannten Arbeiten von Zimmer
zitiert unter Ignorierung der wichtigen Artikel von Lot, Romania
25,1 ff. und L o t h , Revue celtique 13, 475 ff., welche Zimmers Be-
hauptungen in wesentlichen Punkten korrigieren; ebenda, und noch-
mals S. 17, wird neuerdings auf die Einleitung zur Karre (Lancelot),
S. XCIX-CLII verwiesen unter Ignorierung meiner Zur Mabinogion-
frage S. 30 — 50 gegebenen ausführlichen Kritik dieses Abschnittes. —
S. 17 behauptet F., den Beweis erbracht zu haben, daß die Mabinogion
48 Rudolf Zenker.
Schon in dem genannten Artikel wurde aber gezeigt, daß
einige der von Gaede angezogenen Stellen, wo Hartmann mit dem
kymrischen Mabinogi gegen Chretien übereinstimmt, dieser
seiner Annahme ganz entschieden widerstreiten, indem die Über-
einstimmung nicht durch zufälliges Zusammentreffen zweier Be-
arbeiter erklärt werden kann.
Im folgenden nun soll auf Grund einer eingehenden Ver-
gleichung des Erec Hartmanns mit dem Chretiens, von dem ersterer
bekanntlich auf Schritt und Tritt inhaltlich sehr stark abweicht, —
während Hartmanns später entstandener Iwein sich seiner fran-
zösischen Quelle aufs engste anschließt — und mit der des Mabinogi
der zwingende Beweis erbracht werden, daß der deutsche Dichter,
von Gereint, Owen und Peredur nur Bearbeitungen der Chretienschen
Romane sind, „was zu einer längeren, von gegnerischer Seite schließ-
lich mit grenzenloser Leidenschaft persönlich gehaltenen Polemik
geführt hat, die ich glücklicherweise durch eine spätere Entdeckung
erledigen und die gegnerische Ansicht als eine ganz willkürliche, bloß
auf der petitio prineipii beruhende Phantasterei nachweisen konnte",
d. h. durch die angebliche Entdeckung, daß Chretien sich das „Witwen-
motiv" des Ivain aus dem Roman de Thebes geholt habe. — S. 19 wird
behauptet, „daß stets und einzig Kristian allein seines Artusromans
wegen von Mitwelt und Nachwelt gepriesen wird", wozu ich Zur Mabi-
nogionfrage S. 12 ff. zu vergleichen bitte. — Die Mabinogionfrage wird
S. 140 ff. abgetan durch Anführung einer längeren Stelle aus der Ein-
leitung zur 4. Aufl. des kl. Ivain (1912), S. XXVII ff. und einer Stelle
aus Försters Rezension der neuen Ausgabe des Sir Perceval of Gales
in der Ztschr. f. rom. Phil. 38 (1914). An erstgenanntem Orte rechnet
Förster Gaston Paris unter die Vertreter seiner Anschau-
ung, während dieser bekanntlich Försters Theorie bis zuletzt bekämpft
und nur für das Mabinogi von Gereint Benutzung Chretiens neben
einer anderen Quelle zugegeben hat, auch dies aber nur auf Grund
der seitdem widerlegten, von Förster inspirierten Arbeit von O t h -
m e r , s. hierüber Zur Mabjr. S. 28 ff. In den beiden von Förster
zitierten Stellen wird die Behauptung aufgestellt, der „mathematisch
sichere" Beweis für die Abhängigkeit der Mabinogion von Chretien
werde erbracht durch die Tatsache, daß letzterer im Ivain „sein Wit-
wenmotiv sich direkt aus dem Thebanerkrieg [Jocaste-Ep:sode] ge-
holt hat"; leider war diese Behauptung schon zur Zeit des Er-
scheinens des „Wörterbuches" überholt durch die von mir inzwischen
in dieser Zs. 411 (1913), 140 ff. vorgenommene eingehende Nachprüfung
der Försterschen „Entdeckung", deren, ich denke, überzeugendes Er-
gebnis war, daß aus den Zügen, welche der „Witwen-Episode" im Ivain
mit der Jocaste-Episode im Roman de Thebes gemein sind, für die
Abhängigkeit des kymrischen Owen vom Ivain, also auch für die Ab-
hängigkeit der Mabinogion überhaupt von Chretien, gar nichts erschlos-
sen werden kann. Folglich ist nicht „jedes weitere Wort zu dieser
Frage [zur Mabinogionlrage] überflüssig", sondern sämtliche,
gegen Förster vorgebrachte und von ihm nicht
widerlegten Argumente bleiben nach wie vor
in voller Kraft bestehen.
Nicht besser bestellt ist es mit der S. 142 f. von F. wiederholten
Behauptung, im Mabinogi von Gereint lasse sich ein Mißverständnis
des Chretienschen Textes nachweisen, indem der kymrische Bearbeiter
aus der bei Chr. V. 4220 und 4222 erwähnten Fee Morgue — so, nicht
Morgain, wie F. angibt, hat Chr. — einen Leibarzt — F. ernennt ihn
Weiteres zur Mabinogionfragc. 49
der sich in Nordfrankreich aufgehalten hat, wo schon vor dem
Erscheinen des Chretienschen Romanes die Geschichte Erecs
ein beliebtes Thema der umherziehenden Spielleute und conteurs
war, notwendig noch eine von der Ghretiens
sich vielfach unterscheidende, von ihr unab-
hängige, also mit ihr aus der gleichen Quelle
geflossene Version des Erec-Stoffes gekannt
haben muß, welche bisweilen die Geschichte in einer ur-
sprünglicheren Fassung bot, als Chr. es tut; es wäre auch mög-
lich, daß es sich nicht um eine zusammenhängende Version,
sondern um einzelne mündlich kursierende Episoden des Erec-
zum „Oberarzt" — Morgan Tut gemacht habe. Die Meinung, es könne
aus dieser Stelle irgend etwas für die Abhängigkeit des Mabinogi von
Ghretiens Erec erschlossen werden, ist endgültig und de-
finitiv schon von Edens, Erec-Geraint S. 40 ff. wider-
legt worden, s. bes. S. 45, vgl. dazu Zur Mabfr. S. 97 ff. und
diese Zs. 401, 207 Anm. 9. Durch Edens' Hinweis auf die Tatsache,
daß, selbst wenn hier wirklich auf Seiten des Mabinogi ein Mißver-
ständnis vorliegen sollte, wie Förster annimmt, dieses Mißverständnis
ja gerade so gut auf der gemeinsamen Quelle Chretiens und des Mab.
beruhen könnte, indem natürlich auch hier schon die Fee Morgue ge-
nannt sein konnte, — durch diesen Hinweis ist das in Rede stehende,
von Förster behauptete Mißverständnis als Beweisargument für die
Abhängigkeit des Mabinogi von Chretien ein für alle mal beseitigt.
Indes Förster ignoriert eben die Widerlegung seiner Ansicht, ein
Verfahren, das ja gewiß sehr bequem, aber wissenschaftlich doch
wohl nicht zulässig ist.
„Durch diese zwei hier angeführten Tatsachen ist die sogenannte
Mabinogionfrage endgültig aus der Welt geschafft", erklärt Förster
zum Schluß!
Das sehr kurz gefaßte Kapitel über den Erec, S. 52 ff., welches
ohne Begründung die Behauptung wiederholt, der in der Einleitung
des Erec erwähnte conte könne „unmöglich die Fabel des Kristian-
schen Romans enthalten haben, sondern nur einzelne Episoden",
und wegen des Gereint auf S. 139 verweist, bietet zu Bemerkungen
keinen Anlaß.
Ich möchte es nun nicht unterlassen, hier andererseits meine Be-
friedigung darüber auszusprechen, daß Förster in dem einleitenden
Kapitel „Das Volksepos" —Nachtrag dazu S. 228* —231* —noch-
mals die Bedi ersehe Theorie, die ausgesprochenermaßen den
Zweck verfolgt, der herrschenden, sicher fundierten Anschauung von
dem germanischen Ursprung des altfranzösischen Nationalepos den
Garaus zu machen, ganz entschieden ablehnt; hier stehe ich vollkommen
auf Försters Seite. Die Unmöglichkeit, die Lehre Bediers für den
größeren Teil des alten Epos von „Ludwigs Krönung" aufrecht-
zuerhalten, wird nachgewiesen in den Rostocker Dissertationen von
Paul Linnenkohl, Branche I und II des Couronnement de Louis.
Gegenwärtiger Stand der Forschung, Schwerin 1912, und von Friedrich
Holtschneider ("j*), Die dritte Branche des Couronnement de Louis,
Rostock 1913, denen sich binnen kurzem noch die den letzten Abschnitt
des Epos behandf lnde Dissertation von Otto H i n k f o t h , Die vierte
Branche des Couronnement de Louis, Rostock 1917, anreihen wird.
Bei Linnenkohl ist auch eine Übersicht der Kritiken zu finden, die
bis dahin über Bediers Werk erschienen waren.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Littr. XLV*/\ 4
50 Rudolf Zenker.
Stoffes handelte, von denen Hartmann Kenntnis erhielt, doch
spricht die ziemlich gleichmäßige Verteilung der signifikanten
Abweichungen und umfangreichen Plus-Stellen über die ganze
Dichtung eher für die Verwertung einer vollständigen Version,
die dem Dichter aber gleichfalls auf mündlichem Wege über-
mittelt sein könnte.
Ist dieses Ergebnis richtig, dann bewegt sich die ganze
Gaedesche Abhandlung, soweit Hartmann in Betracht kommt,
in einem verhängnisvollen circulus vitiosus, dann ruhen auch alle
germanistischen Arbeiten, die, auf der gleichen Voraussetzung
basierend, vermittelst eines Vergleiches des Hartmannschen Erec
mit dem Chretiens die dichterische Eigenart Hartmanns ermitteln
wollen, wenigstens teilweise auf recht unsicherer Grundlage.
Die Arbeiten von Karl Bartsch, Über Christians von
Troies and Hartmanns von Aue Erec und Enide, Pfeiffers Ger-
mania 7 (1862), 141 ff., Karl Dreyer, Hartmanns von Aue
Erec und seine alt französische Quelle, Königsberger Programm-
abhandlung 1893, Paul Hagen, Zum Erec, Zeitschr. f. deutsche
Philologie 27 (1895), 463—74, und F. P i q u e t , Etüde sur Hart-
mann d'Aue, Pariser These, Paris 1898, S. 183 ff. sind schon im
vorigen Artikel, diese Zeitschr. 42 *, 14 ff. von mir registriert und
kurz besprochen worden.
Indem ich auf das dort Gesagte verweise, gebe ich unter
Heranziehung der übrigen einschlägigen Literatur zunächst eine
{ bersicht über den Stand der Frage nach der Quelle, bezw. den
Quell e n von Hartmanns Erec.
Bartsch a. a. O. schloß aus den vielfältigen, weitgehenden
Übereinstimmungen zwischen Hartmann und Chretien, daß der
Erec des letzteren Hartmanns Quelle, und zwar seine alleinige
Quelle, gewesen sei, aber er sah sich durch eine Reihe auffälliger
Abweichungen des deutschen Dichters von seiner französischen
Vorlage, die Bartsch nur in dem Abdruck einer Hds. — der
Hds. B — durch I. B e k k e r zugänglich war, zu der Annahme
genötigt, Hartmann habe zur Vorlage eine Hds. des Erec gehabt,
welche von der durch Bekker abgedruckten verschiedentlich
differierte, und er sprach die Erwartung aus, es werde sich durch
Vergleichung der übrigen Handschriften des französischen Ge-
dichtes „ein dem Hartmannschen im einzelnen noch näher stehen-
der Text ermitteln" lassen.
In der Tat durfte aus den von Bartsch gegebenen Nachweisen
mit ziemlicher Sicherheit gefolgert werden, daß der deutsche
Dichter Chretiens Erec benutzt haben mußte.
Bartschens Ergebnis wurde denn auch von der gelehrten
Forschung akzeptiert. Franz E g g e r t, Über die erzählenden
Dichtungen Hartmanns von Aue, Schweriner Programm 1874,
S. 14 bemerkt bezüglich der Quelle Hartmanns, es sei „nach der
Weiteres zur Mabinogionfrage. 5 t
gründlichen Abhandlung von K. Bartsch kein Zweifel mehr
darüber, daß dies das gleichnamige Gedicht von Chrestien von
Troies gewesen ist, wenn auch nicht in der Gestalt, in welcher es
uns durch die Veröffentlichung des altfranzösischen Textes von
Imman. Bekker (Haupts Ztschr. X, 373 ff.) bekannt geworden
ist.'" Er meint S. 18, es komme nun darauf an, „denjenigen Text
[des Chretienschen Erec] zu ermitteln, welcher dem von H. be-
nutzten am nächsten steht.''
Endgültig sicher gestellt wurde dann Chretien als Quelle
Hartmanns durch die von Heinemann in der Zeitschr. für
deutsches Altert. 42 (N. F. 30), 259 ff. veröffentlichten Wolfen-
bütteler Bruchstücke einer zweiten Hds. des Hartmannschen
Erec, welche eine in der Ambraser Hds. vorhandene größere
Lücke teilweise ausfüllen und in denen V. 46291" der französische
Dichter ausdrücklich genannt wird: alse uns Crestiens sagil.
Dagegen ist bekanntlich Bartschens Erwartung, eine andere
Hds. des Chretienschen Gedichts werde eine zu dem Hartmann-
schen Texte besser stimmende Überlieferung bieten, durchW. För-
sters kritische Ausgabe des französischen Erec, Halle 1890,
nicht erfüllt worden: wie der Herausgeber selbst S. XVII fest-
stellt, findet keiner der von Bartsch herangezogenen Fälle, wo
Hartmann von der durch 1. Bekker veröffentlichten Hds. des
französisehen Gedichts abweicht, durch eine andere Hds. ihre
Erklärung.
Da nun nur die Voraussetzung, daß dies der Fall sein würde,
Bartsch abhielt, sich „der Ansicht anzuschließen, es habe dem
deutschen Bearbeiter ein anderer Erec vorgelegen als das Gedicht
Ghristianö", wird damit offenbar das Ergebnis von Bartschens
Untersuchung sofort teilweise wieder in Frage gestellt: es geht
nicht mehr an, zu behaupten, Bartsch habe Chretiens Erec als
Hartmanns alleinige Quelle erwiesen. Wie Bartsch ge urteilt
haben würde, wenn er die kritische Ausgabe des französischen
Erec noch erlebt hätte, wissen wir nicht; seine eben zitierte
Äußerung aber berechtigt zu der Annahme, er würde, nachdem
seine Vermutung sich nicht bestätigt hat, entweder eine zweite
Quelle Hartmanns geradezu postuliert oder doch die Möglichkeit
des Vorhandenseins einer solchen zugegeben haben.
Trotzdem hält Förster a. a. 0. an der „absoluten Ab-
hängigkeit" Hartmanns von Chretien fest, und auch bei den
Germanisten bleibt — mit den gleich zu nennenden Ausnahmen —
die alte Anschauung in Kraft, Bartsch habe als Hartmanns all-
einige Quelle Chretien erwiesen.
Nun haben aber seit dem Erscheinen von Försters kritischer
Ausgabe des Erec Dreyer, Hagen und P i q u e t darauf
aufmerksam gemacht, daß in einer ganzen Reihe von Fällen
Hartmann in sehr auffälliger Weise mit dem kymrischen Mabinogi
von Gereint gegen Chretien übereinstimmt:
4*
52 Rudolf Zenker.
Dreyer a. a. O. S. 23 weist solche Übereinstimmungen in
nicht weniger als 18 Fällen nach. Da er nun einerseits im Hinblick
auf die Arbeit von Bartsch und das eben angeführte Urteil Försters
als Hartmanns alleinige Quelle Chretien betrachtet und anderer-
seits die Ansicht von Othmer und Förster, wonach auch das
Mabinogi auf Chretien beruhte, als richtig voraussetzt, — sie
ist es aber, wie seitdem Edens gezeigt hat, nicht — , so schließt
Dreyer aus jenen Übereinstimmungen, es müsse eine andere
„Redaktion" Ghretiens gegeben haben, welche an den fraglichen
Stellen mit Hartmann und dem Mabinogi übereinstimmte.
Hagen a. a. O. hebt einige sehr beachtenswerte, Hartmann
und dem kymrischen Prosamärchen gemeinsame Abweichungen
gegenüber Chretien hervor und folgert aus ihnen, daß Hartmann
außer Chretien eine zweite Quelle benützt haben müsse.
Ebenso erklärt P i q u e t a. a. 0. die von ihm verzeichneten
16 Fälle, wo Hartmann und das Mabinogi gegen Chretien zu-
sammen gehen — es sind nur zum Teil die gleichen, die Dreyer und
Hagen erwähnen — durch Annahme einer zweiten Quelle Hart-
manns neben Chretien.
Zu diesen Arbeiten hat Förster dann in seiner Ausgabe
des Karrenrilters (Lancelot), Halle 1899, S. CXXIX ff. Stellung
genommen, er hat ein paar von den nachgewiesenen Überein-
stimmungen zwischen H. und M. ib. S. CXXXV, CXLIV, CXLIX
im Texte besprochen und die ganze von P i q u e t aufgestellte
Liste ib. S. CXLIV — CXLVIII in einer langen Anmerkung einer
Nachprüfung unterzogen, er hat dann S. CXLIX f. versucht, für
die Übereinstimmungen eine Erklärung zu geben und hat sich
im kl. Erec, Halle 1909, S. XXVIII— XXX nochmals zu der
Frage geäußert.
Sämtliche Försterschen Bemerkungen zu der Piquetschen
Liste werden später bei Erörterung der einzelnen Punkte Be-
rücksichtigung finden und auf ihre Berechtigung hin geprüft
werden.
Förster glaubt nun, einige der von Piquet verzeichneten 16
Punkte beseitigen zu können, ca. 8 oder 9 aber — im kl. Erec S.
XXX sogar ,,fast ein Dutzend" — läßt er gelten: hier könne die
Übereinstimmung zwischen Hartm. und Mab. wenigstens für die
Gesamtheit der Fälle nicht auf Zufall zurückgeführt werden:
,,Wenn zuzugeben ist, daß derlei Einfälle spontan durch einen be-
sonderen Zufall an einer und derselben Stelle zwei verschiedenen
Bearbeitern kommen können, so schließt eine Reihe
solcher Zusammentreffen jeden Zufall unbe-
dingt aus", kl. Erec S. XXX. Die Übereinstimmungen be-
weisen also nach ihm allerdings, daß Hartm. und Mab. hier aus
einer gemeinsamen Quelle schöpften, welche nicht der uns vor-
liegende Text des Chr. 'sehen Erec war. Förster stellt deshalb die
Hypothese auf, alle uns erhaltenen Handschriften
Weiteres zur Mabinogion frage. 53
di's französischen Erec müßten zurückgehen
auf ein [gemeinsames, schon fehlerhaftes, eine
Reihe Lücken aufweisendes Original, das er mit
Z bezeichnet; der Archetypus, 0, habe gegenüber unseren Hdss. eine
Anzahl Plusverse gehabt, und die Plusverse hätten in der
Quelle von Hartm. und Mab. noch gestanden; sein Schema,
Lancelot S. CXL, ist dieses:
O = Originalfassung des Chretienschen Erec.
Mabinogi Hartmann
z = Quelle aller erhal-
tmen Hdss. von
Nordische Saga Chrefiens Erec.
Erec = die erhaltenen Hdss.
Er glaubt, ein solches schon lückenhaftes Original aller
unserer 7 Erec-Hdss., abgesehen von den in Rede stehenden Über-
einstimmungen, S. GL — s. schon S. GXXIX — mit Sicher-
heit folgern zu müssen aus dem Vorhandensein zweier Lücken,
die unsere Erec-Überlieferung aufweise, s. Anm. zum gr. Erec
V. 2216—2219 und kl. Erec S. XIX.
Er kommt auf Grund dieser Erwägungen zu dem Ergebnis:
„Es folgt also mit zwingender Notwendigkeit, daß die
drei Mabinogion auf Ghretien und zwar nur
auf Chretien zurückgehen. Mab. hat einerseits seine
franz. Chretien-Handschrift stark gekürzt und kyrarisiert,
andererseits war die letztere, wie eine eingehende
Vergleichung von Mab. mit Hartmann (und der
nordischen Saga) lehrt, besser und vollständiger
als unser erreichbares 0 [d. i. z im obigen Stamm-
baum]."
Hierzu ist folgendes zu bemerken:
Zunächst hat Förster, indem er sich auf die Piquetsche Liste
beschränkte, die Übereinstimmungen, die zwischen H. und M.
nachgewiesen worden waren, nicht vollständig berücksichtigt,
denn Dreyer und Hagen haben solche, die bei Piquet fehlen;
dazu k^mmt, daß sich eine ganze Anzahl weiterer Konkordanzen
der beiden Texte gegen Chr. aufzeigen lassen, welche bis jetzt
unbeachtet geblieben sind.
Sodann können die Einwände, durch welche Förster mehrere
der Nummern der Piquetschen Liste beseitigen zu können glaubt,
z. T. nicht gebilligt werden, wie später bei Besprechung der einzel-
nen Punkte gezeigt werden wird; die Zahl der signifikanten
Übereinstimmungen ist schon bei Beschränkung auf die Liste
Piquets größer, als F. will.
54 Rudolf Zenker.
Weiter aber, und dies ist die Hauptsache: es lassen sich wohl
einige der fraglichen Übereinstimmungen zurückführen auf
ein Plus von einem oder mehreren Verspaaren in den von Hartm.
und dem Mab. benutzten Chr.-Hdss., bei weitem aber nicht alle;
denn es finden sich eine ganze Reihe Übereinstimmungen, welche
nicht darin bestehen, daß der Darstellung des uns vorliegenden
französischen Textes gewisse, im übrigen mit dieser wohl im Ein-
klang stehende Momente hinzugefügt werden, sondern vielmelu*
darin, daß die Erzählung in H.-M. von der unseres Chretien-
Textes mehr oder weniger stark abweicht.
Nun zeigen aber, wie ich Zur Mabinogionfrage, Halle 1912.
S. 34 festgestellt habe, „die Chretien-Hdss., abgesehen von einem
Plus oder Minus von wenigen Versen — in der Regel einem Vers-
paar — , das an dem Inhalt der Erzählung gar nichts ändert,
sondern höchstens einen ganz nebensächlichen Zug, eine neben-
sächliche Bemerkung hinzufügt oder wegläßt, nur in wenigen,
ganz seltenen Fällen eine längere Interpolation oder eine größere
Lücke, welche aber gleichfalls den Gang der Erzählung in keiner
Weise modifizieren, sondern bestenfalls eine ganz gleichgültige,
den sonstigen Gang der Darstellung nicht beeinflussende, ev. im
Originaltext schon angedeutete Plusszene hinzufügen oder eine
Szene der angedeuteten Art weglassen." Inhaltliche, den Gang
der Erzählung betreffende Differenzen begegnen, wie ich ebenda
S. 35 — 37 nachgewiesen habe, in den Hdss. der fünf bis jetzt
kritisch herausgegebenen Chretienschen Romane überhaupt nicht,
obgleich der Erec in 7 Hdss., der Cliges in 8 (4- Resten einer 9.),
der Ivain in 9 (-f- Resten von 3 anderen), der Lancelot in 5 (+ 1
Fragment) und der Guillaume d'Angleterre in 3 Hdss. erhalten ist,
und bezüglich des noch nicht kritisch herausgegebenen Perceval,
der in 16 Hdss. vorliegt, bemerkt Förster selbst, wie ich schon
im vorigen Artikel (Zs. 421, 21 Anm. 5) erwähnte, sein endgültiger
Text werde sich von dem der beiden von Potvin-Scheler
und von Baist veröffentlichten Hdss. ,.in nichts unter-
scheiden außer in dem Wortlaut einiger Stel-
1 e n."2)
2) S. über die PercepaZ-Handschriften Jessie L. W e ston, The
Legend of Sir Perceval, I, London 1906, S. 27 ff. Allerdings verzeichnet
Miß Weston neben Lücken und Zusätzen in den Hdss. in ganz ver-
einzelten Fällen auch inhaltliche Differenzen. Aber beim Perceval
liegt die Sache insofern anders als bei den übrigen Romanen Chretiens,
als diese von Chretien unvollendet gelassene Dichtung von verschie-
denen Autoren fortgesetzt wurde, deren Angaben gelegentlich zu denen
Chretiens und unter einander nicht stimmten, was dann zur Folge
hatte, daß Kopisten, die Inkozinni täten bemerkten, hie und da kleine
Retouchen vornahmen, die die Übereinstimmung herstellen sollten.
So bemerkt M. Weston S. 29 von der Pariser Hds. 12, 576: The Ma-
nessier section shoivs some slight variations frorn the usual text, clearly
due to the desire of the copist to harmonise the ineidents affected with the
version of Gerbert. Thus the smith whom Perceval visits on his way to
Weiteres zur Mabinogion frage. 55
Nicht anders verhält es sich auch mit dem in 5 Hdss. über-
lieferten Meraugis des Raoul von Houdenc, den Fried-
wagner, Halle 1897, kritisch herausgegeben hat. Auch hier
stimmen alle Hdss. im Gang der Erzählung bis in die Einzelheiten
genau überein.3)
Dies beweist, daß die Kopisten der Artusromane, wenn sie
auch gelegentlich den Wortlaut einzelner Verse oder Verspaare
änderten, irgend welche indifferente Verspaare wegließen oder
geringfügige, zu der gegebenen Situation passende neue Momente
einfügten, es doch nicht wagten, Änderungen an der Er-
zählung vorzunehmen, den ihnen gebotenen Text zu kor-
rigieren.
Unter solchen Umständen ist die Annahme schlechthin un-
zulässig, der Schreiber der gemeinsamen Quelle der uns er-
haltenen sieben Erec-Hdss. habe nicht nur eine beträchtliche Reihe
Verspaare ausgelassen, sondern er habe auch an vielen Stellen die
Darstellung seiner Vorlage modifiziert. Wir besitzen von
sämtlichen Werken Chretiens wohl im Wortlaut und in gleich-
gültigen Nebenzügen vielfach differierende H andschriften,
aber keine verschiedenen Redaktionen, und es ist in
hohem Grade unwahrscheinlich, daß das suppo-
nierte, fehlerhafte Original aller erhaltenen
Hdss. sich zum Archetypus ganz anders ver-
halten haben sollte, als die uns vorliegenden
Hdss. es unter sich tun. Im Gegenteil, da es, allen unseren
Hdss. vcrausliegend, zeitlich dem Archetypus noch ziemlich nahe
stehen würde, von dem es nur wenige Zwischenstufen trennen
defend Blancheflor from Arides is not Trebuchet but his son, who recog-
nises PercevaV s sword as having beert reforged by his father. Diese Quelle
inhaltlicher, übrigens, wie das angeführte Beispiel zeigt, sehr gering-
fügiger Differenzen lag bei den anderen Dichtungen Chretiens nicht
vor.
3) V. 3637 — 56, wo B mit 14 Versen von den anderen Hdss. ab-
weicht, liegt inhaltlich doch nur ein Minus in B vor, indem hier der
dem Meraugis von Marez gemachte und von jenem angenommene
Vorschlag fehlt, daß sie sich, wo immer sie sich begegnen werden, als
Totfeinde gegenübertreten wollen.
V. 5602 — 3 fügt B mit 14 Versen in die Kampfschilderung eine
Begegnung zwischen Gorvain und Meraugis ein. die mit dem Sturze
des ersteren endet.
V. 5906 — 10 erweitert W zu 14 Versen, die inhaltlich nichts weiter
neues bringen als daß die beiden Ritter, die in den anderen Hdss. in
den Sätteln bleiben, beide mit den Rossen stürzen und nun zu Fuße
weiter kämpfen, — also ein irrelevantes Plus.
Endlich, unmittelbar vor Schluß des Gedichtes, erweitert B V.
5926 — 28 zu 18 Versen, in denen erzählt wird, was sich nach dem Text
der übrigen Hdss. von selbst versteht: daß Meraugis die Lidoine hei-
ratet, und außerdem, daß Gorvain der Gatte der Amice wird, wovon
die anderen Hdss. nichts wissen, also auch nur ein kleiner Zusatz.
Das sind die stärksten Abweichungen, die sich in den 5 Hdss.
finden.
56 Rudolf Zenker.
könnten, so wäre mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen,
daß os sich von dem ursprünglichen Chretienschen Texte noch
wenig unterschieden hätte. In der Tat behauptet Förster auch
gar nicht, daß es stärkere Differenzen gegenüber dem Urtexte
enthalten habe, er spricht nur von einzelnen Plusversen in jenem
Original. Aber er hat eben die wirklichen Abweichungen
von der Erzählung Chr. 's, welche sich in den Hartm. und Mab.
gegenüber Chr. gemeinsamen Übereinstimmungen finden, nicht
beachtet oder er will sie mit unzureichenden Gründen nicht gelten
lassen. Somit lassen sich die fraglichen Überein-
stimmungen durch die Forst er sehe Hypothese
eines lückenhaften Originals aller auf uns
gekommener Hdss. des Er e c nicht erklären.
Dieselben fordern als gemeinsame Quelle
für Hartm. und das Mab. nicht eine andere
Handschrift, sondern eine andere, von der Er-
zählung Chr. 's vielfach abweichende Redaktion
des Erec-Stoffes.
Die oben erwähnten Lücken, welche Förster in unserer
ü>ec-Überlieferung entdeckt zu haben glaubt und in denen er
ein sicheres Indizium für eine schon lückenhafte Quelle der
letzteren erblickt, existieren in Wirklichkeit nicht, wie ich diese
Zs. 42l,22 gezeigt habe.
Soviel über Försters Kritik der von Dreyer, Hagen und
P i q u e t gegebenen Nachweise und seinen Versuch, die Über-
einstimmungen Hartm. 's und Mab/s gegenüber Chr. auf eine
bessere Hds., statt auf die Benutzung einer anderen nicht-Chre-
tienschen Erec-Erzählung durch H. und M. zurückzuführen.
Dieser Versuch muß als gescheitert gelten.
Daß Hartmann „wohl eine andere uns unbekannte Version
des Erec vor sich gehabt hat", d. h. eine nicht-Chretiensche
Version, schließt „mit Sicherheit" auch Ernst Friedländer
in der unter Ernst Martin und Gustav Gröber entstandenen
Straßburger Dissertation: Das Verzeichnis der Ritter der Artus-
tafelrunde im Erec des Hartmann von Aue verglichen mit dem bei
Crestien von Troyes und bei Heinrich v. d. Türlin, 1902, S. 7.
Offenbar infolge von Nichtbeachtung der Tatsache, daß das
Ergebnis der Untersuchung Bartschens durch Försters kritische
Ausgabe des Erec teilweise in Frage gestellt wird, und im Hin-
blick auf die entschieden ablehnende Haltung des letztgenannten
Gelehrten gegen die Postulierung einer zweiten französischen
Quelle des Hartmannschen Erec durch Hagen und Piquet ist
von germanistischer Seite, so weit ich sehe, den Bedenken, die
sich aus den in Rede stehenden Nachweisen gegen die Ableitung
des Hartmannschen Erec aus Chretien allein ergeben, keinerlei
Berücksichtigung geschenkt geworden.
Weikres zur Mabirwgionfrage. 57
Fedor Bech in der 3. Aufl. des Hartmannschen Erec,
Leipzig 1893, S. IX bemerkt, unter Verweis auf Bartsch und auf
Förster, gr. Erec, S. XVII ff.,: ,,Der Erec und später der Iwein
.... waren frei umgedichtet nach den gleichnamigen Hclden-
romanen, welche wir noch von jenem französischen Dichter
[Chretien] besitzen".
Ebenso ist Oskar Reck, Das Verhältnis des Hartmannschen
Erec zu seiner französischen Vorlage, Diss. von Greifswald 1898,
der Meinung, daß die Quellenfrage durch Bartsch definitiv ent-
schieden sei: er erwähnt die Untersuchungen von Dreyer, Hagen
und Piquet gar nicht und betrachtet alles, was Hartmann über
Chr. hinaus bietet, ohne weiteres als das Eigentum des ersteren.
.Nicht anders verfährt Georg J e s k e, Die Kunst Hartmanns von
A ue als Epiker, Diss. von Greifswald 1909, und G a e d e in seiner
im vorigen Artikel besprochenen Dissertation vom J. 1913, ob-
gleich er Försters Annahme einer sowohl von H. als dem M. be-
nutzten besseren Chretienhandschrift als ganz unwahrscheinlich
ablehnt.
Unzugänglich blieb mir leider trotz aller Bemühungen die
Abhandlung von P. J. Reimer, Die Abhängigkeitsverhältnisse
der Übersetzungen des Erec, Programm des Gymnasiums Seiten-
stetten (Österreich), 58 S., 1909. Ich bin bezüglich ihrer auf das
Referat im Jahresber cht /. Genn. Philol. 31 (1911), 7,68 an-
gewiesen: ,, Vergleicht Chrestiens Gedicht mit der afr. Prosa-
vorsion und mit der anord., mhd., keltischen Überlieferung.
Daß eine eigene Erecversion den nichtfranzösischen Fassungen
zu Grunde liege, lehnt R. ab; sie weisen auf einen nordwest-
französischen Zweig der Überlieferung Chrestiens, bezw. auf eine
niederrheinische Zwischenstufe zurück/' Also wieder die als
unzulässig erwiesene Annahme einer anderen handschriftlichen
Redaktion Chretiens !
Ich werde nun also in diesem Artikel den Nachweis liefern,
daß Hartmann notwendig noch eine zweite,
von Chretien vielfach abweichende Erec-
Erzählung gekannt haben muß, aus der er nicht
nur das meiste von dem, was ihm und dem Mabinogi gegenüber
Chretien gemeinsam ist, sondern noch manches andere entnahm,
und von der unter diesen Umständen vermutet werden darf, daß
sie ihm außerdem noch an manchen Stellen, wo sich der Nach-
weis nicht erbringen läßt, als Quelle gedient hat.
Eine neue Redaktion des Urtextes, eine Fassung des
Erec, welche von der des Archetypus inhaltlich abwich, die Ge-
schichte stellenweise anders erzählte, als es der Urtext getan
hatte, kann, wie ich oben gezeigt habe, die hypothetische ver-
lorene Quelle der uns erhaltenen Erec-Udss. nicht geboten haben.
Wo immer deshalb Hartmann und Mabinogi gemeinsam nicht
58 Rudolf Zenker.
nur ein geringfügiges Plus zu unserer Erec-Überlieferung, sondern
eine andere Version bieten, als es unsere Hdss. tun, da kann
ihre Darstellung nicht aus C h r »'■ t i e n — aus einer Ursprüng-
licheres bietenden verlorenen Hds. seiner Dichtung — , sondern
nur aus einer von der Chretienschen unabhängigen Erec-Erzählung
geflossen sein, welche mit ersterer auf die gleiche Quelle zurück-
ging.
Es soll zunächst die Frage ins Auge gefaßt werden, ob viel-
leicht die Quellenberufungen Hartmanns irgend welche
Indizien für die Annahme einer von ihm. neben Chretien benutzten
zweiten Quelle an die Hand geben.
Die Berufungen auf die ihm vorliegende Überlieferung, der
er zu folgen erklärt, sind in Hartmanns Erec sehr zahlreich; sie
wurden zusammengestellt von E g g e r t in dem oben genannten
Programm über Hartmann S. 14: es sind ihrer im ganzen nicht
weniger als 35, wozu also als 36. der Verweis auf Chretien in den
neuentdeckten Wolfenbütteler Fragmenten kommt.4)
Die Berufungen ergehen: auf die äventiure, die wärheit, auf
das rnaere, das wäre maere, auf ,,das Buch", in dem er es las,
wiederholt aber auch einfach auf das, was „man sagt", oder
sie bestehen auch nur darin, daß der Dichter erklärt, das und das
sei ,,ihm nicht kund", ,,ihm nicht gesagt".
Tch gebe nachstehend, unter Verwertung der Eggertschen,
eine Liste der Hartmannschen Quellenberufungen, indem ich in
Klammer beifüge, auf was die Berufung sich bezieht, und unter
„Chretien'* die Stelle verzeichne, wo sich bei ihm entsprechendes
findet, oder finden müßte.
Hartmann 182 ff.: Chretien:5)
sagt diu äventiure war 595 ff.
(das letzte Sperberturnier hat
vor zwei Jahren stattgefunden)
280: 375 ff.
nach der äventiure zal fehlt,
(der alte Ritter trägt einen
Schafpelz)
742: 778 ff.
als uns diu äventiure zalt fehlt.
(Iders prächtige Rüstung)
1416: 1358.
so man sagt
(Nichte des Herzogs)
4) 7138, wie es S. 14 u. statt 7318 heißen muß: als ich iu ze sagen
weiz, ist doch wol zu streichen; 4280 und 4282, 7486 und 7490 stehen
an der gleichen Stelle.
5) Die Ziffern sind für Chretien natürlich andere als bei Eggert, da
diesem die kritische Förstersche Ausgabe des Erec noch nicht vorlag.
Weiteres zur Mabinog ionfrage.
59
1586:
so man saget
(Enide wird reich gekleidet)
1621:
.... nach sage
(Gäweins untadpliges Wesen)
1926:
als man ez von der wärheit weiz
(auf Maheloas' Glasinsel herrscht
niemals Kälte noch Hitze)
1949:
so man seit
(die jungen Könige sind gleich
gekleidet)
2093:
uns saget daz wäre maere
(Brian größer als alle)
1653 f.
1691 f.
(entspricht aber nur ganz im
allgemeinen)
1951.
1964 ff.
fehlt.
1998.
2098:
sd saget man uns danne
(Bllei der kleinste Zwerg)
2238 :
nach der äventiurc sage
(Turnier zwischen Tanebroc und
Prürin)
1997.
2131.
2722:
so man seit
(Gäwein tut es stets allen zu-
vor; folgt längere Charakte-
ristik)
2224 f.
(nur: er machte damals seine
Sache gut; die Charakteristik
fehlt)
2741:
als wirz mit warheit haben ver-
nomen
(Gäwein ein vollkommener Rit-
ter)
ib.
fehlt.
2758:
wan man saget
(Gäwein in Britannien keiner
gleich)
ib.
fehlt.
2896:
nach der äventiure sage
(Erec und Enide in Carnant
freundlich empfangen)
2337 ff.
3298:
man saget
(die Wegelagerer bilden eine
Gesellschaft unter sich.
2796 ff.
fehlt.
60
Rudolf Zenker.
3497:
des enist mir niht geseit
(wem der Knabe Speise und
Wein bringt)
3684:
wände wir haben vernomen
von dem gräven maere
(der Graf von Natur bieder,
aber die Minne bringt ihn auf
Abwege)
4280:
ist uns wunder geseit.
mim si danne gelogen dar an
wir müezen siner geschiht
ein michel teil verdagen.
(Guivrets Persönlichkeit)
4307:
dar umbe man noch von im seit
(Guivret hat stets Glück ge-
habt)
462912:
alse uns Crestiens sagit
(Artus ist ausgezogen, um zu
jagen)
5657:
des enist mir niht kunt
(warum die beiden Riesen Cadoc
feind sind)
6126:
desn ist mir niht gezalt
(warum der Graf durch den
Wald ritt)
7054:
ich enhabe ius gesaget
so vil als ichs weste
(alles auf V. 4628 Folgende)
7298:
des horte ich im den meister jehen
(die linke Seite von Emdens
Rosse blendend weiß)
7461:
als uns der meister seite
(Frauenreitzeug dem Pferde auf-
gelegt)
7834:
als uns der äventiure zal
Urkunde da von git
(Schilderung der Burg Brandi-
gan
3129 f.
(stimmt nicht zu H.,
beides wird bei Gh. den Mähern
des Grafen Galoain gebracht)
3248 ff.
fehlt.
3679 f.
fehlt (nur ganz kurze Be-
merkung, s. unten S. 63)
ib.
fehlt.
3945 ff.
4517 ff.
(keine Angabe darüber)
4676 ff.
(kein Grund angegeben)
was auf 3931 folgt.
5325:
fehlt.
5330 ff.
(aus gemachten Angaben zu
erschließen)
5397 ff.
fehlt (in dieser Form ; Hartm.
macht ganz andere Angaben)
Weiteres zur Mabinogion frage.
61
7486: 5316 ff.
aan als mir da von bejach (die Schilderung des Zelters ist
von dem ich die rede hän bei Hartmann viel ausführlicher)
als ich an sinem bouche las
7892: 5739 ff.
des hörte ich im den meister jehen (kann aus der hier gegebenen
(der Baumgarten der schönste, Schilderung erschlossen sein)
den es je gab)
8200: fehlt,6) (müßte nach 5571
der meister enliege erwähnt werden)
(Palast der 80 Witween)
8240: die ganze Episode fehlt.
als ichs bin bewiset
(Tracht der 80 Witween)
8697: 5739 ff.
ob uns daz buoch niht liuget (stimmt im allgemeinen)
(Schilderung des Baumgartens)
9018: 5899.
als ich ez las
(rote Rüstung Mabonagrains)
9283 : 5938 ff.
so man seit fehlt.
(Erec hat in seiner Jugend in
England die Ringkunst erlernt)
9722: 6251.
als ich ez las
(Emde und ihre Kusine in Lalut
geboren)
10038 : Hartmanns ganzer Schluß fehlt
als uns diu wärheit von im sagt bei Chretien.
(Erecs Ruhm übertrifft alles)
Diese große Zahl von Hartmanns Quellenberufungen im
Erec ist auffällig im Hinblick auf die Tatsache, daß sich im Iwein,
von dem es feststeht, daß er allein aus Chretien geschöpft ist, —
den er inhaltlich genau wiedergibt — ihrer im ganzen nur
vier finden, E g g e r t S. 29, obgleich diese Dichtung nur ca.
2000 Verse weniger zählt als der Erec (8166 gegen 10134).
Die Liste zeigt, daß in 16 Fällen die Berufung durch Chre-
tiens Text nicht zu begründen ist, in zwei Fällen ist die Überein-
stimmung nur eine ziemlich allgemeine, in zwei weiteren Fällen
ist das, was H. sagt, aus Gh. nur zu erschließen, in einem Falle
— 7486 — steht bei Ch. nur das wenigste von dem, was H. hat.
6) Chretien entspricht hier nicht, wie Eggert meint, da der V. 5559
bei ihm erwähnte pales der Palast ist, in dem Evrain selbst wohnt und
in den er Erec gleich nach dessen Ankunft führt = die veste bei Hartm.
8188.
62 Rudolf Zenker.
Eggert zweifelt nun nicht, daß es bei denjenigen Stellen,
„wo die Züge durchaus bestimmt und concret gehalten sind,"
mit der Quellenberufung seine Richtigkeit hat; Fiktion der Quelle
sei hier nicht anzunehmen: „Diese Unsitte, daß man, bloß um
sich ein größeres Ansehen zu geben, und seinen Mitteilungen ein
bedeutendes Gewicht zu verleihen, fremde Quellen vorgibt,
taucht erst weit später auf.'" Er vermutet unter Berufung auf
Bartsch, daß Hartm. eine vollständigere Hds. vor sich gehabt
habe. Die Schuld müßte dann nach dem oben Gesagten also auch
hier wieder auf das schon lückenhafte Original unserer gesamten
Chr. -Überlieferung geschoben werden. Aber dann müßten in
diesem eine Anzahl sehr umfangreicher Lücken angenommen
werden und eine so weit gehende Verstümmelung des Original-
textes zu einer so frühen Zeit ist nach allem, was wir über die
handschriftliche Überlieferung der Artusromane wissen, ganz
unwahrscheinlich.
Trotzdem wird man aus Hartmanns Quellenberufungen an
sich an Stellen, wo bei ihm ein umfangreicheres, durch Benutzung
einer anderen Chr. -Hds. nicht zu erklärendes Plus vorliegt, Ver-
wertung einer zweiten Quelle mit einiger Sicherheit nicht er-
schließen können, da sich für Eggerts Meinung, schwindelhafte
Quellenberufungen seien zu H. 's Zeit noch nicht üblich gewesen,
kaum der Beweis erbringen lassen wird, vielmehr doch noch mit
der Möglichkeit gerechnet werden muß, daß H.'s Berufungen in
der Tat als solche zu bewerten sind, daß er eigene Erfindungen
und Zusätze durch sie decken wollte ; wenigstens möchte ich diese
Möglichkeit, an die ich allerdings selbst nicht glaube, in Rechnung
setzen, da von gegnerischer Seite voraussichtlich mit ihr operiert
werden würde.
Aber an e i n e r zu Chretien nicht stimmenden Stelle scheint
mir die Berufung Hartmanns auf seine Quelle dennoch keinen
Zweifel zu lassen, daß er hier wirklich eine solche benutzte und
nicht eigene Erfindung durch Fiktion einer Quelle glaubhaft
machen wollte.
Schon Eggert meint, Hartmann habe neben Chretien auch
noch die „Sage" benutzt: ,,In einzelnen dieser Stellen, nament-
lich in den ganz unbestimmten, wo es bloß heißt: man saget,
ist es nicht immer nötig, sie direkt auf die Vorlage zu beziehen,
vielmehr eine Beziehung auf die über jene Helden umlaufende
Sage geboten", wobei er also wohl nicht an mündliche Fassungen
gewisser Episoden des Ghretienschen Romanes denkt, sondern
an anderweitige Traditionen über einzelne Personen, die in
dem Romane auftreten.
In der Tat geht nun an einer Stelle, wo der Ausdruck be-
gegnet, — Eggert hat ihr keine besondere Beachtung geschenkt —
aus der Art und Weise, wie Hartm. sich ausdrückt, hervor, daß
er hier eine von Chretien verschiedene Quelle
Weiteres zur Mabinogionfragr. 6'J
benutzt haben muß, die allenfalls eine mündliche
gewesen sein kann. Es handelt sich um die 38 Verse umfassende
Schilderung Guivreiz' des Kleinen, V. 4279 — 4316, der bei Chr.
nur drei Verse gegenüber stehen :
De lui vos sai verite dire,
qu'il estoit mout de eors peüz,
mes de grant euer estoit hardiz.
Bei Hartm. heißt es hier V. 4279 ff.:
Von des selben manheit
ist uns wunder geseit.
er was ein vil kurzer man,
mirn si danne gelogen dar an
4298 wir müezen siner geschiht
ein michel teil verdagen.
man möhte vil da von gesagen,
wan daz da wurde der rede ze vil:
da von ich iu si kürzen wil.
4307 dar umbe man noch von im seit
Daß Hartm. hier eine Quelle fingiert haben sollte, ist nicht
denkbar; denn welchen Grund könnte er gehabt haben, zu er-
klären, er kürze die ihm vorliegende Darstellung, wenn er es
nicht wirklich tat? Auch macht die dreimalige Quellen-
berufung: „ist uns wunder geseit", „mirn si danne gelogen dar an" y
„dar umbe man noch von im seit", durchaus den Eindruck der
Wahrhaftigkeit, und die so individuell gehaltene Angabe, Guivreiz
sei einem Zwerge gleich gewesen, habe aber große Arme und
Beine und eine kräftige, starke Brust gehabt, 4283 — 87, sieht
nicht so aus, als stamme sie aus Hartmanns eigener Erfindung.
Die Annahme, Hartmann habe eine ältere, bessere Ghr.-
Hds. benutzt, welche ausführliche Mitteilungen über Guivreiz ent-
hielt, ist unzulässig, da die Stelle nicht anders beurteilt werden
kann als eine ganze Reihe anderer umfangreicherer Plusstellen
bei Hartm., deren Ableitung aus einer vollständigeren Chr.-Hds.
uns nötigen würde, in der Quelle der erhaltenen Chr.-Hdss. so
enorme Lücken anzunehmen, wie sie sich in der gesamten hand-
schriftlichen Überlieferung der Artusepik nicht nachweisen lassen.
Dazu kommt, daß Hartmanns Darstellung in der Guivreiz-
Episode von der Chretiens außerordentlich stark abweicht: Gleich
zu Anfang fehlt bei Hartm. alles, was Chretien V. 3663—3769
erzählt, nämlich daß Erec mit Enide über eine abgemähte Wiese an
eine Zugbrücke kommt, hinter der sich ein mit Mauer und Graben
rings umschlossener hoher Turm befindet, daß sie über die Brücke
reiten, daß Guivrez — dies die Chretiensche Form des Namens —
sie von dem Turme aus erblickt und sich waffnen läßt — aus-
führliche Schilderung — , daß er ihnen entgegenreitet auf einem
64 Rudolf Zenker.
Roß, dessen Hufschlag die Kieselsteine zu Staub zermalmt und
rings Funken entsprühen läßt, daß Enide, welche die drohende
Gefahr wieder zuerst bemerkt, in die größte Seelenangst gerät und
in einem Monolog von 26 Zeilen mit sich zu Rate geht, ob sie
Erec warnen soll, und, nachdem sie es getan, von Erec bedroht wird.
Bei Hartm. wird V. 4276 — 9 nur bemerkt, Erec sei in ein
unbekanntes Land gekommen, dessen Heer ihm fremd war, und
dann, nach der Schilderung Guivreiz', heißt es von Erec V. 4316:
Do er den strlt et vant,
dö wart im ir triuwe erkant.
als si in ge warnet häte,
nü sähen si also dräte,
in [sc. Guivreiz] dort zuo rlten.
Allerdings hat M. Haupt, Erec, Leipzig 1837, Anm. zu
4317 die Ansicht ausgesprochen, es müsse hier in der Hds. eine
Lücke vorliegen, und Paul, Beitr. 3, 195 hat ihm beigestimmt:
„Es mußte geschildert werden, auf welche Weise Erec mit dem
Guivreiz zusammentrifft, wie ihn Enite zuerst erblickt und ihren
Mann warnt, was ausführlich im französischen Text berichtet
wird .... Nach der Überlieferung ist es eine starke Zumutung,
er in 4318 auf Erec zu beziehen. Die Worte als si in gewarnet
haete setzen doch wohl voraus, daß diese Warnung bereits erzählt
worden ist."
Mir scheint das aber keineswegs sicher. Da unmittelbar vor-
her Hartm. erklärt hat, er müsse einen großen Teil von Guivreiz'
Geschichte verschweigen, er wolle die Rede kürzen, liegt
es doch, meine ich, viel näher, anzunehmen, H. habe hier, zu-
gleich mit einem Teile dessen, was seine Quelle von Guivreiz'
Persönlichkeit meldete, auch ihre näheren Angaben über das Zu-
sammentreffen Erecs mit ihm überschlagen, und das er V. 4318,
welches Paul beanstandet, erkläre ich daraus, daß Hartm. hier
eben seine ausführlichere Quelle vor Augen hatte.
Allerdings kann auch in diesem Falle aus dem Fehlen der
Angaben, die Chr. zu Eingang der Episode macht, ein Schluß auf
Benutzung einer anderen Fassung der Episode durch Hartm.
nicht gemacht werden.
Aber auch im Folgenden weicht die Erzählung Hartmanns
von der Chretiens wesentlich ab:
Es fehlt zunächst bei Chretien vollständig das 52 Zeilen
umfassende Gespräch, das bei Hartm. Guivreiz vor dem Kampfe
mit Erec führt. Sodann endet der Zweikampf bei Hartm. damit,
daß Erec den Guivreiz zu Boden schlägt, V. 4437, während Chr.
3827 ausdrücklich bemerkt, Guivrez sei nicht zu Fall gekommen:
bei ihm zersplittert Guivrez' Schwert, worauf dieser sich zur
Flucht wendet. Daß Erec und Guivreiz sich bei den Händen fassen
und zusammen ins Gras setzen, daß Enide ihnen Schweiß und
Blut abwischt, Hartm. 4493—4511, wird bei Chr. 3922 ff . nicht
Weiteres zur Mabinogionfrage. 65
erwähnt. Bei letzterem 3907 lehnt Erec die Einladung Guivrez*
ab, bei H. 4569 nimmt er sie an, und der Besuch auf Guivrez'
Schlosse wird dann in 50 Versen geschildert, V. 4579 — 4628,
während bei Chr. beide sich sofort wieder trennen.
Diese weitgehenden Differenzen legen den Gedanken sehr
nahe, daß Hartm. in der ganzen Guivreiz-Episode einer anderen
Quelle folgt, oder daß er doch neben Chr. noch eine solche
verwertet hat. In jedem Falle dürfen wir es im Hinblick auf das
oben Bemerkte als ziemlich sicher betrachten, daß es mit Hart-
manns Berufung auf eine ihm vorliegende ausführlichere Über-
lieferung über Guivreiz, die er abkürzt, seine volle Bichtigkeit
hat, und daß er zum mindesten seine Schilderung von dessen
Persönlichkeit aus ihr entnimmt. Diese Quelle war dann aber
gewiß keine andere, als eine ihm bekannte zweite Fassung eben
der vorliegenden Episode. Ist dem so, dann besteht kein Grund,
zu bezweifeln, daß Hartm. auch in anderen Fällen, wo er sich auf
ihm gewordene Mitteilungen, auf das, was „man sagt", beruft,
und wo Chr. Entsprechendes nicht hat, abgesehen von den Fällen,
wo es sich nur um ein geringes Plus gegenüber Chr. handelt,
das er möglicher Weise aus einer älteren, besseren Hds. haben
könnte, wirklich aus einer anderen Erec-Erzählung oder solchen
Erzählungen geschöpft hat.
Es läßt sich also wenigstens in diesem einen Falle schon aus
der Form von Hartmanns Quellenberufung der Schluß ziehen,
daß seine Darstellung sich nicht allein auf Chretien gründen kann.
Daß das Gleiche an anderen Stellen, wo er wesentlich über Chr.
hinausgeht, aus anderweitigen Gründen gefolgert werden muß,
wird später gezeigt werden.
In allen übrigen Fällen aber, wo Eggert Verwertung der Sage
durch Hartm. annimmt, möchte ich, da ich ganz sicher zu gehen
und allen etwa möglichen Einwänden von vornherein zu be-
gegnen wünsche, a priori die Möglichkeit nicht völlig aus-
schließen, daß er seine Quelle nur fingiert hat.
Ich wende mich nunmehr dem Vergleich Hartmanns
mit dem kymrischen Mabinogi zu und werde, indem ich
dem Gange der Chretienschen Erzählung folge, alle von Dreyer,
Hagen und Piquet aufgezeigten Stellen, wo Hartmann und das
Mabinogi gegen Chretien übereinstimmen, anführen, werde ihnen
noch eine Anzahl bisher nicht beachteter Stel-
len, die ich mit einem Sternchen versehe, hinzu-
fügen und werde in jedem einzelnen Falle untersuchen:
1. ob die Übereinstimmungen sich erklären lassen durch die
Annahme eines zufälligen Zusammentreffens zweier Bearbeiter,
für die es nahe lag, in Chretiens Darstellung das Gleiche zu be-
anstanden und es in gleicher Weise abzuändern;
Ztsclir. f. frz. Spr. u. Litt. XLV'/J. 5
»>»i Rudolf Zenker.
2. i»b sie sich erklären lassen durch die von Förster ad
hoc aufgestellte Hypothese, es möchten alle uns erhaltenen Hdss.
des Chretienschen Erec zurückgehen auf ein gemeinsames, schon
fehlerhaftes Original, welches eine bessere, teilweise vollständigere
Hds. zur Vorlage gehabt hatte, und der Erec Hartmanns sowie
das Mabinogi seien aus einer Hds. des letzteren Typus geflossen,
welche an den in Frage kommenden Stellen von dem gemein-
samen Original der erhaltenen Chretien -Handschriften abwich,
bessere, ursprünglichere Fassungen bot.
Ich gebe zu — wie ich das schon früher ausgesprochen habe — ,
daß mit der Möglichkeit der Existenz einer solchen älteren, bis-
weilen Ursprünglicheres bietenden Am-Hds. gerechnet werden
muß. Aber ich wiederhole: es ist bei dem Operieren mit dieser
Hypothese aufs entschiedenste daran festzuhalten, daß durch
sie Differenzen bei Hartmann und im Mabinogi gegenüber Chretien
nur dann erklärt werden können, wenn es genügt, an der be-
treffenden Stelle in ihrer Quelle ein Plus oder Minus von einem
Verspaar oder einer geringen Anzahl von Versen anzunehmen; wo
immer das Zusammengehen der beiden Texte in ihrer Vorlage eine
von der des überlieferten Chretien-Textes inhaltlich abweichende
Darstellung fordert, da kann diese Vorlage nicht eine bessere,
vollständigere Chretien-Hds. gewesen sein, sondern nur eine von
Chr. unabhängige Erec-Erzählung, weil, wie oben S. 54 ff. dargelegt
wurde, Verschiedenheiten im Gang der Erzählung sich eben in
der handschriftlichen Überlieferung von keinem der Chretienschen
Romane nachweisen lassen und demzufolge auch nicht ange-
nommen werden kann, daß solche Verschiedenheiten in einer
verlorenen Handschrift zu finden gewesen sein sollten.
Nach diese ii prinzipiellen Bemerkungen beginne ich mit
der Prüfung der in Betracht kommenden Konkordanzstellen.
Ich benutze das Mabinogi in der Übersetzung von J. L o t h ,
Les Mabinogion, trad. du gallois etc. Edition entieremmt revue,
corrigce et augmenlee, II, Paris 1913.
1. Hartmann und das Mabinogi führen erst Erecs Abenteuer
mit Yder und dem Zwerge zu Ende, bevor sie — H. 1098 ff.,
M. S. 139 — den Bericht über den Verlauf der Jagd und die Rück-
kehr des Hofes bringen, während Chretien den letzteren mitten
in jenes Abenteuer, V. 275 — 341, gleich da, wo Erec sich von der
Königin trennt, einfügt. Dreyer no. 4, Hagen S. 463.
Hierüber wurde schon diese Zs. 42 a, 32 gehandelt: es liegt der
Fall vor, daß zwei Bearbeiter unabhängig von einander geändert
haben könnten, indem beide die Unterbrechung der Erzählung
von Erecs Abenteuer als störend empfanden. Trotzdem verdient
im Hinblick auf die sonstigen Übereinstimmungen der beiden
Texte gegenüber Chretien ihr Zusammengehen auch in diesem
Weiteres zur Mabinogionfrage, 67
Punkte Beachtung, und in Wirklichkeit wird es sich aus einer
gemeinsamen Quelle, die nicht Chretien war, erklären, aber
Beweiskraft für die Annahme einer solchen Quelle besitzt es an
sich nicht.
2. Erecs Eintreffen bei dem alten Ritter (vavassor ). Dreyer
n»». 1, Piquet no. I; beide verzeichnen die Hartmann und dem
Mabinogi gemeinsamen Züge hier noch nicht vollständig.
Bei Chretien v. 342 ff. wird Erecs Ankunft folgendermaßen
erzählt:
Erec, dem Ritt* r Vder und seinem Zwerge nachreitend, kommt
in einen Burgflecken (un chastel), in dessen Straßen ein festliches
Treiben herrscht; Erec sieht den Ritter, der von den Einwohnern
freudig begrüßt wird, in einer Herberge verschwinden. Er selbst reitet
noch etwas weiter und erblickt nun durch ein offenes Tor, das in einen
ärmlich aussehenden Hof führt, auf einer Treppe (sor uns degrez) einen
bejahrten Ritter liegen. Er reitet in den Hof hinein, der Ritter eilt
ihm entgegen und fordert ihn freundlich auf, bei ihm Herberge zu
nehmen.
Von dieser Darstellung unterscheidet sich sowohl die Hart-
manns als die des Mabinogi in folgenden Punkten:
a*. Es wird geschieden zwischen dem Marktflecken, bezw.
der Stadt und einem über dem Marktflecken, bezw. am Ende
der Stadt gelegenen Schlosse:
Hartmann V. 222 f.:
ein market under dem hüse lac:
da kom er geriten in.
Im nächsten Verse wird das ,,hüs'' ,,die burc' genannt.
Mabinogi S. 129:
Ils marcherent .... jusqu' ä une ville forte. Ils apercurent,
vers l'extremite de la ville, des remparts et un chäteau et se dirigerent
de ce cöte.
b*. Es wird ausdrücklich bemerkt, der Ritter sei in dem
Schlosse eingekehrt, während wir bei Chretien nur erfahren, daß
er irgendwo Herberge fand :
Hartm. V. 173 ff.:
Nu sach er wä gegen im schein
ein hüs anheizen Tulmein
da reit der ritter vor im in.
Mab. S. 130: Le Chevalier, la femme ä cheval et le nain se rendirent
au chäteau.
c*. Der Ritter wird in dem Schlosse freudig empfangen,
während bei Chretien nur davon die Rede ist, daß die Leute in
den Straßen des Ortes ihn willkommen heißen : Hartm. V. 177 ff.,
Mab. S. 130.
d. Erec findet den alten Ritter, bei dem er Herberge nimmt,
nicht, wie bei Chr., i n der Stadt, sondern etwas abseits
vor oder in einem alten verfallenen Gebäude:
5*
68 Rudolf Zenker.
Hartra. V. 249:
Nu reit er also wiselös,
unz daz er verre vor im kos
ein altez gemiure.
Er schlägt den Weg nach diesem ein und findet in ihm den alten
Ritter.
Mab. S. 130:
II jeta les yeux autour de lui et apercut, ä quelque distance de
la ville, une vieille cour tombant en ruines et t oute
percöe de trous. Comme il ne connaissait personne en ville,
il se dirigea de ce cöte.
Der alte Ritter sitzt auf eim-r Marmorbrücke vor dem Hause.
Dreyer no. 1, Piquet no. 1.
S. über diesen Punkt Förster, Lancelot S. CXL1V. Er äußert
sich aber hinsichtlich der Bedeutung, die er der Übereinstimmung
Hartm. "s mit dem Mab. beimißt, sehr unklar: er gibt zu, daß der
Zug nicht überflüssig sei, vielmehr erwarte jeder, „daß dies Haus
des Vavasors, dessen Armut so nachdrücklich betont wird, in
einer entsprechenden Verfassung erwähnt wird"; „entscheidend"
aber werde [nämlich dafür, daß es sich nicht einfach um eine
Abänderung des uns vorliegenden Textes Chr/s handelt] „nur
das Zusammentreffen des Mab. mit Hartm." Gleich nachher
aber bemerkt er, bei allen diesen Fällen bestehe „noch immer
die Wahrscheinlichkeit, daß es Zusätze irgend eines bedacht und
konsequent in dieser Richtung seine Beobachtungen oder Einfälle
an passenden Orten einschiebenden, etwas selbständigeren Schrei-
bers sind".
e*. Erec bittet den Alten um Herberge, oder genauer — so
übereinstimmend Hartm. und Mab. — : er erklärt ihm, er bedürfe
der Herberge, worauf jener ihn auffordert, bei ihm zu bleiben
(Hartm. V. 300 ff., Mab. S. 130), während bei Chr. 384 ff. der Alte
Erec gar nicht zu Wort kommen läßt, sondern ihm sofort ent-
gegeneilt und ihn einlädt. Es kommt hinzu, daß bei Hartm. und
im Mab. ausdrücklich hervorgehoben wird, wie peinlich es Erec
ist, in dieser Weise um ein Nachtquartier bitten zu müssen: bei
Hartm. hören wir v. 302:
diu bete machte in schamrot,
und wenn es im Mab. heißt:
Gereint le regarda fixement longtemps. „Valet", dit le vieillard,
„ä quoi songes-tu?" — „Je suis songeur," repondit Gereint, „parce que
je ne sais oü aller cette nuit",
so kann das doch nur so verstanden werden, daß Erec es nicht
über sich gewinnen kann, seine Bitte anzubringen, — er wartet,
bis er angesprochen wird.
Diese fünf ganz speziellen Übereinstimmungen, von denen
die unter d offenbar die bedeutsamste ist, stehen unter einander
in gar keinem Causalnexus, die eine wird nicht durch die andere
Weiteres zur Mabmogionfrage. 69
gefordert oder auch nur nahe gelegt, sie werden ebensowenig
durch Chretiens Darstellung nahe gelegt, auch die unter d nicht,
wonach der Ritter in einem verfallenen Gebäude wohnt,
denn wenn er auch bei Ch. als a r m geschildert wird, so pflegen
doch auch arme Leute nicht gerade in verfallenen Häusern zu
wohnen; die Übereinstimmungen lassen sich ebensowenig erklären
durch Benutzung einer älteren Chretien-Hds. durch Hartm. und
den Kymren, denn sie haben, ausgenommen allein die unter d,
zur Voraussetzung nicht ein Plus von ein paar Versen, sondern
eine wirkliche Verschiedenheit der Darstellung von der, welche
alle Hdss. Ch.'s bieten. Die wichtigste Übereinstimmung, d, ließe
sich allerdings als ein Plus gegenüber H.-M. in einem Verspaar
zwischen V. 374 und 375 anbringen. Daß aber auch sie in einer
älteren Chretien-Hds. nicht gestanden haben kann, zeigt die
Schilderung, die Chr. V. 479 — 500 von der splendiden Bewirtung
gibt, die Erec bei dem vavassor zu Teil wird. Denn ein solches
Festmahl, bei dem man auf Steppdecken und Teppichen sitzt,
würde doch in einem alten Gemäuer undenkbar sein, der Wider-
spruch wäre ein zu krasser, als daß Chr. ihn sich hätte zu Schulden
kommen lassen können. Umgekehrt würde, vorausgesetzt, Chr.
habe die Version H.-M.'s vor sich gehabt, jene Schilderung ver-
ständlich machen, warum d bei Chr. fehlt. Da es nun ganz
unglaublich ist, daß zwei von einander unabhängige Bearbeiter
Chretiens durch reinen Zufall in all diesen Änderungen zusammen-
getroffen sein sollten, so ist für die ganze Stelle Chr. als Quelle
Hartm. 's und des Mab. vollkommen ausgeschlossen, vielmehr
müssen beide hier geschöpft haben aus einer Erec-Erzählung,
welche nicht die Chretiens war.
Wer die drei Texte hier vorurteilsfrei mit einander vergleicht,
wird auch zugeben, daß die Darstellung Chretiens — wie so oft —
undeutlich, verwaschen, die Hartmanns und des Mabinogi hin-
gegen vollkommen klar und präzise ist:
Der Ritter kehrt in irgend einer Herberge ein, — bei Hartm.
und im Mabinogi in der Burg, die am Ende, bezw. oberhalb des
Ortes liegt; Erec erblickt den Alten „auf einer Treppe", — bei
Hartm. und im Mab.: in, bezw. vor einem alten, verfallenen
Gebäude, welches etwas abseits außerhalb des Ortes liegt.
Nehmen wir an, die Darstellung von H. und M. sei bezüg-
lich der fünf in Rede stehenden Punkte hier die ursprüngliche und
auch in Chr.'> Quelle vorhanden gewesen, so würden sich die
Abweichungen des letzteren teils — a, 6, c, — als Folge von
flüchtiger Lektüre der Vorlage oder von ungenauer Erinnerung,
teils — d, e — als bewußte Änderungen unschwer erklären lassen:
obgleich nämlich Chretien die Armut des Vavassor wiederholt
hervorhebt, ist es ihm doch offenbar darum zu tun, die Lebens-
haltung des künftigen Schwiegervaters seines Helden, eines Königg-
sohnes, noch als einigermaßen anständig erscheinen zu lassen
70 Rudolf Zenker.
und diesem selbst nichts zuzumuten, was seiner Würde nicht
entsprechen würde; deshalb gibt er ihm einen Diener, deshalb
läßt er ihn seinen Gast aufs herrlichste traktieren. Dazu stimmte
nun aber ein „altes Gemäuer" als Behausung nicht, es erschien
ihm als eine Herabwürdigung des trefflichen Alten. Und mit
Erecs Vornehmheit vertrug es sich in seinen Augen nicht, daß
er um Herberge bettelte, — das Erröten vor Scham glaubte er ihm
ersparen zu müssen. Aus diesen Gründen eliminierte er
das alte Gemäuer und ließ er den Alten mit seiner Einladung
Erecs Bitte um Herberge zuvorkommen.
Hartmann und das Mabinogi haben weiter folgende Züge
gegen Chretien gemein:
3. Die Armut des Ritters ist konsequent durchgeführt:
Hartm. 307 ff., Mab. S. 130 ff.; er hat keinen Diener, Hartm. 349,
Mab. S. 131. Bei Chr. 393 ff. besteht ein greller Widerspruch
zwischen der mehrmaligen Betonung der Armut des Ritters,
V. 376, 510, der ärmlichen Kleidung seiner Tochter, V. 402 ff.,
und der vom Dichter gegebenen Schilderung seiner Häuslichkeit;
bei ihm ist auch ein Diener vorhanden. Piquet no. 2.
V. 365 ff. heißt es bei Hartm.:
„Für den Gast wurde gesorgt, so gut als sie es vermochten; gute
ausgebreitete Teppiche und darauf gelegt kostbares Bettzeug von
dem besten, das es gibt, mit Samt bezogen, reichlich mit Gold geziert,
dergestalt, daß ein Mann das Bett nicht hätte aufheben können, und
er es nur mit Hilfe von drei anderen hätte hinlegen können, und darüber
gebreitet, wie es großen Herren zukommt, eine Steppdecke von Seide,
reich und bunt gemustert, — diewaren in dem Hause abends
gar teuer (d. h. nicht vorhanden): sie boten wohl gutes Stroh:
darüber genügte ihnen ein schlichtes Bett: das bedeckte ein weißes,
leinenes Laken. Auch gab es da ritterliche Speise: alles Gute, was ein
kluger Mann in seinem Sinn erdenken könnte, das hatten sie in Über-
fülle und alles, was zur Bewirtung gehört, aber man trug es
nicht auf den Tisch. Der gute Wille mußte ge-
nügen, den man da im Hause fand: denn er ist ein
Unterpfand aller Güte."
Im Mab. S. 131 hat der Alte entweder überhaupt keine Speisen
im Hause oder doch keine, die er seinem Gaste vorsetzen möchte. Er
schickt deshalb seine Tochter in die Stadt, damit sie das beste Mahl
hole, das sie bekommen könne. Das Mädchen bringt dann einen Krug
mit Honig, ein Kalbsviertel und zwei Schnitten Brod : „für etwas
Besseres würde man ihr keinen Kredit gegeben haben." Gereint meint
aber, dies genüge ihm.
Bei Chretien wird die Abendmahlzeit V. 479 ff. folgendermaßen
geschildert:
„Steppdecken und Teppiche waren über die Betten ausgebreitet,
auf die die drei sich setzten .... Der Ritter hatte nur einen Diener,
weder Zimmermädchen noch Dienerin. Dieser richtete in der Küche
Weiteres zur Mabinogionfrage. 7!
für das Abendessen Fleisch und Vögel .... Gar gut und sehneil
wußte er herzurichten Fleisch im Wasser und Vögel auf dem Rost ....
Tische und Tischtücher. Brot und Wein wurden rasch beschafft und
gebracht, dann hat man sich zum Abendessen niedergesetzt. Alles
was sie brauchten, hatten sie nach Wunsch (Trestot, quanque mestiers
lor fu, Ont a Inr \olante eu).
Also alles, was bei Hartm. nur in der „Idee" vorhanden ist,
das ist hier herrliche Wirklichkeit! Während im Mab. ein ein-
faches Mal aus der Stadt beschafft werden muß, hat man hier
Fleisch, Geflügel d. h. den feinsten Braten, den es gibt, Brot und
Wein in Fülle im Hause, dazu einen eigenen Koch!
Durch die Annahme einer älteren Chr.-Hds. als Quelle H.-M.'s
ist hier nichts zu erklären, denn Verschiedenheiten der
Darstellung, wie eine solche hier vorgelegen haben müßte, be-
gegnen eben in Chr.-Hds. nirgends, dürfen also auch für jene
hypothetische ältere Hds. nicht angesetzt werden.
Dagegen könnte man nun allerdings einwenden, - wie
Förster, Lancelot S. CXLV, Anm. bezüglich des bei Chr. vor-
handenen Diners tut7) — -, die Inkonsequenz Chr. 's sei eben von
zwei verschiedenen Bearbeitern bemerkt und beseitigt worden.
Dagegen wäre zu sagen, daß stets die größere Wahrscheinlichkeit
dafür spricht, die objektiv bessere, widerspruchsfreie, logisch
konsequente Darstellung sei gegenüber der objektiv schlechteren,
in sich widersprechenden die ursprüngliche, als es sei umgekehrt
die letztere aus jener durch bewußte Änderungen begabter Be-
arbeiter hervorgegangen. Und sollen wir glauben, daß unabhängig
von einander zwei Bearbeiter sowohl die feinen Gerichte als auch
den Diener entfernten, obwohl doch der letztere auch bei
einem verarmten Ritter durchaus nicht in dem Maße unwahr-
scheinlich ist, daß notwendig der Leser an ihm Anstoß nehmen
muß?
Für die Unursprünglichkeit von Chretiens Darstellung spricht
auch der Umstand, daß bei ihm trotz des zur Verfügung stehenden
Dieners, ganz wie bei Hartm. und im Mab., die Tochter des alten
Ritters, Enide, Erecs Pferd besorgen muß, obgleich doch vor
allem dies, mehr als das Kochen, das er verrichtet, die Sache des
Knechtes gewesen wäre. Es ist dies also in unserer Episode eine
zweite Inkonsequenz Chretiens, der offenbar Enide als Pferde-
wärter in seiner Quelle vorfand, den Diener aber selbst einführte,
und es unterließ, diesen nun auch, wie er vernünftigerweise hätte
tun müssen, mit der Besorgung des Pferdes zu betrauen.
") Es ist ein Irrtum, wenn F. hier meint, auch das Mab. habe 6. 121
(= 131 der 2. Aufl.) den Diener, obgleich es ihn vorher geleugnet hatte.
Es ergibt sich aus der Darstellung des M. mit voller Deutlichkeit, daß
es sich nicht um einen Diener des Vawssor handelt, sondern um einen,
der Enide aus der Stadt mitgegeben wird, wo sie Einkäufe gemacht
hat: Elle revint bientöt accompagnee cTun serviteur.
72 Rudolf Zenker.
Ich glaube, wir dürfen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit
behaupten, daß die Darstellung Hartmanns und des Mab. hier
die ursprüngliche und die des französischen Dichters aus dem unter
der vorigen Nummer geltend gemachten Grunde aus ihr abge-
leitet sein muß.
4. Erec erzählt bei Hartm. und im Mab. dem alten Ritter,
wie er von Yder beschimpft worden ist, während er bei Chr. sich
auf die Bemerkung beschränkt, er „könne ihn nicht leiden".
Dreyer no. 2, Piquet no. 3.
Hartm. 474 ff., Mab. S. 133; Chr. hat 602 ff. nur:
„Cel Chevalier, je ne l'aim pas.
Sachiez, se je armes avoie,
L'esprevier li chalangeroie."
5. über diese Stelle dieseZs. 421, 57, wo ich schon ausgesprochen
habe, daß ich ihr kein Gewicht beilegen will, da hier in der Tat
die von Förster, Lancelot S. CXLV, Anm. vorgeschlagene Er-
klärung durch die Annahme des Ausfalls einiger Verse zwischen
602 und 603 in den erhaltenen Hdss. möglich ist.
5. Erec bekommt von dem alten Ritter bei Hartm. einen
alten, schweren und breiten Schild, einen unbehilflich großen
Speer, er und sein Roß sind halb unbedeckt, im
Mab. ist er angetan „lui et son ckeval, d 'armes lourdes, rouillees,
sans valeur" , dagegen wird er bei Chr. aufs herrlichste aus-
gerüstet, der alte Ritter erklärt ihm V. 613 ff.:
, .Armes beles et buenes ai
Leanz est li haubers tresliz,
Qui antre eine canz fu esliz.
Ghauces ai mout buenes et chieres,
Cleres et beles et legieres.
Li hiaumes est et bruns et biaus,
Et li eseuz fres et noviaus."
Piquet No. 4.
Auch über diese von Förster, Lancelot S. CXLV — CXLIX
und kl. Erec S. XXIX besprochene Stelle wurde schon Zur Mabino-
gionfrage S. 37 — 40 und diese Zs. 42 l, 33 ff. gehandelt; es genügt, auf
das dort Gesagte zu verweisen. Es ist ganz unwahrscheinlich, daß
zwei von einander unabhängige Bearbeiter hier Chretiens Dar-
stellung in genau der gleichen Weise geändert haben sollten, viel-
mehr haben beide offenbar die alten schlechten Waffen schon
in ihrer Vorlage gefunden, und da letztere zu der Armut des alten
Ritters stimmen, muß die Version Hartmanns und des Mabinogi
als die ursprüngliche betrachtet werden: Chretien änderte, weil
er seinen Helden nicht in solch jämmerlicher Rüstung zum Streit
ausziehen lassen wollte. Die Differenz zwischen Chretien einer-
seits, Hartm. und Mab. andererseits erklärt sich also wieder un-
gezwungen durch Chr. 's Rücksichtnahme auf den Geschmack
Weiteres zur M ab inogion frage.
73
seines feinen, höfischen Publikums, bei dem ein Königssohn in
alten rostigen Waffen Anstoß erregt haben würde.
6. Der Zweikampf zwischen Erec und Yder, Hartm. 754 ff.,
Mab. S. 133 ff., Chr. 863 ff.
Hartm. und Mab. stimmen gegenüber Chr. in folgenden
vier Zügen überein:
a*. Bei Hartm. und im Mab. brechen Erec und Yder eine
ganze Reihe Lanzen, bei Chr. findet nur e i n Gang mit der Lanze
statt ;
b*. Erec wirft seinen Gegner mit der besonders starken, bis
zuletzt aufgesparten Lanze seines Schwiegervaters aus dem Sattel,
während bei Chr. die ihm von seinem Schwiegervater gelieferte
Lanze im ersten Gang sofort zersplittert;
c. Yder allein stürzt aus dem Sattel, während bei Chr.
Erec das Gleiche passiert; Piquet no. 5., Dreyer no. 3.
d*. Erec steigt ab, um zu Fuß mit dem Schwert weiter
zu kämpfen. Piquet no. 5.
S. über die ganze Szene wieder diese Zs. 421, 35 ff. Die Über-
einstimmung Hartmanns und des Mab. in den angeführten vier
Zügen läßt sich weder durch zufälliges Zusammentreffen zweier
Bearbeiter Chr. 's erklären, da nichts bei Chr. diese Änderung
nahe legt, noch auch, im Hinblick auf das schon oben Bemerkte,
durch Benutzung einer älteren Chr.-Hds. durch die Bearbeiter,
vielmehr erweist sie mit Sicherheit hier für Hartm. und Mab. eine
Quelle, welche nicht Chretien war.
Förster, Lancelot, S. CXLV, Anm. erwähnt nur c und nimmt
hier wieder eine Lücke in unseren Hdss. an.
7*. Erec gewinnt die Kraft zu dem letzten gewaltigen Streich,
mit dem er seinen Gegner zu Boden streckt, endlich durch die
Erinnerung an die ihm und der Königin von dem Zwerge angetane
Schmach (H.: und durch den Anblick Enidens), nur kommt bei
Hartm. die Erinnerung ihm selbst, während er im Mab. von seinem
Schwiegervater daran erinnert wird.
Hartm. 929 ff.:
Es war lange zweifelhaft,
wer in dem Kampfe den Sieg
davon tragen würde:
Unz daz Erec der junge man
begunde denken dar an
waz im üf der heide
ze schänden und ze leide
von sJnem getwerge geschach.
und als er dar zuo an sach
die schoenen frowen Eniten,
daz half im vaste striten.
wan da von gewan er dö
siner krefte rehte zwo.
Mab. S. 135:
Le vieillard voyant que
Gereint venait de recevoir un
coup terrible et douloureux,
s'approcha vivement de lui en
disant:
„Seigneur, rappelle-toi l'ou-
trage que tu as recu du nain;
n'est-ce pas pour le venger que
tu es venu ici ? rappelle-toi
l'outrage l'ait ä Gwenhwyvar,
l'emme d'Artur."
En entendant ces paroles,
Gereint revint ä lui; il appela
ä lui toutes ses forces
74 Rudolj Zenker.
Bei Chr. fehlt diese Motivierung; auch bei ihm wird Erec,
wie bei Hartm., durch jene Erinnerung und den Anblick Enidens
angefeuert, aber bei anderer Gelegenheit, nämlich während der
Pause, die die beiden Gegner auf Yders Vorschlag in dem Kampfe
eintreten lassen.
Da bei Chr. keinerlei Anstoß vorliegt, so müßte es, als ein
ßehr merkwürdiger Zufall bezeichnet werden, wenn zwei ver-
schiedene Bearbeiter seine Darstellung hier in identischer Weise
abgeändert hätten; ebenso versagt die Erklärung durch An-
nahme der Benutzung einer älteren Hds. durch beide.
Weiter: Die Version von H. und M. ist ohne Frage die bessere.
Denn damit nach der vereinbarten Ruhepause der Kampf von
Erec wieder aufgenommen werde, bedarf es doch für ihn nicht
eines besonderen Ansporns; es versteht sich von selbst, daß er,
sobald er etwas Atem geschöpft hat, sich seinem Gegner von neuem
stellt. Dagegen ist das fragliche psychologische Moment sehr
wohl geeignet, zu erklären, warum Erec in dem so lange unent-
schieden gebliebenen Kampf endlich doch die Oberhand gewinnt.
Die H.-M.'sche Version wird deshalb die ursprüngliche sein und
das Motiv ist bei Chr. an die falsche Stelle geraten; allerdings
tritt es bei Chr. später noch einmal hervor, V. 989, aber erst,
nachdem Erec den entscheidenden Streich bereits geführt hat: in
der Erinnerung an die erlittene Schmach will er dem wehrlos
vor ihm liegenden den Kopf abschlagen, aber als dieser um Gnade
fleht, schenkt er ihm das Leben.
8. Nachdem Erec mit seinen Wirtsleuten in deren Behausung
zurückgekehrt ist, will der Herzog, bezw. Graf, dem der Ort
gehört, Enide mit besseren Kleidern beschenken, aber Erec lehnt
das Anerbieten ab: die Königin selbst soll später Enide kleiden.
Hartm. 1406 ff., Mab. S. 137.
Dagegen macht bei Chr. 1353 ff. die Nichte des Grafen,
Enidens Kusine, ihren Oheim darauf aufmerksam, daß es ihm
zur Unehre gereichen werde, wenn er Enide, seine Nichte, in so
ärmlicher Kleidung davonziehen lasse; der Graf fordert sie auf,
sie möge Enide von ihren eigenen besten Kleidern schenken, was
Erec aber, wie bei H.-M., ablehnt. Dreyer no. 5.
Ist die Chr. 'sehe Version die ursprüngliche, so bleibt wieder
dunkel, was hier zwei verschiedene Bearbeiter veranlaßt haben
sollte, in gleicher Weise zu ändern; Zurückführung der H.-M. "sehen
Version auf eine ältere Hds. ist ebensowenig angängig. Um-
gekehrt ist es verständlich, wie Chr., vorausgesetzt, es habe ihm
die Hartm. 'sehe Fassung der Episode vorgelegen, dazu kam,
das in Rede stehende, ihm eigentümliche Motiv hier einzuführen:
es heißt nämlich bei Hartm., gleich nachdem Erec das Anerbieten
des Herzogs ausgeschlagen hat, dessen Nichte habe Erec gebeten,
ein Pferd von ihm anzunehmen, V. 1413 ff., — Chr. hat. also ein-
Weiteres zur Mabinogionfrage. 75
fach, vielleicht in Folge einer kleinen Erinnerungstäuschung,
das Eingreifen der Nichte etwas früher erfolgen lassen.
9. Für die Bewirtung der zahlreichen Gäste, die sich am
Abend nach dem Zweikampf im Hause des alten Ritters einfinden,
sorgt der Herzog, bezw. Graf, der im Mab. auch seine Diener
mitbringt, Hartm. 1394 ff., Mab. S. 136 f.
Bei Chr. ist davon mit keinem Wort die Rede, so daß man
bei der Armut des Ritters nicht begreift, woher bei ihm auf ein-
mal die „vaslet plus de eint'' kommen und wie er eine so große
Gesellschaft bewirten kann. Piquet no. 6.
S. den Vergleich der Darstellung des Mab. und Ohr. 's bei
Edens, Erec-Geraint S. 83 f.
Hier ist nun allerdings die Erklärung möglich, es habe eine
ältere Chr.-Hds., die H.-M. benutzten, einige Verspaarc mehr
enthalten, die etwa den bezüglichen Versen bei Hartm. ent-
sprachen, wie das Förster, Lancelot, S. CXLV, Anm, auch an-
nimmt. Die Stelle mag deshalb nicht als beweiskräftig betrachtet
werden.8)
10. Es geschieht des Sonnenscheins Erwähnung, der durch
das Fenster von Erecs und Emdens Kemenate fällt, Hartm. 3015,
Mab. S. 152; bei Chr. wird seiner nicht gedacht, Dreyer no. 7,
Piquet no. 8; besprochen von Förster Lancelot S. CXXXV und
kl. Erec0- S XXX.
S. auch über diese Stelle Zs. 42", 37 ff. Dem dort gesagten
ist nichts hinzuzufügen. Da ein Plus von einem Verspaar in einer
älteren Hds. die Abweichung H.-M. 's erklären würde, so messe
ich ihr keine Beweiskraft bei.
11. Das Eifersuchtsmotiv, welches das Mab. in der zentralen
Szene S. 153 bietet, scheint auch bei Hartm. schon ebenda,
8) Dreyer No. 6 rechnet zu den Übereinstimmungen zwischen
Hartmann und Mab. auch, daß bei H. 1735 ff. und M. S. 144 die Ritter
Arturs ihre Bewunderung für Enidens Schönheit ausdrücken, bei Chr.
1751 ff. hingegen nicht. Indessen die angezogenen Stellen entsprechen
sich nicht genau: die bei H. findet sich da, wo Enide vor den Rittern
erscheint, nachdem sie von der Königin prächtig gekleidet worden ist,
die in M. gleich beim Empfang Enidens; hier, gleich bei ihrer Ankunft,
gedenkt aber auch Chr. des Eindrucks, den Enidens Schönheit auf
die Ritter macht, V. 1544: Sa grant blaute prisent et loent. Die Nummer
ist also zu streichen.
Piquet führt als No. 7 an: ,,Il est possible que les jouies prelimi-
naires de V Erec allemand au tournoi de Tanebrog et les nombreux tournois
que le Mabinogion prete ä Erec avant J'empirier' aient la meme origine" ;
Diese Annahme scheint mir aber doch recht gewagt. Denn bei
Hartm. 2412 ff. ist die Rede von einem fünfstündigen Lanzenbrechen
vor dem großen Tournier bei Tanebrog, dessen im Mab. keine Erwäh-
nung geschieht, im Mab. hingegen von Turnieren, die sich über drei
Jahre erstrecken. Ich möchte beides nicht in Parallele setzen.
76 Rudolf Zenker.
V. 3044 f., mit den Worten angedeutet zu sein: Si vorhte daz si
wurde gezigen Von im anderr dinge, wie denn später, V. 6780 ff., bei
H. noch deutlicher als bei Chr. V. 4920 ff. und 5138 ff. ausge-
sprochen wird, daßErec die ganze Abenteuerfahrt
unternommen hat, weil er an Enidens Liebe
zweifelte und ihre Treue auf die Probe stellen
wollte: Ez was durch versuochen getan Ob si im waere ein rehtez
wip\ er habe nun die Gewißheit gewonnen, Daz er an ir hatte
Triuwe unde staete Unde daz si waere Ein wip unwandelbaere.
Bei Chr. fehlt das Motiv in der in Rede stehenden Szene
gänzlich. Piquet no 9.
Vgl. hierzu Zur Mabinogionfr. S. 71 — 78 und diese Zs. 421,
37 ff.
Förster, Lancelot S. CXLV f. Anm. polemisiert gegen Piquet.
Aber seine Behauptung, die Angabe: Si vorhte usw. habe Hartm.
selbst hinzugefügt, entbehrt des Beweises. Der Einwand, bei
H. habe Enide die Befürchtung gehabt, im Mab. habe sie dagegen
Erec: „das ist doch nicht dasselbe", ist unverständlich, denn es
handelt sich doch nicht um die gleiche Befürchtung,
sondern um das gleiche Motiv: dort fürchtet Enide, Erec
werde, wenn sie ihm über den Grund ihres Kummers keine Aus-
kunft gebe, an ihrer Liebe zweifeln, hier fürchtet Erec, Enide
liebe einen anderen, es liegt also allerdings in beiden Fällen das
gleiche Motiv vor: Zweifel an Enidens Liebe, nur tritt es in ver-
schiedener Form auf: bei H. wird das Auftreten eines solchen
Zweifels nur befürchtet, im Mab. greift der Zweifel wirklich
Platz. Die Behauptung, der V. 2522 bei Chr.: Por moi fu dit,
non por autrui, beruhe auf einem Mißverständnis der Stelle in
Mab. S. 153: Une autre pensee le mit en emoi: c'est que ce n'etait
pas par sollicitude pour lui qu'elle avait ainsi parle, mais par
amour pour un autre qu'elle lui preferait, das Eifersuchtsmotiv
sei also durch ein Mißverständnis in das Mab. hineingekommen,
ist unhaltbar, da wir ja später, wie oben festgestellt, auch bei
Chr. und bei Hartm. hören, daß Erec an der Liebe der Gattin
gezweifelt hat; vielmehr verhält sich die Sache offenbar gerade
umgekehrt: in Chr.'s Quelle wird der im M. ausgesprochene
Gedanke so ausgedrückt gewesen sein, daß über die Beziehung
der Negation ein Zweifel möglich war, und Chr. machte aus dem:
„um mich nicht, um einen andern", ein: „um mich, nicht um
t'inen andern".
Piquets Auffassung wird also durch Försters Einwände
nicht erschüttert.
Da bei Chr. ein Anlaß, Erecs Benehmen aus Eifersucht,
aus Zweifel an Enidens Liebe zu erklären, nicht gegeben ist,
und dessen ganzes weiteres Verhalten zu einem solchen Verdacht
nicht stimmen würde, so kann weder selbständige Änderung
zweier Bearbeiter noch eine vollständigere Chr.-Hds. die Über-
Weiteres zur Mabinogionfrage. 77
einstimmung erklären. Indessen da die Sache bei Hartm. doch
nicht absolut sicher ist, so möchte ich auch diesen Fall nicht als
voll beweiskräftig betrachten.
12. Der Knappe, welcher Erec und Enide Speise und Trank
anbietet, ist allein, Hartm. 3489 ff., Mab. S. 160; bei Chr. 3126 ff.
ist er von zwei anderen Knappen begleitet. Dreyer no. 8, Hagen
S. 467.
Wie schon Zs. 421, 43 bemerkt, messe ich der Übereinstimmung
keine besondere Bedeutung bei, da in der Tat zwei Bearbeiter
unabhängig von einander darauf verfallen konnten, die beiden
Knappen, die entbehrlich sind, wegzulassen.
13. Erec und Enide waschen sich vor der Mahlzeit, welche
der Knappe ihnen vorsetzt, Hartm. 3547 ff., Mab. S. 161; bei
Chr. wird das nicht erwähnt. Dreyer no. 9.
Es könnte ein Zusatz zweier Bearbeiter vorliegen, oder ein
Plus von einem Verspaar in einer älteren Hds.
14. Bevor Erec mit Enide sich in den Burgflecken, in dem
der Graf wohnt, und ins Wirtshaus begibt, reitet der Knappe,
der ihnen Speise und Trank geboten hat, zum Grafen, der nun
Erec einladen läßt, bezw., bei Hartm., indem er ihnen entgegen
geht, selbst einlädt, bei ihm Wohnung zu nehmen; Hartm.
3600 ff., Mab. S. 161 f.; bei Chr. begibt sich der Knappe zum
Grafen erst, nachdem Erec und Enide im Gasthaus bereits ein-
getroffen sind, der Graf lädt sie auch nicht ein, bei ihm zu wohnen,
sondern er bietet Erec nur an, ihn im Wirtshaus frei zu halten,
Chr. 3194 ff., 3277 ff. Dreyer no. 10 (teilweise).
Hier liegen zwei ganz spezielle gemeinsame Abweichungen
Hartm. 's und des Mab. vor, welche ein sicheres Indizium
sind, daß beide in dieser Episode einer Quelle
folgen, welche nicht Chretien war; denn es ist ganz
unglaublich, daß zwei von einander unabhängige Bearbeiter Chr. 's
dessen Darstellung, die diese Änderungen in keiner Weise nahe
legt, beide genau in der gleichen Weise modifiziert haben sollten;
eine von den erhaltenen Ghr.-Hdss. abweichende Hds. als Quelle
H.-M.'s ist ebenfalls ausgeschlossen, da diese dann eine von der
der erhaltenen Hdss. inhaltlich abweichende Darstellung geboten
haben müßte, s. oben S. 54.
15. Als Erec und Enide sich im Wirtshause zur Mahlzeit nieder-
lassen, befiehlt Erec der Enide ausdrücklich, sich an einen von
ihm entfernten Platz zu setzen:
Hartm. 3662 ff. : Mab. S. 162::
Die frowen Eniten er niht liez Gereint dit ä Enid: „Va
mit samt im ezzen, de l'autre cöte de la chambre
wan er was gesezzen et ne passe pas de se cöte-ci."
besunder hie und si dort
von im an der tweheln ort.
78 Rudolf Zenker.
Von dieser Darstellung unterscheidet die Chretiens sieh in
zwei Punkten:
1. Eine Mahlzeit wird hei ihm überhaupt nicht ausdrücklich
»t wähnt, sie ist aber offenbar einbegriffen in der allgemeinen
Angabo V. 3205 ff.:
Li ostes moult bei les recut
et tot quanque il lor estut
[ist atorner a grant plante
liez et de bueno volante.
Hier wird indes ein Fernsitzen Enidens, wie bei Hartm.
und im Mab., nicht erwähnt, vielmehr hören wir davon erst
später, als der Graf erschienen ist, V. 3310:
L;t dame seoit de lui loing
tant con deus lances ont de lonc.
2. Der Leser muß annehmen, daß Enide sich freiwillig von
Erec fern hält, da ein Befehl Erecs, daß sie sich von ihm fern
setze, nicht erwähnt wird.
Pique t no. 1 0 .
Förster bespricht die Stelle Lancelot S. CXLVI Anm. Er
meint, daß Enide sich auf Erecs ausdrücklichen Befehl von ihm
weit weg setzt, habe Hartm. „aus eigenem hinzugefügt, da ihm
offenkundig ist, daß Enide freiwillig den ihr gebührenden Platz
nicht aufgegeben hätte." „Mab. 151 [= 163 2. Aufl.] läßt das
Paar ebenfalls essen, und entfernt Enide mit den Worten: Va de
l'aulre cöte de la chambre et ne passe pas de ce cöte-ci. Dies ist doch
die direkte Wiedergabe von de Vautre part Erec 3285, das Mab.
also gleichfalls früher, wo er [sie] vom Essen sprach, das bei Erec
fehlt, schon einschiebt, um seinem Leser keine Rätsel aufzutischen.'
Zugegeben, daß das: Va de Vautre cöte ... im Mab. auf das
bei Chretien an viel späterer Stelle begegnende:
V. 3284: . . li cuens onques ne repose
De regarder de l'autre part
zurückgeführt werden kann - - was aber wenig wahrscheinlich
ist, da dies doch einfach: „nach der anderen Seite" heißt, und
nach dem Zusammenhang hier keineswegs an ein Entferntsitzen
gedacht zu werden braucht — , so ist doch damit die Überein-
stimmung zwischen den beiden Texten nicht erklärt, denn es
handelt sich in erster Linie nicht um das Fernsitzen an sich,
sondern darum, daß es auf Befehl Erecs erfolgt, wovon
bei Chretien keine Rede ist. Das Zusammentreffen zweier Be-
arbeiter in diesem Punkte heischt Erklärung, und die bleibt
Förster eben schuldig. Dazu kommt also noch no. 1.
Ein bloßer Zufall kann nun hier schwerlich angenommen
werden, Erklärung durch ein Plus in einer älteren Chr.-Hds. wäre
zur Not wohl möglich, ist aber gleichfalls unwahrscheinlich,
da, wenn auch bei^Chr. jener Befehl ursprünglich vorhanden ge-
Weiteres zur M ab inogion frage. 79
wesen wäre, kein Anlaß vorgelegen hätte, später die Tatsache,
daß Enide von Erec entfernt saß, nochmals zu erwähnen.
Für die Annahme, daß der in Rede stehende Befehl vielmehr
von Chr. unterdrückt worden ist, spricht die Erwägung, daß
seine Beseitigung sich völlig befriedigend erklären läßt durch die
bei Chr. verschiedentlich hervortretende Tendenz, Erec in seinem
Benehmen gegen Enide möglichst rücksichtsvoll erscheinen zu
lassen. J)
16*. Enide setzt ihren Gatten rechtzeitig von der ihr durch
den Grafen drohenden Gefahr in Kenntnis und beide reiten noch
während der Nacht davon: Hartm. 3992 ff., Mab. 164 f.; bei Chr.
läßt sie Erec die ganze Nacht schlafen und beide entfernen sich
erst bei anbrechendem Morgen, V. 3459 ff.
S. diese Zs. 42', 46 f. Enidens Verhalten bei Chr. ist wider-
sinnig, die Darstellung bei H.-M. muß die ursprüngliche sein.
Erklärung durch zufälliges Zusammentreffen oder eine andere
Hds. kommt unter diesen Umständen nicht in Betracht.
17. Der Graf hat, als er am Morgen Enide entführen will
und das Nest leer findet, mit dem Wirt eine im Wesentlichen
bei Hartm. und im Mab. genau übereinstimmende Unterhaltung,
Hartm. 4058 ff., Mab. S. 166; bei Chr. 3522 fehlt diese Unterhaltung
vollständig. Hagen S. 467.
S. über diese Stelle die ausführliche Darlegung Zs. 42 \ 45.
Jede andere Erklärung als durch eine von Chr. verschiedene
Quelle ist ausgeschlossen.
18*. Es wird des Lichtes, bezw. der Lichter gedacht, welche
Erec und Enide beim Aufstehen anzünden und zurücklassen:
Hartm. 4052, Mab. S. 165; bei Chr. ist es schon Tag, von
Lichtern nicht die Rede.
S. Zs. 421, 47.
19. Erec und Guivrez haben vor dem Zweikampf ein Ge-
spräch, dessen Inhalt freilich bei Hartm. und im Mab. verschieden
ist, das aber hier und dort mit einer Herausforderung Guivrets
schließt: Hartm. 4325 ff., Mab. S. 168. Dreyer no. 11.
Bei Chr. wird ein solches Gespräch nicht erwähnt:
9) Als Xo. 11 führt Piquet an, daß Hartm. und Mab. beide nicht,
wie Chr. V. 2961 f. tut, den Leser darüber aufklären, daß Erec seine
Gattin nur auf die Probe stellen will und keineswegs die Absicht hat,
seine Drohungen auszuführen. Da indessen zur Erklärung dieser Über-
einstimmung die Annahme genügt, H. und M. hätten beide die frag-
lichen Verse ausgelassen, und ein zufälliges Zusammentreffen zweier
Bearbeiter bei bloßen Auslassungen leicht eintreten kann, so möchte
ich der Übereinstimmung keine Bedeutung beimessen; ich habe gegen
die Kritik, welche Förster an dieser Nummer Lancelot S. CXLVI übt,
nichts einzuwenden.
80 Rudolf Zenker.
V. 3770 Contre le Chevalier s'esmuet [sc. Erec],
Qui de bataille le semont.
Assanble sont au pi6 del mont ....
Da indessen hier die Einfügung eines dem Zweikampf vor-
ausgehenden Wortwechsels zwischen Guivrez und Erec für die
Bearbeiter nahe liegen mußte, so wird man auch diese Überein-
stimmung für die Beweisführung besser außer Rechnung setzen.
20. Erec besiegt Guivret durch einen gewaltigen Streich,
den er ihm auf den Helm versetzt: Hartm. 4434 ff., Mab. S. 169.
Piquet no. 12.
Auch bei Chr. 3823 ff. schlägt Erec seinen Gegner mit voller
Wucht auf den Helm, aber er bringt ihn dadurch nur zum Wanken,
als besiegt erklärt Guivret sich erst, als ihm sein Schwert zerbricht:
Erec s'esforce et s'esvertue,
6'espee li a anbatue
el hiaume jusqu'el chapeler
si que tost l'a fet chanceler;
mes bien se tint, qu'il ne chei.
Et eil ra Erec anvai,
si l'a si durement feru
sor la pane de son escu,
qu'au retreire est li branz brisiez ....
Er wirft nun auch den Griff weg und wendet sich zur Flucht; als
Erec ihn verfolgt, ergibt er sich.
S. dazu Förster, Lancelot S. CXLVII, Anm.
Da Chr. den Streich auf den Helm auch hat, so ist die Mög-
lichkeit zuzugeben, daß allenfalls zwei verschiedene Bearbeiter
darauf verfallen konnten, schon durch ihn den Kampf beenden
zu lassen.
Andererseits läßt, vorausgesetzt, die Darstellung H.-M.'s sei
die ursprüngliche gewesen, die Chr. 'sehe Version sich bei der
bekannten Vorliebe des Dichters für ausführliche Kampfschil-
derungen ungezwungen erklären aus seinem Bestreben, den Zwei-
kampf in die Länge zu ziehen.
21*. In der Szene mit Keu wird in dem fremden Ritter Erec
erkannt: Hartm. 4851 ff., Mab. S. 172; nur ist es bei H. Keu,
der ihn an der Stimme erkannt zu haben glaubt, im M. er-
kennt Gauvain ihn bestimmt und zwar am Gesicht.
Bei Chr. 4155 gibt Erec sich selbst zu erkennen.
S. über diese Szene, — welche auch die folgende no. 22*
einbegreift — meine ausführliche Erörterung Zs. 42 x, 48 ff.
Die Übereinstimmung zwischen Hartm. und Mab. ist von
besonderer Wichtigkeit, denn es ist, wie a. a. 0. dargelegt
wurde, nicht zu glauben, daß zwei verschiedene Bearbeiter Chr.
hier in der gleichen Weise geändert haben sollten, und die Er-
klärung durch eine von ihnen benutzte ältere Chr.-Hds. ist aus-
geschlossen, da es sich wiederum um eine von der Chr. 's sachlich
Weiteres zur Mab inogiotif rage. 81
abweichende Darstellung handelt; dafür, daß beide hier aus einer
Quelle schöpfen, die nicht Chr. war, spricht auch der Umstand,
daß beide offenbar eine Version bieten, die älter ist als die Chr. 's,
da Erecs Erkennung die Voraussetzung bildet für die Bezeichnung
des fremden Ritters als des besten Ritters bei Chr. 4123, als
welcher Erec ja in der Tat in dem Gedichte erscheint; ihre Version
muß also auch in Chr. 's Quelle vorhanden gewesen sein.
22.* Der Grund, weswegen Erec sich weigert, mit Gauvain
an Artus' Hof zu kommen, ist der, daß er, müde vom Kampfe
mit Guivret und schwer verwundet, wie er ist, sich körperlich
und seelisch nicht in der Verfassung befindet, um sich bei Hofe
blicken zu lassen, nur gibt er diesen Grund bei Hartm. nicht sofort,
gelegentlich der an ihn ergangenen Aufforderung, an, wo er sich,
V. 4974 ff., vielmehr nur in allgemeinen Ausdrücken entschuldigt,
sondern erst, nachdem es Gauvain durch eine List gelungen ist,
ihn doch zu Artus zu bringen:
Hartm. 5061 ff.: „Ihr seht wohl, daß ich gegenwärtig müde und
verwundet bin und so wenig geeignet, bei Hofe zu erscheinen, daß ich
mich des Hofes wohl enthalten hätte, wenn Ihr es mir erlassen haben
würdet. Ihr habt an mir nicht wohl getan"; denn, V. 5055: „wer bei
Hofe erscheinen soll, dem geziemt Freude, und daß er dem Hofe sein
Recht werden lasse (d. h. daß er so auftreten könne, wie man bei Hofe
auftreten soll); dazu bin ich jetzt nicht im Stande und ich muß mich
dessen enthalten als ein in seiner freien Bewegung behinderter Mann."
Mab. S. 172 f.: „Je ri ' irai pas", repondit-il, „je ne suis pas dans
un etat ä me presenter devant qui que ce soit." Gwalchmei läßt daraufhin
dem Artur melden, Gereint wolle nicht kommen, weil er verwundet
sei „et que c'etait pitie de voir V etat dans lequel il se trouvait".
Dagegen wäre bei Chr. 4106 ff. Erecs schwere Verwundung
umgekehrt gerade ein Grund, der ihn veranlassen könnte,
an den Hof zu gehen:
Je ne sui mie bien nemez,
ainz sui navrez aeuans Ie cors;
et neporquant ja n'istrai fors
de mon chemin por ostei prandi
„Ich bin nicht recht wohi, sondern bin im Leibe verwundet,
uiid trotzaem werae lcn von meinem Wege nicht abgehen,
um Unterkunft zu suchen/
Als Grund von Erecs Weigerung, vor Artur zu erscheinen,
scheint Chr. zu betrachten seinen ungeduldigen Tatendrang, der
ihm keine Ruhe läßt; wenigstens scheint so "verstanden werden
zu müssen die Motivierung seiner Weigerung gegenüber Keu, der
ihn vor Gauvain schon zu Artur mitnehmen wollte:
V. 4011 Erec respont: „Vos dites bien;
mes je n'i iroie por rien.
Ne savez mie mon besoing;
ancor m'estuet aler plus loing.
Leissiez m'aler; que trop demor.
Ancor i a assez del jor."
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV'/2- ß
82 Rudolf Zenker.
,,Erec antwortet: «Ihr sprecht gut, aber ich komme um keinen
Preis mit. Ihr kennt meine Notlage nicht; ich muß noch weiter
reiten. Laßt mich ziehen, allzu lange verweile ich. Noch ist ein
gutes Stück vom Tage übrig.»"
Da Chr. also die ganze Situation anders auffaßt, so ist es
in hohem Grade unwahrscheinlich, daß zwei von einander un-
abhängige Bearbeiter die völlig verschiedene Motivierung von
Erecs Weigerung, welche H. und M. haben, eingeführt haben
sollten, und es ist direkt ausgeschlossen, daß diese zu der Chr. 's
geradezu im Widerspruch stehende Motivierung in einer ver-
lorenen Chr.-Hds. gestanden haben könnte. Wir haben also auch
in dieser Episode wieder ein ziemlich sicheres Zeugnis für eine von
Hartm. und Mab. benutzte, von der Chr. 's abweichende Dar-
stellung der Erec-Geschichte.
23. Der Graf von Limors (Graf Limwris) fordert Enide auf,
mit ihm zum Essen zu kommen ; als sie sich weigert, führt er sie
mit Gewalt zu Tische:
Hartm. 6358 ff. Mabinogi, S. 177:
Nachdem der Graf sich zu
Tisch gesetzt hat, schickt er zwei
Kapläne und drei Dienstleute zu
Enide, die bei der Bahre ihres
ihres Gatten weilt, und läßt sie
auffordern, zum Essen zu kommen,
aber Enide kümmert sich um die
Boten nicht; nun sendet der Graf
zu ihr „der Herren michel mere",
die indes gleichfalls nichts aus-
richten:
V. 6376:
der wirt sprach „ich muoz selbe „Viens manger". — „Je
dar". n'irai point, par moi et Dieu." —
Also er dö zuo ir kam „Tu viendras, par moi et Dieu."
bi der hant er sl nam Et il l'emmena ätable,
und hiez si mit im ezzen gän. m a 1 g r e" e 1 1 e, et lui demanda
des bat diu frouwe sich erlän. avec insistance de manger.
Der Graf wiederholt die Bitte noch zweimal, V. 6410 und 6420 f.
V. 6423 Swie vil er doch sl gebat,
sone wolte si niht von der stat,
unz er si also betwanc,
er zöch si hin sunder danc:
wan si enmohte im niht gestriten.
er ensazte si niht ze siten:
ir wart ein valtstuol vor gesät
ze tische engegen, als er bat,
durch daz er die frouwen
diu baz möhte schouwen.
Bei Chr. ist keine Rede davon, daß Enide herbeigeholt
werden muß, und daß der Graf genötigt ist, sie bei der Hand zu
Weiteres zur Mabinog:onfrage. 83
nehmen und an den Tisch zu ziehen, sie wird vielmehr als schon
anwesend gedacht, und wir hören nur, der Graf habe sie mit
Gewalt auf einen Faltstuhl setzen und den Tisch vor sie hinstellen
lassen:
V. 4779 Apres vespres, un jor de mai,
Enide estoit an grant esmai.
Onqu'^s ses diaus ne recessoit.
Et li cu^ns auqui:,s l'angressoit
par proiiere et par menacier,
de pes feire et de solacier,
et si l'a sor un faudestuel
feite asseoir estre son vuel.
Vossist ou non, I'i ont assise
et devant li la table mise.
D'autre part est li cuens assis ....
Dreyer no. 12.
Hier läßt sich wieder die Möglichkeit nicht bestreiten, daß
die von H.-M. benutzte Chr.-Hds. einige Verspaare mehr hatte,
welche die in Rede stehende, in den erhaltenen Hdss. fehlende
Angabe, der Graf habe Enide mit Gewalt zu Tisch geführt, ent-
hielten.
Es ist aber bei Beurteilung dieser Stelle zu beachten, daß
Hartm. hier auch in anderen Punkten sachlich von Chr. abweicht:
Bei Chr. 4767 ist nur von einem Geistlichen die Rede:
Lors ont le chapelain mande, während H. 6341 f. von Bischöfen,
Äbten und vielen Pfarrern spricht, — allerdings wäre es möglich,
daß die von H. benutzte Hds. hier les chapelains gelesen hätte.
S 'dann erzählt Chr. nichts davon, daß der Graf Enide erst zwei-
mal durch Kapläne und Dienstmannen zu Tische habe bitten
lassen, und davon kann auch in einer älteren Hds. nichts gestanden
haben, da eine Lücke nur zwischen V. 4784 und 85 angesetzt
werden könnte, Erec aber schon vorher im Gespräch mit Enide
begriffen erscheint. Da Enide bei Chr. schon zur Stelle ist,
so muß natürlich bei ihm auch die Unterhaltung fehlen, in der
bei H. 6377 — 6412 der Graf die Widerstrebende zu bereden sucht,
sich zu Tische zu setzen. Bei H. 6436 f. vergießt Enide Tränen,
daß der Tisch naß wird, wovon bei Chr. nichts steht.
Da diese Züge im Mab. keine Entsprechung haben, so könnte
es sich freilich auch um Änderungen H.'s handeln, aber ebensogut
wäre es möglich, daß sie aus jener von Chr. verschiedenen Erec-
Erzählung stammten, auf die der H. und M. gemeinsame Zug hin-
weist, daß Enide von dem Grafen mit Gewalt zu Tische geführt
wird.10)
,0) Hagen S. 471 glaubt eine Übereinstimmung des Mab. mit Hartm.
gegen Chr. auch darin erkennen zu sollen, daß in beiden der Schrecken
der Ritter bei Erecs Wiedererwachen speziell darauf zurückgeführt
wird, daß ein Toter wieder zum Leben ersteht:
6*
84 Rudolf Zenker.
24*. Guivret, der „kleine König", hört, ein ,, toter Mann" habe
den Grafen erschlagen, er sagt sich, daß damit Erec gemeint sein
muß, und macht sich mit Gefolge auf, um ihm beizustehen: Hartm.
6833 ff., Mab. S. 179.
Vgl. Förster, Lancelot S. CXLVII, Anm. Die nachstehenden
Ausführungen, wie auch die unter no. 25, wurden niedergeschrie-
ben, bevor ich Försters Darlegung eingesehen hatte, mit dem
ich in der Interpretation der Darstellung des Mab. hier zusammen-
treffe; es ist aber F. völlig entgangen, daß sich damit eine wich-
tige Übereinstimmung Hartmanns mit dem
Mabinogi gegenüber Chretien ergibt.
Bei Hartm. 6813 ff. wird erzählt, ein Knappe aus Limors
sei zu König Guivret gelaufen und habe ihm gemeldet, ,,ein toter
Mann" habe den Grafen Oringles erschlagen; Guivret erkennt,
daß damit Erec gemeint sein muß, und fürchtet, das „lantvolk"
werde an Erec Rache nehmen wollen und ihn ermorden, er macht
sich deshalb mit etwa dreißig Rittern auf, um ihm ,,aus dem
Lande zu helfen".
Im Mab. wird zunächst nichts davon berichtet, daß zu
Guivret Kunde von den Vorgängen auf der Burg zu Limwris
gelangt, wir hören nur, daß Erec und Enide im Walde auf ein-
mal ilim und seinem Gefolge begegnen; aber daß auch hier Guivret
von Gereint Nachricht erhalten hat, erfahren wir gleich nachher
aus seinen an letzteren gerichteten Worten: Je suis le petit roi\
je viens d ton secours, parce que j'ai appris que tu etais dans la peine,
und daß Guivret nicht nur diese allgemeine Tatsache, sondern
auch genaueres über die vorausgehenden Ereignisse erfahren hat,
zeigen seine unmittelbar folgenden Worte: Si tu avais suivi mon
conseil, tu n'aurais pas eprouve ces malheurs, welche nur dahin ver-
standen werden können, daß die Kunde von Gereints Ohnmacht,
Hartm. 6663 ff : Mab. S. 178:
Fliehens gienc in michel not: Ce n'est pas tant la crainte
wan si forhten den tot. de l'homme vivant qui les
saisissait que le spectacle du
mort se levant pour les frapper.
Es wird dann ausgeführt, daß es kein Wunder sei, wenn nichts-
ahnende Leute beim Anblick eines auf der Bahre liegenden, mit blutigen
Wunden bedeckten, in Tücher gewickelten Mannes, der sich plötzlich
erhebt, in Schrecken geraten.
Bei Chr. 4867 ff. stehe dem nur gegenüber:
Li Chevalier saillent des tables,
tuit cuident que ce soit deables,
qui leanz soit antr' aus venuz ....
Hagen scheint aber übersehen zu haben, daß es auch bei Ehr.
gleich nachher. V. 4877 f., heißt:
Et crient tuit, et foible et fort:
„Eunez, fuiiez! vez ci le mort."
Aus dieser Stelle könnte wohl die Darstellung H.-M.'s erklärt
werden; icn möchte deshalb den Punkt von der Liste absnt" en
Weiteres zur Mabinogionfrage. 85
von den Vorgängen im Schlosse zu Limwris, der Tötung des
Grafen durch Gereint, schon zu ihm gedrungen war. Daß weiter
in der Quelle des Mab. der Überbringer dieser Nachricht an
Guivret den Gereint auch als ,, toten Mann" bezeichnet haben
muß, wie er es bei Hartm. tut, wird unter der nächsten Nummer
gezeigt werden.
Somit hat also der kymrische Erzähler unzweifelhaft seine
Quelle gekürzt: was er stillschweigend voraussetzt und dann
durch Guivret nur andeutend aussprechen läßt, das muß in ihr
vor dem Zusammentreffen Guivrets mit Gereint, wie bei Hartm.,
ausdrücklich erzählt worden sein: Guivret sei gemeldet worden,
ein „toter Mann" habe den Grafen von Limwris erschlagen,
Guivret habe sich gesagt, daß damit Gereint gemeint sein müsse,
und er habe beschlossen, ihm zu Hilfe zu eilen.
Dagegen geht nun bei Chr. das Gerücht — nur
von einem solchen (novele), nicht von einem bestimmten Boten,
ist die Rede — von Limors aus, ehe Erec den Grafen
erschlagen hat: ihm wird gemeldet, ein im Kampf getöteter
Ritter sei im Walde gefunden worden und bei ihm eine schöne
Dame; der Graf Oringles habe die Leiche fortschaffen lassen und
wolle die Dame trotz ihres Widerstrebens heiraten:
V. 4948 Trovez les avoit anbedeus
Li cuens Oringles de Limors,
s'an avoit fet porter le cors,
et la dame esposer voloit;
mes ele le contredisoit.
Quant Guivrez la parole oi
Er denkt sofort an Erec und macht sich mit tausend Rittern
und Dienstmannen auf, nicht um Erec beizustehen,
wie bei Hartm. und im Mab., sondern um den
Leichnam zu bestatten und Enide zu befreien.
Es ist vc llk< mmen ausgeschl« ssen, daß zwei von einander
unabhängige Bearbeiter Chr. 's diese Darstellung durch die, welche
Hartm. und das Mab. bieten, ersetzt haben sollten; es ist ebenso
ausgeschlossen, daß letztere ganz verschiedene Version in einer
älteren, besseren Chr.-Hds. gestanden haben könnte, aus der
si wi hl Hartm. als auch das Mab. sie übernahmen, denn wir haben
hier ja wieder den Fall, daß bei Hartm. und im Mab. nicht ein
Plu< gegenüber Chretien vorliegt — nur Pluszüge bei den Be-
arbeitern will Förster selbst durch die Hypothese der Existenz
einer solchen Hds. erklären — , sc ndern eine Verschieden-
heit der Erzählung, und zwar eine sehr wesentliche Ver-
schiedenheit!
Hier haben wir also abermals ein jeden
Zweifel ausschließendes Indizium, daß Hartm.
und das Mab. beide eine von der Chretien-
schen abweichende Erec-Erzählung benutzt
86 Rudolf Zenker.
haben müssen, ja es dürfte dies von allen in
Betracht kommenden Stellen überhaupt die
wichtigste sein.
25. Der „kleine König" Guivret erkennt, als er nächtlicher
Weile mit den beiden Reisenden zusammenstößt, Enide, bezw.
Erec, ( hne daß Enide nötig hat, ihm, wie sie es bei Chr. 5061 tut,
ausdrücklieh Erecs Namen zu nennen. Dreyer no. 13, Piquet
no. 13.")
Bei Hartm. 6861 ff. trifft Guivret im Walde mit Erec zusammen,
sticht ihn, da er ihn in d< r Dunkelheit nicht erkennt, vom Roß und
will ihm den Garaus mach' n, Enide ab r bittet um das Leben des
Gatten, der schon von Guivret in der Seite verwundet sei:
6956 Guivreiz die froun Eniten
bi dir stimme (rkande,
ouch half ez daz si in nande.
Im Mab. S. 179 begegnet Guivret gleichfalls dem Gereint, ohne
ihn zu erkennen, und reitet mit eingelegter Lanze auf ihn los:
El le voyant, Enid s'ecria: ,,Seigneur, quelle gloire auras - tu ä
iuer un hnmme mort, qui que tu puisses etre?" — „Ciel," dil-il, „serait-
ce Gereint? '
Daß hier, wie bei Hartm., Enide nach Auffassung des Er-
zählers an der Stimme erkannt wrd, wie Piquet meint, — <b
Dreyer der gleichen Meinung ist, bleibt ungewiß — , glaube ich
nicht, da Guivret dann d< ch zunächst Enide namhaft machen
müßte, während er vielmehr v< n Gereint spricht; Piquets Auf-
fassung ist wc hl durch die Darstellung Hartm. 's beeinflußt.
Wer die Stelle unbefangen liest, muß den Eindruck haben, daß
Guivret aus der Bezeichnung des von ihm ange-
griffenen Ritters als eines „toten Mannes"
durch Enide schließt, Erec vor sich zu haben.
Wie er zu diesem Schluß k' mmt, ist im Mab. nicht ersichtlich,
wird es aber s< f< rt, wenn wir annehmen, die Darstellung der
kymris hen Erzählung sei hier unv( llständig, es sei in ihrer
Quelle, wie bei Hartm., Erec durch das Gerücht als „teter Mann"
bezeichnet werden — ein teter Mann, so wird bei Hartm. ja dem
König Guivret durch den Boten gemeldet, habe den Grafen
Oringles erschlagen:
11 ) Beide formulieren aber die hier vorliegende Übereinstimmung
zwischen H. und M. nicht völlig genau:
Dreyer: „Guivrez erkennt Enide, ohne sich wie bei C. den Namen
nennen zu lassen (bei H. ausdrücklich an der Stimme, bei M., ohne
daß dies besagt wird)."
Piquet: Aussi bien dans le conte celtique que chez Hartmann, Gui-
vret reconnait Enide ä sa voix.
Guivret erkennt aber im Mab., wie das oben gegebene Zitat zeigt,
zunächst nicht Enide, sondern Erec, und es ist hier nicht gesagt —
wie Dreyer richtig feststellt — , daß er sie an der Stimme erkannt habe.
WeiUres zur Mabinogion frage. 87
V. 6832 nü gienc er [der garzün] für den künec stän
unde begunde im sagen
wie der gräve Oringles waere erslagen,
und daz hete ein toter man getan, —
und wenn wir annehmen, Guivret habe, wie bei Hartm., gleich
vermutet, mit dem „tüten Mann" sei Gereint gemeint: nun auch
Enide von einem „toten Mann" spricht, denkt Guivret s f. rt an
Gereint, den er ja sucht. „Ciel, . . . serait ce Gereint ?" Da, wie unter
der vorigen Nummer gezeigt, das Mab. bezüglich des Inhalts der
Nachricht, die Guivret erhält, gegen Chr. zu Hartm. stimmt,
so hindert nichts, anzunehmen, die Nachricht sei in der Quelle
des Mab. auch in der gleichen Form überbracht w. rden, und da
nun unter dieser Voraussetzung die Erkennung Gereints durch
Guivret im Mab. erst verständlich wird, so spricht w> hl die größte
Wahrscheinlichkeit dafür, daß es sich tatsächlich so verhält,
daß auch in der Quelle des Mab. dem Guivret gemeldet wurde,
ein ,,ti ter Mann" habe den Grafen von Limwris erschlagen.
Dies ist auch die Auffassung Försters, Lanc.
S. CXLVII, Anm.
Bei Chr. 4941 ff. erfährt Guivret vielmehr
von Euidf, daß er Erec vor sich hat: Guivret
sticht den Erec, den er, wie bei Hartm. und im Mab., nicht
erkennt, wie bei H., vom R ß; Enide macht ihm heftige V r-
würfe, er beruhigt sie und fragt sie nach dem Namen ihres
Gatten, den sie ihm nun nennt:
5059 Quant Enide asseürer s'ot,
br.emant li respont an un mot:
„Er< c a non, mantir n'an doi "
Wir haben hier also abermals eine gemeinsame Abweichung
Hartm. 's und des Mab. von Chr., ven der es wenigstens übeiaus
unwahrscheinlich ist, daß zwei verschiedene Bearbeiter auf sie
verfallen sein s Uten, ins> fern bei Chr. für den Leser keinerlei
Anstoß vorhanden ist, irgend ein Anlaß, die Nennung von Erecs
Namen durch Enide zu beseitigen, nicht gegeben scheint, — eine
Abweichung auch, die, in Anbetracht der Tatsache, daß wieder
eine Verschiedenheit der Erzählung vorliegt, nicht durch
Benutzung einer anderen Chr.-Hds. durch beide Bearbeiter er-
klärt werden kann.
26. Erec und Enide gelangen, als sie in Begleitung Guivrets
ihre Reise fortsetzen, an einen Scheideweg:
Hartm. 7810: Mab. S. 180:
>.ü truoc si der huofslac Us arriverent ä la grand'
üf einer schoenen heide route et virent qu'elle se divi-
an eine wegescheide. sait en deux.
Sie schlagen denjenigen Weg ein, den sie nicht einschlagen
sollten — so läßt sich das, was beiden Texten hier gemein ist,
formulieren:
88 Rudolf Zenker.
Bei Hartm. wollen sie nach Britannien zu König Artus, sie reiten
aber fehl, indem sie sich für den mehr betretenen der beiden Wege
entscheiden:
Die rehten sträze si vermiten:
die baz gebüwen si riten.
Im Mab. reiten sie nur für einen Tag spazieren, um sich dann an
den Hof Guivrets zu begeben. Sie begegnen einem Fußgänger, bei
dem sie sich erkundigen, welchen von beiden Wegen sie am besten
einschlagen würden; sie entscheiden sich aber gerade für den Weg,
vor dem er sie warnt, weil von allen denen, die ihn betreten haben,
nie einer wieder zurückgekehrt sei.
Bei Chr. ist von einem Scheideweg nicht die
Rede, Erec und Enide gelangen mit Guivret
ohne Aufenthalt direkt nach dem Schlossp
Brandigan:
V. 5367 Chevauchie' ont des le matin
jusqu'au vespre le droit chemin
plus de tränte liues galesches,
et vienent devant les bretesches
d'un chastel fort et riche et bei ... .
Dreyer no. 14.
Diese Übereinstimmung zwischen Hartm. und Mab. in einem
ganz speziellen Zuge, dessen Einführung durch Chr. 's Darstellung
in keiner Weise nahe gelegt wird, beruht schwerlich auf Zufall,
sie kann auch nicht, wie Förster, Lancelot S. CXLV, Anm.
will, aus einer älteren Hds., auf die H.-M. zurückgingen, ab-
geleitet werden, da ja nach Chr. die Reisenden ,,bis zum Abend'',
also bis sie am Ziele sind, „immer den geraden Weg weiter ge-
ritten sind" und zwischen den Versen 5369 und 5370, zwischen
denen die auf den Scheideweg bezüglichen Verse gestanden haben
müssten, nichts ausgefallen sein kann, da sie durch den Reim
gebunden sind.
So macht auch diese Stelle eine von Chr. abweichende Quelle
Hartm. 's und des Mab. wenigstens sehr wahrscheinlich.
27. Die Geliebte des Mabonagrain sitzt in einem Zelte:
Hartm. 8901 : „eine pavilüne" (und zwar auf einem Bette mit
silbernen Bettpfosten, V. 8953 ff.); Mab. S. 182: „wt pavillon
de paile" (auf einem vergoldeten Stuhle, ib.) ; bei Chr. 5880 ff.
sitzt sie vielmehr im Schatten einer Sykomore (auf einem silbernen
Bette, das mit einem goldgestickten Tuche bedeckt ist). Dreyer
no. 15 Piquet no. 15.
Die Übereinstimmung läßt sich durch eine andere Hds.
kaum erklären, wie das Förster, Lancelot S. CXLV, Anm. aller-
dings tut, dagegen kann freilich die Möglichkeit nicht geleugnet
werden, daß zwei Bearbeiter, denen bei dauerndem Aufenthalt
di > Sykomore als ein ungenügendes Obdach erschien, unabhängig
voneinander letztere durch ein Zelt ersetzten.
Weiteres zur Mabinogion frage. 89
28*. Als Erec vor die Jungfrau im Zelte hintritt, warnt sie
ihn vor Mabonagrain:
Hartm. 8972 ff.: Mab. S. 183:
Erec ist vom Roß gestie- Die Jungfrau sagt zu Gereint,
gen und vor die Jungfrau hin- nachdem er sich in den dem
getreten, 8985: ihrigen gegenüber stehenden
Stuhl gesetzt hat:
„herre, get durch got von mir „Seigneur", .... „je
stän. ne te coiibeille pas de t'asseoir
ez muoz iu an den lip gän, dans cette chaire." — „Pour-
und ersiht iuch min herre: quoi?" — „Celui ä qui eile
er ist von uns unverre." appartient n'a jamais permis
qu'un autre s'y assit". — ,,11
m'est fort egal qu'il trouve mal
que je m'y assoie".
Bei Chr. 5894 ff. werden zwischen Erec und dem Fräulein
vor dem Erscheinen Mabonagrains keinerlei Worte gewechselt,
eine Warnung findet nicht statt.
Hier könnte wieder ein Mehr von einigen Versen in einer
anderen Hds. die Übereinstimmung erklären.
29. Man hört Mabonagrain kommen, ehe er sichtbar wird
(bei H. vernimmt man seine Stimme, im M. ein lautes Getöse):
Hartm. 8989 ff., Mab. S. 183.
Bei Chr. ist davon nicht die Rede. Dreyer no. 16.
Auch hier würden einige Plusverse in einer älteren Hds. zur
Erklärung der Abweichung genügen.
30. Es wird gleich zu Anfang erwähnt, daß Mabonagrain
beritten ist, und zwar sitzt er auf einem besonders großen, starken
Roß:
Hartm. 9014: Mab. S. 183:
Sin ros was gröz unde hö, un Chevalier monte sur
starc rot zundervar. un cheval de guerre, aux na-
seaux orgueilleux, ardent et fier,
aux os forts ....
Beide Züge fehlen bei Chr. Dreyer no. 17.
Abermals ist die Annahme von Plusversen zulässig.
30 \ Mabonagrain fährt Erec mit der Frage an, wer ihn ge-
heißen habe, sich auf den Stuhl zu setzen, bezw. seiner Frau so
nahe zu treten; nachdem Erec geantwortet hat, (bei H. mit der
Gegenfrage, inwiefern er damit unrecht getan habe, im Mab. nur:
„moi-meme" ) , erklärt Mabonagrain, er habe unrecht, bezw.
töricht gehandelt (H. 9020: ez ist et vil toerlick; M.: Tu as eu tort
de me causer pareille honte et paraille af front .
Bei Chr. 5907 ff. wirft Mabonagrain dem Erec sein Unrecht
vor, ohne ihn zu fragen.
Einige Verspaare könnten ausgefallen sein.
31. Nach dem letzten Abenteuer kehrt Erec mit Enide in
seine Heimat zurück, übernimmt die Regierung und lebt mit der
90 Biviol f Zenker.
Gattin glücklich bis an sein Lebensende: Hartm. 10 001 ff. ,
Mab. S. 184 ff.
Die Schlußworte lauten im Mab. S. 184:
Gereint se rendit dans ses etats. II los gouverna ä partir de lä
d'une facon prospere; sa vaillano* ne c< sserent de lui maintenir gloire
et r^putation dösormais, ainsi qu'ä Enid.
Chr. hat einen ganz abweichenden Schluß, V. 6510 ff.:
Erec wird nach dem T« de seines Vaters nicht in seiner Heimat,
sondern zu Nantes durch den dortigen Bischt f mit großem
P( mp zum König gekrönt: die Feier wird ausführlich beschrieben.
Dann heißt es:
„Als dieses Fest zu Ende war, löste der König [Artus] die Ver-
sammlung der Könige, H< rzöge und Grafen, deren eine sehr große
Anzahl anwesend war, und die des anderen Volkes und der kleinen
Leute, die zu dem Feste gekommen waren, auf. Reichlich schenkte
er ihnen Pferde, Waffen und Silber, Tücher und Gewänder von mancher
Art, deshalb weil er sehr freigebig ist, und um Erccs willen, den er so
sehr liebte. Hier ist die Geschichte zu Ende."
Dreyer no. 18.
t ber diesen Schluß habe ich schon Zur M abinogionfrage,
S. 92 ff. ausführlich gehandelt, meine dort gegebene Darstellung
bedarf aber, wie ich jetzt glaube, in wesentlichen Punkten der
M* difikatii n.
Es kann, wie ich a. a. 0. S. 93 bemerkte, nicht wohl ein
Zweifel darüber bestehen, daß der Schluß, welchen Hartm. und
Mabinrgi bieten, der ursprüngliche Schluß der Erec-Erzählung
gewesen ist: Erec kehrt mit der Gattin in seine Heimat zurück
und beide leben d< rt glücklich bis an ihr Ende. Die Logik der
ganzen Erzählung f rdert diesen Schluß unbedingt.
Ist dem so, dann bestehen zwei Möglichkeiten, den hier
zwischen Chretien, der mit Erecs Krönung zu Nantes schließt,
einerseits und Hartm. -Mab. andererseits vorliegenden Unterschied
zu erklären:
1. Alle sieben erhaltenen Chr.-Hdss., die in den letzten
Versen stark differieren, gehen zurück auf ein am Ende ver-
stümmeltes Original: Chretiens Dichtung berichtete, wie Hartm.
und das Mab., am Schluß — nach der Krönung zu Nantes — auch
nrch die Heimke r Erecs in sein Reich. Hartm. und das
Mab. hatten n< ch eine v( llständige Hds. vor sich, beide
ließen, um zu kürzen, die Krönung zu Nantes weg.
2. Hartm. kannte neben Chretien eine vollständigere Version
des Erec-St< ffes, auf die auch das Mab. zurückgeht, und er
ersetzte den ihn nicht befriedigenden Schluß Chretiens durch den
abweichenden, den er hier fand.
Ich ließ es seinerzeit dahingestellt, welche von den beiden
Möglichkeiten den Verzug verdiene; für die erstgenannte machte
ich geltend, daß in der Tat den uns erhaltenen Hdss. ein eigent-
Weiteres zur Mabmogionfrage. 91
hoher Schluß gefehlt zu haben scheint, und nicht einzusehen ist,
warum Chr. die Dichtung unvollendet gelassen haben sollte!
Nun kann aber gerade gegen 1 ein sehr gewichtiges Bedenken
geltend gemacht werden:
Der genaue Vergleich Hartmanns mit Chreticn zeigt nämlich,
daß ersterer, wenn er auch gelegentlich Chretiens Darstellung
etwas kürzt, d< ch keine einzige Epis< de vollständig ausgelassen
hat, — er zeigt ferner daß es dem deutschen Dichter im Grunde
durchaus nicht um Abkürzung der Erzählung zu tun war,
indem er im Gegenteil diese vielfach sehr stark erweitert hat]
s. z. B. die viel ausführlichere Schilderung des Turnieres, die
geradezu maßl< s breite Beschreibung von Enidens Pferd u. a. m.
Gesetzt deshalb, es habe Hartmann eine vollständigere Cliretien-
Hds. vc rgelegen, welche außer der Beschreibung der Krönung
zu Nantes, die die uns erhaltenen Hdss. bieten, auch noch den
bei Hartmann vcrliegenden Schluß enthielt, müßte es als höchst
unwahrscheinlich bezeichnet werden, daß er die ganze Krönungs-
episcde, die bei Chretien 412 Verse, V. 6 46— 6958, umfaßt,
und die d< ch die deutschen ritterlichen Leser gewiß auch inter-
essiert hätte, einfach weggelassen haben seilte; es wäre nach
seinem s< nstigen Verfahren bestimmt zu erwarten, daß er, wenn
er schon kürzen wollte, der Krönung zu Nantes zum mindesten
m einer Anzahl Versen Erwähnung getan hätte.
Außerdem müßte es zum mindesten als auffällig bezeichnet
werden, daß Hartm. und das Mab. beide unabhängig von-
einander die ganze Episode der Krönung zu Nantes gestrichen
haben s> Uten.
Ferner wird, entgegen meiner früheren Auffassung, doch
w« h! wenigstens mit der Möglichkeit gerechnet werden müssen,
daß V. 6158: Li contes fine ci a tant, den Hds. P allein bietet'
ursprünglich ist, wie ja auch Förster den Vers in seine kritische
Ausgabe aufnimmt, sei es, daß P doch für sich allein a len anderen
Hdss. gegenüber eine Gruppe bildet — daß Försters Handschriften-
stammbaum nicht haltbar ist, wurde a. a. 0. S. 94 schon fest-
gestellt — , sei es, daß es jenen Vers aus einer besseren Hds. ent-
lehnte, n welchem Falle also dorn Original der erhaltenen Hdss.
em Abschluß — freilich ein rein äußerlicher — nicht gefehlt haben
würde.
Und angenommen, Chretiens Quelle habe der> Schluß Hart-
manns und des Mab. enthalten, so würde auch eine Erklärung
für den von ihm vrrgen« mmenen i rsatz dieses Schlusses durch
die Krönung von Nantes nicht fehlen.
Förster bemerkt nämlich S. 56 seines Kristian von Troyes
Wörterbuch „Einer .... Mitteilung Ph. A. Beckers 29. Oktober
1913 verdanke ich die Angabe, daß er sich bei der Königskrönung
m Nantes (6553 ff.) fragt, «ob Kristian nicht einfach der Krönung
Geoffroys durch seinen Bruder Heinrich II. in Nantes beigewohnt
Rudolf Zenker.
hat und wie ein rechter Dichlor sie in Dichtung umsetzt». —
Diese Krönung würde mit ihrem Jahr 1158 vortrefflich passen
und gäbt1 so einen Terminus a quo, so daß der Erec mit 1160 (oder
knapp vor 11GU) wirklich genau bestimmt wäre."
Beckers Hypothese hat gewiß etwas Bestechendes. Der
Gedanke läge dann nahe, Chretien habe, eben um seine Dichtung
durch eine so hoch aktuelle Schilderung zu schmücken, den ihm
vorliegenden, zu Hartm. und zum Mab. stimmenden Schluß
durch diesen anderen, Erecs Krönung durch Artus zu Nantes,
ersetzt.
Aus diesen Gründen glaube ich es nunmehr im Unter-
Bchiede von meiner Zur M ab inog ionfrage a. a. 0. gegebenen
Darstellung, wo ich eine Wahl zwischen den beiden m. E. be-
stehenden Möglichkeiten nicht traf, als sehr wahrscheinlich be-
ll.iliten zu dürfen, daß Hartm. seinen ganzen Schluß der von
ihm neben Chr. benutzten zweiten französischen Fassung des Erec-
Stoffes entnommen hat: ihm lag Chr. vor in dem Texte, den die uns
erhaltenen Hdss. bieten und der der ursprüngliche gewesen sein
kann: hier machte die weitläufig geschilderte Krönung zu Nantes
den Beschluß; daneben aber benutzte er jene andere Erec-Dichtung
welche die Krönung nicht kannte und an ihrer Stelle, offenbar
im Einklang mit der Originaldichtung von Erec, die Bückkehr
Erecs und Enidens nach Carnant hatte. Zwischen beiden Ver-
sionen mußte Hartm. wählen, und er entschied sich für die letztere.
S( »mit darf auch der Hartmannsche Schluß als ein Argument für
die Benutzung einer zweiten Erec-Dichtung durch Hartm. gelten.
Damit wären nunmehr die Fälle erschöpft, wo Hartmann
und Mabinogi gegenüber Chretien die gleichen Abweichungen
zeigen.
Wenn wir nun die Liste überblicken, so haben wir im ganzen
U Nummern, nämlich no. 1, 4, 9, 10, 12, 13, 15, 19, 20, 23,
27, 28, 29, 30, bei denen die Möglichkeit zugestanden werden
mußte, die gemeinsame Abweichung der Texte zurückzuführen
entweder auf selbständige Änderungen zweier Bearbeiter Chretiens
oder — und das ist bei weitem der häufigere Fall — auf die Be-
nutzung einer Chretien-Handschrift durch die Bearbeiter, welche
besser war als alle sieben uns erhaltenen Hdss. des Erec und an
den in Betracht kommenden Stellen einige schon in dem Original
aller erhaltenen Hdss. ausgefallene Plusverse aufwies — , die
Möglichkeit, daß schon das gemeinsame Original aller sieben Erec-
Hdss. lückenhaft war, haben wir Förster zugestanden; für sich
steht no. 11, bei der Übereinstimmung zwischen Hartmann und
Mabinogi nicht mit voller Sicherheit behauptet werden kann.
Dagegen sind nun in den 17 übrigen Fällen: no. 2, 3, 5, 6,
7, 8, 11, 14, 16, 17, 18, 21, 22, 24, 25, 26, 31, die in Bede stehen-
den beiden möglichen Erklärungen für die Differenzen, welche
Weiteres zur Mabinogionft
Hartm. und Mab. gegenüber Chretien aufweisen, teils vollkommen
ausgeschlossen, leiis doch in hohem Grade unwahrscheinlich
und zwar sind die wichtigsten, direkt entscheidend e a
Cbereinstimmungen die unter no. 2, 6, 14, 16, 17. 21, 22, 24,
26: diese genügen, um mit „mathematische r S ioh(
heit zu beweisen, daß an den Stellen, wo b i e
begegnen, Ilartmann und das Mabinogi beide
aus einer, sei es mündlich, sei es schriftlich
überlieferten, von der Chretien s vielfach
abweichenden Erec-Dichtung geschöpft ha-
ben müssen, — Hartmann benutzt diese Quelle n e b e n
Chretien, das Mabinogi benutzt sie ausschließlich.
Besondere Beachtung verdient von diesen Punkten nun
no. 5, „Waffen des alten Ritters", weil es hier ganz deut-
lich ist, daß Hartmann zwei verschiedene,
sich widersprechende Versionen vor sich hatte,
die er beide in seine Darstellung aufnahm.
Er stimmt nämlich einerseits zu Chretien, der dem ver-
armten Ritter ..senöne, leichte Waffen" zuschreibt:
Der aite Ritter sagt zu Erec:
Chretien 613 ff. : Hartmann 589 ff. :
Armes buenes et beles ai. So haben wir hie zehant
vil schoenez isengewant,
Chauct's .i mout buenes et beidiu behende [= legieret)
chieres, unde gu>>t.
Cleres et beles et legieres. Erec probiert dann die Rüstung
an, V. 617:
dö was ez behende unde gii"'
Später aber heißt es bei Hartmann in teilweise wör
lieh er Übereinstimmung mit dem Mabinogi:
V. 746 ff.: Mab. S. 134:
sin schilt was alt swaere bre it. Gereint , couverl
siniu sper unbehende gröz. Iui et son cheval. d'ar-
halp er und daz ros blöz, mes lourdes, r o u i i i •
als imz sin alter sweher lech. sans valeur.
Würde an letzterer Stelle eine bewußte Änderung Hart
rnanns vorliegen, so hätte er nicht V. 589 ff. von schönen, leichten
Waffen gesprochen. Vielmehr folgt er hier offenbar der Dar-
stellung der zweiten von ihm benutzten Quelle, welche die von
Chretien getilgten, für den verarmten Ritter allein passenden
schweren, schlechten Waffen, die die ursprüngliche Fassung der
Erzählung gehabt haben muß, bewahrt hatte. Der Widerspruch
zu der Darstellung Chretiens ist Hartmann nicht zum Bewußt-
sein gekommen. Solche Diskrepanzen werden sich, wo auf !
nicht völlig harmonierende Darstellungen des gleichen Vorgangs
eine dritte gegründet wird, immer leicht einfinden.
94 Rudolf Zenker.
Wer künftig noch behauptet, daß Hart-
mann aussch ließlieh Chretien vor sich ge-
habt habe, wird sich erst mit diesen Stel-
len auseinanderzusetzen haben und uns
sagen müssen, wie er die hier vorliegenden,
ganz speziellen Übereinstimmungen beider
Texte, welche zum Teil von der Art sind, daß
sie den Zufall ohne weiteres ausschließen,
erklären will. Daß die von Förster gegebene Erklärung,
auf Grund deren man bisher die Stellen ignoriert hat, durch-
aus unmöglich ist, wurde im Vorausgehenden S. 54 ff. und
dann von Fall zu Fall gezeigt.
Die fraglichen Übereinstimmungen sind nun aber zugleich
insofern für das Erec-Gereint-Problem von einschneidender Be-
deutung, als sie, wenn sie auch an eich nicht die Unab-
hängigkeit des Mabinogi von Chretien darLun, doch so-
viel mit absoluter Sicherheit beweisen, daß
der kymrische Erzähler eine von der Chr-
tienschen vielfach abweichende Erec-Über-
lieferung kannte, die er unter allen Umständen neben
ersterer verwertet haben müßte; daß der Kymre eine solche
zweite Erec- Überlieferung — und zwar ausschließlich — be-
nutzte, such'e mit Hilfe ganz anderer Kriterien nachzuweisen
Edens, indem er zeigte, daß die Darstellung des Mab. h ufig
ursprünglicher ist als dfe Chre iens und also nicht aus
diesem geschöpft sein kmn; die Übeinstimmungen Hartm -Mab.
gegen Chretien dienen somit dem Ergebnis Edsns'
zur Bestätigung und sind auch ) ür diejenigen
zwingend, welche die von E. angewandten Kri-
terien der Logik und Konsequenz der Darstel-
lung nicht gelten lassen wollen. Wnn si> gleich
der Annahme, daß da^ Mab. außerdem auch Chretien benutzt
habe, nicht im Wege stehen würden, so stimmen sie doch eben-
sowohl zu dem auf Grund eines genauen Vergleiches des Mab.
mit Chretien gewonnenen Ergebnis, wonach das kymrische
Märchen von letzterem völlig unabhängig ist.
Dreyer führt außerdem S. 23 f. noch 15 Stellen auf,
an denen Hartm. und das Mab. „dasselbe auslassen", — da erst
entschieden werden soll, ob beide Chretien überhaupt ver sich
gehabt haben, so werden wir vielmehr sagen: „von Chr. Berichtetes
nicht erwähnen" — , indem er bemerkt, daß diese Stellen „bei der
die Erzählung sehr kürzenden Darstellung Ms. natürlich weniger
ins Gewicht fallen". Ich begnüge mich, hier auf Dreyer zu ver-
weisen und sehe von Registrierung und Besprechung der Stellen
ab, da sie als Beweismaterial für de Benutzung einer von Chr.
verschiedenen Erec-Fassung durch Hartm. und Mab. nicht dienen
können; denn wenn von zwei Bearbeitern eines Textes der eine
Weiteres zur Mabinog'onfrage. Anhang. 95
6eine Vorlage durchgohends stark kürzt — wie der Kyrnre getan
haben müßte, falls er Chr. v< r sich hatte — , der andere sie wenig-
stens an vielen Stellen kürzt, wie Hartmann tut, s i werden b< ide
aller Wahrscheinlichkeit nach öfters das Gleiche auslassen.
Soviel über die Hartmann und dem Mabincgi gemein-
samen Abweichungen v< n Chretien.
Ich gehe nun dazu über, eine Anzahl Stellen genauer ins Auge
zu fassen, wo Hartmann v< n Chretien abweicht, o h n e daß das
Mabin< gi etwas Entsprechendes böte, — eine ganze Reihe sehr
auffälliger Unterschiede zwischen dem deutschen Dichter und
seiner französischen V rlage — es handelt sich vorzugsweise um
längere, inhaltreiche Plusstellen bei dem ersteren — in schärfere
Beleuchtung zu rücken, Unterschiede, die, um mit Bartsch zu
sprechen, „nicht so schlechthin als Willkür des deutschen Be-
arbeiters gelten dürfen, s ndern bei denen die Frage nach einer
anderen Quelle berechtigt erscheint '. Ihre Betrachtung wird
dem durch die virstehende Untersuchung gewonnenen Ergebnis
zur Bestätigung dienen.
(Fortsetzung folgt.)
Rostock i. M. Rudolf Zenker.
Anhang.
Während vorstehender Artikel bereits im Druck war, kam mir
durch freundliche V rm tt ilung des II< rrn Herausgebers die inzwischen
in dieser Zeitschrift 441 (i9.6), Heit 5/7, S. 129—188 erschienene
Abhand.'ung von W Meyer-Lübke, Chrestien von Troyes Erec
und Enide, zu G s cht. D r Verfasser, dessen Autor. tat als Sprach-
forsch r unbestritten :st, dt r sich aber als Literarhistoriker bisher nur
ganz geli gentlich b tat gt hat und speziell auf dem Gebiet der Artusepik
m. W. nur erst mit e nz hen kurzen Referaten hervorgetreten ist,
polemisiert vielfach g< gen Förster — er spricht S. 170 einmal von
der ,,bci Förster b:s zur Zwangsvorstellung entwickelten Auffassung
von Cr. stiens Genialität und Urschöpfung" — , auch nimmt er geli gent-
lich Edens gf gen Forst rsche Vorwürfe in Schutz, aber in der so überaus
wichtigen Frage nach dem V* rliä tnis von Chretiens Erec und Enide
zu dem kymr. sehen Prosamärchi n von Gereint stimmt er, wie sein
lrühi nr Kollege Ph. A. Becker — mit dem ich mich deswi gen im
Literaturblatt f. germ. und rom. Philologie 1903, Sp. 180—182 und in
dnser Zs. 41 l (i913), 131—165 bereits auseinandergesetzl hab
doch wieder dem verstorbenen Bonner Romanisten bei. Ich x> id
mich in einer späteren Nummer dieser Artikelreihe mit den ganzen,
die Erec-Dichtung betr effendi n Darlegungen Meyer-Lübkes — aus-
genommen den Abschnitt, in dem Fragen der mir fern liegenden kel-
t sehen Sprachgeschichte mit hereinspielen — eingehend zu
Aul dem knappen Raum, der mir in diesem Hefte noch zur V< rfügung
steht, muß ich mich darauf beschränken, die wenigen Seit* n. die M
Lübke am Sch'usse seiner Abhandlung speziell dem Erec-Gereint-
Probleme widmet: neun Seiten von sechzig, die d< r Artikel umfaßt,
kritisch Stellung zu nehmen. Immerhin möchte ich \\ nigsb ns zu ein
paar an früherer Stelle begegnenden Bemerkungen Meyer-Lübkes
mich sofort äußern:
96 Itntlul] Zenker.
I . I. o t hat in der Romania 30 (1901), 21 den Namen Enide, kymr.
Enid, abgeleitet von kymr. enit, „Waldlerche", und festgestellt, daß
dieses Wort dem Keltischen des Festlandes fremd ist, s. dazu Zur Ma-
binogionfragc S. 96; er i rschließt daraus insularen Ursprung des Namens
und weiter insularen Ursprung der Krec-Erzählung selbst.
Meyer-Lübke wendet S. 144 ein: „Um diese Zusammenstellung
einleuchtend zu machen, müßte nachgewiesen werden, daß bei Kymren
auch sonsl derartige Vogelnamen zu Personennamen werden und daß
der Name Enid auch sonsl im Kymrischen vorkommt. Beides ist,
si weit man bisher weiß, nicht der Fall". Das habe auch Förster schon
in dieser Zs. 383 I 1910), 184 richtig bemerkt. „Die kymrische Literatur
kennt ESnide einzig und allein als Name der Gattin des Erec, sonst
nicht, so daß man an seinem kymrischen Ursprung zweifeln darf".
Man könnte dann wohl „eine Schöpfung des [französischen] Dichters
sehen, bei der die Alliteration mit Erec den Anstoß, die Erinnerung
an Eneas die 'Weiterbildung brachte".
Daß Voraussetzung der Ableitung Enid < enit der Nachweis der
Entstehung von Personennamen aus Vogelnamen im Kymrischen sei,
muß ich bestreiten. Es kann sich sehr wohl um einen singulären Fall
handeln, und der Grund für diese Verwendung des Appellativums als
weiblicher Personennamen ist doch wohl ohne weiteres hinreichend
deutlich.
Wenn Förster a. a. O. bemerkt: „Es ist mir (und ebenso den
Keltisten) nicht bekannt, daß es derartige Namensbezeichnungen auf
den keltischen Inseln oder dem keltischen Festland gegeben habe".
so will das nicht viel besagen, denn Förster war bekanntlich des Kel-
tischen nicht mächtig, und die ganze keltische Philologie lag ihm fern;
sein.- keltische Autorität war früher Heinrich Zimmer, der aber, als
dieser Artikel geschrieben wurde, längst nicht mehr unter den Lebenden
weilte. Hat Förster wirklich Keltisten in dieser Sache konsultiert,
warum macht er sie dann nicht namhaft ?
Daß Voraussetzung der in Rede stehenden Ableitung der Nach-
weis sonstigen Vorkommens des Namens Enid im Kymrischen sei,
möchte ich gleichfalls bezweifeln. Es gibt genug Namen, die nur als
Namen gewisser Gestalten der Dichtung begegnen. Wo ist denn der
Name Perceval nachgewiesen außer im Perceval-Roman? Wo sind die
Namen Laudine, Lunete belegt außer im Ivain? wo der Name Beowulf
außer im gleichnamigen angelsächsichen Epos ? wo der Name Lohengrin
außer im Schwanenritter-Roman ? Es ließen sich bei einiger Umschau
ja noch zahllose Beispiele anführen!
Aber Meyer-Lübke hätte in Wirklichkeit gar nicht weit zu gehen
gebraucht, um ein kymrisches Analogon zu enit > Enid zu finden;
denn der kymrische Name Gwalchmei, der berühmte Gauvain der
französischen Romane, ist abgeleitet von kymr. gwalch, „männlicher
Falke", s. Loth, Les Mabinogion I (1913), S. 288, Anm. 1. Besteht
danach ein vernünftiger Grund, die Identität des Namens Enid mit
kymr. enit, „Waldlerche", in Zweifel zu ziehen? Wenn Enid in der
kymrischen Literatur außer in der Erec-Dichtung, genauer: im Gereint,
nicht begegnet, so gilt doch von Enide in der französischen Literatur das
gleiche; auch hier findet sich der Name sonst nicht! Und wenn Meyer-
Lübke vermutet, der französische Dichter des Erec habe den Namen
frei erfunden, warum soll das der Kymre dann nicht gerade so guthaben
tun können? Warum soll das eine eher möglich sein als das andere ? Daß
für die Wahl eines Namens mit anlautendem E die Alliteration zu
Erec bestimmend war. ist ja sehr wohl denkbar, aber dieses Motiv
könnte gerade so gut wie bei dem Franzosen auch bei dem Kymren
wirksam gewesen sein, denn neben Gereint steht im Kymrischen eine
Form ohne anlautendes G! Daß Enide. wie Meyer-Lübke meint,
Weiteres zur Mabinogionjrage. Anhang. 97
vielleicht eine Ableitung von dem Namen Aeneas, fr. Enee, sei, ist doch
eine Hypothese, die völlig in der Luft schwebl und die re< hl wenig ein-
leuchtet. M.-L. denkt jedenfalls an Eniide. Aber welchen Anlaß sollte
der französische Dichter gehabt haben, den Namen seiner Heldin dem
Titel des römischen Epos nachzubilden? Warum diese künstliche Hypo
these, wo die Ableitung von enit sich so ungezwungen darbietet ?
Meyer-Lübke meint ferner, wenn enit dem heutigen restläi dischen
Keltisch fremd sei, so beweise das noch nicht, daß die alte Spracht
Bretonische des Mittelalters, das Wort nicht besessen habe.
gewiß richtig, und im Hinblick auf diese Erwägung kann die Ableitung
des Namens aus dem Kymrischen allerdings nicht als absolut Bit h< i
betrachtet werden, aber hat sie nicht trotzdem alle Wahrscheinlichkeit
für sich, wenn wir bedenken, daß der Schauplatz des Erec-Romans bi »wohl
bei dem Kymren als bei Chr^tien das kymrische Britannien ist,
und daß gerade im Kymrischen, in keinem anderen keltischen Dialekte,
enit, „Waldlerche", heute vorhanden ist?
S. 147 erklärt M.-L.: „Von der Eifersucht, die der Verfasser des
Gereint und mancher Neuere bei ihm [nämlich bei Chretiens Erec]
finden wollen, ist keine Spur da, sonst würde er nicht beim Abschied
für den Fall, daß ihm auf der Fahrt ein Unglück zustoßen sollte, Etüde
seinem Vater anempfehlen, . . ." Diese Darstellung ist nicht richtig.
Mit den „Neueren" sind gemeint Gaston Paris, der Lrheber der An-
schauung, von der die Rede ist, Mario Roques, Edens und Verf., die
wir uns hier G. Paris angeschlossen haben. Wir haben nun aber keines-
wegs behauptet, daß Erec bei Chretien als eifersüchtig erscheine, sondern
das gerade Gegenteil: daß Erec von dem französischen Dichter nicht
als eifersüchtig oder, was auf dasselbe hinausläuft, als nicht an der Liebe
seiner Gattin zweifelnd, geschildert werde, aber wir haben festgestellt,
daß das Eifersuchtsmotiv im kymrischen Mabinogi vorhanden ist, und
haben aus dieser Tatsache und dem in sich widerspruchsvollen Charakter
von Chretiens Erzählung den Schluß gezogen, daß jenes Motiv auch
in Chretiens Quelle existiert haben müsse, der höfische Dichteres ab< r
getilgt habe, weil ihm niedrige Eifersucht seines Helden unwürdig
dünkte, er dessen Verhältnis zu Enide als ein rein ideales erscheinen
lassen wollte. Das ist also etwas ganz anderes. Die Tatsache, auf
welche Meyer-Lübke hinweist: daß Erec beim Abschied die Gattin
seinem Vater empfiehlt, habe ich Zur Mabinogionjrage S. 76 selbst als
Beweis dafür angeführt, daß Erec bei Chretien gegen Enide keinen
Groll hege, nicht als eifersüchtig geschildert werde 1
S. 172 bemerkt Meyer-Lübke, Brugger habe in dieser Z«. 271,
92 mit Recht betont, „daß für die zweite Burg [nämlich die zweite der
beiden Burgen, die Erec seinem Vater schenkt] nur Roadan oder Rodoan
in Betracht kommen kann, daß Rotelan, mit dem Lot. Ä. XXV, 1» und
Zenker Mabinogion S. 82 operieren, nur der schlechteren Überlieferung
angehört."
Hier muß ich das „mit Recht" bestreiten.
Die Handschriften bieten die folgenden Formen:
V. 1335: C roadan, H rodoan, P tonadan, VA roalan, B rotelan,
E rodolan; , .
V. 1882: C roadan, H rodoan, P rodouan, V rodan, A roela, B rodeten,
E rodoalen. ,
Daß von allen diesen Formen gerade Roadan oder Rodoan li
Text gesetzt werden müsse, folgert Brugger aus dem von Förster
gr. Erec S. IVund kl. Erec S. XXXI aufgestellten Handschnftenschema.
ich habe aber seitdem Zur Mabinogionjrage S. !»4 festgestellt, aau
Försters Schema nicht richtig sein kann, denn dann mußten < ie vier
Kopisten der Hdss. C, B, V und A alle unabhängig voneinander den
Ztsclir. f. frz. Spr. u. Litt. XLV'/'. 7
98 Rudolf Zenker.
Erec mit V. 0942 plötzlich abgebrochen haben, obgleich an dieser Stelle
in der Erzählung gar kein Einschnitt vorhanden ist; das erscheint ganz
lublich. Aus Försters Bemerkungen S. IV und V des gr. Erec
ergibt sich auch zur Evidenz, daß sein Stammbaum auf einem ganz
schwankenden Grunde errichtet worden ist: S. V bringt F. einen von
dem ersten verschiedenen Stammbaum, der ihm anfangs der richtige
dünkte, und den er nur wegen der regelmäßigen Zusammengehörig-
keit von HC gegen PB nicht akzeptiert habe. Eine die Nachprüfung er-
möglichende exakte Begründung seines Stammbaumes gibt er überhaupt
nicht, da er die Stellen, auf welche er ihn gründet, gar nicht anführt:
wir müssen seine Behauptungen, daß die und die Hdss. enger zusammen
gehören, auf Treu und Glauben hinnehmen, seine Angaben aber zeigen
d< ii I iich, wie unsicher er sich selbst fühlt. Indem nun dieser Stammbaum
sich als unhaltbar erweist, wird Bruggers Argumentation sofort hinfällig,
sie wäre es aber selbst dann, wenn der Stammbaum richtig wäre, da
Förster kl. Erec S. XXXII sich genötigt sieht, an vielen Stellen gegen-
seitige Beeinflussungen der verschiedenen Handschriftenfamilien, also
Benutzung mehrerer Vorlagen durch die Schreiber anzunehmen, wodurch
natürlich alles ins Wanken kommt und die Rekonstruktion
der ursprünglichen Lesarten auf Grund des auf-
gestellten Stammbaumes ohne weiteres illu-
sorisch wird. Folglich ist nicht der mindeste Grund vorhanden,
die Formen mit t, d: rotelan, rodolan, rodelen, rodoalen, als der schlechteren
Überlieferung angehörig zu betrachten, sie können ebensogut im
Original gestanden haben, wie die Formen ohne t, und von den letzteren
kann die von V und A gebotene Form roalan offenbar ebenso leicht aus
der von E, rodolan, wie aus der von C, roadan, entstanden sein. Da
nun ein Rodolan, Rotelan ohne weiteres mit dem bekannten Orte
Ruddlan in Nordwales identifiziert werden darf, während für Rodoan,
Roadan sich irgend eine Identifikation nicht hat erbringen lassen, und
da Ruddlan eben in den Gebieten liegt, in denen der Schauplatz des
Erec ist, im keltischen Westbritannien, so spricht alle Wahrscheinlich-
keit dafür, daß es sich um dieses handelt, — wenn natürlich auch eine
Gewißheit beim Stande der Überlieferung nicht zu erreichen ist.
Ich komme nun zum Schlußteil des Meyer-Lübkeschen Artikels,
der sich speziell mit der Erec-Gereint-Frzge befaßt. Ich bemerke hier
gleich, daß ich die L o t h sehe Mabinogion-Übersetzung nach der ver-
mehrten und verbesserten 2. Auflage vom J. 1913 zitieren werde,
während M.-L. noch die 1889 erschienene 1. Auflage benutzt.
Meyer-Lübke bringt zunächst eine Beobachtung, aus der er den
Schluß ziehen zu dürfen glaubt, daß der Verfasser des Mabinogi den
Erec (.hreliens vor sich gehabt haben müsse, S. 179: „Nachdem Gereint
den Sperber gewonnen, heißt es, «le lendemain ils partirent pour la cour
d' Arthur. Uaventure de Gereint s'arrele icv> (L o t h II, 138). Als sodann
Edern an Artus Hof kommt und von Genievre Verzeihung erhält,
übergibt ihn Artus dem Arzt, seine Geliebte wird zur Königin
gebracht. vLeur histoire s'arrele icv> (S. 132). Als Edern von Gereint
besiegt ist, zieht er traurig mit seiner Geliebten und dem Zwerg ab.
dLeur histoire s'arrete lä» (S. 126). Derartige einen Abschluß angebende
Bemerkungen hätten auch anderswo angebracht werden können,
beispielsweise im Owen nach der Erzählung des Kynon, sie finden sich
aber .... nirgends. Daher wird man nicht fehl gehen, in ihnen eine
Nachahmung des
ici fenist li premiers vers
[Erec V. 1844, wo Försters Ausgabe aber hat: Ci fine li premerains
vers — Meyer-Lübke bevorzugt die Lesart von CE, s. S. 138] zu sehen".
Weiteres zur Mabinogion frage. Anhw 99
Man könne nicht annehmen, daß Chrötien den Vers aus Beiner Vorlage
entnommen habe, denn man dürfe ihm nicht zumuten, dafi
direkt Unverständliches übernommen habe. „Was im Brec einmal
zufällig und auffällig erscheint, das wird hier zum Gewohnheitsmäßigen.
Der Verf erweiti rl >■ ine Vorlage, er will sie nicht einfach Qbi ra tzi n,
er macht sie mit viel Überlegung zurecht, ändert ihm unv< rständlich,
nicht begründet erscheinende Stellen, kann daher aueh nicht nur
gerade einmal sagen, das sei der Schluß einer Episode, sondern wied< r-
ho.t es, wodurch das Unverständliche der vereinzelten Bemerkung in
Erec behoben erscheint" (S. 180).
In dieser Argumentation ist mir zunächst nicht ersichtlich, was an
dem in Rede stehenden Verse eigentlich Unverstand lieh sein boU: der
Vers steht da, wo das erste Hauptstück des Erec tatsächlich zu Ende
ist, die Gewinnung Enidens durch Erec; beide sind an Artus' Hol i inge-
troffen, Enide hat als die schönste von Artus den Kuß bekommen: der
Vers ist a'so vollkommen an seinem Platze ; im Folgenden wird die Hoch-
zeit des Paares erzählt, an die sich die Handlung des zweiten Teiles, die
Abenteuerfahrt, anschließt. Will Meyer-Lübke etwa sagen, es sei un-
verständlich, daß die ausdrückliche Ai gäbe, daß ein Abschnitt der
Erzählung zu Ende sei, bei Chretien nur dieses eine Mal begegne ? Aber
da der Erec nur in zwei Hauptabschnitte zerfällt, die Gewinnung
Enidens und die mit ihr unternommene Abenteuerfahrt des Helden,
jedenfalls in diese beiden Hauptabschn tte zer egt werden kann, und
nichts hindert, anzunehmen, daß auch der Dichter nur diese beiden
Teile unterschied, war ja doch gar kein Anlaß, den Ausdruck wieder
zu verwenden außer am Schluß, wo die eine Hds., die sehr wohl hier
das Ursprüngliche haben kann — Förster selbst nimmt den Vers ja
in den kritischen Text auf — , in der Tat hat: Li contes fine ci a tant.
Auch daß vers in dem Sinne: „Hauptteil eines Abenteuerroman' s"
sonst nicht begegnet, genügt doch nicht, den Ausdruck als unverständ-
lich zu beanstanden, besonders wenn wir bedenken, daß der Erec
Chretiens erster erhaltener Roman und überhaupt der älteste Artus-
roman in französischer Sprache ist, den wir besitzen: Vers könnt- zu
eiuer früheren Zeit sehr wohl in diesem Sinne in Gebrauch geu
und später auß-r Übung gekommen sein. Somit liegt auch kein Grund
vor, warum Chretien den fraglichen Vers nicht aus einer Vorlage ent-
nommen haben sollte, und hat er das getan, dann könnten die von
Meyer-Lübke verglichenen Mabinogion-Stellen natürlich gerade so gut
wie auf Chretien selbst auch auf seiner Vorlage beruhen.
Inwiefern aus der Darstellung des Mab. hervorgehen soll, daß der
Verf. die Gewohnheit habe, bei Chretien vereinzelt erscheinend,
nachher immer zu wiederholen, ist mir auch nicht ersichtlich, da M< y< r-
Lübke nicht ein einziges Beispiel für diese angebliche Gewohnheit
des Kymren beibrirgt. Wenn der kymrische Erzähler nach M
Lübkes Auffassung neue Motivierungen in die von Chretien Qbi rnom-
mene Erzählung einführt — daß er das tut und nicht umgekehrt I hre-
tien gewisse Motivierungen ausgelassen hat, soll doch aber erst be-
wiesen werden! — , so ist das etwas ganz anderes, und ich weiß nicht,
welche Beziehung zwischen diesem für ihn angeblich charakteristi-
schen Streben und der wiederholten Angabe, daß nun eine Episode zu
Ende sei, eigentlich bestehen soll.
Aber auch wenn wir jenen Vers als Chretiens Eigentum betrachten
— und ich habe durchaus keinen Grund zu bezweifeln, daß er das ist — ,
bietet er ein Kriterium für Abhängigkeit des Mabinogi vom Erec nicht,
denn eine genauere Betrachtung zeigt sofort, daß keinerlei
Anlaß vorliegt, zwischen ihm und den drei von
M.-L. angezogenen Stellen überhaupt irgend einen
Zusammenhang anzunehmen.
100 Rudolf Zenker.
Dei Ausdruck: ,,Le rt-cit de son aventure ä lui s'arrete lä" (so, nicht
,.Lrur hiatoire s'arrite /«", hat die 2. Aufl. der Übersetzung) begegnet
na Rfabinogi zuerst, nachdem Gereint den Edern besiegt hat und dieser
mit si'in-T Üiinii' und dem bösen Zwerg zum Artushof abgeritten ist,
L o t h II, 136; es handelt sich aber gar nicht um eine „einen Abschluß
angebende Bemerkung", wie Meyer-Lübke meint, sondern um eine
solche, welche eine Unterbrechung anzeigt: „Die Erzählung von
Beinern Abenteuer hält hier inne": die Geschichte von Edern ist ja
hier noch gar nicht zu Ende, sie wird vielmehr später, S. 140, fort-
gesetzt, wo erzählt wird, wie die drei nun an Artus' Hof eintreffen l
Zum zweiten Mal findet sich der Ausdruck im Mab. S. 138: „L'aven-
ture de Gereint s'arrete ici", nachdem Gereint mit Enide nach Artus' Hof
aufgebrochen ist und der Erzähler dazu übergeht, über Artus' Jagd auf
den weißen Hirsch zu berichten, und abermals ist zu übersetzen: „Ihre
Geschichte hält hier inne", denn S. 143 wird sie fortgesetzt.
Zum dritten Mal stoßen wir auf die in Rede stehende Wendung, „Leur
histoire ä eux deux s'arrete ici", am Ende der Episode, in der erzählt
wird, wie Edern mit seinen Begleitern am Hofe eintrifft und er selbst
von Artus dessen Leibarzt, seine Begleiterin der Königin anvertraut
wird, S. 143: die Bedeutung ist die gleiche, wie an den beiden ersten
Stellen, denn Edern tritt später nochmals auf, S. 148, wo eine Aus-
söhnung zwischen ihm und der Königin stattfindet und er Erec auf
der Heimreise begleitet.
Somit wird in allen drei Fällen mit dem „s'arrite ici" nicht ein ei-
gentlicher Abschluß angezeigt, wie bei Chretien mit dem: „Hier endigt
der erste Gedichtabschnitt", sondern vielmehr nur ausgesagt, daß der
Erzähler das eben behandelte Thema vorläufig abbricht, daß
er von der einen Person zu einer anderen übergeht, um dann
später zu der ersteren zurückzukehren.
Folglich besteht zwischen dieser im Mab. in nicht großen Zwischen-
räumen bald nacheinander dreimal wiederkehrenden Formel und
Chretiens an ganz anderer Stelle sich findender Angabe, der erste
Ted von Erecs Geschichte sei nun zu Ende, — die hier keineswegs
abgebrochen, sondern unmittelbar weiter fortgesetzt wird — durch-
aus keine Ähnlichkeit, und es liegt auch nicht der Schatten eines Grundes
vor, zwischen beiden Ausdrücken irgend einen Zusammenhang anzu-
nehmen.
Dazu kommt, daß Chretiens Bemerkung: „Hier ist der erste Ge-
dichtabschnitt zu Ende", wie wir sahen, erst da begegnet, wo Erec
schon mit Enide bei Artus eingetroffen ist, also an späterer Stelle als
alle drei damit in Vergleich gestellten Ausdrücke des Mab. An der dem
Chretienschen Einschnitt entsprechenden Stelle im Mab., S. 144, nach
en rapport avec sa beaute, begegnet die Formel nicht, wie doch zu erwarten
wäre, wenn sie, wie Meyer-Lübke meint, wirklich jenem Verse Chretiens
nachgebildet wäre.
Auch ist darauf aufmerksam zu machen, daß im Hinblick auf die
eben vermerkte Tatsache des späteren Auftretens des Chretienschen
Verses, im Falle wir annehmen, der Kymre habe den Chretienschen
Roman fortlaufend gelesen, die Ableitung des im Mab. schon und aus-
schließlich vorher begegnenden Ausdruckes aus dem Chretienschen
überhaupt ausgeschlossen wäre; aber freilich kann eingewandt werden,
der Kymre möchte vielleicht, bevor er an die Übertragung ging,
den ganzen Roman gelesen haben und es möchte sich ihm der in Rede
stillende Vers eingeprägt haben, so daß er ihn nachher an früherer
Stelle verwenden konnte.
Indes haben, wie wir sahen, die beiden Ausdrücke überhaupt
nichts miteinander zu schaffen.
Somit erweist sich auch dieses angebliche
Weiteres zur Mabi^ogionjra^e. Anhang. [Ol
Indizium für die Abhängigkeit der kymriscben
Erzählung von C h r 6 t i e n b e i näherem Zusehen
sofort als gänzlich unbrauchbar!
Meyer-Lübke kommt dann nun auch auf die schon wiederholt
erörterte costume am Eingang des Erec zu sprechen und trägt hier eine
ganz neue Auffassung des Chrätien-Textes vor, ohne doch irgendwie
hervorzuheben, daß seine Interpretation von den bisher gegebenen
Deutungen verschieden ist.
Ich hatte mich dahin ausgesprochen, daß hier Chivh n seine Quelle
mißverstanden haben müsse, Meyer-Lübke aber mi ■int. das Mißverständ-
sei vielmehr auf meiner Seite. Ich werde sofort zeigen, daß dem in« h t
so ist.
Da mir daran gelegen ist, die Leser in den Stand zu setzen,
selbst ein Urteil darüber zu bilden, ob die von Meyer-Lübke vorge-
tragene Auffassung wirklich haltbar und seine Behauptung, daß ich
Chretien nicht verstanden habe, zutreffend ist, so bin ich genötigt
etwas ausführlicher zu Werke zu gehen, als Meyer-Lübke es tut, aus
dessen Darstellung selbst diejenigen, welche die bisherige Kontroverse
über diese Stelle verfolgt haben, kaum eine deutlich.' Vorstellung ge-
winnen werden, um was es sich eigentlich handelt;
Die Sache ist diese:
Im Eingang des Erec wird erzählt, Artus habe Ostern zu Caradi-
gan Hof gehalten: „Aber ehe die Hoffestlichkeit zu Ende ging, i rklärte
der König seinen Rittern, er wolle den weißen Hirsch jagen, um die
Gewohnheit zuehrtn" (eigentlich „zuerhöhen", por la costume ressau
Gauvain widerspricht, denn „der weiße Hirsch habe die Gewohnh it",
daß sein Erleger die schönste Dame am Hof küssen müsse, und das
werde Streit verursachen, da jeder Ritter wünschen werde, «laß se i oe
Dame als die schönste geehrt wtrde. Aber der König bleibt bei seinem
Entschluß: „Morgen früh werden wir alle mit großem Vergnügen aus-
ziehen, um den weißen Hirsch in dem Abenteuerwalde zu erjat
Edens bezog nun — was durch den Wortlaut der Stelle gewiß nahe
gelegt ist — die Gewohnheit, von der der König hier spricht, auf die
Jagd nach dem weißen Hirsch und machte auf die Ungereimth M
merksam, die darin liege, daß eine Sitte bestehen solle, den weißen
Hirsch zu jagen, der doch nur einmal zur Strecke gebracht werden k
Er verwies auf die costume, von der in vielen Artusromanen die Rede
ist, wonach König Artus sich bei hohen Festen nicht eher zu 1
setzen wollte, bis irgend ein neues Abenteuer angi mi Idel worden war.
sowie darauf, daß im Mabinogi die bei Chrötien vorhandene I nklarh< it
nicht bestehe, indem hier von einer costume nicht die Rede ist, vielm« lir,
während der König tafelt, einer seiner Förster erscheint und m
er habe im Walde einen weißen Hirsch gesehen, worauf der König
beschließt, das Tier zu jagen. Edens vermutet« deshalb, es lieg
Chretien hier ein Mißverständnis vor: es habe sich in seiner '.
die auch die des Mab. war und in letzterem reiner i rhall ! um
diese costume gehandelt: Artus habe nicht essen wollen, bevor
iure gemeldet worden sei, da sei der Förster erschii nen, di r '• n \
Hirsch gemeldet habe, nun sei die Bedingung erfülll und Artus
habe beschlossen, den Hirsch zu jagen, und sich nun erst zu Tisch gi
S m i r n o v in der Revue celtique 33, 130 ff. wandt. g< gen I
ein, mit der costume sei vielmehr die Ausübung des Kußri cht s g< n
die mit der Jagd auf den weißen Hirsch traditionell verbünd« i
und ich glaubte diese Auffassung als richtig anerkenn« n zu müss< n,
denn es spircht für sie auch V. 1845 f., wo es nach Vollzug der Z< n n
heißt:
Quant li beisiers del cerf fu pns
Lonc la costume del pais.
102 Rudolf Zenker.
A.ber ich bemerkte schon diese Zs. 401, 201, daß damit die Unklar-
heit bei Lhrötien doch nicht behoben sei, denn bevor man beschließen
kann, i inen weißen Hirsch zu jagen, muß man doch wohl wissen, ob
Qb< rhaupl einer da ist.
M yer-Lübke nun stimmt — im Gegensatz zu Förster,
Becker, Smirnov — Edens darin bei, daß es sich in der Tat um
jene and re costume handeln müsse, die er dahin definiert, „daß zu, jedem
großen Fest [an Artus' Hof] die Ausführung irgend einer ungewöhn-
lichen Leistung gehört", ab< r er weicht von Edens ab, insofern er nicht
ein Mißverständnis Chrötiens gelten lassen will, in dessen Quelle von
dii S( r Sitte die Rede war, sondern annimmt, Chr^tien selbst habe die
fragliche costume im Sinne, die er nur als bekannt voraussetze und über
die er sieh d<sha!b nicht näher äuß re: difstr costume genüge Artus
eben, indtm er die Jagd auf den weißen Hirsch b< schließe (von dem,
woh'gemerkt, vorher noch gar nicht die Rede war).
Diese neue, bisher von Niemand vertretene
Auffassung unserer Stelle ist indessen ganz
unmöglich!
Es ist nämlich gar nicht richtig, daß, wie Meyer-Lübke meint,
die costume darin besteht, „daß zu jedem groß- n Feste die Ausführung
irgend einer ungewöhnlichen Leistung g< hört", als welche a'so im
vorliegenden Falle die am nächsten Tage stattfindende Hirschjagd
zu gelten hätte. Vielmehr ist die Sitte einzig die, daß Artus bei
hohen Festen so lange nicht speist, bis irgend
ein Abenteuer gemeldet worden ist, d. h. bis irgend
eine Person erschienen ist, die eine merkwürdige Kunde bringt, zu
einem zu bestehenden Abenteuer auffordert oder überhaupt der Anlaß
wird, daß merkwürdiges sich ereignet.
Ich vereinige, um das zu beweisen, einmal sämtliche mir bekannte
Stellen, an denen von der fraglichen costume die Rede ist, in knappster
Analyse:
Chrötien, Graal (ed. Bai st, Freiburg), bekanntlich sein letztes
Werk, V. 2784: Artus sagt zu Keu, der ihn zur Tafel auffordert, „er
werde an einem so großen Feste nicht eher essen, als bis dem Hofe
eine Neuigkeit gemeldet sei" (tant que n a cort novele viegne). Der
von Perceval besiegte Clamadex erscheint dann und stellt sich Artus
als Gefangener.
Pseudo-Wauchier, ib. (ed. Potvin III, Mons 1866),
V. 12 ."'92 ff: Artus ist Pfingsten zu Carduel gekrönt worden. Keus
will das Wasser zum Händewaschen herumreichen, aber der König
verbietet, daß dies geschehe, bevor eine seltsame Neuigkeit eingetroffen
sei oder ein schönes Abenteuer sich ereignft habe:
12 633 Devant ce k'estrange novele
U autre aventure moult bele
I soit voiant tous avenue;
La coustume ai ensi tenue
Toute ma vie jusques Chi.
Ein prächtig geschmückter Ritter kommt in den Palast geritten,
der verlangt, daß einer der anwesenden Ritter den Versuch mache,
ihm mit einem Streiche das Haupt abzuschlagen.
Ebenda, V. 15664: Artus weilt Pfingsten zu Charlyon. Er verbietet
Keus wieder, das Wasser zu reichen, da er die Gewohnheit habe, nicht
zu essen,
15 (.70 Devant que venir i veisse
Novele estrange ou aventure.
Weiteres zur Mabinogionfrage. A hang. 103
Chevalier as deus espees (ed. W. Förster, Halle L877) i:<7 ff
Artus hält zu Pfingsti d in Cardueil Hof, alle tafeln fröhlich, der König
aber sitzt gedankenvoll da und ißt nicht, V. Hi4, denn noch nie ist I ,, - i
einem so großen Feste ein Abenfc u< r ausg( bli< I" a. 1- i rs< le inj dann
ein Ritter, Bote des Königs Ris d'Outretombe, der vertan \rlus
sich ihm unterwi rfe.
R a o u I v. II o u d e n c , Yengeance Raguidel (< d. Fr i < d w agner
Halle 1909), V. 18: Artus hat zu Ostern Hol zu l p hal die
Gewohnheit, bei Festen nicht zu essen, 1) vor dem Hofe Kund'
einem Abenteuer gekommi n ist (Devant ce qu'en $a cort entrast A
d'aucune aventure). Aber der Abend naht, die Stund* d
vorüber, ohne daß sich eine aventure meldet. V rg b ns su
Barone den trauernden König zum Essen zu b wegen : Noch aii hab r
bei einem so hohen Feste gegessen, ehe seh ein Abi ut u< r gen
hatte, und Gott habe „ihm diese Gewohnheit erhalt n" (Diua
A/'a le costume maintenue) d. i.: hat ihm immer ein Abenteu
schickt. Endlich, als die Nacht schon hereingi brochen ist, kommt
ein Schiff mit dem Leichnam eines von einer Lau/..- durchbohrt n
Ritters an den Strand g< trieben.
Rigomer (ed. W. Förster, Dresden 1908), V. 22 ff. : Artus weilt
im Mai zu Karlion. Die Ritb r s< tzen sich noch nicht zu Tische, weil
sie ' erst ein Abenteuer einst llen muß, erwartungsvoll st ihre
Köpfe zum Fenster hinaus: Por mit mars d'or ne just brisie Li costume
a la cort le roi. Ein Fräulein kommt angeritt Q, das die Ritter zu
ihrei H« rrin einlädt: sie würden da das wenn gste Leben haben.
Livre d' Artus, Freymond in Zs. 171 (1895), 40: Hof-
haltung zu Weihnachten verweigert Artus seine Teilnahme am Mahle,
weil bisher keine Nachricht von einem Abenteuer eingetroffen
Da sit ht er vom Fenster aus, wie eine Dame von - im r I Li t rschar miß-
handelt wird und eilt ihr zu Hilfe.
Le Mantel (ed. F. A. Wulff, Romania 14, 34311.). Y. i
König Artus hä.t zu Pfingsten Hof, er ist gewohnt, bei hohi n !
so lange nicht zu essen od» r zu trink« n und sich nicht zu Tisch zu s tzi Q,
bis „ein neues Abenteuer an den Hol gelangte." Ein Knappe kommt
angesprengt, der im Auttrage i-inis Fräuleins den Mantel überbringt,
um den seh die Erzäh ung dr» ht.
Le Roi Artus bei P. Paris, Les Romans de la Table ronde, II
(18G8), S. 250: Artus erklärt am Feste dtr heiligen Jungfrau seinen
Ritt-rn: ,,Je voue ä Dieu que, toutes les fois que je porterai couronne,
j'aüendrai pour me mettre au manger que quelque cas aventureux nie
soit conte; etjemengage ä mener V aventure ä fin par un de ceux qui. pour
acquerir honneur et gloire, consentiront ä sejourner ä ma cour, ä iure
d'amis, de pairs et compagnons" '.
Floriant et Florete (ed. F. Michel, Edinburgh 1873), V. 1546
(mir augenblicklich nicht zugänglich).
Roman en Prose de Tristan (L ö s e t h, Paris 1891), S. 280
meldet Artus, es sei Zeit, zu essen, die Mittagsstunde sei da: „Voua
avezdoncoubliela coutume, dit Arthur; je suis le roi di s avi ntures . . .
La costume de cestui jor savez vous bien; m'en cuidez
oster? Nous ne pouvons diner, le jour d'une si grande fßte, ayanl
quelque aventure soit arriveV'. Ein ärmlich gekleideter Rittei
scheint, der einen in Versen abgefaßten Brief Oberbringl und .neu
selbstgefert'gten Lai, seinen eigenen chant de mort, sin ,
Provenzalischer Roman von Jaujre (ed. R a y n o u a r d, Lcxique
roman I, 1838), S. 49 f.: .
Artus hä.t Pfingsten zu Carduel Hof, er weigi M sich
sich ein Abenteuer ereignet habe; als bis drei Uhr oachmil
nichts passiert ist, macht er sich mit Galvan auf und reite! naeü
L04 Rudolf Zenker.
ianda, wo ßie eine klagende Stimme hören, der sie nachgehen:
■ie rinden vor einer Mühle ein jammerndes Weib, dem ein Ungetüm
das Getreide wegfrißt.
Ulrich von Zatzikhoven, Lnnzelet (ed. K. A. Hahn,
Frankfurt a. Main 1845), V. 5708 ff.: Artus will nicht essen und trinken,
bevor er neue Märe vernommen hat.
."712 wand er niht enbizen wolte,
e er daz dinc vernaeme,
daz ze sagenne gezaeme
siner massenie
Ein Fräulein erscheint im Auftrag seiner Herrin mit dem Mantel.
Wirnt von Gravenberg, Wigalois (ed . F. Pfeiffer,
Leipzig 1847), V. 247 f f . :
Artus, der zu Karidöl residiert, hat die Sitte, daß er sich morgens
nicht zu Tische setzt,
e er eteswaz
von äventiure hiet vernomen.
Eines Tages stellt sich bis Mittag kein Abenteuer ein. Endlich
sieht die Königin, die sich in ihren Saal begeben hat, einen Ritter in
scharlachenem Gewände auf rotem Pferde im Tal heranreiten, der sie
bittet, einen Gürtel von ihm entgegenzunehmen.
Wolfram, Parzwal, XIII, 648 (648, 18): Ein von Gawan gesandter
Bote kommt zu Berns an der Korea, wo Artus weilt, auf den Hof ge-
sprengt; er hört von den Rittern, es bestehe der Brauch, daß weder
Weib noch Mann esse, ehe ein Abenteuer sich eingestellt habe.
P 1 e i e r, Meleranz (ed. K.Bartsch, Stuttgart 1861), V. 3175:
Artus aß am Morgen nie, bevor er „etwas von äventiure vernommen
hatte". Ein wohl gekleideter Knabe kommt angeritten und meldet, sein
H> rr. ein Ritter, wünsche, einen Speer mit dem Sohn des Königs
von Frankr .ich — Artus' Neffen — zu brechen.
Stricker, Daniel von dem blühenden Tal — den E. Wechssler,
Rom. Jahresber. 4 (18 8—1900), II, S. 399, im Gegensatz zu den
Germanisten, wie ich g aube, mit Recht, auf einen verlorenen fran-
zösischen Artusroman zurückführt — (ed. G. Rosenhagen,
Breslau 1894, German. Abh. IX), V. 75 ff.: König Artus gelobte, er wolle
den Tag so lange nicht essen, bis er „ein neues Märe vernommen habe";
seine Absicht dabei war, daß die Ritter sich nicht verliegen sollten:
79 er wolde fasten alle tage,
unz er von sehene ald von sage
vernaeme ein niuwez maere,
davon ze sagene waere.
daz tete er niht wan umbe daz,
daz sie sich regeten dester baz
und ritterschelte pflaegen
und sich da nicht veriaegen;
und nochmals ebenda V. 400 ff. : Die Tafelrunder hätten eines Tages
gerne gegessen, aber:
dö was dehein fremdes maere
dannoch für den künec komen . . .
Ein starker Riese kommt auf den Hof geritten.
Auf Grund dieses Materiales können wir bezüglich der fraglichen
Sitte folgendes feststellen:
1. Es wird überall ausdrücklich erwähnt, der König habe nicht
essen wollen, bevor eine aventure sich ereignet hatte;
Weiteres zur Mabinogionfrage. Anhang. LOS
2. Nirgends wird diese costume als bekannt vorausgesetzt, obgleich
sämtliche zitierte Denkmäler jünger sind als dei I
3. Niemals handelt es sich einfach darum, daß mit dem Feste irgend
eine ungewöhnliche Leistung verbunden werden soll, niemals, außer
im provenzalischen Jaufre, laßt Artus aus eigener Initiative den Ent-
schluß, anläßlich des Festes etwas besonderes zu vollbringen, vielmehr
wird stets das Abenteuer von außen an den König, den Hof her-
angebracht: der König wartet darauf, daß sich etwas ereigne, und
siehe da, seine Erwartung wird erfüllt. Wenn der Jaufreroman hiervon
eine Ausnahme macht und der König auszieht, ohne daß sich etwa
eignet hat, so ist zu bemerken, daß doch auch hier Artus lange auf
das Abenteuer wartet; sodann: der Artusroman ist bekanntlich bei
den Provenzalen aus Nordfrankreich importiert und der Jaufre
hier sein einziger Vertreter; danach haben wir in der Darstellung des
Romanes eine jüngere Entstellung der alten, sonst streng inne ge-
haltenen Formel zu erblicken.
Damit ist bewiesen, daß Meyer-Lübkes Auslegung der Chretien-
Stelle, seine Annahme, wenn Chretien den König erklären läßt, er
wolle zwecks Aufrechterhaltung der costume den weißen Hirsch jagen,
so meine Chretien damit eben die in Rede stehende Sitte, die der Dichter
nur als bekannt voraussetze, nicht möglich ist. Es kann kein Zweifel
sein, — darin gebe ich, wie schon bemerkt, Smirnov recht — , daß
Chretien selbst einfach an die traditionell mit d»r Hirschjagd ver-
bundene Kußzeremonie denkt; aber dafür, daß es sich nur um ein Miß-
Verständnis Chretiens — oder schon seiner unmittelbaren Quelle —
handelt, und daß ursprünglich hier allerdings von jener anderen Sitte
des Nichtessens ohne vorheriges Abenteuer die Rede war, sprüht
einerseits der seltsame Zug bei Chretien, daß Artus beschließt, d e n
weißen Hirsch zu jagen, ohne daß von einem solchen — der doch
immer eine Ausnahme darstellt, — vorher mit einer Silbe die Red-
war, andererseits die Darstellung des Mabinogi, wo, genau wie in allen
Romanen, welche die costume erwähnen, ein Abenteuer von außen
kommt, sich ohne Zutun des Königs einstellt: Artus' Förster erscheint
und meldet, er habe im Walde einen wunderbaren weißen Hirsch
gesehen, wie er noch nie einen erblickt. Allerdings wird im .Mab. die
fragliche Sitte nicht ausdrücklich erwähnt und auch nicht inne ge-
halten, da Artus bereits bei Tische sitzt, als der Förster eintritt, abi r
natürlich hindert nichts, anzunehmen, es sei auch im Mab. die ursprüng-
lich'1 Fassung der Episode nicht mehr rein erhalten, und das Motiv d< r
costume sei vom Bearbeiter vergessen oder auch absichtlich eliminiert
worden, weil sie ihm neu war und ihm unwahrscheinlich vorkam. !• r
Gedanke liegt nahe, die Darstellung des Mab. in Verbindung mit d< r Er-
wähnung dieser Sitte sei auch in Chretiens Quelle Vorhand« n gl wi sen,
aber von ihm — oder schon von seiner direkten Vorlage — entstellt
worden. Aber wenn diese Vermutung auch nicht zutreffen sollte, ist
doch das Mißverständnis Chretiens hier auf Seite Meyer-Lübkes und
nicht auf der meinigen, da der französische Dichter selbst jene Sitte
in keinem Falle im Auge haben kann.
Gewiß habe auch ich mich, wie ich schon längst zugestanden, in
dem hier von M.-L. aus Mabinogionfrage S. 68 zitierten Satz
Versehens schuldig gemacht, indem ich, Edens folgend, die costume im
Sinne Chretiens auf die Hirschjagd bezog, während Chreti« n a so viel-
mehr an den traditionellen beisier denkt, aber nicht de ses Mißv< rständ
nis meint Meyer-Lübke ja mit seinem Vorwuri. sondern das andere,
welches darin bestehen soll, daß ich nicht erkannt habe, daß Chr. hier
an die in der Vollbringung einer besonderen Leistung best hendi
stume denkt. Die Annahme, daß Chretien das hier tue, i-t, wie gezeigt
wurde, nicht richtig.
Inf, Rudolf Zenker.
Daß ich „unbewußt vielli icht doch bis zu einem gewissen Grade
\ . . n hen Anschauungen beherrscht", im Erec den ersten
Artusroman erblicke, wie M.-L. ebenda meint, trifft gleichfalls nicht
zu, wie Meyer-Lübke aus meiner Broschüre hätte ontn< hmen können,
denn S. 106 sage jch doch ausdrücklich: „Daß es aber auch eigentliche
Artusromane schon vor Chretien gigeben hat, scheint hervorzugehen
aus der. . Unt« Buchung von Frl. Morriss . . .", nämlich aus dem in
letzterer erbrachten Nachweis, daß die beiden neuerdings publiziert n
lat' mischen Artusromane De Ortu Waluuani und Historia Meriadoci
den Robert von Tor.gny zum Verfasser haben und vermutlich nicht
lange nach 1139, a;so vor dem Erec, entstanden sind.
M< yi r-Lübke bringt dann als „typisches Beispiel" dafür, wie
Edens zu W< rke g( he, S. 181 dessen Bemerkungen S. 79 zu der ersten
Begegnung zwischen Erec und dem alten, vor seinem Hause sitzenden
Ritter, Chretien V. 317 ff., Mabinogi, Loth II, 130: Bei Chretien
wird der alte Ritter als nachdenklich, „pensif", bezeichnet, im Mab.
erscheint vielmehr Gereint als ,,songeur". Da nun wohl Erec Grund
zur Nachdenklichkeit habe — weil er noch nicht weiß, wo er die Nacht
zubringen soll — und, füge ich hinzu: weil er, der Königssohn, sich
offenbar scheut, den Alten um Herberge anzubetteln (er sieht ihn lange
an, ohne ein Wort zu sagen) — nicht aber der letztere, so sei, meinte
Edens, hier wohl ein .Mißverständnis Chretiens anzunehmen, dessen
Vorlage die Version des Mabinogi bot. Aber E. legt selbst dieser Be-
obachtung so wenig Gewicht bei, daß er den Punkt gar nicht in die
S. 129 ff. gegebene Liste der nach seiner Ansicht beweiskraftigen
Argumente aufgenommen hat, was Meyer-Lübkc wohl entgangen ist,
denn sonst würde er wohl nicht gerade dieses Beispiel zur Kennzeichnung
von Edens Methode der Beweislührung wählen. Natur ich kann man
gegen E. einwenden, der Alte erscheine eben nachdenklich, weil er arm
ist. Ich messe deshalb Edens' Beobachtung auch keinerlei Gewicht
bei, wie er selbst ja ein nennenswertes für sie nicht in Anspruch nimmt,
unej es verlohnt sich unter diesen Umständen eigentlich gar nicht, über
die Sache weitere Worte zu verlieren, trotzdem will ich eine hier von
Meyer-Lübke gemachte Bemerkung nicht unbeantwortet lassen:
M.-L. meint: „D r arme Crestien muß ein ganz merkwürdig un-
verständiger Mann gewesen sein, wenn er eine doch in seiner eigenen
Sprache geschriebene Vorlage so oft und so eigenartig mißverstanden
hat".
Ich erwidere:
1. Ob Chretiens Vorlage in französischer Sprache abgefaßt war,
wissen wir gar nicht, denn sie kann auch eine lateinische gewesen sein,
wie die vorhin schon erwähnten Artusromane des Robert von Torigny
und auch die von G. L. K i t t r e d g e herausgegebene Artuserzähiung
,, Arthur und Gorlagon"') lateinisch sind, und das von Chretien lür den
Perceval benutzte ,,lii>re" anerkanntermaßen vermutlich gleichfalls
lateinisch war.
2. Ob Chretien für den Erec eine eigentliche „Vorlage" gehabt
hat, wissen wir ebenso wenig, denn seine Quelle kann auch eine münd-
liche gewesen sein, ein von dem Vortragenden auswendig gelernter
conte mäßigen Umfangs.
3. Man sollte endlich einmal aufhören, nach Försterschem Muster
mit Chretiens a priori feststehend« r Intelligenz als Basis der Unter-
suchung seiner Werke zu operieren. Welches Maß von Intelligenz und
Klarheit des Denkens wir ihm zuschreiben dürfen, das wollen wir erst
aus dem Studium seiner Werke entnehmen, denn wir haben keine
l) Studies and Notes in PhiloLgy end Literature VIII, Boston
1903, 149 tf.
II \ iteres sur Mabinogionfrage. Anhang. L07
andere Quelle für unser Urteil. Es empfiehlt sich deshalb nicht, mit
einer bestimmten, hohen Vorstellung von seinem Ingenium an dir Inter-
pretation seiner Dichtungen heranzutreten. Daß Chretien imstande
war, seinen Lesern völlig ungereimte Dinge mit der Miene
der größten Selbstverständlichkeit aufzutischen, das bew< l
schlagend und unwiderleglich di< Episode von
der Joie de la cort im Erec, deren Fassung schlechthin
kindisch genannt werden muß, s. darüber Edens S. 123. I!
meni impossible", bemerkt der klarblickende Gaston Paris in der
Romania 20, 154, „d'imaginer quelque chose de plus absurde, de plus
incoherent et en meme temps de moiiis interessant que cc ricit "
Es ist ganz deutlich, daß Chretien hier mißverstandi ne Überlieferung in
arg entstellter Form wiedergibt. Ebenso erhall- n wir im Ivain da
die Einschlif ßung des Helden im Tbrverließ erzählt wird, ein*
kommen unsinnige Lokalschildi rung, welche erst durch di D
des Mabinogi verständlich wird, also auf einem groben Miß vi rständn sse
Chretens beruht, s. meine demnächst erscheinende eingehende \ r-
gleichung des Ivain mit dem Mabinogi von Owen. Unter diesen I m-
ständen best* ht nicht der mindeste ('•rund, zu bezweifeln, daß d r
Dichti rauch an anderen Stellen seine Quelle mißverstand« o habi n l
Dieser Einwand Meyer-Lübkes ist also in allen seinen Teil« n h n-
fällig.
M.-L. meint, das Mißverständnis liege hier aul Daß
das festste h<\ kann ich gleichfalls nicht zug' ben. Wenn auch eingi räumt
werden muß, daß das ,,pensif" bei Chretien sich ebenfalls begründen
läßt und a'so das „songeur" des Mabinogi auf ihm b. ruhen kann, s< t
doch, da das letztere in der kymrischen Erzäh'ung, wie wir sahen,
gut begründet erscheint, das umgekehrte Verhältnis zum mindi
eb nso wohl möglich, und wir können nur sagen: b e i d e Auffassungen
sind zu'ässg, das Mißverständnis oder die willkürl ehe Änd« rung k a n n
ebenso wohi auf Seite des Kymren als der des Franzosen liegen, —
derjenige d< r das letztere annimmt, kann a'so ebensowohl im Rechte
sein, wie derjenige, der den anderen Fall lür wahrscheinlicher hält
Meyer-Lübke meint, vieles, was Edens bei Chretii n nnv. rständlich
findet, sei es nur dann, „wenn man Chretien ob. r lach ich lii st. Wenn
der Kymre weitläufiger ist, so verhält sich seine Darstellung zu dt r des
Franzosen, wie die Erzählung ein und desselben Gegenstandes sich
auch heute verschieden gestalt. n würde, j< nachdi m man ein lit rar seh
gebildetes Publikum oder das Volk oder Kindt r als Leser voraussi t/t.
Um das zu zeigen, wäre Edens Arbeit Seite für Seite zu wid< r
was sich wohl nicht lohnt".
Ob Edens, von dem Lo th, Les Mabinogion II, 1913, 50 Aniii.
9 sagt, er gebe „une comparaison minutieuse des deux romans ,
Chretien oberflächlich gelesen hat, darüber stellt ich das Urteil ruhig
denen anheim, die an seine Abhandlung ohne Voreingenommen^ it
herantreten und sie mit der Othmers, welch i r bekämplt, v. rgleii hi n.
Gegen die Methode aber, gignensche Anschauung, n und Einwände
dadurch kurzerhand zu erledigen, daß man < rklärt, i s würd< zwar • m
leichtes sein, eine Widerlegung zu liefern, ab. r es vi rlohne sich nicht,
dürfen doch wohl erhebliche Bedenken geltend gemacht wi rden. u i
Mühe des Versuches, Edens im einzelnen zu widerlegen, haben
längst Förster, Smirnov und Ph. A. Becker unterzogen,
die also doch wohl der Meinung g( w- si n sein müsa i •■ r Mühe
wert sei. Ich habe aber Zur Mabinogienfrage (Forst- r), 40,
188 ff. (Smirnov), und ebenda 41, 131 ff. (Becker) gezeigt, daß alle
diese Kritiker nur einen Teil der von E. beigebrachten Argum
berücksichtigen, andere, und gerade mit die g( wichl gst< n, ignon* ren —
so überschlägt z. B. Förster in der Edensschen Dissertation volle 16
108 Rudolf Zenker.
Beiteo - , ich habe ferner in ausführlichster Wese gezeigt, daß sämtliche
von gegnerischer Seite vorgebrachten Argumente der Nachprüfung nicht
Stich halten, und ich stelle fest, daß weder Förster noch Becker sich
seitdem wieder zur Sache hat vernehmen lassen, — nur Smirnov bringt
m der Rumänin 42, 480 eine kurze Bemerkung, in der er das Urteil den
pn anhi umstellt; ich glaube unter diesen Umständen die bisherigen
Widerlegungsversuche als gescheitert bezeichnen zu dürfen. Da scheint
es mir denn nicht angängig, jetzt zu erklären, es sei gar nicht nötig,
die Edenssche Beweisführung Punkt für Punkt zu widerlegen. Die
große Autorität, welche Meyer-Lübke auf dem Gebiet der romanischen
Sprachforschung zweifelsohne besitzt, scheint mir kein Grund zu sein,
seinen Urteilen auf einem Gebiete, auf dem er sich literarisch selbst-
ständig noch gar nicht betätigt hat, das gleiche Gewicht zuzubilligen
und für solche Anerkennung zu beanspruchen, wofern sie sich nicht
auf lückenlose, sachliche Beweise stützen.
Weiter: die zitierte Bemerkung Meyer-Lübkes ist geeignet, den
Anschein zu erwecken, als folgere Edens daraus, daß das Mab. bisweilen
weitläufiger ist als Chretien — in der Regel verhält die Sache sich be-
kanntlich umgekehrt — irgend etwas zu Gunsten der von ihm ver-
tretenen These von der Unabhängigkeit der kymrischen Erzählung
gegenüber Chretien. Das ist aber, wie jeder weiß, der die Abhandlung
gelesen hat, doch durchaus nicht der Fall. Vielmehr ist es E. in diesen
Fällen nur darum zu tun, zu zeigen, daß Chretien, falls er eine in den
wesentlichen Zügen der Handlung mit dem Mabinogi übereinstimmende
Vorlage hatte, nicht, wie Förster immer wieder behauptete, ein skla-
vischer Abschreiber gewesen sein müßte. Das ist
also etwas ganz anderes! Das Mab. erzählt manches recht verschieden
von Chretien; nehmen wir nun an, dies alles habe schon in seiner Quelle
g -linden, und letztere sei auch die Chretiens gewesen, dann hat der
Franzose keineswegs seine Quelle einfach abgeschrieben, sondern er hat
in recht erheblichem Maße geändert. Das allein wollte Edens
mit den erwähnten Feststellungen dartun und
das hat er dargetan, und damit ist die in Rede
stehende gegenteilige Behauptung Försters
widerlegt.
M.-L. bespricht dann den Aufenthalt Erecs und Enidens in dem
Gasthause, in dem sie den Besuch des Grafen Galoain empfangen,
Chr. 3205 ff., Mab. S. 161 ff.
Bei Chretien lassen die beiden sich reichlich bewirten, zahlreiche
Kerzen und Lichter in Fülle erhellen den Raum: 3264 Erec
mout riche ostel tenoit Mout i ot cierges alumez Et chandoiles es-
pessement. Edens findet es auffällig, daß ,,die beiden allein ein solches
Fest feiern", S. 102. Im Mab. ist die Festfeier motiviert: hier hat Erec
durch den Wirt die beste Gesellschaft der Stadt zu sich bitten lassen
und bewirtet sie nun splendide. E. meint, dies Motiv sei bei Chr. ver-
gessen. Meyer-Lübke wendet ein, Erec wolle sich eben nach gehabter
Entbehrini.T (was besonderes zu gute tun.
Obgleich Edens dieses Argument in seine Beweisliste einreiht, ist
es doch ohne Frage eines der schwächsten, und ich bin gerne bereit,
es preis zu geben. Immerhin verdient es in Verbindung mit stärkeren
Argumenten m. Dafürhaltens eine gewisse Beachtung, und Edens hat
i bi n Momente, die, isoliert betrachtet, nicht viel Beweiskraft besitzen,
aber bei ihrem Auftreten neben anderen, eindrucksvolleren die gleiche
l'utung wie die letzteren nahe legen, auch in seine Liste mit auf-
genommen. Daß Erec und seine Gattin sich nach den gehabten Ent-
1" hrungen ausgiebig bewirten lassen, ist ja durchaus verständlich,
aber daß das Mahl des Ehepaares nun gerade bei so reichem Kerzen-
Weiteres zur Mabinogionfragc. Anhang. 109
schein vor sich gehen muß: Mout i ot cierges alumez Et ehandoilea
espessement — man denkt unzweifelhaft an einen festlich erleuchi
Saal — , kann doch immerhin auffallen, würde sich aber wieder Behr
natürlich erklären, wenn wir annehmen, daß, wie im Mab., so auch in
Chretiens Quelle eine geladene Gesellschaft anwesend w'w und dies
Moment bei Chretien in Vergessenheit geraten ist. E k ml auß r
dem zu der Edensschen Beobachtung jetzt hinzu, daß, 3. 77
no. 14 gezeigt wurde, gerade in dieser Szene Mabinogi und Hartmann,
den Meyer-Lübke ja gar nicht berücksichtigt, eine sehr spezielle, den
Zufall ausschließende Übereinstimmung zeigen, welche es zweifellos
macht, daß beide hier wenigstens teilweise einer von Chretien ver-
schiedenen Erec-Dichtung folgen. Es wird also mit Edens' Ver-
mutung wohl doch seine Richtigkeit haben.
S. 183 spricht Meyer-Lübke von dem „auch von Edens als möglich
betrachteten Standpunkt, daß Gereint nicht eine Übersetzung, sondern
eine Bearbeitung von Erec sei . ."
Hier liegt indessen ein Mißverständnis M.-L.'s vor, an dem all« i-
dings Edens zum guten Teile selbst schuld ist. E. räumt nirgends die
Möglichkeit ein, daß das Mabinogi eine Bearbeitung des Chrätienschen
Erecsoi, — seine ganze Dissertation von Anfang bis zum Ende bekämpft
ja vielmehr diese Auffassung! M.-L. hat die vorher S. 180 von ihm
zitierte Stelle bei Edens im Auge, S. 78, wo dieser bei Behandlung der
Sperberepisode bezüglich einer im Mab. gegenüber Chrätien spezieller
gehaltenen Schilderung bemerkt: „Solche Stellen .... machen durch-
aus den Eindruck, als ob M. (resp. dessen Vorlage) selbständig erzählt,
das Erzählte deutlich vor Augen sieht und nicht bloß stur
abschreibt". Meyer - Lübkes Auffassung rührt daher, daß Edens
sich in diesem Satze, wie man wohl sagt, „arg vergaloppiert" hat.
Über das, was er eigentlich meint, kann trotzdem nach dem Zusamn
hang seiner ganzen Darlegungen durchaus kein Zweifel sein. Daß das
Mabinogi „stumpfsinnig abschreibe", ist ja doch noch nie von j<
behauptet worden, wohl aber hat Förster wieder und wieder erklärt,
wenn Chretien und das Mab. auf die gleiche Quelle zurückgingen, dann
würde Chretien seine Vorlage „stumpfsinnig abgeschrieben" haben,
was ihm nicht zuzutrauen sei. Dieser Gedanke schwebt E. hier vor;
er wollte sagen: „Solche Stellen zeigen, daß M. (resp. dessen Vor
oft a n d e r s erzählt als Chretien, und daß dieser, vorausgesetzt,
Vorlage habe im allgemeinen mit dem Mab. ziemlich genau überein-
gestimmt, keineswegs bloß stumpfsinnig abgeschrieben haben würde".
Mit diesem Gedanken hat sich aber bei E. der andere verquickt, daß der
Verf. der kymrischen Erzählung von Vorgängen, die bei Chrötii n r in
typisch-formelhaft geschildert werden, ganz individuelle, deutliche
Anschauungen hat, was besser stimmt zu der Annahme, sein. Dar-
stellung sei die ursprüngliche als es sei dies die Chretiens um
übersetze einfach den letzteren, wie Förster ja will. Ich bekenne als
Referent meine Schuld, daß ich den verunglückten Satz, über di ..
hinweggelesen, nicht korrigiert und eingerenkt habe.
Damit fällt also auch der Schluß, den _ Meyer-Lübke aus dieser
angeblichen Einräumung Edens' zieht, dahin.
Im folgenden, S. 183, macht sich M.-L. das eigen;
Genüge kritisierte, beständig wiederholte Hauptargum-nt Förster
eigen: Er meint, wenn die ganze gute Komposition des Erec, die
seinem Aufsatz ins Licht gestellt habe, auch schon in Chretn ns «ui u
vorhanden gewesen sei, „so muß man sich billig fragen, was denn
eigentlich Crestien selber gemacht hat". Man werde doch ment an-
nehmen, „daß er ein inhaltlich und innerlich gut aufgebautes Vj
in schlechtere Verse gebracht habe." [In schlechtere als welcne t wir
HO liulnlf Zenker.
, doch weder, ob Chretiens Vorlage in Versen abgefaßt war, noch,
u!>< rhaupt in französisch r Sprache geschrieben war, und gesetzt,
i wirklich in französischen Versen geschrieben gewesen, so kennen
wir doch in jedem Falle diese Verse nicht, und es ist also möglich,
daß dieselben keineswegs besser waren als die Chrelienschen es nach
Meyer-Lübkes Meinung sind, sondern noch schlechter!] Man werde
vi' [mehr annehmen, daß die ganze Komposition von Chretien herrühre.
Ich halte dieses Argument nach wie vor für gänzlich unbrauchbar —
ich habe mich schon Zur Mabinogionfrage S. 20 darüber ausgesprochen,
aber Meyer-Lübke nimmt von meinen dortigen Ausführungen keine
Notiz. Worin die Selbständigkeit des französischen Dichters besteht,
wenn er mit dem kymrischen Prosamärchen aus der gleichen Quelle
geschöpft hat, das "erkennen wir doch durch einen Vergleich des
li tzteren mit dem Erec in voller Deutlichkeit: Chretien hat die ganze
hichte m die verfeinerte höfische Atmosphäre seiner Zeit getaucht,
r hat umfängliche, farbenreiche Schilderungen des höfischen Lebens
« ingefügt, die Kampfszenen breit ausgemalt, er zeigt sich bestrebt, die
Erzählung nach Maßgabe seiner eigenen naiven ästhetischen Begriffe
zu verschönern, hat Züge, die ihm roh oder häßlich schienen, getilgt,
so das im Mab. vorhandene Motiv von Erecs Eifersucht, bezw., was
auf dasselbe hinausläuft, von seinem Zweifel an Enidens Liebe, — daß
Eifersucht den höfischen Dichtern als lächerlich gegolten habe, be-
merkt ja Meyer-Lübke S. 147, A. 21 selbst — , er ist bestrebt, seinen
Helden und seine Heldin überall ins beste Licht zu rücken, arbeitet die
psychologischen Momente stärker heraus, bringt lange Monologe, er-
W( itert die dialogischen Szenen, usw. usw. Der ausgesprochen höfische
Charakter seiner Dichtung, die aktuellen, einen breiten Raum ein-
nehmenden Milieuschilderungen, die realistische Darstellungskunst, das
starke Hervortreten des psychologischen Momentes genügen im Bunde
mit dem eleganten, flüssigen Stil vollkommen, um den großen Erfolg
seiner Dichtung gegenüber älteren, primitiveren Leistungen auf dem
Gebiete der Romankunst verständlich zu machen. Ihm außerdem
selbständige Komposition der Handlung, stoffliche Originalität zuzu-
schreiben, liegt gar kein Grund vor, und bei einem Literarhistoriker,
der sich nur einigermaßen mit Quellenfragen befaßt hat, ist mir die
Forderung, daß Chretien, wenn er auf den Namen eines Dichters An-
spruch haben wolle, auch die Grundlinien der Handlung seines Erec
erfunden haben müsse, wirklich einigermaßen verwunderlich. Ich be-
schränke mich darauf, hinzuweisen auf das, was ich über diesen Punkt
Zur Mabinogionfrage a. a. O., s. auch S. 24, gesagt habe. Ein Verfahren,
das bei den französischen Bearbeitern antiker Stoffe, bei den mittel-
hochdeutschen Dichtern der höfischen Epik, bei berühmten Dichtern
der neueren Zeit anerkannte Tatsache ist, das soll einem Chretien nicht
zugetraut werden können? Ich meine, man sollte endlich einmal dieses
ungeeignete, von Förster geprägte Argument für Chretiens stoffliche
Selbständigkeit zum alten Eisen werfen 1 Ich sehe auch nicht ein,
welchen Anlaß gerade die deutschen Forscher eigentlich haben, immer
wieder ihre Lanze für die stoffliche Unabhängigkeit und das erleuchtete
Kunstverständnis des wackeren Chretien einzulegen, über den die
kompetentesten französischen Literarhistoriker, bei aller Anerkennung
seiner trefflichen Seiten, so scharf urteilen und dessen Schwächen sie
so unverhohlen zugestehen, wie die von mir Zur Mabinogionfrage S. 10
angeführten Stellen zeigen.
Meyer-Lübke bespricht dann weiter S. 184 den Zug, daß bei Chretien
Enide das Pferd Erecs versorgen muß, während doch der alte Ritter
einen Diener im Hause hat, der dem Leser als die für diese Dienst-
leistung zunächst in Betracht kommende Person erscheint. Im kym-
Weiteres zur Mabinogion frage. Anha 111
Tischen Märchen hat der Ritter, in konsequenter Durchführung der
Armut des Ritters, keinen Diener, und h ha |, die ! Miktion
Enidens als Pferdewärterin motiviert. M.-L. gibl zu, Gereint ( das
Mab.) sei hier „zweifellos konsequenter, wi im < r Enid nai h B
des Pferdes die Einkäufe machen läßt." Abi r darauf kommt i s doch
eben an, daß Mab. auf Schritt und Tritt konsi qui at, logisch, Chretii a
hingegen dies nicht ist. Nach anerkannten, doch oichl i twa von mir
oder Edens ausgedachten methodischen Grundsätzen | Üabinogion-
frage S. 55 f. und diese Zs. 40* [19 13], 192 — Meyer-Lübke b« achte« di« Be
Darlegungen nicht) spricht eine solche durchgehende Konsequenz fnr
die Ursprünglichkeit der Darstellung des Mabinogi und gegen die
Ursprünglichkeit der Chretienschen Fassung, natürlich nur, soweit
die letztere es an Konsequenz fehlen läßt. Daß man znr Nol auch für
Chretiens Erzählung eine Erklärung finden kann: ,,Das Pferd nament-
lich eines Ritters, den man ehren will, wird vom vaslet oder vom eseuier
besorgt, der serjani aber ist offenbar ein tiefi r sti hendi r Knecht, di r
wohl die Küche besorgen, aber nicht mit Pferden umgehen kann",
ändert an jener Tatsache gar nichts. Daß die Pf< rde zu ehri nd( r Ritter
damals nur von vaslets oder eseuiers in Empfang genommen worden
seien, ist im übrigen nicht richtig, — die serjant tun den gleichen Dienst
vgl. Perceval V. 24 640:
IUI. sierjans a apiel^s
Si fait reeoivre lor destriers
(es ist die Rede von Perceval und seinen Begleitern), und ebenda V. H 4 <»!*'»
t Perceval); und außerdem ist essehr wenig wahrscheinlich, daß in jener
Zeit, in der das Pferd eine so große Rolle spielte, der einzige Diener,
den sich ein verarmter Ritter hält, nicht verstanden haben sollte, ein
solches zu besorgen. Sollen wir glauben, daß der serjant besta
in der Küche gestanden und gekocht, Enide hingegen sich im PI
stall zu schaffen gemacht habe? Das wäre doch wohl die verkehrt''
Welt! Da7u ist es auch hier leicht verständlich, was Chretien
veranlaßte, seine Vorlage, falls sie mit dem Mab. in dem fraglichen
Punkte übereinstimmte, zu ändern: es schien ihm unwürdig, daß der
künftige Schwiegervater sein« s Helden, eines Prinzen, nicht einen
einzigen dienstbaren G- ist im Hause gehabt haben sollte, — wie wir
denn später auch an Stelle der einfachen Bewirtung, die im Mab. d< r
Alte seinem Gaste bietet, bei Chretien ein si hr reichliche linden,
die sich wieder mit der Armut des Ritters schlecht verträgt und
wegen auch von Hartmann scherzend abgelehnt wird.
Auch bei der Besprechung der Keu-Gavain-Episode
S. 184 ff. räumt M.-L. ein, daß die Darstellung des Mab. ..klarer und
besser begründet ist als die im Er* c, es ist daher nur begreiflich,
daß Edens und Zenk< r sie für ursprünglich hait n und di r Spott, mit
dem Förster gerade diese Stelle in Edens Arbeit behandelt, kann natür-
lich nicht als Gegenargument gelten". Er gesi hl zu, daß die Dar-
stellung Chr.'s schwitrig zu erk ären sei, trotzdem glaubt er im Stande
zu sein, sie verständlich zu machen. Ich sehe davon ab, die ganze Situ
ation abermals klar zu legen, s< tze sie vielmehr unter V< rweis auf
Edens S. 106 ff., Zur Mabinogionfrage S. 78 ff., diese Zs. 401 (1913),
196 ff. und ebenda 421 (1914), 48 ff. a;s bekannt voraus und I- mi rke
zu Meyer-Lübkes Erklärungsversuch folgendes:
M.-L. meint zunächst, Erec weigere s ch Gauvain gegenüber deshalb,
zu Artus, der im Walde sein Lager aufgeschlagen hat, zu g< hen, weil
eine sofortige Annahme der Einladung „einem Abschluß dieses Ab-
schnittes gleichgekommen" wäre: er hätte dann die Fahrt mit Enide
und die Prüfung der letzteren nicht fortsetzen können.
112 Rudolf Zenker.
Diese Deutung ist mir schlechthin unverständlich. Bekanntlich
wird es so eingerichtet, daß Erec trotz seiner Weigerung beim Weiter-
peiten auf Artus' Hofhaltung stößt, er wird dort freudig begrüßt, seine
Wunden werden verbunden, und am nächsten Tage reitet er mit Enide
weiter. Inwiefern sollte er, wenn er freiwillig der Einladung zu Artus
Folg' t hätte, sich damit die Möglichkeit genommen haben,
seine Heise mit Enide fortzusetzen, was er nach der unfreiwilligen
Begegnung ja tut ? Er konnte doch, wenn er Artus freiwillig einen
Besuch abstattete, genau ebenso, wie er es beim unfreiwilligen Zusam-
mentreffen mit ihm tut, dessen Aufforderung zu längerem Bleiben ab-
lehnen I Seine Willfährigkeit gegen Gauvains Bitte, Artus zu besuchen,
V. 4006, verpflichtete ihn doch zu gar nichts weiter! Die „gezwungene
[Annahme der Einladung] gab Gelegenheit zu der Heilung [vielmehr
nur zum Verbinden!] von Erecs Wunden", — aber die freiwillige
hätte doch natürlich die gleiche Gelegenheit gegeben!
,,Der Streit zwischen Zenker und Förster, ob der Zustand des
schwerverwundeten Erec, wie der Kymre meint, sein Auftreten am Hofe
unmöglich gemacht, oder ob er gerade als Sieger aus schweren Kämpfen
besonders ehrenvoll aufgenommen worden wäre, ist überflüssig".
Aber genau die gleiche Darstellung wie der Kymre gibt in diesem
Punkte — worauf bisher noch nicht aufmerksam gemacht wurde —
auch Hartmann, von dem man bisher allgemein annahm, daß er aus-
schließlich Chretien vor sich gehabt habe: Hartmann hat den gleichen
Grund für Erecs Weigerung, zu Artus zu gehen, wie das Mab. : daß er
wegen seiner Müdigkeit und seiner schweren Wunden augenblicklich
nicht in der Verfassung sei, um bei Hofe zu erscheinen, nur ist Hart-
mann ausführlicher, s. oben S. 81 no. 22:
5061 ir seht wol daz ich ze dirre stunt
bin beide müede unde wunt
und so unhovebaere
daz ich wol hoves enbaere ....
Freilich gibt bei ihm Erec diese Begründung für seine Weigerung,
zu Artus zu kommen, nicht sofort, wo er vielmehr nur erklärt, V. 4976:
Ich habe ze disen ziten Gemaches mich bewegen gar, sondern erst als
'iauvain ihn durch List zum König gebracht hat, indessen ändert das
natürlich an der vorliegenden sachlichen Übereinstimmung nichts.
Dieses Zusammentreffen des Kymren und des deutschen Dichters
nun gegenüber Chretien, der eine völlig verschiedene Erklärung für
Erecs Weigerung gibt, kann kaum auf Zufall beruhen, wie schon
oben festgestellt wurde, — folglich müssen beide ihre Motivierung aus
einer gemeinsamen Quelle, aus einer von der Chr^tiens verschiedenen
Erec-Erzählung geschöpft haben.
Meyer-Lübke meint nun aber, die Version des Mab. erkläre sich
daraus, daß der Kymre die Chrötiensche Stelle
4104 Je ne sui mie bien heitiez,
Einz sui navrez dedans le cors;
Et neporquant ja n'istrai fors
De mon chemin por ostel prandre . . .
mißverstanden habe, indem er das neporquant nicht beachtete und also
übersetzte: „Ich bin nicht recht wohl, sondern im Leibe verwundet, und
ich werde von meinem Wege nicht abgehen [statt des Chretienschen:
ich werde trotzdem von meinem Wege nicht abgehen], um Unter-
kunft zu suchen", und er habe nun diese Antwort so aufgefaßt, als solle
der erste Teil des Satzes den zweiten, Erecs Weigerung begründen.
Diese Auslegung ist aber sehr unwahrscheinlich, und zwar aus
folgenden Gründen :
Weiteres zur M ab inogion frage. Atihang. \\ :
1. Da Hartmann dieselbe Version hat wie das Mab. was aller-
dings Meyer-Lübke nocli nicht wußte — , so müßten wir, wenn die ge-
gebene Erklärung richtig ist, annehmen, daß sowohl der Kymr
Deutsche sich genau das gleiche Mißverständnis hätten zu Schulden
kommen lassen, daß beide das neporquant, das mit seinen drei Silben
doch breit und deutlich genug dasteht, übersehen hatten, was
wiß nicht eben wahrscheinlich genannt werden kann; daG ue etwa
beide das Wort nicht verstanden haben sollten, ist m. ht zu glauben,
da es bei Chretien im Erec mehrfach vorkommt, dem Glossar EU !
außer an dieser Stelle noch viermal — und zwar zweimal, \. 518 and
3000, vorher — , vielleicht aber noch öfter, da die vorliegende Stelle im
Glossar gar nicht zitiert wird, was die Vermutung nahe legt, daß noch
andere Belegstellen im Glossar fehlen möchten.
2. Angenommen, beide Bearbeiter hätten wirklich, wie Meyer-
Lübke es von dem einen annimmt, durch einen merkwürdigen Z
über das neporquant weggelesen, ist es nicht glaubhaft, daß sie beide nun
auch unabhängig voneinander denChretienschen Text in merkwürdigem
Zusammentreffen so interpretiert haben sollten, wie sie tun. Nach Mi
Lübkes Auffassung hätten der Kymre und Hartmann die Worte, die
Chretien dem Erec in den Mund legt: „Ich bin verwundet im Leibe m
werde trotzdem nicht von meinem Wege abgehen, um Unterkunft zu
suchen," in Folge von Nichtbeachtung des ,, trotzdem" vielmehr
standen: „Weil ich verwundet bin, werde ich nicht von meinem V
abgehen usw." Zwischen diesem Gedanken und dem, welchen wir über*
einstimmend sowohl im Mab. als bei Hartm. finden: „Ich bin verwundet
und deshalb nicht in einem Zustande, in dem ich mich bei Hofe
sehen lassen könn te" — warum nicht, das erfahren wir ja bei
Hartmann, während das Mab. keine Auskunft erteilt: nämlich weil
dem, der bei Hofe erscheine, Freude gezieme — zwischen diesen beul, a
Gedanken ist doch noch immer ein deutlicher Abstand: dort einlach
die Weigerung, die Fahrt zu unterbrechen und Herberge zu nehmen, hier
der Hinweis darauf, daß er sich so bei Hofe nicht sehen lassen kam,.
Ist es sehr wahrscheinlich, daß zwei verschiedene Bearbeiter, nachdem
sie durch Zufall beide das „trotzdem" ausgelassen hatten, nun au.
jenen Gedanken, bei dem es doch auf den ersten Blick keineswegs deut-
lich ist, in wiefern Erec seine Wunden veranlassen können, seine Fahrl
nicht zu unterbrechen, beide genau in der gleichen Weise ausgelegt
haben sollten? Denn das ,,/e ne suis pas dans un etat ä nie prisentei
devant qui que ce soit"im Mab. entspricht, nachdem eben an ihn dii
Aufforderung ergangen ist, bei Hofe zu erscheinen, doch wörtlich di i
Erklärung Erecs bei Hartmarin, er sei unhovebaere, dem Hofe müsse
sein Recht werden und dazu sei er jetzt nicht imstande (Da enkan ü h
nü niht zuo Und muoz mich sümen dar V. 5058). Daß diese Begrüial iin_
von Erecs Weigerung sich keineswegs von selbst versteht, ergibt sich
doch wohl daraus, daß Förster Edens' Ansicht, sie sei ursprünglich,
als fast läppisch bezeichnete.2)
Also ich glaube, das Zusammentreffen von Mab. und Hartm.
macht Meyer-Lübkes Annahme, daß die Version des Mab. hii l
einem Mißverständnis Chretiens zu erklären sei, ganz unwahrscheinlich.
In jedem Falle aber erweist sich der Hohn, welchen Förster hier
Edens ergießt, durch das Hinzutreten Hartmanns zu dem Mab
als eine böse Entgleisung, indem danach nicht nur dem Kymren
2) Diese Zs. 381, 177: „Fast läppbch aber ist des Verfa
i.Edens'] Ansicht, daß W [= Mabinogi] das richtige und ursprüng-
liche (!) hat, weil er eigens motiviert [gemei t ist: in d. r oben an-
gegebenen Weise motiviert], warum der verhauene und verwundete
Erec nicht mit Kei und Gauvain zu Artus ziehen will."
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLVV1. 8
114 Rudolf Zenker.
dem auch dem in dir ritterlichen Sphäre sich bewegenden deutschen
Dichter Erecs Zustand als ein völlig ausreichender Grund erschien, sich
i 11 h t bei Hofe sehen zu lassen.
Und dann der Hauptpunkt: Gauvains Versprechen, das er Artus
gibt, er wolle ihm den besten Ritter zeigen, obgleich er keine Ahnung
hat, wer der verwundete Ritter, den er im Walde getroffen hat, eigentlich
ist. M.-L. meint, daß der Fremde ein vorzüglicher Ritter sei, erschließe
Gauvain aus dessen zerhauenem Schild, seinen Wunden und daraus,
daß er trotz dieser Wunden weiter ziehen wolle. Aber Erec wfrd von
Gauvain nicht als ein vorzüglicher, sondern a!s der beste
Ritter bezeichnet, was doch noch etwas wesentlich anderes ist, und
daß er letzteres ist, kann doch aus der bloßen Tatsache, daß er Wunden
davon getragen und trotzdem weiter reiten will, noch nicht erschlossen
werden, denn ein Verwundeter kann ebensowohl ein Besiegter wie ein
Sieger sein, und daß seine Wunden ihn nicht zum Rasten zu veranlassen
vermögen, beweist wohl, daß er von großem Tatendrang erfüllt ist,
aber auch nicht, daß er das Prädikat des besten Ritters verdient!
Wohl aber ist das Prädikat ohne weiteres verständlich, wenn wir an-
nehmen, Chretiens Darstellung sei hier lückenhaft und es liege ihr die
im Mabinogi gebotene zu Grunde, denn in diesem erkennt Gauvain
in dem fremden Ritter den Erec, der ja bei Chretien in der Tat als d e r
beste Ritter der Welt geschildert wird.
Die ganze Episode ist so einfach, so vollkommen klar und wider-
spruchsfrei, wenn wir die Version des Mab. als die ursprüngliche be-
trachten, aus der die Chretiens durch flüchtige Lektüre oder Er-
innerungstäuschung hervorgegangen ist (abweichende B< gründung von
Erecs Weigerung, Nichterkennen Erecs durch Gauvain) und die Episode
muß erst durch so künstliche Erklärungen, wie Meyer-Lübke sie hier
vorschlägt, auf die Beine gebracht werden, wenn wir umgekehrt Chretiens
Darstellung als die ursprüngliche ansehen, aus welcher die des Mab.
und Hartmanns abgeleitet sei! Und warum diese gewaltsamen Deu-
tungen? Weij durchaus nicht zugestanden werden soll, daß Chretien
bisweilen seine Quelle verballhornt hat, denn wenn di»s zugestanden
wird, dann haben die Versionen des Mab. in einer Reihe von Fällen
die Priorität zu beanspruchen, und wenn dem so ist, dann muß
Chretien die Grundlinien der Erzählung sowie viele Einzelheiten schon
in seiner Quelle vorgefunden haben, dann ist es um den Ruhm seiner
stofflichen Originalität geschehen, und diese darf a priori nicht an-
gezweifelt werden, weil der dop elt falsche Satz an die Spitze g< stellt
wird: Chretien ist ein großer Dichter, und ein großer Dichter ist stoff-
lich durchaus originell!
Zuletzt bespricht Meyer-Lübke meinen Hinweis auf die Tatsache,
daß Chretien sich über den insularen Schauplatz des Erec gar nicht
klar sei, die ich erschloß aus seiner Angabe, Enidens Eltern seien von
Wales nach Nantes geritten: V. 6580 ff. : „Tag für Tag legten sie eine
große Strecke zurück: so lange ritten sie Tag für Tag, b:s sie mitgroßt r
Freude und reicher Ausrüstung am Abend vor Weihnachten in der
Stadt Nantes anlangten".
Ich erfahre hier den Vorwurf der Pedanterie, weil ich angeblich die
Forderung stelle, ,,daß der Dichter sich genau so ausdrücken soll, wie
etwa ein Schüler in seinem Aufsatz Natürlich haben sie einen
Teil der Reise zu Wasser machen müssen." Ich glaube aber diesen recht
harten Vorwurf doch nicht zu verdienen, denn ich meine, daß man
doch nicht nur von einem Schüler zu erwarten hat, daß er sich sach-
gemäß und verständlich ausdrücke, sondern von Jedermann. Wer,
um einen bestimmten Ort zu erreichen, eine Seereise machen, außer-
dem aber einen Teil des Weges zu Pferde zurücklegen mußte, dem
Weiteres zur Mabinogionfrage. Anhang. 115
kann es nicht bei lallen, zu sagen, er sei vom Ausgangspunkt nach
dem Ziel seiner Reise geritten; darüber ist gar kein Streit mög-
lich, und, wie wir gleich sehen werden, urteil e n b i e r .1 d d e r e
Gelehrte genau ebenso wie ich.
Wenn Meyer-Lübke meint, es sei Chretien doch uichl Euzutraui n,
daß er nicht gewußt habe, daß Evroic in England lag, su erwidere ich,
daß ich bei der bekannten groben geographischen I nwissenheit des
mit Geographiestunden, geographischen Handbüchern und Atlanten
noch nicht beschwerten Mittelalters3) dies sehr wohl für möglich halte,
nachdem Chretien ja doch gar nicht gewußt zu haben braucht, daß
Evroic mit York identisch ist.
Dafür, daß es sich nun aber in der Tat so verhalt, wie ich im Hin-
blick auf jene Stelle annehme, und Chretien sich wirklich nichl darübi r
im klaren ist, daß der Erec in Großbritannien spielt, spricht der I in-
stand, daß unser conteur sich auch den insularen Schau-
platz seines /poin ganz unzweifelhaft nicht deutlich
gemacht hat. Dieser Roman beginnt mit einem Hoffeste des
Königs Artus zu Carduel en Gates, d. i. vermutlich Carlisle in Cumber-
land, s. Zimmer in dieser Zs. 13, 99; von dort reitet nun Ivain
zum Besuch der Wunderquelle direkt nach dem Walde Broceliande,
der bekanntlich in der französischen Bretagne liegt, und seine l,
wird so genau beschrieben, daß für eine Seefahrt absolut kein Platz
bleibt, V. 762 ff.: „Tag um Tag ritt er so lange durch Gebirge und
Täler und durch lange, weite Wälder, durch fremde, wilde Landschaften,
und er kam durch manche schlimme Durchgänge und bestand manche
Gefahr und mancherlei Nöte, bis er geradenwegs zu dem Fußpfad kam
[von dem Calogrenant erzählt hatte] . ." Dieser Pfad führt Ivain dann
zu dem Hause des vavassor, bei dem er übernachtet; von da gelangt
er am folgenden Morgen reitend zu der Waldlichtung, wo er den
riesenhaften Hirten trifft, der ihm den Weg zur Quelle weist, V. 795.
Hier ist es also im Hinblick auf die Ausführlichkeit der Dar-
stellung vollkommen ausgeschlossen, daß Chretien eine Seereise seines
Helden vorgeschwebt und er nur der Kürze halber ihrer nicht Erwähnung
getan haben sollte.
Daß der Dichter sich den Wald Broceliande und den Hof des
Artus, Carduel in Wales, nicht durch das Meer getrennt dachte, geht
auch mit Sicherheit aus Ivain V. 1826 ff. hervor: Laudine verlangt
von Lunete, daß sie ihr Ivain heranschaffe, dessen Anwesenheit im
Schlosse Lunete geheim hält und von dem Laudine annimmt, daß er
an den Artushof zurückgekehrt sei. Lunete antwortet: „ . . ich will
dahin gehen lassen einen meiner Knaben, der sehr s C h n • I I
läuft; er wird nach meiner Schätzung bis zum Hofe des Königs
Artus mindestens bis morgen Abend unterwegs sein, — eher wird er
[Ivain] nicht aufzufinden sein." Laudine gibt zur Antwort: .1
Termin ist zu spät. Die Tage sind jetzt lang. Sagt ihm vielmehr, daß
er morgen Abend wieder hier zurück sei und daß er s c h n e 1 1 e r
gehe, als er sonst zu tun pflegt; wenn er seine Kräfte recht eu-
sammen nimmt, wird er aus zwei Tagereisen eine machen. Heute
Nacht wird der Mond scheinen, und so kann er die Nicht /.um rage
machen."
Diese Darstellung ist schlechthin unvereinbar mit der Annahme,
der Bote habe das Meer zu überschreiten gehabt.
Auch später ist im Ivain nie von einer Beeren-
der Held doch V. 5843 an Artus' Hof zurückkehrt.
3) Und nicht nur des Mittelalters: bekanntlich ei I I noch
Shakespeare im Wintermärchen Böhmen ans Me PI
116 Rudolf Zenker.
Damit ist nun unwiderleglich bewiesen, daß der
Dichter entweder nicht wußte, daß Carduel en Gale s
in England liegt, oder nicht, daß der Wald von Broce-
liande sich in der französischen Bretagne befindet.
Daß für eine Seereise in der Schilderung von Ivains Fahrt zur
Quelle kein Platz ist und daß eine solche dem Dichter ebensowenig
sonst irgendwo vorgeschwebt hat, wo von der Reise einzelner Personen
von der Quelle zu Artus' Hof oder umgekehrt berichtet wird^ ist auch
die Ansicht von Förster, der gr. Ivain, Anm. zu V. 189, S. 278, bemerkt:
,,Ob sich nun Christian den Zauberwald in Armorika gedacht habe,
ist sehr fraglich. Man muß vielmehr schließen, daß er sich denselben in
England gelegen denkt. 762 ff. wird der Weg beschrieben, den Ivain
von Carduel in Wales aus einschlägt: von einer Seefahrt, die Christian
sonst (vgl. Cliges) erwähnt, ist keine Rede. In der Nähe der Quelle
ist Laudinens Schloß. Artus' Weg dahin ist nicht beschrieben (2171 f.).
Nun nimmt Ivain von Laudine Urlaub De retorner soi en Bretaingns
(2546), von der (aus Carduel) er ja gekommen war. Mithin läge die
Quelle nicht in der Bretagne. Eine andere Anspielung findet sich im
ganzen Buche nicht. Zwar zieht man bald von, bald zu der Quelle;
aber nie kommt man auf die See. Danach läge die Quelle
in England, aber außerhalb der Bretagne, d. h. des von Britten be-
wohnten Teiles."
Danach ist also auch Förster der Meinung, daß von einem Wechsel
des Schauplatzes zwischen England und der französischen Bretagne —
die aber bekanntlich zu Chretiens Zeit zu England gehörte — im Ivain
keine Rede sein kann: der Schauplatz ist entweder ausschließlich in
England oder ausschließlich in der Bretagne zu suchen, — wo ? darüber
ist er nicht völlig ins klare gelangt, er entscheidet sich aber für die
erstere Möglichkeit.
Indes kann es vielmehr als so gut wie gewiß betrachtet
werden, daß Chretien sich den Schauplatz in Wahrheit
ausschließlich auf dem Festlande gedacht hat:
Zunächst ist es a priori wenig wahrscheinlich, daß Chretien als
Franzose nicht gewußt haben sollte, daß der sagenberühmte Wald
ßreceliande sich in der kontinentalen Bretagne befand.
Sodann: Chretien kannte die — von Förster in der eben genannten
Anm. zitierte — Stelle, wo der Reim Chronist Wace seinen Besuch an
der Quelle erzählt, und bei diesem ist es, wie auch Förster feststellt,
ganz deutlich, daß die Quelle sich in Armorika, auf dem Festlande
befindet. Andererseits schöpfte Huon de Mery bekanntlich aus Chretiens
Ivain, und seine Darstellung — auch von Förster angeführt — läßt
gleichfalls keinen Zweifel, daß er sich den Wald nebst Quelle in Armo-
rika denkt: er liegt für ihn, wie F. feststellt, in der Nähe des Weges,
den das aus Armorika zurückkehrende französische Heer nimmt.
Huon de Mery denkt sich auch Cornwall und Irland — das erstere
wohl in Folge von Verwechselung mit der bretagnischen Landschaft Cor-
nouaille — auf dem Festlande, denn es heißt bei ihm (ed. Wimmer),
V. 2020 ff. von den französischen Rittern: Orent chevauchie tote nuit
Par bois et par jorez oscures Querant depors et aventures Par Cornouaille
et par Illande E vindrent par Brouceliande. ,,Sie waren die ganze Nacht
hindurch auf der Suche nach Zeitvertreib und nach Abenteuern durch
Wälder und dunkle Forste geritten durch Cornwall und Irland, und sie
sie kamen durch Brouceliande." So hätte er sich unmöglich ausdrücken
können, wmn er sich Cornwall in England und Irland als Insel dachte.
Weiter: Auch in dem mhd. Wigalois, dem ein französischer Artus-
roman zu Grunde liegt — Wigalois = Gui Galois — ist der Schauplatz
rein kontinental und Artus' Residenz in der kontinentalen Bretagne
gedacht. Der deutsche Übersetzer, Wolf Graf von Baudissin,
Weiteres zur Mabinogionfrage. Anhang. 117
Guy von Waleis, der Ritter mit dem Rade, von W i r n t von Um v e n-
berg, Leipzig, 1848, bemerkt S. 328 in Anm. zu V. 150: , Benecke
versetzt Caridoel nach Carlisle in Northumberland ; ich bezweifle aber
nicht, daß es in der Bretagne gedacht werden müsse, wie im Ivain.
Gewiß hat die ursprüngliche Erfindung (wenn sie aus Wales stammt)
den König Artus in England wohnen lassen: aber Wind folgl einer
späteren bretagnischen Bearbeitung, und wenn er seinen Guy von
Caridoel nach Corentin r e i te n , oder d n König Artus sein Hoflager
in Nantasan halten läßt, so muß er sich die Residenz des Königs auf
dem Festlande vorgestellt haben: dafür zeugen auch die übrigen fran
zösischen Ortsnamen."
Sodann: der unbekannte Verfasser des vor 1228 entstanden
Artusromanes Claris et Laris (ed. Alton, Tübingen 1884) denkt sich
ganz unzweifelhaft Artus' Residenz Caradigan auf dem Festlande, in
der kontinentalen Bretagne, denn die beiden Titelhelden gelai
V. 449 — 4579 von der Gascogne aus reitend dahin: oirg< ads wird
ein anderer Ausdruck als chevauchier gebraucht. Noch 4393 ff. erkläri n
sie einem Grafen: Aller voulons en Bretaigne Veoir le roy et sa compaignt
Pour aprendre chevalerie. Am nächsten Morgen reiten sie weiter,
V. 4455: Li 'endemain matin se leverent Droit vers la forest s'cn ale[rrnt],
Cerchiee Vont le jor entier. Von diesem Walde aus gelangen sie reitend
noch an demselben Tage nach Caradigan, V. 4573 ff. Auch Kamaaiot
wird auf dem Festlande gedacht, s. V. 11 360 ff. Unter Bretagne wird
überall nur die französische Bretagne verstanden: V. 30304 brechen die
beiden Helden von Köln auf und gelangen reitend nach der Bn tagne.
Und nun erwäge man noch die für unsere Begriffe geradezu un-
geheuerliche geographische Unkenntnis, die sogar auf den doch von
gelehrten Männern herrührenden Weltkarten des 11. bis 13. Jahrhund- rta
zu Tage tritt, s. die Abbildungen bei K. Kretschmer, Geschichte
der Geographie, Berlin-Leipzig 1912, S. 53 ff. Auf der Beatuskart-
von St. Sever, 11. Jahrh., ist Irland direkt westlich von den Pyn n8 n
eingezeichnet, die Insula Britannia zieht sich nördlich davon als schma-
ler länglicher Streif dicht an der Küste von Uuasconia bis Saxonia bin,
die Nordküste des Mittelländischen Meeres verläufl von der Meerenge
von Gibraltar bis zum Eingang des adriatischen Meeres in fasl gerader
Linie gegen Osten, Tuscia liegt westlich von Romania und Rom, Sizilien
westlich von Sardinien usw.
Wenn wir dies alles in Rechnung ziehen, liegt offenbar aichl der
mindeste Grund vor, zu bezweifeln, daß auch Chretien, der doch kein
Gelehrter und kein Geograph war, sich Carduel in Wales, wo ^rtus
Hofhält, auf dem Festlande gedacht habe, daß für ihn Artus ein
König der festländischen Bretagne war und für ihn also auch
die ganze Handlung des Ivain auf dem Kontinente spielte.4)
4) Die Frage, wo sich Chretien den Wald von Breceliande und den
Schaup.atz des Ivain denkt, wird sehr ausführlich behandelt in dem
umfangreichen Werke von Felix B e 1 1 a m y , La Foret de Brecht
la fontaine de Berenton, I, Rennes 1896, S. 572—582. Auch er hi
für wahrscheinlich, daß der Schauplatz rein kontinental zu denken ist:
„ . . . fadmeltrai que dans son idee [der Chretiens], il n'j/ avaü point
de mer interposee entre l'ile de Bretagne et V Armorique; que ces deux
contrees se joignaient, ne formaient qu'une seule et mime terre conttnue
et que Von allait directement de Vune ä Vautre ä pied ou ä cheval, Selon
ausdrücklich erwähne, eine Möglichkeit, die nach dem oben
nicht anerkannt werden kann. Die strenge philologische Ix- unter-
118 Rudolf Zenker.
Was ab r di m einen recht ist, ist dem anderen billig. Spielt der
ganzi' Ivain für Chretien auf dem Kontinente, in der Bretagne, so
Reg1 imlit der mindeste Grund vor, zu bezweifeln, daß er auch
den Srhauplatz des Erec sich im kontinentalen Kelten-
lande dachte und seine Angabe, Enidens Eltern seien vom Hofe des
Artus nach Nantes geritten, genau wörtlich zu verstehen ist.
Es sei darauf hingewiesen, daß in der Tristandichtung die Meer-
fahrt stets ausdrücklich erwähnt wird, so oft der Schauplatz zwischen
England und Irland, England und der Bretagne wechselt.
Bekanntlich ist in den beiden Mabinogion von Gereint und von
Owen der Schauplatz ausschließlich insular und beide sind auch hier
klar und konsequent, während bei Chretien Unklarheit und innerer
Widerspruch vorliegt.
Somit ist das Mißverständnis des Chrötientextes auch hier nicht
auf meiner Seite.
Damit wären sämtliche Einwände, die von Meyer-Lübke gegen die
in Festhaltung des alten Gaston Parisschen Standpunktes von mir
und Edens — wie auch von einer ganzen Reihe anderer Forscher —
vertretene Auffassung vom Verhältnis des französischen Erec zum kym-
rischen Mabinogi vorgebracht worden sind, auf ihre Berechtigung hin
aufs genaueste untersucht und, denke ich, als ebensowenig stichhaltig
erwiesen, wie es die von Förster, Smirnov und Becker geltend gemachten
Argumente für die Ursprünglichkeit der Chretienschen Darstellung sind.
Meyer-Lübke beendigt seinen Artikel mit der Formulierung seines
Ergebnisses in Gestalt einer Schlußfolgerung, die, wie ich glaube, ohne
Kommentar kaum richtig verstanden werden wird, — daß sie es aber
werde, daran habe ich ein gewisses Interesse, denn mancher, der sich
nicht die Zeit nimmt, eine längere Abhandlung über ein kompliziertes
Problem zu lesen, wird doch nicht versäumen, sich das Endergebnis
anzusehen, und die Gefahr, daß Meyer-Lübkes Darstellung hier miß-
verstanden wird, scheint mir sehr nahe zu liegen. Ich muß deshalb auf
diesen Schlußpassus noch eingehen.
Meyer-Lübkes Gedankengang ist der folgende:
1. „Der Roman [von Erec] als Kunstwerk", so meint M.-L., sei
in der uns vorliegenden Gestalt jedenfalls „von seinem ersten Verfasser
gedichtet worden", d. h. die Grundlinien der Handlung des uns unter
dem Namen des Chretien von Troyes erhaltenen Erec-Romans rührten
von dem Verfasser dieses Romanes selbst her.
2. Da in dem Prolog, der zwar nach Meyer-Lübke teilweise jüngeren
Ursprungs wäre, in welchem er aber den den Namen enthaltenden Vers
für ursprünglich hält, sich Chretien von Troyes als Verfasser nennt,
und da Stil, dichterische und metrische Technik dieselben seien, wie
in den sicher echten Romanen Chretiens, so könne nicht, wohl daran ge-
zweifelt werden, daß der Verfasser des uns handschriftlich vorliegenden
Romanes wirklich mit Chretien von Troyes identisch sei.
3. Conclusio: ergo müsse man doch wohl Chretien als „Schöpfer"
des Erec bezeichnen, d. h. aus 1 und 2 folge, daß er nicht nur der Ur-
heber des uns erhaltenen Romans sei, sondern daß auch die in dem
Roman erzählte Geschichte sein Eigentum sei, daß er sie nicht aus
älterer Quelle entlehnt habe, und M.-L. stellt diejenigen, die dies be-
zweifeln, auf eine Stufe mit Leuten, „die auch nicht für sicher halten,
daß Shakespeare der Verfasser der unter seinem Namen uns erhaltenen
Dramen sei."
pretation ist eben Bellamys Sache nicht, und die anderen Artusromane
hat er nicht berücksichtigt.
Weiteres zur Mab inog ionfrage. Au hau. 119
Hierzu bemerke ich:
ad 1: Daß die Geschichte, welche den Inhalt des uns erhaltenen
Erec Romanes bildet, von dem Verfasser des letzten n selbst herrühre
von ihm mit Verwertung älterer Episodendichtung selbständig kora-
poniert wurde, ist von M.-L. nicht bewiesen worden : der einsige < '■rund
den er für diese Annahme geltend zu machen weiß, ist der, daß, wenn
man des Dichters stoffliche Originalität bestreite, nicht einzusehen
sei, was denn überhaupt an der ganzen D.chtung sein eigen sein Bolle.
Auf diese Frage glaube ich oben S. 110 eine ausreichende Antwort
erteilt zu haben und ich verweise auf das dort Gesagte.
ad 2: Daß der uns vorliegende französische En-r in der erhalten n
Fassung den Chretien von Troyes zum Verfasser habe, [gl bisher von
gar niemand je in Zweifel gezogen worden auß> r von Coh n, der
Zs.38l(19ll), 95 ff. sich bemüht, V. 9— 26 des Prologes —in V. 9 steht
der Name des Chretien von Troyis — als unecht zu erweisen und weiter
hin Gründe dafür geltend zu machen sucht, daß dieser uns vorliegende
Erec nur eine Überarbeitung des von Chretien selbst verfaßten Originales
sei. Diese überaus künstliche Hypoth se hat m. W. bisher nirgends
Zustimmung gefunden, — Förster selbst im „Wörterbuck" S. 54 ver-
wirft sie als aus „Hyperkritik" hervorgegangen — , Meyer-Lübke indes
ist geneigt, sie teilweise gelten zu lassen, betrachtet aber trotzdem
V. 9, in dem sich Chretien selbst als Verfasser nennt, als echt.
Dies zeigt, daß es sich unter 1 und 2 um ein ganz
verschiedenes Problem handelt: diejenigen, welche 1
bestreiten, bezweifeln nicht im mindesten, daß der uns vorliegende
Erec Chretien zum Verfasser habe, aber sie behaupten, daß er rein
stofflich von einer älteren Vorlage abhängig sein müsse; wer sich dagegen
auf den Standpunkt von Cohn stellt, 2, leugnet keineswegs die stofflich
Originalität Chretiens, wohl aber — trotz des Prologes, in dem er ge-
nannt wird, bezw. sich nennt — , daß die uns erhaltene Fassung des
Romans von Chretien selbst herrühre.
Wenn deshalb Meyer-Lübke zum Schluß die Vertivti r beider An-
schauungen zusammenfaßt als solche, die in Zweifel ziehen, daß Chretien
der „Schöpfer" des Erec sei, — daß M.-L. dabei auch an 1 denkt, zeigt
sein Zusatz: wenn auch nicht ganz in der Weise, wie Förster es sich
vorstelle — , so macht er sich einer fehlerhaften Kontamination sehn
indem er „Schöpfer" in einem doppelten Sinne faßt: „Erfinder, bi zw.
Komponist der in dem Roman behandelten Geschichte" und „Ver-
fasser des unter seinem Namen erhaltenen Romanes". Der Ver-
gleich mit den Shakespeare-Leugnern— ich darf
wohl diesen Ausdruck gebrauchen — hat nur dann einen
Sinn, wenn das Wort „Schöpfer" in der letzter-
wähnten Bedeutung gebraucht wird, also für die
Cohnsche Theorie, die ich entschieden ablehne,
er paßt nicht auf die Anschauung derer, die 1 bestreiten; hier müßte
es, wenn auf Shakespeare exemplifiziert werden soli, vielmehr heißi n:
„gibt es doch auch Leute, welche behaupten, dal.'. Shakespeare die
Stoffe seiner Dramen aus älteren Quellen, denen er sieh vielfach in-
haltlich sehr genau anschließt, entnommen habe", aber daß <v das
getan, behaupten bekanntlich alle Leute, es wird von gar niemand in
Zweifel gezogen, folglich wäre dieser Vergleich nur Wasser aui
Mühle derer, welche, wie ich es tue, Chretiens stoffliche
Originalität bestreiten.
Soviel für diesmal. Mit dem sonstigen Inhalt i\t-± Meyer-Lüb-
keschen Artikels, der gewiß volle Beachtung verdient, werde ich
mich, wie schon eingangs bemerkt, in einem späteren Artikel zu
befassen haben.
120 Rudolf Zenker.
Nachtrag.
Brei während Obiges im Drucke ist, werde ich inne, daß Förster
im „Wörterbuch" in den angehängten „Nachträgen zur Einleitung"
8.234* r. gelegentlich der Erwähnung von \V. A. Nitzes Abhand-
lung „The Romance of Erec, son of Lac", Modern Philology XI (1913),
g, 445 — 4S!>, die in einem der folgenden Artikel dieser Reihe ein-
g hend besprochen werden wird, auf meine Ausführungen zur L a u -
d ine - J o cas te -Frage in dieser Zs. 41 (1913), 140 ff< kurz
zu sprechen kommt. Nitze zitiert nämlich S. 458 Anm. 1 beim Hinweis
auf den Parallelismus Laudine-Jocaste auch meinen eben genannten
Artikel und bemerkt, ich habe dort auf die Möglichkeit hingewiesen,
„«daß nicht der Thebenroman den Ivain, sondern umgekehrt eine
ältere Fassung des letzteren jenen beeinflußt hat!» [?]", — eine An-
gabe, welche bei denen, die meinen Artikel nicht gelesen haben, leicht
die irrtümliche Vorstellung erwecken kann, als sei die Geltendmachung
der erwähnten Möglichkeit dasjenige Argument, mit dem ich Försters
„mathematischen" Beweis für die Abhängigkeit der Mabinogion von
Chr6tien bekämpfe, und als werde mein Gegenbeweis für den, der jene
chkeit ablehnt, ohne weiteres hinfällig.
In der Tat hat Förster selbst a. a. O., indem er die Bemerkung
Nitzes zitiert und die fragliche Möglichkeit als „unsinnig" bezeichnet,
die Sache sofort in dem angegebenen Sinne dargestellt.
Demgegenüber bemerke ich, daß ich a. a. O. vielmehr mit Hamel
und Förster Beeinflussung des Chretienschen Ivain durch den Theben-
roman annehme, zugleich aber den Nachweis liefere, daß aus den paar
Zügen, welche die Laudine-Episode mit der Jocaste-Episode gemein hat,
für die Abhängigkeit des Mab. von Owen von Chreticns Ivain, also auch
für die Abhängigkeit der Mabinogion von Chretien überhaupt, gar nichts
erschlossen werden kann. Nur nebenbei habe ich noch auf die
Möglichkeit hingewiesen, daß es sich am Ende auch umgekehrt ver-
ü und vielmehr eine ältere vor-Chretiensche Version des Ivain,
die aotwendig existiert haben muß, den Thebenroman beeinflußt haben
möchte. Jener von mir geführte Gegenbeweis
aber ist völlig unabhängig davon, ob man diese
Möglichkeit gelten läßt oder nicht, er bleibt
somit auch für die, welche das nicht tun, in
seinem vollen Umfang bestehen.
Im übrigen ist der Gedanke einer Beeinflußung des Thebenromanes
durch eine ältere vor-(.hretiensche Spielmannserzählung von Ivain
nicht im mindesten „unsinnig", nachdem feststeht, daß die antikisie-
renden Versromane tatsächlich schon den Einfluß der bretonischen
Dichtung erfahren haben : so tritt z. B. im Trojaroman die Fee Morgaine
auf, die, wie Miß Paton gezeigt hat — s. die Fortsetzung dieses
Artikels — , aus irischer Sage stammt.
Rostock. Rudolf Zenker.
Etymologisches.
Boche.1)
Die kühle — man könnte fast sagen heitere — Sachlichkeit
mit der die Deutschen über Herkunft und Bedeutung dieses
Wortes handeln, ist nicht nur an sich ein schönes Merkzeichen
ihrer auch im Kriege nicht erschütterten Gelassenheit und wissen-
schaftlichen Vorurteilslosigkeit, sondern sie ist wohl auch die
beste und für die Franzosen sicherlich beschämendste Antwort
auf den Schimpf, den sie uns damit anzutun gedenken. Statt
uns davor zu verkriechen oder gar uns getroffen zu fühlen, heh m
wir das Geschoß auf, zerlegen es und tragen zu seiner Erklärung bei.
Zunächst ein Überblick über die Sippe, die im Laufe von zwei
Jahren entstanden ist und sich täglich vermehrt:
b o c h e = der Deutsche ; hierzu bochesse=die Deutsche
Tu Vaim.es, ta Bochesse? (Pet. Paris. 3. Febr. 16.) b o c h e adj.:
Mr. Ribot,nouB l'en felicitons, serefuse ä imiter le docteur Helfferich,
le prestidigitateur si habile ä extraire des poches boches l'argent
qui n'y est pas et qu' il prHe ä ses preteurs (Journal. 30. Nov. L5).
une idee bien bocke, La Suisse bocke; b o c h i s m e = das Deutsch-
tum. (Gesammelt von Kr. Nyrop2). e m b o c h e: Mettons, que les
5000 ä 6000 premiers depositaires [d'un secret] soient surs; ne
comptons dans le nombre ni Boches ni emboches ni meme simples
citoyens du monde desireux de donner des renseigtiements (Ch.
Maurras, Le Figaro, 23. Aug. 1915). bochiser = deutsch
gesinnt sein, spionieren ; Bochie, Bochonnie, Deutschland ;
bochonnerie, bocherie „exploit de Boche" (alle bei Sainäan8).
Außerdem bedeutet bocherie auch den Deutschen als wegwerfen-
x) Da die vorliegende Studie bereits vor längerer Zeil abgeschickt
wurde, konnten die seither erschienen n Untersuchungen von R. II amm
(Neuere Sprachen 1916, S. 169 ff.), M axMüller (Zeitschr. I'. Iran/..
u. engl. Unr. XV, Die franz. Soldatenspradu- im Wdtkrng), k ii ß-
m a n n (Grenzboten, 16. Sept. 1916), nur noch in Korrekturnot
rücksichtigt werden. Vollständigkeit in der Aufzählung frühen r Er-
örterungen dieses zeitgemäßen Stoffes wurde von vornhen in nicht
angestrebt. Es liegt in der Natur der Sache, daß hie und da gleiche
Meinungen geäußert wurden. Müller und Kießmanu haben Doch einige
andere Neubildungen verzeichnet.
2) Boche, Politiken 6. Dez. 1915.
3) L'argot des Tranchees, Paris 1915, S. 135.
122 Elise Richter.
,1,-n Saiiiim lausdnick, wie etwa crapule: Quand les beaux jours
renattront . . . Au soleil nous remont'rons . . . Mais la bocherie
inhumaine . . . Pataugera jusqu'au bout (Theodor Botrel, Les
boues heroiques de V Yser,4) ; Boboche als Kinderwort (!) bei
Sainean a. a. 0. S. 134.
Vor allem zahlreiche Zusammensetzungen: sur boche,
Bochemagne (bei Nyrop a. a. O.), Bochemans (Emile
Pouget, Humanite, 8. Okt. 15) ; B o c h o p h i 1 e. Peut-on
dire . . . que . . les amis de la France vont enfin revoir sur l'affiche
de VOpera-Comique non plus seulement les operas du Bochophile
Puccini . . . . ? (Guerre Sociale, 1. Dez. 15). Austroboche.
C'en est fait de cette ftevre qui aboutissait ä faire preferer
la contrefacon maladroite de l'art francais ä l'art francais lui-meme,
du fait seul que cette contrefacon s'aggravait d'une etiquette austro-
boche (L. Roger-Miles, Le Figaro, 18. Aug. 15). aeroboches:
on entend les aeroboches sans les voir (Henri Malo, Le Drame des
Flandres, 1916 S. 150) ; tue-boches, tire-boches,
tourne-boche Gewehr (bei Sainean, a. a. 0. S. 46^ ; t e 1 e -
b o c h i e : La teUbochie sans fils Aufschrift einer Witzzeichnung
in La Victoire, 27. Jan. 1916, einen Amsterdamer Trompeter
darstellend, der für die Zentralmächte unselige Nachrichten aus-
tutet. Mortauboche, Spitzname eines parigot de Mont-
martre in Contes veridiques5) S. 54, Antiboche: cette glorieuse
compagnie surnommee l' Antiboche, ebd. 18.
Als Wortspiel: La Boche. Rudyard Kipling s' arrha lon-
guement place de la Cathedrale (zu Reims^ . ... La Boche est un
animal plus firoce que ceux de la jungle 'Par. 18. Aug. 1915). Ist
hier la boche in der Bedeutung wildes Tier in Anlehnung an bete
firoce gebraucht, so ist du boche „Wild" an gibier oder ä. gelehnt:
Nos poilus tuent du boche (Victoire, 24. Febr. 16 ; la haine du boche
qui avait envahie sa foret [Contes veridiques S. 23). Bochie . . . la
Taupe das apc kalyptische Tier (Andre Suares, C'est la Guerre^
1915 S. 77). boches, bouchers (ebd. S. 83).
Ist es eine Binsenwahrheit, daß die Sprache der Spiegel der
Seele ist, so ist nicht minder wahr, daß diese Wörtersammlung —
so ohne jede Erläuterung, wie sie hier gegeben wird, — eine
Anklage gegen die Sprachgemeinschaft bildet, die sie schafft und
verwendet. Es spricht daraus ein Bedürfnis nach Rohheit des
Ausdruckes, wie er bei keinem der anderen kriegführenden Völker
aufgetreten zu sein scheint.
Über die Herkunft des Wortes sind sie sich selbst nicht im
Klaren. Am 23. August 1915 schrieb Julien de Norfon im Figaro:
J'ai lu qu'il y a quelque part des juges occupes d scruter l'exacte
signification du mot boche, afin de savoir avec precision quelle
*) Chansons de route, Refrains de guerre II, 1915.
5) Contes veridiques des tranchees par un groupe de poilus, 1915.
l'.tymologi'sches.
injure, legalemenl parlant, il co siste, et qui lui auraienl d&couvert
le sens d'absces ripugnant. Sowohl der Temps als der Matiu
brachten Untersuchungen; im Temps äußert.' Bich Paul Stapfer*)
gegen die Annahme, daß bocke aus caboche herzuleiten Bei,
mehr käme es von alboche, dem Argotwort für allemand, pur
un facetieux emploi d'une terminaison qui ne signifie rien.
Hieran anknüpfend, seien vor allem die bisherigen Abieil ungen
auf ihren Wert hin geprüft. Nicht ernstlich in Betrachl k mmen
die häufig genannten von dt. Busch, Bursch, Buschmann, Bock
(bier\ Teudobrocus; von einem Frankfurter (Metzger) Boche"'.)
Widerlegbar sind folgende:
1. Von dem Pariser Metzger Simon Lecoustelier, genannt
Caboche, ,,im Jargon Boche", der 1411 die Pariser Bürger gegen
die Armagnacs anführte und viele Schreckenstaten vollführte,
„so daß der «Boche» das Schreckw( rt der französischen Mutter
ist für böse Kinder, und zwar in der Grundbedeutung «Kindle-
fresser»" usw. Diese Erklärung wäre sehr ansprechend, wi
sie der Verfasser, Ulrich Schmid8), durch irgend etwas bewiesen
hätte. Weder ist die Kürzung „Boche" für Simon Cab »che
nachgewiesen (seine Partei sind die Cabochards noch boche in
der Bedeutung „Kinderschreck" in irgend einer Mundart. Der
Verfasser bringt gar keine früheren und keine anderen Belege,
die diese Aufstellung gegen irgend eine andere stützen könnten.
2. Von Vulgärarabisch bachi', „schmutzig, häßlich übel-
riechend", das Dr. D. Herze g9) aufstellt. In Bezug auf die
Lautung beruft sich der Verfasser auf die von Cohen, Le Parier
Arabe des Juifs d' Alger S. 114 besprochene Verdumpfung des a,
so daß es wie o anklingt und den auch sonst im Vulgär-
arabischen üblichen Verlust des auslautenden Ajin, wodurch
bachi' wie bos laute; doch erinnert er sich nicht, das Wort selbst
gehört zu haben. Die morphologische Frage berührt Herz g
nicht, und doch ist ein Schimpfwort wie boche sicher substantivisch
und nicht adjektivisch zu denken. Es ließe sich allerdings zur Stütz.'
von bachi' anführen, daß der Übergang vom Adjektiv zum Sub-
stantiv im Französischen selbst vor sich gehen konnte: man
übernimmt einen wegwerfenden Ausdruck nach seinem Gefühls-
wert und aus * 77 est boche, c'est un komme boche könnte ja wohl
die substantivische Wertung: * ce boche usw. erwachsen sein.10)
6) 17. April 1915, vergl. Paul Stapfer, Les lecons de la guerre, P.tis
1915.
7) Erwähnt bei Dr. Ulrich Schmid (Lugano), Reichspost 10. Okt.
1915.
8) Ebenda.
9) Grazer Tagespost, 15. Jan. 1916, erweitert durch fr-uixlliche
briefliche Mitteilung vom 27. Jan. 1916.
10) Schuchardt äußert sich brieflich gegen bachC aus lexikalischen
Gründen (er findet es weder im Arabischen, Kabylischen noch im Fran-
zösischen) wie aus morphologischen und lautlichen.
124 Elise Richter.
Die Annahme, daß die Soldaten in den 60 er Jahren des
vorigen Jahrhunderts das Schimpfwort aus einer fremden Sprache
entlehnten und in die Heimat brachten, wäre an sich ansprechend.
Aber wie man sieht, fehlen nahezu alle Voraussetzungen für irgend
eine Sicherheit dieser Annahme. Wer übrigens boche aus einem
Wort für „schmutzig "ableiten will, findet die Grundlage im
südlichen Frankreich selbst. In Grenoble11) ist bochar, bouchar
schmutzig, in Languod. bouchar (-da) stinkig, schmutzig12), in Blonay
am Genfersee13) bolsardö, beschmutzen; alle diese Wörter gehören
zum Stamm boc-, in Blonay ist botse Böckchen. Aus bochar konnte
ein neues Simplex boche Schmutzian entstehen. Indessen finde
ich nichts dergleichen belegt.
3. Von türk. bosch = nichts, nichtsnutzig, Unsinn, das sich,
wie Sigurt Hallberg14) nachweist, durch Moriers Roman Ayesha
1834 in England (engl, bosch = trash) und durch dasselbe viel
gelesene Buch auch in Schweden einbürgerte. Kr. Nyrop wies
die Etymologie sofort zurück,15) da frz. boche erst 1866 zum ersten
Male belegt ist16) und da in der Bedeutung „liederlicher Kerl".
4. Als Kürzung aus Alboche. Diese öfters gehörte Vermutung
setzt die Verballhornung von Allemand zu Alboche (Alleboche)
als das Ursprüngliche an, da die Silbe -boche auch an andere Wörter
gehängt werde: rigolboche, fantaboche. Es schien nicht uneben,
boche auf eine Stufe zu stellen mit andern Argot-Silben; so wird
Anglais zu Angliche, pile (Zahn) zu piloche, vin zu vinoche, sante
zu santache. Aber gerade wenn man diese Wörter zum Vergleich
heranzieht, ergibt sich die methodische Unrichtigkeit der Fol-
gerung: Sämtliche Wörter des Argjt werden niemals um den
Stamm gekürzt, was ja auch an sich gar nicht möglich wäre,
sondern um das Suffix (vergl. aristocrate aristo u. a.h Eine Aus-
nahme bilden allenfalls mas[troquet und mar\chand, z. B. chand
d'ail. Nun wird man aber in chand natürlich sofort den andern
Fall erkennen: chand ist eben kein produktives Suffix und daher
als selbständiges Wort möglich, bei -oche, ache, -iche trifft das
nicht zu. Lehrreich ist die Kürzung pitaine aus capilaine, nicht
etwa -aine, das ja keinen Begriffsträger abgeben kann, oder von
crenom aus sacrenom. Alboche ist aber in anderer Beziehung auch
wieder nicht diesen letzteren Beispielen gleichzustellen, denn es
ist ja nicht das Suffix -oche sondern -boche, das sich von AI- loslöst.
Während es also sehr einleuchtend ist, daß Allemand mit dem
Schimpfwort boche vermengt wird — wie etwa clericanaille — ist
die Rückbildung von Alboche zu boche unmöglich. Übrigens ist
X1) Ravanat, Dict. des patois des environs de Grenoble, 1911.
12) Boissier de Sauvage de la Croix Dict. Langued. — Franc 1785.
la) E. Muret-Louise Odin, Glossaire du Patois de Blonay, (Memoires
ei Doc. publ. p. la soc. d'hist. de la Suisse Rom.) IjIO.
14) Dagens Nyheter, 19. Dez. 1915.
lb) Politiken, 24. Jan. 1916.
1C) A. Delvau, Dict. de la langue verte.
Etymologisches.
125
bocke auch ganz objektiv früher belegbar als alboche, das in der Be-
deutung „Deutschsprechender", „Deutscher" vorläufig nicht vor
dem Jahre 1883 nachgewiesen ist, u. zw. in drin Buche Ti raodzai
pi, Imprimerie veveysanne, wo S. 39 Alboches unter Turcs und
Kaiserlicks erwähnt werden und S. 41: „La population de Vevi y
composee d'nn sixicmc de cacapeyvres, d'un üers de t&pelets, d'une
moitie d' alboches; ceux-ci tiennent le haut du pave."11)
5. Kürzung aus caboche.ls) Ausdenselbenlinguistisrlnn Gründen
als den eben gegen die Ableitung aus alboche angegebenen; außer-
dem ist caboche fast in ganz Frankreich seit Jahrhunderten als
wegwerfende Bezeichnung des Kopfes neben tele (vergl. ALF 1
und weiter in der Bedeutung „Dickschädel" gebräuchlich. Die
Form boche steht neben caboche und alboche.19)
Was ist nun überhaupt vom Stamme boche aus alter Zeit
vorhanden? Die französischen Mundarten zeigen das Wort
boche — so weit es seinen Bedeutungen nach überhaupt hier ein-
gereiht werden kann
Beule
Buckel
boche ist
Blase
Kugel
Faß
Scheit
Balken
Fichte
ungefähr in folgender Verteilung:-0)
im Pik. Normannisch« n
im Pik. Norm., Jsere,
Langued., H. -Loire,
= frz. bosse Puy-de-Döme, Meuse,
Mont. u. a.
im Langed., B.-Pyr.,
H.-Pyr. u. a.
im Langed., Sav., Mars.
= afrz. bocel im Langed., Meuse,
Schw. Jura, Jsere, Am,
= frz. bliche inNorm., Saint., Meuse,
Mont., Carital, Wall..
Lyon, Cher, Indre.
afrz. bauche in S"mme, Nord.
im Schweiz. Jura.
17) Ich verdanke diesen Fund Cornu's einer freundlichen Mitte-
lung Schuchardt's.
)8) Aufgestellt von Sainean, Temps, 22. Dez. 1914, verteidigt
von Dr. Eugen Lerch, Berliner Tageblatt Nr. 380, 1915.
19) Unter den vielen Zeitungsaufsätzen, die sich mit boche besi
tigen, sei hier nur noch einer ..Ableitung" gedacht, die der ( Irazer 1 a$es
post zukam (16. Jan. 1916). Frau A. Herzog (Klagenfurt) Bchreibt:
„Ich selbst wurde einst von einem französisch-schweizerischen Brief-
träger „Saleboche" geheißen, weshalb ich mich um die Bi di utung des
Wortes genau erkundigt habe. Man sagte mir, es stamm.' von
boche. Des Wortspieles wegen setzte der Franzose das „S vor, W -
halb sich Salleboche oder, wie er es meint, Saleboche ergiebt. Wenn er
die Grobheit „Säle" wegläßt und weniger gemein sein will, bleiDt
„Boche", deshalb wurde dies nach und nach zu einem Schimpfwort
für die Deutschen, aber meistens sprechen sie von den „Salebo,
20) Auf Vollständigkeit des mundardlichen Stoffes ist von vorn-
herein kein Anspruch erhoben.
126 Elise Richter.
Es empfiehlt rieh die Wörter nach ihrer Grundlage zu sondern.
I. *bottia Beule, französisch bosse, pik. norm. u.a. bocke. Die
altfranz.Z' it kennl bo< /" /><>ce bosse nicht nur in der Bedeutung „Pest-
beule" sundern auch,, Pest"21). Bei Dumeril22) ist verzeichnet puerla
bocke, seit dem XIV. Jahrhundert. Die Verwendung für „stinkende
(Eiter-, Pest-) Beule" ist also eine der ältesten des Wortes. Aus
ihr allein kann sich ohne weitere Zuhilfenahme die Jargonver-
wendung von bocke = Lump, liederlicher Kerl entwickelt haben,
Die seit 1866 bei Delvau belegt ist. Zu bocke Buckel, bochu,
boucku, gehört das altfrz. treilles ä bocke, serrure ä bocke und wohl
auch bouckarde „Zackenmeißel".
Das Altfranzösische und die modernen Mundarten kennen
bosse in der Bedeutung Blase (= schriftsprachlich ampoule)
Mir. de Notre-Dame I, 3, 339, soussier ne me fault mie . . . Que
je n'aie briefment la croce, Et seray de la haute boce = von der hohen
Gesellschaft, vergl. das wegwerfende deutsche „Blase" für „Fa-
milie". Sauvage: bot kos Blasen an den Händen, ALF. 1438
bouxorlo in B.-Pyr. und H.-Pyr. u. a. Vergl. auch Ed. Brissaud,
Hist. des expressions populaires relatives d l'anatomie, la Physi-
ologie et ä la medec ne, 1892. Die Bedeutung Kugel hat bocke
in Languedoc23) und Marseille-4), boc'he (= jr im Savoyischen,
vergl. Constantin,25) wo auch fg. bocke in gleicher Verwendung
erwähnt wird, bocker = die Kugel treffen, während Sachs-
Villatte26) bouche schreibt. Die bisherige Meinung war, daß
frz. bocke — Kugel aus Italien stamme; der erste Beleg ist bei
Menage, Origines de la langue jrancaise 1650, u. zwar b o c h e 1 1 e:
c'est un mot nouveau que le Cardinal Mazarin a apporte en France
et qui sig lifie ce jeu de boule qu'on appelle le maistre. De V Italien
bocietta, diminutif de boccia, qui signijie une boule de Mail. Danach
wäre bocke eine Rückbildung aus dem Deminutif. Die Annahme
ist aber nicht bindend. R. Hamm27) macht darauf aufmerksam,
daß in Italien das Hammer-Ballspiel palla maglio heißt (wie auch
im Französischen mail, und hält daher boccia = „Kugel zum
Werfen" für ein Lehnwort aus dem Spanischen. In der Tat gibt
das Voc. Crusca keinen früheren Beleg für boccia (= Spiel)
als 1673 bei De Luca, // dottor Volgare. Hier wird ausdrücklich
das boccia-Spiel als „Werfen der Kugel mit der Hand" erklärt,
so wie es noch jetzt in Norditalien und vielen anderen romanischen
Gegenden üblich ist, nicht als Hammerspiel; aber das Wort muß
natürlich viel länger im italienischen Sprachschatz vorhanden
21) Vergl. Godefroy, Dict. de Vanc. Franc.
22) Dumeril, Lex. Norm.
23) Vgl. d'Hombres, Dict. Langu.-Frang.
24) Rigaud, Dict. a" Argot moderne, 1888.
25) Constantin-Desormaux, Dict. Savoyard, 1902.
26) Enzykl. WB. 1905.
27) Liller Kriegszeitung, 24. Dez. 1915, Boche's Ende.
Etymologisches.
sein, da doch die Ableitung bocietta2*) zur Zeil Mazarins im Ge-
brauch war.
R. Hamm findet in einzelnen belgischen Wörterbüchern*9
bosse „Wurzelknorren"' verzeichnet; danach wäre Beine Annahme
daß es auch ein pik. bocke in gleicher Bedeutung •_'■ l> . möglich,
wenn dies auch — inden jetzigen Zeitläufen nicht nachweisbar ist'
Da nun die harten Spielkugeln aus Wurzelknorren gefertigl
werden, ergäbe sich ein erfreulicher Zusammenhang, der für das
Verständnis des Wortes boccia sehr wichtig wäre. Allerdings
müßte dann die Geschichte des Spiels ganz anders dargestellt
werden: Nur für die nordfranzösische Gegend, weder für das italie-
nische boccia noch für das spanische bocha stimmt linguistisch
der Ansatz: Wurzelknorren > Hartholzkugel, da die Grundlage
*bottia weder für das eine noch für das andere paßt. Unter dieser
Voraussetzung könnte also bocke nur ein in Nordfrank-
reich heimisches Wort sein, weder ein italienisches oder enga-
dinisches, noch ein spanisches, noch ein katalanisches, wo botya
jetzt Kegelkugel bedeutet. Die Herleitung von bocke und boccia
macht Schwierigkeiten. Meyer -Lübke30) leitet das spanische Wort
aus dem Italienischen ab, ohne letzteres ganz zu erklären. Er lehnl
es an buttia (Faß). Sind nun etwa boccia und bocke nicht boden-
ständig, sondern vom Norden her eingewandert, so ist es nicht wahr-
scheinlich, daß eine Ausfuhr von Spielkugeln aus N>rdfrankreich
nach Italien stattgefunden hätte; viel eher müßte man annehmen,
daß das ganze Spiel im Nordfranzösischen — Niederländischen -
heimisch, von da nach Spanien und dann weiter nach Italien
gekommen sei, von wo es als Hofbelustigung nach Frankreich
zurückgewandert wäre. Dieser ganzen Erklärung fehlt aber die
Stütze: bocke und bochette sind keine französischen Schrift Wörter,
wie wir dann eigentlich erwarten müßten, vielmehr ist bochette wie
es scheint, jetzt gar nicht und bocke nur in .Mundarten vorhanden,
und zwar in der Bedeutung Kugel nur in Südfrankreich, in der
Bedeutung „Beule" nur im Norden, während im Süden zwar die
Bedeutung „Blase" in der -cÄ-form belegt ist, nicht aber die
„Beule,," oder „Wurzelknorren". Die -s-formen können natür-
lich nicht als Beweis gelten. Daher ergibt sich neuerdings als
offenbarer Ausgangspunkt der Sippe frz. bocke sp. bocha =
„Kugel" die norditalienisch-wälsch-tirolische Form boccia.
2. buttia = Faß. Schweiz, böse — > frz. bosse (ML.
REW.), sav. bocke (= cp bei Constantin31) ; ebendort: frz.
bocket = kleines Faß. Morvan boucheau = kleine Tonn«'; vgl.
ALF. Nr. 1313 (tonneau) ; einiges ist auch auf der Karte 113
28) Im Voc. Crusca nicht verzeichnet.
29) Boche und Alboche, Neuere Sprachen, 1916, S. 227.
30) Etym. WB. n , L „
31) In derselben Mundart entspricht dem frz. bosse (Beule) boc he
(= X).
Elisi' Richter.
(baril). Die lautlichen Veränderungen wie boye, bouche, brauchen
hier nicht weiter berücksichtigt zu werden. Neben dem afrz.
steht apik.-norm. bouchel usw.; ferner aprv. bqch, botge = Faß-
buden (vgl. Levy Dict. Prov.-Franc.), dessen o nach der *bottia-
Gruppe weist.
... bosca = Weideland > Busch. Afrz. boschel,
bochal (gleichbedeutend zu buisson), boschage, woneben natürlich
mundartlich bosquel, boscage usw. Saint., Verdun.-Chal., Cher,
Nievre bouchure lebende Hecke, vgl. ALF. Nr. 1592, Mont. bouchon
= Gebüsch, Lyon, boches et sochons — Schößlinge und Setzlinge
a. 129132), hierzu Grenoble (Ravanat) bochessie wildwachsend und
lyon. bochasse wilde Frucht (Puits-Pelu)33). Anjou34) boucher un
pr6 mit Gezweige gegen Vieh schützen, bouchis dürre Zweige u. ä.;
afrz. desbochier der Zweige berauben, 1420 „berauben", des-
bochilleur 1455 in der Gaunersprache der Coquillards35) „Be-
trüger", „Dieb". Gir. bux, ALF. Nr. 186, Verdun.-Chal. bouchot
Gebüsch, Gehölz. Vom Norden über Osten bis an die Alpes Marit.
ziehen sich die Formen buxe, boky usw. vgl. ALF. Nr. 186 (buis)
und 145 (bois).
Begriffliche Weiterbildungen: afrz. boscheer, bouchoyer u. a.,
holzschneiden > arbeiten. Meuse36) bocher = piocher. Anderer-
seits aus der Bedeutung Holz schlagen > schlagen > mißhandeln,
so afrz. boucheter, bochequier (Greban, Myst. de la Pass. f. 195 a),
nfrz. bochonner prügeln, bochon Faustschlag. Vgl. dazu cabochonner
und cabochon in gleicher Bedeutung. Franche-Compte boquer usw.
Neben dieser ofozjj-Entwicklung steht die oi-Form des
Südwestfranzösischen (vgl. ML. REW bosca) bois, die ins Fran-
zösische dringt. Daher afrz. boisson = Gebüsch, boissier = der
Holzbearbeiter, Gren. (Ravanat) boisson u. a.
Durch Kreuzung der bois-Formen mit den bosch-Formen
haben wir boichier, boischel = Gebüsch u. a.; das bei God. nicht
erklärte boichon kann die hürdenartige Verfestigung des Abhanges
am Graben bedeuten. Für die modernen Formen vgl. ALF. 144.
Erhält bois die Bedeutung Gehölz und Holz im Allgemeinen,
so ist lothr. bohön Buche und Schweiz. Jura boche Fichte
(ALF. 1190) eine neue Spezialisierung, offenbar für das, was
örtlich das „Gehölz schlechtweg" ausmacht.
Zu bosca gehört auch afrz. bousche = Strohwisch, reboucher =
stumpf machen, boscher = boucher (1389, Nevers) zustopfen,
embouckier, embochier. Von da bouche = dumm (geistig verstopft)
noch im XVIII. Jahrhundert =borne?l),reboiichete = Stumpfheit.
32) Fertiault, Rev. Pat. IV— V.
88) Nizier de Puits-Pelu, Le Patois Lyonnais.
34j Verrier et Onillon, Glossaire de Anjou 1908.
36) Mem. Soc. Lingu. VII und Lucien Schöne, Le jargon de Villon.
sc) Labourasse, Gloss. du Patois de la Meuse.
*") Vgl. Boissiere, Dict. analogique de la langue francaise.
Etymologisches. [2 I
4. b u x u s. Afrz. bois, nfrz. ftwis; aus pro> . bois leitel Meyei
Lübke38)dasmittelfrz. fowwab. Hierzu buisier (buissir) Bchlac
(vgl. ML unter buchseri), buison (buisson, buissot) = dumm,
buisnard = Dummkopf, buxus ergibt katal. 60a; und spanisch
^w/o, das jetzt von dem katal. Lehnwort 60/ verdrängl ist, aber
in bujeda (-0, -al) vorliegt. Die naheliegende Vermutung, daß die
boccia (sp. bocha) aus Buchsbaumholz gedrechselt wäre, wird ah
wiederum sprachgeschichtlich nicht gestützt. Das Neben-
einander von bois — boisson — buis ergibt die Bildung buisson.
Mont.39) buisse = Schößling, Stumpf. Das vielfach die Ab-
kömmlinge von bosca die Bedeutung von buis annehmen, zeigt
ALF. 186 (buis) und 187 (buisson). Eine Mischung aus beiden
ist bbiix, Pas de Calais.
5. Frk. *busca= Scheit, buche mit allen seinen Ablei-
tungen, bucher = Holz hauen, bücheron, afrz. abuchier, pik. busquer,
norm.40) bucher, buker, alyon. bucher = stoßen, prügeln, schlagen.
Die Beschäftigung des Holzschiagens löst überall zwei Bedeutungs-
reihen aus: 1. schlagen wie ein Stück Holz, 2. schlagen wie mit
einem Stück Holz, in beiden Fällen — > fest prügeln. Da buch
auf ü zurückgeht, buis auf 9, bouche, boche auf Q, sollten die Wor1
reihen eigentlich klar geschieden sein. Dies ist aber ganz und
gar nicht der Fall, vielmehr haben wir die Kreuzungen in be-
grifflicher und lautlicher Beziehung nach allen denkbaren Mög-
lichkeiten:
Da beche zu der Bedeutung „Holz" kommt, kann es auch
für „Scheit" gesagt werden. So haben wir bocheron statt bucht 1
in Aube, Yonne, im ganzen Norden und Osten, eingeschlossen
Aisne, Meuse, ersetzt der Stamm bok- den Stamm buch; hierzu
&OHc/i-inMarneund&0*i£-inMeurthe(vgl.ALF. 185),Lyon(Puitsj>>l
bochi = buche usw. Bei dem viamischen Keulenwurfspiel, das
Hamm in seinem verdienstlichen Aufsatze41) als erster für die
Erklärung von boche heranzog, heißt die Wurfkeule boche]
boche ist aber nicht, wie Hamm meint, aus buche gebildet, sondern
neben buche in zahlreichen andern Mundarten wie hier.
Die Kreuzungen gehen noch weiter. Nur aus dem Stamm bosca
= Gebüsch, können die Wörter entspringen, die „verstecken",
„s i c h i n Hinterhalt legen" bedeuten : daher it. imbost
sp. emboscar, afrz. emboscher, embouchier. Alle anderen Lautungen
zeigen die Einmischung der andern Stämme: embuissier (des-
buissier), anboiehier, embuschier, embuquier (Mont. buquer, I i
Jahrh.), embouchiier, wie sie eben früher aufgestellt wurden.
Damit löst sich die lautliche Schwierigkeit, die durch die Erklärung
38) REW.
39) Sigart, Glossaire etymologique montois.
40) Dumeril.
4U) Dumeril.
41) Liller Krieg zeitung und nun auch noch Magdeburger (General-
anzeiger, 10. Jan. 1917, Französische Schimpfworte.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLVV*. 9
Elise Richter.
aus it. imboscare nicht behoben war. Desgleichen findet sich
neben buchier = schlagen, stoßen auch abuissier, abuickier, also
Einführung von -ui- und -uis in den Stamm von bosche; oder
desbuchier statt desbochier der Zweige berauben.
6. Fr k. b a 1 k o = B a 1 k e n, afrz. baue Balken, baucher Balken
(Gestell) aufrichten, wovon deverbales bauche „die Werkstatt,
d( in ursprünglich jedenfalls ein „Baugerüst" zugrunde lag; hierzu
embaucher = in die Werkstatt aufnehmen, desbauchier (auch
desbauchir Dienstleute abdingen, abwendig machen,42) esbauchier,
embochier — oquier usw. das Holz aus dem Gröbsten arbeiten,
also einerseits „verkleinern", andrerseits „skizzieren einer Arbeit",
herausarbeiten. Mit Einmischung von buche-, rabuchier.
Lothr. bokö = Wagebalken ist sicher balko; hoch in den Dep.
Somme und Nord (ALF. 1080) Balken, pik. bochon Wagebalken
(ML.) gehören zu den Mischbildungen; denn buche bedeutet an
sich nicht Balken, und ebensowenig das ihm lautlich entsprechende
boche. Andererseits haben wir von balko Maskulinbildungen auf -k.
Es ist nun zu beachten, daß alles wasrund, schwer
und hohl ist, alles was den nichtbehauenenStamm
ausdrückt, alles Schwerbewegliche, Formlose,
Klotzige sich eignet, einen Dummkopf, Tölpel,
ungeschlachten Menschen zu bezeichnen. Daher
sind bocho = Faß, boche = Ku g e 1 im Süden, boche = Balken
im Nordosten, boche = S c h e i t im Norden und Osten gleich
gute Grundlagen für verächtliche und beschimpfende Bezeich-
nungen: boche = Rindvieh, tete-de-boche = Schafskopf;
und mit der eben geschilderten Gleichläufigkeit der verschiedenen
Lautungen: buche = Dummkopf, temps de buche = Büffel-
wochen vor der Prüfung, Bas-Maine bok'ätar (Dottin43) D u m -
mian. In einer ganzen Reihe von Mundarten ist also boche als
grobes Wort verbreitet, dazu kann noch die Argotverballhornung
boche als b[ete + -oche kommen, die Marcel Schwob44) ansetzt und
die ihr Gegenstück in moche, muche, aus m\al + -oche, -uche hat:
Schwob erwähnt auch den Ausruf: Je ne suis pourtant pas wie
boche! Ich bin doch kein Rindvieh; tele de boche = Schafskopf ist
ziemlich gleichwertig zu tele carree. Hamm45) berichtet, daß tetc
d'alboche = Streithammel seit etwa 50 Jahren in Nordfrankreich
nachweisbar ist, zunächst ohne jede Beziehung auf Deutsche, oder
besser gesagt auf Allemands: Hamm betont nämlich, daß die zur
Rübenernte in die französischen Grenzgebiete kommenden VI amen
42) Es ist nicht ersichtlich, warum ML REW, den Zusammenhang
mit balko in Abrede stellt. Vielleicht entging ihm das Bindeglied, afrz.
baucher, das im Wörterbuch nicht erscheint?
4i) Georges Dottin, Glossaire des Parlers Du Bas-Maine.
u) Marcel Schwob et G. Guiyesse, Etüde sur V Argot francais, Mem.
Soc. Lingu. VII.
45) Liller Kriegszeitung.
Etymologisches. \:\[
mit ihrem groben Keulenspiel bocke zu der Entstehung der Red
art beigetragen haben. Es handelt sich um die Landschaften
bei Arras — Douai — Soissons. So wie man le feu al Crosse <d
brique, al gasse sagt 'statt d la) so auch le feu al bocke. I Jäher wäre
tele d'alboche zunächst Schimpfname für den Bochespif\<r und
dann erst national gemünzt auf den Nichtfranzosen, nämlich
zuerst auf den Vlamen und später auf den Deutschen. (Hamm
berichtet auch, daß während des Krieges die Deuts« hin öfters
als flamands geschimpft wurden.) Der Anklang an Allem,! ml
wäre danach ein rein zufälliger, vielmehr hätten „die Pariser den
«dialektischen Artikel al» abgestoßen und so aus alboche bocke
gebildet". Mit dieser sprachwissenschaftlichen Erklärung40) ist
Hamm weniger glücklich, als mit seinen tatsächlichen Funden.
Es ist klar, daß der Ausdruck tele d'alboche aus jeu al bocke doch
nur dann gebildet werden konnte, wenn (und wo) man den wahren
grammatikalischen Sachverhalt gar nicht verstand. Die Ent-
wicklung dürfte daher anders darzustellen sein: Zu dem längst
vorhandenen tele de buche, tele de boche ist höchst wahrscheinlich
das sonst grammatikalisch unverständliche tele d'alboche a 1 s
örtlicher Kalauer gebildet worden.
Wie aus der bisherigen Darstellung hervorgeht, ist boche auf
verschiedenen Wegen zum geläufigen Schimpfwort geworden.
Seine geschichtliche Entwicklung dürfte sich so feststellen lassen:
1. In nicht bestimmbarer Zeit wird pik. norm, boche = Pest-
beule im Argot zu Liederjan, Lump. Die Aufnahme von Mundart-
wörtern in das Argot ist an sich ein selbstverständlicher Vorgang.
Erster Beleg 1866 bei Delvau. Vergl. aber unten rigolbochc, Mit
den anderen Bedeutungen von boche hat es nichts oder sehr wenig
zu tun.
2. Seit alters ist in vielen Mundarten vorhanden: boche
Klotz > Dummkopf; tele de boche.
3. Aus boche = Klotz, Scheit entwickelt sich die Sonder-
bedeutung Keule. Daher feu al boche bei Vlamen, die nach
Nordfrankreich als Erntearbeiter kamen; Verballhornung zu
tele d'alboche = Streithammel (Dickschädel, tele carree, caboche).
Ist bei tele d'alboche die ursprüngliche Bezeichnung auf den nicht-
französischen Z?oc/?espieler und Feldarbeiter die naturgemäße, so
ist doch die Verwendung von tele de boche für den Deutschen bis
jetzt die früher nachgewiesene: aus dem Jahre 1874
stammt der erste Beleg für tele de boche = Deutscher Druck«
gehilfe; das Wort boche ist also zwar viel älter als der Siebziger
Krieg, aber offenbar im Anschluß an die damals herrsch
Stimmung mit Vorliebe auf den Deutschen bezogen worden. So-
bald tele de boche, dessen Bedeutung „Dickschädel" nicht aus dem
46) Sie ist in „Neuere Sprachen" zwar nicht ganz unterdrückt,
daneben aber weit besser Zusammenfall von tete 'd'alboche und tete
de boche angenommen. (Korr.-Note.)
9*
Elise Richter.
:. ist, Anwendung auf den Deutschen hatte, ist die
:i Alboche zu AUemand unter allen Umständen nach-
- it L883 ist Alboche gebucht als Bezeichnung des deutsch
mi, ,l.n I -. Luxemburgers, Schweizers47! und alsbald
utschen überhaupt. Daß eine bewußte Verballhornung von
aUemand vorliegt, beweist das Vorhandensein der Varianten
Atiemoches, Allemouches (an der Sarre und Untermosel)4S) mit
den bekannten Argotsuffixen von wegwerfender Bedeutung.
4. Die Pariser Gaunersprache liebt bekanntlich Bildungen
auf -oche und verballhornt viele Wörter durch Vertauschung ihres
ursprüngliches Ausgangs mit „-oche". Daher b-oche aus bete,
wie m-oche aus mal möglich.
Marcel Schwob, der — im Jahre 1892 — der Entstehung
des Wortes doch noch bedeutend näher stand, hält boche geradezu
für ein künstliches Wort (scheme arüficiel). Ce sont des groupes
de lettres qui n'acquierent wie signification precis ' quepar lecontexte
de la phrase: einmal erscheint ihm boche = b[ete -f- o"he, in tele
de boche = b[ois + oche, und aus dieser allgemein pejorativen
Lautreihe boche erfolgen dann die Bildungen rigolboche, fanta-
hoche, Alleboche, ItalbocheA9)
Hier wäre nun einzuschalten, daß rigolboche eine Zusammen-
setzung aus rigoler (argot und alt: sich erlustigen, gütlich tun)
+ boche in der Bedeutung „Lump" und ursprünglich Eigenschafts-
wort ist ,, lustig, drollig'', zuerst belegt bei Larchey50) für das
Jahr 1860. Es geht also mindestens in die 50 er Jahre zurück,
und ist daher der älteste Zeuge für boche = Lump. Übrigens kann
boche allein damals die Bedeutung „Deutscher"' noch kaum gehabt
haben, da Marcel Schwob es sonst wohl erwähnt hätte, während
in fantaboche {fantassin + boche) wie in Alleboche die Bedeutung
„Klotz' vorliegt.
Selbstverständlich gehört caboche überhaupt nicht in diese
VY< rtgruppe, da es eine schon afrz. Bildung aus cap- + -oche ist,
dem aus dem Süden einwandernden Pejorativsuffix -oche (= it.
occio, dem in den betreffenden Mundarten -osse entspricht:
cabosse^ ; caboche kann aber ein Ausgangspunkt für die modernen
Argotbildungen auf -oche sein.
Wir sehen also, daß die boche-Wörter aus den verschiedensten
Quellen fließen. So ist das mundartliche boche hochgradig ge-
4T) Vgl. außer der S. 125 erwähnten Schrift, T a p p o 1 e t , Zur
Etymologie von boche und alboche, Schweizer Volkskunde 1915, S. 17.
48) Revue des deux mondes, 15. Aug. 1915, S. 783, nach Louis Ber-
trand. Ich habe mir die betreffende Nummer leider nicht beschaffen
können.
») A. a. o. S. 43.
50) In den Memoires de Rigolboche, einer bekannten Cancantänzerin,
bei Larchey, Dict. hist. etym. et anecdot. de Vargot parisien, 1872. Die
Tänzerin hat sich also jedenfalls einen bedeutungsvollen Künstlernamen
beigelegt.
Etymologisches. 1 33
eignet, im Argot eingereiht zu werden, schon wegen der
tonmalenden Kraft, die ihm innewohnt. Keine Lautreihe ver
möchte in solchem Grade das Blöde, Glotzende, Ungeschlachte
wiederzugeben, wie eben diese; auch die schweizerischen Ausdrücke
für boeuf von der Form botehe u. a., die ML als „Lockrufe" erklärt,
dürften hier einzureihen sein: box ist sozusagen ein größerer < Ichse
als boeuf. Schon der 6-Anlaut erscheint den Romaneu offenbar
besonders geeignet zur Wiedergabe des Blöden und es ist gewiß
kein Zufall, daß er seine Schimpfwörter so gerne mil ihm bü
det: balourd, bete, betet, brate, buche, bougre, butorst Hlitres,
äne bäte, bome, bloc, brigand, bandit, barbare, tele de bois - ich
begnüge mich mit der Sammlung, die Paul Stapfer in unedlem
Eifer gegen die Boches schleudert,51) die sich noch stark ver-
mehren ließe und in der nur brigand, bandit und bougre nicht
auch — oder mindestens früher einmal — den Vorwurf des Blöd-
stammelnden einschließen.
Mit entsprechendem Atemdruck herausgeschleudert, kann
sich beleidigende Verachtung darin zusammenpressen. Ein niehl-
leidenschaftlicher Nichtsprachf", scher äußerte sich über BocJie, wie
immer die geschichtliche Grundlage des Wortes sei, es mußt«' zu
dieser Form kommen, um den Ausdruck zu tragen, der hinein ge-
legt wird. Als Bezeichnung für den „Deutschen Tolpatsch' ist
es daher um so mehr geeignet, weil es eben ."ein tonmalend ohni
jede Hemmung nur Ausdruck der Stimmung sein kann. „Les
Boches, comme on les nomme si bien" (!) sagt Stapfer a. a. 0.
S. 16. Mit Recht bemerkt Schuchardt, boche war anfangs eine
schlaffe Hülle, die jetzt mit giftiger Luft aufgeblasen ist.52) Die
Bedeutungen Lump, Pestbeule treten dabei ganz zurück; weder die
— meist belächelten — deutschen Vergnügungs- oder gar Hochzeits-
reisenden, noch das deutsche Militär, noch die gefürchteten
deutschen Handlungsreisenden sind geeignet, die Vorstellung des
„Liederlichen" in so hohem Grade zu erwecken.
Im Verhältnis zum gewandten, graziösen, schlauen Fran-
zosen wird im Deutschen noch immer mit Vorliebe das Geistig-
plumpe, Vierschrötige, Grobe gesehen. Wie denn auch jetzt dem
Wort bocke hauptsächlich der Beigeschmack des H hen, Bar-
barischen, Viehischwilden, nicht der des Hinterlistigen, Heuch-
lerischen, Giftigen gegeben wird. Boche allein ist als Ersatzwort
für A llemand vorläufig nicht vor 1895 belegt Delesalle58) bringt
unter AUemand: alboche, Bocke, Bosch, Choucroutman, Vangeur
51) Les lecons de la guerre 1915 S. 115.
52) Grazer Tagespost, 9. Jan. 1916. Auch Siegmund Feist nennt
boche ein „lustbetontes" Wort, Neuere Sprachen 1916, S. !<»<• Vergl.
noch Horch, Berliner Tageblatt Nr. 496, 1915 und Kießmann, drenz-
boten, 16. Sept. 1916.
53) Georges Delesalle, Dict. Argot-Francais et Francais- Argot,
eingeleitet von Jean Richepin (1895).
134 Elise Richter.
d> choucrouie, Prusco, Pnissicn, tele de bocke. In einem Argotbrief
aus dem Jahre 1896 heißt es: i (der Deutsche Kaiser) vient de
d&cider que les boches fiteraient plus gue deux fois V anniversaire
dt Sidan.6*) In der welschen Schweiz ist es schon so eingebürgert,
daß es, wie mir Pr« fessor Gauchat freundlichst mitteilt, nicht
mehr unbedingt Schimpfwort ist.55) Tappelet dagegen verzeichnet
es nicht in seiner Schrift: „Die alemannischen Lehnwörter in den
Mundarten der französischen Schweiz"'06), S. 48 ff., wo verschiedene
Schimpfwörter gesammelt sind. Er erwähnt nur albots, dessen
Herkunft ihm unklar bleibt, während er es n Schweizer Volks-
kunde S. 17 als Kreuzung von allemand + boche ansieht.
In Paris selbst, oder vielmehr in der Schriftsprache ist boche
erst während des Krieges so eigentlich in Umlauf gekommen.
Die feinere Literatur des ersten Kriegshalb Jahres enthält sich
des Ausdrucks. Wo das Wort Allemand der Empfindung nicht
genügt, wird Teuton oder Prusco oder Germain u. a. gesagt.67)
Aber im V» lke ist das Wort durchaus geläufig und zwar von
den ersten Kriegstagen an: Soldatenbrief vom 9. August 1914:58)
Les Boches sont innombrables; vom 14. August :l5)) nous avons
enterre 320 Boches; vom 17. AugustGOi: voüä 50 000 boches qui
vieiment attaquer la ville. Im Matin, 22. August 1914: La
principale preoccupation de ces braves gens (ein Freiwilligenkorps)
est de ne pas se voir reformer et d' aller eux aussi taper sur les Boches
usw. Man sieht, daß das Wort längst geläufig und in bestimmten
Schichten durchaus eingebürgert war. Dies erhellt ja auch aus
den Ausführungen des Kriegsgefangenen Ch. Etienne.61)
Alboche tritt dagegen stark zurück. Aus den ersten Kriegs-
tagen im Elsaß: forte position occupee par les albochesß2) Rund-
vers des 20. Korps, das seit Kriegsbeginn unter General von
Castelnau kämpft:
Ohel les Alboches !
Les sales tetes de pioches !
!>i) Sainean, L'argot des Tranchees 12.
68j Vgl. auch Neue Zürcher Zeitung, 6. Jan. 1916.
5C) Die alemannischen Lehnwörter usw. Kulturhistorisch-lingu-
istische Untersuchung I. 1914.
57) Carnet de Route d'un officier d'alpins, 1915: La peur du Ger-
m a i n avait rendu les Lorrains prudens, S. 13; Mauprat, Kultur
et Teutonnerie, (Zeichnungen); Ch. Noight, Les barbares
modernes, 1914; J. L. de Lanessan, Pqurquoi les Germains seront vain-
cus 1915; Journal des Economistes: Le manifeste des Kultur-
krieger. Lettres hero'iques, 1914: ces maudits t e u t o n s.
B8) La vie de guerre contee par les soldats, 1914 — 15, Lettres recueillies
et publiees par CharLs Foley 1915.
69) Ebenda.
co) Lettres hero'iques, 1914, Geneve, S. 9.
61) Fischers Neue Rundschau XXVI S. 1150 ff. (1915).
62) Lettres hero'iques, S. 19 U. 21.
Etymologisches.
C'est iious les costauds
A Curieres de Castelnau.^)
Boche gewinnt zusehends an Raum und findel seil i<.nf> auch
Eingang in ernstere Schriften; eine der ersten ist allerdings die des
Abbe" Wetterle, Propos de Guerre, 2e S&rie, in der eine Ri
deutscher Charakterköpfe unter dem Titel Tcirs de Bo
schildert wird. War boche wohl schon vor dem Kriege mehr als
nur ein Spitzname, so bezeichnet Sainöan64) es jetzt als un stigmate
un nom monslrueux qui rap eile le Gog et le Magog de l'Apoca-
lypse." Maurice Donnay hat seine Aufnahme in die Akademie
beantragt. Er beabsichtigt offenbar damit, den Haß zu ver-
ewigen; aber da wird wieder einmal der Geist, der das Böse will
das Gute schaffen. Denn ein Haßwort, daß zum gewohnhi
mäßigen Ausdruck. von Obrigkeit wegen gestempelt wird, hör!
eben dadurch auf, ein emphatisches Wort zu sein und wird zu einer
gefühlsleeren sachlichen Bezeichnung. In der Tat heißt es bereits
bei Sainean wenige Seiten65) nach den eben angez genen pathe-
tischen Worten: ce sobriquet est devetiu Tappellatif ethnique
general aussi bien dans les tranchees que dans la presse. Gerade
mit dieser so schrecklich gemeinten Feststellung wird eigentlich
nichts anderes gesagt, als daß die Haßkurve, die sich in der Ge-
schichte des Wortes boche zeichnet, ihren Höhepunkt über-
schritten hat. Der fortwährende Gebrauch entlaugt auch das
giftigste Wort. Es wäre nicht das erstemal, daß ein verächtlicher
Ausdruck zu schwebender Bedeutung kirne und ob dereinst
ein lebender und bewundernder Beigeschmack hinzutreten wird,
das liegt natürlich nicht in der Beschaffenheit seiner Laute, sondern
einzig darin, wie w"r, unsere Siege, unsere künftigen Geschlecht 'T
auf die Einbildungskraft derer wirken werden, die „Boche' sag
Wrien. Elise Richter.
Französische?* forteresse.
Ad. Tobler hat in den Sitzungsber. der Ah. der Miss, zu Berlin,
1896, 854, andeutungsweise auch im Buch vom franz. Versbau
alter und neuer Zeit, 4. Aufl., 39 Anm. das franz. forteresse, früher
forterecc durch Entwicklung eines e zwischen Kons, und r aus
fortrece und dieses durch nochmalige Aussprache des r aus
forttee entstehen lassen, dabei beide Vorgänge, Bowohl die Ent-
wicklung des Sproßvokals wie die Wiederholung des r durch
Beispiele gestützt. Bei dieser Entstehung von forterece müßten
prov., span., port. fortaleza aus dem altfranz. forterecc mit Ersats
des zwischentonigen e durch a nach bekannten Mustern hervor-
°3) Le Petit Par., 10. Okt. 1915.
64 ) V Argot des Tranchees, 6. 1".
«5) S. 13.
136 Josef Brück.
agen sein. Dag< gen wandte (.. Paris, Rom. 25, 621 dasmittel-
lateinische fortalitia d*-* 12. Jahrhs., also einer Zeit, in der das
franz. Woii noch kaum alle angenommenen Entwicklungen durch-
achl haben werde, a iwie das rum. foritiletU ein, das doch nicht
aus einer franz. Form des Mittelalters entlehnt sein könne. Er
iiiiiuiif ein vulgärlat. *fortalicia an, auf das er mm. fortaleta, span.,
port. fortaleza, franz. fortelece zurückführt; das letztere habe sich
mit fortece, fortrece, forterece verschmolzen. Weiteres hat nun
\. Thomas in den Nouveaux essais de philologie francaise, 99
unter Hinweis auf das von ihm belegte altprov. fortareza neben
fortaleza ein vulgärlat. *fortaricia neben fortalicia angesetzt und
behauptet, daß altfranz. fortrece durch Synkope aus forterece her-
ri:. 'gangen sei und nicht durch Zusatz eines r aus fortece, wie
Tobler meinte. Der Dict. gen. nimmt in der Frage keine klare
Stellung ein. Er bezeichnet forteresse einfach als derive de fort
unter Hinweis auf die §§ 82, 124 der grammatischen Bemerkungen.
Nun wird zwar in § 82 das Suffix -icius behandelt, so daß man
glauben könnte, es werde in forteresse der Ausgang -aricia an-
genommen, aber andererseits wird in demselben § 82 eine Ver-
mengung von -icia und -itia behandelt, und in dem noch heran-
gezogenem § 124 -itia behauptet. Dieselbe unklare Stellung wie
Dict. gen. nimmt auch Nyrop in der Frage ein. I, 442 hält er das
zweite r von fortrece für parasitisch; III, 109 nimmt er in forteresse
unter Hinweis auf prov. fortareza ein -aricia an, vertritt freilich
III, 111 eine Vermengung von -itia und -icia. Meyer-Lübke
• ■rbhckte in der Rom. Gramm. II, 250 in forteresse das Suffix -itia,
während er im Wörterb. unter fortis sich über die Art der Ab-
lösung nicht äußert. Die Angaben über die wissenschaftliche
Literatur zeigen jedenfalls, daß die Art der Ableitung von forteresse
aus fort noch strittig ist. Sie soll im folgenden besprochen werden.
Vor allem soll eine Entscheidung darüber versucht werden, ob
in forteresse -icia oder -itia enthalten sei. Dabei wird von ' der
von Mussafia, Rom. 18, 531 behaupteten, von Meyer-Lübke,
Zs. 14, 280, auch von Nyrop und dem Dict. gen., wie sich oben
gezeigt hat, angenommenen Suffixvertauschung (-icia statt itia)
abgesehen. Ob diese Ansicht richtig sei oder nicht, kann hier
nicht erörtert werden, da ja dann die ganze Frage der Behandlung
des intervokalen tj im Franz. besprochen werden müßte. Daß
paresse pigritia wiedergebe, ist ja sicher; ob direkt oder über
pigriaa, ist für uns hier eine Sache sekundärer Bedeutung. Für
den Fall, daß aus -itia erst durch Vertauschung mit -icia ein
-ece entstanden sein sollte, würde die obige Frage dahin lauten
ob vur diesem Suffixtausch bei unserem Worte -itia oder -icia
da war. Zunächst erhebt sich die Frage, ob altfranz. foriece „Kraft"
Ltia ode --icia enthalte. Da es nach seiner Bedeutung das Adjektiv-
abstraktum von fortis ist und die Adjektivabstrakta im Rom ganz
gewöhnlich mit -itia gebildet werden, aber nicht mit -icia, so ist
Etymologist ' I .-
es sehr wahrscheinlich, daß fortece-itia enthalte. \l. doch
auch möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß fortea dur< h
dissimilatorischen Schwund des zweiten r aus forterece und dieses
nach der Ansteht desselben Gelehrten aus fortariäa entstanden
wäre; dieses hätte zunächst „feste Sache" bedeutel dann mit
Spezialisierung „fester Platz", andererseits mit Übergang vom
konkreten Begriff zum abstrakten „Festigkeit-. Lautlich ahn-
kann foriece nicht nur -itia wie perece enthalten, s indem auch
-icia. Aus dem franz. Worte allein läßt sich als., die Präge nicht
entscheiden, wenn man keine Annahme a priori machen will
Vielleicht gibt uns das prov. forte:,, Auskunft, Dei Pseudoturpin
in Zs. 14, der, wie schon Horning, Zs. 18, 241 hervorhob, das
scharfe s regelmäßig durch ss und nur das stimmhafte durch s
oder z bezeichnet, schreibt Zs. 14, 500, Z. 4 fortesa, sowie er eben-
dort, Z. 10 longuesa, 501, Z. 17 und 23 riquesas schreibt. Der Ver-
fasser oder Schreiber sprach alo das prov. Wort mit stimmhaftem
s, auf das ja auch die Schreibung forteza, die Raynouard 111,
375 und Levy III, 572 je einmal belegen, hindeutet; darnach
schrieb ja auch Levy im Wörterb. forteza. Da nun d
gewöhnlichen Annahme im Prov. intervokales */' immer stimm-
losen und inter vokales tj immer stimmhaften Laut ergab,
wäre für das prov. Wort -itia sicher. Allein einerseits verzeichnet
Levy neben forteza, fortesa auch ein fortessa in dem mir nicht zu-
gänglichen Rec. gascon 18, Z. 10, wo es doch nur das stimm]
meinen kann, so daß nach der gewöhnlichen Annahme m
fortitia im Prov. ein forticia vorhanden sein müßto, andererseits
hat Horning, Zs. 25, 736 gezeigt, daß auch inten / im
Prov. in halbgelehrten Wörtern stimmhaftes s ergeben kann,
u. zw. durch den Hinweis auf das neuprov. Suplesi, Soumplesi
aus Sidpicius, das nach dem Wörterbuch von Georges nur mit
ei erscheine. Darnach könnte also auch forteza -icia enthalten.
Wegen des Nebeneinanders von -esa und -essa im Prov. s. Horning,
Zs. 18, 241, auch 24, 553 f. zu prov. arbousso. Kurz, auch das
prov. Wort entscheidet die Frage nicht mit Sicherheit. S i bleibt
noch das ital. fortezza „Festigkeit" und „Festung" übrig. Dieses
kann nur -itia enthalten, da -icia bekanntlich -eecia ergeben hätte
und kein Grund vorliegt, fortezza für ein Lehnwort aus dem Nord-
italienischen oder gar dem Sizilianisch-Kalabresischen zu halten,
wo kj ts ergab. Dies ist zwar auch eine Annahme, aber sii w i
durch die gesicherte Tatsache begründet, daß die groß.' M
der Wörter der ital. Schriftsprache den toskanischen Lautstand
zeigen; das Vorhandensein eines nicht toskanisrlien müßte durch
den bewiesen werden, der ihn behaupten würde. Hingegen wan-
dle -itia, nicht icia für fortece sichernde Annahme, daß fortece
nicht über fortrece aus forterece entstanden sein könne ihm! daß
bei der Sippe die abstrakte Bedeutung älter als die konkrete
«ein müsse, durch keine Tatsache begründet; deshalb konnte
1 Jos<i Bruch.
oben für das altfranz. fortece allein das Vorhandensein von -itia
Dicht als sicher bezeichnet werden. Da nun aber das altfranz.
fortece und das prov. forteza -itia enthalten können, das ital.
fortc::<i es enthalten muß, andererseits sowohl das franz. und das
pmv. wie das ital. Werl die abstrakte Bedeutung „Kraft" tat-
Bächlich aufweisen, so müssen auch das franz. und das prov.
\\. 1 1 -itia enthalten, u. zw. nach der allgemeinen Regel, daß
in verschiedenen rom. Sprachen auftretende Wörter gleichen
Sinns, die der gleichen etymoL gischen Grundlage fähig sind,
von einander etymologisch nicht getrennt werden dürfen. So ent-
halten denn altfranz. for'ece, prov. forteza gewiß -itia. Sie gehen
wohl zusammen mit ital. fortezza auf ein schon vulgärlat., über
Gallien und Italien verbreitetes fortitia zurück. Wer aber an-
nimmt, daß das ja in den drei Sprachen noch lebendige Suffix
an das überall vorhandene Adjektiv selbständig angefügt worden
sei, gibt zwar das aus der etymologischen Zusammengehörigkeit
von fortece und fortezza gewonnene Argument für das Vorhanden-
sein von -itia in fortece auf, muß aber doch auch im Ausgange
von fortece altes -itia sehen, weil eben nur -ece aus -itia im Franz.
produktiv war, nicht aber ein -ece aus -icia; dieses war nur in
-aricia im Franz. lebendig. Soviel sei über fortece gesagt.
Nunmehr sei die längere Form besprochen. Da erhebt sich
zunächst die Frage, ob die Form mit / älter sei, wie G. Paris a. a. O.
glaubte, oder die mit r. Paris kam zu seiner Ansicht c ffenbar
wegen der Übereinstimmung des prov., span., port. fortaleza,
rum. fortäletä. Was zunächst das Prov. betrifft, so wies Thomas
a. a. 0. ein neben fortaleza stehendes fortareza nach. Das span.
fortaleza w'rd man wegen des erhaltenen / mit Meyer-Lübke,
Wörterb. für ein Lehnwort aus dem Prov. halten. Man könnte
zwar das / durch Einfluß von fuerte erklären wollen; aber wrarum
sollte gerade bei fuerte -fortaleza der Zusammenhang so stark
gefühlt worden sein, daß der Anlaut des einen nach dem des
anderen umgestaltet worden wäre, da dies doch bei fuego - hogar,
fuente - altspan. hontana nicht eintrat ? Wenn man aber einmal
das span. Wort für entlehnt hält, wird man auch port. fortaleza
dafür ansehen. Das rum. fortäletä, das G. Paris noch anführt,
kann ich nirgends finden und Tiktin antwortet mir freundlichst
auf eine Anfrage, auch er wisse nicht, in welchem obskuren Werke
G. Paris sein fortaleta gefunden habe; gebräulich sei es jedenfalls
nie gewesen. Tiktin kennt nur fortereta, fortäretä, aus der heutigen
Sprache nur fortareätn, das um die Mitte des 19. Jahrhs. auf-
gekommen sei, auf franz. forteresse beruhe, jetzt wieder vor
cetate im Rückgang begriffen sei. Da rum. fortäreatä ein junges
franz. Lehnwort ist, so fehlt es auch im Wörterb. Tiktins nach
dem vom Buchstaben e an befolgten, in der Vorrede zum 2. Bande
ausgesprochenen Grundsatze, jüngere Entlehnungen aus dem
Franz. beiseite zu lassen. Aus dem Grunde der jungen Entlehnung
Etymologisches. \ \
fehlt fortareata natürlich auch in Cihacs In ct. d'itymologie daco-
romane I, elements latins und in Puscarius Wörterb. 1, l.ni. Element.
Damit sind die Momente beseitigt, die G. Paris zum Vnsatze
eines vulgärlat. fortalicia veranlaßten. Wie der Ansatz der hin-
reichenden Gründe ermangelt, so entbehrt die Begründung der
von ihm angenommenen vulgärlat. Bildung jeglicher Wahrschein-
lichkeit. Er hält fortalicia für den Plural von fortalicium und dies
für eine Bildung aus fortis nach dem Muster vi in sodalicium
spoiisalicium. Diese Erklärung müßte man, auch wenn ein vulgär-
lateinisches fortalicia gut begründet wäre, ablehnen, da beide
Wörter der Bedeutung nach sehr ferne stehen und das eine gar
nicht, das andere nur als gelehrtes W< rt im Rom. lebt, da somit
der Volkssprache beide wohl fehlten und keine volkstümliche
Bildung herverrufen konnten; dies müßte aber fortalicia du ch
sein. Nachdem so das Etymon von G. Paris beseitigt ist, wird
man ohne weiteres prov. fortaleza, altfranz. fortelcce für jünger
und erst aus fortareza, forterece entstanden betrachten, du die
Dissimiltion von r-r zu r-l eine ganz gewöhnliche Sache ist. Nun-
mehr haben wir uns nur mehr mit altfranz. forterece, neufranz.
forteresse und prov. fortaresa zu befassen. Ist forterece wirklich
über fortrece aus fortece entstanden, wie TV bler meinte? I»
Auffassung wird meines Erachtens durch die parallele Bildung
secheresse unmöglich gemacht. Dieses Wort, altes secherece, das
nicht so wie forterece aus fortece aus dem daneben stehenden
sechece hergeleitet werden kann, hat prov. secaresa zur Seite ganz
wie forterece fortaresa und diese verhalten sich zu fort genau so
wie secherece, secaresa zu sec. Beide Wortpaare zeigen — ob ur-
sprünglich oder nicht, ist jetzt noch nicht zu erörtern — in beiden
Sprachen die abstrakte Bedeutung (,, Trockenheit" und „Festig-
keit") und wrie franz. forteresse daneben den festen Ort bezeichne t,
so benennt prov. secaresa daneben den trockenen Ort. Secheresse
wellte Meyer-Lübke, Rom. Gramm. II, 399, nachdem er eine andere
Erklärung selbst abgelehnt hat, zweifelnd als Anlehnung an secherie
auffassen. Diese Ansicht scheitert meines Erachtens daran,
daß im Altprov. neben secaresa kein secaria bezeugt ist. Um sie
aufrecht zu erhalten, müßte man secaresa für entlehnt aus secl/<
halten, so wie man ja bei Toblers Auffassung von forterece pr< \ .
fortaresa, fortaleza als aus forterece entlehnt ansehen muß. Dabi i
würde ich -aresa aus -erec nicht durch Provenzalisierung, als< i durch
das Bewußtsein, daß dem franz. unbetonten e gewöhnlich ein
prov. a entspreche, erklären, u. zw. deshalb nicht . weil das Pr< \ .
ja auch ein zwischentoniges e hatte, das franz. e zudem in den aus
dem Norden entlehnten Formen bachelier, merevilha, merevilhar
neben bodenständigen bacalar, meravelhar (Karch. DU nordfranz.
Elemente im Altprov., 13) bewahrte; vielmehr würde ich -aresa
durch Anlehnung an die von Thomas, Nouveaux essais, 88 ff.
als prov. Ortsnamen belegten Typen cabrareza „Ort mit Ziegen",
140 Josef Bruch.
calmareza ..< >rt mit dem öden Land" u. a. erklären, an die fortareza
ber Ort", secareza „trockener Ort" leicht angelehnt werden
konnten.
Da Tublers Auffassung von forterece durch secherece widerlegt
wird, bo wird man beide und dazu die prov. Wörter fortaresa,
-, sa für selbständige Ableitungen von fort, sec halten. Über
di<' Art der Ableitung ist noch einiges zu sagen.
Zunächst erhebt sich die Frage, ob -ece in forterece auf altes
-itia zurückgehe, wie Meyer-Lübke Rom. Gramm., II, 520 ohne
weiteres annahm, oder auf -icia, wie Thomas der Ansicht ist.
Auch hier weist meines Erachtens secherece dem, der es für ganz
bo wie forterece gebildet hält, den Weg. Es hat ital. seccareccia,
secchereccia „Dürre" zur Seite. Man hat keinen Grund und daher
auch kein Recht, es für toskanisiert und entlehnt aus prov.
secaresa zu halten. Man darf hierfür nicht das erste a der Form
seccareccia, das allerdings der florentinischen Mundart nicht ent-
spricht, geltend machen; die Form mit a kann aus der Gegend von
Siena bezogen sein, wo a regelrecht ist (Hirsch, Zs. 9, 529). Direkt
gegen die Annahme einer Entlehnung und für die Bodenständig-
keit von secchereccia spricht seccaia „Vertrocknen", das auf jeden
Fall echt ital. ist, weil es -aia, nicht das doch im Ital. häufige
-iera zeigt. Das durch seccaia verlangte siccaria aber bildet, wie
wir bald sehen werden, die Grundlage für seccareccia so wie prov.
sequiera die für secaresa. Da also seccareccia, secchereccia boden-
ständig ist und schon wegen der Parallele seccaia - sequiera prov.
secaresa davon etymologisch nicht getrennt werden darf, so ist
der Typus siccaricia, nicht siccaritia gesichert. Zu -7cia, nicht zu
-itia stimmt auch -icia in sequerisso zu Bordeaux (Mistral unter
secaresso\ dessen i freilich zur Not durch nicht volkstümliche
Entwicklung von -itia erklärt werden könnte, ferner -Tcius in
ital. secchericcio „trockener Zweig". Durch -icia in secherece wird
nun nach unserer Auffassung -icia auch für forterece gesichert.
Da nun -er- von -erece, -ar- ar von -aresa auf ar weisen, so ist der
von Thomas ohne weitere Erörterung angesetzte Ansgang -aricia
gegen Tobler, Meyer-Lübke und G. Paris begründet, gegen den
letzten insofern, als er ja mit Tobler ein fortitia für fortrece, forterece
neben seinem fortalicia annahm.
Dieses -aricia bedarf nun gerade in forterece - fortaresa,
secherece - secaresa gar sehr einer weiteren Begründung, an die
Thomas nicht dachte. Wenn man nämlich seine reiche Liste der
Bildungen auf -aricius, -aricia durchsieht, so findet man außer
unseren zwei Wörtern nur noch ein von einem adjektivischen
Stamm abgeleitetes Wort, nämlich longueresse „rechtwinkliges
sehr verlängertes Prisma, das man in die Schieferbrüche schneidet,
um den Schiefer leichter abzuheben." Zu diesem Wort bemerkt
Thomas, Nouveaux essais 91: longueresse parait s'etre substitue
o longuesse. Mozin ne connait que ce dernier. Darnach ist longueresse
Etymologisches. I ; |
ein unsicherer Fall; es kann meines Erachtens Kreuzung des
alteren longuesse, das Mozin als „partie de la cariire dFardoise
qu'un oiwrier Kamille" erklärt, mit longuerine, longrine Wandrul
(als Ausdruck der Bergbaukunde) sein. So bleiben als sichere
Ableitungen von Adjektiven mit -aricia nur forteresse siehe)
übrig. Dies ist sehr auffällig bei der großen Zahl der sonstigen
Bildungen mit diesem Suffix. Weiter ist die in Altfranz und
Altprov. bei beiden Wörtern, im Neufranz, noch bei sicheresse
erhaltene abstrakte Bedeutung der beiden Wörter etwas bei den
Ableitungen mit -aricius, -aricia Ungewöhnliches. Zwar sagl
G.Paris, Rom. 25, 621, daß fortelece niemals den einfach abstrakten
Sinn habe, den fortece aufweise. Allein auch wenn man von dem
Belege, den Godefroy IV, 99 für fortelesce in der Bedeutung
„force' gibt, nämlich von der Stelle in Beneeits Ducs de Norm
II, 5513, wo mir die Bedeutung „force" keineswegs sicher scheint^
absieht, so ist ja forterece, aus dem fortelece durch Dissimilation
hervorging, mit dem es also etymologisch identisch ist, mehrfach
in der abstrakten Bedeutung „Kraft" belegt. Dies war G. Paris
wohl bekannt, bewies ihm aber nichts für fortelece, da er dieses
von forterece etymologisch trennte. Außerdem ist das von fortelt ce
etymologisch jedenfalls nicht zu trennende prov. fortaleza in der
Bedeutung „Kraft" belegt (Levy). Während also forterece,
secherece und ihre prov. Entsprechungen neben konkreter auch
abstrakte Bedeutung zeigen, bezeichnen die zahlreichen von
Thomas angeführten Bildungen mit -aricius, -aricia fast alle eine
Anwendung des durch das Grundwort ausgedrückten Begriffs
auf das wirkliche Leben ; nur 7 Wörter benennen so wie forterece
„Stärke", secherece „Trockenheit" die durch das Grundwort be-
zeichnete Idee als Begriff substantiviert, nämlich die altfranz.
Wörter bruierece „das Lärmen", chaplerece „das Niedermetzeln",
crierece „das Schreien", croisserece „das Knirschen", retenterece
„das Widerhallen", traierece „das Ziehen" und das moderne
saintongeois battfejresse „action d'un epluie violente et surtout <l<
la grele battant le sol et les recolles", also „das Aufschlagen"; s.
Thomas, Nouveaux essais 107 f., 110. Von diesen Verbalabstrakten
wird unten die Rede sein.
Thomas sagt a. a. 0., 68, daß -erez, -erece nur bei Wörtern
erscheine, die schon -ier enthalten, und Meyer-Lübke bemerkt
in der Rom. Gramm. II, 462 von dem entsprechenden ital. Ausgange
-ereccio, daß er Bildungen auf -aio {-aria) voraussetze. Wenn man
diese Bemerkungen als richtig annimmt und beachtet, daß die
ältesten Beispiele von -aricius, -aricia capsaricius „durch den
capsarius aufbewahrt" und sigillaricia „Geschenke zu den sigilla-
ria" deutlich von Bildungen auf -arius, -aria abgeleitet sind, so
wird man -aricius, -aricia nicht für -aris -f -icius, was von vorn-
herein auch möglich wäre, sondern für -arius, -aria -f- -icius,
-icia halten. Die Ableitungen von substantivischen Stämmen mit
1 12 Jo ' I Bruch.
-aricius, -aricia sind ohne weiteres bogreiflich, da ja -arius, aria%
-iiriuin ganz gewöhnlich an Bolche Stämme antreten. Auch die
Ableitungen konkreter Bedeutung von Verbalstämmen mit
-aricius, -aricia erklären sich aus den freilich weder von Meyer-
Lübk<' noch von Nyrop beachteten Nomina agentis auf -ier wie
alt franz. balochere „baloneoire" (wegen der Bedeutung vgl.
ose „Schaukelstuhl"), corrier „courrant", emparlier „avocat",
prov. eslenegier ,,qui glisse", malparlier „medisant", auch parlier
„parleur", mondier „vanneur", noiriguier „nourrisseur", noirisier
„preeepteur", perseverier „perseverant", revendiera „revendeuse",
frisier ,,tisserand", voguier „rameur", katal. saquer ,,wer den ersten
Ball wirft", span. lagotero „schmeichlerisch", lambarrero „Bumm-
ler", mangonero „sich unberufen einmischend' , m stwerp „Aus-
plauderer", port. altaneiro „hoch hinaus wollend", sard. dennegarzu
„negatore", um nur Fälle anzuführen, die nicht leicht als Ab-
leitungen von suffixlosen Verbalsubstantiven aufgefaßt werden
können. Da die nomina agentis öfters zur Benennung von Werk-
zeugen verwendet wurden, die die Tätigkeit ausüben, oder mit
denen man sie ausüben kann (für letzteres vgl. man altfranz.
cJi'itifriere „Kochgeschirr" und bibiere „Zitze"), so begreift man,
daß viele Wörter mit -aricius, -aricia Werkzeuge bezeichnen.
Nebenbei sei die Beobachtung mitgeteilt, daß sich unter den
vielen von Thomas angeführten Ableitungen von Verbalstämmen
mit -aricius, -aricia nur zwei befinden, die das prov. Gebiet be-
treffen, nämlich molin mailharet „Walkmühle", das er S. 97 aus
dem Dep. Creuse belegt, und mariin-pescheret „Eisvogel" zu
Montpellier, merle-picheret gleicher Bedeutung im Limousin, die
er S. 98 verzeichnet. Da dieses und mailharet aus dem Grenz-
gebiet zum Franz. stammen und einfach aus dem Franz. herüber-
gekommen sein werden, martin-pescheret aber das franz. martin-
pecheur + et mit leichter Provenzalisierung von pecheur ist, so
ergibt sich die Feststellung, daß das Prov. mit -aricius, -aricia
keine Ableitungen von Verbalstämmen bildete.
Wie die von Substantiven und Verben gewonnenen Wörter
auf -erece, so werden auch die von Adjektiven hergenommenen
Formen Bildungen auf -ier oder iere voraussetzen. Da gerät man
zunächst in Sorge, wenn man Meyer-Lübkes Rom. Gramm. II,
509 einsieht. Er sagt dort nämlich: Zur Erweiterung von Adjek-
tiven dient arius wohl selten, wenn es überhaupt vorkommt.
Norm, grädye ist offenbar nur eine Umänderung von altier, das
seinerseits aus ital. altier o entlehnt ist. Wenn Meyer-Lübkes
Angaben zuträfen, so wären forterece, secherece schwer verständ-
lich. Allein sie treffen nicht völlig zu. Zunächst wurden wie in
grädye aus Adjektiven mit -arius neue Adjektiva gebildet. Solche
Fälle sind: die schon von Nyrop III, 123, § 249, I angeführten
Wörter grossier, journalier zu altfranz. Journal „täglich", plinier,
weiter altfranz. bassier „bas", brünier „sombre", doublier
Etymolog \ \ :
„double", felonier „felon", franckier „franc", gresslier „grl I
mmuier „mince", plainier „uni", presentier „pr§t", senestrier
„gauche", sommier „extreme", tendrier „tend . prov. doblier
„double", egalier „egal", escosieramen „clandestinement", das i in
escosier „clandestin*' neben escos „secret" vi raussetzt, esquerrier
„gaucher", estrankier „etranger", estremier „ertrgme", gri irr
„tirant sur le gris", grosier „r< s", maligtüer „möchant" zu mal
gleicher Bedeutung, megier „mitoyen", menurfi, r „menu", mortalier
„m< rtel", parier „pareil" zu par gleicher Bedeutung, plenier
„plein", riquier „riche", von Levy mit Fragezeichen versehen,
senequier „gaucher" zu senec, senestrier , gaucher" travei
„transversal" zu travers gleicher Bedeutung, katal. lecarder „eifer-
süchtig" zu lecart gleicher Bedeutung, solter ,, ledig", zu soll gleic
Bedeutung, somer ,,< berer", span. albero „weiß", bafero „unterer",
carero „teuer verkaufend", certero „sicher im Treffen",
„Andacht erweckend" zu devolo, das dieselbe Bedeutung haben
kann, escotero „unbeladen" zu escueto gleicher Bedeutung, grosero
„r. h", llenero „vollständig", postrimero „letzter" zu poslremo,
soltero „ledig", travesero „schräg" zu travieso g! leutung,
port. alveiro, careiro, cerleiro, grosseiro, solteiro, wie im Span.,
dazu fouveiro „fahl", raseiro „flach" zu raso gleicher Bedeutung,
san'eiro „fromm", tenreiro „zart" zu tenro gleicher Bedeutung,
allenfalls noch vasqueiro „schielend" zu vesgo derselben Bedeutung.
Weit verbreitet sind leviarius, primarius, tertiarius für /
primus, tertius. Weiteres leitete man von Adjektiven mit -ariuiti,
-aria vielfach Substantiva ab, die einen Gegenstand bezeichnen,
welcher die durch das Adjektiv ausgedrückte Eigenschaft in
besonderem Maße zeigt. Beispiele sind altfranz. bassiere „lieu
bas, vallee, pc rte d'ecluse", clarere „vin de liqueur", neueres clairiire
„Lichtung", creusiere „treu", das auch ein Verbalabstraktuni
creuser „aushöhlen" in der Art der später zu besprechenden
Bildungen sein könnte (vgl. unser Höhlung), gast ere „terrain
inculte" zu gast, hantiere „hauteur", hermier „terre inculi'
zu herme, longiere „linge beaueoup plus long que large, essuie-mains,
mesure de terre", plainiere „plaine", prov. fres uiera „feuillagea
frais", longiera „serviette longue", rogier „garanciere", katal. etwa
corder „Lamm" zu lat. cordus, roger „Rotzunge", travessera
„Querweg", span. acedera , Sauerampfer", albero „Kreiden den' .
amarguera „Bitterkraut", amarguero „Spargel", calvero „unfruchl -
barer B den, Lichtung in Wäldern", cordero „Lamm", der e eher a
„gerader Weg ", fetidero „Stinkbaum", larguero „Seitenpf •
longuera „schmaler Streifen Feldes", mollera „Fontamllr, Scheitel'
mollero „das Fleischige des Armes", otero „Anhöhe", sn/uero und
sequera „trockener B den", ternero „Kalb" zu tierno, pnrt. caveira
„T tenk pf, eingefallenes Gesicht", outeiro, sequeiro, ler/nir,, wie
im Span., dazu ladeiro „flacher Teller" zu latus „breit", transnmnl.
lenteiro „feuchte Erde" zu lento „feucht", ebendort cMeiro „Ebene"
Jo\ef l>riich.
Meyei Lübkes Wörterb. . Schon das Latein hatte caldaria „Warm-
Eelle", im Rom. dann „Kessel", calvaria „Schädel", viridarium,
dann viridiariwn „Garten". Damit ist Meyer-Lübkes Behauptung,
daß -arius im Ri>m. kaum zur Weiterbildung von Adjektiven ver-
wendet worden sei, als nicht zutreffend erwiesen. Daß sie nicht
zutreffe, wußten er und alle anderen, die den mm. Wortschatz
kennen, längst; es wurde aber hier mit Belegen für die, die ihn
nicht kennen und auf die Angaben bauen könnten, hervorgehoben.
Damit wäre ein Ausgangspunkt für die Erklärung von -aricia
in forlerece, secherece gewonnen. Trotzdem waren etwa wieder
verlorene Bildungen wie forlier „fest" und „fester Ort", sechier
„trocken" und „trockener Ort" gewiß nicht der Ausgangspunkt
von forterece, secherece, sondern die bezeugten altfranz. Wörter
fortiere, sechiere und prov. sequiera (bei Levy) sowie fortiera,
das zwar bei Levy fehlt, das aber doch wohl durch ein, wie es
scheint, im Mittellatein Südfrankreichs belegtes fortera voraus-
gesetzt wird. Du Cange III, 573 gibt nämlich aus der Hist. Occit.
II, 579 folgenden für mich nicht kontrollierbaren Beleg: castrum
neque forteram seu forteras .... non aiiffcramus. Freilich könnte
es sich auch um das nach Südfrankreich gedrungene und dort
latinisierte altfranz. fortiere „Festung" handeln. Durch fortiere
fortiera, sechiere, sequiera werden für das Vulgärlatein Galliens
fortaria, siccaria wahrscheinlich gemacht und an diese trat nun
-icia an. Um erst franz. und prov. Vorgänge kann es sich nicht
handeln, da das einfache -icia im Franz. nicht mehr lebendig war,
wie Thomas a. a. 0., S. 68 mit Recht bemerkt. Ein an fertiges
fortiere angefügtes -ece hätte zudem wohl forlier ece ergeben; vgl.
poussier eux und Nyrop III, 44. Falls longueresse doch nicht aus
longuesse + longuerine entstanden sein sollte, kann es longaricia
sein und dieses longaria -f- icia. Longaria wird durch prov.
longuiera „Länge", altfranz. longuiere gestützt; das letztere belegt
Godefroy aus dem Perceforest, da das gedruckte longniere in
longuiere zu verbessern ist. Die Bildungen fortiere, longuiere,
sechiere in einen größeren Zusammenhang zu stellen, soll in einem
eigenen Artikel über die rom. Adjektivabstrakta auf -aria unter-
nommen werden, nicht hier, da es sich in diesem Falle nicht wie
bei dem Typus bassier oder wie später bei den Verbalabstrakten
auf -iere um Widerlegung anderer, der hier zu gebenden Beweis-
führung hinderlicher Ansichten handelt. Hier ist nur noch etwas
über die Bedeutungsentwicklung von forteresse zu sagen. Gewiß
ist die abstrakte Bedeutung die ältere und die konkrete aus jener
entstanden. Dafür sprechen die Parallelen altfranz. ferte und
fermerie, die beide „Festung" bedeuten, altprov. fermetat „Festig-
keit" und „fester Platz", fermaria „Festung", wo die bekannte
Funktion der Suffixe-fa/em und -erie, arie, aus Adjektiven Adjektiv-
abstrakta zu bilden, die abstrakte Bedeutung als die ursprüngliche
erweist; für erie wird die Funktion durch alle von Nyrop III, 183
Etymologisches. 1 r.
§ 395, 1 angeführten Beispiele mit Ausnahm« von vieillerie er-
wiesen. Auch ital. fortezza, nieder], ueste und unser Feste, das uooh
im Mittelhochdeutschen auch die Festigkeit bezeichnet«
den Übergang von „Festigkeit" zu „Festung".
Zum Schluß sei noch die Bildung der oben angeführten
7 Wörter bruierece, c/utplerece, crierece, croisserece, retentt
traierece, batteresse besprochen, die die durch das Verb au
gedrückte Handlung als solche bezeichnen. Zunächst isl zu bi •
achten, daß bruierece, crierece, croisserece, retentereo einerseits,
batterece, chaplerece andererseits Begriffsgruppen bilden. Der
Ausgang wurde offenbar von zwei, drei Musterwörtern aus auf
andere übertragen, allerdings ohne je große Verbreitung zu finden.
Weiteres ist zu beachten, daß sie mit einer Ausnahme alle auf
engem Gebiete, nämlich in Südwestfranz, auftreten. Godefroy
belegt bruierece aus dem Ovide moralise, chaplerece aus Beneeits
Ticjaroman, crierece aus den beiden genannten Werken und aus
denMakkabäern Gautiers de Bclleperche, croisserece aus dem Troja-
roman, retenterece steht ebendort V. 8552 im Reim zu chaph
und traierece, das Godefroy nur in der Bedeutung „celle qui tire"
kennt, hat die sichere Bedeutung „das Ziehen" im Tnjamman
7392, 9497 [:blece\ 15 892. Die altfranz. Wörter erscheinen also
bei Beneeit aus Sainte-Maure bei Tours, bei Gautier aus Bclle-
perche bei Laon und im Ovide moralise, dessen Verfasser an einer
von Thomas, Rom. 22, 271 angeführten Stelle gegen den clers de
Sainte More auftritt, also Beneeit kannte und seine bruierece,
crierece wohl von ihm übernahm. Dazu kommt batteresse aus der
heutigen Mundart der Saintonge. Wenn man von crierece bei
Gautier absieht, der es übrigens auch aus dem berühmten Ticja-
roman bezogen haben kann, so begegnet -ece im Verbalabstraktum
nur in den Landschaften Touraine und Saintonge. Ob dies eini
weiter reichende Ursache hat oder nicht, weiß ich nicht. Nunmehr
sei die Bildung dieser Verbalabstrakta noch einiger erklärender
Bemerkungen gewürdigt. Die Formen gingen von kürzeren auf
-iere aus, die allerdings nur in einem Falle durch die Überlieferung
bezeugt sind, nämlich in escriere „Geschrei", aus dem ein ein-
faches criere leicht erschlossen werden kann; aber das Vorhanden
6ein der Ableitungen auf -iere von den anderen Verben darf aus
der Existenz der gleichen Bildung bei 8 anderen Zeitwörtern mit
Wahrscheinlichkeit entnommen werden. Es sind dies die alt-
franz. Wörter dreciere „Richtung", eissiere „Ausgang", gagiere
„Verpflichtung", dazu contregagiere „Repressalie" von conlre-
gagier „mit gleichem vergelten", laviere „lavure", pensiere „ Ge-
danke", prisiere „Schätzung", remontiere „Nachmittag", eigent-
lich wie remontee „Nachmittag" die „heure de relevee" bedeutend,
endlich saigniere „Aderlaß". Das Prov. hat acabiera „Vollendung",
cremiera „Brandschaden", dresiera „Richtung", eschamnhiera „Aus-
tausch", gatgiera „Verpflichtung"; aus dem Neuprov. seien mit
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV*/1. 1°
1 ',», Jos f Brück.
Rücksicht auf späteres cagueiro, cagairo, caguero „Durchfall",
dazu -cagarello gleicher Bedeutung und pisseiro „Drang zum
Harnen" aus Mistral I, 416 und II, 583 angeführt. Die Not-
wendigkeit, die Zurückführung des -iere, -iera dieser Verbal-
abstrakta auf -aria gegenüber anderer Ansicht zu verteidigen,
zwingt Beispiele aus anderen rem. Sprachen anzuführen. Das
Katalanische hat cacera „Treibjagd", caguera „Drang zum
Scheißen", casera „Heiratslust", dressera „Richtweg ", manquera
„Fehler", petera „Drang zum Furzen", ploranera „Weinerlichkeit",
pixera „Harndrang". Das Spanische hat gaguera „das Stottern",
cansera „Belästigung", drecera „Reihe, Häuser, Bäume", zunächst
wohl „Richtung", pedorrera „Gefurze", pelotera „Streitigkeit",
perderas „Ablaß für Wallfahrten", (s. u.\sementera „Saat", sonera
und so'tarrera „Schlaflust". Das Portugiesische sagt raleira „das
Reiben", ronqueira „das Röcheln", torreira „sengende Glut". Aus
dem Italienischen sind cacaia, das Petrocchi aus Annibal Caro belegt,
dazu cacaiuola „Scheißerei" und sonnaia „Schläfrigkeit", aus dem
Sardischen Spanos cagaredda „diarrea" anzuführen. Wenn man
zunächst nur die altfranz. und prov. Verbalabstrakta auf -iere,
-iera betrachtet, so denkt man sogleich an die denselben Sprachen
angehörenden Verbalabstrakta auf -ier, die Meyer-Lübke, Rom.
Gramm. II, 513 und Thomas, Nouveaux essia 110 ff. besprochen
haben; den Listen von Thomas S. 116 f. kann man übrigens
altfranz. gibier „action de se demener", tranchier „tranchee",
votier „volonte", prov. embarguier „embarras", das Themas zwar
S. 118 aus dem Bearnischen belegt, das aber in seiner Liste der
altprov. Beispieie fehlt, dann pejurier „empirement", poiriguier
„pourriture" von poirigar, daneben poridier mit dem d von
poirideza, hinzufügen. Diesem -ier legen Meyer-Lübke und Thomas
-erium zugrunde und nehmen wegen der Lautf>rm Einfluß von
-ier aus -arium an. Wenn diese Ansicht richtig wäre, wenn also
-ier der Verbalabstrakta auf lat. -erium zurückginge, so würde
man das in gleicher Funktion verwendete -iere auf -eria, den
Plural von -erium zurückführen und nicht auf lat. -aria. Allein
-aria, nicht -eria wird durch italienisches -aia, durch sardisches
cagaredda, das ebenso wie neuprov. cagarello ein -arella aus -aria
4- -ella bietet, und durch katalanisches -era erwiesen, das zu
quera „Holzwurm" aus caria ;für caries , nicht zu fira „Jahrmarkt"
aus feria stimmt. Danach wird man wml auch -ier auf -arium
zurückführen und ital. -io abtrennen. Es scheint, daß im V> lks-
latein, u. zw., wie die Sphäre der Begriffe „scheißen, pissen,
furzen" zeigt, in den untersten Schichten der Brauch bestand,
aus Verbalstämmen mit -arium, -aria nomina acti nis zu bilden,
daß aber das Suffix in dieser Funktion, wohl deshalb weil es von
den untersten Schichten gebraucht wurde, durch den Einfluß
mittlerer und höherer Kreise bald wieder abkam. Wahrscheinlich
entstand -arium durch einen der späteren Flexion des Infinitivs
lUymolog'sches. I 17
analogen Vorgang, durch Anfügung von -iwn aichl wie im Lat.
an den Stamm (contagium\ sondern an den Infinitiv auf -ort.
So bildete man aus per-dare „vergeben" (= perdonare i ium
perdarium, dazu den Plural perdaria, der als Singular gefafil und
mit dem Plural-* versehen span. perderas „Ablaß" ergab. Am
diesem so belegten und erklärten -aria -f- -icia erwuchs -aricia
und daraus altl'ranz. -erece. Ebenso entstand, wie Doch bemerkt
sei, im Prov. aus -arium + -icium ein -aricium, -eritz. Ncl.cn
chaplier „abatage" steht chapleritz gleicher Bedeutung, das Lew 1,
250 aus der Geschichte des navarrischen Krieges 3093, 3098 belegl .
Da er chaplier aus demselben Werke 44G3, 4954 und aus dem
zweiten Teile der Albigenserclm nik, der bekanntlich manche
sprachliche tbereinstimmungenmitder Geschichte des navarrischen
Krieges zeigt, belegt, so ist die innige Beziehung zwischen -ier
und -eritz in diesem Falle durch die Überlieferung erwiesen und
indirekt der ven uns angenommene Zusammenhang zwischen
altfranz. -iere und -erece im Verbalabstraktum gestützt. Das
Suffix -icius trat, chne die Bedeutung viel zu ändern, an das
fertige Verbalabstraktum auf -aria, -arium an, so wie es im Typus
chapleilz, capladitz an das fertige nrmen aeth nis auf -ata sich an-
fügte oder wie in katal. cruixidera , Verschlagenheit" (daneben
in gleicher Bedeutung cruiximent, also Verbalabstraktum von
cruixir\ in span. buenas absolvederas ,,grc ße Bereitwilligkeit,
k szusprechen", despachaderas „rasche Abfertigung", lloradera
„das Weinen", in pert. brincadeira „Scherz", choradeira „Weinen",
enseccadeira „Abenddämmerung")1", -aria, das eben besprochene
Suffix für Verbalabstrakta, an -ata, -ita, den bekannten anderen
Ausgang für Verbalabstrakta, antrat.
Josef Bruch.
Ufoch einmal über IVas. parel/e.
In ZfSL. 422, 102 habe ich frz. parelle, neuprov. pana
kat. paradella, panadella „Ampfer" aus *palateUa und dieses
durch gegenseitige Umstellung des l und p aus *lapathella ent-
stehen lassen. Diese Herleitung, die übrigens für frz. parelle und
kat. paradella schon von Baist, ZrP. 5, 560 und darnach \ i n
Scheler bei Diez, 5, 808 und im Dict. etym. franc., 377, wenn
auch mit Ablehnung, in Erwägung gezogen wurde, ist vi n Gamill-
scheg und Spitzer, Die Bezeichnungen der „Klette' im Gallo-
romanischen, 10 Anm. 2 abgelehnt worden u. zw. mit den W< rten :
„Ebenso scheitert das Silbenverschiebespiel, das Bruch, Zeitschr.
f. frz. Spr. 42-', 102 treibt, um frz. parelle, kat, paradella, aeupi
panadella ans *lapathella, *palalella etc. zu erklären, an der
Glossenform parada". Hierzu sei einiges bemerkt. Das „Sil]
]) Das Port, zeigt, daß es sich im Span, nicht um -atoria handelt.
10*
Josef Urach.
hiebespiel", das ich getrieben haben soll, bestand in der
Annahme der gegenseitigen Umstellung von / und p in Hapathella.
Eine solche gegenseitige Umstellung zweier einander nicht be-
rührender Konsonanten wird von D. Behrens, Über reziproke
Metathese im Romanischen, 23 ff. und, hier mit weiter ver-
breiteten Fällen, 9! f., von Meyer-Lübke, Rom. Gramm. I, 483;
GGr. I-, 681; Frz. Gramm. I*/s, 175; Einf. '-, 156 f., von Cornu,
GGr. I2, 996, insbesondere mit Formen aus den Mundarten Frank-
reichs von D. Behrens, Beitr., 497 a vielfach belegt. Somit habe
ine Erscheinung, die bei einer größeren Anzahl rom. Wörter
sicher vorliegt, für ein weiteres Wort angenommen. Ob man dies
ein ,, Spiel treiben" nennen kann, mögen andere entscheiden.
Nunmehr sei der sachliche Einwand besprochen, nämlich das
Glossenwort parada. Es steht Cgll. III, 592, 31; 594, 5; 613, 63;
615, 63; 626, 9; 627, 56. Alle Belege gehören demselben Glossar
an und je drei, nämlich 592, 31; 613, 63; 626, 9 einerseits und
594, 5; 615, 63; 627, 56 andererseits derselben Stelle des Glossars,
das von Goetz noch drei Hss. dreimal abgedruckt wurde, weil
deren verschiedene Lesungen nicht gut im Variantenapparat
untergebracht werden konnten (Praefatio, XXXIII». Die drei
Belege der an zweiter Stelle angeführten Gruppe sind ferner
nur Umkehrungen der ersten Gruppe. Ob man unter diesen Um-
ständen von einem „wiederholt lappacium glossierenden parada'
sprechen darf, wie dies G. und S. tun, mögen andere entscheiden.
Das Glossar, in dem parada vorkommt, kann man nach dem
Anfangsw. rte Anesus-Glrssar nennen. Parada ist Rückbildung
aus rom. *paradella, das durch Dissimilation und Erweichung des
inter vokalen t aus *palatella entstanden ist. Damit die Annahme
einer Rückbildung nicht etwa als Silbenabschneidespiel aufgefaßt
werde, sei außer auf die Ro. Gramm. Meyer-Lübkes II, 401 noch
auf die Artikel seines Wbs. hingewiesen, in denen Rückbildungen an-
genommen werden, nämlich auf die Nummern 1031, 113' 3, 120, 418,
444, 450, 524, 700, 746, 842, 874-, 880, 887, 888'2, 961, 985, 1036,
1025, 12245, 1228, 1305, 1358, 1359, 1361, 1365, 1386, 1400, 1403',
1413, 1414, 1423, 1506, 1536, 1583, 1640', 1649 , 1666, 1683, 1686,
1694, 1743, 2011% 2069, 21145, 2259, 2293, 23212, 2359, 2414, 2424,
2538, 2602, 2788a, 2803, 2893, 2894, 2987, 3066, 3090, 3105,
3185, 3216, 3231, 3298, 3347, 3424, 3516, 3610, 3656, 3721, 3777,
3841, 3899, 3918, 3966, 3973, 4234, 4484, 4621, 4770, 4840, 4950,
5003, 5045, 5105, 5135, 5172, 5233, 5245, 5248, 5283, 5326, 5360,
5417, 5443, 5712, 5767, 5888, 5965, 5983, 6080, 6114, 6218a, 6250,
64 11^, 6517, 6694, 6778, 6809, 6892, 6968-, 7037, 7136, 72200,
7300, 7592, 7597, 7633-, 7644, 7662, 7731, 8128, 8169, 8218,
8292, 84412, 8507-25 85341, 8570, 8605, 8668, 8680, 8765, 8772,
8938, 9044, 9114, 9144, 9164, 92(>4, 9224, 9232, 9277, 9304,
9531. Nun konnte parada nur auf den Gebieten durch Rück-
bildung gewonnen werden, auf denen *palatella zu *paratella
Etymologisches. \ ',<•
und nicht zu *panatella dissimiliert wurde. Nach frz. pan
ueuprov. paradelo (Mistral II, 468 und 635 . kat. paradella t
diese Dissimilation auf jedem der drei Sprachgebiete Btatt au!
denen sich *lapathella überhaupt findet. Somit war auch die
Entstehung der Form parada auf jedem der drei Gebiete möglich.
Wenn also das Anesus-Glussar, das parada enthält, auf frz. oder
prov. oder kat. Gebiete entstanden ist, so ist das Vorkommen
von parada darin ohne weiteres erklärlich. Wenn es aber auf
anderem Gebiete entstanden wäre, so wäre damit erwiesen daß
das aus *lapathella hervorgegangene *palatella auch auf anderem
Gebiete vorhanden war, dort, auch zu paratella dissimiliert wurde,
aber später aus der Volkssprache schwand. Ein einstiges Vorhand« i -
sein des Grundwortes der Sippe von parelle und ein späteres
Verschwinden auf anderem als auf dem frz.-prov.-kat. Gebiete
müßte aber dann auch von G. und S. angenommen werden,
wenn das Glossar, das parada enthält, auf anderem Gebiete als
dem heutigen der Sippe von parelle entstanden wäre. Somit
kann die früher hervorgebrachte Herleitung von parelle und Beiner
Verwandten durch das Glossenwort parada auf keinen Fall zum
Scheitern gebracht werden, wo immer auch das Glossar, das
parada enthält, entstanden sei. Nachdem so der Haupteinwand
gegen unsere Herleitung erledigt ist, sei einiges zu den weiteren
Bemerkungen gesagt, die G. und S. a. a 0. über unsere Wort-
sippemachen. FürDitzensAbleitungaus/y/v//r/A/ machen sie geltend,
daß „auf einen Typus pratella südfrz. Reflexe der Karte patü
des AL in den Dep. Correze, Lot-et-Garonne, Aude, Aveyron hin-
zuweisen scheinen"'. Gemeint sind die von ALF. B 1657 ver-
zeichneten Formen pradelo in Gorreze P. 609, Lot-et-Garonne
P. 637, 638, Aveyron, P. 724 und, was G. und S. übersehen ha)
Dordogne, P. 628, und pradeleto in Aude, P. 773. Übrigens er-
scheint pradelo auch auf der Karte 1345 in Lot-et-Garonne, P. 636
für „tussilage". Da die auch von Meyer-Lübke, Wh. 6230 ab-
gewiesene Herleitung aus pratella von G. und S. ebenfalls u. zw.
wegen des Glossenwortes parada nicht angenommen wird, -
auch von ihrem Standpunkt aus in diesem pradelo ein Argumenl
gegen unsere Herleitung nicht gegeben. Die auf ein so kli
Gebiet beschränkte Form pradelo ist gewiß gegenüber der 1 rm
paradelo, die im Frz. einerseits, im Kat. andererseits ihren Ver-
wandten hat, sekundär und es ist nicht eine Umdeutung
pratella zu paratella, an die G. und S. einen Augenblick da« hten,
sondern die umgekehrte Umdeutung anzunehmen. Der Name
des gerne auf Wiesen wachsenden Ampfers, des lapathi prata
amantis, wie Horaz sagt, wurde volksetymol gisch an pratum
angelehnt. So erklärt sich auch das von G. und S. heranj
pratella für lapathium bei Matthaeus Silvaticus, Opus pandec
tarum medicinae c. 388 (nicht 386, wie sie angeben . Da unsere
Wortsippe nur auf dem frz., dem prov. und dem kat. Sprachgebiete
Josef Bruch.
vorkommt, bo muß der italienische Arzt Matteu Selvatico, über
dessen Lebenslauf man nichts Sicheres weiß, entweder selbst
in Frankreich oder Nordi stspanien gewesen sein oder die Form
von einem Bekannten, etwa einem Schüler, der von d( rt kam,
erfahren haben. Da nun heute noch pradelo im Dep. Aveyrcn und
pradeleto im Dop. Aude vt rk< mmt, so ist es gewiß nicht kühn,
anzunehmen, daß ein pradelo früher auch im Dep. Herault v( r-
handen war, das zum Teile zwischen den östlichen Teilen der
Depp. Aveyron und Aude gelegen ist, und daß pradelo insbesi ndore
auch in der Hauptstadt des heutigen Dep. Herault, in M. ntpellier
gebraucht wurde. So glaube ich denn, daß die Fi rm pratella bei
Matteo Selvatico aus M< ntpellier stammt. Vermutlich besuchte er
selbst die berühmte medizinische Schule dieser Stadt. Wie immer
aber auch sich das Erscheinen von pratella gerade bei ihm erklären
möge, so beruht jedenfalls die Form auf sekundärer Umdeutung
von paratella nach pratum. Nachdem nunmehr die Bemerkungen,
die G. und S. gegen die früher von mir vorgebrachte Herleitung
gemacht haben, erörtert sind, sei diese Herleitung selbst aus-
führlich begründet; denn die kurze Darlegung, auf die ich mich
seiner Zeit beschränkte, weil ich die Ableitung für evident hielt,
genügte ja, wie sich gezeigt hat, keineswegs, um alle zu über-
zeugen.
Wenn man bei der Lösung des vorliegenden etymologischen
Problems systematisch vergeht, so wird man zuvörderst parelle,
panadelo, paradella, die in der Bedeutung gleich und in der F( rm
ähnlich sind, nicht voneinander zu trennen, sondern auf eine
gemeinsame Grundlage zurückzuführen suchen. Als s< lche hat
Meyer-Lübke, Wb. 6230 *paratella angesetzt. Er hat die Form
mit einem Sternchen versehen, sc mit in dem von Ducange-Car-
pentier-Henschel VI, 164a verzeichneten, von Scheler heran-
gezogenen paratella des dem Macer fälschlich zugeschriebenen,
in Wahrheit von Otto aus Meung an der Loire 's. Gröber in seinem
Gr. II, 386) verfaßten Lehrgedichtes de naturis fauch virtutibus)
herbarum einen Beleg für das von ihm angesetzte Grundw« rt
nicht gesehen u. zw. mit echt. Der im Anfang des 12. Jahrhunderts
schreibende Franzose hat sein paratella durch eine nach bekannten
Mustern vorgenommene Latinisier ung der Form paredele seiner
Mundart erhalten ; darauf weist ja auch sein Ausdruck herba solet
lapathi vulgo paratella vocari hin.1) Noch weniger lehrt das von
Ducange-Carpentier-Henschel VI, 156 b aus dem „chron. angl."
des Joannes Whethamstedus verzeichnete paradella etwas über
die alte Geschichte unseres Wortes. Es gehört zwar gewiß hierher;
denn die von den Herausgebern des Glossariums nach dem alten
') Die Ansicht Schelers bei Diez5, 808 und im Dict., 377, aaß
paratella Latinisierung des kat. paradella sei, beruht auf der irrigen
Annahme, daß der Macer floridus auf der Pyrenäenhalbinsel ent-
standen sei.
Etymologisches. 151
Editor Hearnius vorgebrachte Erklärung als „anethi silvestris
species" ist sicher durch die Bedeutung „rumex" zu ersetzen,
die für den übertragenen Ausdruck illa paradella invidiae ebenso
gut paßt. Aber der Beleg gehört dem 15. Jahrhundert an und der
englische Mönch hat sein paradella wohl aus den von seinen Lands-
leuten besetzten Teilen Südfrankreichs bezogen, d. h. durch
Latinisierung des prov. paradelo gewonnen.2) Dieses von Meyer-
Lübke angesetzte * parate IIa genügt nur den Furmen mit inlauten-
dem r, aber nicht denen mit n. Diese müßte man entweder durch
Assimilation des r an das l und nachfolgende Dissimilation von
l-ll, was eine von vornherein wenig glaubliche komplizierte An-
nahme wäre, oder durch Einfluß eines anderen Wortes erklären.
Nun ist zwar gerade bei einem Pflanzennamen die Einwirkung
eines anderen Wortes von vornherein leicht möglich, darf aber
doch auch nur dann angenommen werden, wenn es nötig ist, d. h.
wenn eine das r als ursprünglich erweisende Etymologie sicher
steht. Dies ist aber hier nicht der Fall. Kurz, *paratella paßt
als Grundform unserer Sippe nicht. Damit ist auch die von dieser
Grundform ausgehende Etymologie widerlegt, die G. und S. a. a. O.
77 vorgebracht haben. Diese Ableitung hat übrigens auch andere
Mängel. Es soll von parare der Bedeutung „zusammenschneiden'*
eine Ableitung *paratella geschaffen worden sein, die wie kat.
enciam „Salat" aus *incisamen von der Bedeutung „Zusammen-
geschnittenes'' zu der „Salat" und dann wie saladero „Sauerampfer
in den Depp. Haute-Garonne, Hautes-Pyrenees, das angeblich
zu salada „Salat" gehört, von der Bedeutung „Salat" zu der
„Sauerampfer" über „Sauerampfersalat" gelangt sei. Nun ist
zwar eine Bedeutung „schneiden" für parare zuzugeben und
darnach eine Bedeutung „Zusammengeschnittenes" für ein
*paratella ebenfalls. Aber schon die Bedeutungsentwicklung zu
„Salat" ist eine bloße Annahme und dadurch, daß ein anderes
Wort sie erfuhr, nur als möglich erwiesen, hingegen als wirklich
eingetreten keineswegs irgendwie wahrscheinlich gemacht. Der
weiter anzunehmende Bedeutungswandel von „Salat" zu „Sauer-
ampfer" endlich wird durch das neuprov. saladero und seine
von Rolland, Flore populaire IX, 175 verzeichneten Verwandten
nicht gestützt; denn die von Meyer-Lübke, Wb. 6129 neben der
Herkunft aus oxalis zur Wahl gestellte Verbindung mit salada
„Salat" ist m. E. gewiß wieder zu Gunsten der Ableitung aus
exalis aufzugeben. Diese von Schuchardt, Zr.P 26, 401 mit Recht
ohne weitere Erörterung als geradezu selbstverständlich vorge-
brachte, übrigens, wie gesagt, auch von Meyer-Lübke als möglich
anerkannte Herleitung von saladero aus oxalis wird durch die von
Schuchardt und Meyer-Lübke a. a. 0. angeführten und anerkann-
ten Ableitungen von oxalis verlangt, unter denen das lyonn.
2) Eine Latinisierung der damals schon erreichten frz. Form
parelle hätte kaum paradella ergeben.
152 Josef Brück.
salettt als Stichwort genannt sei. Dadurch ist rom. *sal- als Ver-
r von oxalis gesichert. .Nach der Form paßt also oxalis ebenso
gut als Etymon von saladero wie salada. Zur Bedeutung von
saladero aber paßt die von oxalis trefflich, während die von
salada ferner steht. Somit sind für saladero zwei Etyma vorge-
schlagen, von denen das eine in Form und Bedeutung, das andere
in der Form, aber nicht in der Bedeutung stimmt. Da igt doch
nach einfacher Regel der Wahrscheinlichkeit das in Form und
Bedeutung passende Etymon, also oxalis vorzuziehen. Damit ist
dem für *paratella angenommenen Bedeutungswandel die Parallele
genommen. Die Ableitung unserer Wortsippe durch G. und S.
hat also noch andere Schwächen außer der, daß sie von einer
nicht zu allen Formen passenden Grundlage ausgeht. Kehren
wir nun zu dieser zurück. Wie *paratella nur den Formen mit r,
so entspräche *panalella nur denen mit n. Man könnte zwar
westfrz. paren (daraus pazen) durch Dissimilation zum n des
erst durch Suffixtausch eingetretenen Suffixes erklären, müßte
aber dann r in parelle für eine Übertragung von paren halten und
außerdem noch neuprov. paradelo, kat. paradella erklären. Dies
wären immer komplizierte Annahmen. Wenn man, ohne für eine
bestimmte Form voreingenommen zu sein, einfach die den ge-
gebenen Formen am besten entsprechende Grundlage sucht,
wird man auf *palatella geführt u. zw. durch folgende Erwägung.
Der in parelle, paradelo, paradella — panadelo, panadella vorliegende
Wechsel von Liquiden und Nasalen ist, solange es möglich ist,
nicht durch Kreuzung mit anderen Wörtern zu erklären, sondern
auf lautlichem Wege, also durch Assimilation und Dissimilationen.
Eine Erklärung des n oder r durch Assimilation kommt nicht
in Betracht, da ein zweites n oder r in den gegebenen Formen
nicht da ist außer in paren, in dem aber gerade der Konsonant
hinter pa- ein r und nicht ein n ist; somit bleibt die Dissimilation.
Nun bemerkt man, daß parelle, paradelo, paradella, panadelo,
panadella ein 11 aufweisen und dieser über drei rom. Sprachen
verbreiteten Form mit Z-haltigem Ausgang gegenüber wird man
die nur im Frz. vorkommenden Formen mit anderem Ausgang
wie paren, palelz für jünger halten. So kommt man auf die An-
nahme einer Dissimilation zu // und damit einer Entstehung von
n und r aus l, also auf die Grundform *palatella, in der weiterhin
-ella leicht als das bekannte Suffix abgetrennt werden kann.
Somit gelangt man durch eine systematische Erwägung zum
Stamme *palat-. Wenn man nun weiterhin bedenkt, daß die
betreffende Pflanze im Lat. mit dem Stamm *lapath- bezeichnet
wird, so hat man nebeneinander ein rom. *palat- „Ampfer" und
• in lat. lapalh- „Ampfer". Soll zwischen beiden wirklich kein
Zusammenhang bestehen? Dies ist doch höchst unwahrschein-
lich und die Ansicht, daß *palat- durch Umstellung aus lapath-
•ntstanden sei, ergibt sich geradezu mit Notwendigkeit.
Etymologisches. 153
Nunmehr seien die von Rolland, Flore populaire, IX," 169
verzeichneten frz. und prov. Formen gruppiert. Sie lassen sich
auf folgende Typen zurückführen: 1. *palatella: neuprov. paladelo
(Mistral II, 635), polodelo. Die Form wurde früher für den Typus
*palatella nicht geltend gemacht, weil sie von den Gegnern dieses
Typus zur Not durch eine freilich seltene Fernassimilation von
n oder r an das / des Suffix erklärt werden könnte. 2. *paratella:
neuprov. padarelo, paradele, paradere (im Dep. Gironde mit gask.
r für //), paradele (mit Umstellung von r und d aus paradele ent-
standen), porodelo, podorele (wieder mit Umstellung); urfrz.
*pareele, daraus einerseits durch die von Meyer-Lübke, Frz.
Gramm. I2/3, 114 besprochene Entwicklung eines Hiatus -e zu i
parielle, andererseits durch Schwund des Hiatus-e parelle, daraus
durch Suffixtausch pareille, parere in Mayenne und Vosges (viel-
leicht unter Einfluß des lautlich und als Pflanzenname nahe
stehenden parie" taire), paren (vgl. wegen des Suffixes molenc
„Königskerze" und beachte das von G. und S. a. a. 0., 24 ff.
Gesagte), pazene (aus parene mit z für r entstanden). 3. *panatella
neuprov. panadtto. 4. *parnatella (aus *paratella + *panatella) :
neuprov. pornodelo, pornozelo, pornojelo. 5. *pratella (aus *paratella
"pratum): neuprov. pradelo, prodelo. 6. *pardella: dadurch, daß
noch das Suffix-me an -ella angefügt wurde, meus. perdeline,
padeline, vosg. pet'line, auch pepline d'kpäre, poplitie (wohl mit
Angleichung des Anlauts der zweiten Silbe an den der ersten wie
in dem Pflanzennamen verveine), bez. dadurch, daß -ine für eile
eintrat, vosg. pedine, pedy'ine, pedrine (mit nochmaliger Aus-
sprache des r wie in perdrix), dann mit derselben Entwicklung
wie in popline belfort. popin-ne, poupin-ne, endlich neben dem
schon erwähnten pedrine mit anderem Ausgang vosg. pedran,
belg. padrone, pödrone, pandrone. Wie erklärt sich nun dieses
*pardella? Zunächst ist an belg. padrone das von A1F. B 1657
seitwärts mitgeteilte padrön für „patience" auf P. 191, also
in Malmedy in der Rheinprovinz anzureihen. Mit diesem
padrön haben nun schon G. und S., die ja die Identität mancher
Bezeichnungen des Ampfers und der Klette nachgewiesen haben,
a. a. 0., 7 und Anm. padrone „Klette" in Roye (Dep. Somme)
bei Rolland VII, 127 und parduna des Capitulare de villis, c. 70
verbunden. Sie wissen das p nicht zu erklären. Da nun padrone
die Klette und den Ampfer benennt, so liegt es nahe, Verschränkung
von *paratella, bez. daraus durch Erweichung des intervokalen t
entstandenen *paradella mit bardana anzunehmen. So ist das oben
angesetzte *pardella einfach *paradella + bardana. Andererseits
trat für bardana mit Ersatz des Ausgangs -ana durch -one (wohl,
wie G. und S., 7 Anm. 2 meinen, nach cardone) ein bardöne ein,
das in mozarab. bardon enthalten sein wird. Durch Verschränkung
des daneben gebliebenen bardana mit diesem neu entstandenen
*bardöne ergab sich bardona bei Diefenbach und daraus durch
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLVT. II
Skm,'slaus Klozner.
Einmischung von *paradella pardöna, das mit dem im späteren
Latein Nordfrankreichs für ö geschriebenen uH) als parduna im
Capitulare erscheint. Durch nochmalige Aussprache des r wie in
perdrix entstand aus pardona ein *pardrona, das mit dissimila-
t irischem Schwund des ersten r padrone lieferte. Nunmehr bleiben
von den durch R »Hand verzeichneten Formen nur noch folgende
übrig: paleze im Orne, mit agglutiniertem Artikel apaleze zu
M ntargis im Loiret, das auf *palatia zurückgeht, welches wieder
durch Umstellung aus *lapathia entstanden ist, pareze zu Livre
in Mayenne, das eine Verschränkung des in demselben Orte da-
neben vorhandenen schon besprochenen parene mit paleze im
benachbarten Orne ist, endlich patöle in Troyes und pataouno
im Dep. Gorreze. An diese ist zunächst petarafo „patience" an-
zureihen, das A1F. B 1657 für den P. 735, für Galmont im Dep.
Aveyron (somit nicht allzuweit vom Dep. Gorreze) verzeichnet,
weiteres nach A1F. 1 12 patarafe ebendort, pale auf P. 924, zu
Torcieu im Ain, patywä in P. 817, zu Riotord im Dep. Haute-
Loire, alle „Klette" bedeutend, auch patis „Klette" bei Mistral II,
501, ferner mehrere den Stamm pat- zeigende Benennungen der
Königskerze und des Huflattichs, die G. und S., 27 Anm. anführen.
Sie sehen darin palte „Tatze", das „zwanglos für großblättrige
Pflanzen" gebraucht worden sei. Hierin mögen sie Recht haben.
Damit ist der Stamm von patöle, pataouno erklärt. Der Ausgang
ist mir unverständlich.
Josef Bruch.
Rescapg.
In den Berichten über den Untergang der „Titanic" konnte man
für die geretteten Schiffbrüchigen oft den Ausdruck „les rescapes"
in den Tagesblättern lesen. Im Dictionnaire de l'Academie findet
sich das Wort rechapper, als familiär bezeichnet; die Beispiele weisen
darauf hin, daß es einerseits die Bedeutung hat: eine Krankheit odor
eine Gefahr glücklich überstehen, dann, als Partizip, in der Redens ai t
un rechappe de la potence vorkommt. Sachs- Villatte bringt ebenfalls
diese Bedeutungen, führt aber an, daß rechappe auch ohne den Zusatz
Galgenschwengel heißt. Dies ist wohl der Grund, warum in der Be-
deutung „geretteter Schiffbrüchiger" die pikardische Form rescape
Anklang gefunden hat. „Larousse Mensuel Illustre" bringt das Wort
in der 2. Nummer des Jahrgings 1907 und führt an, es sei ein Ausdruck
aus den Kohlenbezirken des Nordens und sei ursprünglich nur von
Bergleuten gesagt worden, die mit heiler Haut einer Gefahr entkommen
waren, später dann auch für Schiffbrüchige angewendet worden. Als
Beispiel steht dort: Les rescapes de V Jena. Jedenfalls ist die Form
rescape erst in neuester Zeit in die Schriftsprache eingedrungen, um
die lautgerechte Form zu ersetzen, die eine anrüchige Nebenbedeutung
hat.
3) Die karolingische Orthographiereform konnte sich hier nicht
geltend machen, da ein klassisch-lat. Wort nicht vorlag, das das Muster
gewesen wäre.
Etymologisches. 155
Kanton.
Damit bezeichnet man. kleine Figürchen aus Ton, bemalt, welche
zur Darstellung der Geburt Christi zu Gruppen vereinigt werden.
(Sachliches hierüber in Larousse Mensuel Illustre, 1912, No. 61, aus-
führlicher: Elzeard Rougier, Petite histoire des santons, Marseille 1910.)
Zugrunde liegt die provenzalische Form santoun, die beim Übergang
in die Schriftsprache in der Endung französisch umgeformt wurde,
während der Stamm die Umwandlung (in saint) nicht mitgemacht hat,
ohne daß sich für diese ungleiche Behandlung ein Grund angeben ließe.
Beispiele für humoristische Wörter bringt Larousse Mensuel
Illustre einige. Zunächst sei erwähnt bat-1'äne für den Müller-
knecht. Über die Bildung ist weiter nichts zu sageu, sie ist eine der
zahlreichen Imperativ-Bildungen, der Einfall ist jedenfalls bemerkens-
wert. Über die Verbreitung dieses Spottausdrucks ist nichts an-
gegeben, ebensowenig über das Alter. — Ein Fachausdruck der Schrift-
setzer ist sarrasiner, billiger arbeiten als nach dem Tarif. Die
Sarazenen werden ja in der alten Literatur als treulos und wortbrüchig
hingestellt. Die Kenntnis dieses Umstandes seitens der Schriftsetzer
ist weiter nicht auffällig, der Vergleich eines Vertragsbrüchigen mit
einem Sarazenen wirkt hier allerdings humoristisch. — Der bretonische
Soldat wird von seinen Kameraden nigousse genannt; dies wird
in der genannten Zeitschrift, Jg. 1909, Nr. 23 als Umgestaltung der
Anfangsworte eines bretonischen Liedes gedeutet: aus an ini goz ..
bildete man d la nigousse, daraus dann le nigousse.
Prag. Ladisla.us Klozner.
11*
Beiträge zu einer Geschichte
der französischen Sprache.
I. Die Aasbreitang der französischen Sprache.
Politische Verhältnisse und die kulturelle Vorherrschaft
Frankreichs haben im Mittelalter und in der neueren Zeit der
französischen Sprache über das ursprünglich auf das nördliche
Gallien beschränkte Verbreitungsgebiet hinaus einen Einfluß-
bereich von großer Ausdehnung geschaffen. Läßt sich die
Einwirkung, die sie auf verwandte und fremde Sprachen aus-
geübt hat. räumlich und zeitlich heute annähernd bestimmen,
so bedarf es, um die Intensität dieser Einwirkung im Einzelnen
festzustellen, noch zahlreicher und gründlicher Vorarbeiten.
Die nachstehenden Ausführungen wollen lediglich eine allge-
meine Orientierung über den Gegenstand bieten und streben
in keiner VN'eise eine erschöpfende Behandlung desselben an r).
') Vgl. die einschlägigen Kapitel in F. Bruuot's Histoire de la langue
frangaise I (.Paris 1905) S. 358 ff. uud in Petit de Jullevilles Histoire de la
litterature frangaise YI, 866 ff. Über die Verbreitung des Französischen in der
Gegenwart bietet im Besonderen eine von der Älliance frangaise für die
Pariser Weltausstellung vom Jahre 1H00 vorbereitete Veröffentlichung : La
langue frangaise dans le monde (Paris. Siege social de TAlliance frangaise,
1900) nützliche Angaben. Mit Unterstützung derselben Gesellschaft ver-
faßte A. Metin Notes et documents sur la langue frangaise et l'enseigne-
ment du frangais hors de France, erschienen in: Congres international pour
l'extension et la culture de la langue frangaise. Premiere Session, hinge
10—14 septembre 1905 (Paris 1906). Vgl. über die Älliance frangaise u. a.
I!. Labergerie in: Revue generul, 15 juillet 1885, S. 275— 279. Über andere
auf die Ausbreitung der französischen Sprache bedachte Organisationen:
die Älliance israelite universelle, die Föderation internationale pour l'ex-
tension et la culture de la langue frangaise, die Association flamande pour
vtdgariser la langue frangaise 's. einige Angaben bei M. Wilmotte Le fran-
gais enseigne dans le monde, in: La Revue LXXXI (1909), S. 289 ff, über
die Älliance israelite universelle außerdem *Narcisse Leven Cinquante ans
d histoire. Paris 1911 (dazu C. Z. Klötzel Dt. Levante-Zeitung VI (.1916),
6. S. 347—349.) — über das Französische als Weltsprache, seine Stellung
und Eignung als Sprache des internationalen Verkehrs vgl. u. a. : F. Balden-
sperger Comment le XVIII siede expliquait l'universalite de la langue
frangaise. in: Etudcs d'histoire litteraire, Paris 1907: Fr. Wenk Die inter-
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV -K 11
/>. Behrens.
I. Sudfrankreich.
Einen Abschnitt in der Geschichte Südfrankreicha bilden
\lbigenserkriegc im 13. Jahrhundert. Sie haben den Ver-
fall derTroubadourpoesie. das Erstarken der königlichen Zentral-
gewalt und einen verstärkten Literatur-, Kultur- und Sprach-
einfluß Nordfrankreichs auf den Süden im Gefolge. In einen
ungleichen Kampf mit der französischen Verkehrs- und Schrift-
sprache sehen wir die südfranzösischen Schwesteridiome ein-
treten, deren allmählichen Untergang auch wiederholte Wieder-
belebungsversuche nicht aufzuhalten vermögen. Die Geschichte
des Zersetzungsprozesses, der sich in den verschiedenen Gegen-
den des Sprachgebietes in verschieden raschem Tempo bis in
die Gegenwart hinein vollzieht, ist noch nicht geschrieben.
In verstärktem Maße sehen wir zunächst französische
Sprachelemente in die provenzalischen Literaturdenkmäler und
in die provenzalischen Urkunden Eingang finden'-). Französisch
abgefaßte Urkunden begegnen im 13. und 14. Jahrhundert in
Südfrankreich vereinzelt. Größere Bedeutung als Urkunden-
sprache gewinnt das Französische hier im 15. Jahrhundert, um
dann im Laufe des 16. unter Einwirkung der Verordnungen
Ludwigs XII (1510), Franz I (Villers-Cotteret 1539) und
Karls IX (1564) das Lateinische und Provenzalische nahezu
auf dem ganzen Gebiet zu verdrängen3).
nationale Stellung des Französischen. Programm d. I. deutschen Staats-
Oberrealschule in Prag 1894; F. MaMeaxL'Unioersalüe de la langue franraise.
Progres ou Regression ... in : Congres international . . . Premiere Session
Liege. 10 — 14 septembre 1905 (Paris 1906); A. Rey La langue franraise
est-elle en regression dans le monde? Causes et remedes, ib.; C. de Lollis
L' 'Universalltd della lingua francese, in: La Cultura XXVI (1907), S. 825 ff. ;
4. Furstenhoff Raisons plaidant en faveur de l'adoption du franeais comme
langue auxiliaire internationale. Conference falte an Congres international
pour l'extension et la eulture de la langue franraise, ä Arlon, le 20 — 83
septembre 1908, in: Revue de Hongrie 15 octobre 1908; I. Novicow L'ex-
pansion de la nationalite franraise. Coup d'reil sur Vavcnir. Paris 1903
(s. dazu F. Brunot Une apologie de la langue franraise, in: Rev. des deux
Mondes 1er juin 1903): J. Novicow Le Franeais langue internationale de
l'Europe. Paris 1911. — Über das Französische als Sprache des diplo-
matischen Verkehrs s. F. H. Geffken in F. von Holtzendorff Handbuch des
Völkerrechts III. S. 677—679 und vergl. Friedr. Karl Moser Abhandlung
von den Europäischen Hof- und Staatssprachen, nach deren Gebrauch im
Reden und Schreiben. Frankfurt a. M. 1750. — Weitere Literatur habe
ich in den folgenden Fußnoten verzeichnet und glaube dabei, ohne Voll-
ständigkeit anzustreben, Wichtiges nicht übersehen zu haben. Schriften,
die mir nur dem Titel nach bekannt geworden sind, wurden durch ein
Sternchen kenntlich gemacht.
*) R. Karch Die nordfranzösischen Elemente im Alt provenzalischen.
Heidelberger Dissert. 1901.
*) A. Giry Manuel diplomatique. Paris 1894 S. 466 f. — H. Aft're
Substitution du franeais au latin et au patois dans la. ridaction des actes
publics, in: Mem. de la soc. des lettre?, sciences et arts de VAvegrou XI
1 1^74—1878), S.26— 29. — Devaux Essai sur la langue rulgaire du Dauphin!'
Beiträge zu rinn- Geschichte der französischen Sprache. 159
Im 16. Jahrhundert beginnt der Süden an der Pflege der
nationalen Literatur erfolgreich sich zu betätigen. Es ver-
gehen dann noch Jahrhunderte, bis das Französische als Sprache
des täglichen Verkehrs im mündlichen Gebrauch zu allge-
meinerer Verwendung gelangte. 1661 schreibt Racine an La-
fontaine: „J'avais commenee des Lyon ä ne plus guere entendn
le langage du pays, et ä n'Stre plus intelligible moi mime. Ce
malheur s'accrut ä Valence . . . Je vous jure <ji<< fai <n<l<tnt
besam d'un interprete qu'un Moscovite en auroit besoin dans
Paris..."*) Etwa 100 Jahre später bemerkt der Abbe Sau-
vages in der Einleitung seines 1756 in Nimes erschienenen
Dictionnaire languedocien-francois, daß das Provenzalische noch
die Muttersprache nicht nur des Volkes im weiteren Sinne,
sondern ebenso der besseren Stände {honn.etes-gens) sei: ,,c'est
In premiere qui se presente, db qu'ils emploient plus volontiers,
lorsque, libres des egards qu'&n doit ä un SupSrieur, ou de l<i
gene que cause mt etranger, ils out ä traiter ävec un ami, oh
I s'entretenir famüierement dans leur domestique: le Francois,
qu'ils ne trouvent guere de mise gue dans le serieux, dement
ainsi pour In plüpart m/e langue eträngire; ils forcent nature
lors qu'ils y out recours; il est certain o« moins que s'ils n'ont
< u di' bonne heure des modeles ä suivre, des maitres pour eon-
sulter, ((■ que si avec res secours <('■ celui des bons /irres, ils ne
se sunt faits par mt long exercice mir habitude du Francois,
le tour (('■ Vexpression leur echapent; la langue du pays perce,
ißii croit parier Francois, & l'oi/ ne fait que franciser le pur
Languedocien ..." Wir dürfen hiernach in den wichtigeren Ver-
waltungs- und Verkehrszentren eine vom Provenzalischen
stark beeinflußtes Französisch annehmen, dessen man sich zu-
nächst kaum anders als im Verkehr mit Behörden und Fremden
zu bedienen pflegte.
Um einem Bedürfnis nach korrekterer Aneignung des
Französischen entgegenzukommen (pour V Instruction des Pro-
vencaux qui n'ont pas une enti&re intelligence nil'usage par fait
■drionale au moyen äge. Paris et Lyon 181)2. S. 14f. — 31. Lanusse
De l'influence du dialccte gascon sur la langue francaise. Paris 1893.
8. 107 ff. : La langue francaise en Gascogne jusqu'en 1539. — Blaue Essay
sur la Substitution du franijais au provencal ä Narbonne, in: Bull, histo-
rique et philol. 1897. — J. Anglade La Substitution du francais au langue-
docien dans un manuscrit de l'eglise. de Fournes. in : Rec. d. lang. vom.
XLII (1899). p. 179. S. ib. p. 236 — 275 (Notice sur un livre de comptes de
l'eglise de Fournes, Aude). — A. Leroux De la Substitution du francais
au tat in et au provencal ä Limoges, in: Bull, histor. et philol. 1900. —
A. Leroux L'idiorne limousin dans les chartes, les inscriptions, les chro-
niques, in: Melanges Chabaueau (Erlangen 1907), p. 437— 461. — P.Meyer
Documenta liuguistiques du midi de la France. Paris 1909, S. 172 f., 188
Anro.. 422, 482 f. — A. Leroux De Vintroduction du francais en Limousin.
Paris 1911.
') (Eueres de J. Racine p. p. P. Mesnard, Paris 1865. S. 413 f.
11*
[60 D. Behrens.
,/r In lanyue frangaise), hatte bereits 1723 Pere Sauveur- Andre
Pellas ein provenzalisch-französisches Wörterbuch erseheinen
lassen 5). In gleicher Absicht veröffentlichte der Abbe Sauvages
sein vorhin erwähntes Wörterbuch, und in der Folgezeit be-
gegnen wir Werken, deren Verfasser mehr oder weniger aus-
schließlich den gleichen praktischen Zweck verfolgen, in
wachsender Zahl 6).
Erst nachdem in den Städten die Einbürgerung des
Französischen weitere Fortschritte gemacht hatte, hat es von
hier aus zunächst in engerem, dann in weiterem Umkreise
unter der Landbevölkerung allmählich Boden gewonnen. Wie
langsam im ganzen dieser Ausbreitungsprozeß sich vollzog,
lassen gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts die Berichte er-
kennen, welche das Conventsmitglied Gregoire aus den süd-
lichen Provinzen des Landes auf seine berühmte Rundfrage
erhalten '). Selbst die auf die Sprache gerichteten Uni-
formierungsbestrebungen der Revolutionszeit 8) dürften an den
bestehenden Verhältnissen nicht allzu viel geändert haben.
Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts haben die fortschreitende
Entwickelung der Verkehrsmittel, allgemeine Dienstpflicht,
Schule und Tagespresse der weiteren Ausbreitung der fran-
zösischen Schriftsprache kräftigeren Vorschub geleistet9") und
damit die heimischen Idiome Südfrankreichs raschem gänz-
lichem Verfall preisgegeben.
*) IHctionnaire proven^al et frangois dans lequel on trouvera les mots
provenraux et quelques phrases et proverbes expliquez en francois, avec les
termes des arts liberaux et mecaniques. Avignon 1723.
*) Vgl. meine Bibliographie des patois gallo romans. 2. Aufl., Berliu
1893 (dazu Nachträge und Fortsetzung Zs. f. frz. Spr. XXV1, S. 196 ft'.).
passim. — C. Latreille et L. Vignon Les grammairiens lyonnais et le fran-
cais parle ä Lyon ä la fin du XYlIle siecle, in: Melangcs de philoloqie
Offerte ä Ferdinand Brunot, Paris 1904. S. 237 ff.
7) A. Gazier Lettres ä Gregoire sur les patois de France 1790—1794.
Documenta inedits sur la langue, les mceurs et l'etat des esprits au debut
de la Revolution, avec introduction et notes. Paris 1880. (Auch in: Rev.
d. langues romanes Bd. Vff.).
8) S. Bibliographie des pat. gallo-rom. 2. A. S. 12 f.
8) Angaben hierüber begegnen in zahlreichen von mir in der Biblioyr.
d. pat. gallo-rom. verzeichneten Schriften. Hier seien erwähnt: Bory De
I'etude de la langue frangaise ä Marseille avant la fondation de l'Academie
de cette ville, in: Memoires de l'Acad. des sc, belles-lettres et arts de
Marseille. Aunees 1858—1864. Marseille 1864. S. 177—200. — J. Gillieron
Importation indirecte du francais ä Yillard-de-Beaufort (Savoie), in : Rev.
des pat. gallo-rom. 1 (1887), p. 30—32. — Ed. Bourciez La langue gasconnr
ä Bordeaux. Notice historique (Extrait de la Monographie publiee par la
Municipalite bordelaise de Bordeaux 1892). — C'amelat L'clement etranger
dans le patois d'Arrens, canton d'Aucun (Hautes-Pyrenees), in: Bulletin
de la Soc. des parlers de France I, S. 199 — 215 (L'element francais). —
A. Dauzat Glossaire etymologique du patois de Yincelles, Introduction, in :
Rev. des langues romanes t. LVI (1913), S. 285 ff. — C. Grapengeter Die
nordfranzösischen Elemente in Mistrals Werken. Kieler Dissertation.
Berlin 1916.
Beiträgt zu einer Geschichte der französischen Sprache. 161
2. Westschweiz.
In der Westschweiz sehen wir die gleiche Entwicklung
wie in Südfrankreich sich vollziehen 10). Das Tempo, in dem
die französische Schriftsprache hier Eingang fand, ist eher ein
rascheres gewesen. Auffällig bleibt im besonderen, daß, so-
weit es sich heute beurteilen läßt, als Urkundensprache auf
dem ganzen Gebiet das Latein vom Französischen direkt ab-
gelöst wurde ll). Durch die Reformation erfuhr hier die Aus-
breitung des Französischen eine sehr wesentliche Förderung,
wenn auch J. J. Scaliger, der 1572 — 1.574 an der von Calvin
gegründeten Akademie wirkte, bemerkt, daß es zu seiner Zeit
noch streng verpönt gewesen, sich desselben im Genfer Senat
zu bedienen l2).
Im 17. Jahrhundert kommen Fremde aller Herrn Länder,
darunter zahlreiche Vertreter des hohen Adels, nach Genf,
die außer der Schule Calvins der Wunsch, im Gebrauch der
französischen Sprache sich zu vervollkommnen, dorthin zog.
Die Aufhebung des Edicts von Nantes (1685) brachte einen
neuen Zustrom französischer Emigranten, die ihrerseits zur
Verbreitung des Französischen beigetragen haben 13).
Nachdem etwa seit der Mitte und dem Ausgang des
18. Jahrhunderts die französische Schriftsprache in den größeren
Städten die heimischen Mundarten verdrängt hatte, hat die-
selbe im Laufe des 19. rasch auch außerhalb derselben an
Boden gewonnen, in protestantischen Gegenden früher als in
katholischen, in den Industriebezirken früher als unter der
ackerbautreibenden Bevölkerung, in der Ebene früher als in
den höher gelegenen Distrikten.
An der Pflege der französischen Literatur hat sich die
") L. Gauchat Langue et patois de la Suisse Romande (Article ex-
trait du „Dictionnaire geographique de la Suisse"), Xeuchatel 1907 (mit
bibliographischen Angaben). — E. Muret Les patois de la Suisse romande.
Extrait de la Bibliotheque universelle et Revue suisse. Lausanne 1909.
u) s. die einschlägige Literatur bei Gauchat l. e. S. 6.
,2) Scaligerana ou bon mots, rencontres agreables et remarques judi-
cieuses & sravantes de J. Scaliger. Cologne 1695, p. 329 s. v. Langue Fran-
raise: „A Geneve de mon temps celui-lä eust paye Taniande, qui eust parle
Frangois au Senat, il falloit parier Savoyard". Eng. Ritter bemerkt dazu
Mhnoires et documents p. p. la societe d'hist. et d'archeol. de Geneve XIX
(1877), p. 58: „II ne faut pas trop presser Tassertion de Scaliger: celui-lä
eut paye Tarnende . . . ; on ne connait rien qui confirme ce dire. Vgl. da-
gegen die von G. Steinhausen Zs. f. vgl. Litteraturg. X. F. VII, 366 erwähnte
Klage Lampenbergs, wonach er in Genf im Jahre 1586 nicht ordentlich
Französisch habe lernen können „cum inaxima pars Germanica, alia Sabau-
diaca aut Gavotica lingua utuntur, vix unus atque alter minister inveniatur
qui pure loquatur gallice".
") Ch. Borgeaud Histoire de l'universite de Geneve. Geneve 1900.
S. 439 ff.
L62 V. Behrens.
Westschweiz in hervorragender Weise beteiligt l4), wahrend
sie nur eine sehr bescheidene Dialektliteratur IS) aufzuweisen
hat. Um den korrekten Gebrauch der Reichssprache unter
Fernhaltung mundartlicher Beimischung zu fördern, hatte 1691
der Genfer Franoois Poulain de la Barre einen Essai des re-
marques particulieres sur lu langue francoise pour la ville de
Genive erscheinen lassen16). Mit dem 19. Jahrhundert beginnt
eine Reihe von Veröffentlichungen, die in mehr oder weniger
ausgesprochener Weise den gleichen Zweck verfolgen l7).
Heute besteht neben einer puristischen eine ausgesprochen
antipuristische Strömung, deren Vertreter auf keinen Geringeren
als J. J. Rousseau sich berufen können l8).
3. Italien.
Französischer Spracheinfluß macht sich in Italien zuerst
im Mittelalter geltend 19). Derselbe war in Süditalien und
Sizilien die Folge politischer Verhältnisse, die durch die
normannische Eroberung im 11. Jahrhundert eingeleitet wur-
den 20). Stärker war der Einfluß, der in Norditalien von
französischen Sängern und Spielleuten ausging, die im Gefolge
der Rompilger dorthin kamen. Zeugnisse sind vorhanden,
daß seit der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts Stoffe der
Karls- und Artussage hier bekannt waren. Aus der zweiten
Hälfte des 13. und aus dem 14. Jahrhundert sind zahlreiche
Abschriften und Umdichtungen französischer Vorlagen in einer
Art franko-italienischer, mit mehr oder weniger starkem
italienischem Einschlag versehenen Kunstsprache erhalten, die
u) V. Rössel Histoire de la litterature francäise hors de France
Lausanne 1895. S. 32—158.
") L. Gauchat et J. Jeanjaquet Bibliographie linguistique de la Suisse
Romande. T. I. Xeuchatel 1912. S. 71 ff. u. 253 ff. : Litterature patoise.
18) Vgl. Cb. Borgeaud l. c. S. 445.
17j Vgl. meine Bibliographie des patois gallo-romans. "± Aufl., Berlin
1893, S. 135ff. die Arbeiten von Gaudy-Lefort, Develey, J. Humbert, Bon-
höte. L. Grangier, W. Pludhun u. a.
18) A. Fraiif-ois Les provincialismes suisses romands et savoyards de
J.-J. Rousseau, in: Annales de la Societe Jean-Jacques Rousseau 111 (1907),
P- 1—67. — G.Wißler Das schweizerische Volksfranzösisch, in: Rom. Forsch.
XXVn, 3 (1910), S. 690-851.
") P.Meyer, De l'expansion de la langue francaise en Italie pendani
le Moyen-age in Atti del congresso internazionale di scienze storiche (Roma,
1—9 April'e 1903). Vol. III, Roma 1906, S. 64-104. — Francesco Noyati,
Attraverso ü Medio Evo. Bari 1905. S. 255 — 365: I codici francesi dei
Gonzaga. — J. Bedier Les chansons de geste et les routes d' Italic in:
Romania XXXVI. XXXV1T.
20) F. Chalandon, Histoire de la domination normande en Italie et
en Sicile. 2 vol. Paris 1907. — G. Pitr6 Le tradizioni cavalleresche i>opo-
lari in Sicilia. in: Romania XIII, 315—398. — G. Bertoni L' imitazione
francese neipoeti meridionali della scuola poetica sicüiana, in: Rom. Forsch.
XXIII, 819-824.
Beiträge zu einer Geschichte der französischen Sprache. 163
•auch in Ibertragungen aus anderen als der französischen
Sprache und in Originalwerken verwendet worden ist21). Eine
besondere Stellung nimmt Piemont ein. das Amphibienland
(jjaese anfibio), wie es Alfieri später getauft hat'-2), wo politisch-
dynastische und wirtschaftliche Verhältnisse früh in besonderem
Maße den Einfluß des Französischen begünstigt haben.
Ein erneuter starker Spracheinfluß Frankreichs auf Italien
beginnt im 17. Jahrhundert als Begleiterscheinung einer neuen
französischen aristokratischen Gesellschaftskultur, die selbst
von der italienischen Renaissancekultur beeinflußt nun in
breitem Strom über einen großen Teil Europas sich ergoß23).
Der Beginn dieser Bewegung fällt für Italien mitten in eine
Periode literarischen und politischen Verfalls, wodurch ihre
Ausbreitung begünstigt wurde. In einem vom 6. Juli 1681
aus Florenz datierten Briefe an den Grafen Carlo de' Dottori
bemerkt Francesco Redi zur Aussprache des Wortes parruca,
daß einige affektierte junge Leute (giovanotti leziosi) perruca
aussprechen, um dem französischen Ursprung näher zu kommen,
da ihnen alles "Widerwillen bereite, was nicht aus Frankreich
stamme und nicht einen französischen Beigeschmack habe
(imperroche f<< loro nausea qualsisia cosa} che non venga della
Francia, e quel höh odori di franzese2*). Antonio Vallisnieri
(1661—1730), Professor an der Universität Padua, der in
einem langen Schreiben an seinen Freund Allemandro Pegalotti
für den Gebrauch eines reinen Italienisch an Stelle des
Lateinischen eintritt (che ogni Italiano debba scrivere in Lin-
gua purgata Ttaliana, <> Toscana, per debito, per giustizia, e per
") A. Mussana, Alt französische Gedichte aus venezianischen Sand-
schriften. Wien 1864. — A. Keller, Die Sprache des Venezianer Roland
V4. Straßb. Diss. 1884. — W. Meyer|-Lübke] Frankoitalienische Studien,
in Zs. f. rom. Phil. IX (1885) 597 — (540, X (1886) 22-55, 363-410. —
P. Rajna Frammenti di redazioni italiane del Buovo d'Antona, in Zs. f.
rom. Phil. XI (1887) 153—184. — H. Wähle Die Pharsale des Nicolas von
Verona. Marburg 1888. — H.Wable Die Syntax in den franco-italieni sehen
Dichtungen des Nicolas von Verona. Progr. Magdeburg 1890. — A. Todt
I>ie franco-italienischen lienartbranchen. Giessener Diss. 1903. — G. Bei-
toni Attila, poema franco-italiano di Nicola da Casola. Friburgo 1907
| Collectanea Friburgensia. X. S. fasc. IX]. — Fr. Mainone Laut- und Formen-
lehre in der Berliner franho-venezianischen Chanson de geste von Huov
d'Auvergne (Erster Teil: Reimprüfung und Lautlehre). Greifswalder Diss.
1911. — H.Schneider Die Sprache des Nicolas von Verona. Heidelberger
Dissert. 1911. — A. Thomas UEntree d'Espagne, chanson de geste franco-
italienne. 2 vol. Paris 1913 [Soc. des anciens textes].
22) Vita di Vittorio Alfieri scritta da esso. Epoca terza. Cap. primo
(Edizione stereotipa. Milano 1874, p. 72).
'i3) G. Maugain. Etüde sur Devolution intellectuelle de VItalie de 165?
ä 1750 environ. Paris 1909. p. 354ft'. : La diffusum de la litteratvre et de
la langue fram-aises en Italic ä la fin du XVII« svcle et dans lapremiere
moitie du XV IIP.
2*) Opere di Francesco Itedi. Vol. quinto, Milano 1811, p. 126.
164 Ü. Behrens.
decoro della nostra Halia), klagt, daß viele seiner Landsleute-
nicht nur auf französische Art sich kleiden, speisen, ihre
Zimmer möblieren, ihre Häuser schmücken, ihre Gärten und
Villen anlegen, sondern alle Gebräuche der Franzosen sich
aneignen und deren Sprache reden und schreiben wollen,
während sie in der eigenen nur zu stammeln und zu schmieren
verstehen (nun sapendo, che balbettare, <■ scarobocchiar Hella
nostra 25). Das ganze 18. Jahrhundert hindurch, bis in das
19. hinein ist dann in Italien die Frage des französischen
Spracheinflusses immer von neuem erörtert worden. Sehr
nachdrücklich tritt 1740 ein Mitglied der in Siena begründeten
Akademie der Intronati 26) in einer Schrift über die Unter-
weisung der Frauen dem Überhandnehmen des französischen
Literatur- und Spracheinflusses entgegen2'). 1747 verhöhnt
der Yeroneser Scipione Maffei, Mitglied der Akademie der
Arkadier. die Gallomanen in einem Lustspiel // Raguet,
womit diejenigen Leute bezeichnet wurden, die ein italienisch-
französisches Kauderwelsch redeten.
Die Bestrebungen einzelner Schriftsteller, die italienische
Sprache vor der Verunstaltung durch Gallicismen zu schützen,
haben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ebensowenig
wie in der ersten einen nennenswerten unmittelbaren Erfolg
gehabt. Die Französierung machte vielmehr weitere Fort-
schritte. Die Übersetzungen aus dem Französischen mehrten
sich und mehr als je bedienten sich italienische Schriftsteller
in ihren Veröffentlichungen der französischen Sprache28).
") Opere fisico-mediche stampate e manoxcritte del Kavalier Antonio
Vallisnieri. Tomo III, Venezia 1733, p. 257.
") Vgl. über dieselbe Max J. Wolff Die Intronati von Siena. in
Münchener Museum II, 53—78.
27) Trattato degli studj delle donne. in due parti diviso, opera d'un:
Accademico Intronato. Parte seconda, Venezia 1740. p. 41 : ... Imperciocche
negl'Italiani ragiouanienti, volendo parere di sapere a fondo l'idiouia Francese.
mescola colle piu stacciate, ed approvate parole, le raglierie, il vengo di
füre, il darmi l'ouore, Yadresse. Vamuser, et taute altre parole, ed espres-
sioni straniere, ch'e da temere. cbe bei bello. siccome a' Romain ne' tempi
di Giulio Cesare nel buon Latino accadde, si corrompa il nostro parolajo
Italiano; ed i piu attaccati alle sante leggi, o decisioui della Crnsca, e i
direttori stessi di quel grande autorevolissimo Imperio. abbiauo a rimettere
di lor severitä e durezza, e diventar difensori, se nou introduttori delle
parole strauiere. E nnalmente, il che sarebbe cosa peggiore, che cou la
privata atfezione a frullou battente dal pieno Seuato Oruscajo queste pelle-
grine parole non si approvino ... und ib. p. 43: Si danuo tutte al genio
di libri Francesi, al gusto Francese, al parlar Francese. al pensar e giudicar
Francese, tutto saper nell' abrege Francese, volendo per liuo imparare il
Catechismo. ed ogn'altra istruzione Cristiaua in liiigua Francese. e pregare,
e parlare ancora, se sia possibile con Dio istesso in questa istessa, per altro
nobile e bella lingua.
") Ch. Dejob. Müdes sur la tragedie. Paris s. d. p. 107 ff. : La tra-
gedie irancaise en Italie et la tragedie italienne en France aux XVlIIe et
XIXe siecles. — Eug. Bouvy, Voltaire et V Italic. Paris 1898, p. 1-36:
Voltaire et la langue italienne.
Heiträge zu einer GeschichU der französischen Sprache. 165
Bezeichnend ist, daß ein Autor wie Graf Francesco Algarotti,
dem eine besondere Vorliebe für französische Eigenart durchaus
nicht zum Vorwurf gemacht werden kann und der in einem
Briefe an Antonio Nicolini aus dem Jahre 1763 29) den Gallicis-
mus in der Sprache nachdrücklich rügt, sich selbst dem
französischen Spracheinfluß nicht hat entziehen können,
bezeichnend auch, daß es an Neuerern nicht fehlte, die es
offen billigten, mit den fremden Ideen jedesmal auch die fremden
Ausdrücke dafür zu übernehmen. Am weitesten in dieser
Richtung gingen die Mailänder Encyklopädisten, die um
Beccaria und die beiden Verri sich gruppierten und ihre
Theorien im besonderen in der von ihnen begründeten Zeit-
schrift // Caffe (Brescia und Venedig 1765 — 1766) ver-
fochten 30). Feierlich und förmlich (avanti il Notajo) lassen
die Schriftsteller des ( 'affi durch Allessandro Verri an das
Wörterbuch der Crusca eine Absage formulieren, worin sie
jede Bevormundung in der Wahl der Ausdrucksmittel für
ihre Gedanken energisch zurückweisen und im besondern auch
in bezug auf die Verwendung des Fremdwortes sich völlige
Freiheit wahren31). Eine weniger extreme Richtung vertritt
unter den Neologen der Paduaner Melchiore Cesarotti, der
1785 in seinem Versuch über die Philosophie der Sprache
gegen diejenigen sich wendet, die zwecklos die Muttersprache
französieren (che vanno tiitto gwrno infrancesando ht lingua
italiano senza proposito), es aber gleichzeitig seltsam und
lächerlich findet, Entlehnungen aus dem Französischen dann
zu verschmähen, wenn für einen Gedanken ein italienischer
Ausdruck nicht zur Verfügung stehe, dagegen (was oft der
Fall sei) ein völlig passender französischer sich finde32).
Andere verhielten sich dem Gallicismus in der Sprache gegen-
über ablehnend. So Bettinelli aus Mantua, der zwar eine
Herübernahme fremder, insbesondere französischer Wörter
nicht in jedem einzelnen Falle für unstatthaft erklärt33), im
übrigen aber mit Entrüstung die Sprachmenger, die er als
*•) AI signor marcliese abate Antonio Xiccolini, a Fuligno : Sulla ne-
cessitä di arrichire di voci toscane il Dizionario della Crusca (Opere scelte
-li Francesco Algarotti. Vol. III. Milano 1832, p. 470 ff.). — Ida Frances
Treat Uu cosmopolite Italien du XYIlfc sii-cle, Francesco Algarotti. Tre-
1913.
80) Eug. Bouvy, Le Vomte Pietro Verri (17X8— 1797), ses idees et son
temps. Paris 1889. — Eug. Laudry Cesare Beccaria. Scritti e ledere in-
editi, raccolti ed illustrati. Milano* 1910.
") II Caffe o sia brevi e varj discorsi gia' distribuiti in fogli perio-
dici. seconda edizione. Tomo I, Venezia 176H. p. 47 ff.
32) Sagqi mala filosofia delle lingue e del gusto di Melchior Cesarotti.
Milano 1831 {Opere scelte di Melchior Cesarotti Vol. IV), Parte III, Cap. 13 :
hitroduzione dei termini francesi. Eine eingehende Analyse von C's
*aggi gibt H. Breitiuger Das Stadium d. Italienischen. Zürich 1879, pg. 3(3 ff.
S3) Sopra lo studio delle belle lettere e sul gusto moderno di quelle
(8. Bouvy Voltaire et Vltalie p. 32).
166 I>. Behrens.
Fripponi armati di stranier mmaggio
A culbutar tutto il buon linyuaggio 3*)
bezeichnet, zurückweist. Als 1783 die Akademie der Wissen-
schaften zu Mantua die Preisfrage stellte: Wie der gegen-
wärtige Geschmack Italiens in den schönen Wissenschaften
beschaffen, und falls er verderbt sei, durch welche Mittel er
verbessert werden könne? gingen drei (des Preises sämtlich
nicht für würdig befundene) Bewerbungsschriften ein. deren
Verfasser, die Lombarden G.-B. Velo 35), M. Borsa 36j und
I. Pindemonte 37), zu dem übereinstimmenden Ergebnis ge-
langen, daß sich unter französischem Einfluß „in den Stil der
meisten italienischen Schriftsteller ein mehr oder weniger
unechter Geschmack allmählich eingeschlichen, welcher haupt-
sächlich in einem allzu sorgfältigen Bestreben nach witzigen
und schwülstigen Ausdrücken, nach fremden Formen, und
nach dem Schein eines philosophischen Geistes bestehe".
„Es würde unverzeihlich sein", schreibt Pindemonte 38), „wenn
wir eine so reiche, so schöne und so ausdrucksvolle Sprache,
wie die unsere ist, verwildern und verderben ließen. Wir
würden uns den häßlichen Vorwurf des Cicero zuziehen,
welcher denjenigen, der seine eigene Sprache nicht in seiner
Gewalt hat, nicht nur des Namens eines Redners, sondern
auch eines Menschen unwürdig achtet". Das Lesen fremder
Bücher, so meint er weiter, schade an sich nichts, könne
denen, die neben der Vollkommenheit der Sprache auch ein
feines L^rteilsvermögen besitzen, sogar nützen. Dieselben
müßten aber im Stande sein, die fremden Wörter und Formen
in die Substanz und Eigenart ihrer Sprache zu verwandeln,
nicht aber glauben, die Grazien könnten unverändert eine
andere Sprache reden und, ohne sich umzukleiden, sowohl an
der Seine als am Arno gefallen. L^nter denen, die ein starkes
nationales Empfinden in ihrem Kampfe gegen den französischen
Spracheinfluß leitete, steht in erster Linie Vittorio Alfieri.
a*) Le Raccoltc, cauto II. ott. 2M (hier zitiert nach Bouvy l. c. pg. 31).
") [G.-B. Velo] 11 carattere nazionale del gusto italiano, e di certo
gusto dominante in letteratura straniera. Vicenza 1786. — Vom selben
Verfasser: Sulla preminenza di alcune lingue e sull' autorita degli scrittori
approvati e di grammatici. Vicenza 1789.
") Matteo Borsa Del gusto presente in letteratura italiana . . . «lata
in luce e accompagnata da copiose Osservazioni relative al medesimo argu-
menta da Stefano Arteaga [1784].
") I. Pindemonte, Qual aia presentemente il gusto delle Belle- Letter e
in Italia, e come possa restituirsi se in parte depravato. Milano 1783. —
Des Ritters I. Pindemonte Abhandlung über den ^gegenwärtigen Geschmack
der Italiener in den schönen Wissenschaften. Übersetzt, und durch An-
merkungen erläutert, von C. J. .lagemann. Halle 1788.
'*) Hier zitiert nach Jagemann's Übersetzung.
Beiträge zu einer Geschichte der französischen Sprache. 167
Derselbe berichtet aus seiner Jugendzeit (1766), daß er als
Piemontese weniger Italienisch als Französisch, und auch dieses
nur mangelhaft verstanden, das Wenige aber, das er in
seinem armen Köpfchen damals etwa gedacht und geformt,
sei in französische Lumpen gehüllt gewesen 39). Zehn Jahre
später (1776) reiste er dann, um sich zu „entfranzösierena,
auf ein halbes Jahr in die Toskana, eine Zeitspanne, die sich
ihm als nicht ausreichend erwies, um eine traurige Gewohn-
heit von zehn und mehr Jahren zu vernichten (ma sei mesi
mm disfanno una trista abitudine <li dieci <■ piü <n>nii0). In
Alfieri's Misogallo fand der Franzosenhaß im 18. Jahrhundert
seinen stärksten Ausdruck. Neben Alfieri verdient dessen als
Schriftsteller weniger berühmter Landsmann Galeano Napioni
hier besondere Erwähnung, der in seinem 1791 erschienenen
umfangreichen Hauptwerk über den Gebrauch und die Vorzüge
der italienischen Sprache aus warmem patriotischem Empfinden
heraus gegen den französischen Literatur- und Spracheintiuß
sich wendet41).
Die französische Eroberung (1796 — 1800) und die napoleo-
nische Herrschaft (1800 — 1814) hatten zunächst eine weitere
Steigerung des französischen Spracheinflusses in Italien zur
Folge. Abgesehen davon, daß jetzt Italien mehr noch als
zuvor von französischer Literatur überschwemmt wurde und
französische Truppen ins Land kamen, wurde durch die
Gesetzgebung und die Leitung der Presse auf die Anwendung
der französichen Sprache eingewirkt42). Unter den Schrift-
stellern, die für den Gebrauch des Französischen in Italien
in jener Zeit eingetreten sind, ist Carlo Denina besonders zu
nennen. Ist er auch, so weit ich sehe, niemals so weit
gegangen, wie mehrfach angenommen worden ist, allgemein
die italienische Prosa durch die französische ersetzen zu wollen,
so hat er doch 1803 seinen piemontesischen Landsleuten allen
Ernstes einen dahin gehenden Vorschlag gemacht 43). Im
*•) Vita (s. obeu Amn. 22) III, 1, pg. 72.
40) Vita IV, 2, pg. 176.
41) Dell' uso, e dei pregj della lingua italiana libri tre. Torino 1791.
Vol. I, p. 153f. : Xon pochi Italiani resteramio meravigliati dal mostrar che
fa l'Abate Cesarotti di risguardar come inseparabili in Italia il genio filo-
sofico. la coltura delle scienze, ed il Francesismo (Saggio aopra la lingua
italiana p. 157, e p. 118). A nie pare, che il nulla abbia prodotto, che il
Francesismo, vale a dire una ridicola, e dannosa iniitazione di lingua, e di
costumi stranieri .... Qual e lo scrittore di poesia veramente celebre, che
abbia affettato il Francesismo ? . . .
*2) P. Hazard, Im revolution francaise et lex lettres üaliennes 1789—
1815. Paris 1910.
*ä) [Carlo Denina] DelV Uso della Lingua Francese, discorso in forma
di lettera diretto ad un letterato Piemontese. Berlino 1803, pg. 14: Ma
che penserete voi e i vostri compagui e colleghi, quando udirete che la
lüg J>. Behrens.
allgemeinen läßt sich feststellen, daß bei den italienischen
Schriftstellern der Zeit, wie sie auch über die „Lingua illustre"
sonst denken mochten 4"M, von ganz vereinzelten Ausnahmen
wie Denina abgesehen, in bezug auf die Reinhaltung der Sprache
von Gallicismen Einmütigkeit herrschte. Die Fremdherrschaft
hat eine Kräftigung des nationalen Gedankens in Italien
bewirkt und so in nachhaltiger Weise die im Laufe des
19. -Jahrhunderts erfolgte Befreiung vom französischen Sprach-
joch vorbereitet. Vincenzo Monti45) und Ugo Foscolo46)
erklären sich gegen die Aufnahme von Gallicismen. Selbst
Allessandro Verri ändert jetzt gründlich seine Meinung47).
Denina's Landsmann M. Carlo Vidua tritt nachdrücklich für
den Gebrauch der italienischen Sprache ein 48) und M. Paroletti
warnt diejenigen, welche Französisch und Italienisch neben-
einander zu schreiben und zu sprechen genötigt seien, eine
Vermischung beider Idiome eintreten zu lassen49). Mit großem
Nachdruck hat unter vielen anderen auch der Abbate Antonio
Cesari aus Verona den Gallicismus in der Sprache bekämpft50).
povertä iiresupposta deila lingua francese debb'essere per li Piemontesi an
maggior niotivo di preferirla all" Italiana per uso di parlare, e di scriver
libri istruttivi, storici, politici, morali e dilettevoli in buona prosa? Eppur
non e dubbio che cotesta copia di voci significanti la stessissima cosa ei e
piu d' impaccio che di commodo, salvo nel compor versi e far rime, o in
•jualche discorso d'apparato e di pompa, dove non si eerca gxan precisione.
**) Vgl. u. a. V. Vivaldi Storia delle controversie intorno alla nostra
lingua. Catanzaro 1894—1898, 3 voll. — N. Caix Die Streitfrage über die
italienische Sprache in: Italia, hrsgb. von K. Hillebrand. III (Leipzig 1876)
pg. 121 ff. — Francesco d' Ovidio Le correzioni ai Promessi Sposi e la
guestione dtlla lingua. Quarta edizione. Xapoli 1905.
") Monti, Lezioni di eloquenza, I. II (op. t. V, p. 280). Hier zitiert
nach P. Hazard l. c. pg. 324. Anni.
1S) Prose e poesie edite ed inedite di Ugo Foscolo ordinate da Luigi
Carrer. Venezia 1842, p. 343 ff.: Frammenti di Lezioni di Eloquenza. Vgl.
ib. p. 279 ff. Foscolo's Bemerkungen zu Giuseppe Marocco's Kloqio funebre
di Pietro Tenlie.
*7) I quattro libri di Senofoute . . . nuova traduzione dal greco, di
M. A. diacomelli; con note e variazioni di Alessandro Verri. Brescia 180H.
Hier citiert nach P. Hazard /. c. pg. 334. 538.
**) Lette re del Coute Carlo Vidua pubblicate da Cesare Balbo. Toiuo I,
Torino 1834: Libro I. 5 al Sig. Luigi Provana (24 agosto 1806) und ib. öl
al Sig. Cesare Balbo (12 iuglio 1810).
*•) Modeste Paroletti, Discours sur le car acter e et l'etude des deux
lang ues Vitalienne et la francaise in : Memoire» de l'Ac. Imper. des sciences,
litte rature et beaux-arts de Turin. Litterature et beaux-arts. T. IV, Turin
1811, S. 473 ff.
50) Tocabidario degli Accademici della Crusca, oltre le giunte fatteci
finora, cresciuto d'assai migliaja di Voci de' classici, le piü trovate da Vero-
nesi; didicato a S. A. imperiale il principe Eugenio. vice-re d'Italia. Tomo
primo A-B. Verona 1806, in-4°. — Dissertazione sqpra lo stato presente
della lingua italiana scritta da Antonio Cesari dell' oratorio di Verona, sozio
ordinario dell* Accademia italiana di scienze, lettere ed arti coronata dalla
Beiträge zu einer Geschichte der französischen Sprache. 169
Was aber in diesem Zusammenhange noch besonders be-
merkenswert erscheint, in dem Großherzogtum Toskana machte
sogar die französische Regierung dem italienischen Volks-
empfinden das weitgehende Zugeständnis, für die Reinheit
der Sprache einzutreten51). Unter dem 9. April des Jahres
1809 verfügte Napoleon durch besonderes Dekret nicht nur,
■daß in den Gerichtsverhandlungen, den Notariatsakten und
sonst neben der französischen die italienische Sprache ver-
wendet werden dürfe, sondern auch, daß ein jährlicher Preis
von 500 Napoleonsd'or für diejenigen Schriftsteller ausgesetzt
werde, deren Werke am wirksamsten zur Reinhaltung der
italienischen Sprache beitragen. In einem Dekret vom
13. Januar 1810 wurden hierzu besondere Ausführungsbe-
stimmungen gegeben, und in einem solchen vom 19. Januar 1811
die Akademie der Crusca wiederhergestellt.
Ward so der Einfluß der französischen Sprache in der
napoleonischen Zeit im ganzen wirksam zurückgedämmt, so
hat sich dieselbe gleichwohl noch lange in Italien großer Ver-
breitung erfreut und ist die einzige im Lande gepflegte Fremd-
sprache geblieben, bis ihr gegen Ende des 19. Jahrhunderts
im Englischen und Deutschen ernsthafte Konkurrenten ent-
standen sind ,2).
Über das umfangreiche französische Sprachmaterial, das
im Mittelalter und in der Neuzeit in das Italienische, sei es
in die Mundarten oder in die Schriftsprache Eingang gefunden
hat, fehlt zur Zeit noch eine eingehende wissenschaftliche
Untersuchung 5S).
4. Spanien.
Mannigfache Beziehungen zu Frankreich haben auch hier
bereits im Mittelalter die Aufnahme französischen Lehnguts
in die Sprache bewirkt. Französische Ritter, die den Spaniern
stessa Accademia il 14 Dicembre 1809 {Biblioteca di opere classiche antiche
>: moderne. Yeiiezia 1832). — Le Grazie, dialogo di Antonio Cesari, che
compie la dissertazione sopra la lingua italiana coronata della stessa Acca-
demia il 14 Dicembre 1809 (Biblioteca di opere class. antiche e moderne.
Venezia 1832.)
") Vgl. P. Hazard (s. oben Anm. 42) pg. 317 ff.
51) Ch. Dejob La langue francaise en Italic in: La langue francaise
dans le monde (s. oben Anm. Ij p. 61 ff.
") Vgl. W. Meyer-Lübke Italienische Grammatik passini ; G. Flechia
Arch.glott. ital. III, 33 A., 322 A. 1, 340 f. ; C. Avolio Introduzione allo studio
del dialetto siciliano, Xoto 1882, pg. 49 ff. ; C. Allario I principali francesismi
da eritarsi nella Hngua parlata e scritta. Torino 1879; über einige frühe
Entlehnungen s. auch W. Brückner Sprache der Langobarden pg. 6. 8,
Charakteristik der germ. Elemente im Ital. pg. 28 ff. und Zs. f. rom. Phil.
XXIV (1900), pg. 68 A.. 69, 70, 74: ältere Arbeiten verzeichnet P.Viani
Dizionario di pretesi francesismi. Vol. I (Firenze 1858) p. LlXf.
L70 D. Behrens.
in den endlosen Kämpfen gegen die Mauren Hilfe brachten 5i),
sind zum Teil jenseits der Pyrenäen dauernd seßhaft ge-
worden. Der Hof Alphons VI (1072 — 1109), dessen zweite
(Gemahlin, Constanza, aus Frankreich stammte, war fast ganz
französisch. Französische Wallfahrer pilgerten jahraus jahrein
in großen Scharen nach Santiago de Compostela. Eine von
Cluni, später von Citeaux ausgehende Klosterreform hatte die
Hesiedelung spanischer Klöster mit französischen Mönchen
zur Folge 5i). Durch Yermittelung französischer Spielleute und
Geistlicher hat die altspanische Literatur auf den verschieden-
sten Gebieten den Einfluß der französischen erfahren. Erst
als gegen Ausgang des Mittelalters im geistigen Leben Europas
Italien die Führung übernommen, ist durch politisch-dynastische
Beziehungen besonders begünstigt in Spanien an die Stelle
des französischen Einflusses der italienische getreten. Es folgt
die Hochblüte nationaler Literatur unter den Habsburgern
im 16. und 17. Jahrhundert, nachdem eine durch die Eroberung
Granada's und die Erschließung einer neuen Welt eingeleitete
gewaltige politische Machtentfaltung eine außerordentliche
Steigerung aller kulturellen Kräfte der Nation bewirkt hatte.
Ward so von etwa 1400 bis 1700 der französische Sprach-
einfluß in Spanien stark zurückgedrängt, so wäre es zu weit
gegangen, ihn für diesen Zeitraum gänzlich in Abrede stellen
zu wollen. Mit der Einführung der burgundischen Hofordnung
unter Karl I. (1516 — 1556) wurden eine Anzahl französischer
Ausdrücke für Hofchargen übernommen 56). Philipps II.
1 1556 — 1598) dritte Gemahlin, Elisabeth von Yalois, brachte
bei Hof das Französische zu solchem Ansehen, daß Baltasar
Sotomayor 1565 für diejenigen, die bei Hof verkehrten, eine
französische Grammatik 5r) herauszugeben sich entschloß,
il) Vgl. G. Baist in: Gröbers Grundriß II, 2 (1897), S. 386.
") E. Sackur Die Cluniacenser II. Halle a. S. 1894, S. 101-113: Die
* 'lnniacenser in Spanien.
") A. Rodriguez Villa Etiquetas de la casa de Austritt. Madrid [1875 1. —
Barthelemy Joly Voyage en Espagne (1603—1604), hrsgb. v. L. Barrau-De-
higo in: Revue HispaniqueXX (1909), S. 559f. — Gregorio Mayans i Siscär
Origines de la langxia espanola. Madrid 1737. S. 98.
*7) Grammatica con reglas mvy prouechosas y uecessarias para aprender
a leer y escrinir la leugua Francese . . . S. den vollständigen Titel bei El
Conde de la Vifiaza Uiblioteca hiatorica de la filologia castellana (Madrid
1893), Nr. 164<). Ein von Vifiaza mitgeteilter Passus der Widmung des
Bnches gibt über dessen Zweck beachtenswerten Aufschluß : „Dos [lenguajes]
principalmente me parece que solos mäs necesarios, italiano y frances;
porque de lo uno hay muchas regiones que reconocen nuestros ceptros, a
euya causa la corte estä siempre acompanada dellos; y lo otro con el feli-
cissimo matrimonio de Ja Reina nuestra senora es tanta la counmicacion
que hay, y que se espera que .sieinpre habrä, que quien de acqui adelante
no supiere frances, le faltarä mucha parte de la que el buen Cortesano
üebe tener; pues uno de los mayores entretenimientos que entre ellos hay
es el trato que con las damas se tiene, de las cuales muchas son francesas."
Beiträgt zu einer GeschichU der französischen Sprache. 171
wahrend Liario ö Ledel im gleichen Jahr und wohl für den
gleichen Benutzerkreis ein französisch-spanisches ]'<»(fl/til<<r/o5S)
hat erscheinen lassen. Im 17. Jahrhundert mehren sich die
für Spanien bestimmten Hilfsmittel zum Studium des Fran-
zösischen. So veröffentlicht 1624 Diego de la Encarnacion
(Diego de Cisneros) eine Gramdtica fr<ht<<*<< en < */></?<<>/, die
1635 eine zweite Auflage erlebte 59). 1647 wurde Sotomayors
Grammatik in Barcelona wie es scheint neu herausgegeben 60).
1666 ließ Labresier de la Puente für die Söhne der Vornehmen
und des Adels Paralelos de las tres Lenguas ( 'astellana, Fran-
cesa ' Ttaliana erscheinen mit einem Widmungsschreiben an
die Caballeros >h In primerä Nöbleza </>■ la Corte de Madrid91).
Bemerkenswert ist auch, daß, während im 17. Jahrhundert
die spanische Literatur in besonders starkem Maße die fran-
zösische beeinflußte, gleichzeitig, wenn auch zunächst in be-
scheidenem Umfange, die französische Literatur von neuem
auf die spanische befruchtend einzuwirken angefangen hat.
Von größerer Bedeutung als diese literarische Einwirkung
dürfte für den französischen Spracheinfluß in Spanien in dieser
Zeit der Zustrom zahlreicher Einwanderer aus Frankreich ge-
wesen sein. Nicht nur französische Compostelapilger kamen
nach wie vor in Scharen in's Land, auch französische Kauf-
leute und Gewerbetreibende aller Art haben sich jetzt in
großer Zahl zum vorübergehenden oder dauernden Aufent-
halt dort eingefunden. Die Weltmachtpolitik der Habsburger
sollte dem Lande nicht dauernd zum Segen gereichen. „Der
Nationalstolz", bemerkt J. Sempere C2), „von der einen Seite,
und von der anderen Seite die große Leichtigkeit, ohne viel
Arbeit seinen Lebensbedarf zu erlangen, mußten in Spanien
mehr als anderwärts den natürlichen Hang der Menschen zum
Müßiggang und zur Geringschätzung der Künste und Hand-
werke verstärken. Weit entfernt, sich dem zu widersetzen,
daß die Ausländer der einträglichsten Gewerbe sich bemäch-
tigten, sahen sie diese mit der kältesten Gleichgültigkeit an .-.."
Nach Antoine de Bruneis Reisebericht03) hat es in den
") Yocabulario de los vocablos que ma* comunmente se stielen usar . .
8. den vollständigen Titel bei Viiiaza l. c. Nr. 1723. Auch mit Sotomayors
Grammatica zusammen herausgegeben (Viiiaza Nr. 1646).
") Viiiaza l. c. Nr. 132.
,0) Viiiaza l c. Nr. 138.
M) Viiiaza l. c. Nr. 141. — Lexikographische Hülfsmittel s. bei Viiiaza
l. : unter Nr. 724 etc.
*'■') J. Sempere Betrachtungen über die Ursachen der Größe und des
Verfalls der spanischen Monarchie, übersetzt und mit Anmerkungen be-
gleitet von H. Schäfer. Zweiter Teil. Darmstadt 1829. S. 150.
") | Antoine de Brunei] Voyage d'Espagne. Cologne 1667. P. 23. 79.
Vgl. über den Verfasser und sein Werk E. Foulche-Delbosc Revue Hispa-
nique III (1896), p. 33 ff. (dazu A. Farinelli in Melange* Picot II, 616).
172 0. Behrens.
sechziger -Uhren des 17. Jahrhunderts in Madrid allein über
40 00O Franzosen gegeben, die „sous im habit espagnol, et en
sc diaant Bourguignons, Walons, et Lorrains, y fönt fieurir le
Commerce et /<> Manufacture". Die Gesamtzahl der Fremden,
so berichtet derselbe Gewährsmann, war nach zuverlässigen
Angaben damals in der Hauptstadt so groß, daß sie. wenn
sie gewollt, sich derselben hätten bemächtigen und die Spanier
daraus vertreiben können. Noch sei bemerkt, daß die häufige
Berührung mit französischen Truppen wie zur Nachahmung
der französischen Militärtracht6*), so auch zur Aufnahme einer
Anzahl Ausdrücke der französischen Militärsprache '*) in das
Spanische bereits im 17. Jahrhundert geführt hat.
Als 1701 der erste Herrscher aus dem Hause Bourbon.
Philipp V, den spanischen Thron bestieg, vermochte sich das
Land, das von seiner stolzen Weltmachtstellung längst herab-
gesunken und dessen wirtschaftliches und zuletzt auch geistiges
Leben in beispiellosen Yerfail geraten war, dem Einfluß des
politisch mächtigen, wirtschaftlich und kulturell hochstehenden
Frankreich nicht zu entziehen 66). Deutlich haben sich die
Spuren dieses Einflusses auch der Sprache eingeprägt. Der
für die Aufklärung in seinem Vaterlande unermüdlich tätige
Benediktiner Benito Geronymo Feijoö hat 1726 im ersten
Bande seiner Bühne der Kritik (El Teatro <-ritio>) eine Ab-
handlung über Neologismen {Ahjtnw* observationes »obre la in-
trodnctton de voce» mievas en nostro idioma)*7) erscheinen
lassen, in der er bemerkt, daß es in seinem Vaterlande zwei
gleich tadelnswerte extreme Richtungen gäbe, eine konser-
vative, die von keiner Neuerung etwas wissen wolle, und
eine fortschrittliche, antinationale — er nennt die Vertreter
derselben Nationistas — , die auf alles Einheimische mit Ver-
achtung herabsähe, alles Französische bewundere: Solo en
Francia, pongo ]><>»• exenvplo, regnan} segun su dietamen, In de-
licadeza, In policia, el buon gusto. Arn tot/o es rudeza, y barbarie.
•4) A. Morel-Fatio Etudes mr VEspagne III, 238f.
") F. Bnmot in Petit de Julleville Histoire de la langne et de la
litteratvre francaixe. VI (1898), S. 885.
••) A. Baudrillart Philippe V et la cour de France 1700—1715. Paris
1889. — G. Desdevises du Dezert L'Espagne de V Annen Begime. La
richesse et la civilisation. Paris 1904. — * F. Anton del Olmet Proceso de
Jus migeites de la decadentie espanola. IV : Los Afrancesados. Madrid 1913 (?).
") So lautet der Titel der ersten Ausgabe nach Vifiaza l. c. Nr. 1266.
In den mir vorliegenden späteren Ausgaben des Teatro critico aus den
Jahren 1733 und 1773 lautet derselbe: Paralelo de las lenguas castellanu.
g Francesa. S. auch Biblioteca de Autores espanoles. T. 56: Obras esco-
gidas del Padre frag Benito Jerommo Feijoo g Montenegro. Madrid 1863.
8. 45 ff., und vgl. M. Sarmiento Demonstration critico-apologetica del theatro
critico universal. Tomo primero. Segunda impression. Madrid 1739. S.
186 ff. — i'ber Feij<'»o handelt * X. Morayta El P. Feijoo y sns obras. Valencia
1913.
Beiträge zu eine)' Geschichte dev französischen Sprache. 173
Unter den Xationisten, und nicht unter ihnen allein, sei es
Mode geworden, die Sprache durch die Aufnahme französischer
Elemente zu verunstalten, so daß diejenigen, welche ein reines
Castilianisch redeten, beinahe als Menschen einer grauen Vor-
zeit (cqmo hombres del tiempo </>■ los Godos) angesehen würden.
Feyjoö selbst hält Kenntnis der französischen Sprache für
nützlich. j;i bis zu einem gewissen Grade für notwendig „/< -
specto de los sujetos inclinados d la letura curiosa, y erudita",
bestreitet aber, daß sie der spanischen in Bezug auf Ausdrucks-
fähigkeit (propriedad), Wohlklang (harmonia) und Wortreich-
tum (copia) überlegen sei. Ohne Notwendigkeit die Sprache
zu französieren, findet er tadelnswert, die Entlehnung einzelner
Kunstausdrücke {algimas voces facultativas, cuyo emprestito es
indispensable de unas Naciones a otros) statthaft. In der
gleichen gemäßigten und verständigen Weise hat er sich ge-
legentlich sonst zur Fremdwörterfrage geäußert G8). Nach ihm
und neben ihm haben unter seinen Landsleuten viele andere
mehr oder weniger eingehend das gleiche Thema behandelt.
Mayans y Siscar führt 1737 in seinen Origenes de la lengua
espanola 69) den starken Import französischer Wrörter auf die
seit Beginn des Jahrhunderts vermehrten Handelsbeziehungen
zu Frankreich, die große Zahl französischer Einwanderer und
die Einwirkung der gelehrten Literatur Frankreichs zurück.
Letztere, bemerkt mit beachtenswertem Freimut der könig-
liche Bibliothekar, sei der spanischen überlegen, weil sie mehr
als diese sich königlicher Gunst zu erfreuen hatte {Devemos
conceder a los Franceses esta gran ventaja; porque hau tenido
muchos Reyes mas aficionados que los nuestros a favorecer los
Letraäos, sin cuyo fomento las Letras /»><■<> medran). Andere
national gesinnte Männer wie Benito de San Pedro haben
mit besonderem Nachdruck auf die großen Vorzüge der
heimischen Sprache und deren ruhmreiche Vergangenheit hin-
gewiesen 70), wohl um dadurch indirekt dem Überhandnehmen
des französischen Spracheinflusses zu begegnen. Antonio Cap-
manv, der in früheren Arbeiten den Einfluß, den die franzö-
''*) Carlas eruditas. y curiosas. I. Xueva impresion. Madrid 1774.
1). 2H5ff. : Detiende el autor el uso que hace de algimas voces, ü peregrinas,
6 nuevas en el idioma Castellano. — Über Feijöo's Stellung zur französischen
Literatur vgl. ib. V, p. 367 ff. : Disuade a im amigo suyo el autor el estudio
de la Lengua Griega: y le persuade el de la Francesa.
e9) I, p. 97 f.
70) Arte del Eomance castellano dispuesta sequn sus prineipios gene-
rale* i el uso de los mejores autores. Valencia 1769. Darin I, p. 96— -101 :
De las grandes perfecciones de la Lengua Espanola, i modo de conseguirlas.
II, p. 213—228: De la excelencia de la lengua espanola i necessidad de su
estudio. ( »racion que se dijo en la Academia de Bellas Letras. que celebrö
el Colegio Andresiano aHo 1767. en las Escuelas Pias . . . Vifiaza /. c. XXX
und Xr. 152.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV3/*. 12
174 D. Behrens.
• ■ Sprache auf seine Muttersprache ausübte, als nützlich
anerkennt71) und zwischen Sprachreinheit {pureza) und einem
nstelten, den Geisl einengenden Purismus (afectacion
minuciosa, que estrecha y aprisiona el ingenio), dessen Vertreter
in ihren Schriften gewöhnlieh kalt, trocken und „fleischlos"
arnados) seien, unterschieden wissen will 72), hat später 73),
indem er nach seinem eigenen Geständnis dabei mehr von
politisch-nationalen als grammatischen Erwägungen sich hat
leiten lassen74), auf das Nachdrücklichste den Gallicisrnus in
der Sprache bekämpft. In seiner 1808 erschienenen politischen
Schrift Centinela contra Vranceses 7y) geht er sowTeit, an dem
Wort central, obgleich es spanisch sei. Anstoß zu nehmen
„solo por verla usada en Trancia para establecimientos politicos
1/ literarios de su loca revolucion". Von spanischen Gelehrten,
die im 18. Jahrhundert gegen die Französierung ihrer Mutter-
sprache sich geäußert, seien noch Terreros76), Gregorio
Garces77) und Vargas Ponce78) genannt. Daneben haben
andere Autoren der Zeit versucht, die Sprachmenger
dem Fluch der Lächerlichkeit preiszugeben, indem sie. wie
Jorge de Pitillas79), Tomas de IriarteS(r) und Juan Pablo
71) *Discursos analiticos sobre la f'ormacion de las lenguas, y sobre
la castellana en particular. Madrid 1776 (hier erwähnt nach Viiiaza l. c.
('ol. 108 f.). Im »deichen Jahr veröffentlichte Capmany : Arte de traducir
d idioma frances dl Castellano. Con el rocabulario lögico y figurado dt
la fräse comparada de ambas lenguas. Madrid.
7S) Filosofia de la Eloquent ia. Madrid 1777. p. 40.
Vgl. Observaciones criticas sobre la excelencia de la lengua, in:
Teatro historico-critico de la eloquencia espanolal, p. CXXXff. — *Comen-
tario con glosas criticas y joco-serias sobre la nueva traduccion castellana
de las aventuras de Telemaco. pnblicada en la Gaceta de Madrid de 15 de
Mayo del presente aiio. Madrid 1798 (Viüaza /. c. Col. 1807). — Xuevo
onario frances-espanol. Madrid 1805. — * Filosofia de la Elocuencia.
2. Aufl. Madrid 1811 (s. Viiiaza l. c. Col. 109 Anm. 1).
'*) Centinela contra Franceses. Valencia 1808. p. 73. (S. F. Brunot,
Mist, de la lanque et de la littfr. fr. publ. sous la direction de L. Petit de
Jnlleville VI, 884).
Parte Segnnda. p. 20.
,e) Esteban de Terreros y Pando Diccionario castellano con las voces
de ciencias y artes y sus correspondientes en las tres lenguas francesa,
latina e italiana. T. I. Madrid. Prologo p. XV f.
77) Fnndamento del rigor y elegancia de la lengua castellana . . .
T. II. Madrid 1791. Prölogo p. XIII. Vgl. Viiiaza l. c. Col. 6I4ff.
7*) * Declamacion contra los abusos introdueidos en el castellano pre-
sentada y non premiada en la Academia Espanola. aiio de 1791. Siguela
una disertacion sobre la lengua castellana, y la antecede an diälogo que
explica et designio de la ohra. Madrid 1793 (Vinaza l. c. Col. 116ff.).
TSi Sätira contra Ins malos escritores de este siglo. Por an Anonimo
lorge Pitillas. Zuerst erschienen in Diario de los literatos. T. VII.
Madrid 1742. Vgl. über den Verfasser G. Ticknor, Geschichte der schönen
Literatur in Spanien II. Leipzig 1852. p. 338.
"') Fäbulas literarias (1782) : Xr. V (Los dos loros y la cotorra). Vgl.
auch Nr. XXXIX (El retrato de Golilla). Über die Fäbulas literarias
(hrsgb. von Aag. de Caeta in: Biblioteca de autores espanoles 63, 2) s. Cota-
relo y Mori Irtarte y su epoca, Madrid 1897. p. 231 ff.
■ i'nii zu iii"i Geschichte der französischen Sprache, 175
Forner81) dieselben mit den Wulfen der Satire bekämpften und,
wie im besonderen der Jesuitenpater Jose Francisco Isla 82) und
.Ium'' de Cadalso 83) parodierten. Es mögen diese zahlreichen
Kritiken für die Größe des l'bels einen Blaßstab abgeben, einen
wesentlichen Erfolg in der Beseitigung desselben hatten sie
nicht. J laben doch Schriftsteller wie Cadalso. die den franzö-
sischen Einfluß in der Sprache besonders eindrucksvoll be-
kämpften, sich selbst diesem Einfluß nicht entziehen können!
Die französische Revolution hat an diesen Verhältnissen
im Ganzen wenig geändert. Eine ihrer nächsten Folgen für
Spanien war. daß ein Teil der znhlreichen dort sich aufhalten-
den Franzosen zum Verlassen des Landes genötigt wurde.
Mehrere \Yochen lang, so berichtet der französische Gesandte
beim spanischen Hof, J. Fr. de Bourgoing84), sah man in den
spanischen Häfen und auf den Landstraßen nichts als Fran-
zosen, die aus dem Lande getrieben wurden. Dem steht
gegenüber die Aufnahme einer nicht geringen Zahl aus Frank-
reich ausgewanderter Geistlichen. Es sollen ihrer 22 000 nach
Spanien geflüchtet sein und ein Teil hier als Sprachmeister
Beschäftigung gefunden haben85). Die Freiheitskämpfe der
Jahre 1808 bis 1813 haben zu einer nationalen Wiedergeburt
Spaniens nicht geführt. Die Francesados als politische Partei
um Joseph Bonaparte wurden niedergeworfen, die Francesados
81) Satira contra Ins uieios introducidos en la poesia, zuerst erschienen
Madrid 1782. jetzt bequem zugänglich in Biblioteca de las aidores espanoles.
T. 63, 2. p. 304 ff. Forner's Satira wurde vou der spanischen Akademie
preisgekrönt. Sein Mitbewerber um den Akademiepreis war Leandro
Feruandez de Moratin, dessen Arbeit unter dem Titel Leccion poetica.
Satira contra los vicios introducidos en la poesia castellana . . . ebenfalls
Madrid 1782 zuerst im Druck erschien und seitdem u. a. von Buenaventuro
Carlos Aribau in Bd. II der Bibl. de aid. espanoles (p. 576 ff.) veröffentlicht
wurde. "Vgl. Cotarelo y Mori Iriarte y su epoca p. 245. — Von Forner in
diesem Zusammenhange weiter zu nennen: Exequias de la lengua castellana.
Satira Menippea, por el licenciado Don Pablo Ipnocausto. Diese 1795, zwei
Jahr vor dem Tode des Autors, entstandene Arbeit wurde erst 1871 von
Ant. de Cueta in Bibl. de aidores espanoles, t. B3, p. 378 ff. dem Druck
übergeben. Vgl. besonders p. 394.
82) Fray Gerundio de Campazas II, 8 (Obras escogidas del Padre Isla
hrsgb. von P. F. Monlau in Bibl. de aid. esp. XV. p. 1951). Vgl. auch
B. Gaudeau Etüde sur Fray Gerandio et sur son auteur Le P. Jose Fran-
cisco de Fsla 1703—1781. Paris 1890 (These).
85) Obras ineditas in: Per. Hispanique I, 302f.: Carta al Exm° Sor
Marques de Penafiel Conde Duque de Benavente, etc. La mitad en lenguage
e.-paÜGl antiguo, y despues en el estilo afrancesado que hoy usan alguiios
de los que ni saven Castellano, ni Frances. — Cartas Marruecas Xr. XXXV
(Obras de D» Jose Cadahalso. T. II. Madrid [1818], p. UiOff.).
84) Bourgoing's Neue Reisen durch Spanien in den Jahren 17R2—1793.
Aus dem Französischen übersetzt uud mit Anmerkungen begleitet von
ihr. Aug. Fischer. III. Bd.. Jena 1800, p. 276 f.
ih) Chr. Aug. Fischer Reise von Amsterdam über Madrid und Gadiz
nach Genua in den Jahren 1797 und 179S. Berlin 1799. p. 119.
12*
n 6 l>- Behrens.
als Vertreter eines von Frankreich her inspirierten Liberalis-
mus im weiteren Sinne bestanden fort, und es bleibt ihre Ge-
schichte mit derjenigen des modernen Spanien eng verknüpft B8).
..Was die Qallicismen angeht," bemerkt bald nach der Mitte
des 19. Jahrhunderts J. Eug. Hartzenbusch 87), ,, so sündigen
wir in Wahrheit alle. Der Redner auf der Kanzel, im Par-
lament und bei Gericht, der Geschichtsschreiber. Mathematiker.
Dichter, Kaufmann, die Dame von Stand, die Näherin, der
Schüler und die Stiftschülerin (colegiala), alle die wir zum
Studium oder zum Vergnügen französische Bücher oder schlechte
l'bersctzungen aus dem Französischen in die Hand nehmen,
lernen einige AVörter. Redensarten oder Wendungen, die dem
AVesen des Castilianischen fremd sind."
Mehr wohl noch als das Spanische sind die beiden anderen
romanischen Sprachen der Pyrenäenhalbinsel, das Portu-
giesische88) und das C a t a 1 an i s c h e 89) im Mittelalter und
in der Neuzeit dem Einfluß der französischen ausgesetzt ge-
wesen. Es fehlt für dieselben ebenso wie für das Spanische
heute noch an einer eingehenden wissenschaftlichen Unter-
suchung des aufgenommenen französischen Lehnguts.
86) S. Bev. Hispan. XXV (1911). p. 357 G. Desdevises du Üezerts An-
zeige von Mario Mendez Bejarano Historia poliiica de los afrancesados.
Madrid 1912.
87) Baralt Dicciunarw de Galicismos. Madrid 1855. Prologo. Vgl.
unten Anmerkung 88.
98) Zum Spanischen vgl. J. Cornu Französ.-provenzal. Lehnwörter
im Poema del Cid (mitgeteilt von R. Beer Spanische Literatur geschieht e
I, Leipzig 1903, S. 68 f.) — Diccionario de galicismos. 6 sea de las voces,
locueiones y frases de la lengua francesa que se kau introdueido en el Labia
castellana moderna, con el jnicio critico de las que deben adoptarse. y la
equivalencia castiza de las que no se hallan en este caso. Por D. Rafael
Maria Baralt, con un prologo de D. Juan Eugenio Hartzenbusch. Secnnda
edicion. Madrid u. Caracas 1874. Vgl. dazu H. Peseux-Richard Revue His-
panique IV (1897). 31 — 44: Quelques remarques sur le Diccionario de gali-
cismos de Baralt. Weitere einschlägige Literatur verzeichnet ViLaza
Biblioteca histörica de la filologia castellana unter Nr. 1270 ff. 1747 ff. Von
neueren Arbeiten seien genannt Miguel de Toro Gisbert Apuntaciones lexico-
gräficas Paris [1912], darin p. 177—192: Galicismos consagrados,]). 277—280:
Exiranjerismos y neologismos. — *E. Hernändez El forasterismo en el
lenguaje in: Estudios de Deusto. Bilbao 1915. — Zum Portugiesischen
vgl. Francisco de S. Luz Glossario das palavras e frases da lingua franeeza.
Lisboa 1827. — R. Francisque-Michel Les Portugals en France, les
Francais en Portugal. Paris 1882 (Chap. II : Relations intellectuelles
entre la France et le Portugal). — H. R. Lauer The relations of the
carliest Portuguese Lyric School with the Troubadours and Trouveres,
in : Mod. Lang. Notes X, 4. — H. L. W. Otto Coup d'oeil sur le
Frducezismo en Portugal et au Bresil. in: Mod. Lang. Notes IX, 3.
89) Zum Cat alanischen: .Joaquim Casas-Carbu Catalunga
trilingüe. Conferencia donada a l'Ateneu Barcelonas el 20 d'Abril de 18^6.
Barcelona 1896. — *Ant. l'areta v Vidal Diccionari de Barbrismes.
Barcelona 1901.
■ ■<>'</' zu ''nur Geschichte der französischen Sprache. 177
5. England.
Sprachlicher Einfluß Frankreichs auf England macht sich
bereits mit dem politischen Einfluß unter Edward dem Bekenner
(1042 — 1065) und früher bemerklich. Die dann folgende
Eroberung Englands durch die französierten Normannen wurde
für die Gestaltung der sprachlichen Verhältnisse des Landes
von weittragendster Bedeutung 90). Nachdem der Normannen-
herzog Wilhelm bei Senlac die Angelsachsen unter Haralds
Führung 1066 geschlagen hatte, unterwarf er in blutigem
Ringen die noch widerstrebenden Teile des Reiches und
gründete auf völlig veränderter Besitzgrundlage einen neuen
Lehnsstaat mit militärischer Organisation und einer in der
Hand des Königs vereinigten starken Zentralgewalt. Indem
er die Güter der Angelsachsen, welche gegen ihn gekämpft
hatten, an seine Waffengefährten91) mit der Verpflichtung zu
weiterer Heeresfolge als Lehen vergab, ließ er den gesamten
großen Besitz, und damit die sämtlichen höheren Beamten-
stellen des Landes, in normannische Hände übergehen. Wie
die weltlichen, so wurden die höheren geistlichen Würden
von ihm an Normannen vergeben. Daß sich zahlreiche Ange-
hörige auch der niederen Schichten der Gesellschaft jenseits
des Kanals dauernd niederließen, und dieses Element bereits
im ersten Jahrhundert vom Kontinent her durch andauernden
Zuzug erhebliche Verstärkung erfuhr, dürfen wir annehmen,
auch ohne darüber im Einzelnen genau unterrichtet zu sein92).
England wurde so ein zweisprachiges Land. Englisch
Avar die Sprache der Besiegten, Französisch die Sprache der
Sieger, im besonderen diejenige des Königs, des königlichen
Hofes, der Verwaltungsbehörden, der Gerichte, des Parlaments
und eines großen Teiles der Geistlichkeit. Als Sprache der
Literatur finden wir auf mehr als ein Jahrhundert hinaus das
9ü) Vgl. meinen Beitrag Französische Elemente im Englischen in
H. Pauls Grundriß der germanischen Philologie I2 (1901), S. 950 ff. und die
hier citierte einschlägige Literatur zur äußeren Geschichte des Französischen
in England. Außerdem : .1. Vising Franska spräket in England. Göteborg
1900 — 1902. — J. Derocquigny A contribution to the studg of the French
element in English. Lille 1904. — 0. Jespersen Growth and structure of
the English language'2. Leipzig 1912. p. 84 — 113: The French.
91) E. Dupont Bechrrches last, et topographiques sur les compagnons
de GuiUaume le Conquerant. 2 vol. Saint-Servan [ 1907 u. 1908]. — E. Dupont
La participation de la Bretagne d la conquete de. VAngleterre par les Nor-
mands, in Annales de la Soc. des Leu. Sc. et Arts des Alpes Maritimes
XXII (1910), p. 1 1 7 ff.
9l) W. < 'unningham Entwickelung der Industrie und des Handels
Englands. Altertum und Mittelalter. Autorisierte Übersetzung von H.Wil-
manus, Halle a. 8. 1912. Anhang E: Die Einwanderung fremder Handwerker
in England in normannischer und ang-evinischer Zeit (s. auch Zs. f. Sozial-
und Wirtschaftsgeschichte Bd. 3. p. 177—203).
1/8 l). I> /'>■■ ns.
Französische neben dem Latein in nahezu ausschließlicher
Verwendung.
Die Kriege mit Frankreich und die 1203 erfolgte Los-
trennung des normannischen Stammlandes haben hieran zu-
nächst nicht allzu viel geändert. Erst als nach der Mitte des
13. Jahrhunderts die innerpolitischen Wirren zu einer dauernden
Erstarkung des national-englischen Elementes der Bevölkerung
führten, die Grundlagen zum englischen selfgovernmeiit gelegt
wurden, sehen wir die englische Literatur wieder einen kräf-
tigen Aufschwung nehmen und der normannisch-französischen
allmählich den Rang ablaufen. Yon besonderem Interesse ist
es in diesem Zusammenhange, festzustellen, daß die von
Heinrich III. unter der Einwirkung der Yerfassungspartei am
18. Oktober 1259 erlassene Proklamation außer in französischer
in englischer Sprache bekannt gegeben wurde, wenn auch
letztere damit als offizielle Staatssprache noch keineswegs
zu dauernder Anerkennung gelangt war. Allgemein läßt
sich zu dem Kampf der beiden Sprachen bemerken, daß um
die Mitte des 13. Jahrhunderts eine Entscheidung zu Gunsten
des Englischen sich vorbereitete. Herbeigeführt wurde dieselbe
erst im 14. Jahrhundert, und auch dann hat es noch langer
Zeit bedurft, bis das Englische seinen vornehmen Nebenbuhler
aus allen Positionen endgültig verdrängte93). Mit der Begrün-
dung, daß das Französische im Lande sehr unbekannt sei,
wurde 1362 durch Parlamentsbeschluß das Englische für das
mündliche Gerichtsverfahren vorgeschrieben, ohne daß damit
noch auf lange Zeit hinaus das Französische hier völlig
beseitigt worden wäre. Im gleichen Jahre wurde das Parla-
ment zum ersten Mal in englischer Sprache eröffnet, wogegen
die Verhandlungen desselben bis in die Regierungszeit
Heinrichs VI. (1422 — 1471) meist noch französisch geführt
wurden 94). Die Gesetzesurkunden wurden bis zum Jahre 1488/9
ausschließlich in französischer und lateinischer Sprache publi-
ziert. Als Hofsprache sehen wir das Englische unter den
Nachfolgern Edwards I. im 14. Jahrhundert an Boden gewinnen.
Der erste englische König, als dessen Muttersprache das Eng-
lische ausdrücklich bezeichnet wird, ist Heinrich IV. (1399 —
1413). In den königlichen Kanzleien bediente man sich des
Englischen vor dem 3. Dezennium des 13. Jahrhunderts nur
ausnahmsweise. Englisch abgefaßte Privaturkunden begegnen
selten vor Beginn des 13. Jahrhunderts. Als Unterrichts-
sprache wurde in den Lateinschulen das Französische in der
2. Hälfte des 14. Jahrhunderts durch das Englische ersetzt.
") L. Morsbach über den Ursprung der neuenglischen Schriftsprache.
Heilbroun 1888, S. 1—9: Der erste Gebrauch der englischen Sprache im
privaten und offiziellen Schriftverkehr nach der normannischen Eroberung.
••) ten Brink Gesch. der engl. IM. I* 381 f.
Beiträge zu eitu französischen Sprache. 179
Das Englische wurde in dem langen Existenzkampf seiner
inneren Struktur nach durch das Französische kaum verändert.
Um so stärker ist die Beeinflussung, die es durch das Ein-
dringen französischen Wortmaterials und französischer Wort-
bildungsmittel erfahren hat. In welchem Umfange sich solcher
Einfluß bereits in dem auf die Eroberung folgenden Jahrhun-
dert geltend machte, läßt sich nach den sehr spärlich vor-
handenen englischen Sprachdenkmälern dieser Zeit nicht
feststellen 95). Die Angaben des Dialogus de scaccario, wonach
schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts unter den
Freien der Mann englischer von dem Mann normannischer
Abstammung kaum zu unterscheiden gewesen96) und das
etwa gleichzeitige Zeugnis des Johannis von Salesbury, wonach
schon damals Engländer, um als Normannen zu gelten, in
ihre Rede französische Wörter mischten 9" ), lassen keinen
allgemeinen Schluß auf die politischen und sprachlichen Ver-
hältnisse des Reiches in seiner ganzen Ausdehnung zu98).
Als nach einem weiteren Jahrhundert der Ausgleich der
nationalen Gegensätze vollzogen und auch in den Kreisen
eines kräftig aufstrebenden englischen Bürgertums die ver-
feinerte normannisch-französische Kultur tonangebend geworden
war, können wir in den nun rasch sich mehrenden Denkmälern
der englischen Literatur die durch das Eindringen zahlreicher
französischer Elemente charakterisierte Umbildung des Wort-
schatzes verfolgen. Der Mischungsprozeß hat angedauert, als
das Französische längst aufgehört hatte die Muttersprache
eines Teiles der Bevölkerung Englands zu sein99).
95) Vgl. nuten Anm. 99.
•') W. Stubbs Select chartern. Oxford 1905. p. 201 f.: jam cohabi-
tantibus Anglicis et Normannis, et alterutrum uxores ducentibus vel nu-
bentibu.s, sie permixtae sunt nationes, ut vix discenii possit hodie, de libris
loquor, quis Anglicus quis Normannus sit genere; exceptis duntaxat as-
criptitiis qui villaui dieuntur, quibus non est liberum obstantibus dominis
suis a sui Status conditione diseedere.
97) Vgl. Paul's Grundriß der germ. Phil. 12 (1901), p. 963 Anm.
88) ten Brink Gesch. d. engl IM. I2, p. 255 f.
*B) Die Geschichte der iu das Mittel- uud Neuenglische eingedrungenen
französischen Sprachelemente haben zahlreiche Arbeiten zum Gegenstand.
In der folgenden Zusammenstellung, die auf Vollständigkeit keinen Anspruch
macht, werden die oben Anm. 90 bereits genannten einschlägigen Unter-
suchungen von Derocquigny, Jespersen und Verf. nicht nochmals aufgeführt :
Karl Luik Zur quantitierung der romanischen lehnwörter und den
quantitätsgesetzen überhaupt, in: Anglia XXX (1907), p. 1 — 55.
B. ten Brink Chaucer's Sprache und Verskunst. Leipzig 1884 (2. A.
1899). — D. Behrens Beiträge zur Geschichte der franz. Sprache in Eng-
land I. Zur Lautlehre der französischen Lehnwörter im Mittelenglischen.
Heilbronn 188(> (Französ. Studien V, 2). — Aug. Sturmfels Der altfranz.
Yokalismus im Mittelenglischen bis zum Jahre 1400, in : Anglia VIII
(1885) und IX (188H). — L. Morsbach Die anglofranzi'msche Konsonanten-
dehnung, in: Festgabe für Wendelin Foerster, Halle 1H02, p 324-330. —
L80 D. Behrens.
Im L6. Jahrhundert läßt ßich mit einer verstärkten franzö-
sischen Kultur- und Literatureinwirkung100) ein erneuter
Btärkerer Spracheinfluß feststellen, den seit dieser Zeit wieder-
K. Boevelmann Zum Konsonantismus der alifranzösischen Lehnwörter in
nittelenglischen Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts. Kieler Diss..
1903. — J. M, Booker The Freneh "inchoative" suffix -iss and the Freneh
njugation in Middle English. Heidelberger Diss. 1912. — H'. Sykea
Freie h Clements in M!ddle English. Chapters illustrative of the Origin
and ßrowth of Roinance Influence on the Phrasal Power of Standard
English in its Formative Period. Oxford 1899. — W.Owen Sypherd Old
h influence on Middle English Phraseology, in: Modern Philology V. 1.
1'. Kluge NJS proude-pride, in: Englische Studien XXI (1895), p. 334f.
(handelt über Entlehnungen aus dem Franz. vor der norm. Eroberung'). —
W. W. Skeat Wnglish words borrbwed from Freneh before the conquest, in:
Sept. 28. 1895 Nr. 1221. — F. Kluge Das französische "Element
m Ormulum, in: Englische Studien XXII (1896), p. 179—182. — A. Trampe
'.'"'dtker Freneh Words in English öfter 10ö'6, in Mod. Lang. Notes. Nov.
1909. — B.S.Monroe Freneh Words in Layamon, in: Modern Philology
IV 3. p. 559 ff. — R. Mettiar l>ie französischen Elemente im Alt-
und Mittelenglischen (800 — 1258). Beiträge zur Geschichte des englischen
Wortschatzes, in: Englische Studien XLI (1909). p. 177—252. — H. Bradley
The word „moillere" in Piers the Plowman, in: Mod. lang, review D ;1907),
S. 163 f. — H. Reinus Die kirchlichen und speziell wissenschaftlichen Lehn-
irter Ohaucers. Halle 1906, in: Studien zur engl. Phil, hrsgb. von
L. Morsbach XIV. — G. Reismüller Romanische Lehnwörter bei Lydgate.
Leipzig 1911 [Münchener Beiträge zur rom. und engl. Philologie Heft 48].
R. E. Zachrisson A contribution to the study of Anglo-Normann in-
fluence on English place-names, Lund 1909, in: Lands Universitets Ars-
sk-rift. X. F. Afd. 1. Bd. 4. Xr. 3. — R. E. Zachrisson Two instances of
Freneh influence on English place-names. in: Stadier i modern spr'äkveten-
skap ntgivna av Xyfilologiska Sällskapet i Stockholm V (1914).
L.M.Gay Anglo-French words in English, in: Mod. Lang. Notes XIV"
(1899), Sj). 80 — 85. — Ch. Bastide De receutiore gallicorum verborum usu
in anglica lingua. Parisiis 1906 (These). — F. Rösener Die französischen
Lehnwörter im Frühneuenglischen. Marburger Dissert. 1907. — E. Metzger
Zur "Betonung der lat. -romanischen Wörter mit besonderer Berücksichtigung
der Zeit von ca. 1560 bis ca. 1660. Heidelberg 1908 (Anglist. Forsch.
Heft 25]. — P. Adolphi Doppelsuffixbildung und Suffixwechsel im Englischen
mit besonderer Rücksicht auf das lat.-rom. Element. Marburger Diss. 1H10. —
H. Brüll Untergegangene und veraltete Worte des Französischen im heutigen
Englisch. Halle a. S. 1913.
*A. Beljame Quae e gallicis verbis in anglicam linguam Johannes
Dryden introduxerit. Paris 1881. — EL Faltenbacher Die romanischen,
speziell französischen und lateinischen (bezw. latinisierten) Lehnwörter bei
Caxton (1422 (?)— 1491). Münchener Dissert. 1907.
Francistjiie-Michel A critical inquiry into the Scottish language with
the view of ülustrating the rise and progress of civilisation in Scotland.
Edinbourg and London 1882. — K. Lenz, Zur Lautlehre der französischen
Elemente in den schottischen Dichtungen von 1500 — 1550. Marburger
Dissert. 1913. — A. Bock Das französische Element in den neuenglischen
Dialekten. Münsteraner Dissertation 1911.
10°) A. H. l'pham The Freneh influence in English literatur from the
tsion of Elizabeth to the Eestoration. New Vork 1908. — Sidney Lee
The Freneh Renaissance in England an aecount of the literary relationi
of England and France in Ute sixteenth Century. Oxford 1910.
Beiträgt zu einer Geschichte der französischen Sprache. 181
holt einsetzende puristische Strömungen101) auch das ganze
1/. Jahrhundert hindurch nicht aufzuhalten vermochten.
Förderung hat der französische Einfluß im 17. Jahrhundert im
besonderen noch durch die Ansiedelung zahlreicher französi-
scher Hugenotten auf englischem Boden 102) und die zunehmende
Französierung des königlichen Hofes erfahren 103). Eine in
erster Linie vom Bürgertum getragene erfolgreiche nationale
Reaktion tritt im 18. .Jahrhundert ein. Nachdem England auf
den verschiedensten Gebieten geistigen Lebens die Führung
übernommen, wurde es jetzt der Ausgangspunkt einer Be-
wegung, die weit über die Grenzen des eigenen Landes
hinaus zur Beseitigung der kulturellen Vorherrschaft Frank-
reichs wesentlich beigetragen hat.
Daß das Normannische seinerseits in England starken
\ Plünderungen ausgesetzt war, hat in drastischer Weise
Walter Map schon für das 12. Jahrhundert bezeugt: A />//</
Merleburgem fons ist quem si quis, ut ahmt, gustaverit, gallice
barbarizet ; unde cum viciose quis illa lingua loquitur, dicimus,
eutn loqui gallicum Merlebergae104*). Im 13. Jahrhundert be-
merkt Philipp von Beaumanoir vom Grafen von Gloucester,
wo er ihn in Jehan et Blonde französisch redend oder vielmehr
radebrechend auftreten läßt: Si vaut << lni parier franchois
Mais sa langue turne en Englois 10,=1). Französisch radebrechende
Engländer werden wiederholt auch sonst in französischen
Texten des 13. und 15. Jahrhunderts vorgeführt106). Anglo-
normannische Schriftsteller der späteren Zeit, wie Willhelm
von Waddington 107) und Gower 108) bitten um nachsichtige
to:) Fr. Kluge in PauTs Grundr. d. germ. lJhilol.l2. 945 f. — W. Preiu
Puristische Strömungen im Iß.Jahrh. Ein Beitrag1 zur engl. Sprachgeschichte.
Progr. Wanne u. Eickel 1909. Auch Dissert. Münster 1909.
102) C. Bastide An.gla.is et Fraurais du XVII« siecle. Paris 1912.—
L. ('harlanne L'influence francaise en Angleterre au XVIIe siecle. Etüde
sur les Relations sociales de la France et de l'Angleterre surtout dans la
seconde moitie du XVI le .siecle. These. 2 vol. Paris 1900. Darin I, 3
La langue francaise en Angleterre. Maitres et livres. Le francais chez le
roi, ä la com*, dans la societe, chez les ecrivains, au theatre.
ioa) C. Bastide l. c.
lu)) De Nugis Curialium ed. Th. Wright p. 235 f.
luJ) Jehan et Blonde 2035 f.
l08) L E. Matzke Some examples of French as spoken bg Euglishmen
Old French Literature, in: Mod. Philology, Vol. III, Nr. 1, June, 1905.
l07) Vgl. J. Payne Tramactions of the philol. societg 1808/9. p. 355-
l0*) The complete works of John Gower ed. by G. C. Macanlay. The
French works. Oxford 1899. p. 391 :
AI universite de tout le monde
Johan Gower ceste Balade envoie;
Et si jeo n'ai de Francois la faconde
Pardonetz nioi que jeo de ceo forsvoie:
Jeo sui Englois, si quier par tiele voie
Estre escuse ....
L82 Ü. Behrens.
Beurteilung ihrer französischen Schreibweise unter Hinweis
auf ihre englische Herkunft. Das englische Juristenfranzösiscfa
zeigt den sprachlichen Verfall in besonders stark ausgeprägter
Weise und entwickelt sich schließlich zu einer Art konven-
tionellem Jargon101'). Dabei hatte man es an Bemühungen,
das heimatliche Französisch nach kontinentalem, speciell Pariser
Muster zu modeln jenseits des Kanals von jeher nicht fehlen
lassen. Von den zahlreichen Ausländern, die außer dem
Verlangen nach gesellschaftlicher "und gelehrter Bildung der
Wunsch, in der französischen Sprache sich zu vervollkommnen,
nach der französischen Hauptstadt zog, stellte England im
Mittelalter und darüber hinaus ein besonders großes Kon-
tingent u0). Daneben begegnet in vornehmen Kreisen der
Brauch, durch französische Erzieher die Kinder in französischer
Sitte und Sprache daheim unterweisen zu lassen m).
Grammatische Anleitungsschriften und sonstige Hilfsmittel
zur Erlernung des Französischen begegnen in England seit
dem 13. Jahrhundert. Sie mehren sich gegen Ende des
14. Jahrhunderts11'-) und erscheinen seit dem 16. u3) in
großer Zahl.
6. Deutschland und die anderen deutschsprachigen Länder.
Französischer Spracheinfluß begegnet hier im Mittelalter
seit dem 11., in steigendem Maße im 12. und 13. Jahrhundert,
als Folge der Kulturhegemonie Frankreichs, die sich auf ver-
schiedenen Gebieten geistigen Lebens, im besonderen in der
Hervorbringung eines von dem Rittertum getragenen neuen
gesellschaftlichen Bildungsideals äußerte114). Ein wichtiges
los) F. W. Maitland The Anglo-French law langttage, in: The Cam-
bridge History of Engl. Litt. ed. by A.W. Ward and A. R. Waller I, 407 ff.
(Ans der Einleitung von Maitlands Ausgabe der Year books of Edward LI
(Seiden Society Series).
no) A. Bndinszky Die Universität Paris und die Fremden an derselben
im Mittelalter. Berlin 1S7»>. — Fr. J. Furnivall Early English Meals an<f
Manners . . . with some forewords on education in Early England. London
1868 (Early Engl. Text Society XXXII). p. XL f.
ul) Philippe de Beaumauoir Jehan et Blonde V. 403 f.
ll!) J. Stürzinger Orthographia Gallica. Heilbronn 1884. Einleitung 1 :
Zur Geschichte der franz. Grammatik in England vor dem XVI. Jh.
11S) A. H. üpham I.e. p. 9 ff.
m) K. Lamprecht Deutsche Geschichte III (Berlin 1893), p. 1831t. —
G. Steinhausen Geschichte der deutschen Kultur I 2. Auh". (Leipzig und Wien
1913), p. 308 ff. — Die folgenden beiden Bücher L. Reynaud's zeugen von
großer Belesenheit aber ebenso großer Voreingenommenheit ihres Verfassers :
Les origines de l'inflnence francaise en Allemagnc I. Paris 1913 (vgl.
R. Holtzmann Frankf. Zeit. 3. Jan. 1915. Erstes Morgenblatt); Histoire
generale de l'inftuence franraise en Allemagne. Paris 1914. — Den Ein-
fluß französischer Cisterzienser mönche auf die Namengebmig eines
Ortes in Schlesien sucht H. Sabersky (Alt französisches in der schlesischen
/.'. ■•/<,' zu einer Qeschichtt der französischen Sprache. 183
Vermittlungsgebiet der deutsch-französischen Beziehungen
bilden die Grenzgebiete am üsiederrhein, Flandern und Bra-
brant, von wo sich der Strom französischen Geistes über die
nördlichen Niederlande, über West- und Süddeutschland und
Donauabwärts nach Osterreich hinein ergießt, während Nieder-
deutschland und das nördliche Mitteldeutschland davon meist
nur mittelbar berührt worden sind. Kenntnis der fransösischen
Sprache wird ein wichtiger Faktor der gesellschaftlichen Bildung
des Rittertums, das ebenfalls unter französischem Einfluß die
literarische Führerschaft übernimmt.
Avoit une costumt ens el tiois pais
Qiu ü grant signor, li conti et li marchis
Avoient entour eux gent frangois tons dis
Four aprendre frangois lor.filles et fils,
dichtet in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts der Bra-
banter Adenet 115) mit offenbarer Anspielung auf die Verhält-
nisse seiner Zeit. Auch fehlt es nicht an Zeugnissen dafür,
daß man auf Erlernung der französischen Sprache an der
Quelle selbst bedacht war. Von etwa 1180 ab spiegelt die
Sprache der Literatur in besonders starkem Maße die Ein-
wirkung der feineren höfisch-ritterlichen Kultur Frankreichs
durch die Aufnahme französischer Ausdrücke für Begriffe
des höfischen Lebens wieder116). Außer einer großen Menge
französischer Wörter und "Wendungen, fanden Wortbildungs-
mittel und Übersetzungen französischer Modewörter Eingang
in die jetzt entstehende höfische Kunstsprache 117), die zu
Mundart) in den Mitteilungen der Scklesischen Gesellschaft für Volks-
Icunde XV (1913), p. '209 f. nachzuweisen und stellt ebenda eine Unter-
suchung anderer Wörter in Aussicht, die eine von den Klöstern ausgehende
altfranzösische Spracheinwirkung- vermuten lassen. Vgl. dagegen L. Schulte
Angebliche altfranzösische Ortsnamen in Schlesien ib. XVI (1914), p. 88 ff.
m) Berte aux gratis pies p. p. Aug. Scheler. Bruxelles 1874, v. 148 ff.
lls) Fr. Seiler Die EnUvickelung der deutschen Kultur im Spiegel des
deutschen Lehnwortes II. Von der Einführung des Christentums bis zum
Beginn der neueren Zeit. 2. Aufl. Halle a. S. 1907. p. 104ff.
117) E. Steinmeyer Über einige Epitheta der mhd. Poesie. Rede beim
Antritt des Prorektorates der Kgl. Bayer. Friedrich-Alexanders-Universität
Erlangen. Erlangen 1889. — J. Kassewitz Die französischen Wörter im
Mittelhochdeutschen. Straßburger Dissertation 1890. — R. F. Kaind! J>ie
französischen Wörter bei Gottfried von Strasburg, in: Zeitschr.f. mm. Phil.
XVII (1893). p. 356—367. — Th. Maxeiner Beiträge zur Geschichte der
französischen Wörter im Mittelhochdeutschen. Marburger Dissert. 1897. —
L. Wiener French words in Wolfram von Eschenbach, in: American Journ.
of Phil. XVI (1895), 326—361. — F. Piquet De vocabulis quae in duodecimo
seculo et in tertii decimi principio Gallis Germani assumpserint. These.
Paris 1878. — H. Palander Der französische Einfluß auf die deutsche Sprache
im zwölften Jahrhundert, in: Memoires de la societe neo-philologiqne d
Helsingfors III (1902), p. 75—204. — Th. Maxeiner Die mittelhochdeutsche1!
Xubstayitire mit dem Suffix -ier. in: Arch. f. neuere Spr. CX (1903), p. 312—
184 />. Behrens.
in Ansehen gelangt, bevor sie mit dem Niedergang des
höfischen Rittertums gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts all-
mählichem Verfall entgegengeht. Ein Teil der in derselben
enthaltenen französischen Elemente wurde von der Sprache
des täglichen Verkehrs aufgenommen und hat hier dauernd
Bürgerrecht erlangt.
Im 14. und 15. .Jahrhundert, der Zeit eines kräftig auf-
strebenden Bürgertums, haben erweiterte Handelsbeziehungen
zwar die Aufnahme französischen Sprachguts besonders be-
günstigt, im Ganzen aber läßt sich jetzt ein starkes Nach-
lassen des französischen Spracheinflusses feststellen 118).
Das ändert sich, als im 16. Jahrhundert eine unter ita-
lienischem und spanischem Einfluß stehende verfeinerte Hof-
kultur Frankreichs an deutschen Fürstenhöfen und beim Adel
Eingang findet 119). Die in höfisch-aristokratischen Kreisen
erneut hervortretende Hinneigung zu französischem Wesen
färbt bald auf einen Teil des seit der 2. Hälfte des 16. Jahr-
hunderts in einer wirtschaftlichen und sozialen Abwärts-
bewegung befindlichen Bürgertums ab. Politische Verhältnisse,
Französierung des diplomatischen Verkehrs durch Karl V. 120),
die Einwanderung zahlreicher Grlaubensflüchtlinge m), ein ent-
wickelter Reiseverkehr u. a. haben den französischen Einfluß
begünstigt, den, wie im Mittelalter, die südlichen Niederlande
haben vermitteln und verstärken helfen und der jetzt wie
damals nicht zum wenigsten auch in einer starken Vorliebe
für die französische Sprache seinen Ausdruck findet.
In der Erziehung der Fürsten beginnt bereits im 16. Jahr-
hundert die Erlernung der französischen Sprache eine wichtige
Rolle zu spielen. Ebenso wurde in den Kreisen des Adels,
345, t'XI (1903), p. 404. — Hugo Suolaliti Ein französisches Suffix im
Mittelhochdeutschen, in: Xeuphilologische Mitteilungen herausgegeben vom
Neuphilologischen Verein in Helsingfors. XIV (1914), p. 111—124. — Ar-
beiten, welche die neuere Zeit mit behandeln, sind weiter unten auf-
geführt.
m) Fr. Seiler l. c. 11- p. 186 ff. III. p. 90ff. Vgl. auch Anm. 119 C. Ge-
bauer p. 5 f.
m) G. Steinhausen Die Anfänge des französischen Literatur- und
Kultureinflusses in Deutschland in neuerer Zeit, in: Zs. f. vgl. Litterat ur-
gesch. X. F. VII (1894). p. 349-382. — C. Gebauer Geschichte des franzö-
sischen Kultureinflusses auf Deutschland von der Reformation bis zum
dreißigjährigen Kriege. Straßburg 1911. — G. Steinhausen Geschichte der
deutschen Kultur. 2te Aufl. \\ (Leipzig u. Wien) 1913, p. 2931t'.
•50) G. Steinhausen Zs. f. vgl Literaturgeschichte. N. F. VII (1894),
p. 358 f.
11 ') H. Tollin Die französischen Kolonien im deutschen Reich, in:
Deutsche Erde. 1. Jahrgang, Gotha 1902. p. 4f. Dazu ib. Karte der franzö-
en Kolonien im (irbiete des heutigen Deutschen Reichs, entworfen von
Paul Lanehans.
Beiträgt zu einer Geschichte der französischen Sprache. L85
der an die Höfe Anschluß suchte, auf Aneignung- des Fran-
zösischen schon damals in steigendem Maße Bedacht ge-
nommen. Für die Stellung des Bürgertums bezeichnend ist
ein Vorkommnis aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts, auf
das ich bei anderer Gelegenheit hingewiesen habe l22). Der
Prodekan der philosophischen Fakultät der Universität Gießen,
Conrad Bachmann, lädt im Jahre 1611 in einem lateinisch ab-
gefaßten Schreiben zum Besuch eines in französischer Sprache
gehaltenen Vortrags des aus Pforzheim gebürtigen Kandidaten
der Philosophie Auchter ein, mit dem Bemerken, dal.) er
(Bachmann) selbst Französisch nicht versteht, und wenige von
den Geladenen nach seiner Meinung es verstehen dürften:
})Cives igitur Academici, quiqui estis quaesumus hora dicta con-
venire, et Oratorem hunc nostrum in media Germania natum et
educatum volubiliilla et Gallica lingua perorantem auscultare, et
si pauci vestrum sint} <//ii ea quae dictiirus est intellignnt {iieque
ijisr intelligo) saltem propter argumentum Orationis adeste . . ."
Als Auchter den vor versammeltem Senat gehaltenen Vortrag
auf Anraten seines akademischen Lehrers, Philipp Garnier,
dem Druck übergeben, bemerkt er in einem an 3 badische
Prinzen gerichtetenWidmungsschreiben, daß er sich auf Wunsch
seiner Eltern dem Studium der französischen Sprache gewidmet
habe „principalement pour ce que c'est celle <jni /»nur h iour
d'huy est le plus en usage en la cour des Princes et Seigneurs,
ii de In quelle on se sert coustumierement en toutes conversations
rt devis familiers". Das Ganze ist ein interessanter Beleg
dafür, daß zu Beginn des 17. Jahrhunderts die gelehrte Welt,
wenngleich sie ihrerseits am Latein festhielt, dem Französischen
als Element eines höfischen modernen Bildungsideals weitest-
gehende Zugeständnisse machte, und daß man um diese Zeit
in Bürgerkreisen die Sprache der neuen Bildung sich anzueignen
bestrebt war. Als dann mit der politischen Vorherrschaft
Frankreichs unter Ludwig XIV. der französische Einfluß in
wirtschaftlicher und kultureller Beziehung allgemein eine
weitere außerordentliche Steigerung erfuhr, wuchs auch das
Ansehen der französischen Sprache, die sich in Deutschland das
ganze 18. Jahrhundert hindurch bis in das 19. hinein außer-
ordentlicher Verbreitung erfreute 123). Alle Welt wollte jetzt
122) Zur Geschichte des neusprachlichen Unterrichts an der Universität
Gießen [Sonderabdruck aus: Die Universität Gießen von 1607 bis 1907.
Festschrift zur dritten Jahrhundertfeier herausgegeben von der Universität
Gießen. Gießen 1907], p. 3.
123) Laniprecht Deutsche Geschichte Nil (Freiburg im Breisgau 1905),
p. 22 ff. — B. Haendke Deutsche Kultur im Zeitalter des dreißigjährigen
Krieges. Leipzig 1906. p. 324—336. — C. Gebauer Quellenstudien zur (be-
schichte des neueren französischen Einflusses auf die deutsche Kultur, in:
Archiv für Kulturgeschichte V (1907), p. 440-468, VI (1908), p. 1—21. —
C. Gebauer Quellenstudien zur Geschichte des französischen Einflusses auf
L86 D. Behn ns.
Französisch leinen und unter denen, die es bis zur Beherrschung
der fremden Sprache nicht brachten, suchten viele wenigstens
der Muttersprache durch Einfügung französischer Brocken
ein französisches Ansehen zu geben. 1687 bemerkt Thomasius
in seinem Programm „Von Nachahmung der Frantzosen" :
..bey uns Teutschen ist die frantzösische Sprache so gemein
geworden, daß an vielen Orten bereits Schuster und Schneider,
Kinder und Gesinde dieselbe gut genung reden124)." Zehn
Jahre später findet Leibniz, obwohl er für eine maßvolle
Einbürgerung fremder Wörter eintritt, daß „der Mischmasch
iieulich überhand genommen, also daß die Prediger auf
der Kanzel, der Sachwalter auf der Canzley, der Bürgersmann
im Schreiben und Reden, mit erbärmlichem Französisch sein
Teutsches verderbet1' l25). 17:28 schreibt Montesquieu von
Wien an den Abbe d'Olivet: „Notre langue y (in Wien^l est
si universelle qu'elle ij est presque la seule ckez les konnetes
,-,,<. et V Italien y est presque inutile. Je suis persuade <]!<<■
rancais gagneru tous les jours dans les pays itrangers.
La coinmunication des peuples y est si grande qu'ils ont abso-
lument besoin d'une langue commune, et on choisira toujours
notre francaisCi r-6). 1745 verfügte Friedrich der Große, daß
die Publikationen der Berliner Akademie sämtlich in franzö-
sischer Sprache zu erscheinen haben, und Maupertuis, der Prä-
sident der Akademie, nennt 1750 das Französische „plutdt la
langue de l'Europe entiere que la langue des Frangois" l27).
Über ganz Deutschland ergoß sich eine wahre Flut franzö-
sischer Literaturwerke, die im Original und in Übersetzungen
begierig aufgenommen wurden. So erfahren wir aus der
Deutschland seit dem dreißigjährigen Kriege, in: Archiv für Kulturgeschichte
IX (1911), p. 404—438. — G. Steinhausen' Gesch. d. deutschen Kultur 11
{2. Aufl. 191.'}). p. 335 ff. — Bettina Strauß La eulture francaise ä Franc-
fort au X\'IIIe siede. Paris 1914. — Von älteren Schriftstellern seien er-
wähnt : Jh. Gli. Radiott Frankreichs Sprach- und Geistestyrannei über Europa
s< U dem Rastatter Frieden des Jahres 1714, München 1814, und Fr. Rühs
Historische Entwicklung des Einflusses Frankreichs und der Franzosen
auf Deutschland und die Deutschen. Berlin 1815.
"*) J.O.Opel Christian Thomas. Kleine deutsche Schriften, in: Fest-
' der hiitor. Commission der "Provinz Sachsen zur Jubelfeier der
Universität 1 Falle -}Yittenberg am 1. bis 4. August 1894. p. 101.
m) Uncorgreifliche Gedanken, betreffend die Ausübung und Ver-
besserung der teutschen Sprache ed. G. E. Guhraner, in : Leibniz's Deutsche
Schriften, Berlin 1838, I, p. 456. Vgl. über Leibnizens Verhältnis zur
franz. Sprache Edm. Pfleiderer Gottfried Wilhelm Leibniz als Patriot, Staats-
mann und Bildungsträger, Leipzig 1876, p. 295, 689 ff.
m) Correspondance de Montesquieu p. p. Francis Gehelin. Avec la
'Kollaboration de M. Andre Morize. T. I (Paris 1914), p. 217.
'") Manpertois, Des devoirs de l'Academicien, in: Hist. de l'Ac.
le des sciences et belles lettres. Annee 1753 (Berlin 175.0». Memoires
I ff. Vgl. Ad. Ilarnack Geschichte der Königl. preuß. Ar. der Wisse7isch.
zu Berlin. Erster Band. Erste Hälfte. Berlin 1900.
Beiträgt zu einer Geschichte der französischen Sprache. 187
„Litteratur- und Theaterzeitung1' für das Jahr 17 82, daß sich
um die Mitte des .lahrhunderts in Stralsund „ein Liebhaber-
theater formierte, auf dem aber Deutsche leider Französisch
reden"128). „Dem französischen Theater haben Zeit, Übung,
Glück, Natur und Menchen so viel Vorzüge vor dem unserigen
erworben, daß wir niemals die Unverschämtheit haben werden,
uns mit demselben in eine Yergleichung zu setzen/' bemerkt
i < 48 der Schauspieldirektor Johann Friedrich Schönemann in
der Vorrede zum 2. Bande seiner Sammlung von „Schauspielen,
welche auf der von Sr. Königl. Majestät in Preußen und von
[hro Hochfürstl. Durchl. zu Braunschweig und Lüneburg privi-
legierten Schönemannischen Schaubühne aufgeführt werden" l29).
Auch als es mit Frankreichs kultureller Vorherrschaft in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu Ende ging, und in
Deutschland erfolgreiche Bestrebungen um Begründung und
Pflege einer nationalen Kultur und Literatur der Muttersprache
wieder zu ihrem Rechte verhalfen, hat das Französische im
Ganzen an Ansehen zunächst wenig eingebüßt. Friedrich
der Große, der durch sein« Taten so viel zur Kräftigung des
nationalen Gedankens beigetragen, hat sich selbst dem Ein-
fluß französischer Philosophie, Literatur und Sprache nicht
mehr zu entziehen vermocht. 1769 schreibt Herder: „Nach
der Muttersprache folgt die französische : denn sie ist die all-
gemeinste und unentbehrlichste in Europa. . . . Ich will, daß
selbst der Gelehrte besser Französisch als Latein könne" 13°).
Der Verfasser eines im „Theater-Kalender auf das Jahr 1785"
veröffentlichten Berichtes über das Fürstlich Leiningen'sche Ge-
sellschaftstLeater zu Dürckheim an der Hardt sieht sich zu der
ausdrücklichen Bemerkung veranlaßt, man möge aus den fran-
zösischen Stücken, die gegeben wurden, „nicht vermuten, daß
auch hier noch, wie an so vielen anderen Orten eine
Vorliebe für französische Stücke131) auf Kosten der Vater-
ländischen, herrsche". 1786 bemängelt der ( )sterreicher Alxinger
an einem Buch seines Freundes Reinhold „dessen über alle
Maß französierenden Styl" 132). Noch in der Zeit unmittelbar
m) Hans Devrieut Johann Friedrich Schönemann und seine Schau-
rgesellschaft. Hamburg und Leipzig 1895. p. 17B. Anm.
1:9) ib. p. 148.
13t) Journal meiner Heise im Jahre 1769. Herders sämtliche Werke,
irb. von B. Suphan IV. Berlin 1878, p. 393.
13 ') Gemeint sind Auffübrungen derselben in französischer Sprache.
Über das franz. Schauspiel an deutschen Höfen handelt eingehend J.-J. Olivier
Les < 'omediens Francais dans les cours d'Allemagne au XVlIIe siede.
4 Vol. Paris 1901-1905.
132) R. Keil Wiener Freunde 1784—1808. Beiträge zur Jugendge-
ite der deutsch-österreichischen Literatur. Wien 1883. p. 42. Es
lelt sich um Reinhold's anonym erschienene Schrift Herzenserleichte-
rungen zweyer Menschenfreunde in vertraulichen Briefen über Johann
r Lavaters Glaubensbekenntnis (Frankfurt!! und Leipzig 1785).
188 />. Behrens.
vor der Revolution haben die reisenden Landjanker unter
den in Paris sich aufhaltenden Deutschen eine besondere
Klasse gebildet. Nicolaus de Bonneville karikiert ihre Art in
einigen Briefen, worin er einen Junker seinen Vater mit haute-
ment bien ne, gracieux sieur Papa (Hochwohlgeborener. gnä-
diger Herr Papa!) anreden läßt133). Goethe spottet 1 Ti'n ;
Lange haben die Großen der Franzosen Sprache gesprochen,
Halb nur geachtet der Mann, dem sie vom Munde nicht floß,
Nun lallt alles Volk entzückt die Sprache der Franken l;ui.
Die Fremdherrschaft der napoleonischen Zeit hat den
Spracheinfluß Frankreichs auf Deutschland auf verschiedene
Weise zunächst gefördert 133), wenn auch gerade sie es war. die
zur Stärkung des nationalen Geistes und dadurch mittelbar zur
Beseitigung der französischen Sprachtyrannei in Deutschland
wirksam beigetragen. Wie sehr noch zur Zeit der Frei-
l") Vgl. G. Depping in: Deutsche Pandora 111, p. 103.
13 *) Yenetianische Epigramme Nr. 59. S. auch C. Sachs Goethes*
Beschäftigung mit französischer Sprache und Literatur, in: Zs. f. franz.
Spr. u. Litt. XXIII (1901). p. 41 f. und W. Bode Die Franzosen und Eng-
länder in Goethes Lehen und Urteil. Berlin 1915. Ein weiteres interessan-
tes Zeugnis für das in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts vorhandene
Bestreben bürgerlicher Kreise, es in der Aneignung des Französischen den
Adeligen gleichzutun, siehe Melangen de phüol. rom. dedies ä Carl Wahlund
(Macon 1896), p. 193 f. — Über die zahlreichen Franzosen, die von 1775 —
1806 in Weimar sich aufgehalten oder Beziehungen dorthin unterhalten
haben, vgl. Gh. Joret Les Francais äla cour de Weimar (1775 — 1806), in:
Nouvelles Archives des Missions scientifiques et litt erat res IX (1899).
p. 559—570.
136) Eine eingehende Untersuchung fehlt. Vgl. *La langue frangaise
dans les territoires annexes de 1794 d 1814. in Liter mediaire des chercheurs
et curieux 10 sept., SO. nov. 1894. — L. Salomon Geschichte des deutsehen
Zeitungswesens. Zweiter Band (Oldenburg und Leipzig 1902: Die deutsehen
Zeitungen während der Fremdherrschaft [1792—1814). — C. Gebauer Das
französische Element im Theaterleben Magdeburgs wahrend der Fremd-
herrschaft {Ende 1806 bis 1814). in: Geschichtsblätter für Stadt and Land
Magdeburg. 41. Jahrgang 180H. p. 32811'. — A.Fritz Theater und Musik
ichen zur Zeit der französischen Herrschaft, in: Zs. d. Aachener Ge-
schichtsvereins 23. Bd. (1901), S. 31-170. — A.Fritz Theaterbezirke am
Rhein vor 100 Jahren, in: Die Rheinlande. Aprilheft 1902. — W. J. Becker
Forschungen zum Theaterwesen von Koblenz I. Gießener Dissert. 1915.
S. 58 ff. — Fr. Katt Berliner Theaterverhältnisse zur Franzosenzeit 1807—
1808, in: Deutsche Bühnengenossenschaft XXIX (1900), p. 199f.
Über die französischen Emigranten s. u. a. Ernest Daudet Histoire de
V Emigration pendant la revolution. 3 Bde. 1904—1917. — Chr. v. Strum-
berg Rheinischer Antiquarius. 2. unveränderter Abdruck I (1860), p. 4 fr.
— A. Hechelmann Westfalen und die französische Emigration, in: Zeitschr.
f. Vaterland. Geschichte und Altertumskunde Bd. 46, 2 (1888), p. 33—91. —
H. Harkensee Beiträge zur Geschichte der Emigranten in Hamburg. I. Da>
französische Theater. Wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht de>
Realgymnasiums des Johamieums in Hamburg. Ostern 1896. II. Madame
de Genlis. Wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht der Oberrealschule
und Realschule vor dem Holstentor zu Hamburg. Ostern 1900.
Beiträgt :>< l 'hte der französischen Sprache. 189
heitskriege weite Kreise im Banne der französischen Sprache
standen, ersieht man aus einer im Januar 181 2 „zum Besten
unbemittelter Freywilliger des Großherzogthums Hessen" her-
ausgegebenen Broschüre Friedrich Gottlieb Welcker's: Warn i
muß die französische Sprache weichen und wo zunächst? Daß
in der Diplomatie, meint Verfasser, das Französische beträcht-
lich von seinem Gebiet verlieren werde, lasse sich voraus-
sehen. AVeit weniger lasse sich erwarten, daß an den deutschen
Höfen der Geist der Zeit eine schnelle oder gänzliche Ver-
änderung hervorbringen werde. Die Umgangsweise der Vor-
nehmen und Beiehen richte sich überall viel nach den Höfen,
und so werde auch diese ganze zahlreiche Klasse nicht auf
einmal von der wohlbegründeten Gewohnheit, sich französisch
zu unterhalten, abkommen. Von der Jugend erst erwartet er
.mit Bestimmtheit, ,,daß sie den Unfug unter sich nicht mehr
dulden wird1' l3ü). Selbst diese Erwartung hat sich nur teilweise
erfüllt. Bereits im Ausgang der zwanziger Jahre (unter dem
8. Februar 1827) liest man in den „Blättern für literarische
Unterhaltung" : „Vir kennen einen Ort, da war es vor
1»» — 12 Jahren fast lebensgefährlich sich nur merken zu lassen,
daß man die Sprache der , ruchlosen Welschen \ das Idiom
aus dem .neuen Babel" verstand jetzt dagegen spielt
man daselbst französische Komödie, kleidet sich nach dem
neuesten Schnitt der rue Vivienne und parliert Französisch,
daß Franzosen und Deutschen die Ohren gellen möchten 13')."
Nach der Pariser Julirevolution dürften derartige Rückfälle
in die Französelei mancherorts erst recht in die Erscheinung
getreter sein. Besonders groß war jetzt auch die Zahl der
Deutschen, die zu ihrer Belustigung oder Belehrung kürzere
oder längere Zeit in Paris sieh aufhielten. Die deutschen
Gaue, bemerkt Depping im dritten Bande der „Deutschen
Pandora" (1840), sind voll von Handwerkern, welche sich in
Paris in ihrem Gewerbe vervollkommnet haben. Mit Bezug
auf die in Paris eine Zeitlang sich aufhaltenden zahlreichen
jüngeren deutschen Mediziner sagt Schokalski, Vorsitzender
des Vereins deutscher Arzte in Paris für das Jahr 1846, daß
es damals Sitte gewesen, das deutsche Doktordiplom mit Pariser
Sand bestreuen zu lassen 138). Unter den Deutschen, die um
diese Zeit des Erwerbs wegen nach Paris auswanderten, um
später in die Heimat zurückzukehren, nahmen einen besonderen
136) Ähnlich kräftigen Ausdruck fand die nationale Reaktion s
die französische Sprache in anderen Schriften der Zeit. Vgl. L. Geiger
Berlin 1688-1840. II (Berlin 1895). p. 389 ff. Auch die oben Anm. 122
erwähnten Schriften von Radioff und Rühs sind liier zu nennen.
137) S. H. Bloesch Das junge Deutschland in seinen Beziehungen zu
Frankreich. Bern 1903. p. 54 Anm.
m) W. Strickers Germania I (1847), S. 2S3f.
Ztaehr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV 1/4. 13
L90 Ü. .
Platz die aus Oberhessen stammenden Pariser Straßenkehrer
ein, deren Gesamtzahl Ludwig Bamberger L86ü auf minde-
stens 3000 geschätzt hat. Sie selbst zwar hätten zum Unter-
schiede von allen ihren in Paris sich aufhaltenden Landsleuten
nicht das Geringste von der französischen Sprache erlernt.
wohl aber seien ihre Kinder, mit denen sie reich gesegnet.
darin ziemlich schnell vorwärts gekommen l39), und wir dürfen
annehmen, daß auf sie die in der oberhessischen .Mundart
heute vorhandenen aus dem Französischen stammenden Wörter
zum Teil zurückzuführen sind. Mit Bezug auf die Aufnahme
französischer Wörter in die deutsche Hochsprache bemerken
Dollfuß und Neffzer in einem De l'esprit frangais et de l'esprit
nand üherschriebenen Aufsatz an der S;iirzc des ersten
Heftes der von ihnen begründeten Revue Germanique vom
Jahre 1858: „eile [la langue allemande] //>■ sali pas se borner,
■ -- montre toujours preU ä emprunter aux langues etrangereSf.
■ -,1,1m// an frangais".
Im 16. Jahrhundert bereits verallgemeinerte sich in ade-
ligen und besser situierten bürgerlichen Familien der Brauch,
ihre Söhne zur Ausbildung nach Frankreich zu schicken. Aber
auch diejenigen, denen die Mittel oder die Gelegenheit fehlten,
auf diese Weise an der Quelle die Sprache sich anzueignen.
fanden dazu in der Heimat bald reichliche Gelegenheit. An
gedruckten Hilfsmitteln zur Erlernung des Französischen fehlte
es seit dem 16. Jahrhundert nicht14'), seit der 2. Hälfte des
Jahrhunderts finden wir es. wenn auch zunächst nur vereinzelt.
us) Louis Bamberger La colonie allemande. in: Paris Guide. Paris
18b7. II, 1017 ff. Auch erschienen in der Rev. Moderne vom 1. Mai 18<57
mil in deutscher Übersetzung in Ludwig Bambergers Gesammelten Schriften
!. 213 ff. — Fr. Bansa Die deutsche Hügelgemeinde in Paris. 1858— 1!»08.
Ein P5eitrag zur Geschichte der deutschen Auslandsdiaspora. Verlag des
i "hristlichen Zeitschriftenvereins. Berlin 1908. — Vgl. auch Die Pariser.
Ein Roman aus Hessen von Alfred Bock. Berlin 1909.
14°) P. Stengel Chronologisches Verzeichnis französ. Grammatiken vom
Ende des 14. bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Oppeln 1890. —
Ch. Beaulieux Liste des dictionnaires, lexiques et vorabulaires francais
■nti'rieures au „thresor" de Nicot (1608),'m: Melanges de Philologie o/ferts
d Ferdinand Brunot. Paris 1904. p. 371—398. Das von Beaulieux p. 398
nach Schwartze {Die ~\Yörterbüchcr d. frz. Spr. vor dem Erscheinen des
Dict. de l'.lc. frg. Jena 1875) aufgeführte Vocabularium Latinis, Gallicis
<■ TJieutonicis rerbis scriptum. Lyon, Jehan Thomas 1507 dürfte identisch
sein mit dem von ihm ebenda nach Brunet verzeichneten vom Jahre 1514.
Bei dem von Beaulieux p. 381 erwähnten Dictionarius[t\Latinis, Gallicis et
Germanis vocabulis conscriptus. Straßburg, Humpffuff 1515 handelt es sich
um einen anderen Druck des gleichen Werkes. Die beiden von mir einge-
sehenen Drucke Lyon 1514 und Straßburg 1515 befinden sich auf der Hof-
and Staatsbibliothek in .München. Sie wurden beschrieben von Simonsfeld
im Ausland 1893, Nr. 27 und danach zitiert von G. Steinhausen Zs. f. vgL
Lütges -h. X. F. VII. p. 357 Aiim.
äyi zu einer Get zustechen Sprache. 191
im Lehrplan öffentlicher Bildungsanstalten1*1), und Lehrer
desselben begegnen seit dieser Zeit in wachsender Zahl141).
Französische Sprachmeister, meist Franzosen oder Wallonen,
die wegen ihres Glaubens der Heimat den Rücken kehrten 142),
haben später Deutschland geradezu überschwemmt und konnten
trotz starker Nachfrage lohnende Beschäftigung in ihrem Beruf
nicht immer finden. So waren ihrer 1711 in Gießen so viele,
daß einer dem andern „das Brod aus dem Munde riß", und
in einem Bericht der Universität an den Landgrafen vom Jahre
1744 wird bemerkt, daß „es an dergleichen subjectis ... im
mindesten nicht fehlte, vielmehr ganz Teutschland derselben
einen großen l'berfiuß besitze, welche, wenn sie ihre Mutter-
sprache zu dozieren Urlaub erlangen können auch umsonst
und ohne den geringsten ordinären Gehalt ihren Aufenthalt
allhier zu nehmen, sich es vor einer Gnade schätzen-1 143).
Es ist nach dem Ausgeführten begreiflich, daß trotz früh
einsetzender und andauernder puristischer Gegenbestre-
141) C. Wahlund La philologie francaisK au temps jadis, in: Becueü
. '.moires philologiques presente ä M. Gaston Paris par ses Steves suedois,
Stockholm 1889. p. 103if. — C. Dorfeid Französischer Unterricht, geschicht-
licher Abriß, in: W. Rein Encyclqpädisches Handbuch der Pädagogik.
2. Aufl. 3. Bd. Langensalza 1905. p. 1—31.
li2) S. Anni. 121 Tollin und beachte über die Flüchtlingsgemeinden aus
der großen Zahl einschlägiger Arbeiten im besonderen noch: Ch. Ancillon
Histoire de Vetablissement des Francais refugies dans le Brandeboury.
Berlin 1690. — Erman et Reclam, Memoires pour servir ä l'histoire des
Befugtes frangais dans les Etats du Boi. Berlin 1782ff. — Chv Weiss
Histoire des refugies protestants. France depuis la revocation de VEdit de
Nantes jusqu'ä nos jours. 2 vol. Paris 1853. — [Ph. Weyel] Die franzö-
sische Kolonie Neu-Isenburg bei Frankfurt am Main. Neu-Isenburg 1861.
— C. F. Köhler Die Befugtes und ihre Kolonien in Preußen und Kurhessen.
i 1867. — Ed. Muret Geschichte der französischen Kolonie in Branden-
burg-Preußen. Berlin 1885. — H. Tollin Geschichte der französischen
Kolonie von Magdeburg. 3 Bde. Halle 1887 ff. — A. Schöttler Die franzö-
n Kolonien zu Müncheberg und Fürstenwalde. I Müncheberg. Beilage
zum Programm des Gymnasiums in Fürstenwalde 1895. — G. Pariset
L'Ktid et les Eglises en Prusse sous Frederic-Guillaume Ier [1713—1740],
These. Paris 1896. p. 210-222: Le Befuge. — K. Neßler Festschrift zur
300jährigen Jubelfeier der wallonischen Gemeinde zu Hanau. Hanau
— E. Du Bois-Reymond Die Berliner französische Kolonie in der
AI: d. Wissenschaften (Du Bois-Reymond Beden. 2. Bd. 1887: S. 503— 524).
— C. Marmier Geschichte und Sprache der Huycnottenkolonie Friedrichs-
lorf am Taunus. Marburg 1901. — * Auguste Descamps Un villaye
■ eis en Allemagne: Friedrichsdorf (Taunus). 101 p. 0. J. u. 0.
(s. H. Witte Deutsche Erde XI (1912), p. 181 f.) — D'- Ebrard Die franzö-
sische reformierte Gemeinde in Frankfurt a. M. 1554—1904. Frankfurt 1906.
— S. ferner: Die franz. Kolonie. Zeitschr. f. Vergangenheit u. Gegenwart der
firanzösisch-reformierten Gemeinden Deutschlands; Geschichtsblätter des
deutschen Hugenotten -Vereins und Bulletiji historique et litteraire de. la
— . l'Mist. du protestantisme frangais.
us) Zur Geschichte des neusprachl. Unterrichts an d. Univ. Gießen
ien Anm. 122), II. 343.
13*
L92 D. Behi
bungen1**) zu den im Mittelalter in das Deutsche einge-
drungenen französischen Lehnwortern und "Wortbildungs-
elementen seit dem l»i. Jahrhundert sehr zahlreiche neue hin-
zugekommen sind u'°). Wie nachhaltig und tiefgehend der
'*•) H. Wolff Der Purismus in der Litteratur des 17. JaJirhunderts.
Straßburger Dissert. 1888. — H. Schultz Die Bestrebungen der Sprach-
gesellschaßen des XVII. Jahrhunderts für die. Reinigung der deutschen
Sprache. Göttingen 1888. — Fr. Kluge \'on Luther bis Lessing. 4. Aufl.
Straßburg L904, p. 166 ff. — A. Streuber Deutsches Wesen und deutsche
Sprache in französischen Sprachlehren früherer Jahrhunderte, in: Seue
Jahrbücher 1916. II, p. 261— 275. — über Sprachreinigungsbestrebungeu
im 18. Jahrb. vgl. W. Feldmann Zs. f. deutsche Wortforsch. VII (1905)
p. '241 ff., ib. VIII (1906) p. 49; über solche zu Beginn d. 19. Jahrhunderts
L. Geiger Berlin 1688—1840 (s. oben Anm. 13(5), p. 389ft.
UB) Fr. Aug. Brandstäter Die Gallicismen in der deutschen Schrift-
sprache mit besonderer Rücksicht auf unsere neuere schönwissenschaftliche
Literatur. Eine patriotische Mahnung. Leipzig 1874. — J. Moers I>ic
Form und Begriffsveränderungen der französischen Fremdwörter im
Deutschen. Bonn 1884 (Beil. zum Progr. d. höheren Bürgerschule zu Bonn.
( »stein 1884). — J. Blumer Zum Geschlecht swandel der Lehn- und Fremd-
wort er im Hochdeutschen. Leitnieritz 1890. — Th. Gärtner Französische
Redensarten in unserem Deutsch, in: Wissenschaftliche Beihefte zur Zs.
d. allg. deutschen Sprachvereins, 5te Reihe, Heft 32 (1910). — Fr. Seiler
Die Entwiehelung der deutschen Kultur im Spiegel des deutschen Lehn-
worts. III und IV. Halle a. S. 1910 u. 1912.
F. Kluge Deutsche Studentensprache. Straßburg 1895, p. 68 f.:
Französische Einflüsse. — P. Lemhke Studien zur deutschen Weidmanns-
sprache. Rostocker Dissert. 1898. p. 33f. : Fremde Einflüsse. — H. Klenz
Die deutsche Druckersprache. Straßburg 1900. p. XXI f. — L. Günther
Das Rotwelsch des deutschen Gauners. Leipzig 1905. p. 36 ff. : Anteil d.
Französischen. — A. Schirmer Wörterbuch d. deutschen Kaufmannssprache.
Straßburg 1911. p. XX. XXVII. XXXIV. XL. — A. Götze Deutscher Krieg
")nl deutsche Sprache, in: Neue Jahrbücher für das klassische Altertum.
Geschichte u. deutsche Lit. 1915. I. Abt. Bd. 35. p. 146 ff.
I). F. Malherbe Das Fremdwort im Reformationszeitalter. Disser-
tation Freiburg i. ßr. 1906. — C. Gebauer Gesch. d. frz. Kultureinfl. auf
Deutschi, von d. Reformat. bis zum dreißig}. Kriege (s. oben Anm. 123),
p. I52ff. : Die Sprache. — K. Weidmann Der Einfluß des Französischen
auf Fischarts Wortschatz in Gargantua. Gießener Dissertation 1913.
P. A. Lange Über den Einfluß des Französischen auf die deutsehe
Sprache im 17. u. 18. Jahrhundert, in: Uppsatser i romansk filologi tilläg-
nade Prof. P. A. Geyer pä haus sextioarsdag den 9 April 1901. Uppsala
1901. p. 225— 239. — Klara Hechtenberg Das Fremdwort bei Gtimmels-
hausen. Heidelberger Dissert. 1901. — Klara Hechtenberg Fremdwörter-
buch des 17. Jahrhunderts. Berlin 1914.
Fr. Juvancic Über Gallizismen in Lessings kritischen Schriften, in:
Jahresbericht d. k. k Staats-Oberrealschule in Laibachi. d. Schuljahr 1905 06.
Laibach 1906. Vgl. dazu Th. Matthias Zs. d. Allg. deutsch. Sprache. XXIII
1908 p. 129 — 132 und s. auch K. Behschnitt Lessings Ansichten von der deut-
schen Sprache. Breslauer Diss. 1915. p. 18 ff. : Fremdwörter. — 0. Schanzen-
bach Französische Einflüsse bei Schüler. Progr. Stuttgart 1885. (Vgl. dazu
• >. Walzel Arch. f. Literaturgesch. XV. 205 ff.). — D. Meyer Schiller und das
Fremdwort. Dissert. 1908. — Fr. Bock Französischer Einfluß in (roethe's
Sprache. Progr. Wien 1903. W. Strasdas Das Fremdwort bei Goethe bis
zu seiner Rückbin- aus Itcdien. Freiburger Dissert. Heidelberg1 1907. —
R. Weißenfels Über französische und antike Elemente im Stil Heinrich
e. Kleists, in: Arch. f. n. Spr. Bd. LXXX (1888), p. 265—312. 369—416.
Beiträge zu einer GeschichU der französischen Sprache. 193
französische Spracheinfluß gewesen ist, zeigt sich auch darin.
daß durch Yermittelung der Sprache der Gebildeten eine nicht
unbeträchtliche Anzahl französischer Wörter in die deutschen
Mundarten ihren Weg gefunden und dort sich dauernd ein-
gebürgert hat 146). Einen besonders starken französischen
Einschlag weist der Wortschatz der Mundarten Westdeutsch-
lands 14T) auf, da hier ein gesteigerter Grenzverkehr, in den
Reichslanden Elsal.VLothringen l48) außerdem eine jahrhunderte-
U6) R. Mentz Französisches im mecklenburgischen Platt und in den
Nachbardialekten. 2 Teile. Beilage zum Jahresbericht des Realgymna-
siums zu Delitzsch 1897 und 1898. — C. Fr. Müller Zur Sprache und Poetik
Fritz Reuters. I. Wissenschaft!. Beilage zum Jahresber. d. Kgl. Gymuas. in
Kiel 1902. p. 4 ff.: Die frauz. Ausdrücke und die Wortbild, nach dem
Französischen. — E. Mackel Romanisches und Franziis. im Niederdeutschen,
in: Festscbr. A. Tobler zum 70. Geburtstage dargebracht von d. Berliner
Gesellsch. f. d. Stnd. d. n. Sprachen 1905. p. 263—273. — H. Schönhoff
Französ. Lehnwörter in d. niederd. Mundarten, in: Germ.-rom. Monats-
schrift I (1909), 6. — E. Jiischke Lateinisch-romanisches Fremdwörterbuch
der schlesischen Mundart. Breslau 1908.
147) Ph. Keiper Franziisische Familiennamen in der Pfalz und Franzö-
sisches im Pfalzer Volksmund. Progr. Zweibrücken 1891. — J. Leithreuser
Gallicismen in niederrheinischen Mundarten I. IL Progr. Barmen 1891 und
1894. — L. Florax Französische Elemente in der Volkssprache des nörd-
lichen lloergebietes. Progr. Viersen 1893. — Ph. Lenz Die Fremdwörter des
Handschuhsheimer Dialekts. Progr. Baden-Baden 1896 (vgl. dazu Zs. f.
hochd. Mundarten I, 136 — 138). — Ed. Sorg Rom -umsehe Lehn- und Fremd-
wörter i-m.jjberp/ülzischen, in: Die Oberpfalz VII (1913), Heft 6—10. —
A. Bach Über die lateinisch-romanischen Elemente im Wortschatz der
nassauischen Mundart, in: Nassauische Annalen 42. — M. Martin Die
französischen Wörter im Rheinhessischen. Gießener Dissert. 1914.
148) J. Petersen Das Deutschtum in Elaß-Lothringen. München 1902.
1 1 ler Kampf um das Deutschtum Heft 5]. — H. Witte Das Deutschtum
Elsaß-Lothringens nach der Volkszählung, in: Deutsche Erde VIII (1909),
p. 4H ff. 76 ff. — G. Anrieh Deutsche und französische Kultur im Elsaß in
geschichtlicher Beleuchtung. Rede, gehalten zur Feier des Geburtstags Sr.
Majestät des Kaisers am 27. Januar 1916 im großen Saal der Aubette.
Straßburg 1916. — C. Zwilling Die fransösische Sprache in Straßburg bis
zu ihrer Aufnahme in den Lehrplan des Protestantischen Gymnasiums,
in: Festschrift zur Feier des 350jährigen Bestehens des Protestantischen
Gymnasiums zu Straßbarg. p. 255 — 304. — E. Schmidt Die Sprache des
Elsaß im vorigen Jahrhundert, in: Im neuen Reich. IV (1874), 2. p. 1011 —
1015. — *H. Kaiser Der Kampf gegen die deutsche Sprache in den elsässi-
schen Schulen von 1833 bis 1870 vornehmlich nach den Akten der Vnter-
richtsverwaltung (Elsaß-Lotbringische Kulturfragen 1913, Heft 4/5). Straßb.
Els.-Lotbr. Vereinigung. — Über die Straßburger Verhältnisse zu Beginn
der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts vgl. Korrespondenz- Nach-
richten im Morgenblatt für gebildete Stände vom 22. Juni, 30. September,
22. und 24. Oktober 1831. — Über die gegen Mitte des Jahrhunderts im
Elsaß hervortretenden Französierungsbestrebungen s. Angaben in Strickers
Germania I (1847), p. 213ff. In einer Notiz von Gödeke heißt es dort
p. 214 „Die französische Partei verschmäht selbst geringe Mittel nicht, sich
auszubreiten und die deutsche Sprache zu beeinträchtigen. Die amtlichen
Erlasse sind französisch und deutsch abgefaßt, die deutsche Seite ist nichts
als steife, gezwungene, fast buchstäbliche Übersetzung der französischen
Phrasen, so daß einem Bauer das Verständnis des Deutschen fast ebenso
im.} h. i-
lange Fremdherrschaft die Aufnahme französischen Sprachgutes
außerordentlich begünstigten. Ebenso erklärt es sich aus geo-
graphischen, politischen oder volkswirtschaftlichen Gesichts-
punkten, daß von den nicht zu Deutschland gehörigen deutsch-
sprachigen Ländern Holland149), das Großherzog-
tum Luxemburg150), die via mischen Gebiete ]><■!-
giens und Nor dfrankr eiche151) und die deutsche
schwer wird, wie das des Französischen. Die Regierung soll mit Absicht
durchaus französische Regimenter in das Elsaß legen, um den unteren
Klassen durch den unvermeidlichen Umgang mit den Soldaten das Franzi'. -
beizubringen ..." — M. Besler Die Forbacher Mundart und ihre
französischen Bestandteile. Progr. Forbach 1900. — K. Roos Die Fremd-
wörter in den. elsässischen Mundarten, in: Jahrbuch f. Geschichte, 'Sprache
und Literatur Elsaß- Lothringens XX (1904). p. 161—2(52. — G. May La
luttc poiir le francais cn Lorraine arant 1870. Etüde sur la propagation
de la langne francaise dans les departements de la Meurthe et de la Moselle.
Avec une carte hors texte. Paris und Nancy 1912 / Annales de l'Est
i'tie anuec fasc. 1]. Vgl. dazu H.Witte Sprachenkämpfe in Lothringen vor
1870, in: Deutsche Erde XI (1912), p. 195-205. Üher die Sprachgrenze
wird in anderem Zusammenhang zu handeln sein.
149) J. te Winkel Geschichte der niederländischen Sprache §§ 62. 63.
68, in : H. Pauls Grundriß der germ. Piniol. 2. Aufl. I. 2. — Salverda de
Grave in: Taal en Letteren VII (1897). p. 97— 106. 129 — 144; Tijdschrift
voor nederlandsche Taal- en Letterkunde XV (1896), p. 172 — 219. XVI
1 1897), p. Hl-104. XXI (1902), p. 38-65, 297—315; Bomania XXX (1901),
p. 65— 112; Verhandelingen der Koninkl. Ak. ran Wetenschappe.n. Afd.
Letterkunde. X. R. VII (1906). 394 p. 8°; Handelingen der Maatschappij
ran Nederlandsche Letterkunde 1912, p. 23 — 57; Derselbe: L'influence de
la langue francaise en Hollande d'apres les mots empruntes. Paris 1913.
150) *A. Houdremont Histoire de la langue francaise comme langne
administrative du pays de Luxembourg. Luxemburg, chez l'auteur, 1898.
— Sturm La langue francaise dans le grand-duche du Luxembourg, in:
La langue francaise dans le monde p. p. FAlliance francaise. Paris 1900
(Vgl. zu dem stark tendenziös gefärbten Bericht Sturms H. Witte Deutsche
Erde. 1. Jahrg. 1902, p. 150). — J. Keiffer La langue et la litterature du
< Wand- 1 > uche du Luxembourg, in: Annales internationales d'Historire.
Congres de Paris 1900. 6e Section, Hist. comparee des litteratures. Paris
1901. p. 193—241. — Mme Poirier La decroissance de la langue francaise
dans le drand-Duche du Luxembourg. in: Congres international pour
l'extension et la eulture de la langue francaise. Prem. session, Liege
10—14 sept. 1905. Paris 1906. — Fr. Clement Das Deutschtum im Groß-
herzogtum Luxemburg, in: Deutsche Erde V (1906), p. 90 f. — *J. Tockert
Iiomuiiisrhe Lehniriirter in der luxemburgischen Mundart. Luxemburg
1910. — Über die Sprache im belgischen Kreise Arlon vergleicht-:
T. Kellen Arel. eine deutsche Stadt in Belgien, in: Globus LXXV (1899),
p. 21—24.
151) Frantz Funck-Brentano Philipp le Bei en Flaudre. Paris 1896.
p. 19—21 : La langue francaise en Flaudre. — W. de Vreese Gallicismen
in het Zuidnederlandsch. Gent 1899. — L. Stuyck La langue francaise ä
Anvers, in: Congres international pour l'extension et la eulture de la
langue franraise. Prem. sess. Liege, 10—14 sept. 1905. Paris 1906. —
<;. van Montagu Pourquoi fut fondee l\. Association flamande pour la
vulgarisation de la langue francaise", in: Congres international . . Prem.
sess. Liege, 10—14 sept. 190.;. Paris 1906. — i'ber den Sprachenkampf in
heitrihß zu einet Geschichte ■ Sprache. 195
Schweiz152) französischem Kultur- und Spracheinfluß in be-
sonderes hohem Grade ausgesetzt gewesen sind. Daß die
Niederlande als Vermittelungsgebiet dieses Einflusses im Mittel-
alter und in i]rr Neuzeit eine hervorragende Rolle gespielt
haben, wurde bereit.- bemerkt.
7. Die nordischen Länder.
Von Missionaren und Mönchen war seit dem 9. Jahrhundert
eine kulturelle Einwirkung Frankreichs auf die nordischen
Reiche ausgegangen1*53). Geistliche waren es auch in erster
Linie, die durch eine umfassende Übersetzertätigkeit 154) im
13. und 14. Jahrhundert zuerst in Norwegen die Bekanntschaft
mit der französischen Dichtung, insbesondere der höfisch-
ritterlichen vermittelt haben. Daß hier in den Tagen König
llakon Hakonarson's (1217 — 1263) die französische Sprache
in großem Ansehen stand, läßt eine Stelle des norwegischen
„Königspiegelsi£ erkennen, wo der Vater seinem Sohne die
Erlernung der lateinischen und französischen Sprache beson-
ders eindringlich empfiehlt l55). weil ihnen die weiteste Ver-
Belgien liegt eine umfangreiche neuere Literatur vor. auf die ich vielleicht
bei anderer Gelegenheit zurückkommen werde. Vgl. zuletzt H. Stens Von
der Genter Universität, in: Frankfurter Zeitung, Erstes Morgenblatt vom
Dienstag, 24. Oktober 1916.
lsr> Vgl. L. Gauchat et .1. Jeanjaquet Bibliographie linguistique de la
- -- Romande 1. p. 278 die Hinweise unter: „Gallomanie de la Suisse
aUemande." — Louis P. Betz J. J. Bodmer und die französische IMteratur,
Ein Litteraturbild der Kulturmaoht Frankreichs im XVIII. Jahrhundert
[Sonderabdruck aus Johann Jakob Bödmet; Denkschrift zum CC. Geburts-
tag (Zürich 1900)] p. 19 f. Nach Betz wäre in der deutschen Schweiz die
Gallomanie auch heute noch nicht allerorten ausgerottet. Er bemerkt p. 20
„Die Reaktion gegen diese Französelei, gegen das Pariserin in Sitte und
Sprache, ging von den protestantischen Orten der Deutsch-Schweiz aus,
namentlich von Zürich und Bern. Allein es bedurfte eines guteii Jahr-
hunderts, bis deutscher Stammesstolz, unabhängiger Schweizersinn, die
(Tallomanie ausrotteten — freilich nicht mit Stumpf und Stiel, denn sie
wuchert noch heute da und dort."
151 ■ F. .1. ('. La Porte du Theil Memoire concemant les relation
txistoient au douzieme siecle entre le Dänemark et la France, in: Memoires
de VInstitut National des sciences et arts. Litterature et beaux-arts. T. 4e.
Paii> Vendemiaire an XI. p. 212 ff. — Auguste Strindberg Les relations
de la France avec la Suede jusqu'ä nos jours. Esquisses historiques des
relations des deux pays. Paris 1891. p. 7 ff. — Louis Delavaud LesFran
dans le Nord. Notes sur les premieres relations de la France avec les
royaumes scandinaves et la Russie septentrionale depuis l'Antiquite jusqu'ä
la fin du XVI e siecle. Ronen 1911.
Ul) Eng. Mogk NorwegischAsländische Literatur: F. Die Übersetz
\tur, in: Panl's Grundriß der germanischen Philologie II, 1 (Straß-
burg 1901—1909). p. 857 tl.
155) Speculum regale. Ein altnorwegischer Dialog nach Cod. Arnamagn.
243 Fol. B und den ältesten Fragmenten hrsgb. von ('.Brenner. München
1881. p. 8.
D. Behrens.
breitung zukomme (poiat pcer tuugur yctuya vidast). Nicht
selten erfolgte die Aneignung des Französischen in Frankreich
selbst, haben wir doch bereits für das 11. und 12. Jahrhundert
Zeugnis, daß Nordlandsöhne an der Universität Paris ihren
Studien obgelegen haben 156). Im 13. Jahrhundert war ihre
Zahl so beträchtlich, daß als eines der ältesten in Paris
etablierten fremden Kollegien das dänische gegründet wurde 157).
wozu drei schwedische später hinzugekommen sind 1>8). Es
liegt nahe anzunehmen, daß die in Paris gebildeten Nordländer
wesentlich dazu beigetragen haben, die Bekanntschaft mit
französischer Dichtung in der Heimat zu verbreiten, wo am
norwegischen Königshofe für dieselbe ein empfanglicher Boden
schon früh bereitet war159). Dabei ist bemerkenswert, daß
im Gegensatz zu den mittelhochdeutschen Dichtern es die
nordischen Übersetzer im ganzen vermieden, französische
Wörter und Wendungen in die Muttersprache zu mischen,
indem sie die fremdländischen Ausdrücke. soweit es
anging, durch sinnverwandte heimische zu ersetzen oder
zu umschreiben sich bemühten 16°). Eine stärkere sprachliche
Einwirkung Frankreichs auf den Norden ist erst in der neueren
Zeit vom 16., namentlich aber vom 17. Jahrhundert ab erfolgt,
wobei in Schweden politische Beziehungen dem französischen
Einfluß allgemein noch besonders zu statten gekommen sind.
Französischen Glaubensflüchtlingen begegnen wir in Schweden,
seitdem Gustav Wasa seinem Sohn und Nachfolger Erich einen
aus seiner Heimat vertriebenen Hugenotten, Denis Beuree,
als Erzieher gegeben, der der treue Freund und Ratgeber des
unglücklichen Königs während dessen Regierungszeit
(1560 — 1568) blieb und wohl mit die Veranlassung war, daß
ll6) Vgl. L. Delevaud l. c. p. 31. — Abt Arnold voii Lübeck berichtet
um 1200, daß dänische Adelige ihre Söhne „nicht allein um den geistlichen
Stand zu heben, sondern auch zur Ausbildung in weltlichen Wissenschaften
nach Paris schickten". Dort wurden sie in die Sprache und Literatur
Frankreichs eingeführt. S. Die Chronik Arnolds von Lübeck. Nach der
Aussrabe der Monumenta Germaniae übersetzt von Dr. J. 0. M. Laurent.
Berlin 1853, p. 78 f.
187") Nach A. Budinsky Die Universität Paris und die Fronden an
derselben im Mittelalter, Berlin 187B, wurde das dänische als ..aller Wahr-
scheinlichkeit nach ältestes der fremden Kollegien in Paris von töagist< l
nes von Dänemark, Kanonikus von Saint-Genevieve. gegründet, der
1275 seinen in Paris studierenden Landsleuten ein zur Abtei Saint-Genevieve
gehöriges Haus testamentarisch vermachte. Nach A. Luchaire L'Universiti
de Paris sous Philippe-Auguste, Paris 1899. p. 28 wurde das erste Kollegium
von dem Engländer Josce gestiftet, als dieser 1180 von Palästina
zurückkehrte.
m) A. Geffroy Les etudiants suedois d Paris au 14e siede, in: Rev.
des soc. sar. V (1858). p. 659—669. — A. Budinsky l. e. p. 62-65.
u*) Vgl. R. Meißner Die Strengleikar. Ein Beitrag zur Geschichte
der altnordischen Prosaliteratnr. Halle a. S. 1902. p. 11 tili.
:t") Vgl. R. Meißner l. c. p. 234 ff.
.'/'/• zu einer Gen ichen Sprache, l'1"/
von diesem andere Franzosen in angesehene Stellungen befördert
wurden. Nachkommen französischer Hugenotten, die sich im
1/. Jahrhundert in den schwedischen Bergwerksdistrikten nörd-
vmn Mälarsee ansiedelten, verraten dort noch heute ihren
französischen Ursprung in Körperbau, Gesichtsausdruck und
iche "i1^. In Dänemark hat eine 1734 in Fredericia ge-
gründete französische reformierte Gemeinde ihren ursprüng-
lichen Charakter auch in der Sprache bis in die Gegenwart
hinein gewahrt l62). Die durch die neuen religiösen Lehren
beeinflußten Schriften Marots, Th. Beza's, Du Bartas', Plessis-
Mornay's und anderer wurden in den skandinavischen Ländern
früh übersetzt und nachgeahmt l63). Unter den Philosophen
der französischen Renaissance fand Pierre de la Ramee in
Schweden zahlreiche Anhänger. Nach ihm hat der von der
Königin Christine 1650 nach Stockholm berufene Descartes
nachhaltig die schwedische Philosophie beeinflußt. Durch
Christinens Hinneigung zu französischer Kultur und franzö-
sischem Wesen begünstigt hat damals die französische Sprache
auf den Wortschatz der schwedischen direkt und durch deutsche
Vermittelung sehr stark einzuwirken begonnen, so daß behauptet
worden ist, es sei ein schwedisch geschriebener Brief jener Zeit
wegen der Beimischung zahlreicher französischer Wörter fast
auch für einen Franzosen verständlich gewesen 164). Im Beson-
deren zeigt sich das zunehmende Interesse für die französische
Sprache im 17. Jahrhundert in Schweden noch in der Veröffent-
lichung mehrerer französischer Sprachlehrbücher l65), sowie darin,
daß schwedische Dichter und Gelehrte anfangen, ihre Werke in
französischer Sprache erscheinen zu lassen l66). Im 18. Jahr-
hundert wirkte der französische Literatur-, Kultur- und Sprach-
einrluß in Schweden in verstärktem Maße fort 167) und erreichte
hier seinen Höhepunkt mit der Regierung König Gustav's III.
(17 71 — 1792), dem Schüler Yoltaire's und der Encyclopädisten,
der eine ganz französische Erziehung genossen hatte, als
dramatischer Dichter französische Quellen benutzte und sich
1 A. Srrindberg l. c. p. 109 f.
1SI) Cli. Weiß Histoire des refugies protestants de France. Paris
1853, II, p. 308 ff.
1C3) A. Strindberg /. c. p. 115 ff. — E. Wrangel Apercu de l'influenci
de la litterature francaise sur la litterature suedoise, in: Annales inter-
i des d'histoire. Conqres de Paris 1900. 6e section: Hist. comp, des
'tures (Paris 1901), p. 179ft'.
"*) A. Strindberg l. c. p. 157 f.
m) S. L. Haminarskold Förtekning , lein Sverige, fron äldre, tili
närvarande Tider, utkomna Schale- och Undenrisnings-Böcker. Stockholm
1 8 1 7. p. 34 f.
:ef) A. Strindberg l. c. p. 158 f.
ie:) E. Wrangel l. c.
1>. B
in Beinen Erstlingswerken selbst der französischen Sprache
bediente168). Daß in Schweden im 18. Jahrhundert mehrere
Journale in französischer Sprache erscheinen konnten und die
in schwedischen Archiven aufbewahrten öffentlichen und
privaten Urkunden jener Zeit zum erheblichen Teil französisch
abgefaßt sind, sei als charakteristisch für die sprachlichen
Verhältnisse angemerkt169). Dem herrschenden französischen
chmack hat die von Gustav III. 1786 nach dem Muster
der französischen gegründete schwedische Akademie weiteren
Vorschub geleistet. Daü die Zahl der französischen Lehn-
wörter im Schwedischen unter diesen Umständen während des
18. Jahrhunderts „eher zu- als abnahm", darf angenommen
werden, auch wenn eine nähere Untersuchung hierüber zur
Zeit fehlt. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte eine
starke, von nationalen Erwägungen geleitete puristische Gegen-
bewegung mit Erfolg ein l70). Über den Gebrauch des Französi-
schen im Lande bemerkt der Franzose Du Chaillu l71) mit
besonderer Beziehung auf die Stockholmer Verhältnisse der
siebziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts, daß nach seiner
Wahrnehmung die heranwachsende Generation sich mit Vor-
liebe dem Deutschen und Englischen zuwende, „obschon die
offizielle Korrespondenz in französischer Sprache geführt werde
;i;s) Vgl. A. Qeffroy Gustave III et la cour de France-. I (Paris
1867), 54ff. : Kducation de Gustave III. Son premier voyage ä Paris. —
0. Levertin Gustav III som dramatisk författare. Stockholm [1894]. —
Kyell R. G. Strömberg La traqedie voltairienne en Suede, in: Rer. d'Histoire
litUraire de la France XXIII (1916), Nr. 1/2.
169) Vgl. A. Striudberg l. c. p. 180.
no) A. Noreen Geschichte der nordischen Sprachen, besonders in alt-
nordischer Zeit3 (Straßburg 1913), p. 46. — Vgl., was die Sprache des
18. Jahrhunderts angeht, die entgegenstehende Auffassung bei F. W. Born
Geschichte der Literatur des skandinavischen Nordens. Leipzig 188<>,
p. 322. — Über die französischen Lehnwörter in der heutigen Sprache
handelt eingehender Alfred Nordfeit Om franska Icinord i Svenskan, in:
Studier i modern sprakvetenskap utgifna af nyfilologisha sällskapet i Stock-
holm III (Uppsala 1901), p. 55—72. Beachte auch A. Nordfeit En fransk-
svensh etymologi, in: Arkiv für Nordisk Filologi XII (1896), p. 201—204.
— Das in Finnland heute gesprochene Schwedisch hat zum Gegenstand ein
Beitrag Annie Edelfelt:s: Liste de mots franvais employes dans la langue
suedoise arce une signification detournee. in: Memoires de la soc. neo-
philologique ä Helsingfors I (1893), p. 360— 371. — Über die französischen
Lehnwörter im Dänisch-norwegischen existiert m. W. noch keine etwas
eingehendere Untersuchung. Zum französischen Einfluß auf die dänische
Literatur im 18. Jahrhundert läßt sich u. a. vergleichen A. Legrelle Hol-
berg considere comme imitateur de Molii're, Paris 1864. Jul. Clausen
Wranske literater i Köbenhavn pä Frederik den femtes tid, in : Historisk
Tidsskrift, Syvemle rsekke, (Kjöbenhavn 1897—99), I p. 1—81.
m) Im Lande der Mitternachtsonne. Sommer- und Winterreisen
durch Norwegen und Schweden. Lappland und Nord-Finnland. Nach Paul
1'». Dn chaillu, frei übersetzt von A. Eelms. Zweite Auflage. Kleine Aus-
gabe, Leipzig 1885, p. 39.
Beitr ',ii, Geschichtt •' >' französischen Spracht*. 199
und viele den höheren Kreisen Angehörende diese Sprache
besser sprechen denn die übrigen'1. Allgemein läßt sich sagen,
daß in den skandinavischen Ländern das Französische sich in
den Kreisen der Höhergebildeten noch heute besonderen
Ansehens erfreut, während es dort im Geschäftsverkehr neben
dem Deutschen und Englischen sehr stark zurücktritt l'-).
8. Rußland173).
In der Geschichte der unter Peter dem Großen kräftig
einsetzenden „Europäisierung" Altrußlands bildet der Kultur-
und Spracheinfluß Frankreichs ein wichtiges Kapitel. Die
Pariser Reise Peters im Frühjahr 1717 wurde allgemein für
die Entwickelung der Beziehungen beider Länder zueinander
von weittragender Bedeutung. Nachhaltigen Einfluß auf dem
Gebiet der Hofsitte, des verfeinerten Luxus, der Literatur,
des Unterrichts, der künstlerischen Bestrebungen und der
Sprache hat Rußland durch Frankreich zuerst unter den
Regierungen Elisabeths (1741 — 1762) und Katharinas II.
(1762 — 1796 ) erfahren. Die Zahl der in Paris zum Vergnügen
oder zum Studium sich aufhaltenden Russen nahm jetzt be-
trächtlich zu. und hatten andererseits während der Regierung-
Peters des Großen und seiner unmittelbaren Nachfolger die
Franzosen nur einen kleinen Bruchteil der in Rußland lebenden
„"Westeuropäer" ausgemacht, so ergoß sich jetzt über das
Zarenreich eine wahre Flut französischer Einwanderer zum
vorübergehenden oder dauernden Aufenthalt. Wir finden sie
hier in den verschiedensten Stellungen und Berufen, als
Künstler. Gelehrte. Militärs. Kaufleute. Industrielle, Lakaien,
Köche. Hauslehrer usw.. und neben zahlreichen Abenteurern
und Industrierittern 114) begegnen unter ihnen einzelne Reisende
"•) Vgl. M. Gandolphe La langue francaise en Scandinavie [in: L>
langue francaise dans le monde, Paris 1900] p. 43 „En face de quelques
centaines d'Allemands installes dans chaque eentre commercial, des inevi-
tables agents britanniques disperses dans les inoindres comptoirs de l'extreme
nord, les Francais sont tout juste cinq ou six ä Stockholm, im peu moins
a i'hristiania. deux ä Helsingfors; ä Göteborg1, ä Bergen, un commis-
voyageur passe tous les six mois: depuis uue quinzaine d'annees, le
pavillon de notre marine marebande est presque oublie dans les ports de
la Baltiqne."
1TS) L. Pingaud Les Frankens en Russie et les Busses en Franc,;.
Paris 1886. — *Ch. de, Lariviere La langue. et l'influence francaist
Russie, in: Revue des Etudes franco-russes II (1902). — *F. Montussaint
La langue francaise en Russie de 1803 ä 1903, in: Rev. des Et. franco-
s III (1903). — Emile Haumant La eulture francaise en Russie
•1-1900). Paris 1910. — C. Mettig Die Europäisierung Rußlands im
18. .Jahrhundert. Gotha 1913 (Bildet den 2. Band von A. Brückners Ge-
8chichte Rußlands bis zum Ende des IS. Jahrhunderts).
m) In einer zeitgenössischen satirischen Zeitschrift. Novikow's
„Drohne", wird darüber in amüsanter Weise wie folgt gespottet: ,.1'ieset
Tage lief im hiesigen Hafen [Kronstadt] ein Schiff aus Bordeaux ein. auf
200 D. Behrens.
von Ansehen und hohem Rang. Französische Literaturwerke
werden nicht nur nachgeahmt, sondern finden Verbreitung im
Original und in zahllosen gedruckt und handschriftlich kur-
sierenden Übersetzungen. Kenntnis der französischen Sprache,
deren Aneignung entweder direkt an der Quelle in Frankreich
erfolgte oder durch die zahlreich im Lande sich aufhaltenden
Sprachmeister und durch öffentliche Unterrichtsanstalten ver-
mittelt wurde, gehörte immer mehr zum guten Ton äußer am
russischen Hof auch in den Kreisen des begüterten Adels und
des höheren Beamtentums. Als bezeichnend für das Ansehen.
in dem die französische Sprache bald nach der Mitte des
18. .Jahrhunderts in Rußland stand, sei hervorgehoben, daß an
der 1755 nach deutschem Muster gegründeten und mit deutschen
Lehrkräften besetzten Moskauer Universität die Vortragssprache
zunächst außer lateinisch französisch war, und daß bis 1765
alle Protokolle der Universitätskonferenzen in französischer
Sprache abgefaßt wurden. Als im Jahre 1760 der Rektor
der Universität den neuen Kurator mit einer französischen
Rede begrüßt, antwortet dieser in französischer Sprache*76).
Eine Folge der geschilderten Verhältnisse war das Eindringen
zahlreicher Gallicismen in die russische Hochsprache l76), deren
rasch fortschreitender Französierung eine von nationalem
Empfinden geleitete Gegenbewegung Einhalt zu tun versuchte.
Sumarokow, der Schöpfer der pseudoklassischen Tragödie nach
französischem Muster, trat allgemein für die Reinhaltung der
Muttersprache ein 17,2). Keine Geringere als die Kaiserin
Katharina, die Verehrerin Voltaires und der Encyclopädisten.
gab die französisch-russische Sprachmengerei des geckenhaften
«lern, neben anderen allermudernsten Waren, sich vierundzwanzig Franzosen
befanden, die sich alle für Barone, Chevaliers. Marquis und Grafen aus-
geben und sagen, daß sie infolge Mißgeschickes in der Heimat, das
sich aus verschiedenen Ehrensachen ergeben, gezwungen worden seien.
statt in Amerika in Rußland goldene Berge zu suchen . . ." Vgl. A. von
Reinholdt Geschichte der russischen Litteratur von ihren Anfängen bis
luf die neueste Zeit. Leipzig o. .f. p. 423.
m) D. A. Tolstoi Ein Blick auf das Unterrichtswesen Russlands im
XVLU. Jahrhundert bis 1782. Aus dem Russischen übersetzt von P. v.
Kügelgen. St, Petersburg 1884. p. 46 f. 52.
1T6) E. Budde Abriß der Geschichte der heutigen russischen Schrift-
sprache p. 78—81, in: Enzyklopädie der slavischen Philologie. Liefer. 12
(15i08) (russisch). Über die zur Zeit Peters des Großen eingedrungenen
Fremdwörter französischen Ursprungs vgl. *Smirnov Der Einfluß des
Westens auf die russische Sprache in der Petrinischen Zeit. St. Peters-
burg 1910 (russisch). Beide Werke sind angezeigt von W. Christiaui im.
Archiv f. slavische Philologie. XXXIII, 302—308.
:77) S. Louis Leger La litterature russe, notices et «droits des princi-
paux auteurs depuis les origines jusqu'd nos jours. Paris o. .1. |1892|.
p. 107 f. in franz. Übersetzung: Sumarokow's Plaidoyer en faveur de la
langue russe und ib. p. 108 f. Fable contre ceux gui corrompent la langue
nationale. Vgl. A. von Reinholdt l. c. p. 324.
Beitrüge zu einei Geschichte der französischen Sprache. .
russischen Landjunkers dem Fluch der Lächerlichkeit preis l7s).
Auch Von-Wizin 179), Knjaznin 18°) und Novicow181) sind in
diesem Zusammenhange zu erwähnen. Die hier sich zeigende
nationale Reaktion hat dem französischen Spracheinrlul.) in
Rußland nennenswerten Abbruch auch dann nicht getan,
als sie durch die Begebenheiten der französischen Revolution
und der napoleonischen Zeit neuen Antrieb erhalten hatte.
Es scheint durch letztere die traditionelle Hinneigung- zu
französischer Kultur und Sprache in weiten Kreisen der
russischen Gesellschaft eine nachhaltige Störung überhaupt
nicht eigentlich erfahren zu haben, während andererseits durch
die Punwanderung zahlreicher politischer Flüchtlinge aus Frank-
reich das französische Element im Lande allgemein noch
erheblich verstärkt worden ist. In seiner Novelle „Eine
Unglückliche" hat Iwan Turgenjeff einen typischen Vertreter
des reichen russischen Adels. Iwan Matwejitsch Koltowskoj.
178) In der russisch geschriebenenen Komödie „Der Namenstag der Frau
Wvoalkina". Die den Stutzer Firlefanz [FMjuruskow] charakterisierende
Szene s. bei L. Leger /. c. p. 117 ff. und v. Eeinholdt l. c. p. 353. Auf die
Frage der Dienstmagd Praskowja, wo er so lange sich aufgehalten habe.
läßt da die Verfasserin Firljafuskow erwidern : (in v. Reinholdt's Ver-
deutschung) ..Belle demande ! Wo ich so lange gewesen ? A ma toilette,
mein Täubchen, ä ma toilette . . . Wo anders kann man so früh sein.
Gestern, nach dem Abendessen habe ich die ganze Nacht mit Kartenspiel
verbracht. Gins- me coucher in der sechsten Stunde apres minuit. Stand
heute um ein Uhr auf und habe eine solche Migräne und einen solchen
Kater in der Nase, daß sich gar nicht sagen läßt. Ist da nicht eau de
luce zum Riechen ! Ich fürchte . . . vor Schwäche . . . umzufallen . . .
Stützen Sie mich . . ." Über andere Auslassungen Katharina^, in denen
sie der in Sitte und Sprache hervortretenden Gailomanie der Zeit entgegen-
tritt, s. v. Reinholdt p. 349 f. Über die Politik Katarina's zur Zeit der
französischen Revolution vgl. A. Sorel L'Europe et la revolution frangaise
I1" (1907). p. ölii f.. über den Typ des petit maitre in der russischen
Komödie F. von Berg Die altere russische Komödie. Berliner Dissertation
1916. p. 17.
m) In Von-Wizins Lustspiel „Der Brigadier" wird der Sohn des
Brigadiers als der typische Vertreter der gallomanen Stutzer jener Zeit
dargestellt. Vgl. den hei Leger l. c. p. 141 und v. Reinholdt l. c. p. 364 f.
in Übersetzung mitgeteilten ersten Auftritt des dritten Aktes:
Brigadier: Höre. Iwan, ich bin selten roth geworden, seit ich die
Kinderschuhe ausgetreten ; heute aber wäre ich, trotz meiner grauen
Haare, fast verbrannt vor Scham deinetwegen.
Sohn: Mon eher pere! Kann es mir angenehm sein, daß man davon
spricht, ich soll eine Rxissin heirathen ?
Brigadier: Ja was bist du denn für ein Franzose? Ich dächte,
auch du bist in Rußland geboren.
Sohn: Mein Körper ist in Rußland geboren, das ist richtig-; aber
mein Geist gehört der französischen Krone usw.
180) v. Reinholdt p. 371. In Knjaznin's Oper „Unglück von einem
Wagen" rettet sich der Bauer Lukjan, als er unter die Rekruten gesteckt
werden soll, dadurch, daß er seinen gallomanen Herrn „Monseigneur" und
die Gntsherrin. seine Geliebte. „Madame" anredet.
m) v. Reinholdt p. 421 ff. Vgl. oben Anm. 174.
I
lehnet, der bis zur Revolution in Paris gelebt hatte.
Stockfranzose geworden war, die russische Sprache („c< jargon
■ l üulgaireu ) fast ganz, verlernt hatte und einem Emigranten.
der ihm als Vorleser diente, freies Quartier gab l8-). Die
1812 vor dem Brande aus Moskau nach Nisnij-Nowgorod ge-
züchteten Damen der vornehmen russischen Gesellschaft
tanzten nach Batjuskow l83) französische Quadrillen in franzö-
sischen Gewändern und verwünschten die Franzosen — in
französischer Sprache. Trotz der Wandlungen, welche die
innere Entwicklung Kurlands auf den verschiedensten Gebieten
seit und im letzten («'runde auch infolge der napoleonischen
Kriege in der Richtung auf das „Yolksmäßige" durchmachte184),
hat sich dort das ganze 19. Jahrhundert hindurch und bis auf
den heutigen Tag eine starke Vorliebe für die französische
Sprache erhalten. Beweis dafür ist u. a. die große Zahl
russischer Autoren, die ihre Werke in französischer Sprache
Ypröffentliehon 185). In dem satirisch-komischen Zeitgemälde
.. !>;, todten Seelen", dessen erster Teil 1842 erschien, meint
Gogol, da wo er von der Erziehung der Gutsherrin Manilowa
handelt: „In Pensionen bilden wie bekannt drei Gegenstände
die Grundpfeiler aller menschlichen Tugenden: Die franzö-
sische Sprache, unumgänglich nötig für das häus-
liche Glück; Pianoforte, um dem Gatten angenehme Augen-
blicke zu verschaffen, und endlich der wirtschaftliche Teil, das
Stricken und Sticken von Börsen und anderen l berra-
schungen" l86). Im gleichen Jahre 1842 bemerkt Karl Gutz-
kow187), Petersburg sei noch immer,, die Zuflucht der Tanzmeister,
Friseurs, Hauslehrer, Gouvernanten, Fechter und Schauspieler
von Paris" ! 1886 schreibt der Dorpater Professor Alexander
Brückner, das Französische stehe in manchen Kreisen als
Umgangssprache „ebenbürtig neben dem Russischen" und es
seien in den ersten Ausgaben der Romane Leo Tolstoi's, die
uns in diese Kreise einführen, so viele französische Konver-
sationsbestandteile enthalten gewesen, daß eine besondere.
182) Iwan Turgenjetf Eine Unglückliche. Aus dem Russischen von
Wilhelm Lange. Leipzig. Philipp Reclam jvm. [Univ.-Bibl. Nr. W8.]
183) (■:. Ilaumant l. c. p. 278.
18*) A. N. Pypin Die geistigen Bewegungen in Rußland in der ersten
Hälfte de* XIX. Jahrhunderts. I. Ed. Ans dem Russischen übertragen
von Boris Minzes. p. 398.
185) Gregoire Ghennady Les ecrivains franco-russes. Bibliographie
des ouvrages francais publies par des Russes. Dresde 1874. — V. Rössel
Histoire de la Uttirature frangaise hör* de France. Lausanne 1895.
p. l!>7ff.
I8S) In deutscher Übersetzung Leipzig, Ph. Reclam jun.. Qnivers.-Bibl.
Nr. 118. p. 24 f.
;6TNi Gesammelte Werke (Jena o. J.)2. 7. Bd. p. 102.
"/ i zösischeit Sprache. 203
russifizierfce Ausgabe derselben nötig wurde188). Wenn
dagegen R. Candiani um das .lahr 1900 ausführt, es wären
die Bauern die einzigen Untertanen des Zaren, die Franzö-
sisch nicht verstehen, das in den Kreisen des Kleinbürgertums
ebenso gebräuchlich sei wie bei Hof 1S9>, so dürfte darin eine
Übertreibung liegen. Nach der 1D12 erschienenen letzten
Auflage von Baedekers Reisehandbuch ist in den feineren
Gesellschaftskreisen die Kenntnis der französischen Sprache
last allgemein, wogegen man in den mittleren Ständen eher
Deutsch versteht190').
Nur im Vorbeigehen erwähnt sei der Einfluß, den das
Französische auch auf die anderen slawischen Sprachen aus-
geübt hat. In Betracht kommt dabei in erster Linie Polen l9r),
das französischem Kultur- und Spracheinfluß früh und zeit-
weilig in besonders starkem Maße zugänglich gewesen ist.
9. Rumänien 192).
In den Donaufürstentümern Moldau und AValaehei haben
von der Pforte eingesetzte griechische (fanariotische)Hospodare
im 18. Jahrhundert zuerst die Bekanntschaft mit französischer
Sprache vermittelt l93K Aus dem Dragomanstande hervor-
gegangen, waren die fanariotischen Fürsten des Französischen
mächtig, das sie in ihrem neuen Berufe weiter zu pflegen sich
angelegen sein ließen. Sie hatten in ihrer Umgebung fran-
zösische Sekretäre, ließen ihre Kinder in französischer Sprache
;fr) Alexander Brückner Bussen und Franzosen, in: Zs. f. allgcm.
h. III (1886), 764.
m) La langue frangaise dans le monde p. p. l'Alliance frangaise.
Paris 1900. p. 98 ff. : La langue frangaise en Russie.
190) K. Baedeker Rußland. 7. Aufl. Leipzig 1912. p. XIII.
19 1) Vgl. Georg Brandes Polen. Paris, Leipzig, München 1898, p. 42
über die heutige Verbreitung der franz. Sprache in Polen. — St. Weckowski
Die romanischen Einflüsse in der polnischen Litteratur bis zum Atisgange
des XVII. Jahrhunderts. Breslauer Dissertation. Posen 1901. — Christine
Beresniewicz Essai d'une Bibliographie des traduetions francaises de la
litterature polonaise, in: Rec. des Bibliotheques XXI (1911), p. 117 ff. die
Einleitung1. — Abel Mansuy Le monde slave et les classiques frangais aux
XYIe—XVIle siecles. Paris 1912.
Über die heutige Verbreitung des Französischen bei den Südslawen
V. Malet in La langue. francaise dans le monde. Paris 1900. p. 74—77.
— A. Achterberg Deutsche und französische Schuleinflüsse in Bulgarien.
in: Das Deutschtum im Ausland. Heft 19 (1914).
19;) A. Demetrescu L'influence de la langue et de la litterature
frangaise en Roumanie. Dissertation Lausanne 1888. — G. Bengesco
Bibliographie franco-roumaine du XIXe siede. I. Bruxelles 1895 (Die
Einleitung). — P. Eliade De l'influence frangaise sur l'esprit public en
Roumanie. Les origincs. Etüde sur l'etat de la societe roumaine ä
■ des regnes phanari tes. These. Paris 1898.
m) P. Eliade l. .
204 D. :
unterrichten und waren französischem Kultur- und Literatur-
einfluß zugänglich. Die Bojaren, sei es. dal.1) Nützlichkeitssinn
oder Nachahmungstrieb sie leitete, suchten es ihnen gleichzutun.
\ erschiedene Fakturen haben den hier in den Anfangen sieh
zeigenden französischen Einfluß verstärken helfen. So die
seil dem russisch-türkischen Kriege von 1769 — 1774 häufiger
und enger werdende Berührung mit den Russen, die, obgleich
selbst nur oberflächlich von französischem Sprach- und Bildung--
einfluß berührt, ihrerseits auf lange hinaus in den Fürsten-
tümern französierenden Einfluß ausübten l94). Indirekt haben
dieselben durch die 1781 1782 erfolgte Errichtung von Konsulaten
in Bukarest und Jassy zur Verstärkung des französischen Ein-
flusses insofern beigetragen, als nun auch andere Staaten
dorthin Residenten entsandten, die gleich ihren russischen
Kollegen des im diplomatischen Verkehr üblichen Französisch
mächtig waren. Frankreich selbst hat zuerst 1798 eine kon-
sularische Vertretung in den Fürstentümern eingerichtet. Die
französische Revolution vermittelte den Rumänen nicht nur
neue politische Ideen, sondern hatte auch die Einwanderung
französischer Emigranten zur Folge, die im Lande freund-
liche Aufnahme und als Hauslehrer Beschäftigung fanden l85).
Die von Siebenbürgen ausgehende nationale Bewegung
endlich hat, indem sie das Bewußtsein der ,,lateini-
schen" Rasse weckte, im zweiten Dezennium des 19. Jahr-
hunderts die Französierung der rumänischen Ge-
schäft mittelbar außerordentlich begünstigt, dem Zustrom
französischer Kultur und Sprache die Schleusen weit ge-
öffnet196). Rumänen treffen wir nun bald in großer Zahl in
Paris, um hier an der Quelle französische Bildung sich anzu-
eignen 197). Französische Literaturwerke werden in großer
Zahl von Rumänen übersetzt und nachgeahmt und es vollzieht,
sich die Entwicklung der rumänischen Literatur auf Jahr-
zehnte hinaus wesentlich unter französischem Einfluß l!l5).
Nicht zum wenigsten macht sich die Einwirkung des Franzö-
m) P.Eliade l. c. p. L72ff. <i. Kengesco l. c. p. XI ff. — C. von S
witsch Die russischen Elemente romanischen und germanischen Ursprungs
im Rumänischen, in: Erster Jahresbericht des Instituts /'. rumä
Sprache (Rumänisches Seminar) zu Leipzig 1894. p. 193 — 214.
m) P.Eliade l. c. p. 261 ff.
196') P.Eliade l. c. p. 277 ff.
197) P.Eliade Les premiers „Bonjouristes" {1818 — 1828), in:
international pour l'extension de la culture de la langue frangaise. Pn>
session. Liege. 10—14 septembre 1905. Paris 1906.
!08) N. I. Apostolescu L'infiuence des romardiques francais sur la pocsie
roumaine. These. Paris 1909. — Virgile Eossei La yoesie francaise en
liomiuinh-, in: liev. d'hist. litt, de la France V (1898), p. 125— lb8 (Verf.
handelt über rumänische Dichter, die sich der französischen Sprache he-
dienten). S. desselben Verfassers Histoire de la littärature francaise hors
de France. Lausanne L895. p. 504— 519.
Beiträge zu einer Geschichte der französischen Sprache. 205
sischen auch auf die rumänische Sprache bemerkbar, in der
es bald von französischen Modewörtern wimmelt. In einem
Lustspiel „Frantositele" {Die Französlinge) hat der Dichter
Paka den Gallicismus in der Sprache verspottet 199), ohne
dadurch der Ausbreitung des l'bels im mindesten Einhalt zu
tun. Erst als in den sechziger Jahren des verflossenen Jahr-
hunderts nach der 1H59 erfolgten Vereinigung der Fürsten-
tümer die Entwicklung derselben zum selbständigen Staat
begonnen, setzte, durch die politischen Ereignisse begünstigt,
zunächst auf dein Gebiete der Literatur die Reaktion zu-
gunsten einer ^volkstümlich-heimatlichen1,1 Entwickelung
ein200), die dann auch die Sprache in nationalem Sinne günstig
beeinflußt hat. Es gilt dies zunächst nur von der Sprache
der Literatur. Mit Rücksicht auf die L^mgangssprache be-
merkt A. Demetrescu -0l) im Jahre 1888: „Aujourd'hui encore,
la langue de la conversation, dans les salons roumains, n'est
qu'un idiomt hybride melange de frangais et de roumain. On
commence wie phrase en roumain pour la finir en frangais ou
oice-versa, enfin toutes les combinaisons l<>s plus ridicules poui
arriver ä ne parier ni une langue ni Vautre . . . Tel est Vascendant
de In classe superieure d'une nation sur le peuple, que celui-ci
se laisse empörter par le courant malsain, si bien <jhc ceux qui
,H savent pas le frangais, pour ne pas passer pour ignorants,
emploient an moins les expressions de salutations et de politesse
• ii int frangais affreusement prononce. Se saluer en roumain,
a sentit passer pour un pedant ou pour un grossier personnage.li
Noch heute ist der französische Spracheinfluß in Rumänien
bis in die kleinbürgerlichen Kreise hinein ein außerordentlich
großer. Für die Gebildeten ist das Französische eine Art
Muttersprache -0-).
•••) A. Demetrescu l c. p. 47 ff.
20°) G. Alexici Geschichte der rumänischen Literatur. Iii deutscher
I marbeitung von K. Dieterich. Leipzig 1906. p. 128 ff.
i01) l. c. p. 50.
2UJ) A. Malet La langue frangaise dans les etats dannbiens, in: La
langue frangaise dans le monde. Üuvrage p. p. l'Alliance francaise. Paris
1900 [Exposition universelle de 1900]. — Vgl. auch J. Novicow Le Frangais
langue international de l'Europe (Paris 1911), p. 105—107 die Zitate aus
zwei Aufsätzen XenopoPs im Courrier europeen vom 16. Februar und
6. April 1908. Es heißt darin u. a. : S'il arrive dans un salon que quelqu'un
ne sache pas le frangais, c'en est feit de lui. Les moindres fautes de
frangais sont notees et soulignees par des sourires et sufnsent pour ranger
l'individu, fivt-il un puits de science, parmi les ignorants. .lamais une femme
n'ecrira une lettre en roumain. Jainais un jeune homme n'osera faire sa
cour ä une jeune fille oü ä une jeune femme en roumain. II s'exposerait
au ridicnle."
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV-i*. 14
/ >. />'< h I I
10. Ungarn.
[)'w Zahl der in das Magyarische direkt eingedrungenen
französischen Lehnwörter208) ist klein, was bei einer im Ganzen
intensiven kulturellen und literarischen Einwirkung Frankreichs
, af Ungarn J"4) überraschen darf und wofür man in dem gänzlich
ächiedenen Bau beider Sprachen die Erklärung hat finden
wollen. Bereits im Mittelalter (1052, nach anderen 1317)
siedelten sich wallonische Kolonisten in der Erlauer Diözese
an. wo sie Jahrhunderte hindurch ihre Sprache gewahrt
haben 20S). Zu Sümeg wurde 1091 ein Benediktinerkloster des
heiligen Agidius gegründet, in das laut Stiftungsurkunde als
Novizen nur Franzosen aufgenommen werden durften'^06).
Zahlreiche weitere französische Ordensniederlassungen folgten
im 12. und 13. Jahrhundert'-06). Ungarn reisten im Mittel-
alter nach Paris, um dort ihre Bildung zu vervollständigen206).
Die Kreuzzüge führten französische Ritter nach T ngarn und
ungarische Könige heirateten französische Prinzessinnen. Am
Hofe war im besonderen seit Bela III. (1176 — 1196), der mit
Margareta von Frankreich, Schwester Philipp August's. sich
vermählte, das Französische bekannt. Daß Belas Nachfolger
Emerich | 1196 — 1205) dem südfranzösischen Dichter Peire
Vidal Gastfreundschaft gewährte, wirft auf die kulturellen
Bestrebungen am ungarischen Königshofe um die Wende des
12. Jahrhunderts interessantes Licht. Aron einer Einwirkung
der französischen Literatur auf die ungarische lassen sich
freilich unter den Arpaden (1000 — 1300) und der auf diese
folgenden Dynastie der Anjou (1301 — 1526) nur vereinzelte
Spuren nachweisen, in nachhaltiger Weise macht sich ein
solcher erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts unter den
Habsburgern durch Yermittelung des damals unter starkem
französischen Einfluß stehenden Wiener Hofes bemerkbar.
!. Koni Etüde sur l'influence de la litterature francaise en Rongrie
{1772—1896). Paris 1902. These, p. 452-475: La langue et la littera-
ture francaise dans la societe et dans l'enseignentent. Verf. gibt p. 474
eine Zusammenstellung der gebräuchlichsten frz. Lehnwörter im heutigen
ruirarischen. — Von Einzeluntersuchungen seien genannt: Melich Jänos
A magyar nyelv öfranczia jövenengszavai [die altfranz. Lehuworte im
Magyarischen], in: Maggar Nyelv X (1914) p. 385 — 406. — * Balassa Jozsef
Franczia szök a maquarban [französische Wörter im Ungarischen], in:
Maggar Nyelvör XXVI (1897), 439. — *Czako Elemer Gabor Xemet-
franczia szök | deutsch-französische Wörter], in: Magyar Nyelvör XXVI
(1897), 85.
204) I. Kont /. c. und desselben Verfassers Geschichte der angarischen
Literatur. Leipzig 1906.
J0B) Karl Freiherr v. Czoernig Ethnographie der oesterreichischen
Monarchie II. Wien. 1857, p. 135.
Su,,i A. Budinszky Die Universität Paris und die Fremden an der-
im Mittelalter, Berlin IST»;.
■ i'kji zu •nur Geschieht der französischen Sprache. 207
Unter Besseneyei's Führung bildete sich eine ungarische
Dichterschule, deren Vorbilder die französischen Autoren des
18. Jahrhunderts, insbesondere Voltaire, waren20'). Noch ist
aus dem 18. Jahrhundert zu erwähnen, daß sich unter Maria
Theresia neben deutschen zahlreiche französische Familien
aus dem Elsaß und aus Lothringen im Banat ansiedelten, die,
bevor sie sich germanisierten, z. T. weit in das L9. Jahrhundert
hinein an ihrer Muttersprache festgehalten haben'-08). Im
dritten und vierten Dezennium des 19. Jahrhunderts hat
Frankreich neben politischem erneut tiefergehenden lite-
rarischen Einfluß auf Ungarn ausgeübt. Die 1830 begründete
ungarische Akademie hat sich zunächst im besonderen die
Übertragung französischer Autoren in das Magyarische ange-
legen sein lassen. Eine nach Kisfaludy, dem Begründer des
ungarischen Romantizismus benannte literarische Gesellschaft
trat .1836 zu dem Zweck ins Leben, „kritische und ästhetische
Studien im französischen Geschmack zu pflegen und durch
Übersetzung fremder Meisterwerke die Muttersprache zu ver-
feinern". Aus neuerer Zeit ist die 1907 in Budapest begrün-
dete rührige Societe litteraire francaise besonders zu erwähnen.
Dieselbe stellte sich die Aufgabe, die literarischen und künst-
lerischen Bestrebungen beider Länder zueinander in engere
Beziehung zu bringen und ließ als Organ die Revue de
Hongrie in französischer Sprache erscheinen'209).
il. Griechenland.
Eine Einwirkung Frankreichs auf Griechenland hat zuerst
im 13. und 14. Jahrhundert stattgefunden, nachdem nach der
Erstürmung von Byzanz durch die Kreuzfahrer 1204 ein
lateinisches Kaisertum auf griechischem Boden errichtet wurde
und in Athen und Achaia (Morea) französische Feudalherr-
schaften entstanden waren210). Wesen und Umfang dieser
207) I. Kont l. c. — Beachte auch *L. Cacz Montesquieu in Ungarn,
in: Ungarische Rundschau für historische und soziale Wissenschaften IV
(1915), 2. — Zum Spracheinfluß vgl. *N. Kömiye L'infiuence de la langue
francaise sur le style hongrois au XVIII« siede. Progr. Budapest 1881.
20 8) L. Hecht Les colonies lorraines et alsaciennes en Hongrie, in:
Memoire» de l'Academie de Stanislas 1878, 4e serie, t. XI. Nancy 1879.
— H. Schuchardt Romano-Magyarisches, in: Zs. f. rom. Phil. XV (1891),
p. 90 (Auch Magyar Nyelvör XVIII in ungarischer Sprache erschienen). —
*R. Chelard La Hongrie millenaire. 1896, p. 220 f. (hier zitiert nach Kont
Etüde p. 473). — *R. Recouly Le Pags Magyar. Paris 1903 (Vgl.
Deutsche Erde VII, 26).
lcs) Vgl. Revue de Hongrie I (1908), 134 ff.: Statuts de la societe
litteraire francaise de Budapest und ib. VI (1910), 110.
210) Vgl. W. Miller The Latins in the Lecant. A llistorg of Frankish
Greece (1204—1506). — London 1908. — F. Gregorovius Geschichte der Stadt
Athen im Mittelalter. 2 Bde. Stuttgart 1889. — II. F. Tozer The Franks
in the Peloponnese, in: The Journal of Hellenic studies IV (1883). p. 165—236.
14*
208 D. Behrens.
ersten französischen Einwirkung auf das Griechentum festzu-
stellen, Bcheint schwierig. Nach K. Dieterich wäre dieselbe
„durchaus innerlicher Art1' gewesen211). Tatsache ist, daß
sich „äußerliche sprachliche oder literarische Einflüsse" bis
jetzl nur in geringem Blaße haben nachweisen lassen. Von
dem halben hundert Wortentlehnungen aus dem Französischen,
die Man. A. Triandaphyllidis in seiner Spezialuntersuchung
../'/'> Lehnwörter der mittelgriechischen Vulgärliterqtur" -1-)
S. 14:2 fY. aufführt, sind 44 ausschließlich in der Chronik
von Morea218), nur 6 auch aus anderen mittelgriechischen
Texten belegt und kaum eins derselben hat sich, falls nicht
die Durchforschung der Mundarten noch einschlägiges Wort-
material zu Tage fördert, in die heutige Sprache hinein er-
halten 2U). Wenn Ath. Buturas 2l5) einen Grund hierfür
u. a. auch darin hat finden wollen, daß die sprach-
liche Jlellenisierung der französischen Ritter infolge des
feudalen Charakters ihrer vom Zentrum fast unabhängigen
Herrschaften schon nach einigen Jahrzehnten erfolgt sei, so
steht dem das öfters angezogene, freilich hier wohl nicht
unbedingt zuverlässige, Zeugnis des Catalanen Ramon Muntaner
m) K. Dieterich Geschichte der byzantinischen und neugriechischen
Lüteratur. Leipzig 1902. p. HB.
212) Straßburg 1909. Vf. bemerkt im Vorwort p. 10, daß die Abfassung
eines ähnlichen Werkes für das Neugriechische beabsichtigt sei.
,18) TJie chronicle of Morea, J'i> iqövlxov iov MoQbioq ed. in two
parallel texts from the Mss of Copenhagen and Paris . . by John Schmitt.
London 1904. Über die auch in unserem Zusammenhang wichtige Verfasser-
frage und Entstehungsgeschichte der griechischen Chronik handelte zuletzt
1. Longnon in der Einleitung seiner Ausgabe der französischen Version:
TÄvre de la Conqueste de la Princei de l'Amoree. Chronique de Moree
(1205 — 1305). Paris 1911. Entgegen früheren Annahmen hält L. weder
die griechische noch die französische Darstellung für die ursprüngliche,
sondern führt beide auf eine gemeinsame italienische, vermutlich in vene-
zianischer Mundart zwischen 1305 und 1331 redigierte verloren gegangene
Originalfassung zurück. Als Vf. der ältesten auf uns gekommenen (Copen-
ier) Version des griechischen Textes hält er entgegen Schmitt nicht
einen reinen Franzosen, sondern einen fränkisch-griechischer Mischehe ent-
sprossenen sog. Gasmulen in Übereinstimmung mit Adamantiou ( Tu Xgovixa
rot MoQiwq) und älterer Auffassung entsprechend für wahrscheinlich.
m) Triandaphyllidis l. c. pp. 158. 162. Daß ngr. uvxta, Wade, franz.
hanche direkt entspricht, scheint altsgeschlossen. Vgl. G. Meyer Keugriech.
Studien IV [Sitzungsber. der Wiener Ak. 131. Bd. Wien 1895], p. 11 f. und
A. Thumb in Germanistische Abhandl. H. Paul zum 17. März 1902 dar-
gebracht (Straßburg 1902),p . 232. — Das starke Überwiegeu der italienischen
Lehnwörter gegenüber den französischen im Wortschatz des Mittelgriechischen
findet in dem überragenden Anteil, welchen die Italiener im Mittelalter am
Handel nach griechischen Häfen hatten, seine einwandfreie Erklärung.
*") Ath. Bnturas Ein Kapitel der historischen Grammatik der griech.
Sprache. Über die gegenseitigen Beziehungen der griechischen und der
fremden Sprachen, besonders über die fremden Einflüsse auf das Griechische
seit der nachldassischen Zeit bis zur Gegenwart. Leipzig 1910. p. 72.
Beiträge zu einer Geschichte der französischen Sprache. 209
entgegen, wonach noch um 1325 von eben diesen Rittern ein
Französisch gesprochen wurde, das an Reinheit dem Pariser
Französisch nicht nachstand'216). Dagegen wird man Buturas
ohne weiteres zugeben, daß Spuren früheren französischen
Spracheinflusses durch spätere Eroberer, insbesondere durch
die Türken, verwischt worden sein können.
Beträchtlich, wenn auch im Einzelnen noch wenig unter-
sucht211), scheint der Einfluß, den die griechische Sprache vom
Ausgang des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein durch
die französische erfahren hat. Neben den französischen Klassikern
haben in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts insbesondere die
französischen Encyclopädisten literarisch die Griechen beeinflußt,
deren Freiheitsbestrebungen durch die französische Revolution
und das Auftreten Bonapartes kräftigen Antrieb erhielten.
Des „ersten Märtyrers der griechischen Freiheit", des Dichters
Rhigas berühmtes Sturmlied ,.Auf ihr Söhne der Hellenen!
Auf, des Ruhmes Stunde schlägt!" ist teilweise der Marseillaise
nachgebildet218). Außer politischen und literarischen haben
allgemein kulturelle und kommerzielle Beziehungen in der
Folgezeit das Eindringen französischen Sprachgutes begünstigt.
Dal.) Griechenland im 19. Jahrhundert das Reiseziel zahlreicher
Franzosen wurde, bleibe nicht unerwähnt 219). Besonders her-
vorgehoben zu werden verdient, daß 1848 in Athen ein fran-
zösisches Institut [Ecole d'Äthdnes) mit der ausdrücklichen
Bestimmung ins Leben gerufen wurde, neben der Erforschung
des klassischen Altertums der Pflege der französischen Sprache
und Literatur im Lande zu dienen 220). In einem ausführlichen
Bericht an die Alliance francaise bemerkt reichlich ein halbes
Jahrhundert später der damalige Direktor dieses Instituts,
216) Chronik des edlen En Ranion Muntaner hrsgb, von K. Lanz.
Stuttgart 1844 [Bibl. des 11t- Vereins in Stuttgart VIII] Cap. CCLXI: „Per-
que hom deya. que la plus gentil caualleria del mon era de Morea: e par-
lauan axi bei frances, com dins en Paris". J. Scbrnitt äußert Einleitung
p. LII1 seiner Ausgabe (s. oben Anm. 213) der Chronik von Morea Zweifel
daran, daß diese und andere Angaben Montaners in Cap. CCLXI den Tat-
sachen voll entsprochen haben: . . this whole chapter is in other respects
as confused as it can be, and repeats the wildest legends, wbich were probably
communicated to Muntaner by the peasants of Morea . . .
*") Beachte die einschlägige Literatur bei Buturas I.e. pp. 80 f. und
oben Anm. 8.
*,$) Vgl. L. Benloew in : Melange» Henri Weil, Paris 1898. p. 5.
2lt) Vgl. Eug. Lovinesco Les voyageurs franrais en Grece au XIXe
siecle •1800--1900). These presentee ä la Fac. des Lettres pour le Docto-
rat es Lettres. Paris 1909.
"°) G. Radet L'Histoire et l'ceuvre de l'Ecole francaise d'Athenes,
Paris 1901, passim. — Ch. Leveque La fondation et les debuts de l'Ecole
Francaise d'Athenes, in: Revue des Deux Mondes 4, Mars-avril 1898. pp.
85-119.
210 D, Behrens.
Th. Homolle2 l): Friquentant la Gr&ct depuis vinyt ans, jepuis
constater gue la curiosite" du frangais nH yas diminui, au con-
train gut in connaissance et Venvploi s'en sont r&pandus de
plus t ,■ plus dans les milieux plus variSs et i>lns larges. Le
frangais est la langm mondaine.: dans V aristocratie oulabour-
geoisie, jeunes filles <t jeunes gens It parlent avec une /'</>■>///<'
,i iiik correction remarquables ; partout oü il y <i une sociitS,
<>it causi en frangais; dans les salons, non seulement de Grecs
a Urangers, »/eis nitre Grecs .... Dans beaucowp de familles
,li in sociiU <>)i possöde assez bien le frangais pour gue les
parents Venseignent eux-memes <t <jur les enfants Vapprennent
par Vusage, comme nur langue maternelle . . . Dabei verkennt
<l<r Berichterstatter nicht, daß dem Französischen im Deutschen
und Englischen starke Konkurrenten von noch wachsendem
Einfluß entstanden sind.
12. Die europäische Türkei.
Trotzdem schon im 16. Jahrhundert Franz I. als erster
unter den christlichen Herrschern beim Sultan einen Bot-
schafter beglaubigte, französische geistliche Missionen seit
dieser Zeit in Konstantinopel tätig waren, und rege französische
Handelsbeziehungen zur Levante sich entwickelten22-2), blieb
bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Einfluß der fran-
zösischen Sprache auf das Osmanisch-Türkische sehr gering-
fügig im Vergleich zu dem Einfluß, den das Italienische direkt
oder durch Yermittelung des Griechischen auf dasselbe aus-
geübt hat223). Erst nachdem in den fünfziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts unter dem Einfluß des Occidents die
Modernisierung der Türkei begonnen hat, haben französische
Sprachelemente in großem Umfang Eingang in das Osmanische
gefunden, das heute nicht nur von französischen Ausdrücken
wimmelt, sondern auch stilistisch durch das Französische be-
einflußt worden ist224). Vor dem Weltkrieg gehörte es in
türkischen Kreisen lange zum guten Ton, europäische Bildung
2") La lanyue frangaise en Grcce, in: La langue franraise dann le
monde p. p. l'Alliance franraise. Paris 1900. p. 79i£
i^vio nuyon, in: uiuicl. an ±>tunujmuc, 10 mais iyio, jj. iu;> — luv.
2") G.Meyer Türkische Studien 1. Die griechischen und romanischen
Bestandteile im Wortsehatz des Osmanisch-Türkischen [Sitzungsberichte
der philol.-histor. Klasse der Kaiserl. Akad. d. Wissenschaften. 120. Band.
Wien 189:5. p. 1—961-
m) S. das „Verzeichnis verschiedener Neologismen" bei G. Meyer
l c. pp. 85—87. Wenn Vf. hierzu p. 8 bemerkt „dieser Teil der romani-
schen Elemente werde erst in hundert oder zweihundert Jahren dem Sprach -
forscher und dem Kultnrhistoriker ein dankbares Forschungsobjekt bieten",
rmögen wir ihm darin nicht zuzustimmen.
Beiträge zu eine)' Geschichte der französischen Sprache. 211
in Paris sich anzueignen, mochte auch ein Aufenthalt daselbst
keineswegs immer die besten Kulturfrüchte zeitigen--5). Die
moderne türkische Literatur hat sieh in starker Abhängigkeit
von der französischen entwickelt, deren Werke am Bosporus
wahllos übersetzt und nachgebildet wurden226). Schuleinflüsse
haben die Stellung des Französischen verstärken helfen. Jlat
doch, um nur dies hervorzuheben, das 1868 ganz nach fran-
zösischem Muster eingerichtete, mit französischen Lehrkräften
ausgestattete und zunächst französischer Leitung unterstellte
einzige staatliche Lyzeum Konstantinopels, das sogenannte
Galata-seraj. auf dorn fast sämtliche höhere Beamte des Reiches
vorgebildet werden, trotz zahlreicher Wandlungen bis 1904
seinen französischen Charakter im Ganzen zu wahren ver-
mocht'-27). Auch als dann die osmanische Regierung für sich
allein das Besetzungsrecht der Lehrstellen der Anstalt in An-
spruch nahm, hat sie am Französischen als Unterrichtssprache
festgehalten -28).
13. Der vordere Orient.
Im Mittelalter haben die Kreuzfahrerstaaten Syriens:
Jerusalem. Antiochia, Tripolis und Edessa, die diesen vorge-
gelagerte Insel Cypern und das ihnen befreundete Nachbar-
land Armenien französischen Kultur- und Spracheinfluß er-
fahren'-'-9). Die starke Überlegenheit, welche im Völkergemisch
der Kreuzzüge die Franzosen hatten, macht es erklärlich, daß
in den mit dem Schwert eroberten Ländern französische Dyna-
stien gegründet wurden und mit französischen Staats-, Ge-
sellschafts- und Rechtsformen -3n) die französische Sprache
22y) F. C. Emiers Die Türkei. Bilder und Skizzen von Land und
Volk. München 1916. p. 24. — l'ber den Gebrauch des Französischen im
internationalen Verkehr Konstantinopels in neuerer Zeit vgl. die Angaben
bei .T. Novicow Le Francais langue internationale de l'Europe. Paris 1911.
p. 107 f.
*2*) Paul Hörn Geschichte der türkischen Moderne. Leipzig 1902.
p. 8. 11 etc.
m) S. über Galata-seraj und die französischen Schulen in Konstantinopel
Le Vte de la Jonquiere Histoire de l'Empire ottomane depuis les origines
jusqu'ä nos jours. 11. Xouvelle edition entierement refondue et completee.
Paris 1914. p. 563 ff. Vgl. außerdem die unten p. 213 (der vordere Orient)
unter 236 aufgeführte Literatur. Über Veränderungen im Schulwesen beim
Eintritt der Türkei in den Weltkrieg handelt P. Fr. Dunkel Einiges aus
den neuesten Verfügungen über die Privatschulen in der Türkei, in : I>as
heil. Land LX (1916), 2. p. 80-87.
J28) La Jonquiere /. c. p. 566.
"9) Vgl. Hans Prutz Kulturgeschichte der Kreuzzüge. Berlin 1883.
,3°) E. Rey Les colonies frangues de Syrie aux XIIme et Xlllme
sücles. Paris 1883. — K. Krumbacher THe Assisen der Königreiche Jeru-
salem und Cypern, in: Geschichte der byzantinischen IAtteratur*. München
1897. S. 89« ff.
212 l>. Behrens.
Verbreitung fand. Tiefgehenden und nachhaltigen Einfluß
hat freilich das Französische in den Kreuzfahr erstaaten auf
die Sprache der kulturell hochstehenden Araber nicht auszu-
üben vermocht-31!. Nach dem Zeugnis Fulcher's von Chartres-
baben weite Kreise der abendländischen Bevölkerung unter
dem Einflüsse der Orientalen überraschend bald ihre nationale
Eigenart aufgegeben. „Die wir früher Abendländer waren",
schreibt Fulcher zum Jahre 11:24, „sind nun Morgenländer
geworden; der Römer oder Franke ist hierzulande ein Gali-
läer oder Palästinenser, der aus Reims oder Chartres ein
Bürger von Tyrus oder Antiochien geworden: wir haben schon
die Orte unserer Geburt vergessen, den meisten von uns sind
sie entweder unbekannt oder wir haben von ihnen nichts mehr
gehört. Der eine besitzt schon eigene Häuser und Gesinde,
der andere hat sich verheiratet, nicht mit einer Landsmännin,
sondern einer Armenierin oder Syrerin oder mit einer ge-
tauften Sarazenin 232) ." Mit Bezug auf die Sprache be-
merkt derselbe Gewährsmann233) u.a.: diversarum linguanim
coutitur alternatim eloquio et obsequio alteruter. Hiernach
überraschtes nicht, wrenn etwa 100 Jahre später (1217) Jacob
von Yitry in einem Brief an die Äbtissin Luitgard berichtet,
daß in Tripolis allgemein arabisch (lingua sarracena) gesprochen
werde und er dort während eines vierwöchentlichen Aufent-
halts mit Hilfe von Dolmetschern gepredigt und die Beichte
abgenommen habe234). Xur an den Höfen und in den höheren
M1) Eine zusammenfassende Arbeit über die zur Zeit der Kreuzzüge
aus dem Französischen in das Arabische vorübergehend oder dauernd ein-
gedrungenen Lehnwörter fehlt. S. vorläufig H. Prutz l. c. p. 401 (dazu die
Hinweise p. 561) und das von F. Brunot Histoire I, 363 f. nach H. Deren-
bourg Note snr quelques mots de la langue des Francs au douzieme such
d' apres le texte arabe de l'autobiog rapide d'Ousäma Ihn Mounkidh (Melanges
Renier. Paris 1887, p. 453—465) aufgestellte Verzeichnis.
m) Fulcheri Carnotensis Historia Hierosolymitana hrs^b. von H. Sagen-
meyer, Heidelberg 1913, p. 26 f.
S3S) ib. üb. III, cap. XXXVII, 5.
*34) Briefe des Jacobus de Vitriaco {1216—1221} hrsgb. von Reinhold
Röhricht, in: Zeitschr. f. Kirchengesch. XIV (1894) p. 115: ..('um autem
appropinquassem Tripolim, comes civitatis et princeps Antiochie cum multis
militibus obviam mihi venerunt . . . Videns autem, quod ad Dominum uni-
versalem converterentur, in eadem civitate moram per mensem feci. et
quia communis lingua civitatis erat lingua sarracena. per interpretes fre-
(juenter predicabam et confessiones audiebam". Es folgt hieraus, daß Jacob
selbst das Arabische im mündlichen Gebrauch nicht beherrschte. Dali er
desselben nicht unkundig war. darf mau mit Ph. Funk {Jacob von Vitry
Leben und Werke, Leipzig und Berlin 1909, p. 71) daraus schließen, daß er
im Prolog seiner Historia orientalis et occidentalis mitteilt, er habe im
Lager von Daraiette „verschiedene Bücher aus den Bibliotheken der Lateiner,
(kriechen und Araber gewälzt" (Cum . . . varios libros ex armariis Lati-
norutn Graecorum et Arabum revolverem . . .). Vgl. über die Kenntnis
des Arabischen bei den Franken noch H. Prutz l. c. p. 403 f. und Brunot
l. c. p. 361 f. Wenn hier u. a. darauf hinaewiesen wird, daß nach Tudebod
Beiträge zu ('nur Geschieht* der französischen Sprache. x!i:>
Schichten der Gesellschaft dürfte am Gebrauch der französischen
Sprache im allgemeinen festgehalten worden sein, bis mit Accon
L291 das letzte Bollwerk der Kreuzfahrerstaaten in Sarrazenen-
hand zurückgefallen war.
Seit einigen Dezennien spielte das Französische in
Syrien, wie überhaupt in der Levante'235), als Sprache
des internationalen Verkehrs wieder eine bedeutende Holle,
in der es das Italienische im Lauf des 19. «Jahrhunderts
allmählich zurückdrängte, während es den wachsenden Wett-
bewerb des Deutschen auszuhalten hatte. Schuleinfiüsse haben
von politischen und wirtschaftlichen Faktoren unterstützt die
Ausbreitung des Französischen hier sehr wesentlich geför-
dert'236), bis durch die Kulturkampfbewegung zu Beginn des
laufenden Jahrhunderts der französische Einfluß merkliche
Einbuße erlitt. Während des Weltkriegs hat die Türkei das
in ihrem Machtbereich von Frankreich über die Katholiken
ausgeübte Protektorat aufgehoben.
Nachhaltigeren Einfluß durch das Französische als das
Arabische in Syrien hat im Mittelalter die griechische Mund-
art Cvp er ns erfahren. Nachdem Richard Löwenherz 1191 die
Insel den Griechen entrissen hatte, war dieselbe in den Be-
sitz der Templer und bald darauf (1192) in den des franzö-
sischen Geschlechts der Lusignan übergegangen, die nahezu
dreihundert Jahre den cyprischen Thron behauptet haben237).
Tankred Syrisch verstanden habe, so ist damit eine Bemerkung des Emirs
Usäina zusammen zu halten, nach der derselbe im mündlichen Gebrauch
Bich ..keiner anderen Sprache als derjenigen der Franken" bediente (s. Deren-
bourg l. c. p. 453).
236) In ihrer Nummer vom 20. Februar 1911 bemerkt die Levante-
Zeitung: „Heute erlernen alle Gebildeten, alle besseren Kaufleute in den
größeren Städten der Levante das Französische. Und das ist nicht nur
in den Küstenstädten, sondern auch weit ins Land hinein, wie z. B. in
Aleppo und selbst in Mossul am Tigris der Fall".
"•) Vgl. u. a. G. D'Orcet L'influence de la langue frangaise en Orient,
in: La Nouvelle Revue. T. 25. Nov. -dec. 1883. p. 71B — 738. — Pisani
La langue frangaise dans le Levant, in : La langue frangaise dans le
monde p. p. l'Alliance Francaise. Paris 1900. p. 103ff. — Et. Lamy La
France du Levant. Paris 1900. — ■ Die Beiträge von Pisani und Andre
in : Piolet Les Missions catholiques fran<taises au XIXe siede I. Paris o. J.
[1901 ]. — A. Metin Xotcs et documents sur la langue frangaise et l'enseigne-
ment du francais hors de France pp. 12 ff., in: Congris international pour
ision et la eulture de la langue francaise. Premiere Sessio}i Lüge,
I<)-14 sept. 1905. Paris 1906. — A. Leroy-Beaulieu La langue francaise
et les Revolutions de l'Orient, in: Rev. des Deux Mondes 5. periode. T. 50.
Mars-avril 1909. p. 854 ff. — *M. Wilmotte La langue francaise en Orient,
in: l'Opinion *>, 13, 27 mars 1909. — C. Z. Klötzel Die Alliance Israelite
Universelle und ihre Arbeit im Orient, in: Dt. Levante-Zeitung VI (1916). 9.
p. o47 — 349. — Eng. Mittwoch Die wirtschaftliche Bedeutung der Sprachen-
frage in der Türkei in: Archiv für Wirtschaftsforschung im Orient 1 (1916),
p. 317—343.
m) L. de Mas Latrie Histoire de V'de de ( 'hypre sous le regne des
princes de la Maison de Lusignan. 3 Bde. Paris 1852 — 18H1 (unvollendet).
!\ \ 1>. Behr
( \w\ \ ( in Lusignan, der erste in der Reihe diesei J [errscherl 119
1194), begann damit, zahlreiche Kolonisten in Bein neues Reich
zu ziehen, indem er ritterbürtigen Ankömmlingen größere Lehen
zuteilte, bürgerlichen Rechte und Vorteile verschiedener Art ge-
währte. Es gibt eine I Überlieferung, nach der es in Cypern damals
vorgekommen, daß aus Schustern. Maurern und armseligen Stadt-
schreibern Ritter und große Gutsherren wurden!?38). Wie
dem auch sei. wir dürfen annehmen, daß unter den einge-
wanderten Abendländern Franzosen die große Mehrzahl bil-
deten und dal.') allgemein eine verständige Bevölkerungspolitik
wesentlich dazu beigetragen hat, den von Guy auf Cypern
nach französischem Muster begründeten Lehnstaat Festigkeit
und Dauer zu verleihen. ^Yas die Sprachverhältnisse angeht.
so entstand eine Art franko-griechisches Mischidiom, in welchem
die auf uns gekommenen inittelcyprische.n Texte 239) abgefaßt
sind, und dessen Existenz uns für die erste Hälfte des
15. Jahrhunderts durch den Chronisten Leontios Machaeras
noch besonders bezeugt wird. Seit die Lateiner auf Cypern
herrschen, bemerkt Machaeras. habe man angefangen, Fränkisch
zu lernen und man verderbe das Rhomäische (Griechische):
„wir schreiben fränkisch und r ho maisch, so daß niemand mehr
weiß, was wir für eine Sprache reden'240)." Unter lingua
franca dürfte hier eine Verkehrssprache italienischer und fran-
zösischer Färbung zu verstehen sein. Ein ansehnlicher Teil
dar in den cyprischen Wortschatz damals eingedrungenen fran-
zösischen Wörter241) lebt in der heutigen Mundart2*2) fort.
Eine kleine Anzahl französischer Wörter hat im Mittelalter
in das Armenische Aufnahme gefunden. In Abwehr gegen
Mohamedaner und Griechen hatte der politisch weitblickende
Leo II (118? — 1219) aus der Dynastie der Rubeniden. unter
Anlehung an die christlichen Staaten Svriens ein neues arme-
23S) Continuat de Gruillaume de Tyr (Abgedruckt in: Reeueil des
Historiens des Croisades. Historiens occidentaiix. T. II.) p. 18M (Hand-
schr. D). Vgl. De Mas Latrie /. c. p. 43 und L. Brehier L'Eglise et l'Orient
Moyen-Age. Les croisades. Paris 1911. p. 185.
23*) In Betracht kommen im besonderen die griechische Übersetzung
der Assisen (oben Aum. 230) sowie die Chroniken des Leontios Machaeras
und des Georg Bustrone.
2*ü) Vgl. K. Krumbacher Geschichte der byzantinischen lAtteratnr*.
p. 901.
24 ') Daß italienische Wörter in weit größerer Zahl noch als franzö-
sische Aufnahme in das Mittelcyprische gefunden haben, erklärt
sich aus den regen Handelsbeziehungen, die die Italiener mit Cypern im
Mittelalter unterhalten haben. Vgl. G. Meyer Romanische Wörter im
kyprischen Mittelgriechisch, in: Jahrbuch für vornan, und engl. Sprache
und Literatur XV (1876), p. 33 ff. und oben zum Griech. Anm. 214. -Über
die lingua franca in Mittelalter und in der Neuzeit handelt H. Schuchardt
Zs. f. mm. Phil. XXXI II p. 441 ff.
**-) S. Menardos r<x)Mzul utaanovtxal /..'J.-/.- .'•>• KvTtoo, in:.':
XII (1900), pp. 360 -384.
Beitrüge zu ein r Geschichte der französischen Sprache. 215
nisches Reich Dach abendländischem Muster gegründet, und
es zeigt der Sprachgebrauch mittelarmenischer Texte im be-
sonderen die armenische Übersetzung der Assisen von Antiochien
aus dem Jahre L265, daß mit den Begriffen aus dem Gebiet
der feudalen Staats- und Rechtsorganisation in mehreren
Fällen deren französische Bezeichnungen übernommen
wurden'243). Dieselben scheinen fast ausnahmslos der Sprache
wieder abhanden gekommen zu sein, nachdem 137 5 durch, das
arabisch- egyptische Sultanat der Untergang des Königreichs
Kleinarmenien herbeigeführt wurde und als während der dann
folgenden Fremdherrschaften die von Armenien mit dem Abend-
lande im Mittelalter geknüpften Beziehungen Jahrhunderte
hindurch nahezu vollständig unterbrochen waren. Dem Geist-
lichen Mekhitar und der von ihm zu Beginn des 18. Jahr-
hunderts gegründeten gelehrten Kongregation der Mekhitaristen
mit Venedig als Hauptsitz, gebührt in erster Linie das Verdienst.
die Armenier mit der westeuropäischen Kulturwelt erneut in
engere Berührung gebracht zu haben -**). Seit der Mitte des
19. Jahrhunderts etwa sind dann die armenische Literatur und
Sprache von der französischen so stark beeinflußt worden, daß
hiergegen eine nationalarmenische Gegenbewegung entstand
und A. Tchobanian, Herausgeber einer in Paris erscheinenden
armenischen Monatsschrift, der Anahit, 1901 schreiben konnte:
quelques-uns de nos prosateurs et de nos poetes recents, tout
en revelant itn temperament personnel, ont Scrü avec le cerveau,
lr cceur et le style d'ecrivains frangais qui connaitraient l'ar-
menien; et notr« langue risquait de perdre compUtement son
earacUre national, si cette francomanie excessive n'etait arrUee
jxir une rSactione necessaire et utile2**).
2*3) Vgl. Ed. Dulaurier Le royaume de la Pdite Armenie au point
de vue historique, in : Recueil des historiens des Croisades. Doc. armeniens
T. I, p. XLIXft Von besonderem Interesse ist in diesem Znsammenhange
noch der bei Dulaurier l. c. p. 579 ff. abgedruckte Brief des Heiligen
Nerses von Lambron. in welchem er Leo IL ermahnt an den Sitten der
Vorfahren festzuhalten und u. a. auch die den Lateinern entlehnten Titula-
turen aire, proximos, connüable, marechal, lige zu vermeiden. Vgl. die
Ifende Briefstelle auch bei Brunot Hist. I. 360. — H. Hübschmann
Armenische Grammatik I. Leipzig 1897. p. 389ff. gibt ein Verzeichnis der
in das Mittelarmenische eingedrungenen franz. Wörter mit Angabe der
Fundstellen. — Über die Verwendung der frz. Sprache in der armenischen
Kanzlei handelt V. Langlois Essai historique et eritique sur la Constitution
sociale et politique <l< l 'Armenie, in: Mim. de l'Ac. imperiale des sciences
de St. Päersbourg 711« sene, t. 3 (1860).— Über frz. Laute des 13. Jahr-
hunderts nach dem Zeugnis mittelarmenischer Transskriptiouen s. F. N.
Fink in: die Neueren Sprachen IX (1901/02), p. 385 ff.
"*) Vgl. Ed. Dulaurier Bev. des l>eu.r Mondes 1854 XXIVe annee,
t. 6, pp. '245 ff.
24B) A. Tchobanian L'influence de la litterature francaise dans la
lüterature arminienne contemporaine p. 258, in: Annales internationales
d'histoire. Congrea de Paris. <ie session. Eist, comparee des Litte ratures.
Paris 1901. p. 249—257.
^ic» I). Behrens.
Die französischen Kolonien.
14. Das erste französische Kolonialreich.
a) La Nouvelle France. Die kolonisatorischen Be-
werbungen Frankreichs haben nach einigen vergeblichen älteren
Versuchen zuerst im Anfang des 1/. Jahrhunderts an der
Fundy-Bai in Akadien (Neuschottland) (1605) und am
St. Lorenzstrom in Kanada (1608) zu dauernden Erwer-
bungen geführt. Die Geschichte dieser als Neu-Frank-
reich bezeichneten Niederlassungen, die zu Territorien von
großer Ausdehnung sich erweiterten, ist voller Wechselfälle,
bis sie in den endgültigen Besitz der seit Beginn des 18. Jahr-
hunderts mit den Franzosen auf maritimem und kolonialem
Gebiet immer erfolgreicher rivalisierenden Engländer über-
gingen 246). Im Frieden von Utrecht wurden 1715 Akadien,
Neufundland und die Hudson-Bay, im Frieden von Paris 1763
Kanada und die zur Nouvelle France noch gehörenden Ge-
biete mit Ausnahme zweier kleiner als Fischereistationen
dienenden Inseln, St. Pierre und Miquelon, an England ab-
getreten. Bewunderungswürdig ist die Zähigkeit, mit der die
französischen Bewohner des Landes unter der englischen Herr-
schaft wie an ihrem katholischen Glauben, so an den Sitten und
an der Sprache ihrer Yäter bis heute festgehalten haben. Mit
berechtigtem Stolz konnte Napoleon Legendre im Jahre 1884
bemerken: „Par nos protestations incessantes, par nos efforts
persistantSf nous en sommes arrives ä faire reconnailre ä la
langue francaise le droit de cite dans ce pays qu'elle avait
jadis conquis ä la civilisation, et dont on avait voulu plus tard
Vexpulser; nous l'avons fait mettre sur un pied d'SgaMU avec
la langue de nos compatriotes d'une autre origine" 247). Als
1867 die Herrschaft Kanada (Dominion of Canada) mit den
Provinzen Ontario (Ober-Kanada), Quebec (Unter-Kanada).
Neuschottland und Neubraunschweig gebildet wurde, hatte die
Sprachenfrage durch Artikel 133 der Bundesakte ihre gesetz-
liche Regelung dahin gefunden, daß für alle Bundesange-
legenheiten das Französische neben dem Englischen als gleich-
berechtigte offizielle Sprache anzusehen sei, eine Bestimmung,
die auf die später dem Dominion noch beigetretenen Provinzen
Manitoba, Britisch Columbia und Prinz-Edwards-Insel ebenso
Atiwendung findet. In der überwiegend von Franco-Canadiern
24e) Vgl. Yj. Salone La colonisation de la Nouvelle- France, etude sur
les origines de la nation canadienne francaise. These. Paris [1905]. —
Die Bezeichnung Nouvelle -France für die in Frage kommenden Gebiete
ist wesentlich älter als deren dauernde Besitzergreifung durch Frankreich
zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Über den schwankenden Umfang des Be-
griffs „Akadien" vgl. E. Sieper Neuere Sprachen IX, 4H8f.
*47) Napoleon Legendre La procince de Quebec et la langue francaise*
in: Proceedings and Transactions of the Royal Soc. of Canada for fite
year 1884. Vol. iL Montreal 1885. Section l". 17.
Beiträge zu einer Geschichte der französischen Sprache. 217
bewohnten Provinz Quebec wurde das Französische außerdem
auf dem Gebiet der Pro vinzial Verwaltung als mit dem Eng-
lischen im offiziellen (Jebrauch gleichberechtigt anerkannt '-'*■).
Die aktenmäßig gut beglaubigte und fleißig durchforschte
Siedelungsgeschichte Kanadas'-49) ergibt als Ursprungsland
der französischen Kolonisten zumeist das westliche Nord-
frankreich, insbesondere die Normandie, dann Perche, Aunis,
Saintonge, Poitou und Ile-de-France. Einem im ganzen nur
schwachen Zustrom von Einwanderern250) steht eine außer-
ordentlich starke natürliche Vermehrung der eingewanderten
Bevölkerung durch Geburtenüberschuß gegenüber, so daß für
den Beginn des 20. Jahrhunderts die Gesamtzahl der Franco-
Kanadier unter Einberechnung von etwa einer Million in den
Vereinigten Staaten lebenden auf annähernd drei Millionen
angegeben wird -51). Die Geschichte ihrer Sprache bietet eine
Fülle interessanter Probleme, zu deren Lösung in neuerer
Zeit namentlich die 1902 in Quebec ins Leben getretene
rührige Societe des parlers frangais au Canada252) beigetragen
248) E. Bouchette L'etat legal du francais au Canada, in: Congres
internat. pour l'extension de la langue francaise. Premiere Session: Liege,
10—14 sept. 1905. Paris 1906. Hiernach lautet Artikel 133 der genannten
Acte: ..Either the English or the French langnage may be used by any
Person in the Debates of the Houses of Parliainent of Canada and of the
Houses of the Legislature of Quebec; and both these languages shall be
used in the respective records and Journals of these Houses; and either of
these languages may be used by any person or in any pleadings or process
in or issuing frora any court of Canada established under this act. and in
or front all or any of the courts of Quebec. The Acts of the Parliainent
of Canada and of the Legislature of Quebec shall be printed and published
in both languages.'- — Zur äußeren Geschichte der französischen Sprache
iu Canada während der englischen Herrschaft vgl. noch u. a. *Boucher de
la Bruere fils Le Canada sous la domination anglaise. Saint Hyacinthe
1863. * A. Gerin-Lajoie Dix ans au Canada — de 1840 ä 1850. Quebec 1891.
849) *L'Abbe C. Tanguay Dictionnaire genealogique des familles cana-
diennes depuis la fondation de la colonie jusqu'ä nosjours. Montreal 1871 —
1890. 7 Bde. — Stanislas A. Lortie De Vorigine des Canadiens-Francais,
in : Origine et le parier des Canadiens-Francais . . . Publication de la
Societe du parier francais au Canada. Universite Laval. Quebec-Paris
1903. — B.Suite Origin of the French Canadians, in: Proceedings and
Transactions of the Royal Society of Canada. See. Series-Yol. XI. Sect. II
1905. p. 99 — 119. — * A.-G. Morice Dictionnaire historigue des Canadiens
et des Metis francais de l'Ouest. Kanüoops, B. C. : Published for the
Author 1908.
25°) Genaue Angaben fehlen. In den von W. Meyer-Lübke Germ, rom.
Monatsschrift I (1909), 133 nach Lortie (s. oben unter 249) mitgeteilten Ziffern
sind nur diejenigen Einwanderer enthalten, deren engere Heimat sich hat
feststellen lassen. Vgl. J. Geddes Krit. Jahresber. XII (1909—1912), I 288.
251) Vgl, a. Metin Notes et documents sur la langue francaise et
l'enseignement du francais hors de France, in: Congres international pour
l'extension et la eulture de la langue francaise. Prent, sess. Liege,
10—14 sept. 1905. Paris 190«.
252) Über das Programm der Gesellschaft und das von ihr herausge-
gebene Bulletin du parier francais au Canada s. J. Geddes Krit. Jahres-
!>. Behrens.
hat. Wie verhält sich das Französische Kanadas zu dem des
Mutterlandes s53)? [n welchem Umfange haben sich örtliche
Verschiedenheiten in der spezifisch kanadischen Entwickelung
Französischen herausgebildet?254) In welcher Weise ist
kanadische Französisch in den verschiedenen Teilen des
Gebietes durch die Sprache der unterworfenen [ndianerstämme
beeinflußt worden255) und welchen Einfluß hat es seinerseits
VI II 1904), I 222ff. — Über die auf die französische Sprache in
Kanada bezügliche Literatur orientiert vortrefflich 'lie von J. Geddes und
A. Rivard herausgegebene Bibliographie du parier fi m Canada.
Paris, Quebec 1906 [Publications de la SociGte" du parier francais au Canada].
— Über Neuerscheinungen auf dem Gebiete der Sprache, Litteratur, Ge-
Bchichte, Landes- und Volkskunde s. .T. Geddes Krit. Jahreaber. Vff. — Von
älteren Arbeiten über die sprachlichen Verhältnisse Canadas seien hier
A. M. Elliotta anregende Beiträge im American Journal of Philology er-
wähnt: Bd. VI (1885), 135—150: Preliminarv-Historical ; VII (1886), 140—
160: SpeechrMtxture in French-Canada. Externa! influenae; VIII (1887)
Speech- Mixtur e in French-Canada, A. Indian and French; X (1889),
133—168: Speech-Mixtur e in French-Canada. B. English and Frem
Ein wissenschaftlichen Anforderungen entsprechendes Wörterbuch des Cana-
disch-Französischen wird von der Soc. des parlers francais au Canada vor-
bereitet. Ältere lexikographische Arbeiten sind *0. Dünn Glossaire Franco-
( 'anadien. Quebec 1880, *S. Clapin Dictionnaire canadien-francais. Mon-
treal und Boston 1894. *R. Rinfret Dictionnaire de nos fautes contre la
langue frangaise. Montreal 1896. *N. E. Dionne Le parier populaire des
canadiens francais oh lexique des canadianismes. acadianismes, anglicismes,
americanismes, niots anglais les plus en usage au sein des famules cana-
diennes et acadiennes francaises . . . 1909. Vgl. J. Geddes in Krit. Jahresb.
XII, I 269—274. — Über den Stand der französischen Sprache in Canada
n Ausgang des verflossenen Jahrhunderts vgl. auch die Beiträge von
E. Salone und P. Poirier in: La langue fr ancaise dann le monde (Paris 1900),
p. 287—295.
253) Vgl. W. Meyer-Lübke Das Französische Canadas. in: Germ. rom.
M<>,tatss<:hrift I, 133 — 139. *A. Bivard Les dialectes francais dans le parier
franco-canadien, in: Congres international des Americanistes. XVe Session
Quebec en 1906. Quebec 1907 (auch in : Bull, du pari, franc. an (,'anada
V. 41-51, 81-85).
254) VltI. J. Squair A coutribution to the study ofthe Franco-Canadian
dialect, in: Proceedings ofthe Canadian Institute'. Toronto. XXIV 1888),
Xr. 50. p. 161—168 (Betrifft die Mundart von Ste. Anne de Beaupre in der
Provinz Quebec';. — J. Geddes Comparison of tico Acadian French dialects
n in the northest of North- America with the Franco-Canadian dialect
sjinj;en at Ste. Anne de Beaupre, Province of Quebec, in: Mod. Lang. AbresYIII
(1893), Sp. 449 ff., IX (1894), Sp. lff., 99ff. — A. F. Chamberlain Notes on the
lian-French dialect of Grariby (Province of Quebec), in: Mod. Lang.
NotesYil (1892). Si.. 24 iL. VIII (1893), Sp. 31 ff. — J. Geddes Study of an
Acadian French dialect spoken oti the north shore ofthe Baie-des-Chaleurs.
Halle a. S. 1908. — *A. F. Chamberlain The vocabularyof Canadian French, in:
■■es international des Americanistes, KV6 Session ä Quebec en 1906.
Quebec 1907 („Deals with expressions more or les peculiar to the "West
and Northwest" J. Geddes Krit. Jahresb. X,. I 203 f.). — * Ph. Gagnon La langue
.in nord-ouest canadien. in: Bulletin du parier franc. au Canada XL,
132—137 (J. Geddes Krit. Jahre,/,. X. I 214 f.).
Vgl. A. M. Elliott Speech-Mixture in French Canada (oben
Anm. 252). — *A.-F. Chamberlain Words of Indian origin in the French-
Canadian dialect and litterature. in: American Xotes and Queries. Phila-
:>' einer Geschieht* der französischen Spruche, 219
auf die [ndianersprachen ausgeübt?256) Wie beschaffen ist
die Sprache der von Franzosen und Indianern abstammenden
Mischlinge {half-breeds, bois-brüles, Mestizen), deren Zahl zu
-im dieses Jahrhunderts auf L0500 geschätzt wird?251)
Welchen Anteil hat das kanadische Französisch an der Bildung
des in der Gegend des Columbia-Flusses im Westen
sprochenen Handelsjargons, des Chinook?258) Die wichtige
»e nach der gegenseitigen Beeinflussung des Französischen
und Englischen in Kanada ist nicht einseitig nur mit Bezug
auf die Sprache der Höhergebildeten und der Literatur'-59),
sondern unter Berücksichtigung der verschiedenen Stände und
auch der verschiedenen Gegenden des weiten Gebietes zu
stellen 2li0). Besonderes Interesse beanspruchen schließlich
die sprachlichen Verhältnisse der in den Vereinigten Staaten
lebenden Kanadier und Akadier. Letztere wurden 1755 aus
ihrer Heimat vertrieben'-61). Sie kehrten später zum Teil
delphie, K.-U., 1888—1889, t. I. II. IV. — *B. Suite Les mots sauvages
employes au Canada, in: Bulletin des recherches historiques. Levis 1897,
*. 111. p. 139. — *Eug. Rouillard Noms giographiques de la province de
Quebec et des provinces maritimes emprunt&s aux langues sauvages.
Qu6bec 1906 (J. Geddes Kr it. Jahresb. IX. I 263). — *Eug. Rouillard Les
noms sauvaqes, in: Bulletins du parier franc. au Canada YH, 162 — 170.
VIII. 97-100 (J. Geddes Krit. Jahresb. XI, I 329; XII, I 295. - .1. Geddes
Indian words, in desselben Verfassers Study of an Acadian-French dialect
(s. oben Anw. 254 und vgl. dazu noch J. Geddes Krit. Jahresb. V, I 318 f.).
256) *a. F. Cliamberlain Xote sur l'influence exercee sur les Indiras
Kitonaga par les missionaires catholiques, in: Herne des etudes ithnogra-
phiques et sociologiques II, 155 — 158.
257) *C. Derouet Les metis Canadiern francais. Paris 1895.
-'s») Vgl. J. Geddes Krit. Jahresb. X, 1 204. — J. C. Pilling Biblio-
graphy of the Chinookan languayes ( including the l 'hinook jargori). Washing-
ton 1893 [Smithsonian Institution. Bureau of EthnologyJ. — H. Halle,
^1 manual of the Oregon trade language or „Chinook Jargon". London
1890. — G. Gibbs A dictionary of the Chinook Jargon or trade language
of Oregon. New York 1863. — Chinook Texts by Franz Boas. Washington
1W"4 [Smithsonian Institution. Bureau of Ethnology]. — G. C. Shaw The
Chinook Jargon and hou- to use it. Seattle 1909.
2iW) Zur Geschichte der frz. Literatur in Canada vgl. V. Rössel Hisloire
de la litterature francaise hors de France. Lausanne 1895. p. 281 — 354.—
C. Roy Essais sur la litterature canadienne. Quebec 1907 (Auch in: Proceed.
and transact. of the Royal Soc. of Canada 1905 und Bull, du pari, frone.
au Canada). — *Ch. ab der Helden Etudes de litterature canadienne franc.
und desselben Verfassers Nouvelles Etudes de litter. canadienne frangaise.
Paris 1907.
-,;" Vgl. A. M. Elliott Speeeh-Mixture in French Canada (oben Anm. 252)
and von älteren Arbeiten u. a. * J.-P. Tardivel L'Anglicisme, voilä l'ennemi.
Causerie faite au cercle catholique de Quebec, le 17 dec. 1879. Quebec 1888;
*A. Buies Anglieismes. Quebec 1888. 106 S. 12. Neuere Beiträge ver-
iJffentlicht regelmäßig die Soc. des parlers fr. au Canada in ihrem Bulletin.
Ein von .Joseph Quesnel (f 1809) verfaßtes Lustspiel lAnglomanie ist nicht
im Druck erschienen (vgl. C. Roy l. c).
-61) E. Sieper Studien zu Longfellows Evangeline IV. Die historische
grnndlage. Die expatriierung der französischen akadier. Das Verhältnis
des diehters zu der historischen Wahrheit, in: Neuere Sprachen IX, 271 ff.
(Hier weitere einschlägige Literatur.)
220 l). Behrens.
dahin zurück: zum Teil haben sie sich dauernd an verschie-
denen anderen Plätzen-6'2), namentlich auch in größerer Zahl
am unteren Lauf des Mississippi niedergelassen, wo sie heute
einen großen Bestandteil der Bevölkerung von Unter-Louisiana
bilden-63). Französische Niederlassungen im jetzigen Staat
Michigan kamen, nachdem sie 1763 mit Kanada englisch ge-
worden waren, L79B unter die Oberhoheit der Vereinigten
Staaten. Von Detroit aus war hier 1780 eine französische
Niederlassung in der heutigen Provinz Monroe am Erie-See
gegründet worden, deren Seelenzahl am Ausgang des ver-
flossenen Jahrhunderts auf 10000 geschätzt wurde, während
damals in Detroit selbst das Französische nahezu ausgestorben
war264). Am oberen Mississippi und an den Seen erinnern
Orts- und Familiennamen noch an die einstige Herrschaft der
Franzosen265). Eine durch handelspolitische Maßnahmen be-
dingte Massenauswanderung von Kanada nach der Union, und
namentlich nach den Nord-Ost-Staaten Maine, Massachusetts.
New-IIampshire, New-Jersey, Rhode-Island, Connecticut und
New-Vork setzte in den Jahren 1871 — 72 ein und nahm bald
eine solche Ausdehnung an, daß die Zahl der Franco-Kanadier
hier gegen Ausgang des Jahrhunderts bereits auf 800 000 an-
gegeben wird -6G).
b) Louisiana267). Nachdem von Norden zuerst franco-
kanadische Pelzhändler und Missionare in das Tal des Mis-
sissippi vorgedrungen waren, gelang es 1682 dem wagemutigen
Entdecker La Salle, von hier aus die Mündung des Stromes
zu erreichen, dessen ungeheuer ausgedehntes, im Osten von
den Alleghanies, im Westen von den Rocky Mountains be-
grenztes Gebiet er schon früher nach Ludwig XIV. Louisiana
2,;2) S. E. Sieper /. c. — P. Poirier Des Acadiens deportes ä Boston,
en 1755, in: Proceedings and transactions of the Royal Soc. of Ganada,
3rd series, vol. II, sect. 1, 1908. p. 125—180.
263) A. Fortier The acadians of Louisiana and their dialect, in: Fubli-
cations of the Mod. Lang. Assoc. of America 1891, p. 64 — 94. — A. Fortier
A Bistory of Louisiana, Paris 1904. I, 153 — 158.
264) *t. St. Pierre Histoire des Canadiens du Michigan. Montreal
1895. — Edgar E. Brandon A Fr euch colony in Michigan, in: Mod. Lang.
Notes XIII (1898), Sp. 242 ff.
265) *R. G. Thwaites Wisconsin. The americanisation of a French
settlement. Boston 1908.
266) p. Foncin France et Canada. in: Rev. pol. et litt. Revue Bleue
L897. II, 222 ff. (nach: *Edm. de Nevers L'avenir du peuple Canadiern-
francais. Paris 1896).
267) Alcee Fortier A Historg of Louisiana. 4 vol. Paris 1904. —
A. Franz Die Kolonisation des Mississippitales bis zum Ausgange der
französischen Herrschaft. Eine kolonialhistorische Studie. Leipzig 190<>. —
*A. Fortier Louisiana studies. Literatur e, customs and dialects. Historg
and education. New Orleans 1894. — * Edward J. Fortier, Les lettres
francaises en Louisiane. in: Memoires du pr emier congrcs de la langue
francaise au Canada. Quebec 1915.
Beiträge zu einer Geschichte der französischen Sprache. 221
getauft hatte268), und das er nun für die Krone Frankreichs
feierlich in Besitz nahm. Der formellen Besitzergreifung durch
La Salle folgten von See her 1(599 die erste eigentliche Be-
Biedelung durch Iberville und 1718 durch dessen Bruder
Bienville die Gründung von New Orleans, der nach dem
Regenten von Frankreich, Philipp II. von Orleans genannten
Hauptstadt. Nach dürftigen Anfängen *-69) nahm die Kolonie
unter französischer Herrschaft eine bescheidene Entwicklung270),
so daß. als L763 im Pariser Frieden die Osthälfte des Missis-
sippitals mit Kanada (s. oben p. 216) an England fiel, die
französische Regierung schon ein Jahr vorher, im Präliminar-
frieden zu Fontainebleau, die westliche Hälfte mit New
Orleans freiwillig an Spanien abgetreten hatte. Noch einmal
kam L800 durch den Vertrag von S. Ildefonso das westliche
Louisiana auf kurze Zeit in den Besitz Frankreichs, um 1803
von Napoleon für 60 Millionen Franken an die Vereinigten
Staaten verkauft zu werden, deren damaliges Gebiet durch
den neuen Erwerb mehr als verdoppelt wurde -7l). Der Name
Louisiana haftet heute nur noch an dem südlichen Teil der alten
Provinz, der allein einen stärkeren Zuzug französischer Ein-
wanderer erfahren hatte und der als besonderer Staat 1812
in die Union aufgenommen wurde. Hier im Mündungsgebiet
und am unteren Lauf des Mississippi hat sich die französische
Sprache allein noch in größerem Umfange bis in die Gegen-
wart hinein behauptet. Durch das Spanische in der Zeit von
1763 — 1801 kaum beeinflußt, hat sie sich hier Dank einer
von der Regierung der Union geübten maßvollen Sprachen-
politik auch der Beeinflussung durch das Englische längere
Zeit erfolgreich zu erwehren vermocht. Bei den beiden re-
gierenden Körperschaften (legislatures) des Staates wurde an-
fangs je ein ständiger besoldeter Dolmetscher augestellt, der
*88) Nach A. Fortier A History of Louisiana 1, 2t begegnet der Name
Louisiana zuerst in einer von La Salle unterzeichneten Urkunde vom Jahre 1679.
269) Im Jahr 170H betrug1 die Zahl der franz. Kolonisten insgesamt
82. darunter 5 Kanadier. Als 1712 die Kolonie einem Unternehmer, Antoine
Crozot. zur Ausbeutung übertragen wurde, zählte sie, 20 importierte Neger-
sklaven eingerechnet. 400 Köpfe. Erst seit 1717 ist unter der Verwaltung
der Compagnie des Indes eine verhältnismäßig starke Zunahme der An-
siedler erfolgt, so daß die Kolonie, als sie 1731 wieder in königliche Ver-
waltung überging, 5000 Weiße und außerdem 2000 Neger zählte.
,7°) Vgl. außer der Anm. 267 verzeichneten Literatur P. Heinrich La
Loxmiane soits In Compagnie des Indes 1717—1731. These. Paris [1907].
57 ') A. Supan 1H<: territoriale Entwiekelv.ng der europäischen Kolonien.
Gotha 1906. p. 180. — Nach A. Fortier l. c. IV, 265 f. umfaßte die von
Frankreich 1803 an die Vereinigten Staaten abgetretene Provinz ganz oder
teilweise das Gebiet der heutigen Staaten Louisiana, Arkansas, Missouri,
Iowa, Minnesota, North Dakota, South Dakota, Nebraska, Kansas, Colorado,
Wyoming, Montana, sowie der beiden Territorien Oklahama und The Indian
territory.
ZtBchr. f. frz. Spr. u. Litt. XLIV '*. 15
222 D. Behrens.
die Reden und Anträge der Mitglieder auf Verlangen über-
setzte272). H«*i den Geschworenen-Gerichten wurde in fran-
zösischer und englischer Sprache verhandelt. Als spater das
englische Element in der Bevölkerung stark überwog und
Englisch die offizielle Staatssprache wurde, fuhr man dennoch
fort, die Gesetze auch in französischer Sprache bekannt zu
geben. In den in Louisiana auf Grund der Constitution von
ls4"> eingerichteten, etwa unseren Volksschulen entsprechenden
public schools wurde anfangs Französisch und Englisch gelehrt,
bis man — nach Fortier aus „lächerlichen Sparsamkeits-Rück-
sichten1' — das Französische fallen ließ. Eine von Alfred
Mercier 1876 gegründete literarische Gesellschaft, das Athinee
Louisianais, hat sich die Pflege der französischen Sprache mit
Eifer angelegen sein lassen'-73), freilich ohne daß sie den in
neuerer Zeit in beschleunigtem Tempo sich vollziehenden
Rückgang derselben hat aufhalten und ohne daß sie deren
schließliches Erlöschen wird verhindern können. Mußte Alcee
Fortier schon im Jahr 1886 allgemein ein entschiedenes Zurück-
weichen des Französischen in Louisiana konstatieren 27*), so
bemerkt Albert Melin für das Jahr 1900 mit Bezug auf die
Lage des Französischen in der Hauptstadt New Orleans: Je
petit groupe fraucais, de tonte* parts enveloppe d'etrangers, en
nombre croissant, ne recrutant plus d'immigrants frangais} de-
ment bilingue et, peu ä peu, son ancienne langue fait place, dans
V image courant, u la langue etrangere dominante. En 1900, les
enfants des creoles büingues commengaient ä ne plus vouloir
apprendre le frangais2,15).
Eine eingehendere Untersuchung über das in Louisiana
gesprochene Hochfranzösisch fehlt. A. Fortier 276) rühmt die
im allgemeinen dialektfreie Aussprache desselben, die vielleicht
nicht genau der Pariser, wohl aber etwa derjenigen der
Bewohner des Orleanais und der Touraine entspreche. Das
von den höheren Ständen in New Orleans gesprochene Franzö-
•72) Vgl. hierzu und zum folgenden A. Fortier The French language
in Louisiana and the Negro French Dialect, in : Transactions of the
Mod. Lang. Assoc. of America I (1884—5) und desselben Autors French
Literatur e in Louisiana, ib. IT (1886).
57() Die Gesellschaft veröffentlicht (.'omptes-Rendus de V Athene e
Louisianais.
"*) A. Fortier The French language (s. Anm. 272), p. 101 : Though
French is still the mother-tongue of many thousands of Louisianians, the
fact cannot be denied that it is not as general spoken as before the war.
"*) Notes et documents sur la langue francaise et l'enseignement
du fravrais hors de France, in: Congrls international pour Vextension et
la culture de la langue francaise. Premiere Session Liege, 10 — 14 septembre
1905 (Paris 1906), p. 9.
'"' The French language (s. Anm. 272), p. 98.
•ägt zu einet' Geschichte der französischen Sprache. 223
Bisch sei weit „besser" als dasjenige der Kanadier, was sich
daraus erkläre, daß in Louisiana die französische Bevölkerung
durch neuen Zugang vom Mutterlande längere Zeit aufgefrischt
wurde, während in Kanada die Vermehrung des französischen
Elementes in erster Linie als eine Folge des Geburtenüber-
schusses im Lande sich ergab. Hinzu kommt nach demselben
Gewährsmann, daß in früherer Zeit die Söhne der reichen
französischen Familien Louisianas fast alle in Frankreich
erzogen wurden-"). An ihrer Sprache kenntlich sind noch
heute die in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts eingewander-
ten Akadicr, die auf größerem Gebiet, namentlich aber am
Westufer des Bayou Teche in den weiten Prairien von
Attakapas und Opelousas sich niedergelassen haben278).
Besonderes Interesse beansprucht ebenso das Negerfranzösisch,
das sich im Verkehr der französisch sprechenden Weißen mit
den seit dem 2. Dezennium des 18. Jahrhunderts als Sklaven,
später als freie Arbeiter dorthin importierten Negern heraus-
gebildet hat'2"9). Zu untersuchen wäre u.a., welchen Einfluß
277) 1. c. p. 99: „They reeeived an excellent classical education, bat
learned no English. My father has often told nie that on bis return honie
after a seven year's course of Frenche College, he could only say in English
„shut the door"', and had to £0 North for some time to study the language
of the country. My grandfather, who was born during the Spanish do-
minion, spoke French only. and did not allow English to be spoken in his
family. We are not so exclusive at present, and we are very anxious tliat
onr children should know English perfectly well, but we still eonsider French
as the mother-tongue, as the language of the family."
"•) Vgl. oben p. 220 Anm. 263.
"•) Vgl. *A. Mercier Etüde sur la langue creole en Louisiane, in:
Comptes-Bendus de l'Athenee Louisianais I (1876 — 1881). — A. Coelho
Creolo da Luisiana, in : Boletim da Sociedade de Geographia de Lisboa
2 (1881), p. 180—182. — J. A. Harrison The creole patois of Louisiana, in:
The American Journal of Philologt/ III (1882), p. 285-296. — A. Fortier
The French language in Louisiana and the Negro French Dialect
(s. oben Anm. 272). — Über die Verwendung des Negerfranzösisch macht
Harrison l. c. einige interessante Angaben: „The Franco Louisianais still
number several hundred thousands. The whites of this class are still sur-
rounded by negroes, with whom they communicate in a Pigeon French
curiously resenibling the English of the Chinese seas. The Creole children,
entrnsted froni infancy to the care of negro mamans, learn the patois be-
fore they learn the regulär French . . . All the petits blancs or ,,poor white
trash*' of the urban and plantation population speak the same patois
simultaneously with the French. In many households füll of intelligent boys
and girls. the patois is often spoken exclusively tili the children are ten
or twelve years of age. By that time their organs — larynx, speech-chords,
pharynx, uvnla — are so habituated to the drawling utterance of the
kitchen and scullery that they chant rather than speak the eultivated
French ... As a general rule those who speak the patois of the parishes
are able to speak pure French also. Address any negrillon in good French
and it is a point of honor with him to reply in the same. The aboriginal
language of the French negro has almost totally disappeared in the South,
leaving behind hardly a dozen words of African origin.
15*
224 D. Behrens.
auf dasselbe die Indianeridiome, feiner das Spanische, sowie
namentlich auch das Englische 280) ausgeübt haben.
Nordwärts vom jetzigen Staate Louisiana erinnern heute
im Mississippital noch die Namen zahlreicher Ortschaften-81)
an die einstige französische Herrschaft, während sich hier in
alten Siedelungen kaum noch die französische Sprache bis in
die Gegenwart erhalten hat282).
c) Westindien und Guayana. Abenteurer. Frei-
beuter und (seit L626) private Gesellschaften haben in "West-
indien der staatlichen Kolonisation Prankreichs vorgearbeitet.
Diese setzte 1664 unter Colbert ein, der die damals schon
stattliche, über die Inseln St. Christopher, Guadeloupe, Marie
Galante. Desirade, Les Saints. Martinique. Grenada, Les Gre-
nadines. St. Martin. St. Barth elemy, St. Croix, Tortuga und
Haiti verteilten französischen Besitzungen der von ihm gebil-
deten Westindischen Compagnie (Compaynit des Indes oeeiden-
tales) überwies und nach Auflösung derselben 1674 in staat-
liche Verwaltung überführte'-83). Im 18. .Jahrhundert hat
Frankreich seinen in günstiger Entwicklung begriffenen ertrag-
reichen westindischen Besitz, im besonderen auch gegen
seinen mächtig aufstrebenden englischen Rivalen, mit wechseln-
dem Erfolg behauptet. Einige weitere Inseln wie Tobago,
"°) über nordamerikaniscb.es Negerenglisch vgl. J. A. Harrison Negro-
English, in: AngliaVU (1884), p. 232— 279.
m) Vgl. .f. C. Brauner Some Old French place names in the statt of
Arkansas, in: Modern Language Notes XIV (1899), Sp. 65— 80; dazu einige
Nachträge von R. Renault ib. Sp. 191 f.
"*) Über ein im (istlichen Illinois in Wabashville und St. Francisville
gesprochenes franco-amerikanisches Idiom bemerkt A. S. Gatschet in The
American Antiqua rian and Orient al .Journal XI (1889). p. H4: „We know
of uo particulars concerning this dialect and it probably contains Shawano
or Miami Indian terms. Prof. Hugo Kuerschner, a German teacher of
modern languages. ouce established in Illinois, was entirely uuable to
anderstand their French, although he was i'ully conversant with literary
French. On passing through that district, he was called before a eourt
to act as Interpreter in a law case between parties of these villages, bat
although they repeated their Statements several times, he could make neither
"head nor tail" of what they said. This Jargon may turn out to be a
variety of the Canadian French patois, also spoken in Louisiana. Since
the Wea and Piankishaw Indians once held that tract at the time when
the French first established a line of forts from the lakes to the Missis-
sippi River, it is probable that some worda of these dialects of Algonkin
have perpetuated themselves in that "corioos" and idiomatic French."
Scheint es sich hier um alte Siedelangen zu handeln, so dürften die vier-
zehn französischen Niederlassungen von 30 und mehr Personen, welche
W. Carruth Foreign Settlements in Kansas, in: The Iüuisas University
Quarterlyl (1893) u. III (1895) verzeichnet, durchweg jungen Datums sein. —
Über französische Niederlassungen in Michigan und Wisconsin vgl. die oben
p. 220 Anm. 2H4 und 2H5 verzeichnete Literatur. Nach Norden, gegen
Kanada, war Französisch Louisiana nicht genau abgegrenzt.
,83) Stewart L. Minis Colberts West Tndia Policy. Newhaven. London,
Oxford 1912.
trägt zu einer Geschichtt der französischen Sprache. 225
Santa Lucia, 8t. Vincent und Dominica wurden neu besetzt,
andere gingen verloren, mehrere wechselten ihren Besitzer
zu wiederholten Malen. Ein schwerer Schlag war 1804 der
Verlust Haitis an die Schwarzen. 1815 wurde im zweiten
Pariser Frieden Frankreichs Besitz in Westindien, von
Barthelemy abgesehen, vollends auf seinen heutigen Bestand
reduziert, d. Ii. es verblieben ihm nur Martinique, Guadeloupe.
La Desirade. Les Saintes mit Petite Terre, Marie Galante
und izum Teil) St. Martin. Barthelemy gelangte, nachdem
es 1784 an Schweden abgetreten war. 1877 durch Kauf in
den Besitz Frankreichs zurück.
Weiter als die französische Staatshoheit reicht in West-
indien heute die französische Sprache, die wrir dort nicht nur
auf den französisch gebliebenen Inseln in allgemeinem Gebrauch
finden, sondern in weiterer oder eingeschränkterer Verwen-
dung auch auf einer Anzahl anderer antreffen, die entweder
wie Dominica, Santa Lucia. St. Vincent und Haiti seit lange
nicht mehr politisch zu Frankreich gehören, oder wie Trinidad.
Tuba und Porto-Rico einen Bestandteil des französischen
Kolonialbesitzes überhaupt nicht gebildet haben '2S*). Sehr
verbreitet ist auf den Antillen neben dem eigentlichen
Französisch heute das Negerfranzösisch (Patois creole), von
dem behauptet wird, daß es hier reiner als in Louisiana.
Guayana und auf den Maskarenischen Inseln gesprochen
werde-85). Ob das in dieser Allgemeinheit zutrifft, bleibe
dahingestellt; fest steht, daio, während die eingeborene
Indianerbevölkerung in Westindien heute nahezu ausgestorben
ist. die seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts dorthin importier-
ten Xeger zusammen mit den aus ihrer Verbindung mit den
Weißen hervorgegangenen Mischtypen auf den meisten Inseln
die weiße Bevölkerung an Zahl bedeutend übertreffen, auf
Haiti dieselben zu Beginn des 19. Jahrhunderts fast ver-
drängten. Auf den französisch gebliebenen Inseln versteht
heute jedermann Ilochfranzösisch : es findet dasselbe aber
kaum anders als in der feineren Gesellschaft, in öffentlichen
Versammlungen, in der Literatur und im schriftlichen Ver-
kehr Arerwendung, während im gewöhnlichen Tagesverkehr
das Xegerfranzösisch so gut wie ausschließlich gebraucht wird
und hier auch in Zukunft nur ganz allmählich mit Verallge-
-**) Vgl. Salles /.« langue franriüse dans les Petiten Antilles, in: La
langte francaise dans le Monde (Paris 1900), p. 264—267. — Herou La
petite colonie franc.aise de Saint- Thomas (Antüle Danoise), ib. p. 267 f. —
P. Fjoiiciu] L'instruction publique dans les Antilles franeaises, ib. p. 269 —
272. — Eugene Maximilien La langue franeaise dans les Grandes Antilles,
ib. p. 278-27*.
"*) Reue de Poyen-Bellisle Les sons et les formes du Creole dans
les Antilles. Dissertation. Baltimore 1892 [Universite de Chicago], p. 15.
226 />. Behrens.
meinerung der Schulbildung an Boden verlieren dürfte
Was die heutigen Sprachverhältnisse Haitis angeht, bo ist
zu scheiden zwischen der „Republik Haiti" im früher franzö-
sischen Westen und der „Dominikanischen Republik" (Santo-
Domingo) im früher spanischen Osten der Insel. In der
Republik Haiti ist die Sprache der Regierung, des hohen
Umgangs und der Schrift nach Tippenhauer28') ein „reines
Pariser Französisch", während das Negerfranzösisch als das
eigentliche Idiom des Volkes, des intim-freundschaftlichen
Verkehrs und der profanen Tagesunterhaltung bezeichnet
wird, das auch im volkstümlichen Lied -88), in Sprich-
wörtern288), sowie vereinzelt in der Predigt-89) und in der
periodischen Literatur290) angetroffen wird. In der domini-
kanischen Republik ist das Französische nächst dem im offi-
ziellen Verkehr üblichen Spanisch die am meisten verbreitete
Sprache, die von allen Angehörigen der höheren Kreise ge-
sprochen wird. Es begegnet hier im Volk sogar das Neger-
französisch der Haitianer290). In Cuba und Puerto-Rico
liegen heute oder lagen nach Eug. Maximilien wenigstens bis
zu ihrer 1899 erfolgten Unabhängigkeitserklärung die Dinge
ähnlich wie in Santo-Domingo -9l).
286) S. Salles l. c. p. -^i. „Le francais conquiert du terrain; maia il
semble plutöt se superposer au creole que le faire disparaitre. lue stati-
stique lies illettres donnerait de precieuses indications, car le creole, ä de
tres rares exceptions pres, ne s'imprime pas; mais ce travail reste ä faire.
Une indication est donnee par la eroissance de la population scolaire dans
les ecoles primaires ... II taut toutefois noter que la grande majorite dea
enfants passes par Fecole reutre dans uu niilieu. oü le creole seul est d'un
usage courant. Bleme ä la ville, on reneuntre des jeunes geus et surtout
des jeunes filles qui, apres avoir su reciter des fables du bon La Fontaine,
ue veulent repondre qn'en creole ä qui leur parle en Francais."
*") L. Gentil Tippenhauer Die Insel Haiti. Leipzig 1893. p. 476 ff.:
Des Landes Sprache und Literatur. — Eugene Maximilien l. c. p. 274 ff. —
Über die haitianische Literatur s. im besonderen *E. La Selve Histoire de.
la lüterature haitienne, depuis ses origines jusqu'ä nos jours, suivie d'wne
Anthologie haitienne. Versailles 1875. — Zur Siedelungsgeschichte vgl.
P. de Vaissiere Saint-Domingue (16^9—1789). La societe et la Vie creoles
xous l'Ancien Begime. Paris 1909.
"8) Tippeiihaner /. c. p. 420 f. — *.T. J. Audain Recueil de proverbes
creole f. 1*77.
2S9) Foures Notes sur le parier creole d'Haiti, in: Bulletin des
Parlers de France, p. 296.
29°) Eugene Maximilien I.e. p. 276 f.
2") Eugene Maximilien I.e. p. 277 : „A Cuba, de meme qu'ä Puerto-
Rico, apres l'espagnol, la langue qui jouit de la plus grande faveur est la
langne francaise. Daus les ecoles uue gi'ande place est reservee ä l'etude
du francais. Plusieurs journanx y sont ou etaient publies en framjais
avant les derniers evenemeuts. et les autenrs frangais y sont beaueoup lus.
Bien des familles francaises qui avaient abandonne Haiti lors des guerres
de rindependance ont fait souche ä Cuba et ont toujours tenu ä l'honneur
de -exprimer en francais. Ou s"explique que le patois d'Haiti soit aussi
Beiträge zu einer Geschichte der französischen Sprache. t2'27
Das Negerfranzösisch 292) der Antillen zeigt bei einer ge-
wissen Gleichförmigkeit regionale Verschiedenheiten, auf deren
Vorhandensein gelegentlich hingewiesen293), deren Studium
aber noch nicht ernstlich in Angriff genommen wurde. Eine
Einwirkung der Indianersprache hat man bisher nur in einigen
wenigen Wortentlehnungen nachzuweisen vermocht. Auf die
gegenseitige Beeinflussung des Negerfranzösischen und Neger-
englischen in Westindien weist H. Schuchardt Literaturblatt
f.germ.u. vom. Phil. 1885. Sp. 416 hin: „In Westindieu ge-
staltet sich das Verhältnis des Französischen zum Englischen
recht mannigfach und verwickelt: Negerfranzösisch und
Negerenglisch leben in inniger Gemeinschaft und zeigen
Neigung, sich miteinander zu vermischen".
Französisch Guayana wurde 1626 von Rouener Kauf-
leuten zuerst besiedelt und von Colbert 1674 zugleich mit
Westindien in staatliche Verwaltung übernommen. Es ist mit
einer kurzen Unterbrechung von 1808 — 1817, wo es portugie-
sisch war, bis heute in französischem Besitz geblieben. Die
Gesamteinwohnerzahl wird für 1911 auf 49 000 angegeben,
von denen die eine Hälfte Neger, während Asiaten, Indianer,
Mischlinge und, von 7000 weißen Sträflingen abgesehen, eine
verhältnismäßig kleine Anzahl Europäer die andere Hälfte
bilden294). Über die Sprachenverhältnisse in diesem bunten
Völkergemisch wissen wir wenig Genaueres. Nach einem
parle dans les marches publics de cette ile par le grand nombre de dorne-
stiques que ces familles y ont entraine apres elles. Dans les deux iles,
les idees et l'art francais exereent mie influence notable; et. souvent. les
jeunes gens achevent lenrs etudes en France. Generalenieiit les individus
d'nne certaine valeur intellectuelle s'expriment en francais. Maintenant,
on est en droit de se demander si tonte cette influence persistera avec la
nouvelle Situation qui est faite ä ces deux iles. Toutefois j'estime que la
France peut encore s'imposer, en elargissant le cadre de ses relations avec
ces iles. Ce conseil peut s'etendre pour les Antilles en general."
,,J) Vgl. die oben Anm. 284, 287 u. 289 genannten Arbeiten von
Poyen-Bellisle, Tippenhauer und Foures, dazu die älteren Veröffentlichungen
von *Ducoeur-Joly: Manuel, des habitants de Saint-Domingue. Paris 1802
(darin: Vocabulaire francais et creole), *J. J. Thomas: The theory and
practice of creole grammar. Port of Spain (Trinidad) (s. P. Meyer Revue
Critique VI, preni. semestre 1872, S. 156 ff.), *Goux, missionnaire ä la Marti-
nique: Catechisme en langue creole, precede d'un essai de grammaire sur
Vidiome usite dans les colonies francaises, Paris 1842, *J. Turiault Etüde
sur la langage creole de la Martinique, Brest 1874 und Paris 1876,
G. N. Faidherbe in La Revue scientifiqne de la France et de l'etranger.
III. Serie. 4, 1 (1884), p. 104 ff. Einige weitere einschlägige Literatur
verzeichnet H. Gaidoz Note bibliographique sur le creole francais, in : Revue
critique. Nouv. serie, t. XII (1881), p. 168 ff.
**3) Vgl. die Andeutunsren bei Tippenhauer /. c. p. 477 und Poyen-
Bellisle l. c. p. 16.
"*) Vgl. W. Sievers Süd- und Mittelamerika 3. Aufl. Leipzig und Wien
1914. p. 113 ff. — Zur Siedelungsgeschichte s. A. Condreau La France
equinoxiale I, Paris 1886, p. 1 ff.; E Maurel Histoire de la Guyane francaise.
Paris 1889.
228 D. Behrens.
Bericht des Gouverneure Mouttet295) für die Alliance frangaisi
wurden 1900 im College von Cayenne und in 20 v/eiteren
Lehranstalten des Landes -.j:;41 Kinder in französischer Sprache
unterwiesen, wobei die Bekämpfung des allgemein verbreiteten
kreolischen Patois298) auf große Schwierigkeiten stieß: ../.'-
wnnes instruites connaissant fort bleu le francais sc serrent
necessite" <!>< creole, patois forme de mots corrontpus on
<}i(i ont perdn leur signification premiere. Eh dehors */> l'ccole,
enfants n'entendent yue /<■ creole, et le francais est Inen
/</'.-• '/ etrt pour eux une langue Hrangere."
d) La Reunion. Mauritius. Seychellen. Die
Schwesterinseln La Reunion und Mauritius (früher Bourbon
und I le de France) bilden zusammen mit Rodriguez die Insel-
gruppe der Maskarenen, so genannt nach dem Portugiesen
Bfascarenhas, der sie zu Beginn des 16. Jahrhunderts entdeckte,
ohne daß damals eine Besiedelung erfolgt wäre. (Jegen A.us-
g des 16. Jahrhunderts wurde Mauritius von den Holländern,
1643 La Reunion von den Franzosen in Besitz genommen. La
Reunion, das 1654 von Fort Dauphin auf Madagascar 297) seine
u Kolonisten erhalten, ist bis heute französisch geblieben.
Mauritius ging, nachdem es einige Jahre vorher von den
Holländern verlassen war. 1715 in französischen Besitz iibei
und wurde 1721 von La Reunion aus kolonisiert. Nachdem
es 1810 von den Engländern erobert worden war'-98), erfolgte
1814 im Pariser Frieden seine Abtretung an England, in
**8) La langue francaise ä la Gruyane, in: La langue jranr. dans It
le. p. 2'ü ff.
'••) Vgl. * Introdnction ä l'Histoire de Cayenne p. Altred «le
Saint-Quentin Etüde sur la Grammaire creole. par Auguste de
Saint-Quentin. Antibes 1872. — * Alfred Parepou's Atipa. Roman guyanais.
Pari> 1885 ist nach H. Schuchardt Literaturbl. f. germ. u. rom. Phil. 1894
Sp. 310 f. „eine echte Urkunde des Xegerfranzösischeii von Cayenne".
m) Frankreichs erste kolonisatorische Bestrebungen in Madagascar
selbst fanden ein unrühmliches Ende in den Aufständen von Wü2 und 1674
Bei denselben sind zahlreiche Franzosen im Fort Dauphin umgekommen,
wahrend der Rest nach La Reunion (Bourbon) gebracht wurde, das auf
diese Weise einen wertvollen Zuwachs an Kolonisten erhielt. Gleichzeitig
wurde Madagascar formell in den Besitz der Krone Frankreichs übergeführt,
das auch für die Folgezeit seine Rechtsansprüche auf die Insel niemals
^eben hatte, bis dieselbe durch Gesetz vom 6. August 1896 als fran-
ue Kolonie erklärt wurde. Vgl. A. Supan Die territoriale Entwickelung
der Europäischen, Kolonien. Gotha 1906 passim. D'täquilly L'influence
francaise ä Madagascar (1643 — 1895), in: Rev. des Questions Historigues
XXIX (1895), p. 462— 518. Über die heutige Verbreitung der französischen
Sprache in Madagascar s. E. F. Gautier und P. Foncin iu^ La Langue fran-
dans le Monde (Paris 1900), p. 169 — 1 Vit. Eine kurze Xotiz über ein
kreolisches Patois in Madagascar s. Rtc. de linguistique et de phüologie
i - wj aree XIX (1886), p. 40.
J") Vgl. H. Prentout L'lle de France sous Decaen 1808—1810. Essai
sur la politique coloniale du premier empire et la rivalite de la France
et de l'Anirleterre dans les Indes «'»rientales. These. Paris 1M01.
Beiträge zu einer Geschichte der französischen Sprache. '-2-9
ii Besitz es sich heute befindet. Auf beiden Inseln spricht
die aus Weißen, Negern, Asiaten und Mischlingen bunt
zusammengewürfelte Bevölkerung nahezu ausschließlich ent-
weder eigentliches Französisch oder ein neben demselben
und statt desselben allgemein gebräuchliches, seinem Wort-
stande nach wesentlich französisches kreolisches Patois, dem
auch das in Mauritius als offizielle Sprache und als Sprache
der Garnison begegnende Englisch im täglichen Verkehr,
wenigstens bis vor kurzem noch, kaum Abbruch zu tun ver-
mocht hat. Für die Stellung des Schriftfranzösischen zum
Englischen in Mauritius gegen Ausgang des verflossenen
Jahrhunderts ist bezeichnend, daß von den 12 daselbst
erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften 10 ausschließlich
in französischer, nur 2 je zur Hälfte in französischer und
englischer Sprache redigiert waren, daß in den 80 Gottes-
häusern der Insel ausschließlich französisch gepredigt und in
den Sitzungen der verschiedenen landwirtschaftlichen, kauf-
männischen, literarischen etc. Vereine fast ausschließlich in
französischer Sprache verhandelt wurde, während der durch
Kabinettsorder von 1845 bei allen höheren Gerichtshöfen als
obligatorisch vorgeschriebene Gebrauch der englischen Sprache
unter solchen Umständen als unerträgliche Härte empfunden
werden mußte299). Was das kreolische Patois300) der beiden
"•) S. Ch. Girandeau Les Francis de l'ile Maurice in: Revue poli-
tiqtie et litteraire. Revue Bleue 25 sept. 1897, wo weitere interessante
Angaben zu dem englisch-französischen Sprachenkampf in Mauritius auch
für das Gebiet der Verwaltung und der Schule gemaebt werden. — P. F|oncin]
La langue francaise dans les deux lies sceurs Maurice (Ile de France) et
La Reunion (He Bourbon), in: La langue francaise dans le Monde (Paris
1900), p. 184—186. — Einige kurze Bemerkungen über die Herkunft des
mauritianischen Französisch und die Beeinflussung desselben durch das
Englische macht A. Bos Romania IX (1880), p. 578.
so°) A.Dietrich Les parlers crioles des Mascareignes, in RomaniaXX
(1891), p. 216 — 276. Hier weitere einschlägige Literatur p. 219f.
*L. Hery Esquisses africaines. Fahles creoles et explorations dans
l'tutcricur de l'ile Bourbon. Nouvelle edition. Paris 1883 (vgl. H. Schuchardt
Ltbl. f. ererm. u. rom. Phil. 1884, 8p. 369 ff.). — H. Schuchardt Sur le creole
de la Reunion, in Romania XI (1882). p. 589— 593 . — *V. Focard Du
patois de l"/!e Bourbon. Etüde lue ä la Societe des Sciences et Arts.
Saint-Denis (Rennion) 1885 (vgl. H. Schuchardt Ltbl. f. germ. u. rom. Phil.
1885 Sp. 513 ff.). — A. J. Verlier Le imtois creole de l'ile de Relation, in:
Memoires de la Soci&tc nationale d'Agriculture. Sciences et Arts d' Angers.
V. t. IX (1906), p. 283-305.
A. Bos Note sur le Creole que Von parle ä l'ile Maurice, anflenne
lle de France, in Romania IX (1880), p. 571-578. — l'. Baissac Etüde
wir le patois ertöte Maurieien. Nancy 1880. (Vf. weist im besonderen
auch auf die Verschiedenheiten des mauritianischen Kreolisch von dem in
La Reunion gesprochenen hin. Vgl. über seine inhaltreiche Studie Romania
X. -52o. 610 u. XI, 176). — H. Schuchardt Litcraturblatt für germanische
und romanische Philologie 1885, Sp. 415 — 417 (Anzeige von Ch. Baissac
Cours de grammaire francaise und Conference sur les Contes populaires
de l'ile Maurice).
230 V. Behrens.
Inseln angeht. so kommen besonders zwei Varietäten desselben
in Betracht, wie sie sich im Munde der aus Madagascar
stammenden einheimischen Neger (Malagaasen) und in dem
der vom afrikanischen Festlande später herübergekommenen
Kaffern, Mozambique-Neger etc. herausgebildet haben. Hierzu
kommt wenigstens auf La Reunion noch die Mundart der als
„crtoles du bois", „petits crSoles" oder auch als „petits blancs" 301)
bezeichneten, aus der Verbindung der ersten Kolonisten der
Insel mir malegassischen Frauen hervorgegangenen Mischlinge.
die sich in die höher gelegenen Teile der Insel zurückzogen
und hier eine Art Sonderexistenz führen. Interessante, noch
nicht näher untersuchte Nüanzen der genannten Varietäten
des in La Reunion und Mauritius gesprochenen kreolischen
Patois haben sich im Munde der seit dem dritten Dezennium
des verigen Jahrhunderts in sehr großer Zahl eingewanderten
Inder30-). Chinesen und anderen Asiaten herausgebildet.
Von den Maskarenen stammende französische Kreolen bil-
den neben Negern. Indern und Chinesen den größeren Teil der
heute etwa 20000 Köpfe starken Bevölkerung der Seychellen.
Dieselben wurden, nachdem sie 1744 an Frankreich gefallen
waren. 17 »ib besiedelt. Nähere Angaben über die heutigen
Sprachverhältnisse der 1815 in englischen Besitz überge-
gangenen Inselgruppe liegen mir nicht vor.
e) Senegambien und Vorderindien, 1 ber diesel-
ben genügen in diesem Zusammenhange ein paar kurze
Bemerkungen, da eine nachhaltigere französische Sprachein-
wirkung hier nicht stattgefunden hat.
Obgleich die Franzosen schon im 17. Jahrhundert an der
senegambischen Küste festen Fuß faßten und die ersten Ver-
suche sich dort niederzulassen vor diese Zeit zurückdatieren,
hat eine eigentliche Entwicklung der Kolonie erst nach der
Mitte des 19. Jahrhunderts unter der Verwaltung des Generals
Faidherbe (1854— 1861 und 1863 — 1865) eingesetzt. Inzwischen
ist durch Schuleinflüsse manches auch für die Verbreitung
der französischen Schriftsprache geschehen, während das
Vorhandensein eines negerfranzösischen Patois noch für den
Ausgang des verflossenen Jahrhunderts ausdrücklich in Abrede
gestellt wird303).
301) P. Gaffarel Les colonies frangaises. Paris insu. p. 108.
302) Ihre Zahl betrug 1891 auf Mauritius bei einer Gesaniteimvohner-
zahl von 378 872 bereits 256000, diejenige der Europäer nur etwa 3000.
,03) Vgl. A. Sebire La langue frangaise au Senegal, in: La Langue
francaise dam le Monde, p. lo« „de grands efforts out ete fait.s pt.ur re-
pandre l'aniour de uotre langue au Senegal, et dejä la jeune generation
des villes s'exprime facilement en francais. \otons. en passant. que ee
jargon qn'on prete aux uoira «laus des narrations fantaisistes lv'existe pas.
Le Senegalais parle le vrai francaia et non le erhole des Antillen." rhev
Beitrüge zu ebier Geschichte der französischen Sprache. '-l'-'A
in Vorderindien haben die Franzosen sich gleichfalls
bereits im 17. Jahrhundert festgesetzt. Im 18. Jahrhundert
nahmen sie dort eine Zeitlang unter den europäischen Mächten
die erste Stelle ein, vermochten dieselbe aber den Engländern
gegenüber nicht lange zu behaupten. Im ersten Pariser
Frieden (1814) verblieben ihnen nur die kleine Anzahl unbe-
festigter Handelsplätze | Tt rritoires), die sie heute dort besitzen:
Pondicherv. Karikal. Yanaon, Mähe und Chandarnagor. Die
Zahl der Personen, die in Vorderindien heute französisch
sprechen, belauft sich nach einer ganz oberflächlichen
Schätzung3114) auf 50000, darunter 30000 in den französischen
Niederlassungen, 20 000 in Englisch Indien.
15. Das zweite französische Kolonialreich.
Nur einzelne Trümmer waren von dem ersten franzö-
sischen Kolonialreich nach dem U. Pariser Frieden übrig
geblieben: an der Küste Neufundlands die Eilande St. Pierre
und Miquelon : in: Westindien Martinique. Guadeloupe. La
Desirade. Les Saintes mit Petite Terre, Marie Galante und
ein Teil von St. Martin: in Südamerika Franz. Guayana: in
Afrika einige Besitzungen am Senegal und die Insel La Reunion ;
in Asien die fünf vorderindischen Handelsplätze Pondichery,
Karikal. Yanaon, Mähe und Chandarnagor. Der ausschlag-
gebende Grund, weshalb Frankreich im Wettbewerb mit
England unterlag, war. daß es einen großen Teil seiner
Machtmittel zur Begründung und Behauptung der Vormacht-
stellung in Europa einsetzte, während England die volle Kraft
auf die Durchführung seiner kolonisatorischen Unternehmungen
konzentrierte. Als verhängnisvoller Fehler kam hinzu, daß
man nach der Aufhebung des Edikts von Nantes in starrer
Unduldsamkeit vielen Tausenden von Glaubensflüchtlingen
den Zugang zu den überseeischen Besitzungen des Landes
verschlossen hatte, statt diesen mächtigen Strom der Intelligenz,
der wirtschaftlichen Tüchtigkeit und des Kapitals für die
kulturelle Entwickelung der Kolonien nutzbar zu machen 305).
portugiesischen Spracheinfluli bei den Franzosen und den Eingeborenen
der französischen Senegal-Kolonie vgl. H. Schuchardt Zeüschr. f. vornan.
Phüol. XII (1888), p. 312.
so*) H. Ferrier La langue francaise dann l'Inde, in: La languefran-
;<iise dans le Monde (Paris 1900). p. 193.
*08) Vgl. G. K. Anton Zur Entwickehmg des französischen Kolonial-
reichs, in Jahrbuch der Gehe- Stiftung zu Dresden. Bd. II (1897). Mada-
gascar wird sieh nicht mit Anton p. 21 zum älteren französischen Kolonial-
besitz rechnen lassen, wenn auch Frankreich offiziell sein Anrecht auf das-
selbe wiederholt geltend machte. Vgl. oben p. 228 Anni. 297. — Französische
Hugenotten, die bei den Holländern an der Tafelbai und in Surinam, so-
wie in den englischen Niederlassungen Nordamerikas Zuflucht fänden und
nützliche Kulturarbeit leisteten, haben dort vereinzelte Spuren in der
D. Behrens.
Bemühungen Frankreichs, ein neues Kolonialreich
zu gründen, siml seitdem von Erfolg gekrönt gewesen. Seinen
überseeischen Besitz bilden heute außer jenen dürftigen
Überresten aus früherer Zeit die folgenden Neuerwerbungen
(Kolonien und Protektorate) von gewaltiger Ausdehnung und
mit einer Bevölkerungszahl, die diejenige des Mutterlandes
abertrifft:
Amerika: Barthelemv US/?)306). S. oben p. 325.
Afrika: Algerien (1830 — 1848); Tunis (Protektorat
1881!. Marokko (Protektorat 1912); Französisch-Westafrika
(dazu gehören außer der ehemaligen Senegal-Kolonie Dahome
1895. Elfenbeinküste. Französ. -Guinea, Mauretanien und die
Militärterritorien in der Sahara), Frauzösisch-Aequatorial-
afrika (Gabun. Mittelkongo, Ubangi-Schari) ; Französisch-
Boraaliküste; Madagascar und Dependenzen (Protektorat
1882—5, Kolonie 1896): Mayotta (1841); Comoren (Protek-
torat 1886 ) ; im Südpolargebiet gelegen und unbewohnt St. Paul,
Neuamsterdam und Kerguelen (1892 — 3).
Asien: Französisch-Indochina: Cochinchina (1858 — 62),
Cambodja ( 1863 Protektorat), Annam (1884 Protektorat,) Tong-
king 1884. Laos.
S ü d s e e : Xeucaledonien ( 1853) und Loyalty-lnseln (1864) :
Chesterfield-Inseln : Wallis-Inseln (Protektorat' 1886) ; Fotuna
und Alofa (Protektorat 188?) : Französisch-Ozeanien (Tahiti-
Gruppe 188<>. Inseln unter dem Winde 1888, Tubuai-Inseln
1882. Marquesas-Inseln 1842, Tuamotu-Inseln, Gambier-Inseln
1881): die unbewohnte Clipperton-Insel.
Unter den hier aufgezählten Kolonien befinden sich keine
reinen Einwandererkolonien. AVeitaus die Mehrzahl derselben
sind Eingeborenenkolonien, in denen die Europäer nur zum
vorübergehenden Aufenthalt als Verwaltungsbeamte, Missionare.
Soldaten etc. sich aufhalten. Aber selbst in den von einer Minder-
zahl von Weißen besiedelten Mischkolonien, zu denen Tunis 307).
Teile von Algier 308) und Xeucaledonien gehören, hat eine relativ
Sprache bis heute zurückgelassen. Vgl. Ch. Weiß Histoire des refugi&s
Protestant* de France depuis la r&DOCation de l'cdit de Nantes jusqii'ä nos
jours Paris 185:5) II, p. 154— 1H1; ib. I. p. 367— 436. — R. Landrieux La
langue francaise en Afrique austräte, in: La langue franqaise dans lt
Munde (Paris 1900), ).. 1*1 f. - Charles W. Baird History of the Hugnenot
Emigration to America. 2 vol. New York [1884]. — Sylvester Primer
The Hugnenot dement in Ckarleston's pronunciation, in : Phonetische Stt<diei<
hrsgb. von W. Vietor III (1890), p. 139 ff. 290 ff.
3oe) Die beigefügten Zahlen bezeichnen das Erwerbungsjahr.
307,l Nach den Zählungen von 1901 und 1899 betrug die Zahl der in
Tunis lebenden Franzosen 24204. der Italiener 63 8HH gegenüber 1 TW 000
Eingeborenen oder Mahoniedanern. Vgl. A. Supan Die Jhrülkerung der Erde
XII. in : Peterman/is Mitteilungen, Ergänzungsheft Nr. 146. Gotha 1904. p.91.
*08) In Algier lebten nach der Zählung von 1901 neben 4 072085
»Untertanen" (Araber. Kabylen. M'Sabiten und Juden von M'Sab) 121500
Beiträge zu einer Geschichte der französischen Sprache. 233
Bchwache Besiedelung vom Mutterlande aus stattgefunden,
weil dasselbe heute über genügend Volkskraft, um einen
«milderen Teil derselben an seine überseeischen Gebiete ab-
geben zu können, nicht mehr verfügt. Diesen Verhältnissen ent-
sprechend gewinnt die französische Sprache im neuen franzö-
sischen Kolonialreich nur langsam an Boden, trotzdem in den
letzten vier bis fünf Dezennien namentlich durch Einrichtung
von Schulen viel für die Verbreitung derselben geschehen
ist 309). Besondere Verkehrssprachen, die sich zwischen
Weißen und Eingeborenen herausgebildet haben, sind das
Annamito-Französisch in Saigon310), das Negerfranzösisch
in Madagascar 3u) und im Sudan31'2), das Bichelamar in
Neucaledoniensls), das Sabir314) und das Judenfranzösisch315)
Algeriens.
in Frankreich geborene Franzosen, 170 9H4 in Algerien geborene Franzosen,
L55965 Spanier. 38791 Italiener. Vgl. A. Supan l. c. p. 93.
so*) Vgl. in La Langue frangaise dans le Monde (Paris 1900):
p. 128—9 P. F[oncin] La langue frangaise en Tunisie, p. 130 — 133 M.Wahl
La langue frangaise en Algerie, p. 135 — 137 J. Goffart La langue frangaise
au Maroc, p. 138 — 141 A. Sebire La langue frangaise au Senegal, p. 142—
148 0. Gi\y La langue frangaise au Soudan, p. 149 — 152 V. Gaboriaud La
langue frangaise dans la Gruinee frangaise; p. 152 — 153 P. F[oncin| La
langue frangaise ä la Cote d'Ivoire; p. 153-155 P. F[oncin] Opinion d'un
officier sur l'enseignement de la langue frangaise dans l'Afrique occidentale,
p. 156—158 C. Guy La langue, frangaise au Dahomey, p. 160 — 1B6 P. Mille
La langue frangaise dans les deux Congos, p. 166 P. F|oncin] (iabon,
p. 167—168 Martineau La langue frangaise ä la Cote des Somalis, p. 194 —
200 A. Salles La langue frangais en Indo-Ckine, p. 225 — 228 Legoupils La
langue frangaise en Nouvelle-Caledonie, p. 234—236 F. Puaux La langue
frangaise en Oceanie. Vgl. ferner: J. B. Piolet Ijes Missions catholiques
frangaises. Paris 1901 f passim; H. Bigot La langue frangaise et l'ame
arabe, in : Congres international pour l'extension et la eulture de la langue
frangaise. Premiere Session Liege, 10 — 14 sept. 1905 (Paris, BruxeUes,
Geneve 190b). Fortschritte der französischen Sprache in Nordafrika, in:
Allgemeine Zeitung 27. Juli 1893 (Kurze Notiz). H. Froidevaux L'(Euvre
scolairc de la France aux colonies [in: Les colonies frangaises. Paris 1900.
Exposition Universelle de 1900 1.
ai°) H. Schuchardt Kreolische Studien VIII. Über das Annamito-
Französische. Wien 1888.
31 l) Vgl. oben p. 228 Anm.
3M) Vgl. C. Guy l. c. p. 144. Vgl. dagegen oben p. 230.
,n) Vgl. Legoupils l. c. p. 226 „ . . . un grossier idiome qu'on appelle
bichelamar, et qui se compose de frangais, de quelques termes indigenes,
et surtout dranglais". Dasselbe ist ebenso auf den Neuen Hebriden im
Gebrauch, die seit 1887 unter einer Art gemeinsamem engl. -franz. Protek-
torat stehen. S. J. Silvester in La langue frangaise dans le Monde p. 231.
314) H. Schuchardt Zs. f. rom. Phil. XXXIII (1909), p. 457 f. Von
Schuchardt wird eine Abhandlung über die „Romanischen Lehnwörter im
Berberischen" vorbereitet. Vgl. Sitzungsberichte der Kais. Ah. der Wissen-
schaften in Wien. Phil.-hist. Klasse. 182. Bd. 1. Abhandl.
"■) H. Schuchardt Zs. f. rom. Phil. XXX, p. 459 f.
234 D. Behrens.
Auch in solchen überseeischen Ländern, die nicht zum
französischen Kolonialbesitz gehören oder gehört haben, ist
die französische Sprache heute verbreitet. Die Ausbreitung
derselben in den Dienst ihrer Weltpolitik zu stellen, haben
die Franzosen meisterhaft verstanden, und sie würden, wenn
es hierauf allein ankäme, wohl längst allen Nationen den Rang
abgelaufen haben. Als Organ dieser Art politischer Propa-
ganda hat seit den achtziger .Jahren des verflossenen Jahr-
hunderts im besonderen die Alliance franeaise gedient, auf
deren Berichte an dieser Stelle verwiesen sei 316).
D. Behrens.
sie) La Langue franeaise dans le Monde (Paris 1900): p. 118—124
Pr Schneider La langue frangaise en Perse; p. 125 — 127 M. Lacau La
langue fr. en Tripolüaine; p. '201 — 204 A. Ledere La langue fr. en Chine;
p. 204— 207 Gaston Rouvier La France dann la Chine du Nord; p. 207—
208 P. F. Le Francais dans le Sud-Ouest de la Chine; p. 209—213 E. Bertin
La langue frangaise au ■Japan; p. 217 — 218 de Petit La langue fr. aux
Indes neerlandahes ; \>. 220—22.'] G. B. rt'Auuet La langue fr. en Australie;
p. 237—241 E. Daireanx La langue fr. dans la Republique Ar gentine;
p. 242—244 La langue fr. cn Uruguay et au Paraguay; p. 245—251
A. Bellessort L'influence frang. au Chili et sur la cote du Pacifique ;
p. 252—266 A. Ricaume La langue fr. au Bresil; p. 279—281 L. Albertini
La langue fr. au Me.rique ; p. 282—286 R. Doumic Im langue fr. aux
Etats-Ünis. — Beachte auch Fr. Z. Lillo Les chances et les mogens de
Penetration du frangais dans l'Ame'rique du Sud, particulierement au Chili.
in: Congres international pour l'extension et la eulture de la langue
frangaise. Prem. Session Liege, lo — 14 septembre 1905. Paris, Bruxelles,
Geneve 1906. A. Metin Notes et documents sur la langue franeaise et
l'enseignement du frangais hors de France, ib.
Referate und Rezensionen.
Die Lieder Raouls von Soissons, herausgegeben
von E in il Wink ler. Halle a. S., Max Niemeyer 1914.
IX. 96 S. und 2 Beilagen. 3 Mk.
Von den Liedern Raouls von Soissons war bisher nur
etwa die Hälfte irgendwie veröffentlicht, meist in Abdrücken
oder Reproduktionen einzelner Hss.. in kritischem Text wohl
nur in einem vereinzelten Falle: W. gibt nun sämtliche er-
haltenen und von ihm als echt befundenen Lieder Raouls.
zwölf an der Zahl, erstmalig nach allen IIss. heraus. Er bringt
in seinem Buche zunächst eine Einleitung: in deren erstem
Abschnitt wird unter der Überschrift „Biographisches" alles,
was über den Dichter und seine nicht ganz gewöhnlichen
Schicksale bekannt ist, sorgfältig und unter Mitteilung der
wichtigsten Zeugnisse zusammen gestellt '). Es folgen in einem
zweiten Abschnitt eine Übersicht der Hss., in denen die
Lieder überliefert sind, weiter eine ausführliche Erörterung
über die Vei fasserfrage und einige Bemerkungen zur Chrono-
logie der Gedichte. Über den letztgenannten Punkt ist nur wenig
sicheres zu ermitteln, und gegen W. s Zeitbestimmung, der die
Gedichte (soweit sie überhaupt datierbar sind) zwischen 1243
und 1255 ansetzt, ist wohl kaum etwas einzuwenden. Be-
sondere Bedeutung kommt der Attributionsfrage zu, indem
dabei einerseits zu der Verfasserschaft eines Thierri de Soissons
Stellung zu nehmen war. dem die Hss. K und N einige bzw.
alle Lieder, die sonst Raoul zugeschrieben sind, beilegen:
und andererseits auch festzustellen war, welche der einzelnen
in irgend welchen Hss. Raoul zugeschriebenen Lieder wirklich
von ihm herrühren mögen. Was W. über den zweiten dieser
Punkte anführt, scheint mir durchaus zuzutreffen, sowohl
nach der positiven als nach der negativen Seite hin; ich
kann also seine Entscheidung bezüglich der als echt an-
genommenen wie der als unecht verworfenen Lieder nur gut-
heißen2). In der ersten Frage dagegen scheinen mir die
') Auf S. 4 ist in Amn. :* statt 1785 natürlich 1185 zu lesen, was bei
der Druckfeblerverbesserung am Ende des Buches übersehen worden ist.
*) Daß eine gewisse Unsicherheit bestehen bleibt, liegt in der Natur
der Sache; übrigens glaube ich weiter unten von anderem Gesichtspunkte
ans einiges zur Bestätigung seiner Resultate beibringen zu können.
^:iii Referate und Rezensionen. W. Suchier.
Dinge Dicht ganz so einfach zu liegen, wie W. sie darstellt:
zwar glaube auch ich. daß man Thierri de Soissona nicht
wohl als Verfasser der zweifelhaften Lieder gelten lassen
kann, da diese Persönlichkeit sonst nicht nachweisbar isr;( i,
aber die übrigen Gründe W.a scheinen mir nicht zuzutreffen.
Er glaubt nämlich die fehlerhafte Attribution in K. und N
so erklären zu können, daß N (worin sämtliche darin ent-
haltenen Lieder Raouls dem Thierri zugesprochen sind) von
K als Xebenquelle benutzt worden wäre, in der Weise, daß
K zwar die vier von ihm unter dem Namen Raouls gebrachten
Lieder (= Nr. 7, 9. 10. 12 der Ausgabe W.s) aus seiner ge-
wöhnlichen Vorlage hätte (aus der auch die nächst verwandten
Hss. X und P die gleichen vier Lieder geschöpft haben),
die vier dem Thierri beigelegten Gedichte (= Nr. 2 — 4 und 8
bei W.) aber samt der falschen Attribution aus N herüber-
genommen hätte. Wenn man auch annehmen darf, daß
diese letzteren vier Lieder von K in letzter Linie aus einer
anderen Vorlage stammen als die ersten vier, da sie an einer
ganz anderen, späteren Stelle der Hs. geschlossen zusammen-
stehen, so bestehen doch m. E. ernste Bedenken, in der Hs.
N die Quelle dafür zu sehen ; denn einerseits enthält auch
die Hs. X wenigstens eins dieser Lieder (Nr. 2), und eben-
falls an spätererStelle (allerdings ohne jeden Verfassernamen),
und andererseits zeigt ein Vergleich der Lesarten von K und
N, daß K die besonderen Fehler von N vollständig vermeidet,
vielmehr deutlich mit anderen Hss. (darunter X) zusammen
gegen N geht4). Man wird also zu dem Schlüsse geführt,
daß schon in der gemeinsamen Vorlage von Nund KXP (also
in der Hs. v) die zweite der oben genannten Liederreihen
(Nr. 2 — 4 und 8) dem Thierri zugeschrieben war. und daß
dann N weiter auch die ersten vier Lieder (Nr. 7. 9, 10, 12),
die in v noch unter dem Namen Raouls gestanden haben
dürften, diesem Thierri beigelegt hat : auf welchem Wege die
falsche Attribution in v zustande gekommen sein mag, das
bleibt allerdings dunkel.
Vielleicht ist nicht überflüssig, bei dem Mangel an sonstigen
Argumenten zur Verfasserfrage, auf einige inhaltliche Über-
einstimmungen und Berührungen im Wortlaut hinzuweisen, die
zwischen verschiedenen der für Raoul in Anspruch genommenen
3) Ein anderes Bedenken gegen die Annahme eines Dichters dieses
Namens wird weiter unten gebracht.
') X. B. in Nr. 2, V. 14 taute N — toutes KXVBR, 44 m'oeit N —
l'oeü KXVBR, 53 seignorage N — d'avantage KXVBR; Strophe III des
gleichen Gedichts fehlt in N and X, ist aber in K vorhanden: in Nr. 3,
V. 10 martir N — marrir KV, 27 mal N — mort KV: in Nr. 4, V. 35
Quant N — Quant Amors KV, 44 sorpraigne N — sempraigne KV ; in
Nr. 8, V. 22 biaute plus qu'cji cevt N — biawtez plus de cent KV. 25
l'amors N — la mort KV.
Lieder Raouls von Soissons. 237
Gedichte bestehen. Bereits W. selbst hat S. 22 — 23 eine
Ähnlichkeit zwischen Nr. 3, Str. YI und Nr. ö. Str. Y hervor-
gehoben. Im folgenden stelle ich einige weitere Gedanken
zusammen, die sich in verschiedenen Liedern Raouls. z. T.
in ganz ähnlicher Formulierung, linden ; so begegnet
in Nr. 3. Y. 37 und Nr. 6. V. 18 die Äußerung, daß der
Dichter bei aller Hochschätzung der Minne doch dem Paradies
einen noch höheren Wert zuerkennen müsse, ein Gedanke,
der m. W. nicht als Gemeinplatz der höfischen Lyrik gelten
kann 5) :
in Nr. 3. Y. 42—43 und Nr. 12. V. 62 — 63 der Yergleich
mit der unter der Asche brennenden Kohle, der an beiden
Stellen auch sehr ähnlichen Wortlaut zeigt :
in Nr. 5. Y. 37 und Nr. 6. Y. 24 das Oxymoron ,,süßer
Feind1', indem an der zweiten Stelle die Dame douce anemie,
an der ersten ihre Augen douz Kiirmis genannt werden:
in Nr. 6. Y. 9 und Nr. 8, Y. 3—4 sowie Nr. 6, Y. 8—9
und Nr. 8. Y. 8 — 9 der Gedanke, daß nur die Liebe dem
Dichter die Fähigkeit zum Singen verleiht, während er ohne
dieselbe nicht dazu imstande sei: auch hier sind einige
wörtliche Berührungen zu finden, z. B. der Beim raison:
chanson.
Dazu kommt noch eine Reihe von Stellen, die in ver-
schiedenen Liedern wörtlich oder fast wörtlich wiederkehren.
So entsprechen sich ziemlich genau
Nr. 2. V. 54—55: Que vons passez de seus et de bonte
Toutes eeles de la erestiente
und
Nr. rt. V. 53 — 54 : Devant celi qui pa^se de bonte
Toutes celles de la crestientö.
Zwei andere Wortfolgen treten sogar jede in drei ver-
schiedenen Gedichten auf:
einerseits
Nr. 2. V. 5 : (Car sus toutes) sa graut biaute respleut
Nr. 3, V. y\ — 25: Fet eil mou euer resplendre i Sa grant biaute . . .
uud V. 28: Dame, ou grant biaute respleut
Nr. 12. V. Hl: En qui graut biaute resplent:
andererseits
Nr. 5. V. 33: Boucbe cortoise et de biaux diz
Nr. 8, V. 37: (Boue et sage.) cortoise et de Maus diz
Nr. 11. V. 4^: Boucbe cortoise et de biaus diz.
Wenn einzelne solcher Übereinstimmungen, wie ich
zugebe, schließlich auch auf Zufall beruhen könnten, so
glaube ich doch, daß das Zusammentreffen aller dieser Be-
8) Übrigen-; betont Raoul aneb sonst gelegentlich seinen religiösen
Standpunkt: vgl. das Geleit von Nr. 2 und die letzte Strophe von Nr. 3.
Merkwürdigerweise spricht er aber in Nr. 11. V. 58—55 fast das genaue
Gegenteil des oben angeführten Gedankens aus.
Zttchr. f. frz. Spr. u. Littr. XLIV'i <. jß
Referaü und Rezensionen. II. Suchier.
rührungen innerhalb so weniger Gedichte (die W. doch aus
ganz anderen Erwägungen heraus als Werke Raouls vereinigt
nicht anders aufgefaßt werden kann denn als Bestätigung
der Verfasserschaft Raouls für die Lieder zweifelhafter Echt-
heit. Von den durch die angeführten Ähnlichkeiten in so
mannigfacher Weise unter sich verbundenen 7 Gedichten9)
(Nr. 2, 3, 5. 6. 8. 11. 12) ist eins nur anonym überliefert
(Nr. 5), zwei gehen unter dem Namen Raouls i Nr. 6 und 12),
die übrigen vier sind, soweit sie nicht anonym auftreten.
demThierri de Soissons zugeschrieben (Nr. 2. 3, 8, 11). —
Auch diese Betrachtung lehrt also, daß man die Attribution
an Thierri, trotz ihres mehrfachen Auftretens in einer be-
stimmten Hss.gruppe. als unbegründet ansehen muß. und
zwar doch wohl nicht nur für die zuletzt genannten vier
Gedichte, sondern prinzipiell ').
Zur Textausgabe selbst ist zunächst zu bemerken, daß W.
sich um das Verständnis der Lieder offenbar bemüht und
auch Sorgfalt auf den Text verwendet hat : leider bleiben
hinsichtlich der äußeren Textgestaltung einige Bedenken
bestehen, indem W. den diakritischen Zeichen d) und der
Interpunktion nicht immer die wünschenswerte Aufmerksamkeit
geschenkt hat. W. folgt bei der Setzung der Interpunktion
im wesentlichen dem neufranzösischen Prinzip, aber doch
nicht konsequent genug, so daß die von ihm gesetzten Zeichen
(eventuell auch die Nichtsetzung von Zeichen ) das Verständnis
zuweilen eher erschweren, als fördern 9). Daß W. die dia-
°) Eine weitere Fragte wäre, wieweit man aus diesen Berührungen
zwischen den genannten Gedichten auf einen engeren zeitlichen Zusammen-
hang zwischen ihnen, oder wenigstens zwischen einzelnen von ihnen,
schließen darf: ich möchte hier nicht dazu Stellung nehmen, erwähne
aber, daß YV. ans anderen Gründen (vgl. S. 26 — 27 seiner Ausgabe) die drei
Lieder Xr. 3. 5 und 6 in annähernd die gleiche Zeit setzen möchte.
7) Daß die Hss.gruppe KXPX auch sonst kein unbegrenztes Ver-
trauen verdient, ergibt sich aus einer Prüfung der textlichen Überlieferung,
die au einer ganzen Reihe von Stellen verderbt ist: vgl. z. B. Xr. 1, V. 23:
Xr. 3. V. 44: Xr. 4. V. 22; Xr. 7. V. 34: Xr. 8, V. 39; Xr. 10, V. 9 und 16;
Xr. 11, V. 43; Xr. 12, V. 8, 16, 25. 27. 36 (einige dieser Fehler sind auch
in v zu rinden). — Übrigens ist der Wortlaut der Lieder Raouls auch in
den anderen Hss.gruppen mehrfach stärker gestört; es gibt eine Reihe von
Fehlern, die offenbar weiter verbreitet Avaren und bis nahe an das Original
hinaufreichen dürften : z. B. Xr. 9, V. 23 und 67 (vielleicht auch V. 19) ;
Nr. 12. V. 67.
») Z. B. fehlt das Trema in t raison (Xr. 2. V. 57). hair (Xr. 3, V. 20).
hai (Xr. L2, V. 52), wblier (Nr. 4. V. 17 und Xr. 10, V. 17) ; sowie der
Akzent in adis (Nr. 1, V. 17: Xr. 2. V. 39; und öfter) und püiis (Xr. 7,
V. 46).
•) So würde ein Komma vor konsekutivem que. das ja viele Frauzo-
-•n zu setzen pflegen, manche Stelle deutlicher gemacht haben (z. B. in
Nr. 2, V. 10 und 31 ; Nr. 11, V. 18 ; Xr. 12. V. 41) ; auch am Ende eines Relativ-
satzes, in Fällen, wo man den Beginn des Nachsatzes nicht auf den ersten
Blick erkennt, vermißt man öfter ein Komma (z. B. in Xr. 1, V. 8; Xr. 2.
Du Lieder Raoids oon Soissons. 239
kritischen Zeichen und die Regelung von u und r, i und j
usw. auch in den Varianten durchführt, erscheint mir nicht
zweckmäßig, zuweilen sogar störend 10).
Größere Schwächen scheint mir das textkritische Ver-
fahren des Herausgebers aufzuweisen. Daß W. sich bei jedem
Gedicht prinzipiell an eine bestimmte Hs. anschließt, der er
möglichst weitgehend folgt, dagegen ist natürlich an sich
nichts zu sagen, da an manchen Stellen eine sichere Ent-
scheidung zwischen den verschiedenen Lesarten nicht zu
treffen ist: jedoch bedauert man, daß die Gründe, die ihn
bei der Wahl dieser Grundhss. bestimmt haben, rein sprach-
licher Natur gewesen zu sein scheinen (vgl. S. VI der Vor-
rede), denn das hat zur Folge gehabt, daß nicht nur die
verschiedenen Lieder auf der Grundlage verschiedener Hss.
gegeben werden n). sondern daß auch innerhalb der Lieder
selbst diese Grundlage häutig wechselt : um einzelne fehlende
Strophen der zuerst gewählten Hs. zu ergänzen, muß W. bei
sechs Liedern je zwei, in einem Falle (Nr. 7) sogar drei
verschiedene Hss. heranziehen. Das sind aber Übelstände,
die den kritischen Wert des so zusammengewürfelten Textes
doch etwas herabmindern, die aber bei einer anderen Wahl,
wenn auch nicht ganz zu vermeiden, so doch sehr einzu-
schränken gewesen wären 12). Noch besser hätte W. aller-
dings wohl getan, für die Schreibung ruhig bei den gewählten
Hss. zu bleiben, dann aber für den Wortlaut andere, lediglich
nach textkritischen Gesichtspunkten auszuwählende Hss. zu
Grunde zu legen 13).
Besonders bedenklich aber erscheint mir, daß W. auf jede
methodisch auf den Verwandtschaftsverhältnissen der Hss.
aufgebaute Textkritik verzichtet hat. Was er zu diesem
Punkte auf S. VI bemerkt, kann eine solch völlige Vernach-
lässigung der Überlieferung seiner Texte m. E. nicht recht-
fertigen. Richtig ist, daß in verschiedenen Liedern Raouls
einzelne Stellen, einmal (in Nr. 12) auch ein etwas größeres
V. 21 ; Nr. 11, V. 26), entbehrte es dagegen gern vor manchem ne „und,
oder", bosonders in den Fällen, wo (wie in Nr. 11, V. 25; Nr. 12, V. 43)
kaum ein Mißverständnis (etwa Verwechslung mit der Negation) möglich ist.
10) Zu Nr. 8. V. 33 z. B. bieten die Hss. KN bei einem Eigennamen
eine offenbar verderbte Lesart, die W. d'Aneguie schreibt; man wüßte zur
Emendation dieser Entstellung gern die genaue Schreibung der Hss.
u) Wenn man von den nur in je einer einzigen Hs. überlieferten
Gedichten oder Strophen absieht, so zieht W. neben der Hs. K auch M
und N heran.
") Z. B. enthält die Hs. N von den 12 Liedern Raouls 10, K dagegen
nur !»; an einzelnen Strophen fehlen in N nur drei, in K dagegen 10.
11) Am besten vielleicht V, die einzige Hs., die 11 Lieder enthält und
anch ihren Lesarten nach im Ganzen mehr Vertrauen verdienen dürfte als
etwa X oder K.
1«*
240 Referate und Rezensionen. W. Suchier.
Stück, begegnen, wo das Hss. -Verhältnis oder der Wert der
Lesarten unklar bleibt: wenn man natürlich in solchen Fällen,
die sich übrigens bei fast jeder textkritischen Arbeit gelegent-
lich finden, zu keiner sicheren Entscheidung gelangt, so ist
das doch kein genügender Grund, daraufhin den textkritischen
Wert der Hss.- Stammbäume allgemein zu verneinen und
sich lediglich auf innere Kriterien, die oft noch viel unsicherer
sind, zu beschränken. Wenn man, wie W.. einmal glaubt,
auf eine methodische Behandlung der Überlieferung ganz
verzichten zu müssen, die betreffende Aufgabe aber trotzdem
irgendwie ausführen will, so sollte man wenigstens seinen
skeptischen Standpunkt insoweit konsequent beibehalten, daß
man irgend eine vorsichtig auszuwählende Hs. ihrem genauen
Wortlaut nach (der nur im Interesse glatter Lesbarkeit
soweit unbedingt nötig zu emendieren wäre) abdruckt und
von den übrigen Hss. rein mechanisch die Varianten beigibt:
dann weiß auch der Leser genau, woran er ist. Dieses
Prinzip hat W. selbst auf S. VI seines Vorworts ganz ähnlich
ausgesprochen, leider aber in der Praxis nicht streng genug
durchgeführt ; denn er hat bei den meisten der in mehreren
Hss. überlieferten Gedichte, soviel ich sehe, oft ohne jeden für
ihn zwingenden Grund Lesarten anderer Hss. in seinen auf
einer bestimmten Hs. beruhenden Text eingesetzt 13*). Er hat
sogar für richtig gehalten, an verschiedenen (allerdings
offensichtlich verderbten) Stellen den Wortlaut auch gegen
die gesamte Überlieferung zu emendieren. Bei einer soweit
gehenden Textkritik sollte aber die methodische Durch-
arbeitung der Varianten doch nicht so völlig bei Seite ge-
lassen werden : denn auch bei der Überlieferung unseres
Trouveres ist sehr häufig nichts wesentliches gegen die
geltende Klassifikation einzuwenden, und wenn sich daraus für
die Textherstellung mancherlei ergibt, was zum mindesten
als einigermaßen gesichert anzusehen ist, warum sollen diese
Resultate der Arbeit nicht zugute kommen?
Was W. S. 19 über die Gruppierung der Hss., die
Lieder Raouls enthalten, sagt, gibt nur, übrigens sehr sum-
marisch und nicht vollständig, die Resultate Schwans
wieder, ohne daß W. selbst auch nur den Versuch machte,
vom Standpunkt seiner Ausgabe aus dazu Stellung zu
nehmen. Die ganze Frage wird eben völlig außer Betracht
gelassen. Prüft man nun die Lesarten der Gedichte durch,
"») Vgl. Nr. 2. V. 22 und 25: Nr. 3, V. 47: Nr. 7. V. 6, 20. 27: Nr. 8,
V. 33: Nr. 10, V. 09 ; Nr. 11, V. 39 und 60; Nr. 12. V. 75—76. — Daß
einige dieser von W. eingesetzten Lesarten auf Grund einer kritischen
Betrachtung der Hss.-Verhältnisse als ursprünglich anzusehen sind, kommt
in vorliegendem Zusammenhang nicht in Betracht; andere (fast die Hallte)
halte ich für unursprünglich oder zweifelhaft und komme weiter unten auf
die Stellen zurück.
Dil Lieder Raouls von Soissons. 241
so stellt man fest, daß tatsächlich der Stammbaum Schwans
in den wesentlichen Punkten auch für unsern Dichter in
Geltung bleibt.
Daß zunächst die Hss. KXPN eine engere Gruppe
bilden, wird erwiesen (abgesehen von der oben S. 236 be-
sprochenen falschen Attribution) durch den Fehler corronneir
in Nr. 10, V. 9 (der allerdings auch in C auftritt) und honme
in Nr. 12, V. 36 (auch in U) u) ; daß weiter V sich zu der
genannten Gruppe KXPN stellt, lehren die drei gestörten
Keime in Nr. 7, V. 42 (dedenz), Nr. 9, V. 65 (riatent) und
Nr. 12, V. 25 (servi), die allen fünf Hss. gemeinsam, aber
zweifellos nicht ursprünglich sind. Ferner gehören B und
B.3 zusammen, die in Nr. 2, V. 25 übereinstimmend eine
Störung der Zäsur zeigen, während die Lesart in V. 14
(honnerer) nicht sicher als Fehler zu erweisen ist. Daß
KXPNV und BR3 ihrerseits wieder zusammen zum Zweig
su gehören, ist auf Grund des in den Liedern Raouls vor-
liegenden Materials (es kommt nur das einzige Gedicht
Nr. 2 in Betracht) nicht zu erweisen; es spricht aber auch
nichts gegen diese Aufstellung Schwans, im übrigen ist dieser
Punkt für die Praxis der Textherstellung hier völlig
unerheblich.
Eine andere Gruppe, s1 , wird nach Schwan gebildet von
den Hss. MTR2: auch dieses Resultat findet seine Be-
stätigung durch gemeinsame Fehler in den Liedern Raouls:
in Nr. 7, V. 27 (sans ff/sfece) und V. 44 (rendre, unkorrekter
Reim;, sowie in Nr. 10, V. 43 (bons). Allerdings scheinen
von diesen drei Hss. im einzelnen nicht M und T gegen R2
(wie Schwan will: dafür läßt sich aus unseren Liedern nichts
Beweisendes beibringen l5). sondern eher T und R2 gegen M
zusammengehören, wie man aus dem Umstände wird entnehmen
dürfen, daß in Nr. 7. V. 27, 29 und 31, sowie Nr. 10, V. 2,
15. 20, 27, 31 die beiden Hss. T und R2 mit ihren Lesarten
der ganzen sonstigen Überlieferung allein gegenüberstehen.
Von einem dritten Zweige Schwans, s111, kommen bei
unseren Texten die Hss. CUH in Betracht: daß sie auch
für Raouls Lieder zusammengehören, ist nicht ganz einwand-
frei zu erweisen, wird aber durch den allen dreien gemein-
samen Ausfall der Strophe VI von Nr. 10 und durch die
CH eigentümlichen (U fehlt) Lesarten in V. 34. 36, 38 des-
selben Gedichts immerhin wahrscheinlich gemacht. Ganz
") Wie das Verhältnis der vier Hss. zueinander ist. darüber lehren
die Lesarten unserer Lieder nicht viel; ein Fehler in Nr. 12. wo KXP in
V. 29 eine Silbe zu wenig haben, scheint die Gruppierung Schwans, KXP
gegen X, zu bestätigen.
16) Auf einige hierfür in Betracht kommende Stellen in Nr. 10, Str. III
und IV ist nicht viel zu geben, da es sich dort um eine nur vorüber-
gehende, sekundäre Gruppierung zu handeln scheint: vgl. darüber unten.
242 Referate und Rezensionen. W. Suchier.
Bicher ist aber, daß CU unter sich nahe verwandt sind : vgl.
die gemeinsamen Fehler in Nr. 7, V. 38 (gestörter Keim),
Nr. 10, V. 4 (der Vers ist um eine Silbe zu lang) und Nr. 12,
V. 68 i Afes), auch die abweichende Stellung von V. 21 — 22
in Nr. 9 dürfte kaum ursprünglich sein.
Somit wäre die Gruppierung der bisher genannten Iiss.
wohl die folgende:
M TR5 z=z=z — — — er H
K X 1* N V B K:,
Daß die drei Gruppen s1 . >•". sm ihrerseits wieder
unabhängig voneinander sind, läßt sich aus unseren Texten
der Natur der Sache nach nicht positiv beweisen: immerhin
bemerke ich. daß ich in den Liedern Raouls keine Stelle
gefunden habe, die für einen Zusammenhang zwischen zweien
dieser Gruppen spräche, wie ja auch Schwan keine direkte
Verwandtschaft zwischen ihnen erwiesen hat16).
Um kein Mittel, ins Klare zu kommen, unbenutzt zu
lassen, habe ich auch einen Versuch gemacht, aus der Schall-
form des Textes etwas über den Wert der Lesarten (und
damit über die Stellung der Hss.) zu ermitteln, wobei mich
Herr Prof. Franz Saran in Erlangen, dem ich auch an dieser
Stelle dafür danke, bereitwilligst mit seinem Rate unterstützt
hat. Ich hatte die erste Strophe von Nr. 7 gewählt, die in
allen wichtigeren Hss. überliefert ist. Das Gedicht zeigt nach
Saran in seinen zehnsilbigen Versen sog. Zickzack-Melodie l7),
mit folgendem Schema für die Hebungen : . • . • .
Die Prüfung bat nun ergeben, daß die von je zwei Hss.-
gruppen (s1 ; sn; sln ) gebotenen Lesarten sich ausnahmslos
auch gut in die Versmelodie einfügten, während die nur in
einer einzigen Gruppe überlieferten Varianten nur vereinzelt
ein befriedigendes Klangresultat ergaben, meist sogar deutlich
'•) Allerdings liefen in Nr. 9, V. 23 und 67. sowie in Nr. 12, V. 67
deutliche Fehler vor, die den Gruppen s11 und sm gemeinsam sind: da aber
in allen Fällen s> nicht zur Verfügung steht, so muß mit der Möglichkeit
gerechnet werden, daß es sich hier um sehr weit, bis unmittelbar an das
Original hinaufreichende Verderbnisse handelt, die also durch die ganze
Überlieferung hindurchgeben. Auch mit der Lesart confession in Nr. 10,
V. 24. die aus confusion (MT) entstellt zu seiu scheint, ist nichts rechtes
anzufangen, da einerseits CU fehlen, andererseits außer H auch R2 mit
KXPNV geht.
") Vgl. über diese Melodietypen Fr. Saran. Das Hüdebrandslied,
Halle a. 8. 1915, S. 64—69; über das Verfahren im allgemeinen ebenda
S. 46—51.
l)ir Lieder Raouls von Soissons. 243
die normale Tonbewegung des Verses störten18). Man wird
also nur die Lesarten jener ersteren Arr für ursprünglich
halten dürfen; ein solcher Sachverhalt aber ist wieder nur
denkbar, wenn alle drei Gruppen von Hss. voneinander un-
abhängig sind. Damit wäre das bereits auf Grund rein
philologischer Erwägungen gewonnene Ergebnis noch auf
einem ganz anderen Wege bestätigt.
Es wird sich also empfehlen, an der selbständigen
Stellung der Gruppe sm festzuhalten. Für die Textherstellung
ergibt sich daraus die Folgerung, daß in den Liedern Nr. 7,
9. 10 an den Stellen, wo sich die Gruppen KXPNV
und MTR mit verschiedenen Lesarten gegenüberstehen, die
Hss. CU(H) die Entscheidung bringen, soweit sie nicht
eigene Wege gehen. Auf die Stellung einiger weiterer Hss.,
die nur in Nr. 12 auftreten, komme ich später zu sprechen.
Ebenso will ich hier nicht auf einige Störungen des ur-
sprünglichen Hss. Verhältnisses eingehen, die in Nr. 2, 7, 10
und vor allem in Nr. 12 vorliegen; die Richtigkeit des obigen
Stammbaums im Ganzen kann durch solche mehr oder weniger
vereinzelte Stellen m. E. nicht in Frage gestellt werden. Ich
komme weiter unten auf alle diese Störungen zurück.
Ich wende mich nunmehr den einzelnen Gedichten zu,
um zu prüfen, ob auf Grundlage der vorstehend besprochenen
Hss. klassifikation nicht eine noch weitergehende Emendierung
des Textes, als die von W. durchgeführte, möglich ist; auch aus
anderen Erwägungen heraus läßt sich der von W. gebotene
Text hier und da verbessern.
Nr. 1. Dies Gedicht ist nur in N und V überliefert,
man muß also im allgemeinen der zu Grunde gelegten Hs.
folgen, wie dies auch W. mit N getan hat.
V. 8. Dieser und der folgende Vers geben einen Sinn nur,
wenn man si s'avance als Hauptsatz zu dem vorhergehenden
Relativsatz ansieht ; sollte auch W. diese Auffassung gehabt
haben, so hätte er gut getan, ein Komma hinter Amors zu
setzen.
V. 14. Da W. hinter monstrance (V. 13) ein Komma setzt,
scheint er das folgende Que als „denn11 aufzufassen: ich
würde dieses que lieber als „daß" nehmen und also monstrance
Qu'abessiez sui zusammenfassen. Dann würde weiter aller-
dings wohl die Lesart von V {quant deüsse monier), mit ihrem
deutlichen irrealen Sinn („während ich doch hätte
sollen"), besser in den Zusammenhang passen, da der Text
von N (quant je <h<i amonter) wohl nur temporal aufgefaßt
werden kann.
18i In V. 4 greigneur (UTV) zu tief, in V. 6 /ist (KXPXV) zu hoch,
in V. 8 Dont (KXPJNV) zu tief liegend, in V. i» der Anfang von loiautez
(MTR) zu hoch. Übrigen* ist bei dienen Feststellungen stets auch die
Tonlage der benachbarten Senkungen zu berücksichtigen.
i_'-M ReferaU und Rezensionen. W. Suchier.
V. 21. W. schreibt Lors m'i toli, obwohl man nicht recht
einsieht, worauf das i weisen soll, ebenso auch in der Variante
m'i dut; auch an allen späteren Stellen des Textes und der
Varianten, wo die beiden Buchstaben mi zu einem Wort
verbunden auftreten und das unbetonte Personalpronomen
der 1. Person im Spiel ist. setzt er diesen Apostroph, obwohl
in der Mehrzahl dei Fälle keine Beziehungswort für das i
vorhanden ist. Er scheint also nicht an die Nebenform ti <
(statt me) gedacht zu haben, die zwar zunächst dem Nord-
und Ostfranzösischen angehört 19). sich aber auch sonst finden
dürfte, und deren Vorkommen in den Liederhandschriffen
wegen der vielen Belege, nicht nur in den Liedern Raouls.
nicht geleugnet werden kann. Es würde sich also empfehlen,
an vorliegender Stelle mi zu schreiben.
V. 23. In diesem Verse liegt scheinbar eine epische
Zäsur vor (Contre fortune | des fins amanz grever)) daß dieser
Zustand ursprünglich ist. ist sehr unwahrscheinlich, da Raoul
solche Nachlässigkeiten sonst streng vermeidet. Man wird
in aus bessern müssen. Bei zwei anderen Fällen dieser
Art, die W.s Text zeigt (Nr. 2, V. 25 und Nr. 10, V. 33). liegt
die Änderung ebenfalls auf der Hand : vgl. unten.
\ . 28. Der Gebrauch von ceus} worunter nach W. s An-
merkung „die von der Liebe gequälten treuen Liebhaber zu
verstehen sind" erscheint mir hier etwas befremdlich, da das
Beziehungswort, das wohl allein in Betracht käme, schon
fünf Verse zurückliegen würde (fins amanz in V. 23): die
Lesart von V (deseur touz) erscheint mir klarer und auch des-
halb vorzuziehen, da ich auch das zweite ceus, das N in
V. 30 hat, glaube beanstanden zu müssen -°).
V. 30. Wenn die Worte et por ceus cotif orter, wie man
doch wohl annehmen muß, noch zu dem Relativsatz, der in
V. 29 beginnt, gehören, wäre ein Komma hinter conforter
der Deutlichkeit halber angebracht gewesen ; allerdings
scheint mir dann ceus in der Bedeutung, die W. dem Worte
in der vorher angeführten Anmerkung zu V. 28 zuschreibt,
hier keinen Sinn zu geben. Man würde nach dem Zusammen-
hang erwarten et por soi conforter : da die Strophe nur in
der einen Hs. N überliefert ist, wird man ohne besondere
Bedenken diese Textänderung vornehmen dürfen.
Nr. Ji. In KXNV. BR3 überliefert. Störungen dea
oben festgestellten Hss. Verhältnisses scheinen vorzuliegen in
V. 13. 22. 39 und 40, wo V sich von den nächstverwandten
IIss. trennt und mit R oder mit B oder mit X geht: indessen
rgl. Gust. Rydberg, Zar Geschichte des franz. <>. Bd. I. S. 573—574
■ Allerdings ist zu bemerken, daß in Nr. 11. Y. 7 noch ein a;anz
ähnliches ton: ceus auftritt; auch dort enthalten die vorhergehenden Verse
kein Beziehungswort für da-' Deraonstrativum.
Dil Lieder Raouls von Soissons. 245
halte ich wohl für möglich, daß alle diese Berührungen
auf Zufall beruhen-1"), zumal jeder Fall anders liegt.
V.l. Statt plus (vaillant), das W. auf Grund von KN
im Text gelassen hat, ist wohl sicher mieux zu lesen, da die
Hss. XVBR übereinstimmend diese Lesart bieten; das
Zusammentreffen von KN würde sich leicht durch zufällige
sekundäre Änderung erklären, da plus sage vorhergeht.
V. 22. Hier hat W. auf Grund von VB veillier in den
Text gesetzt, gegen plorer von KXNR; da gleich nachher
dormir folgt, ist docn wahrscheinlicher, daß zwei Hss. un-
abhängig voneinander des Gegensatzes halber plorer in
veillier geändert haben, als umgekehrt, obwohl auch plorer
(durch V. 18) nahegelegt war. Auch prinzipiell hätte W. an
dieser unsicheren Stelle der zu Grunde gelegten Hs. K folgen
müssen. — Übrigens lautet der Vers in V und B sonst ganz
verschieden, während KXNR genau gleich lesen.
Y. 25. Die in diesem Verse vorliegende überzählige, aber
in W. s Text nicht elidierbare e-Silbe in der Zäsur {face \ ver-
meillier, nach RB) zeigt, daß nur die in KV überlieferte
Lesart ursprünglich sein kann; der Vers lautet also Ainz fei
ma face oh vermeüle ou palir.
V. 35. Da W. am Ende dieses Verses kein Komma setzt,
scheint er anzunehmen, daß der in diesem Verse auftretende
Konsekutivsatz noch nicht zu Ende ist, sondern auch noch
den Anfang des folgenden Verses umfaßt; da hier aber ein
neuer ijue-Satz beginnt, würde damit die Konstruktion des
ganzen Satzes recht schwerfällig, auch würde die Inversion
{Et dit chascuns), die an sich zwar möglich, aber doch keines-
wegs das Gewöhnliche wäre, hier besonders auffällig sein, da in
dem vorhergehenden Verse {que Deus vous fet . . .) auch
nicht invertiert ist. Man setzt also wohl besser Komma
hinter plesir und sieht in V. 36 eine freie Fortführung des
Relativsatzes von V. 34: über diese Erscheinung, daß ein
Relativsatz aufgegeben und anderweitig fortgeführt wird, die
altfranzösisch ziemlich häufig ist, vgl. z. B. Tobler, Verm.
Beitr. III2, S. 15 — 16; Mever-Lübke, Romanische Syntax
§ 656.
V. 43. Da XNVBR übereinstimmend Qu'a lesen und,
soviel ich sehe, gar kein Bedenken dagegen vorliegt, wird
man diese Lesart in den Text nehmen und das von W. im
Text gelassene Car, das einzig in K überliefert ist, in die
Varianten verweisen müssen.
V. 47. Das diesen Vers beginnende Pur ce wird man
als auf das Vorausgehende zurückweisend ansehen müssen
und nicht mit dem Que am Anfang des folgenden Verses
-' Besonders que statt qu'en in V. 39; zu simple in V. 40 vgl. V. LO,
Auch die beiden übrigen Falle bieten naheliegende Änderungen.
. (■ Referatt und Rezensionen. M. Suchier.
zusammenfassen dürfen, da por ce que „weil", waa ja an sich
hier einen guten Sinn gäbe, nie, soweit ich feststellen kann,
getrennt wird: ein Komma am Ende von V. 47 würde die
hier vertretene Auffassung deutlich gemacht haben, falls auch
W. sie teilen sollte.
Nr. 3. Dies Gedicht ist, ebenso wie Nr. 4, 8 und 11.
in den drei Hss. KNY überliefert. Da ich keine Stelle
finde, die uns berechtigte, an der oben festgestellten
Gruppierung (KN gegen V) ernstlich zu zweifeln, so würde man
eine gleichzeitig von K und V oder von N und V gebotene
Lesart in den Text aufzunehmen haben2'-); nach diesem
Grundsatz wäre eine Reihe von Stellen in diesen vier Liedern,
wo W. Lesarten der von ihm als Grundlage genommenen
Hs. K gegen N und V im Text gelassen hat, zu Gunsten
von NV zu ändern. Nur wenn KN gegen Y stehen, muß
die Entscheidung mehr oder weniger willkürlich bleiben.
In Y. 11 möchte ich eher glauben, daß die Lesart von
\ sopirer) ursprünglich ist, als die von KN (douloser), da
die Verbindung von plaindre (oder plorer) und soupirer außer
in Y. 3 dieses selben Gedichtes noch an 4 anderen Stellen-3)
auftritt, also bei Raoul offenbar sehr beliebt war. wogegen
doulouser nur einmal (in Nr. 7, Y. 50) in der Yerbindung
dolozer et conplaindre belegt ist. Eine volle Sicherheit kann
diese Erwägung natürlich nicht geben.
Ahnlich halte ich in Y. 15 die Lesart von Y (Ne, gegen
Et von K N ) für ursprünglicher, da Raoul zwei von einem
negierten Yerbum finitum abhängige Infinitive sonst stets
mittels nc verbindet -*). nie durch et.
Y. 14. Die Lesart ne me in NV scheint mir nicht nur
wegen der besseren Überlieferung, sondern auch darum dem
von K gebotenen Wortlaut ne m'en, den W. im Text belassen
hat. vorzuziehen zu sein, weil ich gar keine rechte Beziehung
für das en finde.
Y. 30. Daß W. hier mit Recht bei der Lesart von KV
geblieben ist (Loee de toute gent, gegen Leece in Y) lehrt die
Parallele mit Nr. 5, Y. 49 : Qu'il ert loez de tonte gent.
V. 36. Das Semikolon am Strophenschluß wäre vielleicht
besser in einen Punkt umzuändern : denn, wenn auch der
■' Den seltenen Fall ausgenommen, «laß zwei nicht näher verwandte
FT-.-, durch Zufall einen naheliegenden Fehler jede unabhängig von. der
andern hegaugen hätten. Hierher würde in. E. z. B. die fehlerhafte Lesart
von NV in Nr. 4, Y. 53 gehören: du rot de paradis (statt d'un rai de
paradis. wie K richtig liest), denn diese Entstelluni,' könnte sehr wohl in
mehreren Hss. selbständig auf Grund eines undeutlichen du rai oder gar
iner dialektischen (z.B. burgnndischen] Nebenform von rai} der Vor-
lage entstanden sein. In V. 68 des gleichen Gedichtes schreibt N roie statt rate.
Vgl Nr. 1, V. 26; Nr. i, V. 29: Nr. 9, V. 5; Nr. 10. V. 39.
:i Vgl. Nr. 1. V. 6; Nr. 2, V. 29; Nr. 4. V. 6; Nr. 7. V. 12 und 47;
Nr. s. V 21; Nr. 11. V. 1«.
l)ii Z/U ,h y Raouls von Soissons.
folgende Satz ebenso wie der vorangehende mit (jtir „denn1'
beginnt, so scheint mir doch an dem mit dem Strophenschluß
zusammenfallenden Ende des ersten dieser Sätze ein ziemlich
stark er Gedankeneinschnitt zu sein, und eigentliches Strophen -
enjambement findet sich sonst in Raouls Gedichten nicht.
V. 4t) und 52. Die Interpretation, die W. in der An-
merkung auf S. 88 dem in diesen Versen vorliegenden Satze
gibt, ist ganz unmöglich, da auter nicht ein persönliches
Objekt, das von der Präposition u abhängt, bei sich haben
kann; wohl aber kann das in V. 50 stehende proiier ohne
weiteres einen solchen Dativ bei sich haben, und der Sinn
der Stelle, wie er m. E. einzig möglich ist, wäre also : (.Je)
proi u Chatton, <jiii tarnt. <jue la mere Deu aint (,.ich
bitte Karl, daß er die Mutter Gottes liebe").
V. 47. In diesem Vers hat W. ein et, das sowohl in N
wie in V vor marchis steht (in K fehlt die Strophe) getilgt;
m. E. zu Unrecht, denn ich erblicke in diesem doch gut be-
zeugten et einen Beweis dafür, daß der Wortlaut, den dieser
Vers in V zeigt, ursprünglich ist (Duc, conte, prince et mareiz),
und nicht der von N (Dux} contes, princes et marchis), der
um eine Silbe zu lang ist. Der kollektiv gebrauchte Singular
hat nichts auffälliges.
Nr. 4. Wegen der Überlieferung vgl. die Bemerkung
/.u Nr. 3.
V. 7. bien mestiers hat, da in NV überliefert, doch viel
eher Anspruch, in den Text gesetzt zu werden, als das von
W. beibehaltene </r</n/ mestiers von K; vgl. auch die ähnliche
Stelle in Nr. 7, V. 4.
V. 31. Auch hier würde man die von NV gebotene
Lesart (Qu'autres) nicht so ohne dringende Notwendigkeit zu
Gunsten des in K überlieferten N'(/iffrrs. was W. im Text
hat, aufgeben ; denn wenn man das que von N V konsekutiv,
als „so daß", faßt, gibt die Stelle m. E. einen befriedigenden
Sinn.
V. 54. Da NV hier übereinstimmend cuers lesen, würde
man gut tun, dies in den Text zu setzen an Stelle des rors
von K, das auch inhaltlich, wie mir scheint, viel weniger
befriedigt.
V. 68. Warum hat W. hier nicht roie in raie gebessert,
da letzteres doch durch den Reim (es ist gebunden mit gaie
und retraie) als die unzweifelhaft ursprüngliche Form
erwiesen ist ?
V. 70. Der Reim Dens: ussp: wird durch die Anmerkung
W.s nicht befriedigend erklärt ; daß einem im ganzen sorg-
fältig reimenden Dichter wie Raoul eine Assonanz unter-
gelaufen sein sollte, wird man nicht ohne zwingende Not-
wendigkeit annehmen. Offenbar ist Deu* durch die Form
Des zu ersetzen, die altfranzösisch (besonders im Reim!)
Referate und Rezensionen. M. Suchier.
häufig begegnet: übrigens ist die Strophe nur in N
überliefert.
Xr. 5. Nur in V überliefert.
V. 18. Die Worte si esponnez sind mir nicht klar: W.
hätte gut getan, seine Auffassung der Stelle in einer An-
merkung darzulegen.
V. 29. Ich möchte (trotz W. s Anmerkung zu der Stelle)
glauben, daß die Worte uii pur vous dieses Verses irgendwie
»■nrstellt sind, bin aber leider nicht in der Lage, eine be-
friedigende Emendation vorzuschlagen.
V. 42. Der „Reim" fier: envoisie kann, wie W. selbst
bemerkt, nicht ursprünglich sein : eine Emendation ist ihm
aber nicht gelungen. Vielleicht könnte man statt et fiei
lesen en fi': ..zu Lehen": dahinter wäre ein Komma zu setzen.
Der Gedanke an das Lehensverhältnis wird auch durch s< rve
in V. 44 nahegelegt.
V. 48. Wenn W. die Worte S'avarice ne li deff'ent als
Konditionalsatz ansieht (wie ich glaube es tun zu müssen),
so wäre ein Komma davor und dahinter angebracht gewesen
(wie es auch W. bei dem genau entsprechenden Falle in Y.
12 dieses selben Liedes gehalten hat): was dagegen das
Komma hinter gent in Y. 49 soll, ist mir nicht klar, da ich
annehme, daß der que Satz mit gleichem Subjekt auch in
Y. 50 noch weiterläuft.
Nr. 6. Bei der „Entfernung der lothringischen Dialekt-
eigentümlichkeiten", die W. bei diesem, wesentlich nur in
der Hs. C erhaltenen Gedicht durchgeführt hat. ist er in der
Normalisierung etwas zu weit gegangen, denn Formen wie
coens (V. 1), sm* „ohne" (V. 12, 13, 30, 31 usw.) sind alt-
französisch auch in der Schriftsprache sehr gewöhnlich, eben-
so kommt die Schreibung c für anlautendes .s vor e (ces = ses)
auch sonst vor25). Dagegen kann die Form /in reif . die W. mehr-
fach hat stehen lassen, für die Zeit Raouls nicht als schrift-
sprachlich gelten : daß Raoul sie nicht kennt, beweist der
Reim merci : ami in Nr. 8, Y. 44— 45 '26).
Y. 16. Hinter s'aie wäre ein Komma angebracht ge-
wesen, denn in V. 17 ist wohl Amors als Subjekt anzusehen,
während W. s Interpunktion das Subjekt von Y. 16 noch
weiter in Geltung bliebe, was aber keinen so guten Sinn gibt.
V. 53. Hier hätte W. das überlieferte ke (Nom. Fem.
des Relativpronomens) nicht unbedingt durch Jci zu ersetzen
brauchen, da jene Form auch außerhalb des Lothringischen
26) Vgl. z. B. Jen ähnlichen Fall in Nr. 5, V. 14: Q'ancois, Jen \Y..
nicht angetastet hat.
26) Chevdiers (statl Chevaliers) in Nr. 6, V. 11 ist wohl nur Druck-
fehler; ebenso vielleicht Jie auffällige Schreibung vuü statt wteü in
Nr. 1. V. 13.
Un Laedt r Raouls von Soissons. 249
nicht gerade selten ist; vgl. K. de Jong, Die Eelativ- und
Interrogativpronomina qui und gualis im Altfranzösischen.
Dissertation. Marburg 1900. S. 34 ff.
Nr. 7. Dieses Gedicht ist überliefert in den Hss.
MTR2. KXPNY. CU. Da auf Grund des oben verteidigten
Stammbaumes alle drei Gruppen als unabhängig voneinander
anzusehen sind, so wird in jedem Falle durch das Zusammen-
treffen je zweier dieser Gruppen die Ursprünglichkeit der
betr. Lesart dargetan: dementsprechend wäre W. s Text an
einer ziemlichen Zahl von Stellen zu ändern. In einer Reihe von
Versen scheinen Störungen des ursprünglichen Hss. Verhältnisses
vorzuliegen. So zunächst in V. 27 und 43. In V. 27 liest C mit
MTR la servent, während U mit KXPNV Vont servie bietet;
in V. 43 trennen sich ebenfalls C und U, indem C mit
KXPNY m'airt hat, während ü mit MTR m'est liest. An
dieser zweiten Stelle ist wohl der Wortlaut von MTRU
richtig, da die Lesart von KX PN V und C in unmittelbarem
Zusammenhang steht mit einer Änderung am Schluß des
vorhergehenden Verses, die sich schon durch den unkorrekten
Reim {dedenz: plaisanz) deutlich als nicht ursprünglicher
Zustand erkennen läßt27); an der zuerst genannten Stelle
(V. 27) ist keine sichere Entscheidung möglich, doch wird
man auch hier die von U (das überhaupt zuverlässiger als
€ ist) gestützte Lesart vorziehen, zumal sie auch inhaltlich
besser befriedigt. Der von W. gegebene Wortlaut bleibt
übrigens so in beiden Fällen bestehen. — Schwieriger ist
eine Reihe anderer Stellen zu klären, an denen die Hss.
TRCU (M fehlt in der Regel) der Gruppe KXPNV mit
gemeinsamen Lesarten gegenüberstehen. Nach den oben
angestellten Erwägungen würde man hier eigentlich ohne
weiteres den zu zwei verschiedenen Gruppen gehörigen vier
Hss. TRCU zu folgen haben; doch fällt auf, daß in dem
einzigen Falle, wo auch die Lesart von M vorliegt (V. 30),
diese Hs. nicht, wie zu erwarten, mit TR usw., sondern mit
KXPNV geht. In diesem Falle spricht eine gewisse
Wahrscheinlichkeit dafür, daß M KXPNV die richtige Les-
art («des) bewahrt haben, wogegen tos jors in TRCU sekundär
wäre; denn von ades macht Raoul einen sehr häufigen Ge-
brauch, während toz jorz nur einmal sicher bei ihm bezeugt
ist (Nr. 8, V. 35), in anderen Fällen aber entweder sicher
sekundär (so in Nr. 12, V. 24) oder wenigstens stark verdäch-
tig ist (so in 8. V. 15). Man könnte daher geneigt sein, hier
v7) qui m'est ou euer ardans UTRCU, qui m'est ou euer dedenz KXPNV:
vermutlich haben sowohl KXPNV als C das zweimalige qui m'est (in
V. 4'2 und 43) beseitigen wollen, indem sie, wohl unabhängig voneinander,
an der zweiten Stelle dafür qui m'art einsetzten, und da nun KXPNY ilit-
"Wiederholung ardans — ort ebenfalls störend empfunden zu haben scheinen,
haben sie darum wohl noch weiter ardans durch dedenz ersetzt.
Referat* und Rezensionen. W. Suchier.
an eine vorübergehende sekundäre Anlehnung von TK an
i I zu denken, und wird das Gleiche auch an den übrigen
"ii. wo M nicht vorliegt, für möglich halten dürfen
(es handelt sich um Y. 15. 16 und 19), zumal diese Stellen
ganz dicht beisammen stehen. Überdies ist in Nr. 10 bei
verschiedenen Versen ein ähnliches Auseinandergehen von
M und TR zu beobachten, wo ebenfalls die Fehler eher
auf Seiten der letzteren zu linden sind. Es dürfte also nicht
weiter bedenklich sein, auch an den drei eben genannten
Stellen von Nr. ? der Gruppe KXPXV gegen TRCU zu
folgen : genaueres über diese Stelle s. weiter unten.
Y. :> würde man Por cele rienz (mit KXPNVCU) vor-
ziehen, da De cele rienz (was W. im Text hat) nur in MTR
vorliegt: auch die Parallelen mit Nr. 6, V. 2 und mit Nr. 8.
V. 3 und 18 sprächen für por.
V. 4. Lies plus grant joie (KXPNCUR). das wohl
sicher ursprünglicher ist als greigneur joie von MTV: die
Ersetzung der Umschreibung plus grant durch den gleich-
bedeutenden organischen Komparativ kann sehr gut un-
abhängig an zwei verschiedenen Stellen der Überlieferung
eingetreten sein. Vgl. auch oben Anm. 18.
V. 5. Lies he tani vi (KXPNVCU) statt quant la m
(MTR).
V.6. Lies fait (MTRCU) statt fist, das nur in der
Gruppe KXPNV überliefert ist und mir auch für den Sinn
keineswegs notwendig erscheint: vgl. auch oben Anm. 18.
V. 9. Lies Se hone umor (KXPNVCU) statt Se loiautez
(MTR); vgl. auch den Wortlaut in V. 26 und 31, sowie oben
Anm. 18.
V. 13. m'i (statt tm) zu schreiben, ist nicht nötig, an
der zweiten Stelle sogar kaum zu rechtfertigen : was ist
übrigens in dem Satze et I" langue mi loie Subjekt? Wohl
cuer't
V. 15. Die in TRCU (M fehlt) vorliegende Lesart Gar
erscheint nach dem in der Vorbemerkung auf S. 249 Gesagten
verdächtig (daß sie auch in V auftritt, ist wohl Zufall): auch aus
inneren Gründen würde man das vonKXPN gebotene (^^vor-
ziehen. Denn wenn man Car beibehielte, müßte man V. 14
| Tel poor ai que refusez ne soie) auf das Vorhergehende be-
ziehen, was gar nicht recht in den Zusammenhang paßt:
setzt man aber dafür Que ein. so würde dies konsekutiv
genommen werden können (also Tel poor . . . fortführen)
und refusez fände in V. 15 — 16 eine durchaus befriedigende
Begründung und Erläuterung. W. hat zwar das Que im Text
(da er hier prinzipiell K folgt), setzt aber davor (am Ende
von V. 14) ein Semikolon, sieht es also wohl als gleich-
bedeutend mit Car an, was mir. wie gesagt, hier nicht
einleuchtet.
l>i> Lieder Raouls oon Soissons. 25]
V. 16. Auch an dieser Stelle erscheint es mir uacli dem
oben (S. 249) bemerkten als durchaus billigenswert. daß man
(wie W. wieder aus prinzipiellen Gründen getan hat) nicht
die Lesart von TU CT (M fehlt) biaus euz in den Text
nimmt, sondern auf Grund von KXPNY verz euz liest;
innere Gründe kommen hier nicht in Frage, da beide Aus-
drucksweisen im Bereich der Möglichkeit liegen: die Wendung
biaus euz kommt bei Raoul noch in Nr. 2, V. 27: Nr. 4,
V. .">1 : Nr. it. V. 45 vor, während verz euz als gesicherter Wort-
laut allerdings nur in der Wortfolge Verz euz rianz in Nr. 4r
V. 62 und Nr. 5, V. 37 vorliegt'28).
V. 19. Auch hier möchte ich die Lesart von KXPNV
/./ /litis qu'ensi der von TRCU (M fehlt) gebotenen Et st
pur li vorziehen, da durch letztere der ganze Satz einen sehr
gewundenen Sinn bekommt, während in ersterem Falle alles
glatt und klar ist; auch W. liest wieder mit K.
In V. 29. 30, 31 und 35 gehen die Lesarten der drei
Gruppen so stark auseinander, daß der ursprüngliche Wort-
laut nicht mehr mit voller Sicherheit zu ermitteln ist ; daß
W. hier einfach der zu Grunde gelegten Hs. M folgt, ist
schließlich zu verstehen, obwohl sich gerade gegen einige
Lesarten von M stärkere Bedenken erheben.
V. 29 dürfte die Variante Que moi ne truist von KXPNV
ursprünglich sein, und nicht Qu'ele nie trittst (TR) oder
Qu'en moi trittst ja (M) : denn unter allen drei Lesarten ist
die erstgenannte die einzige, auf deren Grundlage sich die
beiden anderen ohne Mühe erklären lassen, ebenso wie die
von CU, iie aber ganz offensichtlich verderbt sind.
V. 30. Von den drei Varianten Je Vamerai (MT[R]),
St Vom. (KXPNV) und Ains l'am. (C U), die alle drei
gleich gut bezeugt sind, scheint mir die an zweiter Stelle
genannte am besten in den Zusammenhang zu passen; statt
tos jors (TRCU) dürfte, wie schon oben bemerkt, besser
ades (KXPNVM) in den Text zu setzen sein.
V. 31. Lies Car (TRKXPNV) statt Que (MCU):
anstelle von le mien euer (MTR) scheint mir tout mon euer
(CU) aus verschiedenen Gründen den Vorzug zu verdienen.
mon /in euer (KXPNV) dagegen noch weniger in Betracht
zu kommen.
V. 35. Welche von den drei hier vorliegenden Lesarten
(Quant je reguart) MTR, Et quant remir KXPNV, Car
[Que U] quant recort CU) die ursprüngliche ist, dürfte kaum
zu entscheiden sein : auch das Heranziehen der ähnlichen
Stellen Nr. 9, V. 35 und Nr. 10, V. 23 hilft nicht weiter.
S8) In Nr. 10. V. 44 dagegen scheint xes rerz euz von den Hss.
KXPNV sekundär eingeführt zu sein.
Jteferati und .//• . . il . Suchier.
V. 36. Lies Autn (TRKXPNVCU) statt Qu\
(M); im Zusammenhang mit dieser Textänderung würde wohl
auch das Komma am Ende von V. 34 durch Semikolon oder
Ausrufungszeichen zu ersetzen sein.
V. 37. Auch hier weichen die drei Gruppen in ihrem Wort-
laut stärker voneinander ab, indessen kann hier m. E. nur
die Lesart von CU [Joie si fais) Anspruch auf Ursprünglich-
keit erheben, da nur auf dieser Grundlage die beiden Rinderen
Varianten. Joie a uns cuers (MTR) und Certes si faz
(KXPNV), zu erklären sind.
V. 41. Wie in V. 13 würde ich auch hier lieber mi als
m'i schreiben.
V. 44. Die ursprüngliche Fassung dieses Verses dürfte
gelautet haben Et quantylus m'art, moinspuet l'amor remaindre,
wie das Zusammengehen von K.XPNY und Cl lehrt;
remaindre bedeutet hier ,.aufhören. ein Ende nehmen1'. Die
von W. im Text belassene Lesart von MTR (rendre) ergibt
überdies mit taindre, graindre usw. keinen korrekten Keim-9).
Nr. 8. Wegen der Überlieferung (KNV) vgl. die Be-
merkung zu Nr. 3.
V. 37 schreibt W., im Anschluß an K. cortoise de biaus
'//:. was doch wohl bedeuten würde: „höfisch in Bezug aut
schöne Worte'' und womit das Lob der cortoisie in merk-
würdiger Weise eingeschränkt wäre: besser schriebe man
cortoise, de biaus diz, noch besser aber würde die Lesart von
N V (cortoise et </< biaus diz) in den Text genommen. Vgl.
hierzu die beiden oben S. 237 angeführten Parallelen.
V. 39. Der Wortlaut, den alle drei Hss. hier bieten, ist
m. E. völlig sinnlos : man muß statt des Nominativs J>r-u.<)
den auch W. beibehalten hat. den Akkusativ Dpk einsetzen,
da dem ganzen Zusammenhange nach nur champion loeiz
Subjekt sein kann.
V. 40. Der von NY übereinstimmend gebotene Wort-
laut Qui <<ni2 baston et navrez se deffent ist. als der hand-
schriftlich besser gestützte, dem in K überlieferten, den W.
wieder einfach beibehalten hat. vorzuziehen.
Nr. 9. In KXPNV, CU überliefert. Eine Störung
der Beziehungen scheint vorzuliegen in V. 7, wo XPNC
>'//. KVT ptiis lesen: man wird annehmen dürfen, daß puis
hier die ursprüngliche Lesart ist. da Raoul savoir mit dem
**) Daß bei dieser Änderung das Wort remaindre innerhalb dieses
Gedichtes zweimal im Reime vorkommt (das zweite Mal in V. 47), ist kein
hinreichender Gegeiigrund : denn solche Wiederholungen des gleichen Kenn-
wortes rinden sich mehrfach bei Raoul: in Nr. 1 fiance (V. 20 u. .31). Nr. J
fin (66 u. 68); Xr. 6 mie (3 u. 10); vie (15 n. 21). paiiir (27 u. 32); Nr. 9
jor (17 u. 23, an zweiter Stelle allerdings nicht überliefert): Nr. 10 aeointavre,
(20 u. 31): Xr. 11 chier (24 u. 36).
Die Lieder Raouls von Soissons. 253
Infinitiv sonst nur im Sinne von „verstehen1' gebraucht30),
was hier keinen guten Sinn gibt. Der Fehler wäre also bei
XPNC, doch liegt es hier wieder sehr nahe, an ein zufälliges
Zusammentreffen der Gruppe XPN und der Hs. C zu denken;
K müßte dann den ursprünglichen Wortlaut sekundär wieder-
hergestellt haben.
V. 13. Auch hier würde, wie schon bei verschiedenen
früheren Stelleu empfohlen, statt m'i besser mi zu schreiben
sein: ebenso in V. 17.
V. 19. Das hier im Reime mit jor} folor usw. stehende
cors hat W. nicht beanstandet, obwohl eine solche Bindung
auch als Assonanz eigentlich unmöglich ist. Ton den IIss.
bietet nur U einen Wortlaut mit korrektem Reim {colour),
der auch inhaltlich einigermaßen befriedigt und den man
darum gern in den Text setzen würde (La fagon et In colour
De son ris der); indessen muß man stark mit der Möglich-
keit rechnen, daß dieser Wortlaut doch nicht original, sondern
erst durch eine sekundäre Emendation des Schreibers jener
Hs. U gewonnen ist. da das mit U nächstverwandte C zwar
auch an der Stelle gebessert hat. aber im ganzen doch ähn-
lich liest wie die Gruppe KXPNY. Man würde also, wenn
mau den Wortlaut von U als ursprünglich ansehen wollte,
für C die Benutzung einer Nebenquelle aus der Gruppe sa
annehmen müssen ; da man dies aber nicht ohne zwingende
Notwendigkeit tun wird (es liegt in dem Gedicht kein zweiter
Fall vor, auch sind die Lesarten von C und KXPNY an
jener Stelle keineswegs identisch), so dürfte die andere An-
nahme vorzuziehen sein, daß nämlich jener Wortlaut mit
gestörtem Reim, so wie W. ihn gibt (La fagon de son gent
cors Et son vis der), nach dem Zeugnis der Hss. bereits einer
letzten, der gesamten Überlieferung zu Grunde liegenden
Quelle eigentümlich gewesen ist. Was die Lesart des
Originals betrifft, so könnte man versuchen, einen korrekten
Reim durch anderweite Emendierung des falschen Reimwortea
zu erschließen: da läge paläographisch am nächsten de (oder
son) gent ator (wozu die ähnlichen Stellen in Nr. 2, V. 40 und
Nr. 5, V. 38 zu vergleichen wären), doch fügen sich diese
Worte nicht recht in den Zusammenhang. Falls auch keine
andere Emendation gelingen sollte, so wäre allerdings die
Notwendigkeit gegeben, sich mit dem überlieferten Wortlaut
abzufinden; und da wäre darauf hinzuweisen, daß ein ähnlich
ungenauer Reim sich noch ein zweites Mal bei Raoul findet,
in dem Jeu-parti mit Thibaut von Navarra (bei W. Nr. 13),
V. 50 — 51 (tenebrors : cors). Auch hier spricht sowohl die
Überlieferung als die Schwierigkeit der Emendierung für
,0) Vgl. Nr. 3, V. 51; Nr. 4, V. 14: Nr. 6, V. 2: Nr. 7, V. 33;
Xr. 8, V. 5.
Ztichr. f. fr«. Spr. u. Litt. XLV". 17
*2~>4 IteferaU und Rezensionen. II. Suckier.
die Ursprünglichkeit dieses Keimes, und so wird man am
Ende nicht umhin können, für Raoul eine Ausspruche cqrs
(mit geschlossenem ö) anzunehmen, die ich aber nicht ander-
weitig zu belegen vermag. Dann wäre auch an unserer vor-
liegenden Stelle wenigstens die Assonanz gerettet.
V. 39. Hier sieht \V. die Worte sai bien, da er sie in
Kommata einschließt, offenbar als eingeschalteten Satz an.
was aber in diesem Falle eine ungewöhnliche Ausdrucks-
vveise sein würde (als Beispiele der üblichen Form ein-
geschalteter Sätze solcher Art vgl. Nr. 4, V. 61 und Nr. 9,
V. 48): das Nächstliegende wäre jedenfalls, zu lesen Lt sai
bien, ja n'en garrai, über diese Anreihung eines Objektsatzes
ohne formale Subordinierung vgl. Meyer-Lübke, Romanische
Syntax §§ 535 und 537. — Entsprechend dürfte auch in V. 66
das Komma vor certains sui zu streichen sein.
V. 49. Da in V. 44 voi mit moi gebunden ist, ist wohl
ausgeschlossen, daß hier voi mit fai, prierai im Reime stehen
sollte, wie W.s Text es bietet: man hat einfach die Les-
art von PC (sai) einzusetzen.
V. 51. In der Form, wie W. diesen Vers gibt (nach
KXPNV) hat er eine Silbe zu wenig; es muß mit C ge-
lesen werden bele, he fai (statt bele, <>u fai). Wegen dieses que
vgl. Diez. Gramm. III3 S. 379 — 380 und Meyer-Lübke.
Roman. Syntax § 625 3l).
V. 75 — 7 7. Diese Verse möchte ich wesentlich anders
auffassen als dies W. tut: er setzt ein Komma hinter laga,
faßt also wohl Que in V. 75 als Relativum und mon euer in
V. 7 7 als Objekt zu ostagier auf, was mir sowohl grammatisch
(die Wortstellung, nmn euer vor pour moi ostagier, wäre sehr
ungewöhnlich) als inhaltlich („sie hält meinen Sinn fest, um
mir mein Herz als Pfand zu behalten" wäre doch ein sehr ge-
suchter Gedanke) nicht sehr glücklich erscheint. Ich möchte
das Que in V. 75 als „denn" nehmen, das Komma hinter
laga streichen und damit mon euer als Objekt zu den beiden
vorangehenden Versen (Reünt et l<i<;a) nehmen, während moi
nicht Dativ, sondern Objektsakkusativ (natürlich in der be-
tonten Form. vgl. Tobler. Verm. Beitr. V S. 404) des Infinitivs
ostagier wäre (also: „denn sie hält mein Herz gefangen, um
mich als Geisel festzuhalten"). Im Zusammenhang hiermit
wäre in V. 79 vor lessier dem Sinne nach ein /a (nicht le)
zu ergänzen („damit ich sie nicht leicht verlassen kann").
Nr. 10. In MTR2, KXPNV, CUH überliefert. Wie
bei Nr. 7, glaube ich auch in diesem Gedicht W.s Text auf
Grund der früher besprochenen Hss.klassifikation an einer
3!) Das gleiche qut liegt, allerdings in etwas abweichender Verwen-
dung, vor in Nr. 2, V. 17: du plus loial amant V'onques Amors poiat joie
doner; entsprechende Fälle s. bei Diez. Gramm. III1 S. 380— 381.
I >ir Lieder Raouls con Soissons. 255
ganzen Reihe von Stellen ändern zu müssen: überall nämlich,
wo zwei jener drei Gruppen zusammentreffen, wäre die von
diesen gebotene Lesart in den Text zu setzen. Bedenken
erheben sich bei einigen Versen, wo die vier Hss. TRCH
mit einer gemeinsamen Lesart für sieh stehen. Zunächst
wäre auf Y. 5 hinzuweisen: da gehen M und V mit KXPNV
zusammen (Quar), während TR und CH übereinstimmend
(Jm lesen, ohne daß so leicht zu ermitteln wäre, bei welchen Hss.
der Fehler liegt. Nun ist ja nicht ausgeschlossen, daß hier
ein Zufall im Spiele wäre: doch muß auffallen, daß auch in
V. 29, 30, 31 und 33 die Gruppe TRCH sich der Hs. M
gegenüberstellt, während KXPNV und U fehlen. In V. 29
möchte man glauben, daß der Wortlaut von M (Si m'envoit
Deus) ursprünglich ist, da er durch die Parallele mit Nr. 6,
V. 56 (Si m'envoist Deus) gestützt wird: die Lesart von
TRCH >7 nie doinst Deus) würde also einen diesen vier
Hss. gemeinsamen Fehler darstellen V1). Die Analogie mit den
Stellen in Nr. 7, wo TR mit CU zusammengingen, macht
wahrscheinlich, daß auch an den eben besprochenen Stellen
TR sich von M getrennt und sekundär an CH angeschlossen
haben, zumal es sich auch hier in der Hauptsache um dicht
beisammenstehende Stellen handelt: irgend eine Sicherheit
dürfte allerdings auch diesmal kaum zu gewinnen sein 33). —
Noch schwieriger erscheint die Beurteilung einiger Stellen
in Str. 111. wo H mit KXPNV zusammen gegen MT(R)
geht: man wird hier nicht einfach den Hss. KXPNVH
folgen dürfen, da deren Lesarten (pormort in V. 22 und confession
in V. 24) inhaltlich sehr wenig befriedigen und der Wortlaut
von MT(R) als der ursprüngliche erscheint (par moi in V. 22,
confusion in V. 24). Wenn man diese inneren Gründe als
ausschlaggebend ansehen darf, so hätte H eine Nebenquelle
aus der Gruppe .s11 benutzt. Weiter ist auch die Stellung
von R an einigen Stellen getrübt, indem es seinerseits mit
H einige Fehler teilt: V. *24 confession (auch in KXPNV,
gegen con f ')<.<'«>, \ M T), V. 33 el siede (gegen ei monde M T),
V. 36 Loez la moy (auch in C, gegen Loez Je moi MT);
einen vereinzelten Fall dieser Art würde man gut als Zufall
hinnehmen können, alle drei zusammen aber kaum, und so
wird man wohl für R an diesen Stellen eine Nebenquelle
aus der Gruppe sm anzusetzen haben. Dagegen dürfte die
Lesart bele in V. 23. die R mit KXNV teilt/ in R zufällig
entstanden sein, da H hier mit MT(P) douce liest.
") Hervorgerufen vielleicht durch Anschluß au den kurz vorher-
gehenden Vers 25: Ne me doint Deus . . .
33) Eine Änderung des bei W. vorliegenden AVortlauts ist jedenfalls
an jenen Stellen nicht nötig, da der Herausgeber prinzipiell der Hs. M
folgt; nur zu V. 33 habe ich unten noch etwas zu bemerken.
17*
Referah und Rezensionen. W. Suchier.
V. 2. Lies Vous nos dites (KXPKVCÜH) statt
me disiis (MTR); ebenso n grantpoissance(K.^K.rNYC\JH)
Btatt (/ tel voiss. M
V. :;. Lies et je l'ai bien ceü (KXPNVCH) Btatt bien
l'ai aperceii | M T R i.
V. 4. Lies n'a ( K X P N V ( !UH) statt n'ait (M T R).
V. 10. Lies m'a faxt (RKXPNVCH) statt „<«■
(MT).
\. L2. Lies mou euer (KXPN\CHi statt mon cor»
(MTR).
V. 16. Lies Ou de blaut'' a si tres grant fuison ^aus den
Varianten vonKPKVCH rekonstruiert): trtiis ^statt a), das
außer in MTR auffälligerweise auch in H begegnet, scheint
mir nicht so gut bezeugt zu sein, zumal der Wortlaut in H
(truis si tres) wenig ursprünglich klingt.
In Y. 1? — 18 erregt der Reim oublier : guider Bedenken;
während oublier einfaches e als Tonvokal hat und dem
entsprechend in Nr. 4. Y. 17 mit amer, penser etc., und in Nr. 6,
Y. 35 mit torner gebunden ist, liegt bei quidier auch in der Sprache
unseres Dichters diphthongisches ie vor (vgl Nr. 4. Y. 34—35
legier : cuidier und Nr. 7, Y. 6 — 7 outreeuidier : desirrier)}
und ein solches ie wird auch durch den Reim des folgenden
Strophenanfangs (entier : chastoier), der in vorliegendem Lied
stets dem vorhergehenden Strophenschluß entsprechen muß,
gefordert. Ich sehe keine Möglichkeit, die Sache befriedigend
zu lösen : jedenfalls muß quidier geschrieben und der un-
genaue Reim mit oublier in den Kauf genommen werden, da
eine Emendierung dieses Reimwortes sehr schwierig erscheint.
Y. 33. Da monde mit seinem überzähligen e in der
Zäsur, das vor dem folgenden losengier nicht elidiert werden
kann, den Yers stört, hat man statt dessen mont zu schreiben,
eine Form, die in Nr. 9, Y. 61 auch im Reime bezeugt und
also für Raoul gesichert ist. — Die Lesarten von TRH (Quel
monde na T, Quel siede n'a HR) sind zwar metrisch ohne
weiteres korrekt, dürften aber trotzdem nicht ursprünglicher
sein als der Wortlaut von M (Qu'il n'a oujnont), da zwei-
silbiges monde in T bedenklich ist und die Übereinstimmung
zwischen H und R kaum primär sein kann.
Nr. 11. Wegen der Überlieferung (KNY) vgl. die Be-
merkung zu Nr. 3.
Y. 5 würde im Text wohl lauten müssen : Et sens fet
biens et maus couvrir (nach NY), nicht . . . bien . . .. wie \V.
im Anschluß an K schreibt. Allerdings ist zu bemerken,
daß der Plural biens in der hier anzunehmenden Bedeutung
„Glück" nicht häufig zu sein scheint; möglich wäre
natürlich auch, daß biens in N und Y erst sekundär, und
unabhängig, aus bien entstanden ist. in Anlehnung an den
folgenden Plural maus.
Di( Lieder Raouls von Soissons. 257
V. 23 ff. Von der hier beginnenden Strophe 111 sind
mir verschiedene Stellen in der von W. gegebenen Fassung
nicht klar ; ich deute im folgenden einige Möglichkeiten
anderer Auffassung an, muß aber sagen, daß auch so noch
mich manches nicht befriedigt. Vielleicht liegt auch irgend-
wo eine Textverderbnis vor.
V. 24 scheint mir das von W. auf Grund von K in den
Text gesetzte la, das doch nur auf mort in V. 23 gehen
kann, keinen Sinn zu geben (la conper si chier, womit „er-
kauft-' er denn den Tod ?). IM an könnte mit N V le schreiben,
dieses le würde dann wohl vorausweisend aufzufassen sein
und in dem folgenden ()«e-Satz genauer erläutert, während
bei si rliicr an mort zu denken wäre. Weiter könnte man
noch das eiste si dieses Verses (si la conper) in se „wenn"'
ändern (vgl. die Lesart sei von V, wofür aber hier des
Verses wegen unbedenklich se le eingesetzt werden kann, da
die Inklinierung ja nicht obligatorisch ist) und erhielte damit
einen Konditionalsatz, dessen Nachsatz in V. 29 beginnen
würde, eingeleitet durch Et (Belege für diesen Gebrauch s. z. B.
im Aucassin 8, 9; 14. 23; 18. 10: 20, 12: 34, 4).
V. 26. Da cell (Fem.) in der Verwendung als Nominativ
kaum zu belegen sein dürfte u), wird man besser tun. es
nicht (wie W.) als Subjekt zu reut in V. 27 zu nehmen,
sondern als Okjekt zu amer und proier in V. 25: dem-
entsprechend wäre das Komma hinter proier zu streichen,
dafür aber hinter vie, am Ende von V. 26, ein Komma zu
setzen.
V. 6 0. Da W. sich bei dem Text dieses Gedichtes an
K anschließt, hätte er die darin überlieferte Form Tristran
ruhig im Text stehen lassen können und nicht Tristan aus
N einzusetzen brauchen: jenes ist doch sehr häufig35) und
könnte sehr wohl die Form des Originals sein.
Nr. 13. Dies Gedicht ist überliefert in 13 Hss. :
KXPNVSRs CUF a. dazu eine Hs. der Stadtbibliothek
Metz und eine der Bibl. Mazarine (Maz.). Das Verhältnis
dieser Hss. ist sehr verwirrt und offenbar durch Nebeneinflüsse
stark gestört, in einem Maße wie dies selbst bei lyrischen
Stücken nur selten vorkommen dürfte. In diesem Falle bin
auch ich von der Unmöglichkeit überzeugt, die vorliegenden
Hss. mit so weit reichender Sicherheit zu klassifizieren, daß
eine vollkommen methodische Bearbeitung unseres Liedes
möglich ist. Nun hat allerdings G. Steffens, der in seiner
Ausgabe Die Lieder des Troveors Perrin von Angicourt, Halle
3<) Z.H. hat B. Ganzlin, Die Pronomina demonstrativa im AUfranzö-
■/(. Dissertation, Greifswald 1888, unter seinen Belegen S. 71—77
keinen einzigen Nominativ.
Vgl. auch die Variante zu Nr. 15, V. 18.
Referate und Rezensionen. W. Suchier.
1905 (Romanische Bibliothek. Nr. 18) S. 287— 290 anhangs-
weise einen kritischen Text unseres Gedichtes mitteilt, ebenda
auch einen Stammbaum der Hss. aufgestellt;
dieser scheint mir aber, ebenso wie sein allgemeiner Stamm-
baum auf S. 114, so mangelhaft begründet zu sein, daß ich
Bedenken habe, ihn als textkritische Grundlage anzunehmen S6).
Besonders daß FSR eine Gruppe für sich bilden (zu der
vielleicht auch die Hs. Metz gehören würde, die in Y. 22
einen Fehler mit S gemeinsam hat) und weiter mit CU
zusammenzufassen wären, daß ferner Hs. a (die in V. 7
einen Fehler mit Hs.Maz. zu teilen scheint) sich diesem
ganzen Zweige der Überlieferung anschließt, dafür liefern
die Varianten des Liedes m. E. keinen hinreichenden Beweis,
wenn auch diese Möglichkeiten natürlich keineswegs aus-
geschlossen sind 37). Ganz und gar braucht darum aber
keineswegs auf methodisches Vorgehen bei der Text-
3*) Steffens hat mehrfach den methodischen Fehler gemacht, bei »ler
Klassifizierung der Hss. einfach gewisse gemeinsame Lesarten der Hs>. zu
Grunde zu legen, ohne darüber hinlänglich im Klaren zu sein, ob
Lesarten auch wirklich fehlerhaft sind: denn nur in diesem Falle können
sie etwas für eine Verwandtschaft der betr. Ilss. beweisen. Er scheint
anzunehmen, daß eine Lesart, die ..besser" oder ..vorzuziehen" ist,
darum ohne weiteres ursprünglich sein müsse; daß man bei der Auswahl
dei Lesarten für den kritischen Text gelegentlich solche Erwägungen
maßgebend sein läßt, wenn keine anderen, methodischeren Gesichtspunkte in
Betracht kommen, mag unvermeidlich sein, aber bei Aufstellung von Hss.-
stammbäumen sind solche Kriterien viel zu unsicher, man sullte da eigent-
lich nur mit solchen Varianten arbeiten, von denen man weiß, daß sie
bestimmt nicht vom Autor herrühren können. Auch die andere Möglich-
keit hat Steffens viel zu wenig in Betracht gezogen, daß gleiche Lesarten,
wenn es sich nicht gerade um ganz charakteristische Fehler handelt, leicht
unabhängig voneinander entstehen können: irerade bei lyrischen Gedichten,
die doch oft ähnliche und naheliegende Gedanken bringen, ist es leicht
möglich, daß zwei Schreiber zufällig an eine beliebige andere, gleichwertige
Ausdrucksweise oder auch an ein und dieselbe Parallelstelle gedachi und
ihre Vorlage in gleicher Richtung umgestaltet haben. (Z. B. setzen in
V. 41 unseres Gedichtes verschiedene Hss., die kaum alle miteinander ver-
wandt sein dürften, statt des ursprünglichen primes ein :deichbedeui>
Premiers ''in: das gleiche ist hei einem Gedicht von Perrin |bei Steffens
Nr. 13, Str. IV. V. 4) der Fall, wo ebenfalls gegen den Stammbaum in zwei
Hss. premiers statt des ursprünglichen primes auftritt.) .Man sullte daher
hei Varianten, wo eine solche Möglichkeit besteht, lieber vorsichtig sein
und ihnen jedenfalls keine selbständige Bedeutung für die Gruppierung der
Hss. zu erkennen. Daß man bei Wahrung eines solch vorsichtigen Stand-
punktes in manchen Fällen, wie auch dem hier vorliegenden, zu keinem
abschließenden Resultat kommt, muß eben im Interesse der methodischen
Sicherheit in den Kauf genommen werden.
37) Möglicherweise würde sich hei einer streng methodischen Durch-
prüfung der Lesarten doch noch über einen oder den anderen Punkt einige
Sicherheil gewinnen lassen: ich habe auch selbst einen Versuch gemacht,
mußte .ilier von dem Unternehmen abstehen, weil sich herausstellte, daß
die Variantenangaben bei W. und bei Steffel is nicht unwesentlich ausein-
andergehen, so daß man bei verschiedenen Stellen nicht sicher weiß, wie
die Hss. denn nun wirklich lesen.
/)/, Linh r Raouls von Soissons. 259
rekonstruktion verzichtet zu werden: denn von einem er-
heblichen Teil der Hss. steht fest, daß der Stammbaum
Schwans, der sich bei den übrigen Liedern Raouls bewährt
hat. auch bei vorliegendem letzten Gedicht als Grundlage
angesehen werden muß. Daß KXP auch hier eng verwandt
sind, lehren verschiedene Lesarten (bes. V. 29). ebenso daß
N seinerseits sich zu dieser Gruppe KXP stellt (vgl. bes.
V. 36); auch für die Verwandtschaft von V mit KXPN liegt
(in Y. 25) ein beweisender gemeinsamer Fehler vor, und
ferner zeigen auch CU gemeinsame Fehler (bes. V. 68").
Mit diesen Angaben38) bereits ist man aber in der Lage,
an einer ganzen Reihe von Stellen ein Urteil über den Wert
der Lesarten zu gewinnen, besonders da. wo der Gruppe
KXP oder KXPN, deren Wortlaut W. prinzipiell im Text
beibehalten hat, die überwiegende Mehrzahl der übrigen Hss.
< darunter Y und d) gegenüberstellt.
Was ich auf dieser Grundlage oder aus sonstigen Er-
wägungen zur Besserung des Textes vorzuschlagen habe,
ist folgendes.
Y. 8. Da Autresi nur in der Gruppe KXPN überliefert
ist, würde man dafür Tout aussi einzusetzen haben, das von
Va Maz. RS Metz CU direkt geboten oder wenigstens
gestützt wird.
Y. 16. Statt Et (KXPN) lies Mes (Va RS Metz FCV\
V. 29. Der Wortlaut von KXP (Se vous m'aviez veee\
den W. im Text gelassen hat, ist schon darum sicher nicht
ursprünglich, weil aviez nur zweisilbig sein kann, dem Sieben-
silbler also eine Silbe fehlen würde; man wird mit Ya RS
Metz C lesen müssen m'avez refusee.
Y. 33. Statt S'avrez lor joie (KXP) wird S'avez lor joie
(RS Metz FU) oder Et lor joie avez (NVaC) zu lesen sein.
Y. 36. In diesem Verse, der in W.s Text im Anschluß
an KXPNU lautet Congues honme ne transsi, befremdet
mich der Akkusativ honme; denn daß transir hier transitiv
gebraucht wäre („nie machte sie einen Menschen mit
einem so verzweifelten Tode erstarren") ist wohl so gut wie
ausgeschlossen, nicht nur wegen des wunderlichen Gedankens,
sondern auch weil der Dichter in den vorhergehenden Versen
dieser Strophe die Dame direkt, in zweiter Person, angeredet
hat und nun kaum so plötzlich wechseln und zur dritten
übergehen wird39). Sieht man aber als Sinn des Verses an
;'8) Die allerdings gelegentlich, besonders in Str. IV und V ihre
'TÜltigkeit z. T. verliereu. da sich KXP und X sowie C und 1" bisweilen
trennen, dafür aber andere Hss. (z. B. U und R, in V. 65; vielleicht auch
a und 0, besonders in V. 13 und 39) sicher gemeinsame Fehler zeigen.
3t) Zwar tritt dann in V. 39 doch die dritte Person auf, doch wirkt
hier der Wechsel lange nicht so unvermittelt; auch ist fraglich, ob nicht
(auf Grund von Va C) die zweite Person einzuführen ist.
Referate und Rezensionen. W. Suchtet'.
„niemals ist ein Mensch eines so verzweifelten Todes ge-
»ena, so wird man dem Subjekt die alte Nominativform-
hom geben müssen, die Raoul sonst (nämlich Xr. <;. Y. 1 :\ und
Nr. 1<>. V. ', i gebraucht und die dort durch den Reim völlig
:hert ist: tatsächlich ist ja hom oder hons in a RSPC
aberliefert. Fraglich ist nur. wie man diu infolge dieser
Änderung nötig werdende weitere Silbe gewinnt; Vom
Standpunkt der vorliegenden Lesarten aus würde vielleicht
am nächsten liegen, einfach Que onques zu schreiben, weil
sich, auf dieser Grundlage sowohl der Wortlaut von KXP NUr
die eben elidiert und den zweisilbigen Akkusativ (in der
Funktion des Nominativs) eingesetzt haben, wie die Zer-
splitterung der übrigen Hss., die das ursprüngliche hom bei-
behalten, aber den Hiatus hinter Que auf verschiedene Weise
beseitigt hätten (entweder Car onques. wie F und 8. oder
Conques mais oder nus: wie R und a), am einfachsten er-
klären würde; doch spricht gegen diese Konjektur, daß ein
solches nicht elidiertes que in Raouls Gedichten sonst nicht
zu finden ist*0), darum wird man vielleicht doch besser eine
der beiden letztgenannten Möglichkeiten wählen.
V. 41. Des lors que primes ist entschieden besser bezeugt
(durch NVßSU, auch C und a helfen stützen) als das von
W. im Text belassene Des primes qui je (nur in KXP).
V. 61. Statt der Lesart von KXP (En qui grani)
könnte man die von Ya (Oü toute) oder NUR {Ou fine)
in den Text setzen wollen: jedoch kaum mit Recht, da
ersteres durch die oben (S. 237) angeführte Parallele mit
Nr. 2, V. 5 und Nr. :>. Y. -28 gestützt wird.
V. 66. Da W. in Y. 75 und 76 der Gruppe GUS gegen
\ folgt, würde er konsequenterweise auch in diesem Yerse
mit Cl'S je ne m'os lesen müssen, anstelle des nur in V
überlieferten ne me puis; letzteres würde auch nicht dem
Sprachgebrauch Raouls entsprechen, da er einen Haupt-
satz, der mit dem Yerbum (^resp. einem dieses begleitenden
Proklitikum) beginnen würde, stets mit dem Personalpronomen
einleitet41).
Nach diesen 12 Gedichten Raouls teilt W. in einem
Anhang noch ein Jeu-parti zwischen Raoul und Thibaut von
Navarra mit und schließt vier weitere Lieder an, die er,
obwohl sie in einzelnen Hss. Raoul oder Thierri von Soissons
zugeschrieben sind, ihm absprechen zu müssen glaubt: auch
ich bin überzeugt, daß diese vier (Nr. 14—17) nicht von
Ausgenommen die Variante aus 1I>. C zu Xr. 12. V. 40 (Ke aillors).
Nur ne findet sich zweimal oichl elidiert, in Nr. 1. V. 6 und Nr. ti. V. 25,
*''i In den 12 Gedichten Raouls liegen 14 Beispiele vor, aber kein
einzig iteiliger Fall; nur im Nachsatz kann das Pronomen fehlen
für 2 Fälle, während es in 4 anderen auch da gesetzt ist).
Die Lieder Raouls oon Soissv 261
Raoul herrühren, denn sie sind, um von den bereits von W.
auf S. 23 — 25 beigebrachten z. T. sehr triftigen Gründen hier
abzusehen, auch in Ausdrucksweise und Stil völlig verschieden
von den echten Liedern. Ich verzichte daher darauf, auf
Stücke des Anhangs näher einzugehen.
Abschließend möchte ich noch einmal auf meine Be-
denken gegen das von W. angewandte textkritische Verfahren
zurückkommen. Ich gebe zu. daß man, je nach Erfahrungen
und Sinnesart, verschiedener Ansicht darüber sein kann, ob
in einem bestimmten Falle eine genügend sichere Grundlage
für die kritische Durcharbeitung eines Textes gegeben sei,
bin aber, wie schon gesagt, der Meinung, daß bei vorliegen-
der Ausgabe die handschriftlichen Verhältnisse einen so
extremen Skeptizismus im allgemeinen nicht rechtfertigen.
Da ich den oben verteidigten Stammbaum Schwans für eine
im ganzen durchaus solide Grundlage halte, muß ich auch
glauben, daß die von mir daraufhin vorgeschlagenen Text-
änderungen den ursprünglichen Wortlaut mit größerer
Wahrscheinlichkeit wiedergeben als W.s Lesarten an den
beanstandeten Stellen. Nicht zu leugnen ist, daß stellen-
weise Störungen des Hss.verhältnisses auftreten und Un-
klarheiten mit sich bringen; in solchen Fällen kann aller-
dings nicht immer eine hinreichende Sicherheit bei der Ent-
scheidung erreicht werden, trotzdem wird man im Interesse
einer methodischen Textkritik darauf bestehen müssen, daß
der Versuch einer wenigstens einigermaßen befriedigenden
Lösung auch solcher Schwierigkeiten nicht von vornherein
unterbleibt.
Göttingen. Walther Süchiek.
Adolf Toblers Altfranzösisches Wörterbuch. Mit Unter-
stützung der Königlich preußischen Akademie der
Wissenschaften aus dem Nachlaß herausgegeben
von Erhard Lommatzsch. Lieferung 1 und 2.
LXVS., 240 Sp. Lex. 8" Berlin. Weidmannsche
Buchhandlung 1915.
Als Adolf Tobler, noch halb Student, den Plan faßte, ein
altfranzösisches Wörterbuch zu schreiben, da schwebte ihm
ein Werk vor. das in erster Linie dazu dienen sollte, die
literarischen Denkmäler des Mittelalters zu verstehen, die
Mittel an die Hand zu geben, Textverderbnisse zu bessern,
den Sprachgebrauch, die von den heutigen abweichenden Be-
deutungen und Verwendungen auch denen zu übermitteln,
die nicht schon eine Reihe von Texten gelesen hatten. Zu
dieser Aufgabe war er wie wenig Andere befähigt. Ein
Referate und Rezensionen. II. Meyer- Lü
liebevolles Eingehen in den Text, ein starkes Bedürfnis, ihn
bis ins Einzelnste zu verstehen, nicht bei angefahren) Ver-
ständnis stehen zu bleiben, die Gabe, dieses Bedürfnis auch
befriedigen zu können, und die Ruhe, alles ausreifen zu lassen,
vereinigten sich in ihm. Bald gab er, in Rezensionen
namentlich, Proben seines Wissens und Könnens auf diesem
Gebiete, so daß man mit steigender Spannung das ganze Werk
erwartete. Aber es kam nicht. Als dann Godefroy. von
Littre mit begreiflicher patriotischer Freude begrüßt, sein
Wörterbuch veröffentlichte, da steigerte sich für uns. die
wir die großen Schwächen des französischen Werkes sahen,
der Wunsch, das Toblersche zu bekommen, noch mehr, und
auch einsichtige Franzosen verhehlten sich nicht, daß uns
Tobler etwas Wertvolleres bieten könne, ja P. Meyer, dem man ja
nicht Voreingenommenheit für deutsche Wissenschaft nach-
rühmen kann, schrieb anläßlich Toblers Tod: „cette oeuvre
monumentale qui, ä quelque degre d'elaboration qu'elle ait
ete poussee, ne peut que contribuer au progres de la
science et mettre le sceaux ä la reputation d'Adolf Tobler".
Aber Tobler schwieg, äußerte sich wohl gelegentlich, dem
dringendsten Bedürfnis sei ja durch Godefroy abgeholfen.
Mit dem steigenden Alter kam dann wohl die Abnahme
einer ohnehin nach dieser Seite hin nie großen Entschluß-
fähigkeit und so blieben die Zettel in den berühmten Blech-
kästen, die jeder kannte und wohl oft sehnsüchtig betrachtete,
der in Toblers Studierzimmer kam.
So überraschend es auf den ersten Blick ist. daß ein
Gelehrter ein Lebenswerk, das er nicht erst in Angriff nimmt,
wenn er auf der absteigenden Bahn steht, nicht abschließt,
so ist es doch verständlich, sobald man den wissenschaftlichen
Gesamttypus in Betracht zieht. Tobler war durchaus der
Mann der Einzelforschung. "Wer aber ein großes zusammen-
hängendes Werk, vor allem ein derartiges Wörterbuch schaffen
will, muß den Mut des Abbrechens haben, er muß sich oft
sagen, daß ein Artikel nicht befriedigt, weil dies und jenes
erst durch neues Material aufgeklärt weiden kann, ein
Material, das sich nicht systematisch suchen läßt, das aber
vielleicht doch einmal zum Vorschein kommt, und er darf,
wenn er fertig werden will, nicht warten, bis dieser Fall ein-
tritt, sondern muß im vollen Bewußtsein der Mangelhaftigkeit
doch eben abschließen. Tobler aber gab nichts aus der
Hand, was ihn nicht nach Form und Inhalt gleichmäßig und
ganz zufrieden stellte — und er war nicht leicht zufrieden
zu stellen. So konnte er Artikel, die ihm lagen und für die
er das ihm genügend erscheinende Material besaß, in meister-
hafter Weise ausarbeiten, andere ließ er unvollendet oder
unangefangen liegen.
Tobler. Altfranzösisches Wörterbuch. 263
Trotzdem werden wir alle der Akademie und noch viel
mehr dem Herausgeber dankbar sein, daß sie. was Tobler
durch ein Lebensalter hindurch gesammelt hat, allgemein
zugänglich machen. In einer sehr interessanten Einleitung
gibt Lommatzsch Rechenschaft nicht nur über das. was man
alles aus dem Werke lernen kann, sondern vor allem auch
über den Zustand der Handschrift. Man kann daraus er-
messen, welch gewaltige und entsagensvolle Arbeit er leistet
und wie viel eigenes er dazu gibt. Denn man darf nie
übersehen, daß das Sammeln des Materials eine so bedeutende
Leistung es da. wo es galt, den Sinn festzustellen, auch
darstellt, doch, soweit es sich um Denkarbeit handelt,
hinterdem Ordnen zurücksteht. Es wäre vielleicht nicht unrecht,
das Buch als Tobler-Lommatzsch zu. zitieren, wenn man
auf solche subjektive Dinge überhaupt Wert legt.
Ich will nun im folgenden versuchen, das Werk zu
charakterisieren nach seinen Licht- und Schattenseiten.
Tobler hat so gewaltige Verdienste um die romanische,
namentlich die altfranzösische Philologie, daß eine kritiklose
Lobpreisung oder eine Vogelstraußpolitik seinem Ruhme
mehr abträglich als zuträglich wäre; für das heranwachsende
Geschlecht aber, das den Mann nicht mehr kennt, nicht
weiß, wieviel von dem heutigen Gemeingut ihm zu verdanken
ist, bedarf es einer Erklärung, auf daß es nicht bloß die
Fehler sieht.
Wir müssen immer daran festhalten, daß wir einen Torso
vor uns haben, an dem der Schöpfer noch lange nicht die
letzte Hand gelegt hatte. Das ergibt sich nicht nur daraus,
daß oft genug die Bedeutungen nicht angemerkt sind, nicht
nur da, wo sie sich von selbst verstehen, das ergibt sich
auch aus der Art und Weise, wie Arbeiten anderer angeführt
werden. So liest man Sp. 22 „a mit inf. hist. (vgl. Ebeling,
Hist. fz. Synt., S. 75)". Schlägt man nach, so findet man
einen älteren Beleg als die bisher angeführten für de mit hist.
Inf., die Bemerkung gehört also zu de, aber T. mochte, als
er sie schrieb, de nicht soweit ausgearbeitet oder sonst zur
Stütze seines Gedächtnisses sie gerade da notiert haben, wo
er sie, falls er sie brauchte, wieder finden konnte. Das war
für ihn gut — aber für uns andere? Oder zu adestre liest
man: „J. Jud, Arch. f. n. Spr. CXXH, 174." Nun sagt Jud:
,,hübsch ist der Nachweis, wie der Ersatz von destre durch
droite ein nach dem Vorbild von adestre gebildetes adroit
nach sich zieht." so daß also die Bemerkung zu adroit gehört.
Übrigens findet sich in der von Jud gemeinten Arbeit von
Fryklund, Les changements de signification des expressions
de droite et de (jauche S. 47 nur die Bemerkung „quand
destre tut supplante par droit, adestre a aussi ete sup-
plante par adroit, qui prit le sens d'adestre. Nun bringt T.
Keferati '<n</ Rezensionen. W. Meyer- Lübke.
für udestn ein Beispiel aua Conde, Fryklund Dach Godefroy aus
i aus in der Form adextre, für adroit Tobler, welche
uns Chrestien u.a. Die Sache ist also gerade umgekehrt:
nach adroit wird vorübergehend adestre gebildet, als droit die
Bedeutung von destre übernimmt.
Nicht ini mir! willkürlich sind die Angaben der Etymologien.
bzw., bei zweifelhaften Fällen, die Hinweise auf die ver-
schiedenen Erklärungsversuche. Bei ades heißt es, daß
P. Meyer die Diezsehe Erklärung zurückgewiesen habe, der
gleichzeitigen Pörsterschen Bemerkung wird ebenso wenig
gedacht ^Rom. Stud. IV. 88), wie des einzig erwägungs-
werren Deutungsversuchs Grübers (ALLG. 6, 377), dafür Zeitlin
zitiert, der doch keinen selbständigen Wert hat. auch tat-
sächlich nichts Neues bringt, Ebeling Z. f. Koni. Phil., XXIV.
525 (adde ipso) und G.Paris R. XXX. 125 (n'est gueres persua-
< »der zu afubler „S. Marchesini in Stud. fil. rom. ii. 2.
wegen t< s. Ebeling zu Auberee 91 a. Sofern an letzterer
Stelle speziell die frz. Form erkärt wird, ist der Hinweis be-
rechtigt, an der ersten wird nur von italienischen gehandelt
und gegen die auf Mussafia zurückgehende, von E. wieder-
holte Auffassung ein Einwand erhoben, dvn E. nicht ent-
kräftet. Vor und nach E. sind die Formen oft besprochen
worden. Der für den eigenen Gebrauch ja berechtigte Eklek-
tismus birgt die große Gefahr in sich, daß nichtkundige
Benutzer leicht zu der Auffassung kommen können, in T.'s
Hinweis das letzte oder wichtigste oder einzige zu finden.
Der literarische Text steht im Vordergrund des Interesses
für den Verf. Er konnte und wollte sich aber der Tatsache doch
nicht ganz verschließen, daß auch die Urkunden wichtiges
Sprachgut enthalten. Er scheint aber da wenig selber ge-
sammelt zu haben, begnügt sich vielmehr mit dem, was
Carpentier bietet, hat auch nicht das Bedürfnis empfunden,
nachzuforschen, ob die Urkunden in neueren Ausgaben vor-
liegen, die Lesarten durchweg verläßlich sind. Wem ist nun
aber mit einem Artikel gedient wie „adras s. De Lauriers
Glossar Carp. I, 91 c unten1'? Wer das Wort rindet und nicht
versteht, würde, auch wenn es T. ganz übergangen hätte, genau
so im Godefroy oder im D C. nachsehen, wie jetzt.
Toblers Gesichtspunkt ist der philologische. Die Be-
deutung des Wortes, seine Verwendungstypen innerhalb der
Literatur will er darstellen. Die sprachwissenschaftliche Auf-
fassung, die das Aufkommen und Abkommen, die räumliche
und zeitliche Ausbreitung kennen lernen will, lag der Zeit,
da das Werk entworfen wurde, noch fern, ist auch heute
z. T. nicht oder schwer durchführbar, wo die genauere Zeit-
bestimmung für so viele auch der wichtigsten Texte noch
nicht gelungen ist. Aber auch die Anordnung zeigt, daß
T. das nicht gewollt hat. Das ist kein Vorwurf. Wer
Tobler, Altfranzösisches Wörterbuch. 265
Bprachhiatoriache Interessen hat. wird sich von Fall zu Fall
die Artikel selber umordnen können : einem Philologen wäre
mit einem sprachhistorischen Wörterbuche auch nur halb ge-
gedient. Es gibt eben zwei verschiedene Betrachtungsweisen,
deren jede ihre Berechtigung hat. Eine andere Frage ist,
ob sich eine Form finden läßt, die beiden gerecht wird.
Es liegt nahe. Tobler und Godefroy miteinander zu
vergleichen. Da muß nun sofort bemerkt werden, daß das
Werk des Franzosen durch das des Deutschen nicht über-
flüssig wird, was rein äußerlich schon daraus erhellt, daß
in dem jüngeren des öfteren auf das ältere hingewiesen wird.
Godefroy wollte den alten Sprachschatz in möglichster Voll-
ständigkeit buchen, ihm kam es hauptsächlich auf die Menge
an. er hat zahlreiche Texte ausgezogen, die entweder nicht
gedruckt oder nicht literarischen Inhalts sind. Dadurch
bietet er quantitativ mehr, ist also vor allem dem Wort-
forscher eine reichere Quelle. Aber weder er noch seine
Mitarbeiter, oft noch Studenten oder junge Doktoren, die das
Zeugnis der Reife nur in ihrem Diplom hatten, besaßen
wirkliche Eignung für die Arbeit. G. Paris hat einmal ge-
schrieben: „Je ne connais pas de lecture plus agreable que
celle du dictionnaire de M. Godefroy; on y apprend toujours
et on b'y amuse souvent" (R. 15,613). Man kennt Toblers
Besprechung (Z. f. Rom. Ph.5, 117) und die Artikel in der Revue
critique. gegen die der Verf. glaubte sich verteidigen zu müssen
und zu können. Bei der Benutzung der französischen Artikel
muß man immer auf der Hut sein, darf sie nicht ohne
weiteres hinnehmen. Tobler ist soweit verläßlich, als das
überhaupt von Menschenwerk gesagt werden kann. Qualitativ
steht er danach himmelhoch über seinem Vorgänger.
Ich will nun noch einige Artikel besprechen, bei denen
ich glaube etwas über das Gebotene hinaus zu kommen.
aaise. Einziges Beispiel: Ghescun amant ses segrSs tese
S'it mit sa dorne fere eese. T. sieht darin ein Adj., ich würde
übersetzen: „Wenn er seiner Dame Angenehmes erweisen will.uC
Daß ein Adv. aaisement besteht, bedingt noch nicht ein
Adjektivum.
aaisement „Weg": empirans les chemins et les a. conimuns.
Es müßte schon eine besondere Art von „Weg" gemeint
sein, die sich von chemin unterscheidet. Allein es handelt
sich, wie der mit der Urkundensprache besser vertraute
Carpentier ganz richtig gesehen hat, um die Übersetzung
von mlat. aisantia „facultas, quam quis habet utendi in
alieno praedio", daher aisentiae commuues „Güter zu gemein-
samer Nutznießung". „Allmend". Ein weiteres afrz. Beispiel des
Wortes in diesem Sinne unter aisimentum DC.
abeille. Der Artikel ist unverständlich. Das einzige nach
>DC. gegebene Beispiel ist den consuet. Turonens. entnommen,
Referate und Rezensionen. W. Meyer-Lübke.
und zwar findet sieh da espave d'avettes, (jui sont mouches ä
miel und espaiu d'abeilles. Schon der Umstand, daß mouches
a miel als Erklärung gegeben wird, zeigt, daß der Text nicht
mehr der altfranzösischen Zeit angehört, ja man wird gerade
hier erst untersuchen müssen, ob nicht ein ganz junger Zusatz
vorliegt. Ganz unverständlich ist auch hier die Auswahl
der Zitate „Gröber Substrate gibt als lat. apicula, als vulgär
apicula: Forcellini Lex. nur dieses. Äbeille wäre, aus dem
Prov. entlehnt nach Brunot Precis S. 62 [cf. Jud. Arch. f. n.
Spr. 0XXY1I 421 und vorher]". Gröbers apicula stammt
offenbar aus Georges, ist aber, wie noch manche andere
Quantitätsangabe des nach anderer Seite hin so verdienstlichen
Lexikographen falsch, und sollte nicht weiter geführt werden 1).
Ist für den heute wohl allgemein anerkannten südfranzösischen
Ursprung der nfrz. Form ein Zitat zu geben, so wäre Gröber 1884*
nicht der in solchen Dingen doch durchaus unselbständige
Brunot von 1887 anzuführen. Auch das Zitat von Jud bringt
nur insofern mehr als die Handbücher, als es fragend Poitou
als Vermittler angibt, womit solange wenig geholfen ist, als
nicht die Gründe für die Entlehnung angegeben werden.
Das eigentliche nordfranzösische Wort ist bekanntlich mouche
d miel, das auch Lafontaine verwendet. Aber der Malherbe-
schen Schule mußte ein solcher Ausdruck ein Greuel sein,
den Westfranzosen und den Südländern war abeille teils aus
der Sprache der Nachbarn, teils aus ihrer eigenen bekannt
und da diese Form dem lat. näher, weniger vulgär erschien
als avette, wurde sie für die gute Sprache vorgezogen.
Ableret. Der einzige Beleg zeigt das Wort im obl. plur.
Da es sich um eine Bildung mit dem Suff, -erez handelt, ist.
bis Gegenbeispiele da sind, afrz. ablerez zu schreiben.
Ächant, achanteler, achanter. Die Bedeutung dieser Wörter
ist nicht so durchsichtig, daß man sie nicht gern angegeben
sähe. Unter achanter sind zwei Homonyme zusammengeworfen,:
achanter toneaus heißt „Fässer mit Keifen versehen", gehört
also zu chant ,. Reifen", das andere bedeutet „auf die Seite
drücken-, also zu chant „Rand", daher von Schiffen „kentern",
dann auch „zu Boden drücken", soi a „sich herandrängen".
Acie. In dem Gloss. von Walt. bibl. steht assez und arscye.
Tobler verweist auf neumund. acee nach Thomas und will
danach die zweite alte Form bessern. Aber die heutigen
Mundarten gewährleisten auch eine r Form. s. REW. 66. (Steht
in T.'s Handschrift wirklich accegia't)
Aclasser. Ohne Übersetzung, nach den Belegen ein aus-
schließlich westfranz08iBch.es Wort, vgl. dazu b-manc. ahyasS
„aclasser, affaisser, ecraser" bei Dottin. Afrz. soi aclasser
wird am besten mit „zusammenkauern wiedergegeben, dann
Leider habe auch ich mich durch Georges täuschen lassen REW.
Tobler, Altfranzösisches Wörterbuch. 26rt
Subj. vom verfolgten Hirsch „zusammenbrechen", vom Feuer
,au8gehen". Wäre das Wort nicht so eng begrenzt, so
würde ein lat. ,,acclassare-' zusammenschaaren passen.
Adaignier. Ohne Übersetzung. Von zwei Beispielen ab-
gesehen, ist das Verbum stets verneint, die Bedeutung ist „er-
hören" i von Liebesanträgen), das nen adaignier ist inhaltlich
gleichwertig mit desdaignier. Dann heißt es wohl auch
..sich um jemanden kümmern, auf jemanden Rücksicht nehmen".
Dazu lütt, adehi ..bonneter, faire des sollicitations soumises et
r&terees". Daß eine Gegenbildung zu desdaignier vorliegt,
wird nicht bezweifelt werden können.
ae. Als einzigstes Beispiel für weiblichesGeschlecht wird
BAub. ee : pruvee angeführt. Aber die Metrik des Textes ist der-
artig vernachlässigt, daß aus einem Reime nichts zu schließen
ist. Mehr und sicherere Belege gibt Armbruster. Geschlechts-
wandel 138, auf den wTohl eher hinzuweisen war als auf
Rothenberg.
Ael {ovalem, verschieden von aiuel). Der lat. Typus ist
mehr als bedenklich, auch gar nicht nötig. Da dem tieus
ein tel entspricht, so lag ein ael zu aieus doch nahe genug.
Aigrin. Ein Beleg: acredo : escrim, aigrun. Ich glaube
nicht, daß wir ein Anrecht haben, escrim gerade in aigrin zu
verbessern. Der Schreiber hat offenbar etwas Verkehrtes
geschrieben : wieso er zu seinem esc statt aig kam. läßt sich
ohne Einblick in die Handschrift nicht sagen, im für un ist
leichter verständlich. Daß der verschriebenen Form die
richtige unmittelbar nachfolgt, zeigt doch wohl, daß der
Schreiber selber das erste Wort als einen Fehler betrachtete
und nun einfach das richtige folgen ließ, ohne das erste
dann zu streichen, was sich ja auch sonst in mittelalterlichen
Handschriften rindet.
Neben diesen Schlacken findet sich nun aber soviel
reines Gold, daß man sich doch aufrichtig freuen kann, das
Werk zu besitzen. Wäre es aber nicht möglich, noch
wenigstens einen Teil dieser Schlacken zu entfernen? Ich
meine, man würde Toblers Gedächtnis kein Unrecht antun,
wenn man alle etymologischen Hinweise und alle Verweisungen
grammatikalischer Art rundweg streichen würde, es sei denn,
Tobler bringe etwas ihm Eigenes, für uns Neues. Und noch
einen Wunsch möchte ich äußern. Nicht immer sind die
neuesten Ausgaben alter Texte zitiert, nicht immer in Neu-
ausgaben die Vers- oder Seitenzahlen der früheren angegeben.
Da ist es mitunter recht schwer, eine Stelle im Zusammen-
hang zu finden. So zitiert T. den Roman von Mahomet nach
der 1831 in 200 Exemplaren gedruckten Ausgabe von
F. Michel, die wohl nur in ganz wenigen deutschen Bibliotheken
zu finden ist, wogegen eine neue von B. Ziotecki (Oppeln
1887") jedem leicht erreichbar sein kann. Roethe und Schröder
und Rezt nsionen. M . M( y r-Li
haben bei dem Neudruck der letzten Bände von Grimms
deutscher < irammatik „einheitliche Zitate auf Grund der letzten
Ausgaben, die Grimm Belbst noch benutzt hat'1 durchgeführt
mit Rücksicht auf „die dringenden Anprüche wissenschaftlicher
Brauchbarkeit". Ich möchte meinen, daß wir bei dem vor-
lieg» üden Werke ans denselben Gründen einen Schritt weiter
gehen und die neueren Ausgaben berücksichtigen können.
Gerade wir Alteren, die wir Tobler persönlich gekannt,
denen seine Freude an möglichster Reinheit auch der äußeren
Form so bewußt ist. möchten gerne das Letzte und Größte
und Dauerndste, was seine Hand geschaffen hat, möglichst
rein sehen, und wenn der Herausgeber seine unendliche
.Mühe oach diesei- Seite hin noch ein klein wenig ausdehnt,
da er ja doch und mit Recht nicht einen diplomatischen Ab-
druck gibt, wird ihm das viel mehr als richtig verstandene
Pietät denn als Mangel an Achtung ausgelegt werden.
\Y. Meyer-IjCbke.
Serbaiir \. Leopardi et la France, Essai de litterature
comparee. Paris, H. Champion L913. Will. 551 S. 8°.
Serbais, N. Leopardi sentimental. Essai de psychologie
Leopardienne suivie du Jouiwal d'Amour, in>:<l/t ^n
Francais. 247 S. 8°. Paris, E. Champion 1913.
1. Dieses großangelegte Buch, die Frucht mehrjähriger
emsiger Studien, fesselt dun]] den Reiz und den Reichtum
des Inhaltes und nicht minder durch die Klarheit und Über-
sichtlichkeit der Darstellung. Vielleicht hätte der gewaltige
Stoff unbeschadet der Vollständigkeit und Gründlichkeit mehr
zusammengedrängt werden können Das Verfahren des Ver-
fassers isr zuweilen etwas umständlich. So ist /. B. eine
Äußerung von Bouche-Leelercq über Leopardis Freund Sinner
zweimal abgedruckt (S. 270 u. 291), während ein Abdruck und
eine Verweisung genügt hätten. Unter dem Titel Editions
werden die Werke Leopardis angeführt, die in Frankreich im
I rie\t veröffentlicht wurden, sowie Übersetzungen einzelner
Werke, die noch nicht italienisch erschienen waren. In einem
besonderen Kapitel werden dann sämtliche französische Über-
setzungen der Werke Leopardis in chronologischer Folge, in
einem weiteren Kapitel ebenfalls chronologisch die biographi-
schen und kritischen Aufsätze aufgeführt, die in französischer
Sprache über ihn erschienen sind. Es kommt nun öfters vor,
daß Arbeiten eines und desselben Schriftstellers je nach ihrem
Inhalt an verschiedenen Stellen angeführt und besprochen
werden (so Ronna Kap. 2 u. 4. Serra ebenda, Turiello Kap. 3
u. 4 ii. s. f.). Dies trägt dazu bei, das treffliche Buch weit-
schichtig zu machen. Einfacher wäre es gewesen, die Arbeiten
Serban, Leopard/ ■ t la Franc H\(.)
jedes Schriftstellers als Ganzes an einer Stelle zu besprechen«
Da indessen der Verfasser Wert darauf legt, die Veröffent-
lichungen nach Gegenständen und Gattungen zu sondern,
möchte ich darüber mit ihm nicht rechten.
Der sehr ausführliche Abschnitt über den Schweizer
Philologen Sinner (wozu noch Briefe über Sinner kommen)
hätte wohl gekürzt werden können.
Der Verfasser schildert im ersten Hauptteil des Buches
den Einfluß, den die französische Literatur auf den Bildungs-
gang und die Gedankenwelt des Dichters geübt hat. Der
zweite Hauptteil, Leopardi en France, behandelt seine Ein-
wirkung auf die französische Literatur. In beiden Teilen ist
es dem Verfasser gelungen, Zusammenhänge in großer Zahl
nachzuweisen und zu zeigen, daß Leopardi für die französische
Literatur als Gebender und Nehmender von nicht gewöhnlicher
Bedeutung ist.
L. ist nach Dante. Boccaccio und Petrarca derjenige
italienische Dichter, mit dem sich die französische Literatur
und Wissenschaft am meisten beschäftigt haben. Gleichwohl
waren für das vorliegende Buch nur wenig Vorarbeiten gegeben.
Es kommt hauptsächlich nur das Buch von Sofia Ravasi,
Leopardi et Mmf de Stael, in Betracht l). Serban lobt diese
Schrift als etude tres serieuse und sagt: Uauteur a fait presque
tous les rapprochements qu'on peut etablir entre les ecrits de
Leopardi etceuxde Mme de Stael. An einer anderen Stelle schwächt
er dieses Lob ab: il y a beaueoup de rapprochements >/t(i lui ont
echappe. Meines Erachtens verdiente das Luch von S. Ravasi
eine rückhaltslosere Anerkennung - ).
Der Bildungsgang des jungen Leopardi wird eingehend
besprochen. Der Vater und Erzieher Giacomo's erscheint als
eine merkwürdige Persönlichkeit, er hat den Ehrgeiz, als
Gelehrter und Dichter zu glänzen, er sammelt eine Bibliothek
von 20000 Länden, ist politisch reaktionär, religiös streng-
gläubig, dabei furchtsam und ängstlich — eccedeva nella timiditä,
wie er selbst von sich sagt. Manche seiner Eigenschaften
sind auf den Sohn übergegangen: andere schaffen Gegensätze
zwischen Vater und Sohn.
Serban hat die Leopardische Hausbibliothek, die sich
noch heute im Herrenhaus zu Recanati befindet, genau durch-
gesehen. Er fand, daß die meisten Größen der französischen
lj Vgl. diese Ztachr. Bd. 41, S. 198 ff.
2) Zu den von Ravasi verzeichneten Übereinstimmungen zwischen
Oorinne XVIII 5 und Leopardis Appressamento della morte canto V möchte
ich beifügen: J'etais nee avec qnelques talents (Corinne) und Misero ingeguo
non mi die natura (Leopardi).
-Ztichr. f. frz. Littr. XLIV » ■». 18
Referate und Rezensionen. Haape.
Literatur, insbesondere die hervorragenden Schriftsteller vom
16. Jahrhundert an darin vertreten sind3).
Die Lehrbücher Leopardis waren meist französisch oder
aus dem Französischen übersetzt. Die Frühreife des hoch-
begabten Knaben war geradezu erstaunlich; im Alier von
14 — lf> Jahren schreib! er schon gelehrte Abhandlungen über
die verschiedensten wissenschaftlichen Gegenstände, Natur-
hichte, Astronomie* Physik etc. Wie Serban nachweist,
beruhten seine Arbeiten meist auf französischen Quellen; am
selbständigsten war er auf dem (Jebiet der Philologie, auf die
ihn auch seine Begabung besonders hinwies.
Den Stoff zu einem Jugenddrama, Pompeo in Egitto, ent-
nahm er /.um Teil Rollins römischer Geschichte, und eine
Sammlung von 39 Epigrammen, die er als Jüngling herausgab,
beruht teilweise auf französischen Vorbildern. Ein Gedicht
In morte di Federico Secondo, Re di Prussia, aus dem Französi-
schen übersetzt, ist den Epigrammen beigefügt. In der
Einleitung der Sammlung, einer Abhandlung über das Kid-
gramm, wird eine Äußerung de.s Abbe Girard über die Vorzüge
der französischen Sprache angeführt: „La langue frangaise est
peut-etre celle qui a le plus de disposition ä la perfection, son
caractire consistant dans la clarU, la pureU, la finesse et la
force." Dieses hohe Lob kann der junge Leopardi als „oero
Ttaliano acceso di zelo per Vonore del Unguaygio della sua
patria" nicht ertragen. Er führt einen Ausspruch Voltaires
über die französische Sprache an: „Cette langue embarassei
d'articles, de"pourvue d'inversions, pauvre en termes poetiques,
sterile en tours hardis, asservie ä ISternelle monotonie et man-
quant pourtant de rimes dans les sujets nobles." Er rühmt
dagegen die Anmut und Ausdrucksfähigkeit der italienischen
Sprache und spottet gelegentlich über die Wendungen, die
„tours" der Franzosen che esprimono la rosa, ma freddissima-
mente <■ slavatissimamente e annaquatamente, verwässert und
verwaschen. Als abschreckendes Beispiel führt er die Verse
\ on Voltaire an :
Je chante le heros qui regna sur Ja France
AV par droit de conquHe et par droit de naissance.
*) In einem von ihm aufgestellten Verzeichnis der französischen
Bücher, die sich vor 1827, dem Jahr der endgültigen Trennung Leopardis
von seiner Vaterstadt in der Bibliothek befanden, gewahren wir auch
einige Werke deutscher Herkunft, so Goethe, Volfango, Yerter Lettere
tradotte dal Tedesco, Venezia 1796 (das Buch hat strenggenommen im
Verzeichnis französischer Werke nichts zu tun), Haeffelin (Mitglied der
, Kurpfälzischen deutschen Gesellschaft oder Akademie" in Mannheim)
Discours de l'inftuence des voyages sur le progres des arts, Mannheim 1775,
J. Hübner (dessen „Kurze Fragen aus der alten und neuen Geographie''
in 36 Auflagen erschienen und in die meisten europäischen Sprachen über-
setzt wurden) Abrege de la vieille et nourelle geographie traduit de l'allemaruL
Amsterdam 1735, und einige andere.
Serban, Leopardi et la France. 271
„Wie trocken ist diese Poesie! Wie trocken erst die Prosa,
die man in Prankreich schreibt!" in dieser Gereiztheit gegen
die französische Sprache und Poesie spricht sich offenbar der
Franzosenhaß aus. in dem er erzogen war. Er verzieh es den
Pranzoßen nicht, daß sie die erste Nation der Welt sein
wollten. Den stärksten Ausdruck fand diese Gesinnung in
der Schrift „An die Italiener, bei der Befreiung des Picenumu.
..Jeder Pranzose ist hassenswert," sagt er da, „denn kein
Franzose erkennt die Verbrechen seines Volkes an. Bei dem
lebhaften Nationalgefühl, das er als bero Italiano bekundet,
ist es zu verwundern, daß er sich über die [taliener so
ungünstig ausläßt, wie dies namentlich in dem Discorso sullo
stato presente dei costumi degli Ttaliani geschieht (im .1.1824).
Der alte Glaube, so führt er hier aus. ist allmählich unter-
gegangen; er war die Grundlage der sittlichen Anschauungen
de- Volkes gewesen: nun hält nur noch die Furcht vor der
Strafe die Metige in Zucht. In anderen Ländern besteht eine
bürgerliche Gesellschaft; in ihrem Schoß hat sieh das Ehr-
gefühl als sittliche Macht entwickelt. In Italien gibt es keine
bürgerliche Gesellschaft; an Stelle des Ehrgefühls herrscht
ziemlich allgemein ein trostloser Cynismus. Diese Gedanken
stimmen so ziemlich mit dem Bilde überein, das Frau v.
Stael in Corinne und an anderen Orten von Italien entwirft,
doch sind sie wesentlich dunkler gefärbt. Andererseits haben
gerade die französischen Schriftsteller, die auf Leopardi Einfluß
ausübten, Frau v. Stael, A. L. Thomas und andere die wirk-
lichen oder vermeintlichen Fehler, deren man ihre Nation
beschuldigte, die I Iberflächlichkeit, Selbstüberhebung, den
Mangel an wahrer Anmut und Natürlichkeit keineswegs
geschont. Der Comte d'Erfeuil in Corinne ist ein Typus
des etwas prahlerischen, stark mit seiner eigenen Person
beschäftigten, im Grunde aber gutmütigen Franzosen. Serban
-i l: t : // n'est pas aussi chargS que Riccaut de l<t MarlinUre,
/n:r<>.< de triste memoire de Minna ran Barnhelm.
Allmählich milderte sich die Abneigung Leopardis gegen
die ,,Soeur Iatine", wie Serban sagt, infolge seiner eifrigen
Beschäftigung mit der französischen Sprache und er wurde mit
ihr so vertraut, dal.) er zuweilen in seinem Tagebuch französische
ausdrücke gebraucht, wenn sie ihm bequemer oder bezeichnen-
der dünken als die italienischen, z. 1>. saisir, bons mots,
bienseance, raillerie, persiflage, nuance, Wörter, die ja zum
Teil auch bei uns Eingang gefunden haben.
Über Leopardis französische Lektüre gibt Serban eine
Übersicht auf Grund des Zibaldone, des Tagebuchs, das der
Dichter seit J 8 1 7 führte. Außer den schon genannten Schrift-
stellern finden wir Noel et Delaplace (legons de littirature et
de )>(<>>■<//>,, Barthelemy, Rousseau, Montesquieu. Lamennais,
D'Alembert und andere. Daß Frau v. Stael den größten
18*
Referah und Rezensioneil. Haape.
EinHuß auf ihn ausübte, hai er selbst mir den Worten
anerkannt: Non credetti di esser filosofo st nun dopo lette alcune
typen di Mme de Stael. Wenn der Verfasser sagt (8. 150),
„Philosoph" sei im Sinne Leopardis als sentimentaler roman-
tischer Dichter zu verstehen, so scheint mir dies nicht ganz
dem Gedanken Leopardis zu entsprechen. Man würde „Philo-
soph" wohl am besten mit „Denker" wiedergeben.
Sehr lebhaft zogen ihn auch die Schriften von Montes-
quieu an. besonders les considerations sur les causes dt la
qrandeur et la decadence des Romains und der Essai sur le yoüt.
Ob Montesquieus ästhetische Ansichten in der Tat einen
so großen Einfluß auf Leopardi ausübten, wie der Yt. annimmt.
scheint mir fraglich. Serban sagt. Montesquieu habe Leopardi
die Bedeutung des Unredlichen in der Kunst enthüllt. Der
Essai sur le goüt spricht sich über das Infini aus wie folgt:
Comme nous aimons ä voir un grand nombrt d'objets, nous
voudnons etendre notre vue} Stre en plusieurs lieux, parcourir
plus d'espace; enfin notre äme fuit les bornes et eilt voudrait,
pour ainsi dire, etendre la sphire de sa presence: ainsi c'est
un grand plaisir pour eile de porter sa vut au loin. Und an
einer anderen Stelle: On sera toujours sur de plaire ä l'dme.
lorsqu'on lui fera voir beaueoup de choses. Nun spielt das
Infinite, die Unendlichkeit, ja bei Leopardi eine große Rolle
— toutes les poesies de L. attestent le souci qu'il prenait
d'eveiller en nous la Sensation de l"mfi)ii — aber gerade die
angeführten Stellen Montesquieus zeigen uns. daß zwischen
ihm und Leopardi ein feiner Unterschied in der Auffassung
des Infini besteht. Leopardi. dem Dichter, ist es nicht darum
zu tun. viele äußere Dinge zu sehen, seinen Gesichtskreis so
weit als möglich auszudehnen; er will die Unendlichkeit nicht
schauen, sondern ahnen, träumen:
Lieb war mir immer dieser kahle Hügel
Und diese Hecke, die dem Blick so viel
Vom fernen Horizont zu schau'n verwehrt.
lud wenn ich sitz" und um mich blicke, träum ich.
Endlose Weiten, übermenschlich Schweigen
lTnd allertiefste Ruhe herrsche dort.
Jenseits der niedern Schranke. (Übers, v. P. Hey se).
So schildert L. seine Empfindungen in dem bekannten
für ihn so bezeichnenden Gedicht L'infinito. Jenseits des
Eages, der ihm die Aussicht versperrt, träumt er sich eine
unendliche Welt. Er fühlt als Romantiker und ist darum
grundverschieden von Montesquieu, der keine Spur von Roman-
tik in sich hat. Montesquieus Größe liegt überhaupt, wie mir
Bcheint, nicht auf dem Gebiet der Aesthetik; manche seiner
Ansichten erscheinen oberflächlieh, so ■/.. B., wenn er bei seiner
Untersuchung über das Anmutige, le gracieux, sagt, die Wirkung
Serban, Leopardi et la France. 273
des Anmutigen beruhe hauptsächlich auf Überraschung; wir
seien angenehm überrascht, dal.') eine Person, ohne schön zu
sein, uns gleichwohl gefalle. Dabei läßt er aber die Frage
anbeantwortet, weshalb uns diese Person gefällt. Serban's
Behauptung erscheint zutreffend, wonach L. in die Anschau-
ungen ih'^ französischen Gelehrten seine eigenen Gedanken
hineingetragen hat.
.1. J. Rousseau übte auf den regen Geist des jungen
Leopardi naturgemäß einen starken Eindruck aus, und gerade
seine Paradoxa ziehen ihn an. wie Tont komme (jiii pense est
im etre deprave. Serban widmet dem Verhältnis zu Rousseau
eine eingehende 1 ntersuchung.
Leopardis pessimistische Weltanschauung vertiefte sich
immer mehr und fand ihren schärfsten Ausdruck in den operette
morali (i. J. 1824 — 1825). in denen er das Grundthema vom
unentrinnbaren menschlichen Unglück auf die mannigfaltigste
Weise abwandelt. Nach Serban hat Leopardi auf seinem
Wege zur Trostlosigkeit der Lebensanschauung einen Führer
gehabt, den wir nicht erwarteten: Friedrich den Großen
von Preußen. Wir sind überrascht, den großen König als
Lehrmeister des großen italienischen Dichters zu finden, be-
gegnen wir ihm ja doch selten als philosophischem Dichter
sowohl in der französischen wie in der deutschen Literatur;
den Franzosen ist er zu deutsch, den Deutschen zu französisch.
Es wäre zunächst /.u prüfen, ob Serban ein Recht hat, Fried-
richs literarische Einwirkung auf Leopardi zum französischen
Einfluß zu rechnen. Die Frage ist, wie ich glaube, zu bejahen.
Sainte-Beuve spricht sich darüber in den Causeries du Lundi III
8. 115 in einer anziehenden Abhandlung aus. in der er den
König als Schriftsteller und namentlich als Historiker sehr
hoch stellt und ihn begrüßt als „/'/tu des meitteUrs historiens
'/in- nous possedions" . .../'' dis nous, fährt er fort, car dest ni
frangais, que Frederic a ecrit, e'est en frangais qu'il a pense,
(fest aux Frangais < mcore qu'il songeait souvent et qu'il s'adressait
pour etrt lu". Über die Dichtungen Friedrichs des Großen ist
Sainte-Beuve's Urteil allerdings weniger günstig, er sagt, sie
seien nicht schlechter als viele andere aus jener Zeit, die man
damals für reizend gehalten habe; sein Tadel bezieht sich im
Wesentlichen auf die Form: Son gosier restera toujours rauque
ei dur et il ne se corrigera jamais. II dira par exemple saus
difficulte:
Les myrtes, les lauriers, soignes dans res cantons,
Attendent que cueillis par les mains d'Emilie etc.
Diderot, der Friedrichs Poesie wohlwollend beurteilt und
ihren Inhalt lobt, bemerkt dazu : ( ''est dommage que l'embouchure
de cette belle flute soit gdtSe par quelques grains de sohle de
Brandebourg. Friedrich selbst hat von sich gesagt: J'aile
■y, i Referatt und Rezensionen. Uaape.
malheur d'aitner les oers et d'en faire souvent <l< //>'>• mauvais.
Das hindert natürlich nicht, Friedrich zu «Ich französischen
Dichtem zu rechnen. Wenn aber Serban ihn als Anhänger
der Encyclopädie ansieht, so winde Friedrich selbst gegen
diese Auffassung entschiedene Einsprache erheben; «leim er
i>t mir den Ansichten der als hervorragende Encyclopädisten
geltenden Schriftsteller, Helvetius, Holbach, Diderot etc. keines-
wegs einverstanden, sondern hat sie in seinen Schriften leb-
haft bekämpft*).
Leopardi Lernte Friedrich II. kennen durch die Oeuvres
completes de Frederic II. die 1790 in Amsterdam in 17 Bänden
erschienen waren und sich in der Bibliothek zu Etecanati
befanden. Serban weisi aus dem Zibaldone nach, dal.) Leopardi
vom 8. Dezember bis /.um 19. Dezember 1823 beinahe ununter-
brochen in diesen Büchern gelesen hat.
Die Ähnlichkeit der Stimmung und der Gedanken beider
Dichter ist allerdings zum Teil auffallend. Der pessimistische
Grundton tritt besonders in den Gedichten hervor, die der
König in der Zeit seiner größten Bedrängnis während des
7jährigen Krieges geschrieben hat. Friedrich sagt im
Stoicien (1761):
La fern ä mes regards est nn maus de hone, Leopardi
(in: a se sresso):
Amaro <■ noia
La ritn. altro mai nulla; <■ fango e il rnondo.
Wie die Klage über die infinita vanita del tütto aus
Leopardi's Dichtungen vielfach wiederhallt, so klagt der König
über die Eitelkeit und Nichtigkeit des Lebens (lei bas tont
ist vanite, tout >t'>sf que vanite). Die von Serban angeführten
Stellen könnten leichtlich vermehrt werden.
Je sais que je suis komme et m' pour la soujfrance,
heißt es in der Epitre ä ma soeur de Baireuth.
Der Gedanke, den Friedrich in der Epitre ä M' Mitchell
(1761) ausspricht:
Ah! quel mortel voudrait dans In nature entiSre
Renaitre et parcourir de nouveau sa carridre!
finde! sich wieder in dem Gespräch zwischen einem Kalender-
verkäufer und einem Spaziergänger in Leopardis Operette
morali (1823—24).
Ein gemeinsamer Zug. der bei beiden Dichtern hervor-
triit (bei Serban nicht ausdrücklich hervorgehoben), ist die
' Vgl. FA. Zeller. Friedrich iler Große als Philosoph. >. 31. Anm. 98ff.
Serbau, Leopardi et la Fram 275
Menschenverachtung. In der Epitre chagrine nennt Friedrich
die Menschen
Race infame autant qu'ignorante.
L etre supreme est bon <■( l' komme est miserable.
Leopardi sagi in den Pensieri / I. die Welt sei ein Bund
der Schurken gegen die ehrlichen Leute; die Schurken seien
zahlreicher und mächtiger als die Rechtschaffenen.
Auch den Gedanken, daß die Natur durchaus teilnahmlos
gegen die Menschen und ihrerseits dem Verhängnis und dem
Zufall unterworfen sei. hat Leopardi von Friedrich 11. über-
nommen und in den Worten ausgesprochen:
da In colpa ii quella
cke veramente e rea, ehr de'mortali
E madre in parto ed in voler matrigna,
— die Natur ist unsere Mutter durch die Geburt, aber durch
ihr Wollen eine Stiefmutter. —
Ungeachtet dieser vielfachen Berührungspunkte wäre es
wohl nicht richtig, Friedrich II. zu den Pessimisten aus Grund-
satz, wie Leopardi, zu zählen. Einige Worte über Friedrich
als Dichter mögen daher gestattet sein. Wohl war es ihm
heiliger Ernst mit dem Dienste der Musen; aber er hatte
„nebenbei" sehr viel Anderes zu tun, sich mit einer Welt
von Feinden herumzuschlagen, ein Königreich zu regieren, das
deutsche Reich der Zukunft aufzurichten. Große Tatenmenschen
dieser Art können keine Pessimisten sein. Die Dichtung
war ihm Erholung in schweren Stunden, wo Verstimmungen
und Verbitterungen an ihn herantraten, aus ihr schöpfte er
Mut und Selbstvertrauen. In seiner Jugend hatte er für
Epikur geschwärmt; später findet er in der stoischen Moral
seinen Halt im Unglück. In seinem großen Gedicht Le Stoicien
faßt er die Grundsätze zusammen, die er in Marc Aureis
Selbstbetrachtungen gefunden: ihren Kern spricht er aus in
dem Satze:
Placez ihm* In vertu le bonheur de votre äme.
Seiner Schwester Amelie ruft er zu:
En souffrant les revers sans en Stre abattu,
II faul s'envelopper, ma soeur, dans sa vertu.
Dem Tod sieht der tapfere Mann mutig in\s Auge:
b'iin regard intrepide envisagez I" mort;
C'est notre seul asile i'l notre demier port.
Es ist das alte Horazische
Si fractus illabatur orbis,
Tmpavidum ferient ruinqe.
276 Referate und Rezensionen. Haape.
Stimmung seiner Poesie ist nicht völlig trostlos. In „La
Fermete" wird die Nacht des Unglücks, das der Zorn der
Götter über die Welt verhängt hat, erhellt durch das tröstende
Licht der Hoffnung :
Muts par un feste de clenietice
Les dieux placei'eiit I espe'rauce
Ak fond de ce present fatal.
• u das allgemeine Leid findet er nur eine Abwehr im
brüderlichen Zusammenhalten der Menschen:
Nos desastres eyaux, uns coinnvunes miseres,
Helas, prouvent assez nm nous sonimes des Freres
Et </ur [><tr nos secours adoucissant nos tnaux
II faut nous entr*aider ä /><>>-frr hos fardeaux.
Zu dieser Erkenntnis hat sich auch Leopardi durchgerungen
in seinem letzten großen Gredicht La ginestra. Die Menschheit
verbündet sich gegen die feindliche Natur:
Tutti fra se confederati estima
gli uomini <■ ttitti abbraccia
( 'an vero amor.
Im zweiten Teil des vorliegenden Werkes, Leopardi en
France, behandelt der Verfasser die Einwirkung Leopardis auf
die französische Literatur, die in Ausgaben seiner Werke, in
Frankreich veranstaltet, sowie in Übersetzungen ins Franzö-
sische und in biographischen und kritischen Aufsätzen franzö-
sischer Schriftsteller zu Tage tritt. Wenn Serban im Eingang
sagr. L. habe aus dem Ausland, d. h. Frankreich, la matiere
de sen Inspiration, l'orientation de sa pensee erhalten, so geht
diese Behauptung, soweit sie den Dichter L. betrifft, doch
wohl etwas zu weit.
Auf die Schilderung des Lebens und der Persönlichkeit
des Schweizer Philologen L. v. Sinner. der mit L. nahe be-
freundet war. glaube ich hier nur kurz eingehen zn sollen.
Er hatte sich auf dein Gebiet der griechischen Sprachwissen-
schaft einen Namen gemacht und bemühte sich nicht ohne
Erfolg. L. in die gelehrte Welt insbesondere Deutschlands ein-
zuführen.
Unter den Editions hat die in Oxford erschienene Aus-
e des l'lotinus von Fr. Creuzer, in welche mehrere An-
merkungen von Leopardi aufgenommen wurden, streng ge-
nommen ebenso wenig zu tun wie Welckers Rheinisches Museum
in Bonn, in dem einige Aufsätze von L. veröffentlicht wurden.
Im Jahre 1841 gab der Verlag von Baudry in Paris die
Gedichte Leopardis (i canti di L. 1 in italienischer Sprache
unter der Leitung von A. Ronna heraus. Die Vorliebe für
Serban, Leopardi et la France. 217
[tstlien entsprach einem Zuge der Zeit und hing mit der roman-
tischen Bewegung in der französischen Literatur zusammen.
Leopardi selbs< dachte damals daran, mir Hilfe Sinners eine
Ausgabe seiner Werke in Paris zu veranstalten, aber erst nach
Beinern Tode erschienen die Canri und 1842 ebenfalls bei
Raudry auch die Paralipomeni della Batracomiomaehia di
vi. Leopardi. Bahnbrechend für die Werke des italienischen
Dichters war der von L. Sinner angeregte Aufsatz über Leo-
pardi von Sainte-Beuve in der Kevue des II Mondes vom
15. Septbr. 1844. Der berühmte Kritiker ist tief in den (ieist
Leopardis eingedrungen und hat dies auch durch einige Über-
setzungen seiner hervorragendsten Dichtungen bewiesen. Frei-
lich behauptet F. A. Aulard, der Leopardis Gedichte und
Operette morali zuerst vollständig übersetzt hat. Sainte-Beuve
-ei als Übersetzer Leopardis nicht immer glücklich gewesen:
Partotit oii Leop. est simple et vrai, il echoue. iyailleurs mettrt
tu alexandrins les vers lyriqy.es Italiens, n'est-ce pas dejä ra,i/-
mettre un premier contre-sens? Der Yerf. stimmt dem zu und
bezeichnet es als außerordentlieh schwierig, die freien Leo-
pardischen Verse in französische Poesie zu übertragen: Leo-
pardi est d'une concision <jai doit faire le desespoir de tout
tradueteur. Andererseits wird gerade die Concision von Serban
(S. 324) als echt französische Eigenschaft in Anspruch ge-
nommen und S. 409 wird berichtet, daß Alfred de Musset sich
Leopardi wegen seiner französischen Eigenschaften, der con-
cision und sobriete. verwandt gefühlt habe. Es ist also nicht
klar ersichtlich, wie so gerade die Concision Leopardis den
französischen Übersetzern soviel Mühe gemacht haben soll.
Schon 18H7 hatte Yalery Yernier Leopardis Gedichte allein
übersetzt; letztmals wurden dieselben in Prosa von Eugene
Carre, in Versen von Laeaussade übertragen: diese Übersetzung
wird von Serhan sehr anerkannt.
In dem Abschnitt Aiii<-Ii-x biographiques et critiques be-
spricht Serban mehr als ."><i Aufsätze, in denen sich Dichter
und Kritiker. Oniversitätsprofessoren, Politiker. Geistliche und
Arzte über Leopardi geäußert haben. Serban zeigt, daß die
Teilnahme und Begeisterung der Leser zuerst dem patrio-
tischen Dichter galten. Leopardi erschien als Gesinnungs-
genosse Ugo Poscolos, Manzonis und anderer, die für die Ein-
heit und Freiheit Italiens kämpften: seine eigenartige Per-
sönlichkeit wurde wenig beachtet. Das große Publikum wurde
erst nach dem Erscheinen der Canti (1841) auf ihn aufmerk-
sam. Sein Leben und sein Leiden erregten Teilnahme, das
Geheimnis seines Unglücks wirkte nach Serban's Ausdruck
wie ein spannender Roman. Mit Sainte-Beuve sah man in
ihm den Menschen und den I) ich t e r . seine philosophische
Weltanschauung beschäftigte die Leser nur soweit sie sich
in seiner Dichtung kundgibt.
Referate und Rezensionen. Haape.
Erst später wurde Leopardi als Philosoph besonders be-
achtet. .1. A. Aulard sucht den Schwerpunkt seiner Beden
in Beinen philosophischen Gedanken, die in die Theorie
[nfelicita ausmünden. In seine Fußstapfen treten A. Dapples,
der Philosoph Caro, der Polyhistor Challcmel-Lacour, der in
der Stuttgarter Zeitschrift Hesperus v. ,1. \»'i2 Studien von
Notter und Henschel über Leopardi gefunden hatte und zu
einem, wie es scheint, ziemlich oberflächlichen Urteil "über ihn
gelangt war. Er vergleicht Leopardi mit J leine, aber die Ähn-
lichkeit bestand doch wohl nur darin, dal.') beide krank und
beide Dichter waren, und Heine wenn nicht ein Pessimist, so
doch ein Skeptiker war. Näher liegt es. an Schopenhauer zu
denken, erinnern doch manche Lehren dieses Philosophen, wie
die von dem Bedürfnis und der Langeweile, zwischen denen
der Mensch ewig hin- und herpendelt, unmittelbar an Leo-
pardi. Die Ähnlichkeit zwischen beiden Denkern ist manchem
aufgefallen. Caro hat beide in einem Artikel der Revue d^s
deux Mondes verglichen und später in einem Buch Le pessi-
misme au XIX siede Leopardi, Schopenhauer und il artmann
ausführlich behandelt. ML. Turiello hielt es für nötig, die voll-
kommene gegenseitige Unabhängigkeit von Leopardi und
Schopenhauer darzutun. Schopenhauer selbst hat Leopardi
genau gekannt und hoch geschätzt.
Die Mehrzahl der Beurteiler folgt Sainte-Beuve, der Leo-
pardi vor allem als Dichter anerkennt. Mit den Ausführungen
Serban's stimmt es nicht, daß er iS. 36U) zu Sainte-Beuve und
dem deutschen Leopardi-Übersotzer P. Heyse auch Caro, da-
gegen zu Aulard und Dapples auch Bouche-Leclercq stellt.
Unter den Schriftstellern, die über L. geschrieben haben, finden
wir E. Gebhart. E. Krantz. H. Hauvette u. a. Beachtenswert
erschien uns eine Bemerkung von Ch. de Mazade: Leopardi
est de cette race de lutteurs de />/ uie /><><<r <jni taut est serieux,
faiif est passion. Les hommes de cette race n> peuvent trouver
l> bonheur dans le repos.
Es wäre zu verwundern, wenn nicht auch bei diesem An-
laß Barbey d'Aurevillv als Spaßmacher sich einstellte. Er,
der sich bei unserem (ioethe langweilte. Endet den Italiener
Leopardi wenn möglich noch langweiliger. Ein kleiner Trost
für uns !
Im fünften Kapitel bespricht der Verf. die Frage, welchen
Einfluß Leopardis Dichtung auf die französische Literatur ge-
habt hat. Er bemerkt, dal.) dieser Einfluß nicht so bedeutend
sei, wie man nach der großen Zahl der Übersetzungen seiner
Werke erwarten könnte. Die Erklärung findet er in dem
Überwiegend positiven, praktisch und gesellig veranlagten
Charakter der Franzosen, bei denen Gestalten wie „Obermann,"
„Adolphe1' keine Lebensdauer hätten. Am bekanntesten ist
die literarische Beziehung A. de Musset's zu Leopardi ge-
Serban, Leopardi et I" France. 279
wurden, welche der \ erfasser in anziehender Weise bespricht.
A. de Müsse! war gewiß kein Pessimist aus Grundsatz; von
Grundsätzen kann Ihm ihm überhaupt weniger die Rede sein
als von Stimmungen. Leopardi'sche Stimmungen hat sein
leichtbewegliches Gemüt allerdings sehr wohl gekannt; sie
klingen ans den Versen :
Li seid bien <//ti m> reste <ni monde
Est d'avoir quelquefois pleure
und ans so vielen anderen. Im ganzen aber bewegte sich
sein Leben nach jenem abwechselnden Rhythmus, den er einst
Dach der Biographie seines Bruders Paul in folgenden drolligen
Versen wiedergegeben hatte:
Haas! Haas!
Que de ma ii. r sur terre!
Ah! ah! ah! ah!
Que de pletisirs tri bas!
Er fühlte sich dorn italienischen Lyriken' wesensver wandt und
zeigte sich deshalb auf Anregung der Prinzessin Belgiojosi
bereit, einen Aufsatz über Leopardi in die Revue des deux
mondes zu schreiben. Der Aufsatz wurde angefangen, aber
nicht vollendet. An seiner Stelle verfaßte Müsset das Gedicht
Apres une lecture. Bekanntlich hat dieses Gedicht bei Sainte-
Beuve und anderen Kritikern Anstoß erregt. Sainte-Beuve be-
merkt dazu: (tu peut se demander, apres quelle lecture ont ete
forits res pers. Serait-ce aprks une lecture de Leopardi? Le
debut de la piece ne Vindiquerait gukre, quoique In /in semble
le faire soupgonner. Kr fügt bei: Les meilleures poesies de
M. de Musset sont trop sujettes a ces sortis d'inconherences.
Kn verite il semble, ä voir cette theorie d'alcdve et de baignoire
que Musset n'ait />"■•< fait um- seule lecture, tnais deux lectures
i) In fois et qu'il (dt commence avec Crebillon fils in boutade ä
In Gavarni <jn'ii couronna pur Leopardi.
Mit Recht führt Serban dagegen ans. daß gerade der
Anfang des Gedichtes für die Meinung, die Musset von Leo-
pardi hat. sehr bezeichnend ist:
Ton livre est ferme et franc, brave komme, il fait aimer.
Mit diesen Worten gibt er den starken Eindruck wieder, den
A. de Mus>,er nach dem Zeugnis seines Bruders Paul von Leo-
pardi empfangen hat: Ses vers se distinguent pur des qualites
francaises, I" concision et la sobriete. Er denkt an den Dichter,
der schlicht und ernst auf einsamer Höhe steht mitten im
Lärm der Schwätzer, des bavards qui se fönt imprimer. Leo-
pardis Luch versenkt ihn in eine Träumerei : in bunter Folge,
ohne Kegel ziehen Gedanken über unpersönliche Dinge, die
Poesie, den Ruhm, die Schönheit au ihm vorüber, aber es
Ui fi ruf' und Rezensionen. Haape.
fehlt in den 1* Folgenden Strophen nicht an Beziehungen auf
Leopardi. Wir denken an ihn bei der Stelle: nous autres
rimeurs ä qui la grande ajfaire Est de noua wnsoler en ar-
rangeant des tnots; bei dem Vers: „Etre admirS n'est rien,
l'affaire est d'Hn aimi" denken wir daran, daß der Ruhm
für Leopard] keinen hohen Wert harre, daß er aber in der
Liebe das höchste menschliche Glück sah und es mir über-
schwenglichen Worten gepriesen hat.
Pregio iwn ha, non ha ragion la oita}
St /"/// per lui (l'ainore) per lui, ch'all'uomo <■ tutto.
Eine Stelle, die Serban dicht hervorgehoben bar. scheint ganz
besonders auf Leopardi hinzuweisen :
Devant I infini joindre des mains tremblantes
Li coeur piain de pitie pour des maux inconnus i str. X I \
Die Kritik, welche Sainte-Beuve bei dieser wie bei anderen
Stellen an Musset geübt hat, ist sonach wohl dadurch veran-
laßt, daß er dem Geistesflug des großen Lyrikers nicht folgte.
DieBerührungspunkte, welche zwischen dem pessimistischen
Dichter Alfred deVigny und Leopardi bestehen, sind dem
Verfasser nicht entgangen, nähere Beziehungen zwischen beiden
Dichtern konnten aber nicht nachgewiesen werden. über
sonstige Bewunderer nnd Nachahmer Leopardis in Frankreich.
als welche Le Fevre-Deumier, A. Lacaussade nnd andere dii
minorum gentium genannt werden, können wir hin weggehen.
Zu den bekanntesten Vertretern des Pessimismus in der neueren
französ. Literatur gehört Mme L. Ackermann (von der unter
anderem eine Übersetzung des Königs von Thule und eine
Elegie ...Mehr Licht! Mehr Licht!" nach Goethes ler/rm Worten
bekannt sind i. Serban hat sich eine Besprechung dieser lite-
rarischen Erscheinungen in einem besonderen "Werk vorbe-
halten. Es sei deshalb hier nur bemerkt, daß ich ihr Gedicht
L amour et la mort nicht für eine Nachahmung von Amore
e morte halte, da es von einem ganz anderen Gedanken
ausgeht.
Mit gutem Grund kann der Verfasser am Schlüsse seiner
Ausführungen darauf hinweisen, daß Leopardi in Frankreich
zu verdienten Ehren gelangt ist. In der großen Zahl der
Übersetzungen und der kritisch-biographischen Arbeiten, die
dem italienischen Dichtet' gewidmet wurden, sieht er (im Jahre
1913) einen Beweis des geistigen Bandes, das die deux nations
soeurs er amies verknüpft, und das sich auch auf anderen
Gebieten des Geisteslebens geltend macht. Der Verfasser, der
Rumäne ist. sich aber ganz als Franzose fühlt, ist unparteiisch
-enug. die delicatesse d'äme lobend anzuerkennen, mit der
Leopardi den Esprit gaulois, das Erbteil der französischen
Literatur, v<>n seiner Poesie ferngehalten hat.
Serban, Leopardi et In France. 281
Schließlich seien von den Druckfehlern und sonstigen Ver-
sehen wenigstens einige der sförondsten berichtigt.
S. 106 Z. 16 v.o.: La plupart des hommes grandissent,
litteralement dans les bras de l'erreur: der ital. Urtext hat
anstatt litteralement lietamente d.h. sie wachsen fröhlich
in den Annen des Irrtums heran.
s. l 74 Z. 6: Les plusbellesstatu.es des Grrecs n'ont presque
jamais indique le repos. Offenbar muß es heißen indique
i| ii e le repos.
S. 220 Z 9: St;itt La connaissance des limites des definitions
des choses muß es heißen: des limites et des definitions des
choses.
S. 223 Z. 6: Statt Les qualites en ne developpant pas muß
es heißen: en se developpant (sviluppandosi).
S. 251 Z. 8 : In Xe vous figurez-vous.point muß das zweite
vous gestrichen werden.
S. 429 Z. 3 v. u.: In dem angeführten Vers von Deumier
Prends-moi dans tes bras atin qüe je m'endorme fehlt eine Silbe.
An das große AVerk Leopardi et la France sehließt sieh
ein weiteres Buch von X. Serban: Lettres inedites relatives
') Griacomo Leopardi, XXIV, 259 S. Paris, Ed. Champion 1913.
Serban hat mit diesem Werk einen weiteren Beweis seines
großen Fleißes gegeben. Er hat die Schätze der National-
bibliothek in Florenz durchforscht und unter vielen Tausenden
von Briefen 215 ausgewählt, die sich auf Leopardis Leben
und Werke beziehen. Unter den Verfassern finden wir Giordani,
Colletta. v. Sinner. Aleusseux. Ranieri. Besonders interessant
ist der Briefwechsel von Sinner mit französischen und nament-
lich deutschen Gelehrten, darunter G. F. Creuzer in Heidel-
berg, berühmt durch seine ,,Symbolik und Mythologie der
alten Völker, besonders der Griechen". Karl Thilo in Halle
(Patristik), F. IL Bothe in Mannheim, geb. 1771. gest. 1855,
Privatgelehrter, Dichter. Philolog und Übersetzer, hat auch
Einiges von Leopardi übersetzt. Bemerkenswert ist eine
Äußerung Oreuzers über Leopardi in einem Brief an Sinner
(S. 13 1: Unter uns bemerke ich auch noch, so viel ich nach
Lesung einiger Kapitel urteilen kann, daß es mir scheinen
will, als gehe dem Verfasser der naive Sinn ab, wromit das
durch und durch praktische Altertum aufgefaßt sein will, und
die Gabe, die Mythen und die ganze griechische Religion in
ihrem Geiste zu verstehen. Aber bewundernswert ist und
bleibt die Erscheinung, daß ein 17 jähriger Jüngling eine
solche Gelehrsamkeit sich erwerben kann und sie mit solchem
Verstände bedenkt. — Die Briefe enthalten eine Fülle von
Einzelheiten, die wichtig sind für die Geschichte Leopardis
und seiner Zeit.
2. Im Avant- Propos sendet der Verfasser in seiner Eigen-
schaft aN Rumäne — Latin d'Orient — der italienischen
282 Referate und Rezensionen. Haape.
Literatur und dem italienischen Volke brüderlichen Gruß und
erklärt, wie gerade die edle Gestall Leopardis mit ihrem
rätselvollen Seelenleben ihn unwiderstehlich angezogen habe.
Er weist darauf hin. wie viele Geister in [talien und im Aus-
land sich schon bemüht haben, den Schleier zu lüften, mit
dem ein unglückliches Schicksal den Dichter umwob. Der
\ erfasser selbst hat, wie er versichert, mein' als achthundert
wissenschaftliche Arbeiten über Leopardi gelesen und gefunden,
daß das Studium seiner Werke durch die lückenhafte und
unznsammenhängende An der Veröffentlichung derselben noch
besonders erschwert wird.
Leopardi hat zu Lebzeiten nur die Conti und die Operette
morali veröffentlicht, tlber die weiteren Veröffentlichungen
seiner Werke gibl Serban einen dankenswerten, wenn auch
nicht vollständigen Überblick. Bemerkenswert ist es. «laß
Deutschland bei diesen Veröffentlichungen rühmlich vertreten
ist. Adolf Tobler hat im Jahrbuch für romanische und
enylischi Sprache und Literatur von V874 die ( 1 6) ungedruckten
Briefe, die Leopardi an Christian Karl Josef Frhrn. v. Bunsen
schrieb, vollständig veröffentlicht5). Bunsen war der Nach-
folger \ioluihrs. des berühmten Verfassers der römischen
Geschichte, der von 1818 an als preußischer Gesandter in
Rom weilte. Niebuhr schätzte Leopardi. der sieh ihm durch
philologische arbeiten bekannt gemacht hatte, hoch (er saute
einmal von ihm : er verbindet mit ausgezeichneten Geistes-
gaben ein nobles Gemüt), und als er im Jahr 1824 Rom ver-
ließ, empfahl er ihn dringend seinem Nachfolger Bunsen.
Dieser nahm sich denn auch mit warmem Herzen und tatkräf-
tigem Eifer des hochbegabten Dichters und Gelehrten an —
er stellte ihm unter anderem eine Summe zur Bestreitung
notwendiger Reisekosten großmütig zur Verfügung — aber
seine Bemühungen, ihm zu einer geeigneten Austeilung im
Kirchenstaat zu verhelfen, hatten keinen Erfolg. Bunsen dachte
dann daran, eine Dante-Professur in Berlin für Leopardi zu
errichten. Aber dazu konnte sich Leopardi nicht entschließen.
„Come abbandonare I" mia famiglia e V Italia, e come sopportare
il clima della Germania?" ') Die Hochschätzung, die Leopardi
für Bunsen empfand, und seine Dankbarkeit für das ihm be-
wiesene Wohlwollen steigerten sich zu einer geradezu
schwärmerischen Freundschaft, und der sonst zurückhaltende
Leopardi ist überreich an Versicherungen seiner hohen Ver-
ehrung. Er nennt ihn veneratissimo <■ prezioso ed incompara-
bile amico. „Segua ad amarmi, como io Vavno} In venero e sono
■ sarö etemamente tutto suo con tutto l'animo." Er schickt
Grüße an Runsen's Familie. Die zunehmende Herzlichkeit
' | S. ebenda S. 240—280.
') S. Leopardi, Epistolario II, 88.
Serban, Leopardi sentimental 283
- Verhältnisses präg! sich in den Briefen darin aus, daß
Leopardi sich bei der Anrede an Bimsen des gemütlichen
voi an Stelle der dritten Person Ella bedient, die er in einem
Briet' an einen Freund „maledetto spagnolismo" schilt. Bekannt-
lich ist Leopardi, obgleich des Deutschen nicht mächtig, zu
mehreren hervorragenden Deutschen in nähere Beziehungen
getreten. Die letzte Zeit seines Lehens war verklärt durch
die innige Freundschaft mit dem Dichter A. von Platen.
Auch mir dem Philologen H. W. Schulz (geb. Dresden 1808,
als Professor zu Halle 1855) war er nahe befreundet.
Er liebte offenbar die Deutschen und hatte Hochachtung vor
der deutschen Wissenschaft. In einem Briefe erzählt er. er
halte einige gelehrte Deutsche kennen gelernt, deren Unter-
haltung ihn etwas gestärkt habe. Im Gespräch zwischen
Tristan und einem Freund sagt er. die Wissenschaft habe
nur mich in Deutschland eine Heimat. Goethes Werther
begeisteri ihn. während Byron ihn kalt läßt; von Niebuhrs
römischer Geschichte ist er entzückt. Auffallend ist es. wie
schon in diesen Briefen seine unglückliche Stimmung ge-
legentlich durchbricht, er spricht von der pochissima felicitä
della mia oita In <//<<(/r spero <■ certamente desidero prossima
.-/(/ estinguersi ').
Gr. Cugnoni hat 1H78--1880 eine große Zahl ungedruckter
Werke Leopardis, meist philologische Jugendarbeiten, hei
M. Niemeyer in Halle erseheinen lassen unter dem Titel:
Opere inedite <// Giacomo Leopardi pubblicate sugli autografi
Recanatesi (2 Bde. |.
Serhan hebt hervor, daß die Ansichten über die Persön-
lichkeit und den Charakter Leopardis auffallend auseinander-
gehen. Nach einigen war er ein Naturschwärmer, nach
anderen ging ihm der Sinn für die Schönheit der Natur
vollständig ab, nach einigen war sein Sehvermögen, muh
anderen sein Gehör mangelhaft. Solche Widersprüche sind
einigermaßen erklärlieh bei der Eigenart des Dichters.
Serban findet mit Recht, daß bei der Schilderung seines
Seelenlebens das Gefühl, das bei ihm eine so große Rolle
gespielt habe, zu wenig berücksichtigt werde. Le Sentiment
ist im Sinne des Vf. nichts Anderes als das Sehnen nach
Liebe. Giacomo Leopardi hatte schon als Kind ein mächtiges
Bedürfnis zu lieben und gelieht zu werden. Seine Mutter,
eine Frau von starkem Charakter, hatte die natürliche Liebe
zu ihren Angehörigen in einem kaltherzigen fanatischen Buch-
stahenglauben erstickt; sie gab ihm keine Liebe. Damit
fehlte seiner .lugend der Sonnenschein. Der Vater. Monaldo.
war ein gefühlvoller, aber schwacher, ängstlicher und wenig
verständiger Mann: er liebte seine Kinder zärtlich, aber seine
7) S. Tobler a. a 0. S. 273.
284 Referate und Rezensionen. Haape.
Liebe war etwas Belbstischer Art. Er will sich von seinen
Söhnen nicht trennen: er freut sich, wenn sein Giacomo sich
als Wunderkind entwickelt, wenn er in zartem Alter sich in
dein glühenden Ehrgeiz verzehrt, als gelehrter Schriftsteller
zu glänzen: er ahnt nicht die Stürme, die sein anscheinend
sn stilles Gemüt durchwühlen und d;is Studium und den
Literarischen Ruhm in den Hintergrund drängen, er hört nicht
den leidenschaftlichen Aufschrei des jungen Herzens: l/<>
bisogno d'atnore, amore, ainore, fuoco, entusiasmo, viia! und
sein Geständnis:
Pretfio //"// ha. i">n ha ragion lu vita,
Se uon I" /' lui, /><i' litt ch all uomo < tutto.
Wenn Serban bei <l<'v eingehenden Erörterung des „Senthnenta-
/is/i/r" Leopardis die Ansicht ausspricht, das Gefühl des Dichters
sei eigentlich von selbstsüchtigen Beweggründen beherrscht,
so tut er ihm. wie ich glaube, Unrecht. Leopardi hatte eine
ideale Auffassung von der Liebe; sie war ihm der Inbegriff
aller Tugend. Er spricht dies öfters aus, so besonders in
dem (französisch geschriebenen) Brief an Jacopssen in Brügge,
worin er sagt8): Sans doute <>n il ne faudrait [>as viere <»" il
faudrait toujours sentir, toujours aimer, toujours esperer. II
faudrait qite Vanwur regnät parmi les hontmes, que tous les
individus fussent vertueux, cest-ä-dire bienfaisants, genereux,
compatissantSj sensibles. Aus seinen Briefen wissen wir. wie
innig er seine Geschwister geliebt hat. wie besorgt er für
seine Eltern, auch für seine Mutter war. wie herzlich er
-einen Freunden zugetan war. und wie er von ihnen gelieht
wurde. Wenn der Verf. sagt: Leop. ignorait les joies <l»
sacrifice et la beante <h< devotiement, so ist dies eine Vermutung,
für die kein Beweis gegeben ist. Welches Opfer hätte auch
der Dichter bringen sollen, der sein Lehen lang mit Xot und
Elend zu kämpfen hatte?
Unrichtig scheint mir auch die Behauptung, daß L. mir
solche Frauen geliebt habe, die nicht nur schön, sondern auch
geistig hochstehend und feingebildet waren, wie Geltrude
Cassi, Teresa Carniani-Malvezzi, mit der ihn nach Serbans
Worten une amitie tendre et sensible verband, und der Floren-
tinerin Fanny Targioni Tozzetti. Dadurch würde den länd-
lichen Schönheiten Silvia und Nerina, in denen L. seine anmutig-
sten Gestalten geschaffen, der Platz am Herzen des Dichteis
mit Unrecht verkümmert, und Serban würde sieh mit sich
selbst in Widerspruch setzen (vgl. S. 83 ff.).
Ein anderer Gedanke aber drängt sich uns bei der Leo-
p ardischen Liebespoesie auf. Wenn der todkranke Consalvo
») S. Epistol. Xr. 183.
Serban, Leopardi sentimental. 285
die Geliebte vor seinem Tode um einen Kuß bittet und dann
beglückt ausruft :
.letzt sterb' ich
Mit meinem Schicksal ausgesöhnt.
Ich lebte nicht umsonst, mir ward besehieden.
Zu drücken meinen Mund auf diese Lippen,
wenn der Dichter in Atta sua donna die Geliebte als Götter-
bild schildert und sie unter die Sterne versetzt, wenn in dein
besprach Torquato Tassos und seines genius familiaris der
Genius fragt, was denn eigentlich süßer sei. die geliebte Frau
zu sehen öder an sie zu denken, so muß man fragen, ob diese
Liebe nicht allzu ideal, allzu übersinnlich ist, um wahr zu
sein. Andererseits schildert er /.. B. in Aspasia den sinnlichen
Reiz, den die Geliebte auf ihn ausübt, mit brennenden Farben.
Patrizi und andere italienische Gelehrte glauben bekanntlich
bei Leopardi und seiner Familie krankhafte Anlagen gefunden
zu haben. Nach seinem eigenen Zeugnis erfreute er sich als
Jüngling in den Jahren 1814 bis 1816 eines glücklichen
hoffnungsfrohen Zustandes. Wie dieser Zustand ein Ende
nahm, erzählt er selbst am ergreifendsten in einem Brief an
Giordani vom '2. März 1818: ..Durch sieben Jahre wahnsinnigen
verzweifelten Studiums habe ich mich zu Grunde gerichtet,
und zwar gerade in der Entwicklungszeit, da mein Körper
sich hätte festigen sollen 9). In wieweit dieser pathologische
Zustand auf Leopardis pessimistische Weltanschauung ein-
wirkte, kann hier nicht untersucht werden.
Was diesen Pessimismus betrifft, ist Serban der Meinung,
dal.) Leopardi den Tod gefürchtet und geflohen, nicht
aber gesucht und herbeigewünscht habe, und daß dies eigent-
lich der Grund seines Pessimismus sei. Serban erinnert an
La Fontaine's Fabel vom Tod und dem Unglücklichen. 0 mort,
•pif tu nie sembles belle! Viens vite, viens finir ma fortune
cruelle! So ruft der Unglückliche dem Tod zu, aber da der
Tod ihm naht, schreit er: Que vois-je? ötez-moi cet objet!
Qu'ü est hideux! que sa rencontre Me cause d'horreur et d'effroi.
Der unglückliche Leopardi hatte sich daran gewöhnt, den Tod
als Erlöser von dem schweren Leiden zu betrachten, das ihm das
Leben zur Qual machte, und das Todesverlangen, das er z. B.
in Briefen an seinen Vater wiederholt ausspricht (schon .1832)
war gewiß nicht erheuchelt. Wenn sich gelegentlich Auße-
ningen bei ihm finden, wie „La vita e una bella cosa, ma la
morte e bruttissima," so beweist dies, daß auch er Stimmungen
hatte, in denen er dem natürlichen Gefühl des Grauens vor
•) Vgl. Zollhiffer, Leopardi als Dichter des Weltschmerzes, Zürich
1912. S. 20. Ein Buch, das zur Einführung in Leopardis Dichtungen
vorzüglich geeignet ist.
Ztschr. f. fr«. Littr. XLIV6/8. 19
286 Referate und Rezensionen. Haape.
der Vernichtung des Lebens unterlag; es ist begreiflich, daß
eine so weiche, empfindsame Natur manchmal vor der furcht-
baren Krankheit, der Cholera, deren Bild wie ein Schreck-
gespenst vor Europa stand, zurückbebte.
Mit der Ansicht Serbans von der großen Bedeutung, die
dem Gefühl in der Psychologie und ganz besonders in der
Aesthetik Leopardis zukommt, kann man durchaus einver-
standen sein. „Gefühl ist Alles" bei ihm. II avait senti-
mentalise" taus les arte, wie Serban sagt. Er beschreibt nicht
die Scöhnheit der Natur im Einzelnen ; er will nur Gefühle.
Gedanken, Erinnerungen hervorrufen. Es ist merkwürdig, wie
er mit Frau v. Stael übereinstimmt; sie hat gesagt: Le bonheur
est (hins le vague, und das Unbestimmte, Zerfließende. Ver-
schleierte ist auch das Element, in dem sich Leopardis Poesie
mit Vorliebe bewegt ,0). Auffallend ist, daß vago im Italieni-
schen geradezu das Anmutige, Liebliche bedeutet. Wenn er
sich hierin den Romantikern nähert, so bezieht sich dies auch
auf die große Bedeutung, welche die Unendlichkeit für ihn
hat, das Infinito, in das der Dichter sich so gern versenkt.
II naufragar nie dolce in questo mare.
Der Abhandlung sind 2 Aufsätze als appendice I und II
beigegeben. Der erste, a propos de la date de la poesie
Consalvo, bringt die Entstehung des Gedichtes Consalvo mit
der Leidenschaft des Dichters für Fanny Targioni-Tozzetti in
Verbindung und gibt an, Leopardi habe die Bekanntschaft
dieser Frau kurz vor Juli 1839 gemacht. Diese Angabe ist
unrichtig und beruht wohl auf Druckfehler. Leopardi kam
am 10. Mai 1830 nach Florenz; da lernte er Fanny kennen,
also etwa 1830—1831.
Der 2. Aufsatz, sur la date de la, deuxieme elegie sagt,
diese Elegie sei publiee pour la premiere fois dans l'edition
faite ä Bologne en 188 6. Auch diese Jahreszahl ist offenbar
falsch. Bei Mestica heißt es: Questo frammento e parte della
IIda della due elegie d'amore stampate dall'autore nel volumetto
„Versi del conte G. L." Bologna 182 6.
Den Schluß des Buches von Serban bildet das Jonrtial
d'amour, die Übersetzung des Diario d'amore, das Leopardi
im J. 1817 während seines Zusammenseins mit Geltrude Cassi,
einer entfernt Verwandten, verfaßt hat. Der Dichter erzählt
darin die Geschichte seiner ersten Liebe, die ihn im Alter
von 1 9 lk Jahren ergriff und sein erregbares Gemüt in helle
Flammen setzte. Es ist ein seltsames Schauspiel: ein durch
die Liebe bis zum Wahnsinn erhitzter Jüngling — nach dem
Zeugnis seines Bruders Carlo war er so rasend, daß er den
Kopf gegen die Wand schlug — bemüht sich mit der Unbe-
fangenheit und Sachlichkeit eines Arztes die Zustände und
10) Vgl. hierzu W. Küchler, Franz. Romantik. S. 60.
Serban, Leopardi sentimental. 287
Stimmungen seines Innern in einem genauen Tagebuch förm-
lich protokollarisch festzustellen und zu verzeichnen. Es liegt
nahe, bei diesem Buch an die Graphomanie zu denken, die
Professor Patrizi bei dem Vater Leopardia findeD wollte, und
die sich vielleicht auf den Sohn vererbt hat. Wie eine amt-
liche Personenbeschreibung klingt es. wenn von (ielrrude und
ihrem Gatten gesagt wird: Sie ist 26 Jahre alt. hochgewachsen
und stattlich, mit starken, aber feinen Gesichtszügen, kohl-
schwarzen Augen, kastanienbraunen Haaren: er ist 50 Jahre
alt. dick, behäbig: Sprache und Benehmen beider entsprechen
dem Charakter der Romagna. Vom ersten Abend berichtet
er noch sehr zurückhaltend: Ich sah sie. und sie mißfiel mir
nicht. Am zweiten Tag aber stellt er seine Eindrücke also
fest: unbestimmte Unruhe, Unzufriedenheit, melancholische,
sanfte, zärtliche Stimmung. Sehnen nach etwas Unbestimmtem
(Schillers ,,namenloscs Sehnen"). Manchmal haben diese
förmlich aktenmäßigen Feststellungen etwas unwillkürlich
Komisches. Die bevorstehende Abreise der Angebeteten
betrübt ihn nicht, denn wenn sie dageblieben wäre, hätte
er einen Tag voll Aufregungen vor sich gehabt. — Das ist
der schüchterne Jüngling, der sich nach der Geliebten sehnt,
sich aber vor dem Wiedersehen fürchtet. Wenn er von ihr
sprechen hört, fühlt er einen physischen Schmerz, den er als
Übelkeit. Ekel bezeichnet, ebenso wenn ein heiteres Gespräch
geführt wird. Ointe, se quest? e amor, com 'ei travaglia! sagt
er mit Recht in der Elegie. „11 primo amore," in der er seinen
Zustand besingt. Sein Sinn für das Studium ist ganz ver-
schlossen — ho l'intelletto chiusissimo (Serban übersetzt unrich-
tig: dont mon esprit est pourtant si epris). Er ist überzeugt,
daß die Zeit diesen Liebesanfall, der ihn so plötzlich wie
eine Krankheit überfallen hat, heilen wird; er weiß aber
nicht, ob er dies wünschen oder ob er das süße Gefühl, das
Hangen und Bangen in schwebender Pein festhalten soll:
er fühlt, daß sein Geist durch die Liebe doch einen höheren
Schwung erhält.
Am 16. Dezember berichtet er. daß zu den früher ange-
führten Gründen seines verliebten Zustandes alle ragioni del
presente mio stato addotte di sopra — Serban übersetzt addotte,
von addurre, unrichtig : adoptees statt aleguees — der für ihn neue
Reiz eines ungezwungenen und doch feinen Benehmens kommt.
Am 17., nicht am 19., Dezember berichtet er. sein ,,teurer"
Schmerz — il mio earo dolore — habe ihn verlassen wollen :
er ärgert sich darüber, daß das Bild der Geliebten seinem
Gedächtnis nur in farblosen Umrissen erscheint, während das
Gesicht ihres Gatten, das er durchaus nicht sehen will, glänzend
und frisch vor ihm steht. Er wendet sich dem Studium wieder
zu im Gedanken, daß er, divenuto qualche cosa di grande neue
lettere, von der Geliebten freundlich empfangen werden würde.
288 Referate nn<l Rezensionen. Haape.
M ; i r 1 hat vermutet, daß dieVita nuova, in welcher
Dante Alighieri die Geschichte seiner Liebe zu Beatrice
beschrieben hat. Leopardi als Vorbild für sein diario d'amore
gedient habe. Auch Serban sagt (S. 72). die Nachahmung
der Vita nuova sei nicht zu verkennen; er führt aber keine
Beweise dafür an. Manche Ähnlichkeiten drängen sich aller-
dings auf. doch sind sie im wesentlichen äußerlicher Art. Da-
hin gehört die Verbindung von Poesie und Prosa. Bei Dante
wird an die prosaische Erzählung regelmäßig ein Geflieht ge-
knüpft, zu dem die Erzählung Veranlassung gibt. Leopardi
besingt seine Liebe zu Geltrude in zwei Elegien, die sich
an das diario d'amore anschließen; außerdem sind 4 Entwürfe
zu Elegien demselben Gegenstande gewidmet (veröffentlicht
in den Scritti vari /w-rf/ti di (J. L. dalle carte napoletane.
Firenze 19<>6). Dante pflegt von den Hegungen der Liebe als
einem assalire und einer battaglia d'amore zu sprechen (vgl.
\ ita n. § XH appresso la battaglia delli diversi pensieri; ebenda
ij XVI: Amore m'assalia si forte: quando questa battaglia
d'amore mi pugnava cosi. Ebenso spricht Leopardi von einer
battaglia Juniore (vgl. // primo amore: Tomami a motte il
di che lu battaglia d'amor sentit la prima volta e dissi: Oimd,
se quest'e amor} com' ei travaglia!
Eine Erinnerung an die vita nuova ist es wohl auch, wenn
Leopardi in einem Brief aus Pisa vom 23. Febr. 1828 sagt:
Ho qui in Pisa una certa strada deliziosa ehe io chiamo V i a
delle rimembranze; lä vo a passeggiare, quando ooglio sog-
nare a occhi aperti (Epist. II 71): so spricht Dante (vita n.
§ X) von einem cammino de'sospiri und ebenda § XTY
von la camera delle lagrime.
Nach Inhalt und Geist sind aber die beiden Werke von
einander sehr verschieden. Dantes Liebe zu Beatrice ist eine
andere als die Leopardis zu Geltrude Cassi. An Beatricen's
klarem Himmel toben keine Stürme. Sie ist die distruggitrice
di tutti i vizi e reina della virtü, die Königin der Tugend,
die alle Laster vernichtet; ihr Verehrer naht ihr mit Ehrfurcht
und Demut. Wie eine Ahnung ist in ihr schon die Beatrice der
Divina Commedia enthalten, die in göttlicher Schönheit erstrahlt.
Der gelehrte und warmherzige Erklärer der Vita Nuova. A.
d'Ancona berührt am Schluß seines Discorso sn Beatrice den
Gegensatz zwischen Dante und Leopardi : Jener, dem das Bild
höchster Schönheit und Tugend leuchtet, ist tausendmal glück-
licher als der arme Leopardi, der, von Zweifel gequält und
Verzweiflung im Herzen, das Ideal vergeblich sucht, nach dem
sich seine Seele sehnt11).
Baden-Baden. W. Haape.
") A. d'Ancoua, La Tita nuova di Dante Alighieri, Pisa 1884,
S. LXXXVIII.
Druck Ton G. Utchrnwin, Weimar.
Beiträge zur Geschichte der politischen
Literatur Frankreichs in der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts.
Dritter Teil:
Die politischen Theorien.
Till. Die Liga.
Keiner von denen, die in Bodins Sinn für die Stärkung
der Monarchie eingetreten sind, kommt dem Verfasser der
„Six livres de la Republique" an Weite des Blicks und an Tiefe
der Gedanken gleich. Im einzelnen steuern sie wohl mancherlei
neu bei, aber in der Hauptsache bewegen sie sich doch immer
nur um die Kardinalforderung einer starken Monarchie hin
und her. An Anhängern und Parteigängern fehlte es Bodin
gewiß nicht. Indessen hatten seine Theorien erst noch eine
neue starke Krisis zu überwinden, ehe ihnen der Sieg be-
schieden war. Denn gegen die Ordnung des Staates, wie sie
ihm vorschwebte, lehnten sich die Theorien der Liga auf.
Die Tatsache, daß Bodin selbst ihr unfreiwilliger Parteigänger
war l), darf nicht über den tiefen inneren Gegensatz hinweg-
täuschen, der zwischen seinen Theorien und denen der Liga
waltet.
Die Zeit der Liga ist eine Zeit leidenschaftlichsten
Kampfes. Die Flut der Flugschriften, die in den stürmischen
Tagen der Reformationskriege nie ganz abgeebbt war, ist
wieder in raschem Steigen begriffen. In den Streit greift
jetzt auch das Wort des Priesters ein. Mehr noch als früher
hallen Kirchen und Kanzeln von den Hetzreden der Priester
wieder. .,// n'estoit pas permis ä Paris de se montrer autre
que ligueur; les gens de bien y estoient exposes ä la perte de
leurs vies et de leurs biens, et aux mouvemens d'une populace
furieuse et emportde, que les moines, les curez et les predicateurs
excitoient conünuellement au sang et au carnage, ne leur pres-
chant autre Evangile" '-). in allen Tonarten werden Haß und
!) Baudrillart S. 132. Vgl. jetzt auch F. v. Bezold. Historische Zeit-
schrift 113 (1914) S. 261.
2) Pierre de Lestoile. Memoires et Journal. Regne de Henri IV. iu :
Nouvelle Collect im, des Memoires pour servir ä l'histoire de France. 2e serie.
I. 2 (Paris 1837) S. 5.
Ztechr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV '• «. 20
290 Kurt Glaser.
Feindschaft gepredigt. Neben der niedrigen, unsinnigen Yer-
leumdung ringt sich der hohe, den Menschen fortreißende
Gedanke nur mit Mühe durch. Und als Charles Labitte in
seinem Buche ,,D> la dimocratie chez lex prSdicateurs de la
Lkjue" (Paris 1841) zum ersten Mal den gewaltigen Einfluß
darzulegen unternahm, den die Tätigkeit der Kanzelredner
auf die Gestaltung und Richtung der öffentlichen Meinung
und auf die Ausbildung der politischen Ideen der Liga aus-
geübt hat. hatte er alle Not. aus der Unmasse von Schmähungen
und dem Wirrwarr widerstreitender Meinungen einen gedank-
lichen Kern loszulösen.
Freilich muß man sich hüten, in den Fehler Labittes zu
verfallen und die Theorien der Liga in ihrem Wert allzu hoch
anschlagen zu wollen. Nicht als ob die Fragen, um die sich
die Erörterungen drehen, nicht geeignet gewesen wären, große
Gesichtspunkte zu erschließen. Die Gebundenheit an enge,
die Bewegung hemmende Parteidogmen behindert indessen
die Freiheit selbständiger Meinungsäußerung. Zudem ist die
Fähigkeit oder Neigung zu vorurteilsloser Abwägung der An-
sichten anderer nur sehr gering. Die Theorie der Liga lebt
zu stark vom Widerspruch und begnügt sich zu einseitig da-
mit, schon früher breitgetretene Argumente mit neuer Leiden-
schaftlichkeit zu erörtern. Mit Selbstverständlichkeit wird die
Feindschaft gegen die Person des Königs verallgemeinert zur
Feindschaft gegen die Einrichtung des Königtums überhaupt.
In dem Gedanken, daß Heinrich III. der Herrschaft unwürdig
sei und die Krone anderen gehöre3), schrieb in jenen Tagen
ein angesehener Geistlicher zu Toul, Francois de Rosieres,
ein Buch, in dem er auf Grund ausführlicher genealogischer
Erörterungen für die Thronansprüche der Guisen eintrat4),
während er gleichzeitig von der Kanzel zu Toul in derben
Tiraden gegen den König lospolterte. Mit ihm wetteiferte
Guincestre, auch er aus demokratischer Gesinnung ein Feind
des Königs, auch er in katholischem Glaubenseifer ein Feind
des ketzerischen Heinrich von Navarra. Als Lincestre 5) stellt
ihn die Satyre Menippee in wenig schmeichelhafter Weise
mit Boucher zusammen 6). Die zeitgenössischen Berichte« die
3) Vgl. auch die „Remontrance ä tous bons chrestiens et fideles catho-
liques. d tnaintenir la Sainte Union pour la conservation de la Religion
Catholique, Apostolique et Romaine en ce Royaume de France, contre les
efforts du Tyran, ses complices et Allies Politiques, Huguenots et autres
JJerftiques (1589)" in: Memoires de la IAgue III S. 520— 523.
4) Stemmatum Lotharingiae ac Barri Ducis Tomi, ab Antenore
Trojano ad Caroli III. Ducis tempora, in quibus praeterea habes verum
ubique gentium gestarum perutile Compendiwn chronologicum ; auctore
Francisco De Rosieres. Archidiacono Tullensi." 1580. Gegen ihn schrieb
Du Plessis-Mornay seinen „Discours du droit pretendu par ceux de la
Maison de Guise d la Couronne de France" in: Memoires de la Ligue I. S. 7 ff.
5) So nennt ihn auch Lestoile I, 2. S. 58 b. S. 147.
e) ed. Xodier I. S. 20. II. S. 64.
Gesch. d. polit. Lit. Frankr. in der 2. Hälfte d. 16. Jahrh. 291
von der Leidenschaftlichkeit seiner Rede zu erzählen wissen 7),
geben zugleich eine Vorstellung von dem wilden Fanatismus,
der damals die Gemüter erfüllte. In der stürmischen Er-
regung eines mit allen Waffen des Hasseb gegen König und
Königtum geführten Kampfes gerieten selbst ruhige Naturen
ins Wanken, wie der Erzbischof von Bourges, Renaud de
Beaune, der, erregten Stimmen seiner Zeit folgend, in einer
Anwandlung des Unwillens der Trägheit und Unfähigkeit
Heinrichs III. die Schuld an dem Tode der Maria Stuart bei-
maß und diesen Vorwurf in ein Lob der mit der unglücklichen
Königin verwandten Guisen hinüberklingen ließ. Auch der
Konflikt, in den damals (Dezember 1587) Heinrich III. mit
der Sorbonne, der alten Hüterin königlicher Rechte und kirch-
licher Traditionen, geriet, ist ein charakteristisches Zeichen
der Zeit8).
Es ist uns heute nicht mehr möglich und kann uns auch
füglich gleichgültig sein, allen den kleinen und kleinsten
literarischen Fehden nachzugehen, welche geschäftige und
gehässige Federn in Bewegung gesetzt haben, und die zahl-
losen Ränke zu entwirren, deren Herd nur allzu oft an dem
Hof selbst zu suchen war. In den zeitgenössischen Berichten
steht Wesentliches und Unwesentliches, Wahres und Falsches,
in bunter Mischung nebeneinander. Sicher ist indessen, daß
die Herzogin von Montpensier bei vielen Gelegenheiten ihre
ränkevolle Hand im Spiel gehabt hat. So wird es klar, wes-
halb Heinrich III. einmal aus seiner Untätigkeit heraustrat
und ein Pamphlet gegen sie verfassen ließ9), das unter sicht-
licher Anlehnung an Rabelais ihre — angebliche — Bibliothek
durchmusterte, um von hier aus boshafte Schlüsse auf ihre
Gedanken und Lebensgewohnheiten zu ziehen. Das theore-
tische Gebiet streift die Schrift nur von ferne und zwar nur
insofern, als sie der lichtscheuen Ränkesucht der Herzogin
die Geradheit königstreuer Gesinnung gegenüberstellt. Wie
an andere, die in jener Zeit eine kümmerliche Rolle gespielt,
hat auch an sie die Satyre Menippee die Erinnerung auf-
bewahrt l0).
In dem Getümmel des Kampfes hatten nur wenige den
Mut, für die Sache des Königs und die Rechte der Monarchie
einzutreten. Das tat die unter dem frischen Eindruck von
Heinrichs III. Ermordung geschriebene „Remontrance au peuple
frangois, qu'il n'est permis ä aucun Sujet, sous quelque pre-
texte que ce soit, se rebeller ni prendre les armes contre son
7) Vgl. Lestoile l. c.
8) Labitte S. 34.
9) „Bibliotheque de Madame de Montpensier", vgl. Lestoile, Begistre-
Journal de Henri TIT. I. 1. S. 241 ff., S. 244a.
1«) ed. Nodier I. S. 24, 31, 50, 54, 168; II. S. 102.
20*
292 Kurt Glaser.
Prince li<>i, ni attenter contre son Eint" (1589) ll). Auf Grund
der Heiligen Schrift will sie nachweisen, daß es unter keinen
Umständen erlaubt sei. die Waffen gegen den König zu er-
heben, selbst nicht, wenn es sich um die Verteidigung der
Religion handele. Auch wenn der Fürst Ketzer wäre, müsse
man ihm doch gehorchen, oder man laufe Gefahr, sein Seelen-
heil zu verlieren. Ahnlich, wenngleich weniger scharf, sprach
sich aus der „Contr'aris ä celui de l'avocat Bernard de Dijon,
ä hi Noblesse de Bourgogne, sur ce qui est expedient de faire
pour s'opposer ä ceux qui sous le masque de Religion veulmt
transferer In Couronne de France en main estranyere" (1589) l2).
Zu den Verteidigern der königlichen Rechte gehört auch
Edmond Auger. Sein Eifer für das Königtum ging schließlich
so weit, daß der Jesuitenorden, dem er als Pater angehörte,
seine Entfernung vom Hofe veranlaßte 13).
In Paris wagten es nur drei Geistliche, Benoist, der Cure
von Saint-Eustache. Morenne, der von Saint-Mery und Cha-
vagnac. der von Saint-Sulpice. sich der Tyrannei der ligistischen
Agitatoren entgegenzustemmen, aber man ließ ihnen kaum
noch die Freiheit des Wortes l4).
Auch Claude de Sainctes 15) mußte sich vor der Allmacht
der Liga beugen. Bereits im Jahre 1561 hatte er im Auf-
trag der Katharina von Medici eine gelehrte Streitschrift
gegen die kirchliche Toleranz verfaßt: „Ad edicta veterum
principum de Jicentia sectarum in christiana reliyione" l6) und
war namentlich in seinem „Discours sur le saccagement des
Eglises Catholiques par les Heretiqnes miciens, et les nouveanx
Calrinistes, en Van 1562" (Paris 1563) gegen die Anhänger
der neuen Lehre aufgetreten l7). Nach seiner Ernennung zum
u) Iu: Memoires de La Ligue IV. S. 115 — 134. Verfasser ist F.Thomas
Beaux-Amis. Die unbequeme Schrift suchten die Katholiken wirkungslos
zu machen, indem sie uuter dem gleichen Verfassernomen eine Gegenschrift
herausgaben. Beaux-Amis hatte schon im Jahre 1572 eine Flugschrift gegen
die Kalvinisten geschrieben : „La Martnite renversee et fondue, de laquelle
parlent les Propheten, oü est prouve que la Secte Calvinique est la vraie
Marmite; avec un Sommaire de ses conjutations. causes desaruine''. etc.
(Paris 1572).
12) In: Memoires de la Ligue IV. 8, 13H — 173. Der gleiche Gedanke
kehrt, nachdem der Religionswechsel Heinrichs IV. eine neue Latre geschaffen,
noch mehrfach wieder: vgl. ..L)aemonologie de Sorbonne la Nouvelle" (in:
Memoires de la Ligi« V. S. 403-408: vgl. auch Lestoile I. 2. S. 173a) und
„Discours par lequel il est montre qu'il n'est pas loisible au sujet de medire
de son Roi, et encore moijis prendre les armes contre Sa Majeste. ou
attenter ä icelle, pour quelqu'occasion ou pretexte que ce soit. Par M.Claude
de Morenne, Curi dt Saint-Mederic, ä Paris" (Memoires de la Ligue VI.
S. 31—41).
13) Labitte S. 58.
14) Labitte S. 113. Eine Anspielung auf sie in der Satyre Menippee,
ed. Nodier II. S. 88. Vgl. auch Lestoile, Journal I. 2. S. 168.
15) Labitte S. 126 ff.
16) Paris, Bibl. Nat. Ld. 176/14.
n) Weitere Schriften nennt Lelong I. S. 446, Nr. 6505.
Gesteh, d. po/it. Lit. Frankr. in der 2. Hälfte d. W>. Jahrh. 293
Bischof von Evreux war er mit gleicher Schärfe den Um-
trieben der Kalvinisten in Kirche und Staat entgegengetreten
und hatte wiederholt18) die Unantastbarkeit der Person und
der Rechte des Königs gepredigt. Da kamen die Tage der
Liga. Die Ermordung Heinrichs III. und die Thronkandidatur
Heinrichs von Navarra veränderten mit einem Schlage die
Sachlage. Aus dem Verehrer des Königtums wurde ein Lob-
redner der Ermordung Heinrichs III. Seine Ehrfurcht vor
dem Königtum war rasch erkaltet, seitdem die Krone in die
Hände eines Ketzers überzugehen und damit in ihrem früheren
Werte zu verlieren drohte.
Wie Claude de Sainctes gehen auch die anderen Publi-
zisten der Zeit von bestimmten, politisch gegebenen Voraus-
setzungen aus. Die Liga steht im. Kampf gegen das König-
tum. Für ihre Theoretiker ist demnach der Gedanke maß-
gebend, die Macht ihrer Partei, der „Saincte Union", auf
Kosten der königlichen Gewalt zu heben und infolgedessen
das Ansehen des Königs und der Monarchie nach Möglichkeit
herabzusetzen. Dazu dient die Hervorkehrung der Rechte
des Volkes nicht minder wie die Betonung der Rechte des
Papstes gegenüber dem Herrscher. Im Gegensatz dazu treten
die Protestanten für die Thronansprüche Heinrichs von Na-
varra ein und suchen durch die Verteidigung der königlichen
Rechte gegen Volk und Papsttum die zukünftige Stellung
ihres Thronkandidaten zu stärken.
In den großen Richtlinien dieses doppelten Gegensatzes
biegen sich die einzelnen Gedanken hin und her. Jeder der
zahlreichen Publizisten liefert seinen kleinen Beitrag zu dem
Gesamtbild politischer Theorien. Aber nur wenige treten aus
dem ewigen Zirkel traditioneller Gedanken heraus und erheben
sich über den Durchschnitt alltäglicher Leistungen.
Die Schriften, die in dem Gründungsjahr der Liga (1585)
erschienen sind, gehen nicht durchweg und mit gleicher Tiefe
auf Fragen theoretischer Natur ein. Die ligistische wie die
antiligistische Publizistik überraschen beide in ihren Anfängen
durch eine große Unselbständigkeit der Gedanken. Auch die
Ausführungen, mit denen Karl von Bourbon, das Haupt der
Liga, in seinem Manifest, der „DSclaration des causes qui ont
mü Monseigneur le Cardinal de Bourbon et les Pairs, Prinees,
Sek/neurs, VUles et CommunauUs catholiques de ce Royaume de
France, de s'opposer ä ceux qui par tous moyens nefforcent de
18) ..Bref Avertissement de M. l'JEveqtte d'Evreux ä ses Diocesains,
contre un pretendu Arrest donne d Caen, le 28 Mars dernier, par lequel
il appert de V'mtroduction et etablissement e.n France du Schisme, Heresie
et Tyrannie d'Angleterre ; avec ledit Arrest, Seittence du Metropolitain, et
Arrest de Vi Cour donne contre icelui" (Paris 1591). Vgl. auch Philippe
Le Brasseur. Histoire f'ivile et Ecclesiastique du Comte d'Evreux (Paris
1722) S. 353 ff.
294 Kurt Glaser.
subvertir la Religion Catholigue et l'Etat19)", die Berechtigung
seines politischen Standpunktes zu erweisen sucht, gehen nicht
tief. Aber hier taucht zum ersten Mal jene Ansicht auf. die
hinfort zum eisernen Bestand der politischen Weisheit im
ligistischen Lager werden sollte, daß die Politik der Huge-
notten nur auf Gewinnung der Herrschaft im Staate, auf Um-
sturz in der Religion und auf Einführung der Ketzerei ge-
richtet sei. Die Erwiderung, die Du Plessis-Mornay in
wuchtiger, stellenweise an Hotmans „ Tygre" gemahnender
Sprache dagegen schrieb 20), enthüllt, dem Gedankengang der
„Diclaration" Punkt für Punkt nachgehend, zum ersten Mal
das Parteiprogramm der Hugenotten 2l). Für den Augenblick
sind es hüben wie drüben nur leere Beteuerungen und Ver-
dächtigungen. Wie rasch sich indessen die Polemik zur
Theorie emporarbeitet, erkennt man schon an der „Brieve
response d'un Catholique Frangais, <) l'apologie ou defense des
Ligueurs et Perturbateurs du repos public, se disant faussement
Catholiques unis les uns avec les autresli'ir). Die direkte An-
rede, die in kurzen Sätzen wuchtig einherschreitet, wird hier-
zu der Form, in der die verfehlte Politik der Liga bloßgelegt
und der Nachweis geführt wird, daß sehr wohl zwei Religionen
in einem Staate nebeneinander bestehen können. Gegenüber
der religiösen Engherzigkeit der Liga greifen die Hugenotten
auf die Ideen der Politiker zurück '-').
Auch die Verteidiger der päpstlichen Hoheitsrechte bringen
zunächst nur schwächliche Begründungen ihres Standpunktes
zusammen. Sie schleppen sich hilflos in den alten ausge-
19) Memoire» de la Ligue I. S. 56 ff.
20) „Reponse aux declarations et protestations de Messieurs de Guise,
f'aites sous le nom de Monsieur le Cardinal de Bourbon, pour justifier leur
injuste prise des armes." Memoires de la Ligue I. S. 79 ff.
21) Weiter schließen sich hier zunächst an : ., Protestation des catho-
liques, qui n'ont point voulu signer la Ligue" in : Memoires de la Ligue I.
S. 103 ff., ,,Le veritable sur la Sainte Ligue", ib. S. 107 ff., „Readvis et ab-
juration d'un Gentilhomme de la Ligue, contenant les causes pour lesquelles
ü a renonce ä ladite Ligue, et s'en est departi," ib. S. 111 ff., „Declaration
du Roi de Navarre, contre les calomnies publiees contre lui, et Protestation
de ceux de la Ligice qui se sont eleves en ce Royaicme" ib. S. 120 ff., „Res-
ponse de par Messieurs de Guise ä un Avertissement," ib. 149 ff., „Requeste
au Roi, et derniere resolution des Princes, Seigneurs, Gentilshommes,
Villes et Communantes Catholiques, presentee ä la Reine mere de Sa Majeste,
le Dimanche neuvieme Juin 1585, pour montrer clairement que leur Inten-
tion n'est autre que la promotion et avancement de la gloire, honneur de
Dien, et extirpatiou des Heresies, sans rien attenter ä l'Etat, comme fausse-
ment imposent des Heretiques malsentans de la Foi, et leurs Partisans."
ib. S. 167 ff.
22) Memoires de la Ligice I. S. B40ff.
23) Ähnlich auch die ,,Exhortation et remontrance faite d'un commun
aecord par les Francois Catholiques et Pacifiqices pour la Paix : contenant
les commodites de la Paix et les incommodites de la Guerre; oü est aussi
parle des causes des Troubles de ce Royaume et du mo'ien de les paeifier".
in: Memoires de la Ligue II. S. 113 — 150.
Gesch. d. pol it. Lit. Frankr. in der 2. Hälfte d. 16. Jahrh. 295
tretenen Geleisen mittelalterlich-kirchlicher Weisheit einher.
Zu nennen ist: Alexandre Bozzio oder Besantius. ein Doktor
aus Rom1'4), der Verfasser der Schrift „De VimmunitS eccUsia-
stiqut et de la puissance royale", und Daniel de La Mothe,
Bischof von Mende, dessen ,,Dn droit des papes sur le temporel
des roistl noch in den Handschriften der Pariser National-
bibliothek schlummert -5). Selbst der gelehrte Kardinal Bell-
armin, der streitbarste Theologe seiner Tage, ist nicht viel
besser als sie. Seine „Responsio ad librum Anonymum contra
summum Pontificem, cid titulus Aviso piacevole alle bella Italia"
(1586) 26) ist ein Inventar aller der Machtansprüche, welche die
Päpste das ganze Mittelalter hindurch verfochten hatten. Sie
ist zugleich ein Meisterstück scholastischer Spitzfindigkeit und
subtiler Zergliederungskunst. Die Beziehungen zwischen König
und Papst werden kunstvoll hineingeflochten in die Beziehungen
zwischen König und Volk, und diese an sich schon recht be-
denkliche Verschlingung zweier verschiedenartiger Prinzipien
wieder wird noch mehr kompliziert durch kleinliche und
tüftelige Unterscheidungen, die Bellarmin um die Idee der
päpstlichen Suprematie kristallisiert.
Die vielverschlungene, gewundene und dabei doch in
ihrem Ziel von vornherein so selbstverständliche Argumentation
Bellarmins rief sogar im katholischen Lager Mißfallen hervor.
Statt dem Papst kurzerhand ein unbeschränktes Recht über
die weltlichen Throne einzuräumen, hatte Bellarmin die Be-
fugnisse des Papstes in solche direkter und in solche indirekter
Art geschieden und die ersteren auf das kirchliche, die letz-
teren auf das weltliche Gebiet beschränkt. Ein Absetzungs-
recht des Papstes konnte demnach erst dann ernstlich in Frage
kommen, wenn kirchliche Interessen bedroht waren. So sehr
ein solcher Standpunkt dem besonderen Falle Heinrichs IV.
angepaßt sein mochte, er vermochte nicht die Billigung der
katholischen Kreise zu erlangen, denen es auf eine prinzipielle,
bedingungslose Proklamierung päpstlicher Hoheitsrechte an-
kommen mußte27).
In etwas anderer Form wird der Gedanke, daß der Papst
über dem König stehe, in der Schrift „De justa reipublicae
chrisüanae in reges impios et hoeretico* autoritate" (Paris 1590)
verfochten. Der Verfasser dieser Schrift, den man in dem aus
der Satyre Menippee bekannten Rose hat sehen wollen28),
-4) Vgl. Perreus. L'eglise et l'etat en France sous le regne de Henri IV
et la regence de Marie de Medicis I (Paris 1872) S. 91.
25) Manuscr. de Dupicy, vol. 525, f. 45.
26) Verfasser dieser anonymen Schrift ist der in Italien lebende Fran-
zose Nicolas Perrot, der sich auch an Dorats ..Tunmlus Caroli IX;i (1574)
beteiligt hatte, vgl. Lelong IL Nr. 18241 und Xicerou. Memoires 31. S. 30.
**) Vgl. Perrens l. c.
») Vgl. Labitte S. 295 ff.
296 Kurt Glaser.
legt den Nachdruck auf die göttliche Einsetzung des Papst-
turas, deren sich die Könige nicht rühmen könnten. Aus ihr
fließt als höchstes Privileg des Papstes das Recht der Ab-
setzung des Herrschers. Das Volk als solches kann aus eigener
Machtvollkommenheit nicht zur Absetzung seines Herrschers
schreiten, obwohl es kraft seiner Souveränität über dem König
steht. Auch diese Beweisführung, auf die nachmals Boueher
zurückgreifen wird29), kann auf Neuheit und Selbständigkeit
keinen Anspruch erheben. Schleppend und langatmig schleichen
die Perioden dahin. Der Leser wird ihnen nur mit wenig
Genuß folgen.
Etwas besser schon lesen sich die von gegensätzlichem
Standpunkte geschriebenen „ Vindiciae secundum Libertatem
Ecclesiae Gallicanae, et Defensio Regit Status Gallo- Francorum
sub Henrico IV. Rege" (1590). Ihr Verfasser ist der avocat-
general des Pariser Parlaments. Louis Servin. Ohne gerade
Neues zu bringen, hat Servins Traktat dem Widerspruch gegen
die papistische Theorie der Liga die Bahn gebrochen30).
Von den theoretischen Leistungen, welche sich die Ver-
teidigung der königlichen Rechte gegenüber den Macht-
ansprüchen des Papstes zum Ziel gesetzt haben, ist an erster
Stelle die kleine, bedeutsame Schrift von Pierre Pithou „Les
Libertez de l'Eglise Gallicane" (1594) zu nennen. Der Ver-
fasser war aus einer angesehenen Familie entsprossen, die
kein Geringerer als Cujas eine Pflanzstätte großer Männer
genannt hatte. Nach seinem Übertritt zur Reformation hatte
er eine Zeit lang in die Verbannung nach Basel gehen müssen
und wäre, wie so mancher andere, beinahe noch ein Opfer
der Bartholomäusnacht geworden. Seine spätere Bekehrung
zum Katholizismus tat seinem Eifer für die Sache des König-
tums gegen Liga und Papsttum keinen Abbruch. In dem-
selben Jahr, in dem er seine „Libertez de l'Eglise Gallivaiv"
schrieb, steuerte er für die Satyre Menippee die prächtige
„Harangue de Monsieur UÄubray [><>ur le Tiers-Estai? bei.
Mit der Begeisterung, welche die Überzeugung von der
Notwendigkeit einer starken, auch in kirchlichen Dingen
selbständigen monarchischen Gewalt verleiht, sucht Pithou
die Rechte des Königs von denen des Papstes abzugrenzen.
Als obersten Grundsatz aller Freiheiten der gallikanischen
Kirche stellt er die doppelte Maxime auf. daß der Papst
keine Befugnis besitze, in weltlichen Dingen zu befehlen, und
daß selbst in kirchlichen Fragen sein Recht als Oberhaupt
29) „Sermons de la simulee conver&ion ... de Henry de Bourbon"
S. 129 v" ff.
30) Gegen Bellarmin richten sich auch Servins „Remontrance et Con-
ilnsiims des Gens du Eoi, et Arret du Parlement, du 2ü Novembre 1610,
sur le Livre de Bellarmin, sur la puissance du Pape, sur le temporel des
Roiy- (Paris 1610. Lateinische Ansgabe 1611).
Gesch. d. polit. Lit. Frankr. in der 2. Hälfte d. 10. Jahrh. 297
der Kirche durch gewisse, allein für das Gebiet des König-
reichs Frankreich gültige Sonderbestimmungen beschränkt sei.
Die französischen Könige stehen dem Papst nicht nur durchaus
unabhängig gegenüber, sondern haben jederzeit selbständig
in die Regelung kirchlicher Angelegenheiten eingegriffen und
dem Papst niemals irgend ein Recht, am wenigsten das der
Besteuerung, eingeräumt. Der allerchristlichste König erkennt
den neugewählten Papst an, ohne damit eine weitere Ver-
pflichtung zu übernehmen, „seulement se recommuiide, et le
Boiaume que Dien lui a commis en sonverainete, ensemble
l'Eglise Gallicane, aux faveurs de Sa Saintete."
Pithous Gedanken finden sich in Guy Coquilles gleich-
zeitigen Schriften wieder31).
Durch eingehende geschichtliche Auseinandersetzungen
sucht Coquille die alte und enge Zusammengehörigkeit des
französischen Königtums mit dem römischen Stuhl zu er-
weisen, zugleich aber auch die Festigkeit gebührend hervor-
zukehren, mit der die französischen Könige den Übergriffen
von seiten des Papstes gewehrt haben. In der Regelung des
Verhältnisses zwischen Staat und Kirche hat allemal das
Wohl des Staates den Ausschlag zu geben. Die eigentliche
und tiefste Ursache für den Niedergang der Kirche liegt in
den ausgedehnten weltlichen Besitzungen und den damit ver-
knüpften, sich immer und ewig erneuernden weltlichen Macht-
ansprüchen. Ein eifriger Katholik, dem Luther nur ein
sündiger Ketzer ist32), versehließt er sich nicht der Not-
wendigkeit kirchlicher Reformen. Er will sie in dem Sinn
der alten Kirchenverfassung unter Wahrung der Rechte der
französischen Krone durchgeführt wissen. Zu den Freiheiten
der gallikanischen Kirche gehört es, daß sie keinen Papst
anzuerkennen braucht, der sich nicht dem Konzil unterwirft;
ebensowenig braucht sie den Geboten zu gehorchen, die
den Konzilien Eintrag tun oder der alten Ordnung der Kirche
widerstreiten 33). Die Erzbischöfe und Bischöfe müssen gegen-
über dem päpstlichen Stuhl freie Hand behalten; sie sollen
dem französischen Gericht unterstellt werden und dem König
den Treueid leisten, zumal schon viele von ihnen weltliche
Fürsten in Frankreich sind34"): ihre Wahl soll den Kapiteln
31) ,/Traite des libertez de l'Eglise de France et des droits et autorite
que. Ui couronne de France a es affaires de l'Eglise dudit Roymime par
banne et sainte union avec ladite Eglise" (geschrieben im Jahre 1594),
(Euvres I. S. 75 ff.; „Autre trade des libertez de l'Eglise de France, et des
droits et autorite que la Couronne de France a es affaires concemans la
Police de l'Eglise dudit Roi/aume, par banne et samle union avec icelle
Egliser I. S. 109 ff.
32) (Euvres I. S. 6.
33) ib. I. S. 80 b, S. 111, S. 116; vgl. auch I. S. 4.
34) ib. I. S. 95.
298 Kurt Glaser.
vorbehalten Bein und unter Zustimmung des Volkes erfolgen3').
Die „Libertez de VEglise ('"//traue" bestehen demnach für
Coquille. wie für Pithou, im wesentlichen darin, „de n'estre
pas sujete precisement et absolümeni ä toutes les Constitutions
Papales, tinon mutant qu'icelle Eglise de France a trouvi />on
de /es rrrrrnir, et comme l' Eglise de France unie avec le teste
du peuple </<' France sous un Roi Chef, s'est accordSe d'en user" 36).
Während Coquilles Arbeiten mit ihrer schwerfälligen
Gelehrsamkeit keinen Einfluß auf die Publizistik der Folge-
zeit auszuüben vermochten, da sie erst um die Mitte des
17. Jahrhunderts zum ersten Mal vollständig veröffentlicht
wurden 3r). hat Pithous kleine temperamentvolle Schrift gerade-
zu programmatische Bedeutung erlangt58). Schon Jacques
Leschassiers „De 1<i liberU ancienne et canonique de I' Eglise
Gallicane aux Cours souveraines de Franceu (Paris 1606) läßt
die Spuren seines Einflusses erkennen, der sehr bald noch
deutlicher zu Tage tritt. Die katholische Kirche konnte dem
mutigen und klugen Verteidiger der gallikanischen Freiheiten
nicht verzeihen, und als im Jahre 1639 der Traktat in einer
Neuauflage herauskam, wurde seine Verbreitung auf Betreiben
der Geistlichkeit und der römischen Kurie durch ein Macht-
gebot Richelieus untersagt. Aber der allmächtige Kardinal
wußte selbst nur zu gut. wie sehr Pithous Gedanken seinen
eigenen Grundsätzen entsprachen. Mit der ihm eigenen Taktik
scheute er sich nicht, das Buch preiszugeben, um seine Ge-
danken zu retten. Während er Pithous Schrift verbot, ver-
anlaßte er den ihm ergebenen Präsidenten des Parlaments zu
Pau. Petrus de Marca, ein in demselben Geist gehaltenes
gelehrtes Werk zu verfassen, das im Jahre 1641 unter dem
Titel : „Petri de Marca, Senatus Navarrensis Praesidis, de
( 'oncordia Sacerdotii et Imperii, seu de Libertatibus Ecclesiae
Gällicanae DissertaÜonum Libri quatuor" herauskam. Vor dem
Widerspruch, den dieses Buch auf kirchlicher Seite hervorrief, hat
der ängstliche Verfasser der schon ohnehin in manchen Punkten
von Pithous Standpunkt abgewichen war, sein Werk wider-
rufen, ohne damit den) schriftstellerischen Wert seiner Leistung
Eintrag zu tun. „Das Werk hat sich trotz der vom Verfasser
ausgesprochenen eigenen Verurteilung in großem Ansehen er-
halten und gilt noch jetzt als eine der Hauptschriften über
den Gegenstand"39).
35) ib. I. S. 84.
36) ib. I. S. 99. 100; vgl. auch I. S. 112.
37) Über ihr Schicksal vgl. Lelong 1. S. 469, Nr. 6982 und Xiceron
35. 8. 8ff.
38) Ich maß hier in Kürze die Ergebnisse späterer Untersuchungen
vorausnehmen.
39) R. v. Mob!, Geschichte und Literatur der Staatxuissenscluiften III
(1858). S. 184.
Gesch. d. polit. IM. Frankr. in der 2. Hälfte </. 16. Jahrh. 299
Auch noch später ist Pithoua Programmschrift der Aus-
gangs- und Mittelpunkt der Erörterungen über das Verhältnis
von Staat und Kirche geblieben. Von ihm hat selbst der sonst
so kirchlich gesinnte Bossuet wertvolle Anregungen entnommen ;
seine berühmten Quatre Propositions gelegentlich der Ver-
sammlung des französischen Klerus im Jahr 1682 geben fast
wörtlich Pithousche Sätze wieder. Ihm verdankt auch der
Abbe Fleurv die besten und wichtigsten der Gedanken, die er
in seinem „Discours sur /es Libertes de l'Eglise Gallicane"
(Paris 1724 ff.) niedergelegt hat. Selbst Du Boulays „Histoire
du Droit public Ecclesiast'upte Francais'' (London 1740 ff.), die
im übrigen auch aus Coquille schöpft, und ebenso die Arbeiten
späterer Theoretiker bis zu Andre-Marie Dupin40) und noch
über ihn hinaus lesen sich wie eine den veränderten Zeitver-
hältnissen angepaßte Erläuterung der Pithouschen Grund-
sätze. —
Wenn man die weitzersplitterte theoretische Arbeit der
Liga an einzelne Namen knüpfen will, so wäre an erster
Stelle Jean Boucher, der „roi de la Ligue, pottrce qu'au roiaume
des areugles /es borgues sont roisil)"7 zu nennen. Mit dem
Scharfblick des Hasses hat auch hier die Satyre Menippee
das Richtige getroffen, wenn sie ihn mit Lincestre und Amilthon
zu denjenigen stellt, die in der Prozession der Liga „faisoyent
le premier rang*'1)". Auch D'Aubigne war nicht schonend
gegen ihn43). Wie kein anderer von den zahlreichen Publi-
zisten und Predigern hat sich Boucher an den Kontroversen
der Zeit beteiligt und am meisten von allen Stürmern und
Drängern der Liga durch die Macht seines Wortes *4) Einfluß
zu gewinnen gewußt. „Nobili fami/ia, imprimis eruditus, de
cetero ad feritatem et rabieiu vs<jue obtrectator et factiosus"
so charakterisiert ihn De Thou 45), und ähnlich urteilten
Grotius*6), Bayle47) und Voltaire48). Kenntnisreich — er
hatte eine Zeit lang als Lehrer der alten Sprachen zu Reims
gewirkt — und von glühendem Haß gegen Heinrich III. be-
40) „Manuel du droit public ecclesiastique frangais, contenant les libertes
de l'eglise gallicane." Paris 1844.
4i) Lestoile, Journal de Henri 111. I. 1. S. 315a (zu Nr. 81).
4-') ed. Nodier I. S. 20.
43) Tragiques III. (ed. Lalanue) 8. 154. 155:
„Ms tirent leurs meurtriers, bien fraisis d'wn
chevaistre.
„Boucher, et Pragenat (= Pia;enat), et le sanglant
Incestreli (= Lincestre).
«) Vgl. Lestüile, I, 2. S. 45 a.
«j LXXXV1. 17.
46) Openu» Theologicvrum tomus quartus (Hasel 1732) S. 487. 702.
47) „trompette de sedition. et Vesprit le plus mutin et le plus fougneux
gui se trouvoit parmi les rebelies.1, Dictionnaire I. (1720.) S. 620.
48) „seditieux empörte jusqu'ä la demence" {Histoire du Parlement
de Paris 34, in: (Euvres complHes, 15 [Paris 1878] S. 551).
300 Kurt Glaser.
seelt, stürzte er sich in die Kämpfe der Liga. Seine „ Vie et
Faicts notables de Henry de Valois tout au long, saus en rien
/■"/inrir, oü sont contenues les trahisons, perfidies, sacrileges,
exactions, cruautSs et honte* de cet hypocrite et aposiat" (1589)
stehen an leidenschaftlicher Erregtheit der Sprache und an
Gehässigkeit der Verleumdungen und Verdächtigungen, mit
denen der unglückliche Träger der Krone überschüttet
wird, hinter keinem der zahlreichen Traktate jener Tage, selbst
nicht hinter der unflätigen „Response du I'. Dom Bernard a
um Lettre quelui <i escrite Henri de Valois1' (1589) 49) zurück.
Wie er und noch so manch anderer50) würde auch Boucher
vergessen sein, wenn er sich nicht nach seiner kümmerlichen
„Vie" zu einer ernsteren Leistung aufgerafft und als erster
unter den Publizisten der Zeit den Versuch einer umfassenden
theoretischen Begründung und Rechtfertigung des ligistischen
Parteiprogramms geliefert hätte. Freilich wimmelt auch diese
Schrift, die er ,,De justa Henrici tertii abdicatione e Francorum
regnOj libri quatuor" betitelte und in gelehrtem Dünkel la-
teinisch abfaßte, von gehässigen, stellenweise im Tone der
Ciceronischen Apostrophe gehaltenen Ausfällen gegen die Person
des Herrschers, aber über dem Ganzen wraltet sichtlich das
Bestreben, die schwebenden Fragen der Zeit auf dem Wege
theoretischer Darlegungen zu klären.
Drei Fragen sind es, in deren Beantwortung sich ihm die
Summe politischer Weisheit erschöpft. Haben Kirche oder
Volk in Frankreich oder anderwärts das Recht, einen Herrscher
seiner Würde zu entsetzen ? Darf Heinrich III. abgesetzt
4") Der Verfasser, Dom Bernard de Montgaillard, war der Zeit als der
„Petit- Feuillant" oder „Ftuillant boiteux" bekannt ; vgl. auch Satyre Menippee
(fed. Xodier) I. S. 22.
50) Es genüge Gilbert Genebrard zu nennen. „Genebrard . . . estoit
u/n moine qui neust sceu parier ni escrire im mot, que de sa bouche et
de sa plume ne sortist une injure" (Lestoile I, 2. S. 158a). Seine An-
häiiirliclikeit an die Sache der Liga wurde ihm im Jahre 1592 mit seiner
Ernennung zum Erzbischof von Aix belohnt. Nicerou, der in seinen Memoire*
22. S. I ff . sein Lebeu schildert und eine Liste seiner Schriften gibt, sagt
von ihm: ,,il a faxt paraitre beaucoup d'aigreur et d'emportement, non
seulement contre les Pretendus Reformes, mais encore contre tous ceux qui
etaient opposes ä la Ligue." Besondere Erwähnung bedürfen liier zwei
Schriften: 1. „De Clericis, praesertim Episcopis, qui participarunt in Di-
vinis scienter et sponte cum Henrico Valesio post Cardinalicidium, T. P.
assertio, eiusque illustratio." (Paris 1589.) Französisch unter dem Titel:
„Excommunication des EccUsiastiques, principaleme/d des Eveques, Abbes
et Docteurs qui ont assiste au Service JDivin, sciemment et volontairement,
avec Henri de Valois, apres le massacre du Cardmal de Guise ; traduit
da Latin d'un Docteur, par J. M. Gourbin." 1589, (Die Schrift blieb
nicht unbeantwortet, vgl. Lelong I. S. 486.) 2. „Gilberti Genebrardi, Archi-
episcopi Aquisc.itic/isis. Liber de sacrarum Electionum jure et necessitate
ad Ecclesiae Gallicanae redintegrationem." Paris 1593. (Auf Befehl des
Parlaments in Paris verbrannt.) Entwürfe zu Predigten enthalten die
Handschriften der Pariser Xationalbibliothek ancien fonds fran^ais Nr. 3300
und 3301.
Gesch. d. polit. Lit. Frankr. in der 2. Hälfte d. 16. Jahrh. 301
werden? Ist zu diesem Zweck die Anwendung von Gewalt
erlaubt?
Ohne Bedenken erkennt Boucher dem Papst das Recht
zu, über die Fürsten und Völker zu richten. Ein solches Recht
erscheint ihm so selbstverständlich, daß er auf eine Herleitung
überhaupt verzichtet und sich mit dem Hinweis auf geschicht-
liche Beispiele begnügt. Auch die Volkssouveränität ist ihm über
allen Zweifel erhaben. Das Volk schafft den Herrscher: es
behält auch dann noch, nachdem es dem von ihm Erwählten
die Regierung übertragen hat, seine Rechte unverkürzt in
der Hand und kann selbst über Leben und Tod des Herrschers
verfügen.
Nachdem so die Voraussetzung für weitere Deduktionen
geschaffen ist, tritt Boucher an die Frage heran, ob Kirche
oder Volk Veranlassung haben, von ihrem Absetzungsrecht
gegenüber Heinrich III. Gebrauch zu machen. Es wäre ver-
lorene Liebesmühe, wollte man von seiner leidenschaftlichen
Natur und der Gehässigkeit seiner Gesinnung Objektivität er-
warten Heinrich III. erscheint ihm als ein Ausbund kirchlicher
und weltlicher Laster. Wortbruch, Ketzerei, Simonie, Zauberei,
Gottlosigkeit, religiöse Vergehen und Sünden aller Art und
Schwere hat er sich zu Schulden kommen lassen. Neben das
Register seiner kirchlichen Sünden wird dann das Register
seiner weltlichen Schandtaten gestellt. Treulosigkeit, Tyrannei,
Vaterlandsverrat, Grausamkeit, Unfähigkeit, Undankbarkeit,
Feigheit und Frevel aller Art werden ihm vorgerechnet. Der
Schluß, der sich aus allen diesen wenig erquicklichen, mit
schneidender Kürze vorgetragenen Betrachtungen ergibt, ist
einleuchtend. Heinrich III. muß von der Kirche wie von seinem
Volk der Herrschaft entsetzt werden.
Mit dem Gedanken, daß das Volk über dem Herrscher stehe,
knüpft Boucher wieder an die demokratischen Ideen der
Reformation an. Von Hotman entlehnt er die Betonung des
Rechts der Stände auf die Besetzung des Thrones. Sie müßten
auch diesmal ihres Amtes walten und über Heinrich III. zu
Gericht sitzen, aber ein unerwartetes Ereignis ist dem nor-
malen Gang der irdischen Justiz zuvorgekommen, ein Gesandter
des Himmels hat das Werk Davids an Goliath wiederholt:
Jacques Clement hat zur Freude aller guten Menschen
Heinrich III. ermordet und so ewigen Ruhm geerntet. Boucher
wird von der überraschenden Wendung, die die Ereignisse
durch die Mordtat Clements erfahren haben, nicht weiter aus
der Fassung gebracht. Hatte er ursprünglich seinen ganzen
Gedankengang auf den Nachweis von der Notwendigkeit einer
Absetzung Heinrichs III. zugespitzt und diesem Nachweis
durch eine ausdrückliche Berufung auf die sittlichen Schäden
dieses Königs Nachdruck zu verleihen gesucht, so gibt er
nunmehr, nachdem sein anfängliches Ziel durch Clements
Kurt Glaser.
Mordtat plötzlich hinfällig geworden ist, seinen Gedanken
eine rasche und unerwartete Wendung und fordert — die
Ermordung Heinrichs IV. Die entschuldigenden Redensarten,
mit denen diese Schwenkung begreiflich gemacht werden sollr
verhüllen schlecht die wahren und ursprünglichen Gedanken.
Der Haß gegen Heinrich III. ist der treibende Faktor seiner
politischen Gesinnung. Seine Theorie stellt er ganz auf die
Forderungen seiner Zeit ein und läßt sich allein von seinem
ligistischen Parteieifer leiten. Trotzdem hat seine Schrift ihre
unverkennbare Bedeutung für die ganze theoretische Arbeit
der Liga. Denn sie hat zum ersten Mal die jungen kalvinisti-
schen Vorstellungen von den Rechten des Volkes mit den alten
Lehren päpstlich-kirchlicher Hoheitsrechte verquickt und die
Verknüpfung zweier sich innerlich widerstrebender Prinzipien
zur Geltung eines politischen Programms erhoben. Aber darin
lag von vornherein der Keim zum späteren Verfall. Den
inneren Gegensatz, der die demokratischen Anschauungen der
Reformation von den Ideen der katholischen Hierarchie trennt,
vermochten auch die anderen Publizisten der Liga nicht zu
überbrücken. Dazu war weder die pathetische Berufung auf
die Rechte des Volkes gegenüber dem Herrscher geeignet, noch
die einseitige, übertriebene, allein aus den religiösen Kämpfen
der Zeit erklärliche Betonung der streng katholischen Glaubens-
interessen. Nur die Leidenschaftlichkeit, mit der der Kampf
der Liga gegen die „Tyrannei" Heinrichs III. und dann gegen
die „Ketzerei"' Heinrichs IV. geführt wurde, hat die Geister
eine Zeit lang über die Unmöglichkeit einer Verschmelzung
jener gegensätzlichen Ideen hinwegtäuschen und neue theore-
tische Versuche zeitigen können51).
Auch in den Streit der folgenden Jahre hat Boucher
noch wiederholt entscheidend eingegriffen. Der Übertritt
Heinrichs IV. zum Katholizismus gab ihm neue Veranlassung
dazu. Statt durch den Schritt des Navarra den Hader um
Thron und Religion in einem den Forderungen der Liga ge-
nehmen Sinne für erledigt zu halten, suchte er im Gegenteil
durch eine Verschärfung des Tones und eine Hineinziehung
neuer Argumente den alten Hader wachzuerhalten. In der
nächsten Umgebung des Königs ließen sich damals versöhn-
liche Stimmen vernehmen: es waren die Tage, wo Benoist
und Morenne eine Reihe von Sendschreiben veröffentlichten,
um die öffentliche Meinung zu Gunsten des neuen Königs zu
beeinflussen 5?). Auch auf den Kanzeln wurde ein friedlicherer
B1) Vgl. auch Weill. Les thiories sur le pouvoir roijal en France pendant
les f/um-es de religion. Paris 1891.
52) ..Avertissement de Rene Benoist, envotje aux Paroissiens de Saint
Eustache d Paris." S. Bennys en France 1593; ,.Epi$tre envoyee par
M. Claude de Morenne, Cure de Saint Mederic, aux Catholiques de la Tille
de Paris." 1593: „Discours oü il est moutre qu'il n'est pas loisible au
Gesch. (I. polit. Lit. Frankr. in der 2. Hälfte d. 16. Jahrh. 303
Ton angeschlagen. Da war es wieder Boucher, der als erster
das erlöschende Feuer des Hasses gegen Heinrich IV. zu
schüren begann. Neun Tage lang, vom 1. bis 9. August 1593,
hielt er in Saint-Mery zu Paris eine Reihe von Predigten,
die er dann kurz darauf (1594) unter dein Titel: „Sermons
de la simulie conversion et nullit e de la pretendue absolution
<d Henry de ßourbou, Prince de Bearti, ä S. Denys en France.
le Dimenche 25. Juillet I593u herausgab. Schon der Titel zeigt
an, daß er den Schwerpunkt seiner Ausführungen in den
Nachweis legt, daß Heinrichs Bekehrung eitel Heuchelei sei
und darum als nichtig gelten müsse. Aber wie es seine Art
ist. leitet er seine Darlegungen über diesen Punkt auf das
persönliche Gebiet hinüber und ergeht sich in wilden und
wüsten Schmähungen. Alle Züge von Schlechtigkeit und Ver-
werflichkeit trägt er zusammen, um statt einer Charakteristik
ein Zerrbild seines Feindes zu bieten. Er ist ein „heretique,
un relaps, chef d'heretiques, un sacrilege, un brusleur d'Eglises,
im corrupteur de Nonains, un massacreur de Religieux, et de
Prestres, un ennemy iure de l'Eglise, un </ui n'a fait en sa vie
autre chose, que faire la yuerre ä l'Eglise, d'espandre le sang
des Catholigues . . . un qui de tont temps s'est rebelle' contre la
patrie, a commis tant d actes de fSlonie, introduict les ennemisr
dt ii trouble le repos, et opprime la religion, par le support de
Vheresie, et des heretiques . . ." (S. 146). Das Einzige, was vor
seinen Augen noch einigermaßen Gnade findet, ist seine sol-
datische Begabung. Um so mehr aber ist sein Religionswechsel
das Ziel seines Spottes. Mit der derben Kraft des Ausdrucks
und dem Temperament der Sprache, die noch die leiden-
schaftliche Bewegung des gesprochenen Wortes nachzittern
lassen, schildert er die Bekehrung des Bearnais: „Quelles gens
a on appellez? Quels Theologiens resolus? Quels fermes pilliers
de l'Eglise? Et puis quelles conuocations solemnelles? Quelle
authorite tfintimer? Quelle permission du S. Siege? Quelle com-
munication au Legat? Aa.r Estats? A ceux qui y ont interest?
Et en un faict de teile importanee? Puis quelle für nie d'assemblee?
Quelles graues et excellentes disputes? Quelles resolutions sou-
ueraines? Qu'y a Von fait et traicte? Quels actes? Quels
memoires? Qui en a este le secretaire? Et quelle conuersion
d: 'autre s'y est faite? Quel esclarcissement de doubtes? Quel
fondement de creance? A il eu seul le S. Esprit? N'est il la
renn que pour luy? . . ." (S. 112.) „Quelle cendre? quelle haire?
quels ieusnes? quelles larmes? quels souspirs? Quelle nudite dt
pieds? Quels frapemens de poictrine? Quel visage baisse? Quelle
huiuilite de prieres ? Quelle prostration par fern-, en signe de peni-
Sujet de medire de son Roi, et encore moins de prendre les armes contre
Sa Majeste, sous quelque pretexte que ce soit, par Claude de Morenne, Cure
de Saint- Mederic.'' 1593 (auch in: Memoires de la Ligue VI. S. 31 — 41).
Vgl. dazu Boucher. Sermons S. 159 v ° ff.
304 Kurt Glaser.
teuer ? Les gens </e guerre etnbastonnez, les fifres, les tambours son-
nan8, l'artil'lerie. et escoppetterie, les trompettesetclairons: lagrande
mitte de Gentils-hommes, les Damoiselles paries: la delicatesse
du penitent, appuyi sur le col d'un mignon, pour le gram/ chemin
'l>t'H u auoit ä faire, enuiron de cinquante pas, depuis la parte
de l'Äbbaye, iusqufä la parte de l'Eglise; la HsSe mtil fit, re-
gardant en hault, avec un bouffon, qui estoit ä la fenestre, luy
disant, 'en veux tu pas estreV le rfers, l'appuy, les oreillers,
les tapis semez de fleurs de lys, Vadoration falte par les Prelats,
a celuy qui se deuoit suhmettre, et s' hu milier deuant eux/sont-ee
les traicts de penitence? Ou qui en reit iamais de semblable?"
(S. 337). Dem Verbrechen des Glaubenswechsels stellt Boucher
die Heiligkeit der in sich fest geschlossenen Liga gegenüber.
Ihr Geist ist der der Heiligen Kirche; sie ist die Kirche
selbst55). Sie ist zugleich die unerschütterliche Hüterin der
staatlichen Macht und gewinnt als solche eine besondere
Bedeutung. Das in ihr verkörperte Recht des Widerstandes
der Untertanen gegen die Autorität des Herrschers ist für
Boucher, wie schon in seiner Schrift ,,De justa Henrici tertii
abdicatione" der Inbegriff aller politischen Weisheit. Im
Großen und Ganzen beschränkt er sich darauf, die Gedanken,
die er schon in jener Schrift ausgesprochen, zu wiederholen,
die göttliche Einsetzung des Königtums in Frage zu ziehen
und das Wahlrecht über das Erbrecht der Krone zu stellen.
Nur insofern gibt er dem System seiner demokratischen Ge-
danken eine neue Abrundung. als er hier nach dem tra-
ditionellen Seitenhieb gegen Machiavelli, den „grand Docteur
des atheistes'' (S. 10), dem „Euangeliste de court" (S. U8) ganz
unverhohlen die Gleichstellung des Herrschers mit jedem,
auch dem geringsten seiner Untertanen ausspricht: „II n'y a
rien de moins en l'asme du moindre de tout un peuple qu'en
icelle du plus grand monargue." Die einzige rechtmäßige Ver-
tretung des Volkes sind die Stände; sie allein haben das
höchste Recht im Staate zu beanspruchen. „Quant nur EstatS,
ce sont ceux, en qui naturell ement et originairement, reside la
puissanee et majestS publique, qui fait et establit les Roys, qui
sont par le droit des Gens, et non de droit diuin. ou de nature . . .
La puissanee de Her et dSlier . . . demeurn- aux peuples et
Estats, qui sont eternell ement gardes de souverainete, iuges des
seeptres et des royaumes, pour en estre et Vorigine et la source.
Comme ceux qui ont fait les Roys, non par necessite ou con-
trainte, mais par leur franche volontS. Estant en eux de choisir,
de plusieurs sortes de gouvernemens, celuy qui leur est le plus
utile. Et si bien tel est sur tout, et le plus ordinairement,
53) „Car qu'est-ce autre chose la Ligue, que le Ctcur et les bras de
l'Eglise? — Ce que la Ligue ■penne, dict, faict. respire, n'est autre chose
que l'Eglise . . ." (S. 56).
Geseh. d. polit. Lit. Frankr. in der 2. Hälfte d. t6. Jahrh. 305
celuy de Monarchie . . . ne laisse pourtant ceste liberte de de-
meurer es peuples, pour choisir de leur piain gre, ceste forme
de gouuerner. Mesmes pour destituer, et changer les Rots, selon
que le ras y eschet. Estant en tout veritable, que '•'est des
peuples, que sont les Roys et höh les Roys des peuples. Veu
que le peitple est la base, sur laquelh- le Roy pose. Et sans
laquelle, if n'a ny bras, ny pied, ny iambe, et tomberoit comme
iui Colosse, dont le soubassement est fondu" (S. 15? v°, 158 ru;
vgl. auch S. 183 v ").
Auch an Bouchers politischen Theorien sind die Jahre
des Bürgerkrieges, welche die Ermordung Heinrichs III. von
der Thronbesteigung Heinrichs IV. trennen, nicht spurlos
vorübergegangen. Seine ganze Gedankenwelt ist und bleibt
in dem Haß gegen Heinrich IV. erstarrt. Als im Jahre 1595
Jean Chastel seinen Mordversuch auf Heinrich IV. machte,
griff' Boucher als einer der ersten zur Feder und schrieb seine
„Apologie pour Jean Chastel" 5*). in der er aufs neue seinem
Haß gegen seinen Todfeind Luft macht. Das Zugeständnis
an die Hoheit des Herrschers, mit dem er seine Ausführungen
einleitet, daß die Person eines Herrschers unverletzlich sei,
dient ihm nur dazu. Heinrich IV. in ein möglichst ungünstiges
Licht zu rücken. Der Vorteil, den andere ganz naturgemäß
aus ihrer Würde als Herrscher schöpfen, kann ihm nicht zu
gute kommen, da er ja nur durch Heuchelei zum Throne ge-
langt ist und damit jeden Rechtes, als König geachtet zu
werden, verlustig gegangen ist. Nach wie vor versteift sich
Boucher darauf, daß die Monarchie dein AVillen des Volkes
unterlieg*" und daß das Wahlrecht dem Erbrecht vorzugehen
hat. Das Volk hat die Pflicht, mit den Ketzern aufzuräumen
und muß diese Pflicht im Notfall auch gegen seinen Herrscher
ausüben. Aus solchen Erwägungen heraus, seine Aufstellungen
Schritt für Schritt mit einem umständlichen Apparat gelehrter
und gelegentlich sogar scholastisch-spitzfindiger Erörterungen
begleitend, gelangt Boucher dazu. Chastels Mordanschlag als
eine pflichtgemäße. Gott und den Menschen wohlgefällige
große Tat hinzustellen. Mit stets wachsendem Eifer redet er
sich in eine an Verzückung grenzende Bewunderung seines
Helden hinein. Seine sonst von gehässiger Leidenschaft bewegte
Sprache nimmt fast den Schwung lyrischer Begeisterung an.
Bouchers Ideal ist Philipp II. von Spanien, mit dessen
politischen Absichten sich eben gerade damals zahlreiche
Flugschriften, in günstigem wie in ungünstigem Sinne, be-
schäftigten55^. In seinen Landen suchte er schließlich Zuflucht,
54) 1595. Ins Lateinische übersetzt unter dem Titel „.Jesuita si-
carius" (1611).
55) Vgl. ..L'Anti-Espagnol, ou Brief Discours du but oü tend Philippe,
JRoi d'Espagne, se meslant des affaires de France" 1590; im Jahre 1593
Zuchr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV 5,6. 21
306 Kurt Glaser.
als ihm seit Heinrichs IV. Regierungsantritt der Hoden in
Frankreich zu heiß wurde. Schon in den Schriften aus der
Zeit der Liga hatte er der auswärtigen Politik Philipps II.
seine Anerkennung gezollt und sieh nicht gescheut, nationale
Interessen Frankreichs seinem Fanatismus zu opfern. Mit
der Zähigkeit, die eine durch politischen Eifer geschärfte
religiöse Leidenschaft zu verleihen pflegt, blieb er ihm auch
noch fernerhin treu ergeben. Die „Oraison funebre de
Philippe II" 56), die er dem Andenken Philipps II. widmete,
fließt ganz über von Bewunderung für seine Person und
Politik. Für die Schattenseiten seines Wesens, für die Schäden
seines Systems und die Verbrechen seines gewalttätigen, jede
freiheitliche Regung unterdrückenden Regiments hat der
geschworene Feind Heinrichs IV. in seinem blinden Haß
keinen Blick. In abgöttischer Verehrung für den spanischen
König wird er zum Apostel der Gegenreformation, die er —
merkwürdig genug — in einem mit der Auffassung seines
Helden nicht zu vereinbarenden Sinne zugleich im Namen
der zügellosesten Demokratie predigt.
Vor Boucher treten andere zurück. Sie sind uns vielfach
nur aus den Erwähnungen Lestoiles bekannt57). Allenfalls
verdient noch Jean Porthaise. seit 1589 theologal zu Poitiers,
hier eine Erwähnung. Der Glaubenswechsel Heinrichs IV. gab
auch ihm die Veranlassung zu einer Reihe von Predigten, in
denen er nach der Sitte der Zeit Religiöses und Politisches
verquickte58). Von den neuen Theorien jener Tage ist er
nur wenig beeinflußt, viel weniger jedenfalls als etwa Boucher.
In wesentlichen Punkten ist seine Denkweise geradezu auf
dem engen Standpunkt der mittelalterlichen katholischen
Kirche stehengeblieben. Ohne Bedenken proklamiert er die
Oberhoheit des Papstes über die weltlichen Herrscher. Der
Geistlichkeit spricht er das Recht des Widerstandes gegen
die weltliche Obrigkeit, ja sogar das bedingungslose Ab-
veröffeiitlicht unter dem Titel: „L'anti-Espagnol, ou Exhortatioyi de ceux
de Paris, qui ne se veulent faire Espagnols, ä tous les Frant;ois de leur
Parti, de se remetfre en Vobeissayice du Roi Henri IV. et de se delivrer
de la Tyrannie de Castille." (Auch in : Memoires dcla Ligue IV. S. 211 —
234). Dazu: „Respotise d UAnti-Espngnol semee ces jours passes ä Lyon
de In part des Conjures, qui avoient conspire de livrer la Ville aux Here-
tiques" 1590; „Les feux de joie. de Lyon. Orleans. Bourges et autres villes
qui se sont remises en l'obeissance du Roi; qui est une Exhortation . . .
d l'Espagnol" 1594 (Memoires de la Ligue VI. S. 117 ff.); „Remotdrance
aux Francis" 1594 {Memoires de la Ligue VI. S. 25—30) Auch Dichtungen
irehören hierhin: „Exil et passeport des Jesuit es" 1595 (Memoires de la
Ligue VI. S. 25« 2*0).
M) lfiOO (Bibl. Mazarine Nr. 24 818).
57) Im übrigen vgl. Labitte /. c.
58) „Cinq Sermons du Pere Porthaise, Theologal de Poitiers, de VOrdre
de Sai?tt Francois, sur la simulee Conversion du Roi de Xavarre, pro-
nonces en l'Eglise de Poitiers. l'an Lr>93." Paris 1594.
Gesch. (I. polit. Lit. Frankr. in der 2, Hälftt d. 16. Jahrh. 307
setzungsrecht der Herrscher zu. Dagegen verliert er nur
wenig Worte über die Rechte des Volkes und die Befugnisse
der Stände. Seine Auffassung vom Wesen des Staates ist
klerikal-mittelalterlich, während die Bouchers demokratisch-
ligistisch ist. Der Eifer für die Religion rechtfertigt in Por-
thaises Augen alles, er heiligt selbst den Königsmord
und läßt Clements Tat über alles Lob erhaben erscheinen.
Vor seinem religiösen Fanatismus hat sich Heinrich IV. auch
durch seinen Glaubenswechsel nicht als wirklicher Katholik
ausgewiesen und keinen Anspruch auf den Thron erworben.
Porthaise zerbricht sich den Kopf, wem die Krone eigentlich
zustehe, und zeigt nicht übel Lust, auf die Lockungen Philipps II.
hereinzufallen. An gehässigen, mit den Phrasen von Recht
und Religion schlecht umkleideten Angriffen auf den ,.Bearnaistl
läßt er es natürlich nicht fehlen, wenngleich er es in dieser
Beziehung nicht so weit bringt wie der sich gleich ins Maß-
lose verlierende Boucher. Sein Stil zeigt stellenweise eine
Nachlässigkeit der Ausdrucksweise, die sich, wenigstens soweit
das die Predigten betrifft, aus der lässigen Art seiner münd-
lichen Rede erklären mag59». Im übrigen haftet seiner Aus-
drucksweise eher etwas Trockenes, manchmal sogar Unbe-
holfenes an. Aus der Fülle von Zitaten, über die man jeden
Augenblick stolpert, vermag sich der Gedanke oft nur mit
Mühe durchzuringen. Kräftig, obwohl unbeholfen klingt seine
Stimme aus der Tiefe der Provinz, um rasch zu verstummen,
als die erregten Gemüter der Zeit in versöhnlicher Gesinnung
ihren Frieden mit dem neuen Herrscher zu schließen begannen.
IX. Schluß.
Der gewaltige, stark in die Breite, aber auch stark in die
Tiefe gehende Strom der politischen Literatur konnte nicht
eingeengt bleiben in dem durchwühlten Bett, in dem er
brausend dahinströmte. sondern mußte bald hinüberttuten
auf die übrigen Gebiete literarischen Schaffens. Die Ufer, die
ihn einschlössen, waren doch viel zu flach, als daß sie ein Über-
greifen der stetig anwachsenden Flut hätten verhindern können.
Das menschliche Geistesleben in seinen Tiefen erschütternd,
erschafft sich die Reformation neue Mittel und Wege gedanklichen
59) Porthaise scheute sich nicht, vor seiner frommen Gemeinde lange
Tiraden bretonisclieu Platts als Hebräisch zum Besten zu geben : „. . . pre-
schend au mesme Heu, debitoit impudemrnent ä ses Auditeurs de grandes
Perioden en Bas Breton, son langage maternel, qu'ü leur faisoit passer
pour de V Hebreu; mais il fut decourert par Mr. de Lescalle. qui l'ayant
este oüyr un jour par curiosite. et n'ignorant ny l'Hebreu. ny le Bas
Breton, fit connoistre sa fourbe ä ceux qui l'avoient mene au sermon de
Porthaise" (Jos. Scaliger. Scaligerana. 1695. S. 32'A
21*
308 Kurt i Unser.
Austausche und fügt zu den Gattungen literarischer Betätigung,
welche das 16. Jahrhundert aus früheren Perioden überkommen,
als neues selbständiges Arbeitsgebiet die politische Literatur
hinzu. Aber sie reißt auch die Schranken nieder, welche die
einzelnen Literaturzweige getrennt. Der große geistige Kampf
der Zeit wird bald auch auf allen anderen Gebieten französischen
Schrifttums ausgefochten. Seit dem Eindringen der Re-
formationsideen hört das Renaissanceideal auf. der Literatur
allein Richtung und Inhalt zu geben. Maßgebend wird hin-
fort statt dessen die Stellung, welche die einzelnen Vertreter
zur Reformation einnehmen. Nicht mehr künstlerisch-ästhe-
tische Maßstäbe, sondern religiöse und politische Überzeugungen
bestimmen die Gruppierung, welche sich in der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts innerhalb der französischen Literatenwelt
vollzieht.
Am unmittelbarsten macht sich das geltend in derGeschiclu-
schreibung, die hauptsächlich unter Plutarchs Anregungen
rasch emporblüht und den Stoff, den sie aus der großen Fülle
der Zeitereignisse schöpft, bald in der Form von Denkwürdig-
keiten, bald in der Form exakter historischer Verarbeitung zur
Darstellung bringt. Trotz aller Unparteilichkeit, deren sich
einzelne ihrer Vertreter, wie namentlich De Thou befleißigen,
fließt sie in deutlich wahrnehmbarer Scheidung in eine katho-
lische und in eine protestantische Richtung auseinander, welche
durch die Namen Monluc einer-, und De La Noue anderer-
seits bezeichnet werden.
Auch Montaignes Werk wird sich nicht mehr von der
großen geistigen Arbeit und Richtung der Reformation trennen
lassen, seitdem Armaingaud Montaigne als Verfasser der wich-
tigsten und für die Tendenz der ganzen Schrift ausschlag-
gebenden Partien des „Contr'un" nachgewiesen und in dem
gelehrten Autor der „Essais" einen verschmitzten Feind des
Königtums und einen versteckten Freund politischer Refor-
mationsideen aufgedeckt hat 60). Die Auffassung, welche die
Literaturgeschichte bisher von Montaigne vertreten, bedarf
nach Armaingauds Enthüllungen einer gründlichen Revision61).
Die Wandlung, welche unter der Einwirkung der Re-
formation in der französischen Literatur vorgeht, gibt sich
auch in dem Gegensatz kund, in dem die großen epischen
Leistungen des Jahrhunderts zueinander stehen. Ronsards
60) Zuletzt: ., Montaigne pamphletaire: L'enigme du Contr'un" (Paris
1910).
61) In der Erwartung, daß Armaingaud, wie angekündigt, den Nach-
weis seiner These auch mit sprachlichen Argumenten stützen wird, sei hier zur
Ergänzung von „Montaigne pamphletaire" S. 35, Anm. 1 vorläufig hinge-
wiesen auf die Stelle bei Lestoile I. 1. S. 74: „Le nom de mignons commenca
en ce temps ä trotter par la bouche du peuple, auquel ils estoient fort
odieux ..."
Gesell, d.polit. Lit. Frankr. in der 2. Hälfte d. 16. Jahrh. 309
„Franciade" ist durchaus in antikem Geist gehalten. Das Fehlen
jeder christlichen Inspiration bedeutet keinen geringeren Mangel,
als die sich in einer kindlichen und kindischen Nachbildung
äußerlicher Stilniittel erschöpfende Imitation Virgils. Die
Hugenotten erkannten die Schwäche in Ronsards Werk richtig,
als sie der epischen Leistung eines der Ihrigen zujubelten,
Du Bartas' „Sepmaine" . Die Nahahmung der antiken Vor-
bilder einschränkend, will Du Bartas in christlichem Geiste
dichten. Er will auf seine Zeit wirken, indem er ihren Geist
zu treffen sucht. Der Erfolg hat seine Berechnung nicht ent-
täuscht. Während Ronsards „Franciade" einer raschen Ver-
gessenheit anheimfiel, erlebte Du Bartas' „Sepmaine" in sechs
Jahren dreißig Auflagen und wurde ins Lateinische, Italienische.
Spanische, Englische, Deutsche. Holländische und Dänische
übersetzt.
Du Bartas' „Sepmaine" wird überragt von dem großen
kraftvollen Epos der französischen Reformation, von D'Aubignes
,, Trayiques" .
D'Aubigne ist zweifellos die dichterisch bedeutendste
Persönlichkeit, welche die Reformation in Frankreich hervor-
gebracht hat. Seine ganze Lebensarbeit, als Dichter wie als
Geschichtschreiber, als Soldat wie als Diplomat, hat er an
die Erreichung politischer Ziele und an die Verwirklichung
politischer Ideale gesetzt. Er dichtet nicht um des Dichtens
willen — und doch reicht er an poetischer Kraft an Ronsard
heran, dessen Auffassung vom Beruf des Dichters freilich ihm
zeitlebens fremd geblieben ist; auch als Historiker ist er groß,
er steht ir seiner Zeit nur noch hinter De Thou zurück 62) —
und doch ist ihm die Geschichtschreibung nicht Selbstzweck.
Als Dichter wie als Geschichtschreiber ordnet er sich einer
höheren Aufgabe unter, dem Dienst seiner Partei. Zeit seines
Lebens ist er ein Mann des 16. Jahrhunderts geblieben ; für
seinen leidenschaftlichen Parteieifer hatte das 17. Jahrhundert
kein Verständnis mehr. Erst die Tage der Revolution sollten
wieder Naturen seines Schlages erstehen lassen. Inmitten der
Wandlungen, welche seit der Regierung Heinrichs IV. in den
Verhältnissen in Frankreich und Europa vorgegangen sind,
hat er sich mit Zähigkeit die starre protestantische Gesinnung
bewahrt, welche er in den Wirren der Religionskriege be-
tätigt hatte. Auch seine poetischen Anschauungen wurzeln
zu tief in jener Zeit, als daß die neuen Bewegungen und
Strömungen, welche um die Wende des Jahrhunderts in der
Literatur aufkommen. Einfluß auf ihn ausgeübt hätten. Die
Reformbestrebungen Malherbes, den er noch um zwei Jahre
überlebt hat, sind spurlos an ihm vorübergegangen.
D'Aubignes politischen Ideen kann man nicht immer ge-
62) Vgl. jetzt auch Rocheblave. Agrippa D'Aubigne (Paris 1910) S. 144.
310 Kurt Glaser.
rade eine große Originalität nachrühmen. Seine Forderungen
und Befürchtungen, seine Wünsche und Bedenken sind die
seiner Partei, deren Programm er adoptiert und verteidigt.
Mit dem Eintreten für seine Partei und ihre Interessen glaubt
er die Rechte des Vaterlandes zu wahren. Darum spielt auch
die Widerlegung der gegen seine Partei gerichteten Vor-
würfe eine große Rolle bei ihm. Er führt sie alle einzeln
auf, zergliedert und beantwortet sie63). Seine Beweisführung
bezweckt zu zeigen, daß die Protestanten in ihrer feindseligen
Haltung gegen den König und die Katholiken in Wahrung
berechtigter Interessen gehandelt haben64). Die immer und
immer sich erneuernden Kriege haben stets den Bruch des
einmal mit ihnen geschlossenen Friedens zur Ursache gehabt.
Schon äußerlich tritt das darin zutage, daß er jedes seiner
Bücher mit einem Friedensschlüsse endigen läßt. Seinen Stoff
vergewaltigend, strebt er seinem Ziele zu. Dadurch nimmt
seine Darstellung etwas Gekünsteltes an, aber es deckt sich
diese Anlage seines Geschichtswerkes mit seiner Anschauung
von dem Verlauf der geschichtlichen Dinge, welche jeden Neu-
ausbruch der Bürgerkriege auf die Verletzung des bestehenden
Religionsfriedens zurückführt und der Friedensliebe der huge-
nottischen Partei unbeschränkte Anerkennung zollt. Die Liebe
zum Frieden übt auf seinen kriegerischen Sinn einen geheimnis-
vollen Zauber aus, dessen ganze Stärke ihm in den letzten
Jahren seines Lebens erst recht wieder zum Bewußtsein ge-
kommen sein mag, als er in dem „Caduwe ou Auge de Pataf )
mit einem zu seinem starren kriegerischen Sinne wenig har-
monierenden Eifer noch einmal, zum letzten Mal, zum
Frieden riet.
Die Herstellung und Aufrechterhaltung des Friedens bildet
in seinen Augen das ehrlichste Bestreben der Hugenotten
und ihrer Führer, einen Beweis ihrer aufrichtigen Liebe zum
Vaterland. Es ist ein Gedanke, welcher sich immer und
überall durchringt und seinem Geschichtswerk den Charakter
einer großangelegten Apologie der hugenottischen Partei-
bestrebungen gibt. Den Nachdruck seiner Ausführungen
legt er auf die Rechtfertigung der Haltung seiner Partei gegen-
über dem König und der staatlichen Hoheit. Er greift ein
altes Argument wieder auf, wenn er der anfänglichen Ent-
haltung der Hugenotten von jedem politischen Hervortreten
ihre später so gewaltige politische Betätigung gegenüberstellt
und diese Wandlung in der Parteistellung der Hugenotten
ö3) Vgl. Reaume, Notice biographique et litteraire sur Theodore- Agrippa
D'Aubigne (1883) 8. 87 ff. Exbravat, Agrippa D'Aubigne patriote. These.
Montauban 1888. S.22ff.
64) Vgl. auch „Du debvoir mutuel des roys et des subjects." (Euvrcs
complrtes, §d. Reaume et de Caussade. II. S. 57 ff.
«5) (Kuvres complites II. S. 71—109.
(iisch. d. polii. Lit, Frankr. in der V. Hälfte d. 16. Jahrh. 311
auf die willkürlichen Eingriffe der staatlichen Macht in ihre
religiösen Rechte zurückführt. Ohne Zögern spricht er seiner
Partei klar und deutlich ein Widerstandsrecht gegen die Staats-
gewalt zu für den Fall, daß der Staat in die Religion eingreift
und damit die Gewissen der Untertanen vergewaltigt. Als
überzeugter Hugenott steht auch er ganz auf dem Boden der
Calvinschen Theorie vom Widerstandsrecht der Untertanen gegen
die weltliche Obrigkeit. Über dem Dienst des Königs steht
ihm der Dienst Gottes.*6) Seine Pflichten gegen den Staat
müssen sich seinen Pflichten gegen die religiöse Sache, in
deren Dienst er sich weiß, unterordnen. In dem Widerstreit,
in welchen ihn die politischen und religiösen Pflichten führen,
sucht er einen Ausgleich zu erzielen, der eigentlich immer
nur auf Kosten der politischen Interessen zu erreichen ist.
Seiner Religion bleibt er fest und unwandelbar treu : mit großer
theologischer Sachkenntnis tritt er für ihre Rechte und Lehr-
sätze ein. wie in der Fehde gegen den Kardinal Du Perron 67).
Selbst die enge Freundschaft, welche ihn mit Heinrich IV.
verband, hat ihn nicht vermocht, dem Beispiel des Königs zu
folgen und seine Religion abzuschwören. Die Beharrlichkeit
im protestantischen Glauben, welcher andere Rücksichten
weichen müssen, faßt er in dem Satz zusammen: „ . . . il n'ij
<i rien <l<ms les bontes du Service de Dien que je ne face
avec gayete de coeur et passiona.iS) Seine Sympathie wendet
er seinem Gesinnungs- und Glaubensgenossen La Tremouille
zu. Er lobt die selbstlose Beharrlichkeit, mit welcher er die
Rechte der hugenottischen Partei gewahrt und allen Ver-
lockungen widerstanden hat69). Im Bunde mit ihm widersetzt
er sich der von dem Herzog von Savoyen geleiteten, von dem
Papst und dem Kaiser sowie dem König von Spanien unter-
stützten Unternehmung, welche unter dem Vorwande der
Förderung der protestantischen Interessen die Zerstückelung
Frankreichs bezweckte'0). Auch die Einmischung fremder
Mächte in die Angelegenheiten des Landes hat er stets nur
ungern gesehen, selbst wenn sie der protestantischen Sache
Vorteil zu verheißen schien. Um so mehr mißbilligt er Ein-
griffe fremder Mächte in den Fällen, in welchen die Interessen
des Protestantismus durch das Dazwischentreten des Auslandes
bedroht sind. Seine Abneigung gegen die Liga wird durch
die verräterische Annäherung an Spanien, wie sie die Guisen
gesucht haben, zum Haß entflammt. Und wenn er im Jahre
«6) Vgl. Reaume S. 102 ff. Exbrayat S. 42 ff.
CT) Vgl. auch E. S. A. Gout. Agrippa D'Aubigne theologien. These.
Montauban 1883.
68) (Euvres completes II. S. 695.
69) Histoire Universelle S. 623. Memoires S. 103. Vgl. auch Ex-
bravat S. 43.
70) Histoire Universelle III. S. 670 ff.
312 Kurt Glaser.
1585 unter dem Drucke der Verhältnisse in Unterhandlungen
mit dem spanischen König eintritt, so wagt er einen solchen
Schritt nur in dem Bewußtsein, daß Heinrich von Navarra
die Seele der Unternehmung ist '*).
Wir sehen schon jetzt, welche Haltung D'Aubigne gegen-
über der Frage nach dem Verhältnis von Recht und Macht
eines Herrschers einnimmt. Nicht bloß, daß er mit Calvin
und seiner Schule den Gehorsam gegen den Fürsten durch
die höhere Rücksicht auf Gott begrenzt glaubt, er zieht auch
den Rechten des Fürsten gegenüber seinen Untertanen engere
Schranken. In dem Zwiespalt, zwischen dem durch die Tra-
dition geheiligten Königtum und der von radikalen Gemütern
geforderten „freieren" republikanischen oder aristokratischen
Staatsform zu wählen, entscheidet er sich ohne Bedenken zu
Gunsten der Monarchie, und zwar zu Gunsten der Eib-
monarchie7'-). In dieser Stellungnahme läßt auch der Umstand
keine Änderung eintreten, daß sein persönliches Verhältnis
zu Heinrich IV. vorübergehend erkaltete 7S).
Seine Auffassung vom Wesen des Königtums hat D'Aubigne
in einer umfangreichen Schrift, „Du debcoir mutuel des roys
et de* subjects *) ausführlich dargelegt. Die Schrift bildet
eine Antwort auf die im Eingang aufgeworfenen Fragen : ,,>'/
les traittez, contracts et Conventions entre le Prince et ses sub-
jects soni obligatoires de la part du Prince. — Par uuels moyens
leyitimes le Prince peut estre adstrainct ä l' Observation des Con-
ventions et promesses faites ä ses subjects. — Quelles cautions
et asseurances le peuple peut demander ä son Prince pour l'ob-
'i) Exbrayat S. 48.
72) Lotheissen. Geschichte der französischen Literatur im XVII. Jahr-
hundert I (1877) S. 113 irrt, wenn er ineint. D'Aubigne sei „im Grunde seines
Herzens republikanisch gesinnt". (Einige Seiten später sagt übrigens Loth-
eissen selbst, dieses Urteil einschränkend : „Muß man sich auch hüten,
D'Aubigne moderne demokratische Ansichten unterzuschieben, so . . ." S. 122).
Vgl. jetzt auch Rochehlave S. 139: „Notons qu'il n'est pas republicain."
") Exbrayat S. 37, 38.
74) (Euvres complites II. S. 33—69. Natürlich bringt er auch an
anderen Stellen seine Meinung zum Ausdruck. Auch bei ihm spielt die
seit der Bartholomäusnacht zum stehenden Thema staatstheoretischer Er-
örterungen gewordene Scheidung des Königtums von der Tyrannis eine
große Rolle: vgl. ,,Traitte sur les guerres civiles" II. S. 4 ff. Er billigt
nicht den Satz, „qu'ü n'y a nulle deff'enee legitime des subjects contre les
Princes souverains, ni pour mutiere de religio)/, ni pour cause que ce soit"
(ib. S. 22). In der Abhandlung „Du debvoir mutuel des roys et des subjects''
(II. S. 33— 69) schreibt er: nAya.nt dit ces choses en faveur de la Royauf e,
je serois bien marri qu'elles fussent employees pour la Tirannie et son in-
juste soustien. Nous devons maintenir l Estat soubs lequel nous sommes
nez et respirons, ennemis de sa decadence et du periUeux changement. En
hu mot nous devons tont au Roy et rieu au Tyran. Or pour »iieu.r cog^
noistre la Royaute par l 'Opposition de son contraire qui est la Tyrannie,
il faut 8Qavoir que ceste ci n'est point seulement aux exces et violences
qui diff'ament l? regne, mais en Vinjuste usage du sceptre, quand il veut
posseder ce que le regne nc tient point sous sog" (S. 55). Vgl. ferner Reaunie
8. 96 und Exbrayat S. 38. 39.
Gesch. d. polit. Lit. Frankr. in der :v. Hälfte d. 16. Jahr/,. 313
8ervation des Conventions et promesses. — Si le Prince peut,
sans prejudicier ä son aucthoritS, traicter avec ses subjects des
moyens qu'il convient tenir pour mettre ä entiere execution ce
<jui a este accorde et convenu de purt et d'aütre, et /'nur con-
venir de qualiU des cauüons qui out este promises de la pari
du dict Prince. — Si /es subjects ayans la permission du Prince,
se peuvent asseurer (ou continuer la tenue de VAssemblee con-
voquee pur le Prince), pour adviser aux moyens legitimes de
reparer les contreventions faites aux promesses de leur Printe
et renouveler les cauüons et asseurances que le Prince leur avoit
donnees.u Die Beantwortung dieser Fragen, welche die in jenen
Tagen am meisten umstrittenen Probleme berühren, kommt
fast einer Darlegung seiner gesamten politischen Anschauungs-
weise gleich. Auf Beispiele aus der Bibel gestützt, dabei stets
den Blick auf seine Zeit richtend, führt er aus, dal.) die Völker
ihren Fürsten Gehorsam schulden, daß sie aber die Tyrannei
eines Herrschers nicht zu dulden brauchen: „Nous trouvons
dis le premier regne la Tirannie, et aussi tost contre eile des
justes oppositions""'*). „Ceux <jui mettent en guestion s'il n'y
a auciui refuge juste envers le Prince et aucune deffence juste
du juste refus, ceux la fönt le proces d Darid'' etc. ;6). Wenn
D Aubigne dem Herrscher das Recht bestreitet, in die Ge-
wissen hineinzuregieren. so leitet ihn auch hier wieder nur
seine echt hugenottische Furcht vor der die Gewissen ver-
gewaltigenden Tyrannei. Bei aller Beharrlichkeit, mit welcher
er die Monarchie verteidigt, betont er zugleich die Notwendig-
keit der Unterordnung des Fürsten unter die Gesetze des Staates :
„ . . . nulfcs maxinies et resolution des Doctenrs n'ont exempte
nos Princes naturels des loys de nature qui les avoyent fait
Princes: au contraire ils les ont prononeees y estre subjects et
obligez" "). In scharfen Worten wendet er sich gegen die „belistres
mercenaires, qui ne troucans pas de quoy s'eschauffer pur les
royes communes et honorables. se sont insinuez en la banne grace
des dominateurs, en les coulunt (coiume ils disoyent) mettre hors
de la curatelle des lois." Der Fürst unterliegt den Gesetzen.78)
Durch den Hinweis auf die Königstreue der Protestanten gibt
D' Aubigne seinen Erörterungen einen aktuellen Wert79): er
läßt sie ausklingen in seiner auf religiöser Überzeugung fußenden
Zuversicht auf den endlichen Sieg der protestantischen Sache:
»») ib. S. 42. 76) ib. S. 43. ") ib. S. 47. W) ib. S. 48.
7y) „Je n'ay plus ä parier qu'ä ceux de qui /es doubles feintes des-
couvrent une veritable loschete . . . „Je leur demande qui s'aequitte mieua
de s<m debvoir envers le Boy, ou ceux qui apprenent en lu parole de Dieu
er obxerrent ce qui est den aux Princes, ou ceux qui estudient en leurs
affaires, en la peur de l'e.ril ou de la mort ou en l'esperance des pensions,
ce '/uc leur bouche et leurs plumes doibveid dire et escrire en tordant leurs
consciences et leurs aeurs, s'ils en avoyent. Voyons qui d'eux ou de nous-
n'acquitte mieux de ce debuoir et pourru mieux en resp&ndre devant Dieu"
(ib. S. 62. 63).
MA Kurt Glaser.
.. Nous sommes membres de < lirist puis qu'il parfait ses souffrances
en ses membres ei qu'il veut (es continuer en nous; soyent h
Ciel et le Monde spectateurs du sang que nou< espandons, ei
s'il fitut perir par les flammes, nous jettons nos veues au chemin
qu'elles prenent: flies ironi devant et nous aprSs, et avec elles
dt Vair '/aus les nues; et en perceant le Ciel, nous volerons oh
sunt desjä nos desirs arrivez, a sgavoir au throne de VEternelf
pour lä prendre place, regner et triompher avec les Auges bien-
heureux" .iV)
Die Zuversicht, mit der D'Aubigne an die Lebenskraft
des Protestantismus glaubt81), hat im Laufe der Zeit manche
starke Erschütterungen erfahren unter dem Einfluß der Wand-
lungen, welche der Protestantismus in Frankreich wie im
übrigen Europa durchgemacht hat. Auch den Fall von La
Rochelle hat er noch erlebt. Aber mit der ihm eigenen Starr-
heit der Gesinnung hat er nicht aufgehört, für die Sache des
Protestantismus zu kämpfen. Nichts lag ihm ferner und
widersprach so sehr dem Grundzug seines Wesens als der
Wankelmut, wie er ihn in der Person des Sieur de Sancy
gezeichnet und verspottet hatte. Den Schutz, welchen das
Edikt von Nantes den Protestanten gewähren sollte, hat er
nicht allzu hoch eingeschätzt; er war einer der ersten, der
erste vielleicht, der das vielgefeierte und vielbekrittelte Ge-
setz in seinem Wert und Unwert richtig erkannt hat82).
Auch D'Aubignes Beispiel zeigt, wie aus den Kämpfen
des 16. Jahrhunderts die politische Theorie schließlich mit
dem Sieg des monarchischen Gedankens hervorging. Zweifellos
war an diesem Ergebnis die Entwicklung Schuld, die die
politischen Verhältnisse in Frankreich seit der Thronbestei-
gung Heinrichs IV. genommen hatten. Aber ebenso gewiß
ist auch, daß Bodins gewaltige, alle anderen Werke über-
ragende theoretische Leistung daran nicht unbeteiligt war.
Für die Sache des nationalen Königtums eintretend, hilft die
„Satyre Menippee" das Recht der Monarchie erstreiten. Von
den gelehrten Erörterungen der „Six livres de la Bepublique"
laufen manche Fäden hinüber zu dem herzerfrischenden. Leben
atmenden Ton, in dem sie die Liga und ihre Pläne dem
öffentlichen Gelächter preisgibt und die Stände zum Gegen-
stand ihres Spottes macht. Was Bodin als Postulat hoher
Theorien ausgesprochen, das verkündet sie als Forderung des
gesunden bürgerlichen Verstandes. Für Heinrich ]\. bedeutete
so) ib. S. <>9.
81) ., . . . vous verrez que l'esprü de Dieu a tousjours cu sa force,
qu'il la communique ä son Eyli.se. et puis qu'il l'honore des triomphes passez :
il n'est pas las d'elle. il la tient par la main et la relevera au-dessus de
ses ennemis" {„Traute sur les guerres ciwles.1' (Euvr. compl. II. S. 12).
8S) Histoire universelle III. S. 730 ff. : varl. auch Reaume S. 92.
Gesch. d. polit. Lit. Frankr. in der 2. Hälft? <l. in. Jahrh. 315
sie ..inte nutre bataille d'lorij, une victoire definitive sur
l'opinion." 83)
Die Theorien der Liga waren letzten Endes eine wüste
Reaktion gegen eine Uisziplinierung des Staates in Bodins
Sinne gewesen. Seitdem aber Heinrich IV. über die Liga
triumphiert, mehren sich die Stimmen, die für die Neuordnung
des Staates unter der Hoheit einer starken Monarchie ein-
treten. Jetzt erst kommt der Augenblick, wo sich Bodins
Gedanken — natürlich mit der immer unvermeidlichen
Einschränkung — wirklich durchsetzen. Der Absolutismus
Richelieus und Ludwigs XIY. wird in einseitigerer und radi-
kalerer Form, als es das Königtum Heinrichs IY. gewesen war,
die Verwirklichung des Bodinschen Ideals einer starken
nationalen Monarchie.
Keiner von allen denen, die unter Ludwig XIII. und
Ludwig XIV. über König und Volk, über Staat und Kirche
geschrieben, kann sich an Reichtum und Tiefe der Gedanken
mit Bodin messen. Das klassische Zeitalter der französischen
Literatur ist trotz alles strahlenden Glanzes eine Periode
des Stillstandes. Selten hat die Gestaltung der staatlichen
Verhältnisse den politischen Theorien mit gleich zwingender
Gewalt die Richtung gewiesen. In die Verherrlichung des
absolutistischen Regierungssystems klingen nur schwache
Zweifel und Bedenken hinein. Es fehlt der Theorie die
schöpferische Kraft, welche sie befähigt, sich über die Ver-
hältnisse zu erheben und neue Bahnen zu erschließen. Unter
dem jede freiere Regung lähmenden despotischen Druck hatten
die Theoretiker nicht die Möglichkeit, mit ihren Gedanken
in die Tiefe zu gehen. Sie waren allein auf die Bewunderung
angewiesen und blieben an der glänzenden Oberfläche haften.
So trugen ihre Theorien, wie jedes einseitig überspannte, auf
Äußerlichkeiten gerichtete Staatsideal, von vornherein den
Keim des Verfalles in sich.
Die Kräfte, die zur Zersetzung führen sollten, sind aus
dem Rationalismus geflossen, welcher schon früh 8*) in zahl-
reichen vereinzelten Anzeichen zutage getreten war, aber
erst im 18. Jahrhundert im geistigen und literarischen Leben
zur Herrschaft gelangte. Hatten die politischen Theoretiker
des 16. Jahrhunderts, von religiösen Ideen ausgehend, im
Namen der durch die Reformation gebrachten, von katholischer
Seite widerstrebend genug hingenommenen geistigen Freiheit
die engen Schranken der kirchlichen Theokratie des Mittel-
alters durchbrochen, so kommen die des 18. Jahrhunderts aus
der rationalistischen Sphäre her und gründen ihre Systeme
8») Labitte S. 106.
84) Vgl. Lechler, Geschichte des englischen Deismus (1841). 8. 11 ff.
316 Kurt Glaser.
auf die allen Menschen zugänglichen Grundgesetze der Ver-
nunft. Die religiöse Aufklärung wird von der rationalistischen
abgelöst. Die Forderung der Gewissensfreiheit, welche das
Reformationszeitalter im Namen des Glaubens erhoben und
durch den Mund von L'Hospital und Pasquier auch in der
Politik verkündet, wiederholt das 18. Jahrhundert im Namen
der Vernunft. Auch die Vertragstheorie, an deren geschicht-
licher Herleitung sich die „ Vindiviae" und nach ihnen noch
andere85) abgemüht hatten, gewinnt mit einem Schlage eine
folgenschwere, die gesarate Grundlage und Richtung der
politischen Theorie verschiebende neue Bedeutung, seitdem
die Naturrechtsschule die historische Deduktion der Vertrags-
theorie über Bord wirft und ihre Theorien auf die allen
Menschen zugänglichen, von ihnen allgemein anerkannten
Gesetze der Vernunft gründet und den auf der Basis der
natürlichen Vernunft abgeschlossenen Vertrag als die Form
der Entstehung des Staates begreifen lehrt.
Das. was das 16. Jahrhundert geleistet hat, wird von: dem
18. in neuem Geiste weitergeführt. Beide Jahrhunderte stehen
sich näher, als es aus der Ferne scheinen möchte. „Die näher
liegenden A^eranlassungen. die eigentlich vorbereitenden und
bedingenden Momente [in der Herausbildung des Deismus]
beginnen mit der Reformation." 86) Der Rationalismus war
überhaupt erst möglich, seitdem die Reformation die Erörterung
religiöser Fragen im Namen des Gewissens und der persön-
lichen Verantwortlichkeit in Fluß gebracht und im Namen
des Fortschritts das Recht freier Forschung auf religiösem
Gebiete wie auf anderen Gebieten erkämpft hatte. Dem Ra-
tionalismus arbeitete die Reformation vor, indem sie der
Glaubenseinheit des Katholizismus den Todesstoß versetzte und
endgültig mit der dogmatischen Gebundenheit brach, in der
die mittelalterliche Kirche alles religiöse Leben festgebannt
hatte.
Bei allem vorherrschenden Drang zu religiöser Vertiefung
und Verinnerlichung liegt in der Reformation ein starker
Einschlag kritisch-verstandesmäßiger Elemente. Erst indem
die Reformation nach beiden Seiten hin — nach der religiös-
innerlichen wie nach der kritisch-verstandesmäßigen — ihre
Wirkung ausübte, hat sie sich in dem vollen Umfang ihres
innersten Wesens entfaltet. Während sie durch ihre den
Glaubensfragen zugewendete religiöse Grundrichtung den An-
stoß zu einer Auffrischung und Vertiefung des religiösen Lebens
— und zwar nicht bloß im protestantischen, sondern auch im
85) Vgl. Treumann. DU Monarchomachen. Heidelberg. Diss.. 1895.
S. 52 ff.
»«) Lechler S. IG.
Gesch. (I. polit. LH. Frankr. in der 2. Hälfte <l. 16. Jahrh. 317
katholischen Lager8") — gab und so in frommer Betätigung
eine rein verinnerlichende stille Arbeit leisten half, deren
Würdigung einer Geschichte des religiösen Lebens in Frank-
reich vorbehalten bleiben muß, ist dem Kritizismus der
Reformation eine ungleich geräuschvollere Laufbahn beschieden
gewesen. Er hat sich weite Gebiete des geistigen Lebens
erobert und in der Form des Freidenkertums eine neue
mächtige Weiterbildung erfahren. In dieser letzteren Ent-
wicklung hat die politische Literatur eine entscheidende Rolle
gespielt. Denn in ihr ist zum ersten Mal die bewußte Ver-
quickung des Religiösen mit dem Weltlichen in weitestem
Umfang zur Tat geworden ; in ihr ist zum ersten Mal, außer-
halb des engen religiösen Gebietes, der Zweifel dem Autoritäts-
glauben mutig entgegengetreten. Im 16. Jahrhundert lernte
es der Franzose, über Staat und Politik nachzudenken, das
menschliche Wollen den gegebenen Bedingungen menschlichen
Daseins gegenüberzustellen und so sich an dem großen Gegen-
satz zu erproben, dessen Lösung das 18. Jahrhundert im Zu-
sammenhang mit anderen allgemeinen Ideen erneut versuchen
sollte. Es ist kein Zufall, daß in der markantesten und viel-
seitigsten Persönlichkeit, welche die politische Literatur Frank-
reichs in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hervorgebracht
hat. in Jean Bodin. bereits ein Freidenker steckt. Er. der
Sohn einer spanischen Jüdin, schwankt zwischen Reformation
und Katholizismus hin und her. setzt sich geflissentlich über
alle Religionen hinweg und schreibt in seinem „Colloquium
Heptaplomeresu das erste deistische Buch Frankreichs.
In die buntschillernde Gedankenwelt des 16. Jahrhunderts
läßt die Beschäftigung mit den politischen Fragen der Zeit
manchen belebenden, aber auch manchen wieder rasch er-
sterbenden Strahl hellen Lichtes fallen. Die politische Literatur
ist der Spiegel, der alle jene zahlreichen wichtigen wie nichtigen
Ideen in buntester Brechung reflektiert und bis in entfernte
Winkel der französischen Literatur hineinwirft. An dem
großen Fortschritt, welchen das 16. Jahrhundert auf allen
Gebieten geistigen und literarischen Lebens erreicht hat, darf
auch die politische Literatur ihren Anteil beanspruchen. Die
Nachwirkungen, welche sie hinterlassen, sind begreiflicherweise
nicht gleichmäßig stark und nachhaltig gewesen. Neben
Bleibendem steht so vieles, was der Augenblick geboren und
was nur für den Augenblick Wert hatte. Erst die Folgezeit
87) Vgl. Brunetiere. flistoire de la litterature fran^aise classique II.
S. 79 ff.
'Mh Kurt Glaser.
Bollte »las Dauernde von dem Vergänglichen unterscheiden
lehren. Aber dann sollte es sich auch mit überraschender
Deutlichkeit offenbaren, wie die politischen Theorien des
16. Jahrhunderts mitgeholfen hatten, eine feste und sichere
Grundlage zu legen, welche, den formenprächtigen, aber ideen-
armen Klassizismus überdauernd, den französischen Geist in
die (Tedankenfrische der Aufklärung hinüberretten konnte
und an der Ausgestaltung der Ideenwelt des 18. Jahrhunderts
selbst recht wesentlich Anteil zu nehmen befähigt und be-
rufen war.
Marburg i. H. Kurt Glaser.
Satzobjekte und Objektoide im Französischen.
1. Analyse des Begriffes „Ob j ektoid".
Die neueren syntaktischen Arbeiten auf dem Gebiete des
romanischen Satz- und Periodenbaues, die, größtenteils aus
dem Seminar der Universität Göttingen hervorgegangen, durch
ihre systematische Anlage und sorgsame Durchführung im
Ausbau der romanischen Syntax einen wesentlichen Fort-
schritt bedeuten, haben namentlich das Grenzgebiet zwischen
den syntaktischen Grundbegriffen „Satz", „Wortgruppe" und
„Wort" in ein ganz neues Licht gerückt. Nachdem u. a.
schon Erich Müller Die Vergleichsätze im Frz. 1900, Bruno
Heinrichs Die Modalsätze im Frz. 1903, 0. ßohte Die Kausal-
sätze int Frz. 1901, C. Busse Das finale Satz Verhältnis in der
frz. Sprache 1905, Jul. Körte Die beziehungslosen Relativsätze im
Frz. 1910, auch jene Wortgruppen beachtet hatten, welche die
Funktionen von Nebensätzen ausüben, ohne durch ein Verbum
finitum äußerlich als solche charakterisiert zu sein, haben
kürzlich Friedrich Änderten Der verkürzte Hauptsatz im Frz.
1912 und August Schmedtper Die verkürztot Nebensätze im
Frz. 1912 eine zusammenfassende Darstellung des Problems
der sogenannten Satzkürzungen zu bieten gesucht. Namentlich
ersterem ist es gelungen, unseren Horizont in der Frage: „Was
ist ein Satz?" bedeutend zu erweitern, während Schmedtper eine
m. E. schwierigere und in der Prinzipienlehre der rorn. Syntax
tiefer wurzelnde Seite der gleichen Frage trotz mancher
vortrefflicher Einzelleistung nicht mehr völlig zu umspannen
vermochte. Das Problem der „verkürzten Nebensätze" ist nicht
bloß nach der Richtung abzugrenzen „was ist noch ein (Neben-)
Satz?" sondern noch in jener zweiten, welche untersucht, ob
das Residuum, das aus einer Verkürzung eines Nebensatzes
übrig bleibt und das wir als Satz anzusprechen nicht mehr
geneigt sind, einen integrierenden Bestandteil des zugehörigen
Hauptsatzes bildet, oder aber nach Art der Flickwörter als
parenthetischer Einschub zu betrachten ist und mit dem
Hauptsatz mithin in loserer Verbindung steht. Im ersten
Falle werden die verkürzten Nebensätze in der Regel in so-
genannte Satzobjekte übergehen und in der Tat sind die
Grenzen zwischen einem du pain (il na pas du pain) und
de qitoi vivre (il n'a pas de guoi vivre) sans doute und sans
s'en doutet'j pour moi und pour prendre conge oft so unmerk-
Karl //. von Ettmayer.
lieh, daß es wohl besondere präziser Begriffsdefinitionen zu be-
dürfen scheint, um das Gebiet des Satzbaues und des Perioden-
baues bzw. des „einfachen" und „zusammengesetzten" Satzes
auseinander zu halten Im zweiten Falle wird der ,. verkürzte1'
Nebensatz, und bestünde er bloß aus einem Adverb oder einer
Konjunktion, seines Satzcharakters nie verlustig gehen.
Dieser Frage ist bisher noch nicht die Aufmerksamkeit zu-
gewendet worden, welche sie m. E. verdient; und ich will
zunächst rein formalistisch vorgehen und durch Definitionen
diejenigen sprachlichen Ausdrucksmittel, welche als reine
Satzobjekte aufgefaßt werden können, von den objektartigen
verkürzten Nebensätzen zu unterscheiden suchen. Diese sind
es, welche ich als Objektoi'de bezeichne. Nach Erledigung
der formellen Seite werde ich dann versuchen, eine theoretische
Erklärung des Tatbestandes zu bieten, und das „Objektoid"
als eine eigene Kategorie syntaktischer Ausdrucksmittel dar-
tun, das weder als „Nebensatz'* noch als Objekt genommen
werden darf.
Den ..Satz1', den man in so vielerlei Weise „auffassen"
kann, ohne daß eine „Definition"' die nächste ausschlösse,
will ich in folgendem als einen biologischen Vorgang be-
trachten, der beim Aussprechen eines Satzes tatsächlich vor-
liegt. Etwa im Sinne Wund ts können wir in einem solchen
Falle beobachten, daß die wandernde Aufmerksam-
keit eine Gesamt Vorstellung im Wege einer
sprachlichen Ausdrucksbewegung gliedert. Ge-
fesselt wird die Aufmerksamkeit in der Regel durch einen
Vorgang (verbale Sätze), den wir bald als Aktion (Tätig-
keit, Transivitum) bald als Status (Zustand. Passivum) er-
fassen. Den sprachlichen Ausdruck hierfür bezeichnet die
Syntax als Prädikat und bedient sich in den idg. Sprachen
zu dessen Wiedergabe meist des Verbum finitum. Seltener
tritt eine Gliederung einer Gesamtvorstellung ein. ohne daß
an einen Vorgang in derselben angeknüpft wird (nominale
Sätze): man begnügt sich dann, einzelne Teile einer Gesamt-
vorstellung zu distinguieren. Die Gesamtvorstellung als solche
kann beim Ausdruck durch einen Satz entweder einer beson-
deren sprachlichen Bezeichnung entbehren (subjektlose Sätze),
oder aber durch eine Teilvorstellung, die dem Sprechenden zur
Charakterisierung des verbalen Vorganges besonders wichtig
erscheint, gewissermaßen „vertreten": charakterisiert
werden (Subjekt), während wir alle übrigen TeilvorstelIungen;
welche geeignet erscheinen, die Natur des zu schildernden
Vorganges besser zu verdeutlichen (zu präzisieren), als Ad-
verbien oder, was m. E. syntaktisch gleichbedeutend ist, als
Satzobjekte bezeichnen. Ein gewisser Unterschied zwischen
Adverb und Objekt besteht allerdings; er ist jenem ähnlich,
durch den wir Adjektiva von Substantiven unterscheiden, die
Satzobjekte und Objektoide im Französischen. 3*21
■wir ja beide unter dem Begriffe „Nomen1"' zusammenfassen:
In den Objekten erkennen wir mit großer Bestimmtheit
„abgegrenzte" Teile einer Gesamtvorstellung, während uns
in den Adverbien der zwischen Teilvorstellung und Gesamt-
vorstellung bestehende Zusammenhang deutlicher zum Be-
wußtsein kommt. Die „Einheit" eines Satzes in einer Rede
•erscheint uns dadurch gegeben, daß ihr immer nur eine
einzige Gesamtvorstellung zu Grunde liegt, die zwar in
kontinuierlicher Veränderung begriffen sein kann, insofern sie
auch Vorgänge umschließt, die wir aber trotzdem als etwas
Einheitliches empfinden, insofern wir auch einen Vorgang
als etwas Einheitliches zu erfassen gewohnt sind. Fehlt
unserem Verständnis dieses Einheitsbewußtsein, so sprechen
wir von einem in Raum und Zeit projizierten „Vorstellungs-
verlauf" und nennen den sprachlichen Ausdruck desselben
eine Satzfolge oder eine Periode. Auch hier spielt wieder
die Aufmerksamkeit die Hauptrolle, welche in einem be-
stimmten Augenblicke immer nur einen einzigen Vorgang
zu erfassen befähigt ist. Wir wissen zwar sehr wohl, daß
sich viele „Ereignisse" gleichzeitig abspielen können, die unter
unserer Bewußtseinsschwelle verharren, bis der gerade domi-
nierende Vorgang die Aufmerksamkeit freigibt. In diesem
Augenblicke löst ein neuer Vorgang den verblassenden ab:
das ist das biologische Moment, wo der „Satz" zur „Satz-
folge" wird.
Diese theoretischen Auseinandersetzungen mußten vor-
ausgeschickt werden, um darzutun, daß es sich bei der Ab-
grenzung der Objekte von den Objekto'fden im Grunde um
eine Bewußtseinsfrage handelt. Wenn es z. B. Aue. 8, Z. 5
(ed. Suchier) heißt: Et li cris lieve et la noise et li cevalier et
li serjant s'arment et qeurent as partes et as murs por le castel
desfendre ... so liegt ein Vorstellungsverlauf zu Grunde, in dem
wir zunächst zwei Vorgänge deutlich unterscheiden: li cris
lieve, — li cevalier . . . s'arment; — der folgende dritte et qeu-
rent ... as murs spielt sich in der nämlichen Gesamtvorstellung
ab wie der zweite. Denken wir uns den Vorgang 2 und 3 in
zeitlicher Sukzession, so werden wir vielleicht trotz dem ge-
meinsamen Subjekt den sprachlichen Ausdruck der beiden
Vorgänge als zwei Sätze erfassen. Denken wir aber das
arment ... et qeurent als gleichzeitige Ereignisse, also
als einen Ausdruck, dem eigentlich ein einziger kompli-
zierter Vorgang zu Grunde liegt, für dessen Wiedergabe sich
der Dichter mehrerer Verba bedienen mußte, so werden wir
auch nicht anstehen, eine einzige Gesamtvorstellung, die nur
in einem Satze zum sprachlichen Ausdruck kommt, fest-
zustellen. Wie steht es nun mit der Wendung: por le castel
■desfendre? Auch hier besteht eine Alternative: — ist unsere
Aufmerksamkeit rege genug, einen Vorgang 4 uns zum Be-
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV 5/6. 22
322 Karl /.'. v. Ettmayer.
wußtsein zu bringen, d. h. eine neue Gesamtvorstellung
in uns zu erwecken, von den ceraliers et serjanz} die nicht
mehr herumlaufen und ihre Waffen anlegen, sondern bereits
auf Mauern und Türmen stehen, oder gar schon mit dem aiv-
stürmenden Feind im Kampfe liegen, so werden wir die
fragliche Wendung wohl auch als einen eigenen Satz, einen
wirklichen finalen Nebensatz erfassen, der den Vorstellungs-
verlauf weiterführt. Haftet aber in unserem Bewußtsein
die Vorstellung vom Troubel des Alarms zu fest, so daß in
den mit por eingeleiteten Worten uns nur zum Bewußtsein
kommt, in welchem Interesse sich der Vorgang 2 (bzw. 3)
abspielt, als stünde etwa por lu desfense du castel, so liegt
ein einfaches Satzobjekt und zwar eines des Interesses vor.
Das por le castel desfendre stellt also ein syntaktisches Ge-
bilde dar. das gewissermaßen zwischen Objekt und Nebensatz
die Mitte hält, insofern es notwendig weder im einen noch
im anderen Sinne verstanden werden muß. Es hält die
Mitte zwischen einem verbalen Vorgang und einem nominalen
Objekt: und darum bezeichne ich es als ein, in diesem Falle
finales, Objektoi'd.
Tiefer als die eingangs erwähnten jungen Syntaktiker,
welche sich um die Erkenntnis der Objektoide so manches
Verdienst erworben haben, hat der Sohn des hier besonders
hochverdienten Leiters des Göttinger Seminars Erwin
Stimming in seiner durch den frühen Heldentod ihres Ver-
fassers überaus schmerzlich berührenden Hallenser Dissertation:
Der accusativus c. infinitivo im Frz. (Bhfte d. Z. f. r. Ph. 59)
geschürft, der einen zur Erforschung der Objektoide gerade
im Romanischen besonders auffallenden und wichtigen Fall
einer vorbildlichen Lösung zugeführt hat. St. geht vom richtigen
Gedanken aus, daß der rom. Infinitiv, dessen typische Domäne
seit jeher die der Objektoide war, von seiner bald mehr ver-
balen, bald mehr nominalen Verwendbarkeit nichts eingebüßt
hatte, daß im Gegenteil gerade das Umgangslatein das ur-
sprüngliche Schwanken des Inf. zwischen Verbum finitum und
Objekt treuer festhielt als das einer größeren Präzision des
Ausdruckes beflissene klassische Latein, weshalb auch der
rom. Infinitivgebrauch dem Altlatein syntaktisch vielfach näher
steht als jenem Ciceros. Es ist hier wohl nicht der Ort, die
sehr weit gehende Theorie, die St. in dieser Hinsicht aufbaut
(1. c. p. 70) und die in einer sehr radikalen Ablehnung des
klassischen Lateins als Bildungsfaktor des Romanischen gipfelt,
zu erörtern. Speziell für den Infinitiv ist aber seine Auffassung
des im klass. Latein vorwiegend ,, verbalen", im Romanischen
wie im Volkslatein häufig „nominalen", genauer „objektoi'den"
Infinitivs vollauf berechtigt. Ist doch ursprünglich der acc. c.
inf. aus einem doppelten Objekt (sog. doppeltem Accusativ
d. i. Personalobjekt -f- Infinitivobjekt) dadurch entstanden,.
Satzobjekte und Objektonle im Franzözischen. 328
daß das Inf.-Objekt die Funktionen eines Prädikats gegenüber
dem Personalobjekt annahm. So wurden die zwei Objekte,
die zunächst lediglich einen verbalen Vorgang kausativen
Charakters (1. c. p. 7) näher bestimmen sollten, zu einem ei-
genen, dem kausativen Verbum untergeordneten Nebensatz
zusammengeschlossen. Diese überaus einleuchtende Theorie
führt St. dann weiter: daß der lt. acc. c. inf. noch verbis dicendi.
cogitandi. sentiendi u. a.. wo der finale Gehalt des Objektoids
am ehesten verloren gehen mußte, aus einem einfachen Inf.-
Objekt, das für das vorliterarische Latein anzunehmen ist,
und später durch den acc. c. inf. verdrängt worden ist,
hervorgegangen sein muß; wobei etwa Truc. 65<t quaerit
patrem, dico esse in urbe eine Übergangsstufe markieren
könnte. Ich meine, daß hier jener Infnitivgebrauch maßgebend
war. den auch die rom. Sprachen kennen und den ich als den
sii 11 positiven Inf. bezeichne. Jeder finale Gedanke beruht auf
einer „Annahme" (Suppositio) einer beabsichtigten Wirkung,
so daß die Ausdehnung des Tnf.-gebrauchs auf verschiedene
„Annahmen", auch wenn der damit verbundene „ZweckL'ge-
danke des ursprünglich finalen Infinitivs nicht mehr vorhanden
ist. gar leicht erklärlich wird, und der finale Inf. selbst all-
mählich auch rein potentialen (bzw. bei negativen Annahmen
sogar irrealen) Sinn annehmend, einem potentialen bzw.
irrealen Konjunktiv fast gleich kommen konnte: Cic. ep. 5. 12. 5
ei dictum est clipeum esse salvum. Quint. inst. 1. 2, 21 discipulus
audiet multa cottidie probari, mülta corrigi. Solche suppositive
Infinitive stellten sich schließlich bes. bei den verbis sentiendi
sogar zum Ausdruck reiner Tatsachen ein, übernahmen also
geradezu die Funktionen eines Indikativs. So war es der
Schritt vom finalen zum suppositiven Infinitiv, der den ver-
balen Charakter desselben mehr und mehr hervortreten ließ,
so daß dem Lateiner eine Subjektsbezeichnung zu dem im
Inf. ausgedrückten verbalen Vorgang fast zum Bedürfnis wurde.
Mit der Erweiterung des Inf. zum accus, c. inf. begann da&
Latein einen aktiven und einen passiven Inf. zu unterscheiden,
für die es eigene Formen prägte, und ging sogar soweit, per-
fektische und futurische Aktionsarten anzudeuten, lauter Tat-
sachen, die St. richtig eingeschätzt hatte. So war das verbale
Objektdoid. das der acc. c. inf. ursprünglich darstellte, einem
eigentlichen Nebensatz mit Verbum finitum im Schriftlatein
völlig gleichwertig geworden, und wir können nur eine seit
dem Altlatein geradlinig- eingehaltene syntaktische Entwick-
lungsrichtung darin erblicken, daß schließlich gerade der sup-
positive Infinitiv durch den suppositiven (potentialen bzw.
irrealen) Konjunktiv eines meist neutralen Relativsatzes oder
durch den Indikativ der Tatsächlichkeit ersetzt wurde, d. i.
daß der acc. c. inf. sich in den sogenannten „Objektsatz'' ver-
wandelte. Die von Löfstedt Komm. p. 251 besprochenen,
22*
324 Karl R. v. Ettmayer.
durch itt oder fftcoi eingeleiteten acc. c. inf. sind nicht Kon-
taminationen zweier verschiedener syntaktischer Strömungen,
sondern viel eher Zeugen eines organischen Überganges vom
acc c inf zum reinen Nebensatz. Dieser letzte Gedankengang
steht mit Stimmings Auffassung allerdings nicht mehr in Ein-
klang (vgl. z. B. p. 20. der aus dem richtig erkannten „ver-
balen1' Charakter des lt. acc. c. inf. a contrario einen „nominalen
der romanischen Konstruktionen ableitet, was zu weit geht,
da vielmehr der „objektoide" Charakter des rom. Inf. den
wahren Gegensatz zum Latein besser feststellt. Es stimmt
doppelt wehmütig, daß Stimming selbst an der wissenschaftlichen
Diskussion, die er mit glänzenden Gaben und echt deutscher
Gründlichkeit eingeleitet hatte, sich nicht mehr beteiligen kann.
Unter ähnlichen Voraussetzungen, wie sie St. angenommen,
stelle ich mir den Übergang vom lt. acc. c. inf. zum Romanischen
doch etwa in folgender Weise vor : Einerseits war es nicht
die eigentliche Vulgärsprache, sondern die spätlateinische
Sprache der Gebildeten (soweit sie nicht reinen Ciceroniams-
mus nachäffen wollten), die in in konsequenter Fortentwick-
lung den acc. c. inf. allmählich zum Objektsatz umgestaltete.
Anderseits hat allerdings auch eine rein volkstümliche syn-
taktische Neigung in hervorragender Weise am Untergang
des lt. acc. c. inf. mitgewirkt: der zunehmende Gebrauch
formaler Hilfsverba zur periphrastischen Wiedergabe verbaler
Vorgänge. Wie die spätlat. Häufung der Pronomina, Prä-
positionen. Konjunktionen, so entsprang auch die zunehmende
Verwendung der Auxiliarverba dem Streben nach binntallig-
keit da die'älteren lat. Ausdrucksmittel für zahlreiche Aktions-
arten (Iterativum, Facti tivum.lncohati vum.Terminati vum,Opta-
tivum Deliberativum) allmählich so abgebraucht wurden, daß
ihre Umschreibung durch Ire, coepi, venire, posse, habere, de-
bere usw. mit einem finalen Objektoid (Infinitivobjekt) mehr
und' mehr in den Vordergrund trat. Derart errang das In-
finitivobjekt eine neue hervorragende Bedeutung. Im Peri-
phrasticum dasselbe zu einem acc. o. inf. umzugestalten, lag
natürlich kein Anlaß vor. da ein eigener Ausdruck des han-
delnden Subjektes überflüssig erscheinen mußte Wohl aber
müssen die nunmehr zahlreich auftretenden einfachen Inhnitiv-
objekte auf den alten acc. c. inf. zerstörend eingewirkt haben,
da das Unterdrücken einer Subjektsbezeichnung zum Ob-
iektoid, wo angängig auch auf diesen übertragen wurde.
Daß das Infinitivobjekt auch im spätesten Latein noch kern
.nominales11 war, daß es vielmehr immer noch vom Objektoid
so viel in sich trug, daß es mit rein substantivischen Objekten
nicht auf eine Stufe gestellt werden konnte, erschließe ich
einerseits aus seiner häufigen Gleichstellung mit dem Gerun-
dium, anderseits aus dem im Romanischen neu auftauchenden
Dativ c inf. Allerdings ist im Verlaufe der romanischen Ent-
Satzobjekte und Objektoide im Französischen. 325
wicklung das Objektoid, das der Infinitiv seit jeher darstellte,
mitunter zum reinen Objekt herabgesunken, u. a. durch die
zunehmende präpositionale Konstruktion (j'ai a faire, je suis
(>our dire usw.) zum Ausdruck kommt, aus der hervorgeht, daß
der präpositionslose Infinitiv mehr und mehr einem Tran-
sitivobjekt gleichwertig gefühlt wurde. Ja, selbst die den
objektoiden Charakter des Infinitivs verstärkenden Präposi-
tionen konnten ihn vor dem Abblassen zum reinen Objekt
nicht immer schützen, wie der Gebrauch von Ausdrücken wie
pourboire, aff'aire usw. deutlich dartut. Immerhin hat diese
Tendenz selbst in neuester Zeit noch nicht soweit um sich ge-
griffen, daß der objektoide Grundzug des Infinitivs in vielen
Konstruktionen verloren gegangen wäre. Vielmehr ist auch
heute noch das sogen. Infinitivobjekt in seinem Grundwesen
nicht reines Objekt, sondern Objektoid.
2. Das finale Objektoid.
Wir haben das Wesen des Objektoids zunächst an einem
finalen Infinitiv untersucht und gesehen, wie derselbe nicht
bloß okkasionell zwischen Yerbum finitum und reinem Objekt
schwanken kann, sondern auch in der historischen Entwick-
lung eine konstante Bedeutungsverschiebung bald nach der
einen, bald nach der anderen Richtung erfahren konnte. In-
dem ich mich nun daran mache, den ungefähren Begriffsumfang,
dessen, was ich als Objektoid bezeichne, zu skizzieren, hätte
ich zunächst auf die Arbeit von C. Busse (1. c. p. 25) zu
verweisen, aer sich ziemlich eingehend mit dem reinen finalen
Infinitiv vornehmlich nach Verben der aktuellen oder der
terminierten Bewegung (p. 30) beschäftigt. Der präpositionale
Infinitiv (durch a, de, afin de, pör usw. eingeleitet) hat, wie er-
wähnt, in den meisten Fällen ebensowenig wie der reine von
seinem final-objektoiden Charakter eingebüßt, was u. a. daraus
hervorgeht, daß er seit alters ein Transitivobjekt nach sich
ziehen kann {alez sire al muster pur les funz aprester Karl sr.
v. 135) oder sich durch andere Objekterweiterung als Ausdruck
für einen „Vorgang" kundgibt (ebenda v. 73 f. : set c. cameüz
merrez dor et de argent trussed, pur set aunz en Ja tere ester
ti dumurer). Zum finalen Objekto'id sind aber auch die In7
finitive, die von einer unpersönlichen modalen Konstruktion
abhängen, zu rechnen, über die uns Hildig Kjellman in seiner
umfangreichen Studie: La construction de V Infinitiv dependant
d'une location impersonelle en frangais, Upsala 1913, eingehend
informiert hat, insoferne jede dieser Wendungen eine durch
Lust- oder Unlustgefühle geleitete Bewertung eines verbalen
Vorganges ausdrückt, wodurch sich dieser selbst, als erwünscht
oder unerwünscht, der Gruppe der finalen Objektoide anreiht.
Endlich ist der sogenannte „absolute" Infinitiv or du (/aber!
326 Karl E. v. Ettmayer.
et diret </»<" ... über welchen u. a. Änderten I.e. und Karl
Haupt Infinitivsätze im Frz. in Marb. Beitr. XVII handelten,
wohl nichts anderes als ein selbständig gebrauchtes finales
Objektoid. Das finale Objektoid reicht aber über den finalen
Infinitiv noch weit hinaus. Zunächst kommt daneben das
Gerundium in Betracht, das den Franzosen durch die literarische
Stilkunst der Spätlateiner bes. Galliens neben dem immer
weiter um sich greifenden volkstümlichen Infinitiv erhalten
blieb. Hier hatte schon A. Stimming (Z. f. r. Ph. X, 526) in
ainz I'- soleil colchant eine dem acc. c. inf. ähnliche satzartige
Konstruktion erkannt, die den objektoiden Charakter des
Gerundiums auch bei fehlender Subjektsbezeichnung verständ-
lich macht. Immerhin fällt es oft nicht leicht, Infinitiv und Ge-
rundium als Objektoid und ak Objekt auseinanderzuhalten.
Zweifellos kennt auch das Französische Infinitive, die als reine
„Substantiva" gebraucht werden, so z. B. die häufigen Wen-
dungen des Afrz. bons mangiers, bons bourres. Wenn es Mar.
de Fr. (Bibl. Norm. VI p. 34 v. 19 ff.) heißt:
od li s'en vienge, si avra
riches sales, <ji<'e/ li (//irrt/
beles despenses, beals celiers
e bons beirr*'* e bons mangiers
so ist zweifellos nicht der Vorgang des Essens und Trinkens,
sondern sind die Speisen bzw. Getränke gemeint. Hingegen
ist an den Vorgang selbst zu denken in Yvain v. 590
bien pert, qu'or est apres mangier.
und v. 2180 Trains quant il n'est ga venuz
Qiii se vanta apres mangier
Qu'il iroit son rosin rengier.
In beiden Fällen liegen daher temporale Objektoi'de vor
(worüber später). Wenn nun C. Busse l. c. p. 57 als „sub-
stantivierten Infinitiv" aus den Mir. N. D. I 274 den Passus
zitiert i
Or tost seigneurs, alez le mettre
()u desert pour mengier ans bestes!
so fragt es sich, ob mengier als „Speise" oder final als „pas-
siver" Infinitiv zu verstehen ist. Auch beim aktiven Infinitiv
können wir ähnlichen Zweifeln oft nicht entgehen. Man er-
innere sich nur der interessanten Stelle Aue. 7. 12 ff.
Nicolete biax esters,
biax venirs et biax alers,
biax deduis et dous parlers.
biax borders et biax jouers,
biax baisiers biax acolers,
wo doch ganz entschieden Vorgänge in der Phantasie Au-
cassins sich abspielen, weshalb ich auch in diesen Infinitiven,
Satzobjekte und Objektoide im Französischen. 327
trotz dem eingeschobenen deduis, Objektoide erblicke, die
allerdings der Gruppe der modalen Objektoide zuzurechnen
sein werden. Ein richtiges Substantivum liegt hingegen vor
in Aue. 13 v. 5
Or pari«, dist son penser.
„sprach seinen Gedanken" (das Resultat seines Denkens nicht
den „Vorgang" desselben). Aus diesen Belegen erhellt, daß
ein einem Infinitiv zugeselltes Attribut (biax, son) den ob-
jektoiden Charakter desselben nicht immer aufhebt, und zur
Abgrenzung zwischen Objekt und ObjektoTd nicht dienlich
ist So ist in der ebenfalls von Busse angezogenen Stelle
Sa nitre 64: cent et soixante escus d'or que je vous donne pour
achapter ung gent frisques et fringant cheval de conpaignon pour
vostre chevauchier a tous /es jours, das pour vostre chevauchier
doch wohl finales ObjektoTd. da es eher einen iterativen Vor-
gang andeutet („Reiten") als dessen Resultat („Ritt"). Ein
unvoreingenommenes Nachprüfen solcher Grenzfälle wird zu-
nächst ein Bedenken wachrufen: es sind, offen heraus, Spitz-
findigkeiten, wenn wir Objekt und ObjektoTd in der Weise
abzugrenzen suchen, daß wir diese als Ausdruck eines „Vor-
ganges", jene als Nominalbezeichnungen betrachten. Die
verbale Natur kann einem ObjektoTd zwar zukommen, aber
sie ist offenbar nicht das Wesentliche an ihm. Das Charak-
teristikum am finalen ObjektoTd ist seine „finale" — nicht
seine verbale Natur, und diese finale Funktion kann ebenso-
wohl durch einen Infinitiv, ein Gerundium als auch durch ein
reines Nomen (Substantiv. Adjektiv, Pronomen) zum Ausdruck
gebracht werden.
Philipp v. Thaun sagt z. B. in seinem Best. v. 167.
La trace del leun
tu ustre incarnaüun
que Deus volt prendre en tere
pur noz annies eunquere (fin. ObjektoTd)
und fährt v. 177 fort
Tant qu'il om fut charnels
e pur nus fut mortels.
Hier ist pur nus doch wohl ebenso „final" wie früher das pur
eunquere. Der Unterschied liegt nur darin, daß im zweiten
Falle ein „verbaler Vorgang" wie etwa ein pur nus salver
nicht zum Ausdruck kommt. Mithin würde ich pur nus (das ja
von manchen Syntaktikern als „finales Objekt" bezeichnet
werden würde) als „nominales Fi nalobj ektoi'd" de-
finieren. Dadurch wird die ganze Frage des ObjektoTds noch
v-erwickelter. Speziell beim finalen ObjektoTd ist es derart
noch möglich, ohne syntaktische Tüftelei Objekt und Ob-
jektoTd zu differenzieren. Die „Finalität" welche allein dem
328 Karl R. v. Ettmayer.
f. ( ibjekto'id zukommt, drückt aus. daß zu einer Situation
eine Wirkung, die sich daraus ergeben soll, zu denken ist,
gehört also in den Komplex der auf Ursache und Wirkung
aufgebauten Bestände des Kausalnexus. Der Kausalnexus
wiederum ist aber an das Moment der zeitlichen und not-
wendigen Sukzession gebunden. Als Grenze zwischen finalem
Objektoid jedweder Art und dem nächstverwandten Objekt
des Interesses ergibt sich mithin die zeitliche Divergenz
zwischen der Gesamtvorstellung und dem Objektoid, während
das reine Objekt des Interesses im zeitlichen Rahmen der Ge-
samtvorstellung gelegen sein muß. Ein Fall letzterer Art
wäre z. B.
et se por lui souffroie paine
bifn le nie prametoit a randre
(v. 154 Bibl. Norm V Clef d'amors) wo in dem por lui zwar
das Interesse, nicht aber eine Absicht ausgedrückt wird, während
das früher zitierte pur nus zwar als Interesseobjekt genommen
werden kann, aber infolge des zeitlichen Abstandes wohl viel
eher final verstanden werden müßte. Es handelt sich dies-
falls einfach darum, ob wir bei der Lektüre der Stelle
,.kausieren" oder nicht. Das Kausieren selbst ist eine
intellektuelle Funktion, keine syntaktische Ausdrucksform, die
je nach Bildung und Denkvermögen des Einzelnen den Vor-
stellungsverlauf häufiger oder seltener begleitet, im sprachlichen
Ausdruck aber bald ausführlicher gekennzeichnet, bald kaum
angedeutet wird, ja häufig durch das Sprechen zwar wach-
gerufen wird, ohne daß aber die Sprache irgend einen Anhalts-
punkt dafür böte. Auf dieser Grundlage stehend haben wir
eine weitere Ausdehnung des Begriffes „Objektoid" vorzu-
nehmen, das sich auf alle Arten kausaler Verknüpfung zu er-
strecken hat: also neben dem finalen Objektoid haben wir
mindestens ein kausales, ein konzessives, konse-
kutives und ein hypothetisches Objektoid zu unter-
scheiden.
3. Das kausale und konzessive Objektoid.
Beide lassen sich unter einem behandeln, da ja die
Konzessivsätze negative Kausalsätze sind. Hatten wir beim
finalen Objektoid das Objekt des Interesses als das Nächst-
verwandte kennen gelernt, so kommt beim kausalen Objektoid
das sog. Objekt des Mittels oder Werkzeuges (Instrumental)
als syntaktischer „Anrainer" in Betracht; und wir werden das k.
Objektoid dort zu suchen haben, wo ein Infinitiv, Gerundium
oder ein Nomen in der Form eines Instrumentals auftritt, aber
kausal verstanden werden muß. Neben dem eigentlichen In-
strumental werden wir natürlich auch des nahe verwandten
Komitativs zu gedenken haben.
Satzobjekte und Objekto'ide im Französischen. 329
Marie d. Fr. Bibl. Norm. III p. 116 v. 75 ff.
La suffrance muH lur greva,
nies li vaslez se purpensa,
que mich eu volt les mals sufrir
que trop haster e dune faillir:
mult fit pur li amer destreiz.
ebenda p. 4 v. 47 : m'entremis des lais assembler
par rime faire e raeconter.
ebenda p. 147 v. 43 : e lur aveirs entrechangier
e par geter e />ar lancier
Rol. 2839: Alduel <juil ad s'en est turnez plurant
par les degrez jus de/ palais descant
Ericas v. 93 ff. : Juno ki ert del cel deesse
esteit vers eis molt fe/oaesse
par lui haeit tot le pais.
ebenda 1775: A enviz faz Ja departie,
nen est j>ar mei, nel cuidiez mir.
Aus diesen Beispielen ergibt sich, daß der kausale In-
finitiv mit Transitivobjekt (pur rime faire, pur li aimer) oder
selbständig auftreten kann. Das Gerundium als kausales
Objektoi'd ist bei A. Stimming (Z.f.r.Ph.X p. 529 qu'od preiere
e qu'od suen donant . . . trait a sei) belegt. — oder es wäre
auf das bei Godefroy Y 570/2 verzeichnete: e ob icest cens
rendant chaseun an, ge et les meies chouses somez tenu a yarir
la maison et la place desus dites zu verweisen. Daß die
nominalen Objektoi'de al duel, por lui, por mei kausal zu
denken sind und keine einfachen Komitative oder Instrumen-
tale darstellen, läßt sich wieder nicht „beweisen", scheint mir
aber selbstverständlich. Schmedtper bietet a. a. O. p. 89ff. eine
Reihe durch comme eingeleiteter kausaler Objekto'ide, außerdem
konzessive Objekto'ide (p. 94 ff.), neben denen ich noch die
mit por eingeleiteten hervorheben möchte (vgl. Johannsen.
Der Ausdruck des Concessivverhältnisses im Afrz. Kiel 1884.
p. 60 ff.), da hier eine offenbar unerwünschte Folge zur Negierung
einer Ursache dient. Über rein nominale Objekto'ide konzessiven
Charakters handelt auch Friedrich Brüss Der Ausdruck des
Konzessiwerhältnisses im Mittel- und Neufranzösischen. Göt-
tingen 1906 p. 106 ff.:
Ah! Rodrigue, il est rrai quoique ton ennemie
Je ne puis te, bldmer oVavoir ftii l'infamie.
4. Das hypothetische Objektoi'd.
Die sogenannten „verkürzten1' hypothetischen Sätze sind
eine so bekannte und vielfach besprochene Erscheinung, daß ich
auf eine eingehende Behandlung dieser Objektoi'de in diesem
530 Kart R. >■ Ettmayer.
Rahmen verzichten kann. Das Wesen der Hypothese ist das
kausale „Annehmen", d. h. das Feststellen von Ursache und
Wirkung außerhalb der uns durch die Wahrnehmung un-
mittelbar erschließbaren Tatsachenwelt, weshalb das hypo-
thetische Objektoid keinerlei Berührungspunkte mit irgend
einer Art von Satzobjekten (die ja „Tatsachen" ausdrücken)
besitzt und von diesen ohne weiteres zu unterscheiden ist.
Niemand zweifelt, daß ein: neu avoit nule mauvqise se hone
non »inen rudimentären Periodenbau darstellt, wie auch das
nt'rz. si non einen solchen andeutet.
Eine gewisse Schwierigkeit bieten präpositional konstruierte
Nomina, welche „ausgenommen" bedeuten:
Rol. 5: murs ne citet rii est remes a fraindre
fors Saraguce tfest en une montagne.
fors Saraguce kann auch „hypothetisch" (se Saraguce nun)
verstanden werden und solche Auffassung scheint mir be-
rechtigt, wenn das „Ausgenommene" den Charakter einer
,. Annahme" trägt:
Erec 109: Je ne ritt;/ ca por autre afaire
fors por vos conpeignie a feire,
wo eine Absicht, also jedenfalls kein Tatbestand der unmittel-
baren Gegenwart, sondern eine für die Zukunft angenommene
Wirkung vorliegt. Hingegen stellt in
Cliges 441 : An Ja nef ou li rois passa,
vaslez ne pucele riantra
fors Mixandre solement
fors A. zwar ein Objektoid dar, doch trägt dasselbe keinen
hypothetischen, sondern einen positiven (negativ-konsekutiven)
Charakter. Immerhin leitet auch hier das hypothetische Ob-
jektoid nicht zu irgend einem Objekt, sondern zum konse-
kutiven Objektoid über.
Gleich der vollständigen hypothetischen Periode sind auch
die hypothetischen Objektoide in solche „allgemein gültiger
Annahmen" (der sog. reale Fall der hypothet. Periode) oder
nicht allgemein gültiger Annahmen, die im positiven Falle als
„potential", im negativen als „irreal" bezeichnet werden, zu
unterscheiden. Diese drei Kategorien sind ja nicht bloß
der hypothetischen Periode eigentümlich, obschon sie an ihr
am leichtesten ins Auge fallen (da dieselbe ausschließlich An-
nahmen ausdrückt), sondern lassen sich überall dort feststellen,
wo der Modus des Konjunkivs Anwendung findet, denn dieser
ist im Nebensatze das vornehmlichste Ausdrucksmittel für
„Annahmen". Die hypothetischen Objektoide gehören im
Frz. fast ausschließlich in die Gruppe „irrealer" Annahmen.
Verbindungen, wie wir sie im Deutschen besitzen: „Wenn
Satzobjekfr und Objekto'ide im Französischen. 331
richtig, muß die Rechnung stimmen" scheint das Afrz. nicht
zu kennen. Nur Wendungen wie quant et nous, quant et quant
le comte de Montgommery, zu denen Godefroy unter quant2
Beispiele anführt, könnten hier zu bedenken sein, denen
sich durch quant meme eingeleitete ObjektoYde anschließen
(tote maladie quant »leine victorieuse), die zu einer nach Schmedt-
per (p. 9?) konzessiv-hypothetischen Kategorie „verkürzter
Nebensätze" überleiten.
5. Das konsekutive Objektoi'd.
Das konsekutive Objektoi'd unterscheidet sich vom finalen
dadurch, daß es die Wirkung gleich der Ursache als Tatsache
hinstellt. — es unterscheidet sich vom kausalen, indem es zu
einer Ursache eine Wirkung feststellt, während das kausale
Obj. den umgekehrten Weg von der Wirkung zur Ursache ein-
schlägt. — endlich vom hpyothetischen Objekto'id durch den
Ausschluß einer Annahme, — ausgenommen wenn das kon-
sekutive Objekto'id negativ ist, wo allerdings die Feststellung
einer nicht eingetretenen Folge nur so geschehen kann, daß
die „Annahme" einer solchen im konsekutiven Objektoi'd ab-
gelehnt wird. Gleichwie der vollständige Konsekutivsatz dem
Modal- bezw. Vergleichssatze nahe steht, bestehen weiterhin auch
Berührungspunkte zwischen dem konsekutiven Objektoi'd und
den sog. „verkürzten" Vergleichs- und Modalsätzen, von denen
es sich aber durch die zwischen Hauptsatz und Objektoi'd
eingeschaltete Sukzession unterscheidet. Diesen mannigfaltigen
Berührungspunkten des konsekutiven Objekto'ids entsprechen
natürlich ebensoviele Ausdrucksformen.
So kann
Rol. 1069 tuit sunt a mort /irret
oder 3894 a tun plaisir te durrai mun aveir
konsekutiv verstanden werden, obwohl es hier wohl näher
liegt, den Gedanken der Sukzession auszuschalten und das a
mort, a tun plaisir lediglich als begleitende Umstände zu
nehmen (vgl. noch a gret, a sun talent a vostre comant, H.
Schwarz, Gebrauch der Präpositionen a und en, Greifswrald
1913). Eher könnte
Rol. 3889 Grant sunt li colp as helmes detrenchier
konsekutiv (statt final!) gedeutet werden. Fraglich konsekutiv
scheinen mir auch Wendungen wie par mon esciant (Boeve,
Bibl. Norm. VII v. 17) dunt pas se repanti par le men ascient,
wo die Bedeutung „gemäß meinem Wissen" allerdings „so
daß ich es weiß" heißen kann. In solchen Fällen ist es das
Objekt des Mittels, das in das kausale Verhältnis übersetzt
den Gedanken einer Folge erweckt. Deutlicher ist ein kon-
sekutives Objektoi'd erkennbar, wenn ein Infinitiv oder Nomen
332 Karl //. v. Ettmayer.
(gleich dem Konsekutivsatz) durch einen Vergleich im Kausal-
nexus zum Ausdruck einer Folgeerscheinung dient (also ent-
sprechend dem st . . . que, tant (tel) . . . que {comme) usw.)
Cliges 3224: gut ja tant riiert de muh part
CligSSf s'il set que ele l'aint
et >/<(<' tel vie por lui maifit
Con de garder son pucelage.
Zu den hier einschlägigen "Wendungen wie que trop, que nus
plus vgl. Schmedtper p. 101. Wohl am auffälligsten sind aber
die negativen, konsekutiven Objekto'i'de. Die frz. vollständigen
Konsekutivsätze können in zweierlei Weise negiert werden:
entweder wird Haupt- und Nebensatz negiert, woraus sich dann
für das konsekutive Verhältnis selbst eine Bejahung ergibt
(also ein Fall, daß im romanischen Periodenbau das lat.
Prinzip der Aufhebung der Negation durch Doppelung fort-
lebt), oder aber das konsekutive Verhältnis selbst wird durch
ein por pol que . . . ne, sans que . . . ne in Abrede gestellt. Ein-
gehender hat sich u. a. Br. Hei n rieh s p. 61 mit diesen
Konstruktionen beschäftigt, die hier nur in der Richtung zu
vervollständigen sind, daß die Grenze zwischen sans als
konsek. Konjunktion und saus als Präposition festzustellen ist.
Heinrichs hat dargetan, daß sans faillier die gleichen Funk-
tionen eines Nebensatzes ausübt wie sans qu'il faule. Gilt
das gleiche von folgendem Satz?
Senz tuz parjures me purr'iez guerpir.
(Chan.;. Guill. v. 30B Bibl. Norm. VIII)
Wenn reale Gegenstände durch sans eingeleitet sind,
werden wir diese wohl als Teile der im Hauptsatz vorliegenden
Gesamtvorstellung, mithin als reine Objekte anzusprechen haben.
Vgl. ebenda v. 389 Gent se/tz seignur sunt malement bailli.
Ich glaube nicht, daß senz seignur zur Gesamtvorstellung in
anderen Beziehungen steht, als z. B. ein nesun seignur. Es
fragt sich nun, ob wir obiges senz seignur als attributive Er-
weiterung zu gent nehmen sollen (in diesem Falle hätten
wir mit einem attributiven oder relativen Objektoid zu rechnen,
das etwa einem gent qui n'a seignur gleichkäme) oder ob
das Objektoid auf das Verbum zu beziehen ist, wo wir es dann
als eine besondere Art von Objekten anzusehen hätten. Im
vorliegenden Beispiel würde ich mich eher für die erste
Auffassung entscheiden, während Marie de Fr. Bibl. N. III
p. 85 v. 313
plusurs des femmes del lign age
c'est veritez senz nes sunt nees,
> si viveient esnasees
Satzobjekte und Objektöide im Französischen. 233
die zweite Auffassung vertreten mag. Oder läge hier ein „be-
ziehungloses" relatives Objektoid vor?
Den Übergang vom reinen „Antikomitativ", wie man das
mit sans eingeleitete Objekt nennen könnte, zum negativ
konsekutiven Objektoid stellt etwa dar: Marie de Fr. III
d. 26 v. 52? :
la datne enteilt que veir li dit
e li otreie senz respit
Vamur de H et il la baise.
Denkt man sich senz respit als Streckentatsache (Vorgang),
so liegt wohl ein konsekutives Objektoid vor, während dieses
konsekutive Moment weniger zum Bewußtsein kommt, wenn
respit als rein nominale Punkttatsache verstanden wird. Wir
geraten auf diesem Wege freilich in die gleichen Schwierig-
keiten, welche bereits beim finalen Objektoid erörtert worden
sind.
6. Das vergleichende Objektoid.
Bei der Erörterung des konsekutiven Objektoids mußte
auch ein „vergleichendes" und ein „relatives" Objektoid ins
Auge gefaßt werden, so daß wir füglich den (bereits aus-
gesprochenen) Satz aufstellen können : alle sogenannten ver-
kürzten Nebensätze sind syntaktische Objektöide. Das Gebiet
der Objektöide erstreckt sich aber nicht auf die eigentlichen
verkürzten Nebensätze allein, sondern reicht wesentlich weiter.
Sämtliche Nebensätze, .verkürzte" wie .unverkürzte", lassen
sich auf drei Ausdrucksprinzipien zurückführen: auf Bei-
fügungen zum Hauptsatze im Wege des „A sso ziieren s"
(Relativsätze nebst Objekts- bezw. sog. Subjekts- und Prä-
dikatssätzen) auf solche im Wege des „Vergl eich ens"
(Vergleichssätze, Modal-. Temporal- und Lokalsätze) und solche
im Wege des „Schließens" (konsekutive, kausal- konzessive,
finale und hpvothetische Sätze). Das Wesentliche, das allen
Nebensätzen zukommt. ist mithin das Beifügen von Vorstellungs-
elementen, die in einer einheitlichen Gesamtvorstellung eigent-
lich nicht mehr enthalten sind, die mithin den Rahmen einer solchen
überschreiten. Dabei verhalten sich die drei zum Beifügen
führenden intellektuellen Funktionen in verschiedener Weise:
das „Schließen" kann überhaupt nur dann zustande kommen,
wenn ein Vorstellungsverlauf vorliegt. Dieser Vorstellungs-
verlauf erhält dadurch kausalen Charakter, daß wir von
der Notwendigkeit der Aufeinanderfolge eben dieser Vor-
stellungen überzeugt werden. Das „Vergleichen" geschieht
in der Regel ebenfalls zwischen mehreren Vorstellungen,
die nicht mehr vom Rahmen einer Gesamtvorstellung umspannt
werden, indem das Verglichene meist als „Annahme" zu dem
zu Vergleichenden gesellt wird. Allerdings können auch inner-
halb einer einzigen Gesamtvorstellung Vergleiche gezogen
334 Karl /.'. v. Ettmayer.
werden, wohin wir z. B. die Gradation zu rechnen haben.
A.UCD in solchen Fällen muß aber mindestens ein „Messen"
im Vergleiche enthalten sein, das ich mir ohne einen, wenn
auch unausgesprochenen Maßstab nicht denken kann. Dieser
Maßstab tritt aber seinerseits wieder als „Annahme-' neben das
verglichene Objekt, sodaß man wohl sagen kann, daß jedes Ver-
gleichen ein Annehmen ist, sei es daß das Comparatum eine
besondere Vorstellung beinhaltet, sei es daß Comparandum und
Comparatum der gleichen Vorstellung angehören, aber durch den
Vergleich im Wege einer Annahme herausgehoben werden»
sei es daß ein bloßes Messen stattfindet. Das Unterscheiden
findet zwar in der Regel innerhalb einer einzigen Gesamt-
vorstellung statt: es ist das. was die Logiker und Psycho-
logen als das „Urteilen" bezeichnen. Jedoch kann auch
in einem Vorstellungsverlaufe „unterschieden1 werden, ohne
daß die einzelnen Gesamtvorstellungen, die einander ab-
lösen, durch Vergleiche und Schlüsse untereinander in engere
Relation gebracht werden (,.ein Manu, welcher sehr alt war,
und viel gesehen hatte, sprach zu den Jungen"). Wenn
nun die Objektoide eine besondere Klasse syntaktischer Ge-
bilde darstellen, werden wir dem entsprechend neben den
schließenden auch vergleichende und assoziierende Objektoide
voraussetzen dürfen. Was zunächst das vergleichende Ob-
jektoid betrifft, so haben wir zwei Arten zu beobachten.
Entweder enthält es, wie oben erwähnt, eine im Vergleichswege
herangezogene Annahme:
Aue. 38 8: si le menerent /< palais <i grant honeur si come fille
de roi.
Jv. 3524: coroit cotne pars aorsi z
tjui ne prent garde ou il fiere.
(vergleichendes Objektoid nebst Relativ- und Lokalsatz) oder
aber eine Tatsache:
Rol. 2178: noz compaignuns que oumes tant chiers
wodurch dann das Yergleichsobjekto'id den Charakter eines
„modalen" Objektoids annimmt, wie ja im gleichen Falle ein
Vergleichssatz zum reinen Modalsatz wird, der sich vom Kon-
sekutivsatz nur durch das Fehlen des Momentes Notwendigkeit
und der Sukzession unterscheidet. Über die Objektoide des Ver-
gleiches hat Schmedpter ausführlich gehandelt, der sowohl In-
finitivsätze als rein nominale Wortgruppen in dieser Funktion
reichlich nachweist (p.48ff.). Das ..Beifügen" tritt in den eigent-
lich vergleichenden Objekto'i'den deutlicher zutage als in den
modalen Objekto'i'den. Indessen werden Annahmen auch dann
getroffen, wenn im verkürzten Vergleichssatz ein tatsächlicher
Umstand ausgedrückt wird. Wenn es z. B. heißt J'ai votdu
que tu puisses parvenir ä nur Situation plus haute nur Ja mienne
(Schmedtper p. 55), so ist que hi mienne allerdings der Ausdruck
Satzobjekte und Objektöide im Französischen. 335
eines tatsächlichen Umstandes; die Annahme enthält aber
hier der Hauptsatz (bzw. Objektsatz) selbst. Schwierigkeiten
stellen der Feststellung eines objektoiden Charakters Adverbien
und Adjektiva als Vergleichsgegenstand entgegen: tant largt
que lee, taut do uxque boit, pur untre vie <]U<- la droite, plus tot
que plus turd, eile eust este troja plus que longue (Schmedtper
p. 70), En la grant presse mil colps i jiert e plus (Hol. 2090),
Quant plus nel virent (Chane., d. G. 515), Ja fereie que fols
(quam follis nicht „relativ" wie Schmedper p. 29 denkt), ne
plus ne mains, Cliges v. 42 usw. Soweit Annahmen vorliegen
{que la droite), ist die objektöide Natur dieser Wendungen
gegeben. Insoferne sich dieselben der einfachen Gradation
nähern (plus grant <jue pet/t, mil colps . . . e plus) hören sie
auf, wirkliche Objektöide zu sein: das verglichene Adjektiv
geht in ein graduiertes über, oder die „Ungleichheit" (als
Gegensatz von Gleichheit) verblaßt zum Ausdruck einer
bloßen Verschiedenheit. Wir stehen eben hier an einem
Punkte, wo das Vergleichen und das Unterscheiden sich be-
rühren. Endlich ist die Scheidelinie zwischen dem modalen
Objektoi'd und einem einfachen Transitivobjekt oft kaum er-
kennbar. Man vergleiche nur Wendungen wie saludent comme
sennior mit der sog. Konstruktion des doppelten Akkusativs.
Wie schon ToblerV. B.F 104, hervorgehoben hatte, dient comme
in solchen Fällen nicht mehr dem Vergleiche, sondern dem
Ausdrucke der Gemäßheit. Besonders wenn ein Infinitiv von
comme eingeleitet wird, sind Grenzfälle vom vergleichenden
Objektoi'd zum finalen Objektoi'd gegeben (Schmedtper p. 92),
da der finale Grundcharakter des Infinitivs nur zu leicht vom
reinen Vergleichen zum Schließen anleitet. Und das mag auch
die Ursache dafür sein, daß gerade beim modalen Objektoi'd
neben dem Infinitiv das Gerundium, dem das finale Moment
nicht innewohnte, sich so kräftig zu behaupten wußte: a-
conuissant de l'ajorner le commencerent a loer (A.Stimming
Z. f. r. Ph. X 534).
7. Das temporale O b j e k t o i d .
Die temporalen Objektöide bilden eigentlich nur eine
l nterabteilung der vergleichenden Objektöide, insofern ja
auch die vollständigen Temporalsätze durchwegs Momente
des Vergleichens bezüglich des Zeitpunktes eines Vorganges
enthalten, welche entweder Gleichheit oder Ungleichheit des
zeitlichen Momentes ergeben. Allerdings überwiegt in unserem
Denken das Bewußtsein der Sukzession der Vorgänge so sehr,
daß der vergleichende Inhalt der Zeitsätze oft ganz verblaßt
und selbst bei formellem Ausdruck einer Zeitgleichheit uns
eine Konstatierung einer Vorgangssukzession näher liegt:
3:w Karl /.'. v. Ettmayer.
Karlsr. 195: ore sofft SM« en peez, unke* plus sain ne fud
ore veit li patriarches, deus i fait vertut.
Dieses syntaktische Abblassen des vergleichenden Momentes,
das für die vollständigen Temporalsätze mitunter auffällig
wird, trifft aber nicht mehr für die temporalen Objekto'ide zu,
bei denen das Vergleichen stärker ausgeprägt wird: eine Wen-
dung en reuenant oder </ prime sonnant scheint, mir wenigstens,
die zeitliche Gleichzeitigkeit mit dem Vorgänge des Haupt-
satzes stärker zu betonen als quant il revient oder or sonne
prime. Dadurch nähert sich das temporale Objektoid noch
stärker dem modalen Objektoid als der Temporalsatz dem
Modalsatz.
Rol. 2283: en cel tirer li guens sapercut alques
kann in beiden Richtungen gedeutet werden: „In dem Um-
stände, dal.) der Sarazene daran zerrte" und „im Augenblicke,
daß ..."
Das temporale Objektoid der Nachzeitigkeit (Erec v. 285
apres soper) und noch mehr das der Vorzeitigkeit (Pass. 120
evan orar sols en anez, Oleom. 10 737 mouvoir vent ains l'aube
esclaircie, vgl. Lerch p. 42) können zum Hauptsatze im Ver-
hältnis der „Annahme" stehen. Zuletzt hat sich Eugen Lerch
Pmedicat. Participia für Verbahubstantiva im Frz. Beihefte
zur Z. f. r. Ph. 42 mit diesen Objektoi'den beschäftigt^ und in
Anschluß an Toblers Aufsatz: Praepositionen des Zeitver-
hältnisses vor Substantiven mit praedikativen Partizipien
(V. B. I- p. 113 ff.) den. wie ich sagen würde, „objektoi'den'
Charakter solcher Wendungen hervorgehoben und zu ana-
lysieren gesucht. Ob er aber im Rechte ist, „daß Zeitbe-
stimmungen logisch nur durch zeitliche V orgänge gegeben
werden, also stets Objekto'ide sind und daß es überhaupt
keine eigentlichen Zeitöbjekte gebe? Ich halte derzeit solche
Thesen für verfrüht: ein al comencier und al comencement
sind in Bildung und Entwicklungsgeschichte doch zu ver-
schieden, als daß sie in Bedeutung und syntaktischer Funktion
identifiziert werden dürften. Da müßten doch erst gründliche
Untersuchungen darüber angestellt werden. Mir scheint, so
lange nichts weiteres als gegenteilige Behauptungen vorliegen,
eine Wendung wie das al tens ancienor am Beginne des
Alexiusliedes einen so wesentlichen Bestandteil der dortigen
Gesamtvorstellung zu bilden und gleichzeitig sogar keinen
verbalen Vorgang zu enthalten, daß ich im Gegensatz zu
Lerch die Existenz reiner Temporalobjekte, die vom temporalen
Objektoid verschieden sind, für wohl begründet halte. Letztere
stellen allerdings wirkliche, vom Hauptsatze differenzierte
Vorgänge dar, so daß nur von temporalen Objektoiden verbaler
Natur gesprochen werden kann. Nominale Objekto'ide. welche
sich nicht durch den vergleichenden Charakter als Beifügungen
Satzobjekte und Objektöide im Französischen. 337
«rweisen, sondern reine Tatsachen enthalten, könnten nach
dieser Analyse allerdings nicht existieren, sondern müßten als
Temporalobjekte bezeichnet werden. Hingegen enthalten die
von Schmedtper p. 106 angeführten Fälle (mais on aura mon
cceur avant que ce portrait) dilemmatische Vergleiche und sind
allerdings Objektöide.
8. Das relative Objektoi'd.
Auch in der relativen Konstruktion kann ich einen objek-
toi'den Charakter einer relativen Beifügung, die keinen vollen
Nebensatz beinhaltet, nur dann feststellen, wenn die betreffende
Wortgruppe sinngemäß einen verbalen Vorgang zum Ausdruck
bringt. Hierher gehören die bekannten Infinitivkonstruktionen
mit que (que faire etc.)
Veng. Ray. v. 365: Venes! de U n'aves que faire
(vgl. Schmedtper p. 73)
9odann, unter Auslassung des Verbums
Marie de Fr. III v. 23: Frere, fet il, merveilles vei
en tur tun col, mes ne sai guei.
(Schmedtper p. 27)
wogegen die Konstruktionen avoir de qaoi geradezu als Ob-
jekte des Mittels, jene mit dem Infinitiv (avoir de quoi vivre)
besser als finale Objekto'ide zu fassen sind. Die Wendungen
qui mieux mieux, qui ainz ainz, halte ich für Ellipsen. Nicht
unerhebliche Schwierigkeiten bieten jene Konstruktionen mit
que, wo statt eines Infinitivs ein Adjektiv oder Substantiv bei-
gefügt erscheint {faire que sages), in denen teilweise ebenfalls
geradezu elliptische (nicht „verkürzte!") Relativsätze fort-
leben mögen:
Pass. 7.: per tot ovrat que rerus deus
per tot sustint qued huoni charnels,
wo in beiden que- Sätzen das Prädikat des Hauptsatzes
(uevre sustient) zu ergänzen ist. Es könnte aber obiges que
(trotz dem Auslautsdental) auch geradezu mit vergleichendem
lat. quam gleichgesetzt werden und ist dieses gerade in Wen-
dungen wie faire que sages, yo fereie que fols (p. 25), das
einem lat. facere (tarn) quam sapidus (bzw. sapiens) entspricht,
in dieser Weise zu denken, da im Spätlatein für das Zurück-
treten von tarn gegenüber vergleichendem quam Belege vor-
handen sind (Löfstedt, Komment, p. 325, Goelzer, Lat.de
S. Avit p. 335 n. 3, Müller-Marquardt, Vita Wandrag. p. 227).
Es haben also hier elliptische Relativsätze und vergleichende
Objektöide zum gleichen Resultat konvergiert. Auf keinen
Fall kann hier von „verkürzten" Relativsätzen oder relativen
Ztschr. f. fr«. Spr. u. Litt. XVT. 5/6. 23
338 Karl B. v. Ettmayer.
( Ibjektoideo gesprochen werden, vielmehr ist. entgegen
Schmedtper zur älteren Auffassung, daß sie Vergleiche ent-
halten, im großen ganzen zurückzugreifen. Daß daneben
gleichgeformte elliptische Relativsätze vorliegen können, soll,
wie bereits gesagt, nicht geleugnet werden. Zu warnen ist aber
vor dem Gedanken, daß „elliptischer Relativsatz1"' und „ver-
kürzter" Relativsatz bzw. relatives Objektoi'd dasselbe wären,
oder daß Objektoi'de durch Ellipse aus vollen Nebensätzen
entstünden. Der Ausdruck Ellipse ist nur insoweit in der
Syntax berechtigt, als mit Bestimmtheit angegeben werden
kann, welche Worte elliptisch unterdrückt werden, wie dies
im obigen Beispiel tatsächlich der Fall ist. wie dies bei Gruß-
formeln (dtsch z. B. Morgen! Diener!) und namentlich in der
Wechselrede bei elliptischen Antworten überaus häufig zu-
trifft. Unstatthaft scheint mir der Begriff der Ellipse in jenen
Fällen, wro im sprachlichen Ausdruck etwas zu „fehlen" scheint,
ohne daß der zu ergänzende Wortlaut feststellbar wäre. So
glaube ich nicht, daß mit „ausgelassenen" Relativsätzen, Konse-
kutivsätzen, Kausalsätzen, hypothetischen Sätzen operiert
wrerden dürfe, wie dies seit Tobler in der romanischen Syntax
allenthalben üblich ist, wenn der strenge Begriff der Ellipse
nicht mehr anwendbar ist. Anwendbar erscheint er mir z. B. in
Si plorerent n'i ot celui (zuletzt Schmedtper 41), nicht aber in
den „fehlenden" Vergleichssätzen: quant 1/ rei l'ad entendu, si
dolent en sa vie ne fu. Ore sah sus en yiez} onques plus sains
ne fut (die vielmehr einfache Gradationen enthalten, denen
durchaus nichts „fehlt"), in den „fehlenden" Bedingungssätzen,
die zwar eine einfache Annahme ausdrücken, welche aber in
eine hypothetische Schlußfolgerung zu verwandeln durchaus
überflüssig ist {ja avuec vos einsi riirai „Annahme!"), vgl.
Schmedtper 113) usw. Daraus würde für den Begriff des Ob-
jektoids die wichtige Tatsache resultieren, daß unter den so-
genannten unvollständigen Nebensätzen zwei Gruppen zu
unterscheiden sind: „verkürzte" Nebensätze, die zu den Ob-
jektoiden gehören, und elliptische Nebensätze, die mit den
Objektoiden nichts zu tun haben. Jene könnte man als den
vollständigen Ausdruck eines rudimentären Gedankens be-
zeichnen, diesen als den rudimentären Ausdruck eines voll-
kommenen Gedankens.
9. Die Theorie vom Objekto'id.
Nachdem es uns in den bisherigen Ausführungen gelungen
ist, eine erkleckliche und vielgestaltige Menge syntaktischer
Ausdrucksmittel unter dem einheitlichen Begriffe des „Ob-
jektoi'ds" zu vereinen, für welche die Syntax bisher keine
Stelle und keine rechten Erklärungen anzugeben wußte, möge
zu den Eingangs aufgeworfenen Fragen zurückgekehrt werden.
Satzobjekte toid Objektöide im Französischen. 339
Allenthaben fanden wir die Objekto'ide in so unmerklichem
Übergange zu den Satzobjekten, nirgends ließ sich ein paren-
thetischer Charakter derselben gegenüber dem Hauptsatze
feststellen, so daß wir sie mit den Satzteilen enger verwandt
erkennen müssen denn mit eigentlichen Nebensätzen. Dennoch
sind die Objekto'ide selbst keine Teile eines einfachen Satzes,
da sie nicht im Rahmen einer einheitlichen Gesamtvorstellung
liegen, sondern charakteristischerweise einen Vorstellungs-
verlauf andeuten. Gerade darin lag ja das Kriterium, durch
welches wir Objekt und Objektoi'd zu unterscheiden vermochten.
Der „bestimmtere" oder „vollkommenere" Ausdruck für
einen Vorstellungsverlauf ist allerdings eine Satzverbindung,
welche sich bald als einfache Satzreihe, bald als sogenannte
Periode oder Periodenreihe dem Syntaktiker präsentiert.
Die Objekto'ide sind aber andererseits keine Sätze, sondern
eher Satzteile: — wie sollen wir ihre seltsame Zwitterstellung
deuten? Eine Antwort liegt eigentlich außerhalb der Syntax.
Da ich es aber schon vorher unternommen hatte, die syntak-
tischen Grundbegriffe bis auf ihre psychologischen Grundlagen
zurückzuleiten, kann ich nicht ermangeln, die vorerst um-
schriebene Theorie vom „Satz" und seinen Teilen durch eine
Theorie der Objekto'ide zu ergänzen. Mein Ausgangspunkt
ist natürlich nicht die Gesamtvorstellung, sondern der Vor-
stellungsverlauf, der allerdings aus einer Folge einzelner Ge-
samtvorstellungen besteht. Der Vorstellungsverlauf wird be-
gleitet von einer vielgestaltigen intellektuellen Tätigkeit, die
ich in dreifacher Weise klassifizieren konnte, als das reine
Assoziieren, als das Vergleichen und als das Schließen.
Diese intellektuelle Tätigkeit, welche wohl nichts anderes als
der Ausdruck dessen ist, was wir „Aufmerksamkeit" nennen,
stellt zwischen den einzelnen Vorstellungen Verbindungen her.
Sie führt uns dazu, daß wir einerseits eine einheitliche Ge-
samtvorstellung in Teile zerlegen können, andererseits fern-
liegende Vorstellungen mit den augenblicklich vorhandenen
verknüpfen. Durch sie kommt Leben in die Vorstellungs-
massen, indem der Rahmen der einzelnen Vorstellung zu
oszillieren beginnt, durch Analyse sich bald verengt, durch
synthetisches Heranziehen neuer Vorstellungselemente erweitert.
Diese Vorgänge, die sich in unserer Vorstellungswelt abspielen,
sind, wie gesagt, Produkte unserer Aufmerksamkeit (vielleicht
auch noch anderer Faktoren, wie z. ß. der Erinnerung) und stellen
zu dem sprachlichen Ausdruck gewissermaßen Begleiterschei-
nungen dar. Der sprachliche Ausdruck selbst hat sich aber den
psychischen Vorgängen im Verlaufe der Zeit so fein angepaßt,
daß er in einer modernen Kultursprache, wie hier im Fran-
zösischen, den psychischen Vorgängen außerordentlich schmieg-
sam zu folgen vermag. Er bringt nicht bloß die einzelnen
Gesamtvorstellungen selbst zum Ausdruck (bzw. die Art, wie
23*
340 K<*rl /•'• v. Ettmayer.
eine die andere ablöst!), sondern er deutet auch das Oszillieren
der Yorstellungsgrenzen mehr oder weniger genau an: dem Aus-
druck der Vorstellungsanalyse dienen die Satzobjekte, jenem
der Synthese die Objektoide. Allerdings ist die Vorstellungs-
synthese, welche die Objektoide zum Ausdruck bringen, keine
vollständige: durch sie werden von einer Vorstellung zu neuen
Vorstellungen Brücken geschlagen, ohne daß die neuen Vor-
stellungen selbst in ihrem vollen Umfange zum Bewußtsein
kämen. Letzteres kann beim Sprechen erst dann der Fall
sein, wenn die neu eintretende Vorstellung durch einen eigenen
Satz (^sei er Haupt- oder Nebensatz) analysiert wird und der
abzulösenden an die Seite tritt. Gegenüber dem Perioden-
bau stellt mithin der Gebrauch der Objektoide ein unvoll-
ständiges, ein unklares Denken dar, das die gebotenen ge-
danklichen Möglichkeiten nicht erschöpft. Die Objektoide
sind in der Tat, wie am Schlüsse des 8. Abschnittes gesagt
werden konnte, der sprachliche Ausdruck rudimentärer
Gedanken.
In diesem Rahmen wird die Untersuchung von Erwin
Stimming, welche ich als die bedeutendste Vorarbeit in
der Frage der Objektoide bezeichnen konnte, dereinst vielleicht
eine tiefere Bedeutung erlangen, die uns zu recht weitführenden
Perspektiven leiten mag. Noch wissen wir ja nicht (dürfen
es aber vermuten), ob die Römer den Gebrauch von Ob-
jektoiden aus indogermanischer Zeit übernommen haben.
Stimming hat uns aber belehrt, daß die lat. Schrift- und Kul-
tursprache zu einer klareren Ausdrucksweise — ja zu klarerem,
bestimmterem Denken vorwärtsschritt, indem sie die Objek-
toide großenteils zu Nebensätzen, d. i. die Gedankenrudimente
in volle Gedanken auszubauen bemüht war. Erst als in der
gewissenlosen Geld- und Machtgier des sinkenden Roms auch
die römische Kultur verfiel, keimen und sprossen die unklaren
Objektoide aus der Niederung der Volkssprache neu empor
und wuchern wie nie zuvor. Und später kämpft die fran-
zösische Kultursprache einen erbitterten Kampf gegen die
Objektoide, die sie immer wieder in Nebensätze oder in reine
Objekte zu wandeln bemüht ist. Und immer wieder werden
die Anläufe zu einem klaren „klassischen" Denken durch
Perioden der Vorliebe für Schwulst und Unklarheit, die neben
der Freude an unbestimmter Ausdrucksweise (d. i. Anspielung,
Doppelsinn, Personifikation, Alegorismus, Symbolismus) gerade
auch die Objektoide zu bevorzugen scheinen, unterbrochen.
Haben wir nicht vor Ausbruch des Weltkrieges eine solche Zeit
durchlebt? Aus dem Studium der Objektoide in ihrer histo-
rischen Entwicklung werden wir vielleicht noch viel für die
Stilgeschichte zu lernen haben. Karl R. v. Ettmayer.
Beiträge zur französischen Lautgeschichte.
I. Zar Frage.
„Der einzige Weg, auf dem wir zu einer Lösung kommen
können, ist der, daß wir vom Bekannten zum Unbekannten
fortschreiten, dann wird uns vielleicht das Unbekannte be-
kannt werden."
Diese goldenen Worte, die Meyer-Lübke in Bd. 44, S. 4
dieser Zeitschrift gegen aprioristische Überlegungen ohne
positive Grundlage in der Frage nach den Ursachen des
Wandels von u > ü niederschrieb, werden durch die letzte
Untersuchung des Meisters über denselben Gegenstand (in
Bd. 44 d. Z. S. 75 ff.) gewissermaßen beleuchtet. Meyer-Lübke
geht den Spuren des Wandels in den französischen Mund-
arten, namentlich des Ostens nach und sucht eine relative
Zeitbestimmung für den Übergang zu gewinnen. Die Gründe
sind so überzeugend, daß hier nur auf das Ergebnis der
Untersuchung hingewiesen werden möge: 1. Der Wandel von
u>ü ist in östlichen Mundarten, und zwar in dem deutsch-
französischen Grenzgebiet von der Wallonie bis in die fran-
zösische Schweiz jünger als der Schwund des intervokalischen t.
2. Die Palatalisierung des u ist jünger als die Nasalierung
von un>6 bzw. der Übergang von qn>un in nördlichen und
östlichen Mundarten. 3. Auch in 'Zentralfrankreich ist der
Übergang von u > ü jünger als der Wandel von k in palataler
Umgebung zu i.
Namentlich die zuletzt angeführte Zeitbestimmung ist
für das Verständnis des Wandels von u>ü von größter
Wichtigkeit. Legume > leun ; securu > seur, exsucare > essuer
neben legame > leiten, pacare> paiier zeigen, daß u anläßlich
des Überganges von g < k und des primären g zu i noch in
der Velarreihe stand.
Das methodisch Wertvolle dieser jüngsten Untersuchung
Meyer- Lübkes liegt darin, daß wieder einmal der Forschung,
die sich bereits in unfruchtbare Diskussionen zu verlieren
drohte, neue Wege gewiesen werden. Gleichzeitig wird aber
der Wandel von u>ü in eine so späte Periode des Gallo-
romanischen verlegt, daß die Frage, ob für diesen Wandel
das Gallische verantwortlich zu machen ist. gegenstandslos
geworden ist. „Es ergibt sich also .... daß der Wandel
342 Ernst Gamillscheg.
von u zu ü zu den spätesten Umgestaltungen im urfranzösischen
Yokalismus gehört" (8. 80).
Folgt man M.-L. auf der Bahn, die er hier eröffnet hat,
so lassen sich vielleicht noch andere Anhaltspunkte für die
Zeitbestimmung der Palatalisierung des ü gewinnen.
Die intervokali8chen tonlosen Verschlußlaute der nieder-
deutschen Lehnwörter bleiben im Französischen erhalten, da-
gegen geht ü dieser Wörter in ü über; vgl. aus dem gleichen
Begriffskreis nddt. hunn „Mastkorb" zu frz. hune gegen nddt.
scöta „Segelleinen", af. escqte, nf. ecoute. Daraus ergibt sich,
daß der Übergang von t>d älter ist als die Palatalisierung
des ü. Es war also strata zur Zeit der Aufnahme von scöta
wohl schon zu estrade, estrede geworden, so daß das t in scota
wie £<lat. tt behandelt wurde. Wenn wir uns die Ergebnisse
der Untersuchung J. Juds über die Wege, die Lehnwörter
bei der Aufnahme in eine Sprache zurücklegen (ZRPh. 38,
S. 1 ff.), zu Nutze machen, so gilt diese letztere Zeitbestim-
mung wohl in erster Linie für die nördlichen Grenzmundarten,
bringt also weniger Neues als eine Bestätigung der eingangs
erwähnten Untersuchung Meyer-Lübkes. Allerdings darf auch
nicht außer Acht gelassen werden, daß bei der Wiedergabe
des ndd. u durch ü auch Lautsubstitution vorliegen könnte.
Im Folgenden soll nun versucht wrerden, den Zusammen-
hang zwischen dem Übergang von u>ü und den Verände-
rungen der altfrz. M-Diphthonge näher festzustellen.
Zunächst ist es jedenfalls auffällig, daß auf dem größten
Teil des nordfranzösischen Sprachgebietes primäres ow<ö
weder mit qu < ql Kons, noch mit qu< gl Kons, zusammenfällt.
Eine Ausnahme machen das Normannische und ursprünglich
die anschließenden westlichen Mundarten, dann der Südosten
von Nordfrankreich, wo qu< ö mit qu < ql als u, o zusammen-
fallen. Da sich der Übergang von l Kons, zu u Kons, vielleicht
schon im 7.. wahrscheinlich im 8. Jahrhundert wenigstens dialek-
tisch vollzogen hat (s. die Belege bei Meyer-Lübke, Frz. Gr.
S. 134), muß qu<q schon in jener Zeit kein reiner o-u-
Diphthong gewesen sein. Die Aussprache war also damals
wohl bereits oü, während das neue ou reiner velarer Diph-
thong war.
oü war wohl auch die Vorstufe des späteren eu, das seit
dem 11. Jahrhundert belegt ist. Daß die Schrift trotz der
geänderten Aussprache oü für lat. ö bei der Schreibung ou ver-
harrte, ist nur selbstverständlich, da ja nach dem Übergang
von u<ü in der Sprache kein w-Laut vorhanden war. Anderer-
seits wird es nun aber erklärlich, warum bis in spätaltfran-
zösische Zeit hinein die historische Schreibung l Kons, für
u Kons, erhalten bleibt. Ein aut, mout wäre als aüt, moüt
gelesen worden, wie flour als fioür, flöür. Dadurch erklärt es
sich auch, warum die umgekehrte Schreibweise o l Kons, für
Beiträge zur französischen Lautgeschichte. 343
ou Kons.sich nur dort findet, wo qu<ö den Übergang zu ö
nicht aufweist. Vgl. außer dem nevuld des Rolandsliedes in
der altburgundischen Übersetzung des Bernhard v. Clairvaux
tolte, toltes — toute, toates (s. Kesselring, Die betonten Vokale
im Altlothringischen, Diss. Halle 1890); in den Proverbia
Salomonis von Samson von Nantuil(Diss.S. Hilgers. Halle 1910)
colHvolt Imperfekt zu coltiver V. 11428; tolz-touz 1766,9732.
Der Text ist normannisch, in England geschrieben. In den
letzten beiden Fällen dürfte ol Graphie für monophthongisches
u darstellen.
Dieser Übergang von ou>oü muß nun im engsten Zu-
sammenhang mit der allgemeinen Palatalisierung des u stehen.
Bei unabhängiger phonetischer Weiterentwicklung des Diph-
thongen würde man zweierlei erwarten dürfen, entweder Über-
gang zu au, oder Monophthongierung zu ii, q. Beides ist auch
unter anderen Umständen eingetreten. Der Vergleich des
Überganges von ou>eu mit dem von ei>oi stimmt zeitlich
und örtlich nicht und ist auch phonetisch von ganz anderer Art.
Wir werden also annehmen dürfen, daß anläßlich des
Übergangs von u>ü auch das u des Diphthongen ou<ö er-
griffen wurde. Nur so verstehen wir, warum ou in af. rouvre,
oitouvre, Louvre u. ä. s. M.-L. Franz. Gr. S. 81 Sonderentwick-
lung zeigt. Die Palatalisierung des u>ü scheint aufgehalten
worden zu sein, wenn u von velaren Lauten eingeschlossen
war. Einen ähnlichen Einfluß von v auf die Entwicklung
von ü beobachtet Gauchat im Neuenburgischen : avu, vu, bu
neben krü, sii etc. (ZfSL. 25, S. 123) und wird im Folgenden
noch erwähnt werden (S. 346). Diese Palatalisierung des u
findet sich aber weder bei sekundärem ou noch bei aic< a -\- l.
ou'1 wird entweder u, o oder au, au bleibt oder wird zu o.
Aus einer Zwischenstufe aü wäre wohl ö oder ü entstanden,
wie in den Fällen maturus, sabucus, habutu, über die Meyer-
Lübke 1. c. S. 78 f. gehandelt hat.
Betrachten wir aber die Diphthonge oü < ö, ou< q l und
au<a l nebeneinander, so vollzieht sich die Weiterentwicklung
gleichmäßig: der erste Bestandteil des Diphthongs wird an
den zweiten assimiliert, die so angeglichenen Vokale ver-
schmelzen.
Damit ist für Zentralfrankreich ein terminus ad quem
für die Palatalisierung des ü gefunden. Der Wandel von
u<ü ist älter als dieVokalisierung des velaren l
vor Konsonanten.
Da der Übergang von l -f- Kons, zu u -f- Kons, wie er-
wähnt, wahrscheinlich im 8. Jahrhundert vollzogen war, die
Diphthongierung der gedehnten e- und o-Laute aus mehreren
Gründen nicht vor das 6. Jahrhundert zu verlegen ist, kommt
für den Übergang von u > ü das 7. Jahrhundert in Betracht.
344 Ernst Gamillscheg.
Ausgangspunkt des Wandels war aus den im früheren ange-
triebenen Gründen wohl Zentralfrankreich oder die Pikardie.
Mit dieser Zeitbestimmung scheint nun die Entwicklung
von rota zu roue, die Meyer-Lübke 1. c. S. 77 bespricht, in
Widerspruch zu stehen. Da ruede über ruee zu rqe wird,
schließt M.-L., daß zur Zeit der Vereinfachung von uee zu
ue u noch nicht als ü gesprochen wurde. Das ist gewiß
richtig, aber richtig für das u des Diphthongen ue, nicht für
sonstiges ü Dies wird uns durch das Verhalten der Mund-
arten klar gemacht.
Zunächst ist im Franzischen oe in roe < ruede mit oe > aua,
nicht mit oe, ue < ö zusammengefallen. Da, wie im Folgenden
gezeigt werden wird, in den Mundarten, welche die Form roue
haben ue, oe < ö auf dem e betont war, bei dem Zusammen-
treffen von uee der Akzent aber auf den 1. Vokal überging,
wie ja auch iee zu ie wird, versteht man den Zusammenfall von
rqe < ruede mit bqe < baua, auch wenn man annimmt, daß zur
Zeit der Reduzierung das Triphthongen uee>ue o<au noch offen
war. Später ist es bekanntlich geschlossen worden, wie neben
dem modernen Übergang zu u eine von Förster, Rom. Stud. III,
S. 185 angeführte Assonanz bei dem Pikarden Adenet zeigt.
Die Dialekte des Ostens und z. T. die des Westens gehen
jedoch andere Wege. Im Osten scheint die älteste Schicht
durch einen Typus ru mit velarem u vertreten zu sein, der
in der Wallonie beginnt, die ganze Ostgrenze entlang Spuren
hinterlassen hat (die Punkte 181, 170, 87, 85, 33 des A.L.Fr.)
und sich im Südoatfranzösischen wieder fortsetzt. Wir finden
uns also auf dem gleichen Gebiete, für welches M.-L. die
velare Lautung für iL noch zur Zeit des Schwundes von
intervokalischem t wahrscheinlich gemacht hat. Da hier in
dem Triphthongen iei Vereinfachung zu ei eintrat (leit<lectus),
werden wir auch in dem nach Schwund des t in rota ent-
stehenden Triphthongen eine ähnliche Reduzierung zu erwarten
haben. Diese Vereinfachung muß aber noch auf der Stufe
uo < ö eingetreten sein. Wie die Form fou dieser Mundarten
vermutlich aus *fuou < föcu entstand, so wurde ruoe > roe,
weiter südlich ruoa > roa.
Heute ist die im Osten am weitesten verbreitete Form
rö, die auch hier wieder mit nö, nöi < nöcte reimt. Hier ist
nun eine Vorstufe, die einen //-Diphthong enthielt, kaum abzu-
lehnen. Die eigentlich lothringische Form ist rö, röi. Das
vereinzelt vorkommende riöi (173, 171 des A.L.Fr.), riö (57)
findet sich nur dort, wro auch Üöve zu biö wird, während sonst
dafür den Haupttypus lot. bü, älter büe, buef darstellt.
Die Typen biö, riöi, niöi einerseits, bü, rö, (röi), nö (nöi)
andererseits vereinigen sich unter einer Grundform büe,
riiee, nüeit, die sich verschieden weiter entwickelten, je
nachdem der Akzent auf dem ä lag oder auf das e (ö)
Beiträge zur französischen Lautgeschichte, 345
überging. Es ist nun kein Zufall — und darin liegt die Er-
klärung des ganzen röto-Problems, — daß die riü, J/ö-Formen
in dem berüchtigten Durchbruchsgebiet der Maas sich rinden,
in dem seit der ältesten Zeit zentralfranzösische Sprachformen
weiterdrangen. Es ist nun vermutlich die literarische Be-
tonung des Diphthongen iU hier eingedrungen, hat aber die
ursprüngliche Lautform üö nicht verdrängt, sondern nur die
Akzentverschiebung zur Folge gehabt : doch wurde in dem Be-
streben, die literarische Aussprache nachzuahmen, zwar die
vorbildliche Sprachform nicht vollständig erreicht, aber die
heimische Aussprache aufgegeben. Aus üö entwickelte sich
später iö wie zentralfranzösisch üeu in locus zu liö wurde.
Nun verstehen wir auch, warum im Zentrum Frankreichs,
in dem der Wandel von u > ü früher eingetreten ist als im
Osten, // in u% < ö velar bleibt, während es gleichzeitig im
Osten palatal wird.
Der Diphthong ue wird nur dort zu Ue, wo der
1. Bestandteil, das?*, betont war. Was von Horning
als ein wichtiges Lautgesetz des Wallonischen und Lothringi-
schen angegeben wird (Frz. Stud.Y. 4 S. 54), daß u im Hiatus
nicht zu äf sondern zu halbvokalischem w wird, trifft für eine
frühere Periode für ganz Frankreich zu.
Die Probe darauf ist leicht zu machen1). Die Reime
ue : $, e, die eine Betonung ue voraussetzen, finden sich nur
außerhalb des we-Gebietes, d. h. dort, wo für diesen Di-
phthongen die Schreibung oe die Regel ist. Tobler zitiert in
der Parabel vom echten Ring (S. 24 der Einleitung) aus
westpika^dischen (R. de Harn) bzw. normannischen Texten
die Reime goucet : esm(o)et ; quierent - moerent ; pres : oes ;
Förster, Rom. Stud. III, S. 176. A. im französischen Ogier I,
S. 364 chewoel, escoel in einer (g-Triade. Im Eneas (s. Bibl.
norm. III) cuens : Volcens 5093; muert : requiert; requierent-
muerent 9431. Der Normanne Guillaume le Clerc reimt im
Bestiaire (ed. Reinsch, Altfrz. Bibl. 14. S. 40) eus : doeus,
zeigt also die spätere Entwicklung der Diphthongen von o$
zu oe an. Das Anglonormannische endlich wandelt ue > oe,
e 8. Suchier, Boeve de Haumtone, S. 10 der Einleitung.
Es ist also, soweit mein Material erschließen läßt, oe
auf Zentrum, Nordwesten und Westen beschränkt. Wenn die
Vegetius-Versifikation des Priorat von Besancon (Diss. Wendel-
born, Bonn 1887) Reime wie trueve : crieve, muevent,: lievent,
trueve : lieve, aufweist, so dürften unreine Reime von üe:ie vor-
x) Leider sind mir die Dissertationen von A. Schreiber, Der geschlossene
o-Laut im Afrz. Straßburg 1888 ; und M. Strauch, Lat. o in der normanni-
schen Mundart. Halle 1881, nicht zugänglich. Von einer Polemik gegen
E. Matzke, Über die Aussprache des af. ue von lat. ü Z. R. Ph. 20, S. 7 ff.,
glaube ich hier absehen zu dürfen. Daselbst ilie frühere Literatur über
das Problem.
346 Ernst Gamülscheg.
liegen, da wir uns hier in dem Gebiet befinden, in dem af.
> pi, buef > bü wird, vielleicht auch Übergang von üe >
ie, wie Wendelborn will.
Wir können nun geradezu den umgekehrten Schluß
ziehen, daß dort, wo in den mittelalterlichen Denkmälern
die Schreibung ue für ö konsequent erscheint, der Diphthong
üe lautete, während die Schreibung oe neben ue ein ge-
sprochenes ue darstellt.
So stellt sich der ganze Westen einschließlich der Nor-
mandie und der lle^de-France mit ue dem Osten mit Pikardie
und Wallonie mit iie, üe gegenüber1).
Eine Sonderstellung in der Schreibung nehmen zwei
Gruppen von Wörtern ein: 1. solche mit ue vor Nasalen,
2. mit ue in labialer Umgebung. In beiden Fällen findet sich
vielfach hier oe geschrieben, während sonst ue durchgeführt
ist. Es scheint also anläßlich des Überganges von u>ü so-
wohl u in labialer Umgebung wie vor Nasalen sich der Palati-
sierung in gewissen Dialekten zu entziehen, vgl. auch S. 343.
So steht bei Chretien (außer im direkten Anlaut) boens neben
buens. Die gleiche Tatsache wird für die westliche Champagne
(Provins) wie die nordöstliche Champagne angegeben (Kraus).
Für die Beeinflussung durch labiale Laute ist die Liste von
o<?-Schreibungen im Burgundischen neben sonstigem ue kenn-
zeichnend, die Goerlich. Frz. Stud. VII, 1, S. 80 gibt: noef,
poent, poet, moet, proeve, avoec. avoec neben gewöhnlichem
ue beobachtet auch Neumann 1. c. für das Pikardische.
Halten wir also daran fest, daß das Gesetz, daß vor-
toniges u im Hiatus halbvokalisch war und daher nicht wie
') In den südwestlichen Dialekten (Goerlich, Frz. Stud. III, S. 41— 170)
scheint o ursprünglich nicht zu diphthongieren, wenn es nicht vor einem
aus e enstandenen u steht. Hier wird ö zu ue und neu wird zu eu
reduziert. Neben erhaltenem o tritt u dann oe auf (wie ie aus der
Literatursprache, s. Goerlich S. 19), im 16. Jhdt. ist für dieses oe die
Aussprache ö gesichert. Im Nordwesten ist die Stufe oe belegt (s.
Goerlich, Franz. Studien V, 3). Die Weiterentwicklung ist durch die
Schreibungen soeicr, noeuf (Bretagne), nie sueur wie in Burgund gekenn-
zeichnet. Es wird hier also o ]> oe > oö'|> ö. Über oe im Normannischen
siehe die auf S. 345 angeführten Reime mit e . Für Maine vgl. Drevin, Die
frz. Sprachelemente etc. Diss. Halle. 1912." S. 148. Darnach ist oe seit
dem 11. Jhdt. nachgewiesen. Für die übrigen Dialekte ist die Schreibung
ue die Regel. Für die Champagne vgl. Gottschalk, Über die Sprache von
Provins im 13. Jhdt. Diss. Halle 1893. S. 13: Neben ue wiederholtes ueu,
= üö in nueuves, sueur, jueune. Für Chretien vgl. Förster. Rom. Bibl. 132
S. 34. Einl. (Erec) und Cliges S. 77. Eiultg. Für die nordöstl. Champagne
vgl. Kraus, Beiträge zur Kenntnis der Mundart der nö. Champagne. Diss.
Gießen 1901. S. 19. Zur Picardie vgl. Neumann, Zur Laut- und Flexions-
lehre des Altfrz. Bonn 1878, S. 47 f. Für Lothringen vgl. z. B. in den
Büchern der Makkabäer (ed. Goerlich, Rom. Bibl. 2), S. 18 Einl. Im Lyoner
Yzopet, ed. Förster, Altfrz. Bibl. 5, S. 25 E.; im Lothringer Psalter, ed.
Apfelstedt, s. S. 24, E. Im Bnrgundischen siehe Goerlich, Frz. Studien VII, 1.
Auch hier treten seit dem 13. Jhdt. die Schreibungen neu = uö auf.
Beiträge zur französischen Lautgeschichte. 347
volles u zu ü wurde, ehemals für ganz Frankreich Geltung
hatte, so gewinnen wir aus dem Verhalten der Wörter frz.
Hernuer und ecuelle < lat. sternütare, scütella den folgenden
wertvollen Fingerzeig für die Zeit des u > ü- Wandels. Da
afrz. escuele heute auf dem größten Teil des frz. Sprachgebietes
mit ä erscheint, ergibt sich, daß zur Zeit des Schwundes des
intervokalischen d'1 hier ü schon gesprochen wurde. Es
waren also nebeneinander
I. müru, escütella, cor
II. mur, escudelle, cuor
III. mür, escudelle. ku^r, bzw. küer
IV. mür, eacüelle, ku§r bzw. küer.
Wo nun heute in ecuelle das Hiatus u velar gesprochen wird,
ist anzunehmen, daß der Schwund des intervokalischen t
früher eingetreten ist als der Übergang von u zu ü. Dies
ist zunächst begreiflicherweise in der Wallonie der Fall
(Typus sikual), dann wieder längs der ganzen Ostgrenze (177,
166, 156, 171, 87, 86, 78, 76 des A. L. Fr.), in der frz. Schweiz
und sonst im Südostfrz., wo ü z. T. noch heute, z. T. das
ganze Mittelalter hindurch velar war, siehe Philipon, Romania
40. S. 1 ff. Daß ü in ekuel dieser Dialekte nicht etwa eine
Rückbildung aus früherem ü darstellt, zeigt das Verhalten
der benachbarten westlichen Dialekte, die iie in ecuelle wie
ue < ö in ä übergehen lassen 1).
Manches bleibt noch zu untersuchen, so die Frage, ob
im Pikardischen der Diphthong üe nicht im späteren Alt-
französischen auf dem 2. Bestandteile betont wurde, wohl
unter dem Einfluß der zentralen literarischen Betonung. Es
dürfte sich ferner ergeben, daß die Lautgruppe ueu < ö 4-w2
dort zu eu wurde, wo das 1. u velar blieb, dagegen iö ergab,
wo es palatalisiert wurde. Es fehlt mir ferner für das eigent-
liche Franzische die Möglichkeit, zu entscheiden, ob hier
ue wie im Westen über oe; oö, öö oder wie in der Pikardie.
über sekundäres üe, üö zu ö wurde.
Sehen wir also ab von der Sonderentwicklung der nord-
östlichen und östlichen Dialekte, in denen sich der Übergang
von u > ü z. T. gar nicht, z. T. erst dann vollzog, als inter-
vokalisches t gefallen war. so gewinnen wir für die Zeit-
bestimmung innerhalb der zentralen Dialekte die folgenden
Anhaltspunkte :
Der Palatalisierung des u geht voran 1. die Diphthon-
gierung der e, o-Laute, 2. der Übergang von intervokalischem
*) Ich verkenne nicht, daß die Gleichstellung des u in af. escuele und
nuef nur bedingt richtig ist, da ue in escuele ursprünglich zweisilbig, in
nuef stets einsilbig war. Das Beweisende ist die geographische Über-
einstimmung des Gebietes, in dem frz. ecuelle mit u erscheint, mit dem
Gebiet, in dem die Erhaltung des velaren u in historischer Zeit nachge-
wiesen ist.
348 Ernst Gamülscheg.
k zu i, wenn ihm ein palataler Vokal nachfolgte, 3. der Über-
gang von t> d] (das Letztere gilt wenigstens für das Nor-
mannische). Nachher vollzog sich 1. die Vokalisierung des
velaren l, 2. der Schwund des sekundären, aus lat. t ent-
standenen d.
In jeder Beziehung trifft nun zeitlich der
Übergang von «zu e mit dem von u> ü zusammen:
1. Die Diphthongierung des £ fällt vor den Übergang von
a>£,. da dieses nicht mehr zu ie wird. (Etwas anderes ist
der Übergang dieses sekundären £ in ie, wenn ein u folgt
oder ein palataler Konsonant vorhergeht, über ie für sonstiges
a in gewissen normannischen Handschriften s. Förster, ZfSL.
1. S. 88. A.).
2. plaie, paie etc. beweisen, daß k> i früher eintritt als a > e.
3. Der Übergang von a>e ist älter als die Vokalisierung
des l vor Kons., vgl. af. Heus, pieus < talis, palus. Sonst wäre
taus, paus mit fagus, Pictavus etc. gegangen.
Es handelt sich also bei dem Übergang von u>ü nicht
um eine vereinzelte Erscheinung der französischen Sprach-
geschichte, sondern um eine allgemeine Tendenz der Sprache.
Zur Zeit des fraglichen Überganges besaß das Französische in
freier Stellung die folgenden Vokale:
/ < lat. t; u < lat. ü ; q < lat. a, «. Daneben die Diphthonge
ie bzw. ie; uö bzw. üo; ei, ou. Auf welcher Stufe lat. au an-
gelangt war. läßt sich kaum bestimmen. Nach Meyer- Lübke,
Franz. Gr. S. 66 war es ao, also ein Laut, der einem ge-
dehnten offenen q voraussichtlich bereits nahe kam.
Die 3 einfachen Vokale sind nun gleichmäßig palatalisiert
worden, soweit dies bei ihrer Natur noch möglich war. Daher
wird a > £, U > ü.
Zweierlei muß bei dieser Gleichstellung und Entwick-
lung von a und u berücksichtigt werden. 1. Die Tatsache,
daß der Wandel von a > e an den Ton und die Stellung des
Vokals am Ende einer Silbenartikulation gebunden war,
während u>ü allgemein durchgeführt wird. Das Letztere
ist ja der Grund, warum man für diesen Wandel durchaus
vorromanische Lautgesvohnheit verantwortlich machen wollte.
2. Die Verschiedenheit im heutigen Verbreitungsgebiet der
beiden Lautwandlungen. Das Letztere kann die Folge der
1. Tatsache sein. Außerdem sind wir derzeit über die Wege
und die Art der Ausbreitung eines Lautwandels noch so wenig
unterrichtet, daß daraus gegen die gleichmäßigen Anfänge
beider Lautveränderungen kaum ein Einwand erhoben werden
darf. Daß nun zwar jedes vokalische u von dem Wandel zu
ä ergriffen wurde, aber nur freies betontes a wird uns ver-
ständlich, wenn wir uns vor Augen halten, daß das Französische
zwar zwei qualitativ verschiedene a-Laute, aber nur ein u
besessen hat. Der Unterschied der beiden a zeigt sich im
Beitrat /e zur französischen Lautgeschickte. 349
Provenzalischen nicht nur in der Weiterentwicklung, sondern
es wurde von den provenzalischen Grammatikern als a larg
und a estreit streng geschieden, s. Stengel S. 45. Diese
Scheidung der beiden a in ein velares und ein palatales geht
offenbar in eine frühere Periode zurück und hängt mit der
Dehnung der Yokale in freier Stellung zusammen.
Dagegen besaß das Galloromanische nach dem Übergang
von ü > o nur einen geschlossenen u-Laut, wie es nur ein i
besaß. Es ist daher verständlich, daß der Wandel von u>ü,
wenn er auch ursprünglich nur an den Ton gebunden war,
jedes u ergriff, während e nur für palatales a eintrat, da
ja der 2. a-Laut von dem 1. ebenso geschieden war, wie
v = o von u = ü. Palatal aber war eben, wie die Verhältnisse
des Provenzalischen lehren, nur freies, und daher gelängtes,
betontes a.
Anders lagen die Verhältnisse bei dem Übergang von
e>ei, und ö>ou. Hier liegt eine wirkliche Diphthongierung
vor, die ihrerseits wieder Vokaldehnung voraussetzt. Daher
ist die Beschränkung des Wandels auf die tonstarken Silben
selbstverständlich. Andererseits sehen wir aber, wie inner-
halb der späteren Entwicklung des Französischen Laut-
veränderungen ohne Rücksicht auf die Tonverhältnisse sich
durchsetzen, wenn nur vor wie unter dem Ton die gleiche
Lautform zugrunde liegt. Sekundäres au<a-\-l wird ebenso
gleichmäßig o wie ei>oi wird.
Es hat also die Palatalisierung des u jedes u ergriffen,
wenn es wirklich vokalisch war, s. oben. Nun verstehen wir
auch die Sonderentwicklung einiger weniger Wörter mit ü
vor dem Tone, die den Wandel zu ii nicht aufweisen: Es
sind dies af. stroment-instrumentum „Gerichtsurkunde"', das
zwar nicht Erbwort, aber altes Lehnwort sein muß; dann
froment - frumentum ; dann das ebenfalls lehnwörtliche onir-unire.
In allen drei Fällen ist ii hier vor Nasal, es war also in
Zentralfrankreich ü in diesem Fall von oralem ü bereits ge-
schieden, wie in den nördlichen und östlichen Mundarten
jedes, auch betontes ü -4- Nasal s. S. 346. Eine Ausnahme macht
jümentum >jument. Hier war der anlautende Palatal von Ein-
fluß: zu berücksichtigen ist ferner, daß af. sowohl im Osten wie
Westen das nach Meyer-Lübke, Einf. § 110 zu erwartende
jement belegt ist, das neuerdings (vgl. chalumeau, alumelle etc.)
wieder zu jument werden konnte. Warum gstil, af. oustil und
af. frouchier - fructificare Abweichung zeigen, bleibt noch zu
untersuchen.
Innsbruck. Ernst Gamillscheg.
Zur u-ü-Frage.
III. Die Dunum-Namen.
In seiner kritischen Besprechung von Ascolis Annahmen
keltischen Einschlages im Französischen schreibt Thurneysen
(Keltorom. S. 10): „Am häufigsten ist gall. ü belegt in -dünum
befestigte Anhöhe, Burg als zweitem Element vieler Orts-
namen, ir. dun, kymr. din. Und dieses -dünum wird in einem
ausgedehnten galloromanischen Gebiete behandelt, als ob es
-dönum lautete, vgl. Laon, Lyon aus Lugudunum, Yverdon aus
Eburodunum usw. Nun ist sehr wohl begreiflich, daß uno
dialektisch zu ono, bzw. on werden konnte; aber von -Uno zu
on erscheint mir der "Weg zu weit. Dazu kommt, daß die
Griechen niemals Suvov für Soüvov schreiben." Damit ist der
Weg für die richtige Beurteilung gewiesen, nur die eine
Frage läßt Thurneysen offen, ob dieser örtlich begrenzte Über-
gang von uno zu ono gallisch oder französisch sei, doch dürfte
er schon darum das letztere stillschweigend voraussetzen, weil,
wenn es sich um gallischen Wandel handeln würde, daraus
ein Grund gegen die Annahme der «-Aussprache im Gallischen
nicht folgen würde. Übrigens käme man, wollte man für das
Gallische on aber tu annehmen, wie heute im Lyonesischen £üund
Lyon nebeneinanderstehen, mit der schriftlichen Überlieferuug
in arge Schwierigkeiten. — Im Anschluß daran äußert sich
dann Gröber (ALLG. 3,516): „Die Ausweichungen in on erklären
sich auf doppelte Weise. 1. Auf francoprovenzalischem Sprach-
gebiete, wozu die Schweiz gehört, wird auch lat. unus zu on,
demgemäß sind Yverdon, Moudon, Sion (Sidonensis schon in
alten Handschriften des Fredegar VI, 44) lautlich richtig ent-
wickelt. In Frankreich dagegen, wo lat. u = ü, ist 2. die
cw-Form eine Folge von Suffixtausch, dem auch Eigennamen
nicht entgehen. Er liegt deutlich vor Augen, wenn aus Seu-
dunum : Suin (Saöne-et-Loire), aus Sindunum: Senac (Ardennes)
wird: .... Lugdunum selbst findet dadurch, daß es auch
Laudun (Gard) und Lauzun (Lot-et-Garonne) wurde, und daß
Laon noch im 12. Jahrh. Loün (in Benoits Reimchronik in
sicherem Reime mit ü) lautet, hinreichende Bestätigung. Lyon,
Laon müssen daher on gegen un eingetauscht haben .... Es
mögen Namen wie Mougon = Mediconnum oder Arlon= Orolau-
num maßgebend geworden sein." Auf den Gröberschen Stand-
Zur u-ü-Frage. 351
punkt stellt sich Oestberg (les voyelles velaires accentuee»
S. 64) ohne jede Einschränkung, ja er bringt als eine Be-
stätigung „dunum, quand il forme seul un nom de lieu, n'offre
rien d'etonnant dans son developpement; 2. les anciennes formes
et les nouvelles ont longtemps coexiste. (Lugudunu, qui a
abouti a Laon se presente dejä au Vlle siecle sous la forme
de Lugdono: d'un autre cote, nous voyons encore au XII siecle
Loün, Leün en rime et en assonance avec u long)".
Etwas weiter noch geht Goidanich (ZRPh. Beiheft 5, 46).
Er sagt zunächst ganz richtig, daß die Entwicklung von dunu
zu don der von unu zu on entspreche und fügt ebenfalls mit
Recht den Gröberschen Beispielen aus der Schweiz noch Lyon
hinzu, nimmt aber Anstoß an Laon, Nouan. „Che Laon con-
tinui un Lugdunum in quei paraggi non c'e neanche l'ombra della
prova, perche di un Lugdunum in quei paraggi non s'ha
notizia. Che si tratti invece di un composto di -magus
e Luco, Lugo, o Luto-? . . . Insuperabili difficoltä perö offre
Nouan ad essere riconnesso a Noviodunum; perche Yä non
puö continuare non solo un -un ma neppure un ow.u Mit
Bezug auf die griechische Schreibung mit oo äußert er sich
dahin, daß die griechischen Schriftsteller auf keine Quellen
zurückgehen, die älter sind als die Eroberung Galliens, daß
die Römer gallisches ü durch u wiedergegeben haben und daß
diese sozusagen offizielle Wiedergabe von den Griechen über-
nommen worden sei. Von anderen Einwänden abgesehen ist
auch hier der eine zu erheben, daß, wer nicht die historische
Entstehung, sondern die akustische Wirkung des ü in Betracht
zieht, nie darauf verfallen wird, u als Ersatzlaut für ü anzu-
nehmen. Wenn die älteren Römer griech. t> als u wieder-
geben, so ist das bekanntlich geschehen, weil der Übergang
des alten u zu ü sich in der Magna Graecia zur Zeit der
ersten Berührungen von Griechen und Römern noch nicht voll-
zogen hatte. — Endlich E. Jacoby (Zur Geschichte des Wandels
von lat. u zu ü S. 15) meint: die keltischen Ortsnamen auf
-dunum scheinen zwar die Aussprache u, nicht //, bis ins IX.
Jahrh. zu sichern, da sie griech. Souvov, lat. -donum transkribiert
werden. Da aber heute in ein und derselben Gegend -don und
-dun nebeneinander vorkommen, so muß wohl mit der Mög-
lichkeit gerechnet werden, daß schon vorromanisch -donum
neben -dunum stand." Also statt Suffixwechsels gallische Ver-
schiedenheit, für die ein Grund nicht gegeben wird.
Es läßt sich nun nicht in Abrede stellen, daß, wenn auch
die Annahme von Suffixverschiebungen bei den Ortsnamen
nicht ohne weiteres abzulehnen ist. ihr doch gewisse Schwierig-
keiten entgegenstehen, oder besser gesagt, daß sie von Fall
zu Fall erklärt und womöglich begründet werden muß. Es
verlohnt sich daher, noch einmal die einzelnen Beispiele zu
untersuchen und dabei auch die Frage aufzuwerfen, ob nicht
352 II'. Meyer- Lübke.
mitunter diese Namen einen älteren Sprachzustand bewahrt
haben als der übrige Wortschatz.
Wie Thurneysen angedeutet, Gröber und Üestberg aus-
geführt haben, steht zunächst im südostfranzösischen Sprach-
gebiete, dem auch Lyon angehört, o aus dunu in voller Über-
einstimmung mit u»u, luna usw. und umgekehrt zeigt ganz
Südfrankreich und Katalanien nur u, vgl. Laudun (Gard),
Lauzun (Lot-et-Garonne), Monlezun (Gers), Montlauzun (Lot),
Dissolu (Lot), Issaudun (Creuse, Indre), Verdien (Ariege, Aude,
Aveyron, Dordogne, Tarn, Tarn-et-Garonne) usw.; Besaht, Xa-
vardun. Salardu, Verdu. Weiter stimmt einVerdon in Pas-de-
Calais durchaus dazu, daß hier prune als pron erscheint, wie
E. Jacoby a. a. 0. S. 21 und Karte 1 zeigt.
In anderen Fällen ist die Grundlage mehr als zweifel-
haft. Holder hat 1, 1376 die cÜMMMM-Namen zusammengestellt,
die seine Sammlung enthält. Die Zahl ist sehr groß, doch
haben sich auch einige durum darunter eingefunden. Aber
auch im Reste sind manche zu streichen. „Crotalodunion saec.
12 Craaldunum, nach D'Arbois de Jubainville Crodon dep.
Marne" schreibt er 1, 1176. Nach Longnons Dict. topogr.
de la Marne heißt der Ort 1162 Crahadon, 1175 Craaldunum,
d. h. das dunum ist eine Latinisierung des 12. Jahrh., nicht
die älteste Form, eine Latinisierung, die natürlich keinen
Anspruch darauf hat, ein sicherer Zeuge für die gallische
Zeit zu sein. In der Tat hat auch Longnon in der Einleitung,
S. IV ff., wo er von den gallischen Namen spricht, Crodon
nicht angeführt. Oder Anton (Eure-et-Loire) begegnet zuerst
1157 in der Schreibung Augustodum, so daß wir wiederum
nicht wissen können, was hinter dem -on steckt und kein
Recht haben, ein zum Sprachcharakter der Gegend nicht
passendes Augustodunum zu erschließen. Ich wüßte nicht,
was gegen ein Augostomagus einzuwenden wäre. Noch schlimmer
steht es um Uxeloup (Nievre), das Uxellodunum darstellen
soll. Die alten Belege lauten: Usilo 1243, Usello 1269,
Ussullo 1297, Ussellum 1344, also keine Spur von -dunum,
sondern vermutlich Uxellavum. Auch ein Nyon in Nievre
erscheint 1337 zuerst als Nyo, womit man in demselben dep.
Nioult, 1406 Nyo und Nioux, 1408 Niou vergleichen kann.
Das Nyon ist danach entweder eine Umdeutung oder Novio-
magus. Auch Laons (Eure-et-Loire) ist zweifelhaft, da der
Ort 1228 als Laon, 1250 als Leon, erst 1300 als Laudunum
erscheint. Schwieriger ist Chalons (Mayenne), schon 710 als
Caladunne belegt, doch kommt hier noch etwas in Betracht.
Die dunum-Neunen sind Zusammensetzungen, der Fugenvokal
muß nach einem allen indogermanischen Sprachen eigenen,
auch im Keltischen erhaltenen Gesetze o sein, auch wenn das
erste Wort der Zusammensetzung ein ä-Stamm ist (vgl. Brivo-
durum neben brivä und ZRPh. 33, 437). Man müßte also
Zur u-ii-Frage. 353
Calodunum erwarten, womit wiederum die französische Form
nicht vereinbar ist. Somit wird Calatone vorliegen. Ebenso
kann Cervon, wenn es dasselbe ist wie vico Cervedone in der
vita Germani des Fortunatus. nur ein Cervatone darstellen.
Wenn auch Cerdidunum 843 Gallia christ. 4, 47 eben diesen
Ort bezeichnet, so ist der Beleg wiederum zu spät, als daß
er Beweiskraft hätte. Ebenso unberechtigt ist Curtiodunum
für heutiges Courson (Yonne), nicht nur weil der älteste
Beleg aus dem 6. Jahrh. Curcedonus lautet, sondern vor allem,
weil ein dunum-N amen mit lat. Curtius ganz vereinzelt steht
und weil aus Curtiodununi zunächst Coursdun und weiter
Coudun zu erwarten wäre. Nicht besser steht es endlich um
Torv&on, das nur im Mittelalter als Torcedonensis ager und
Tolvedunum überliefert ist und mit Brancion angeblich
aus ßrancidunwu. So wird es sich in den meisten anderen
Fällen verhalten: es liegen nicht alte -dimum-N amen, sondern
falsche Schlüsse mittelalterlicher und noch öfter heutiger
Gelehrter vor. Nur drei bedürfen noch einer Besprechung.
Goardan soll mit Crodunum bei Cicero pro Fonteio identisch
sein. Aber die Lesart ist nicht sicher, Mommsen liest Se-
goduni. Nouan (Loir-et-Cher) soll das Xoviodunum der Bituriges
Cubii bei Caesar, Bell. Gall. 7. 12, 2 sein, aber unter den
sehr zahlreichen Noviodunum, Noriomagus, Novioritus, Noinien-
^////-Namen wäre es der einzige, in welchem das i gar keine
Spur hinterlassen hätte: also wiederum eine doppelte lautliche
Schwierigkeit.
Eine Stelle für sich nimmt Laott ein. Zwar daß auch
hier Lugudunum zugrunde liegt, wird gegenüber den bei
Holder Altkeit. Sprachschatz, 2. 342, 42 zusammengestellten
Belegen wohl auch Goidanich nicht mehr in Zweifel ziehen
wollen. Aber es ist bemerkenswert, daß Benoit in der
Normannenchronik nicht nur stets Leun schreibt, wo ja nur
das e auf ein ü schließen läßt (oben Bd. 44 \ 19), sondern
daß er den Namen mit comun 13379 und mit nesun 26181
bindet. Ferner steht Laun in //-Assonanzen im Aiol 3401,
3418, in Elie de Saint Gille 798, 839, 865 und in den
Narbonnensern. In letzterem Epos begegnet Laon nun aller-
dings auch in einer o^-Reihe und das ist sonst allgemeine
Regel, z. B. Floovent, Ansöis von Karthago, Doon von Nanteuil
usw. Ob dem lugdiino, das Holder a. a. 0. 343, 11 aus dem
Jahre 614 belegt, viel Wert zuzuschreiben ist, läßt sich
schwer sagen. Aber das eine ist sicher, daß nicht nur der
gelehrte normannische Geschichtschreiber Laün verwendet,
sondern daß die w-Form auch der epischen Überlieferung
nicht unbekannt ist. Daß daran das Bewußtsein des latei-
nischen Namens, das natürlich gelehrter Überlieferung ange-
hören müßte, schuld sei, scheint mir wenig wahrscheinlich,
vielmehr möchte ich die Erklärung im Folgenden suchen.
Ztgchr. f. frz. Spr. u. Littr. XLIV5/6. 24
354 W. Meyer-Lübke.
Laon liegt jetzt wenig südlich des pi one-G ebietes. Hätten
wir nun heute Latin und im Mittelalter beide Formen, so
würde ich nicht anstehen, daraus zu schließen, daß dieses
at'rz. Laon für einst größere Ausdehnung des pron-Gebietes
spreche und ich würde das heutige Laon als letzten Zeugen
älterer Verhältnisse betrachten. Allein dieser Auffassung
widersetzt sich das historische Verhältnis der beiden Formen.
Latin, Leun ist alt, Laon ist jung. Daher denke ich, daß iiepron-
Bevölkerung auch Laon, die /;r/ö<-BevöIkerung auch Lei'm gesagt
haben wird, daß diese Doppelheit sieh in unseren mittelalter-
lichen Texten widerspiegelt, daß dann aber bei der Namen-
gebung nicht die Form der Bewohner der Stadt, sondern die der
Landbevölkerung, die den Namen vielleicht öfter gebrauchte,
durchgedrungen ist. Das Verhältnis zwischen Laon und
Lugudunum wäre danach dasselbe wie das zwischen Chieti
und Teute. Ascoli hat mit Recht hervorgehoben, daß das e
sich nicht durch Einfluß des i erklären läßt, und die Annahme,
daß die sprachliche Form des Ortsnamens uns über die
Lautentwicklung aufkläre dadurch zu bestätigen geglaubt,
daß er auf das benachbarte Bucchianico hinwies, wo man
cirki (cercare). mele sage (AGIItal. 2. 445). Allein aus den
Proben bei Papanti und noch deutlicher aus Finamore, Novelle
popolari abruzzesi 2, 27 ff. ersieht man, daß die Stadt a
behält, so daß auch hier der Vokalismus der umgebenden
Landbovölkerung maßgebend geworden ist.
IV. PLUMA im n-Gebiete.
Schon in dem früheren Aufsatz habe ich daranf hinge-
wiesen, daß in weiterem Umfange als man früher glaubte,
im //-Gebiete u vor in bleibt, und in der Arbeit von Jacoby
zeigt sich das noch deutlicher. Die daselbst gemachten
Angaben können durch Blatt peler des AL noch vervoll-
ständigt werden. Da zumeist nur pluma das u zeigt, bruma
dagegen nicht, so meint die Verf.. nachdem sie erst ganz
richtig sich dahin geäußert hat, daß pluma ..allein eine sonst
ausgestorbene Sprachform bewahrt" habe (S. 43). „die Formen,
welche heute noch n vor Nasal im Süden zeigen, sind fast
ausschließlich pluma und Ableitungen. Es liegt also hier
eher ein wortgeschichtliches Problem vor, das ich nicht zu
lösen weiß."
Die Zahl der einschlägigen Wörter ist ja freilich gering:
coutume, ecume, bnime kommen wohl allein in Betracht, da
enclume im Süden den Typus incugine fortsetzt. Es wrird
sich also fragen, ob im plomo-Geblete eskümo verschleppt
i^t. bzw. sich über ein anderes Wort gelagert hat oder ob
plomo gewandert ist. Für die erstere Annahme ist vielleicht
Folgendes anzuführen. Neben shuiha zeigt Karte 448 noch
drei andere Wörter: grame im Südwesten, auch von Lespy-
Zur n-ü- Frage. 355
Raynaud und sogar von Lespy verzeichnet, also wohl ver-
breiteter als es nach Edmonts Angaben scheinen möchte,
und auch in das Baskische gedrungen: soul. grama „Schaum",
vielleicht auch grama „Alge-1 in San Sebastian, wenn dies
letztere nicht gramen ist. Für die weitere Verbreitung des
vermutlich gallischen grama s. REW. 2294. Ein zweites
Wort ist grümo auf im ganzen zusammenhängendem Gebiete
in Aveyron und Lozere, durch zwischengeschobenes ecume
getrennt in 76, in alter Zeit bisher nicht belegt, am West-
rand dieses grümo auch brümo. Der Gedanke liegt nahe,
daß dieses grümo x) eine Vermischung von grama und
skuma sei, daß also escumo hier sekundär ist, brümo ist
schwieriger. Ich habe t'riaul. brume „Sahne" neben gleich-
bedeutendem grödn. brama durch Einfluß von spuma oder
bruma erklärt, aber wie verhält sich brama zu komask.,
engad. grama? Die geographische Lagerung macht es
wahrscheinlicher, daß grödn. brama aus dem Zusammenstoß
von bruma und grama entstanden sei. Immerhin kann man
wohl auch dies prov. bruma als einen mittelbaren Zeugen
für grama und also für die Unursprünglichkeit von skuma
anführen. Endlich ist noch ein dritter Ausdruck zu nennen,
rumo 801 (Puy-de-Döme) und daran anschließend auf nord-
franz. Gebiet rum, romin (Allier). Da ein vereinzeltes grum
803 daneben steht, könnte man wieder an grama denken,
doch ist der Schwund des g nicht verständlich. Dazu kommt
nun aber weiter rom 901 „crasse".
Während also stofflich in Südfrankreich die ecume-K&rte
eine gewisse Mannigfaltigkeit zeigt, erscheint pluma als einziger
Ausdruck, und daß die Mannigfaltigkeit bei jenem nicht das
spätere ist, folgt daraus, daß der Ausdruck, der hauptsächlich
neben ekümo steht, vorrömischen Ursprungs ist.
Gern möchte man nun auch wissen, woher rumo stammt.
Geht man von der Bedeutung „crasse" aus und nimmt man
an. daß auch hier u vor m für ü stehe, so bietet sich Schweiz.
rume „die Kruste, die sich beim Kochen von Mehlspeisen,
Kartoffeln. Brei, auch Gemüse, Milch, Butter. Suppe am
Boden und unteren Teil der Seitenwände des Kochgeschirres
bildet", dann unter anderem „Schorf am Munde" (Idiotik. 6,
915). Das Hauptbedenken, das ich dagegen habe, ist daß
das seit 1650 belegte Wort spezifisch schweizerisch ist und
weder in den anderen deutschen Mundarten noch in den
anderen germanischen Sprachen eine Anknüpfung hat. Das
weist doch wohl darauf hin. daß es eine junge Bildung ist
') Aber grümo „Träne" in Cantal hat gremo neben sich, geht also
auf lacrima zurück. Und ob grume 836, grumel 852, grutnus 824, dann
mit Umstellung- unter Einfluß von murvus auch gurmus 847, gurmurya
857, gurmus 778, hier neben grümo für morve hierhergehören, ist zum
mindestens fraglich.
24*
356 II '. Meyer-Lübke.
und wenn man nun an „Scharre" denkt, das z. T. dieselbe
Bedeutung hat. so wird man an eine Ableitung von rume
„ausräumen" denken dürfen, das auch bedeutet „ab-, Mus-
scharren, was sich vom Brei an der Pfanne ansetzt" ^a. a. 0.
918). Ist das o, u in rumo alt. so handelt es sich vielleicht
um irgend einen Zusammenhang mit ahd. roum, nhd. rahm.
Das Wort hat also aus der lautgeschichtlichen Betrachtung
auszuscheiden.
Mit Bezug auf lat. bruma ist zunächst zu beachten, daß
Vertreter davon ganz selten sind. In zahlreichen Fällen
scheint der Begriff ganz zu fehlen, namentlich im östlichen
Teile des provenzalischen Sprachgebietes, gerade in der pluma-
Region. während allerdings der Westen eine zusammenhängende
/»v/wa-Masse aufweist. Daraus ergibt sich« daß dort ein
brumo durch die Reichssprache beeinflußt sein kann, wogegen
hier die Gewähr, daß man die bodenständigen Formen noch
antrifft, größer ist. Allerdings nur größer. Denn wenn auf
der Karte brume in 781 (Haute-Garonne) brumo, auf der
Karte nuayes dagegen brumos angegeben wird, so sieht man
deutlich den Einfluß des reichssprachl. brume, wobei es natürlich
ganz gleichgültig bleibt, ob dieser Einfluß allgemein oder
individuell, ob er dauernd ist oder ob er sich nur augenblick-
lich bemerkbar macht.
Danach stellt sich bei einer kritischen Beurteilung der
bis jetzt zur Verfügung stehenden Materialien die Sache
folgendermaßen dar.
Gar keine Spur von pluma zeigen Provence mit Comtat
und Comte. Altes ^/«/««-Gebiet sind der westliche Teil von
Languedoc, Guyenne. Auvergne. d. h. die Departements Herault,
Aveyron, Lot mit Einschluß der jenseits der Grenze liegenden
Punkte 733, 628, Cantal.
Eine zweite Gruppe knüpft an das katalanische Roussillon
an, erscheint also in Aude, greift westlich noch in Hautes-
Pyrenees, nördlich in Haute-Garonne und Garonne hinein,
ist aber nur durch brumo vertreten, doch ist aus Tarn-et-
Garonne ein ploma aus dem XV. Jahrh. nachgewiesen (Jacoby,
S. 40) und damit ergibt sich die Möglichkeit, natürlich aber
nicht die Notwendigkeit eines einstigen Zusammenhanges der
beiden Zonen. Das Bild nämlich, das man aus den heutigen
Resten bekommt, ist das, daß die Irruption von plümo nicht
von dem südöstlichen und auch nicht von dem westlichen
«-Gebiet gekommen ist, sondern von Narbonne aus. Hier
und in Marseille sowie im ganzen Westen ist die Artikulation
des u vor m dieselbe gewesen wie vor allen anderen Konso-
nanten, so daß es denn auch wie in allen anderen Stellen
zu ü wurde. Im ganzen Hinterlande und in Dauphine usw.
dagegen muß die Verknüpfung mit dem labialen Nasal eine
derartig enge gewesen sein, daß wohl infolge von Dissimi-
Zur u-ü-Frage, 357
lation das u vor m offener gesprochen worden und infolge-
dessen blieb. Dieses o/M-Gebiet ging dann weiter über in
das ^//-Gebiet, wo die Artikulation der Nasale eine der-
artige war. daß sie sich nicht mit der des // und i vereinigen
ließ, daher dann diese zu o, e wurden. Auffällig bleibt, daß
auf dem wwa-Grebiete die Vertreter von fumus nur mit ü
vorzukommen scheinen.
Aus den Zusammenstellungen von E. Jacoby erhellt, was
bisher nicht bemerkt worden war. daß auch Westfrankreich
pyom kennt. Es sind vier ziemlich auseinanderliegende Punkte
in Morbihan, Loire-Inferieure, Ille-et-Vilaine und Mayenne.
Zwischen diesen pyom steht aber mehrfach plüm, d. h., wie
die Bewahrung des / deutlich zeigt, reichssprachliche Formen.
Dazu kommen noch zwei Gemeinden im Dep. Mayenne:
Cigne nahe bei P. 349 und Asse-le-Berenger weiter südlich
bei Dottin. Glossaire du Bas-Maine und Bazouges-la-
Perouse im nördlichen Ille-et-Vilaine bei Dottin-Langouet,
Glosaire de Plechatel. Das pyom ist hier von pyöm umgeben,
und man wird doch die Frage aufzuwerfen haben, ob nicht
entsprechend der bei diesen gemischten Lauten vielfach vor-
kommenden Entrundung auch eine Entpalatalisierung möglich
sei. Rein theoretisch läßt sich das kaum vertreten, denn
nicht nur ist akustisch der Unterschied zwischen i und ü
geringer als zwischen t< und ?7, auch artikulatorisch ist der
erste Wandel insofern näher liegend, als bei ihm von der
kombinierten Artikulation des ü der vordere Teil, die Lippen-
tätigkeit, unterbleibt, und das scheint im Ganzen dem Sprach-
mechanismus zu entsprechen. Ich wüßte denn auch im
Romanischen nirgends einen Fall von spontaner Rückkehr
von ü zu u. Zwar hat Gamillscheg gezeigt, daß in der
Umgegend von Lusern, deren italienischer Dialekt heute u
spricht, einst ü gesprochen wurde, wie dies deutlich erhellt
aus baül „Koffer1', miifa „Modergeruch", destrügere „zerstören"
u. a. (ZRPh.. Beih. 43. 17), allein hier handelt es sich darum,
daß die ursprünglich lombardische Mundart mehr und mehr
venezianisiert wird. In unserem Falle müßte außerdem
erklärt werden, warum eine solche Entpalatalisierung nur bei
öm stattgefunden hat. da die Nasalierung allein nach dem,
was wir sonst von den Nasalen wissen, nicht schuld sein kann.
W. Meyer-Lübke.
Vom Papagei.
Et dominamini universis animantibus. Auf frühesten
Stufen sehen wir den Menschen das Tier nicht nur jagen
und berauben, sondern auch lediglich zu seinem Vergnügen
in Gefangenschaft halten. Mächtigen Herrschern steht es an,
mit fremdem Getier zu prunken, zunächst den großen Vier-
füßlern: auch der fremde Vogel kam über den fürstlichen
Garten, den Pallast der Herrin. Als frühester nächst dem
Pfauen und als vornehmster erscheint der Papagei, doch erst
in etwas vorgerückter Zeit. Recht wohl möglich, daß mit dem
Wörterbuch ßittaxo; des Ktesias auf ihn zu beziehen ist, doch
weiß der in Persien lebende griechische Arzt nur, daß ein
bemerkenswerter Vogel des Namens in Indien existiert.
Aristoteles erwähnt ihn in seiner Naturgeschichte nicht, was
dort VIII. 12 über '\iizza.y.ri steht, gehört zu den Erweiterungen,
handelt allerdings von dem sprechenden, das ist dem gezähm-
ten Vogel.
Plinius und Apulejus beschreiben als psittacus genau
bestimmt und meist richtig verstanden den Halsbandsittich.
Palaeornis torquatus, Perruche ä collier, der in Indien und
Abessinien bis zur Nordgrenze der Papageien häufig ist.
Dem Abendland blieb die gelehrte Kenntnis aus Isidor:
Indiae littoribus gignitur colore viridi torque puniceo . . articulata
verbu exprimit; daher in althochdeutschen Glossen der ange-
paßte psitich. Der Vogel selbst war. man darf sagen not-
wendig, dem frühen Mittelalter unbekannt, in dem orien-
talischen Papageienmotiv, das die gotischen und fränkischen
Kunstschmiede annehmen, und das man weiterhin auf den
fremden Seidenstoffen fand, hat man zweifellos Falken gesehen.
Noch als man im 12. .Jh. die orientalische Rahmenerzählung von
den Sieben weisen Meistern übernimmt, wird darin der betrogene
Papagei zur Elster. Bald aber nach Mitte des 12. Jh. erklärt
sich der sg. Münchener Brut 391? Ovids volucres cauorae
mit Li rossinous i notoit lais Sons i cantoit li /tapegais: was
freilich mehr für Schätzung als Kenntnis spricht1): wenig
l) Als Sänger auch Donei des Amanz 465, R. Ren. XVII, 3, vgl. auch
Sone d'Ausay. Zu Godefroy, Papegai außerdem noch Comptes de l'Argen-
terie p. 192, Guerre de Metz p. 362, zwei Belege aus Ronsard bei Littre\
Zu den provenzalischen Belegen bei Rayn. ein weiterer bei Levy unter
Maimon.
Vom Papagei. 359
später könnten, falls die Überlieferung richtig ist. die oisels
aEspagne hierher bezogen werden, welche im Thomas-
Tristan 2585 unter anderen wertvollen Dingen ein Schiff bringt.
Demnächst zeigt papejai gegen 1200 bei Renaud de Beaujeu
Identifizierung der zweiten Worthälfte mit dem Namen des
Hähers, ebenso engl, popinjay, schon im 13. Jh. im Donei des
Amanz mit dem nasalen Einschub; im Ganzen überwog die Ex-
plosive. Das Wort lebt franz. bis ins 16. Jh., ist im 15. noch
stark genug, um deutsches papegan umzugestalten. Überein-
stimmend ist das Provenzalische mit papagai, das Altspanische
(Juan Ruiz 1615) mit papagago; zum Spanischen vielleicht schon
in der zweiten Hälfte des 12. Jh., die hebräische Übersetzung
des Buchs Kusari. Die italienische Form pappagaUo (vgl.
Ducange s. v. papagallus) dringt schon Perceval 1777 in
Nordfrankreich ein, wohl über Marseille, so Mainet 3, 3 J), bei
Guill. de Lorris,Florence.Blancheflor289 usw.2), papegaus,pape-
gaat dauert neben papegai. Der Anschein, als ob dieser Gleich-
klang derWortausgänge mit den Namen der bekanntesten bunten
Vögel eine „volksetsymologische" Meinung habe, wird noch ver-
stärkt durch pcq)emor,d&s bei Renaud de Beaujeu als Name eines
exotischen Vogels neben Papagei steht, Papsthahn, Papsthäher,
etwa wie Kaiseradler, dann von der Farbe auch Papstrnohr.
Indessen wäre das nicht nur, wie Diez angemerkt hat, ziemlich
sinnlos, es wäre auch die Art der Zusammensetzung unroma-
nisch : papejai ist nicht durch den Hähernamen hervorgerufen,
sondern entsprang orthographischer Yerkennung des neuen
Wortes, die durch geai höchstens begünstigt wurde, für -gal
tritt -jal nicht ein weil es aufgenommen ist. als g überwiegend
oder nur mehr die Explosive meinte. Ganz eigenartig ist
wieder der mittelhochdeutsche Wortausgang, papegan seit An-
fang des 13. Jh.
Verdelet heißt der Vogel im Renard le nouvel wie Gresset's
Ver-vert. grün sam ein gras sieht ihn Konrad vonWürzburg: wenn
auf Stoffen die Farbe auch rein dekorativ sein kann (brodee a
papegaux d'or Invent. Charles V), auch dort erscheint natura-
listisch gemeint das Grün, vgl. Duc. s. v. t ■itacus. Michel, Recher-
ches I, 124. Suolahti. Vogelnamen S. 2; und wenn auch im 16. Jh.
neue Arten mannigfaltigster Fiederung bekannt werden, bleibt
immer noch charakteristisch das Adjektiv „sittichgrün". Das
würde zur Artbestimmung nicht ausreichen, bei der Mehrzahl
der rund 450 Arten überwiegt die grüne Färbung, die indische
') Uni 1200, weil die Fragmente Aspremont kennen, das ich gegen
1180 stellen möchte: Snchier allerdings 1. Hälfte des 12. Jh.
2) Zu Godefroy noch Renart XVII, 3, Jugement d'Amor 289, Tournoiem.
Antecr. 672. Gossouin 123, Cy nous dit Ro. 16, 568, Thomas v. Saluzzo
Ro. 21, 72, den Chevalier an Panagau, Rechnung von 1393 bei Gay, Dict,
Archeol. s. v. Gohelet.
Baist.
Palaeomis Alexandri isr sogar, wie der Name sagt, voreinst
auf die Farbe hin unterstellt und dem Aristoteles unterschoben
worden. Indessen die natürlichen und die Verkehrsbe-
dingungen hatten sieh seit Etömerzeiten nichl entscheidend
-«■;indert, Gottfried von Straßburg L0999 bezeugt es direkt
„gestreichet als ein papegdi" : wie am Schluß der Periode L505
Jean Lemaires Amant verd mit dem roten Halsband: wenn
auch einmal ein anderer hereingekommen sein sollte, wie der
karmesinrote der .Mari;; von Burgund im Amant verd. der
Papagei des Mittelalters wie der Alten war <ler Halsband-
Sittich. Man könnte einwenden, daß in Cele pari sont li
papegais Qui n< sont pas plus grant <//<<' /eis, aus Gautier de Mes
bei Grodefroy, vgl. Gossouin S. 123. der um ein gutes Drittel
vergriffene Vergleich auf eine große Art hinweise: aber Apulejus
vergleicht ganz ebenso die Taube« es ist die leuchtende Farbe.
welche im Gedächtnis die Dimension steigert.
.Neugriechischem Tza^ayaÄÄc; entspricht arabisch-syrisch
(Botros al Bistani und Lammens) babagdl ; in Algier h<ih>i</'/
(Marcel) und babagdyü (Cherbonneau, Marcel): Ägypten und
Algier (^Bocthor. Lammens. Marcel) babagdn ; türkisch päbagdn.
In Byzanz wird literarisch selbstverständlich 'yiT.ay.o; festge-
halten, neugriechisch ist TiaTiayäAÄo; ; im 16. Jh. nennt
Manuel Malaxos aus Nauplia TraTcaya?, neben TO'jpay.iio, das
Ducange mit perroquet identifiziert. Die literarische arabische
Form ist bäbagd (Birüni, eit. v. Lammens, Ibn Khallikän, cit.
v. Dozy). Lammens, Remarques, belegt es schon im 10. Jh.
bei Masüdi. Bei Paulus Cassel, Der grüne Papagei. Berlin
18b8 S. 39 wird anscheinend als ältestes arabisches Vorkommen
überraschendes odbagai mit varia lectio papagai aus Jehuda
Halewi's Buch Kusari III, 5 genannt: eine nicht nur formale
Verwirrung des Tatbestandes, daß die Formen nicht dem
arabischen Original angehören, sondern Varianten der hebrä-
ischen Übersetzung sind, also an das Westromanische angelehnt.
Zu behalten bleibt, daß ein arabisch schreibender kastilischer
Jude in der ersten Hälfte des 12. Jh. ermahnt, die Gebote
nicht zu sprechen wie ein Star oder Papagei, Chazari ed.
Hirschfeld, S. 146, 12. Persisch gilt tuti, man kennt dort
heute das arabisch-türkische wie umgekehrt das persische
Wortj beides aber hin und her unzweideutig fremdwörtlich.
Das arabische Wort (aus Ducange auch das mittel-
griechische) hat schon Menage neben den romanischen genannt,
vorsichtigerweise ohne es an erste Stelle zu rücken. Andere
waren angesichts der geographischen Wahrscheinlichkeit
weniger zurückhaltend, bis Diez (1853) zu bedenken gab. daß
babagd in der Sprache keine Wurzel habe und erst spät
vorzukommen scheine, sowie daß die Vertretung des arab.
b durch rom. /> mindestens ungewöhnlich sei. Engelmann
Vom Papagei. '661
im Glossaire des niots espagnols nahm daher das Wort nicht
auf1), Dozy, der den Lautwandel in zwei spanischen Fällen
vorfand und Diez' Einwand unterschätzte, setzte es in der
Neuausgabe ein, ihm folgen, um jene zu nennen, die sich
den Fall mehr oder weniger überlegt haben, Devic -), P. Cassel 3)
und Lammens*). Der letztere vermutet Herkunft der italie-
nischen Form aus der vulgärarabischen auf dl, wir haben
gesehen, daß die Übereinstimmung der vulgären mit roma-
nischem und mittelhochdeutschem Wortausgang noch weiter
geht. Um indessen diesen Punkt zunächst zu erledigen:
nordafrikanisches -ayu kommt fraglos aus dem Spanischen und
damit ist im Zusammenhang mit Geographie und Chronologie
auch -dl als italienisch präjudiziell. Diesen arabisch unver-
ständlichen Ausgängen gegenüber erscheint -an für -ä als
ein naheliegender Ausgangsersatz: aber wenn wir ihn fünf-
hundert Jahre zurückdatieren wollten, bliebe immer die Frage,
wie ihn gerade das Mittelhochdeutsche überkommen hätte.
Der Schluß, daß, wenn p aus L spanisch ist, die romanischen
Formen aus Spanien gekommen sein müssen, ist nirgend
gezogen worden. Die Kenntnis des Vogels ist in Spanien
einige Jahrzehnte früher nachgewiesen als in Frankreich und
damit scheint sich die oben angeführte Tristan-Stelle zu ver-
binden. Indessen, diese ist sachlich bedenklich, obwohl beide
Hss. die oisels <f Espagne bieten, sie haben auch sonst gemein-
same Fehler, und neben Seidenstoffen, Gefäßen von Tours,
AVeinen vonPoitou wäre ein bedeutender Handelsgegenstand zu
erwarten5). Den spanisch-portugiesischen Lautvorgang habe
ich Zts. f. rom. Phil. 32. 34 berührt; von den dort genannten
Fällen ist Eguilaz entnommenes petrera zu streichen, es ist
überall das italienische Lehnwort. Das Schiff patache und
die Münze pataca gehören nachweislich erst dem 16. Jh. an;
l><ip<i,uiz für abaraz in Portugal läßt vermuten, daß dort das
Läusekraut selbst, piolheira, als Tierarznei mehr gebraucht
werde als sein Samen; neben der Melonenart pg. pateca stand
früher auch albodega, albudieca wie sp. albudega: einige Jahre
älter als 1500 sind nur pato und alpargate festgestellt, ersteres
l) Defremery, der Diez nicht kannte, rügte in seiner Rezension das
Fehlen des Wortes. Er wird daraufhin fortlaufend als Erfinder der
arabischen Etymologie zitiert, zu der er nichts beigetragen hat.
■) Im Supplement zu Littre.
3) Der grüne Papagei, Berlin 1888. Er meiut, der Wechsel des
Anlauts verhalte sich wie unser „papelen" neben „babbelen".
4) Remarques sur les mots francais derives de l'Arabe. Beyrouth 1890.
'") Ich kann als spanisch-arabische Exportartikel in Frankreich (Ohron.
Fontan.) und Italien (Anastasius, Amatus) nur Seidenstoffe, Decken, Teppiche
feststellen, vgl. bei Fr. Michel, Rech., I. 292; im Epos tritt l'artagena als
Ansfuhrstelle hervor. Pferde und Maultiere im Epos sind anzunehmen,
Waffen, spez. Helme und Halsberge fraglich.
3H-.J Baut.
zu mehreren Synonymen hinzutretend, letzteres eine maurische
Fußbekleidung. Die Worte sind sehr verschiedener Art.
ein und das andere gehört vielleicht überhaupt nicht in den
Zusammenhang, aber einstweilen erscheinen sie als eine zeitlich
eng begrenzte ganz späte Entlehnungsgruppe mit vermutlich
gleichartigem Lautvorgang. Dieser mag darin bestehen, daß
die halb romanisierten südspanischen Mauren die spanische
Stimmlose hatten nachsprechen lernen, welche sie in einer
beträchtlichen Zahl von Lehnworten nach Marokko hinüber-
gebracht haben, und daß dabei einzelnes arabisches mitgezogen
wurde. Weiter zurück ist altspanisch keine Spur davon
nachgewiesen, die Lehnworte, die Ortsnamen und die Wieder-
gabe der Eigennamen haben stets b = b. die arabischen
wie die französischen und provenzalischen. Von dort kann
also die abendländische Tenuis nicht kommen, auch wenn man
die Tristan-Stelle gelten lassen will. So bleibt schließlich als
wahrscheinlicher Vorläufer der romanischen Formen die byzanti-
nische, trotz ihrer späten Buchung, und obwohl auch sie nicht
genau übereinstimmt. Gerade die mittelhochdeutsche aller-
dings würde sich an ein vom arabischen -ä nahegelegtes
7ia7iayac. -äv anschließen, das in Venedig wie in Genua ohne
weiteres nachgesprochen werden konnte, -allo erinnert an
apcpac, 7.00Q > amiral, doch Zeit und Verbreitung sind ver-
schieden. Auch die Endung ai wird nicht deutlicher als bei
der älteren Betrachtungsart. aber entscheidend ist das konso-
nantische Knochengerüst.
Über das Prioritätsverhältnis zwischen Arabisch und
Byzantinisch sagt uns der Laut nichts, da regelmäßig wie
fremdes h durch byz. p, so arabisch fremdes p durch b ersetzt
wird. An sich besteht trotz des Fehlens eines alten Beleges
die Möglichkeit, daß im Griechischen das literarische Wort
durch das irgendwie neu gebildete oder überkommene vulgäre
ersetzt war. ehe die Araber die Wege zu den tropischen
Ländern besetzten ; die Überlieferung aber weist auf das
Arabische, die Glanzzeit des Islam, eben jene des Orangen-
gartens des Kalifen Alqahir. in welchem man mit dem Getier
aus allen Ländern auch die Papageien fand. Wenn man
auch daraus wieder auf Sittiche in byzantinischen Lustgärten
zurückschließen dürfte, da es am Ende doch dabei bleiben
dürfte daß mit Ausnahme ihrer Dichtung alles gesteigerte
Genießen jeder Form, was man eben Kultur nennt, den
Arabern von den Griechen gekommen ist. Den weiteren
Ursprung des Namens mußte man zunächst in den Her-
kunftsländern zu suchen geneigt sein. Wenn sich dabei
in Indien gar nichts fand, lag das wohl ein wenig an der
lautlichen Fragestellung: das Petersburger Wörterbuch bietet
pippakd ..ein bestimmter (lies: unbestimmter) Vogel1", und
vermutlich identisch pippika, ,.ein bestimmtes Tier, vielleicht
Vom Papagei. 363
ein Vogel ; von guter Vorbedeutung1' : die immerhin zu erwähnen
sind. Arabische Neuschöpfung nimmt Cassel a. a. 0. an von
babb „Stammeln der Kinder" aus: ich glaube nicht, daß die
Semitisten die Wortbildung gelten lassen werden und selbst
der Sinn ist nicht überzeugend, der Papagei stammelt nicht.
Anders Devic: anscheinend une onomatopSe falte sur le cri de
Voiseau, comme ara et cacatois. Mir selbst war schon in
meiner Studentenzeit die musikalische Ähnlichkeit zwischen
bdbagä und dem malaischen kakatü(wa) autgefallen, zu denen
noch der neuseeländische kakapo, Eulenpapagei hinzutritt.
Nur möchte ich darin nicht sowohl den natürlichen Schrei
vermuten als Silbenfolgen, die der Vogel besonders leicht
und deutlich nachspricht, die sich bilden, wie zuerst der Vogel
den Menschen und dann dieser den Vogel nachzuahmen sucht.
Ich hätte mich darüber gerne einmal mit einem verständigen
Halsbandsittich auseinandergesetzt: nachdem ich über 40 Jahre
nicht dazu gekommen bin. muß wohl ein anderer sehen, ob
auf diesem Wege zu einem sicheren Ergebnis zu kommen ist.
Es würde sich nicht darum handeln, ob der Vogel die Laute
leicht nachspricht, das kann er. sondern ob er sie besonders
leicht spricht. Man könnte sich dann ein als deutliches
Klingwort lebensfähiges griechisches uauayä denken, das in
dem von Boerio verzeichneten venezianischen papagä vorläge,
mit Angleichung des ungewöhnlichen Wortausganges auf die
formal nahestehenden Namen sachlich nicht unpassender
Vögel, zu venez. papagäl, daraus papagallo, und zu papagai
geführt hätte. Um noch einmal zusammenzufassen: wahr-
scheinlich ist. daß die abendländischen Formen aus der
griechischen kommen, diese aus der arabischen, sicher, daß
die abendländischen und insbesondere die französischen nicht
unmittelbar aus der arabischen kommen, daß sie mit den
Kreuzzügen nichts zu tun haben. Entsprechend den von mir
auf der Baseler Philologenversammlung von 1907 für die
älteren Orientalismen im Französischen gegebenen Nachweisen.
Die neue Benennung, welche im Französischen des
16. Jahrhunderts den älteren Namen verdrängt hat. erscheint
zuerst bei dem Französisch schreibenden Piemontesen Thomas
von Saluzzo als paroquet, ausdrücklich als Synonym des Vor-
gängers: die spätere gelehrte Scheidungsmache ist historisch
nicht begründet. Italienisch hat das Auftreten von parrochetto
(seit etwa 1600) eine ausgeprägt fremdwörtliche Art. Ableitung
von parrochus ist sachlich unverständlich, von span. periquito
geschichtlich unmöglich, die ital. und franz. Koseform von
„Petrus" formal ausgeschlossen. Das von Malaxos als gleich-
bedeutend mit ditiTaxo? und TtaTtayä; genannte Toupax&ro? ist
allerdings stark verdächtig, Korruptel für uapoxexo? zu sein,
wie Ducange angenommen hat. aber es könnte auch etwas
mehr sein. Zu beachten, daß auch hier eine dreisilbige und
,'i Batst.
leicht nachzusprechende Lautfolge vorliegt, ein Gesichtspunkt
unter den mit kakatu und babaga auch perroquet fällt. Gar
nichts damit zu tun hat der meist einbezogene Name des Zwerg-
papageis, spanisch perico, ,.Peterchenu, der im 18. Jh. auftritt, im
19. die Nebenform periquito erhält, die nach Portugal übergeht,
französisch in dem Dict. Trevoux und erweiterten Richelet als
perrique, während die Akademie 1740 perruche aufnimmt (il
ii a des pais ou Von Vappelle Perruche, Rieh.). Wahrscheinlich
steht in der Mitte ein vom Dict. gen. angeführtes perriche,
das den Stubenvogel den caniche, levriche, babiche annäherte,
während die Akademie ihrer Eigenart entsprechend das
schlecht gewußte Wort an autruche, perrugue und parrocheUo
anklingen ließ. Das von Cassel a. a. O. S. 41 verfochtene
arab. beraks von einem unbestimmten bunten oder grünen
Vogel ist leerer Einfall.
Da sie etwas erzählt, mag hier auch noch der Anwendung
de* Vogelnamens auf das Segel gedacht sein. Perroquet vom
Bramsegel, an der oberen Verlängerung des Mastes, weist
Jal seit 1525 nach. Es dürfte von dem p. volant auszugehen
sein, der nicht fest war, vom Deck aus aufgezogen wurde.
Der Vogel war kein eigentlicher Handelsartikel, die Neigung
der Reisenden und besonders der Matrosen, etwas Lebendes
und Seltsames mitzuführen, brachte ihn auf das Schiff, wo er
also einzeln auftrat und wo man ihm erlauben mochte, sich
frei zu bewegen und zu klettern. Oder wo der Papagei des
Kapitäns entwischte und im Verlauf der Jagd von der höchsten
Mastspitze heruntergeholt wurde. Mit bewußter Fortsetzung
des Bildes ist dann für das noch höhere und kleinere Kreuz-
bramsegel perruche eingestellt worden, neben das unter-
scheidend weiterhin noch der cacatois getreten ist. Et chagoit
autreci devant lui come li venz fait le papegaut im Prosa-Artur
wage ich nicht hierher zu ziehen, auch nicht wie Godefroy
mit girouette zu übersetzen. Historisch sind in dem durch-
messenen Bereich der Papagei der Königin Isabella, dessen
Käfig 1387 eine grüne Decke bekommt und 1393 angestrichen
wird« der karmesinrote der Maria von Burgund, und der grüne
Liebhaber Margaretens von Oestreich. Der Literaturgeschichte
gehört der „Amant verd" dessen liebenswürdige Eigenschaften
in Becker's „Jean Lemaire" eine warme Würdigung gefunden
haben; 1325 eine Metzer Satyre. der Sermont le Pappegay,
von dem Bouteillier, Guerre de M. p. 326 ein größeres Bruch-
stück mitteilt. Im selben Jahrhundert werden die aves der
Novelle ,,Audi. vide, tace" zu Papageien Im Cy nous dit und
bei Thomas von Saluzzo. An ältester Stelle im 13. Jh., des
Amant verd nicht unwürdig, die provenzalische Papageien-
novelle. Allenfalls hierherzurechnen auch noch der Chevalier
au Papegaut und der Beiname der Sängerin im Sone. Dieser
Vom Papagai. 365
soll stimmen zu der Schilderung „Cantans estoit et envoisie
Et de biau parier afaitie Et son cors netement gardoit. A ces
hautes cours se tenoit." Besonders auch zu Letzterem, nur die
Reichen erwarben den kostbaren Vogel, der Zoll, der für ihn
im Petit Thalamus von Montpellier angesetzt ist. weist auf den
Wert von zwei Pferden. Zugleich bleibt doch bemerkenswert,
daß es sich lohnte, ihn in einen Tarif aufzunehmen.
Baist.
Frz. habiller — prov. avol — frz. billet.
Wie relativ wenig noch für die Erforschung der meist-
bearbeiteten romanischen Sprache geleistet ist, zeigt die
Tatsache, daß für ein so oft gebrauchtes und einfach aus-
sehendes Wort wie habiller die TTrsprungsfrage noch nicht
gelöst ist.
KEW s.v. habitus ..Kleidung1' heißt es:
„[Frz. habit. — Ablt.: frz. habillier (> ital. abbigliare).1,1
Das klingt bestechend und läßt doch Zweifeil zu. Vor allein
müßte man in diesem Falle fälschliche -//-Schreibung (wie in
Bastille für bastle, Meyer-Lübke, Hist. Gr. de Franz., S. 36)
annehmen, die eben dies Werk S. 159 erst ab 1687 in der
„petite bourgeoisie" von Paris belegt, während das Verb
(h)dbüler schon altfrz. (seit dem 13. — 14. Jh.) reichlich und
immer mit -//-Schreibung belegt ist.
Andere Forscher haben denn auch andere Ansichten aus-
gesprochen: die Bibliographie des Wortes findet sich in Toblers
Afrz. Wb. s. v. abillier. Aus ihr möchte ich vor allein die Be-
merkung Gk Paris (Melanges lingu. S. 305) anläßlich der Be-
sprechung von Darmesteter's Vie des mots anführen: „C'est
ainsi encore qu'il a parfaitement reconnu que le sens de . vetir1,
dans habiller n'est que secondaire. et derive du sensde,pre-
parer, arranger', en sorte que ce mot n'a rien a faire avec
habit", wozu die Anmerkung: „L'auteur parait d'ailleurs etre
dans l'erreur au sujet de l'etymologie proprement dite du
mot. <|ii"il semble (comme Littare, Müdes et glanures, p. 34)
rattacher r habilis. La forme ancienne est abillier, en regard
duquel on a desbillier. Le mot parait vouloir dire. a l'origine.
,preparer un arbre en bille *, c'est-a-dire l'eteter, l'ebrancher
et l'equarrir." (ranz ähnlich äußert sich G. Paria in einer
Sitzung der Societe de Linguistique in Paris, wie uns Break
Essai de Semantique S. ^02 mitteilt (bei Tobler nicht ange-
führt): er spricht von der „confusion qui s'est faite dans les
esprits entre habit et habilU: ce dernier, qui devrait s'ecrire
dbilU, est uue expression metaphorique dont la signification
est ,apprete, arrange'. Elle a ete d'abord employee en parlant
du bois. Nous disons encore aujourd'hui: du bois en bille.
Le souvenir de l'ancien sens s'est conserve dans quelques
locutions. telles que: habiller an poulet, le voilä bien habilli!"
Dict. gen. bekennt sich zu Littre-J)armesteter'a Ansicht,
Frz. habiller — prov. avol — frz. bittet. 367
ohne Gr. Paris" Stimme zu verschweigen: „Origine incertaine.
Semble tire du lat. habilis, liabile. par l'interinediaire du bas
lat. habiliare, pour habilitare. Qqns. y voient im compose de
ä et de bille 1 [= „Holzklotz"]. En tout ras. le sens II ( „be-
kleiden" ] s'osr developpe sous l'influence de hdbit.u
Was geht aus den angeführten Ansichren hervor? Sicher
isr. daß habiller nicht ursprünglich „bekleiden", sondern „aus-
rüsten" geheißen hat, wie denn auch Tobler nur „ausrüsten1'
übersetzt, wenn sich gleich bei ihm schon Beispiele wie la ou
l'espousee s'abille finden. Daß habiller nur sekundär zur Be-
deutung „bekleiden" gekommen ist, zeigt auch seine heutige
Bedeutungssphäre gegenüber vetir: Sachs -Villatte sagt s. v.
habiller: „se vStir, c'est couvrir son corps pour en cacher la
nudite ou pour le mettre a l'abri des intemperies des saisons;
s'habiller reveille, de plus, une idee de parure." Lafaye, Dict.
de synonymes sagt ähnlich s. v. rHu: „vetu ou recHu, on est
couvert; habiltt, on est ajuste ou mis de teile fagon" und als
Beispiele: ,.les femmes en sont venues a s'habiller saus se
vetirü, „im nomine bien rHu peut etre mal habiltt" , wozu man
noch le deshabille fügen könnte, das nur ein „Neglige", nicht
absolute Nacktheit bedeutet, sowie c'est plus habiltt, das sieht
stattlicher, feiner aus. in der Sprache der Modeschneider
endlich die argotische Ausdrucksweise comique habiltt „c'est
a dire comiques cm habit de ville" im Gegensatz zu les
comiques vetus „de costumes bouffons", wie Delvau erklärt
(S.-Vill. Suppl.). So ist also in frz. habiller noch immer die
Bedeutung des Sich-Herrichtens erhalten1). Dazu kommen
die vielen technischen Verwendungen des Wortes, die auf die
') Mit Ulirecht ereifert sich also Littre in seinem von G. Paris zitierten,
Pathologie verbale betitelten Aufsatz: „Ici, comme (laus plusieurs autres cas,
il y a Heu de regretter qvChabiller, prenant le sens de vetir, puisque ainsi
le voulait l'nsage, n'ait pas conserve ä cote son aeeeption propre. Habiller,
Bignifiant vi-tir, est im neologisme assez ingenieux, mais peu utile en presence
de vetir, et nuisible par ce qu'il a produit la desuetude de la vraie signi-
fication." Gegen die in diesem Aufsatz herrschende Entwicklungsfeindlich-
keit kann gerade das Paar habiller-vetir Protest einlegen, indem es zeigt,
wie eine vorgeschrittene Kultur, der das Kleid nicht bloß Körperschutz,
sondern auch Körperschmuck ist, diese beiden Funktionen sprachlich zu
sondern strebt. Den Rückgang von vetir, den Gillieron vielleicht ans der
Unsicherheit der Sprecher in den Präsensformen {je vets oder je vetis!),
oder dem Zusammenfall mit je vais erklären würde, und die Verdrängung
durch habiller schildert sehr anschaulich Cledat Rer. d. phil. franc. 27, 8 :
„C'e verbe | vetir] ne s'emploie plus guere qu'au partieipe passe : bien ou
mal vetu. Les exemples ,son valet de chambre l'a vetu, il sait bien se
vrtir'. donnes par Littre, ne sont plus de la langue actuelle. On remplace
ordinairemeut vetir, suivant les cas, par habiller on par vevetir . . . Toute-
fois habiller comporte, dans son etymologie, une idee d'adaptation qui a
permis ä Marivaux ä l'opposer ä vetir: ,11 n'en porte que l'habit, sa figure
en est vetue, et point habillee. pour ainsi dire' . . . Mais c'est lä une
Opposition toute litteraire . . . Si vetir etait reste dans la langue couraute,
il aurait pris vraisemblablement la conjugaison inchoative . . . Cette forme
ce trouve dejä chez des Portes, oü eile est blämee par Malherbe."
368 Leo Spitzer.
Grundbedeutung „herrichten" zurückgehen und bei Sachs-
Villatte eingesehen werden mögen (vgl. außer <i. Paris' habiller
im poulet noch (r)habilleur „rebouteur", also der „die Knochen
einrichtet" und rhabiller „remettre en etat" Dict. gen.). Den
sekundären Charakter des Wortes bezeugt drittens die Karte
rrtir des Atlas linguistique, auf der habiller das Zentrum, vStir
die konservativen Landpartien einnimmt und von dem radial
von Paris ausströmenden Modewort habiller verdrängt wird:
in 841, 822, 945 wird vitir als veraltet neben habiller ange-
führt, in 255 nimmt es entsprechend der ursprünglichen „den
Körper bedecken" (vgl. die Wiedergabe durch musser und
couvrir in 484 derselben Karte) die Bedeutung „mettre sa
chemiae" an. Daß ein Wort für „herrichten" zu ..kleiden''
gelangt, bezeugt die Karte selbst, indem appriter in 4:2? Er-
satz von vetir wird.
Endlich beweisen auch noch das Altprov. mit abilhar,
„habiller, equiper", davon abilhamen (Levy), das Altbearn.
mit abilhar „arranger. reparer" (Ducamin Mel. Chabaneau
298 mau abilhat ,.en mauvais etat" und Millardet, Recueil
de textes etc. S. 253) und vielleicht das Katal. mit katal.
ahillar. abillament (in beiden Bedeutungen belegt im Diccionari
Aguilö aus dem im 15. Jh. geschriebenen Ritterroman Tirant
lo Blanch, also vielleicht Gallizismus? Die Belege bei Labernia
kann ich nicht datieren ! Yogel schreibt habillar, also mit
einem frz. h) gegen die Ableitung von habitus. Übrigens
hat auch it. abbigliare, das bei Meyer-Lübke als Entlehnung
aus dem Frz. erscheint, in alter Zeit (Petrocchi unter dem Strich
und Tommaseo-Bellini) ,.rimettere, in sesto. in buon termine,
addobbare. guarnire" bedeutet. Komanelli Lingua e dialetti
S. 104 verzeichnet es unter „verbi dialettali e barbarici". auf
einer Stufe mit fax toletta: „abbigliarsi per vestirsi sempli
ceinente: giacche significa .vestirsi con lusso e con eleganza'"
— also genau mit der „feinen" Nuance entlehnter Modewörter.
Ebenso bedeuten die Gallizismen ptg. abilhar (Cändido de
Figueiredo) und galleg. abillar (Wh. der gallegischen Akademie)
„ataviar, adornar". Das Sekundäre der Entwicklung zu „Klei-
dung" hat schon Carpentier s. v. abilkauientum erkannt.
Da somit Meyer-Lübkes Etymologie aufgegeben werden
muß, prüfen wir die Gaston Parissche. Vor allem sei be-
merkt, daß die ursprüngliche Bedeutung „preparer un
arbre en bille" nirgends im Altfrz. belegt ist: habiller un
arbre „en ecourter les branches, les racines. avant de le
planter" bei Littre Et. e glan. 35 kann von „arranger" aus-
gehen. Habillot „morceau de bois qui sert a accoupler entre
elles les diverses parties dont se compose un train de bois
flotte" wird vom Dict. gen. erst 1765 belegt, kann übrigens auch
von habiller „arranger"' aus oder durch Einmischung von bille
„Holzpflock" erklärt werden. Für Gaston Paris spricht aber
Frz. Imhill ry — proc. avol — frz. billet. 369
vielleicht die Analogie von fagoter „Reisigbündel machen" zu
„sich herausstaffieren u, bosser könnte noch von der Bedeutung
bitte ..Packstock" ausgegangen worden, die im Altprov. schwach
(bilhador „Packträger" bei Lew), im Neupro v. (vgl. Mistral und
Atlaskarte cdble) und auch im Frz. (Dict. gen.) reichlich belegt
ist. Aital. bilia, über das RE"W 9394 spricht, gehört wohl nicht
als „vulgärlat. für bilia/ zu bilicare 1103". sondern hierher,
wenn auch der lautliche Einwand, den Pieri gegen die Zusammen-
stellung mir frz. bitte (warum nicht :'::biglia?) erhebt, bestellen
bleibt; der semantische fallt dahin nach dem über biller Ge-
sagten. .Man könnte ferner an die Parallele von trousser denken
(zu thyrsus „Packstock", aber vgl. die Einwände REW8725), das
ja auch zur Bedeutung „arranger" gekommen ist. Abiller
wäre also „mit dem Packstock festmachen" > „fertigmachen"
(altfrz. pret et habille), von wo aus einerseits „ankleiden",
andererseits (vgl. trousser bagage, trousser son sac et ses qailles
Courrier de Vaugelas VI 66, plier bagage) „abfahren" im
Sinne von „weggehen": so erklärte sich auch die von Tobler
s. v. abiller angeführte Bedeutung „herbeilaufen" und Gode-
froys Artikel billier „s'enfuir" (den er mit Unrecht mit dem
bitter .joner aux billes' zusammenschweißte). Man beachte,
dal.) bei letzterem alle? biller oft neben einfachem Imperativ
billez steht: „gehen Sie sich packen" kann man sich neben
..packen Sie sieb!- ganz gut vorstellen. (Ein alez briller, das
Lommatzseh mir ans Toblers Afrz. Wb. gütigst mitteilt, zeigt,
dal.') die urspr. Bedeutung nicht mehr verstanden wurde). Als
Einwand gegen diese Etymologie bleibt bestehen, daß trousser
„arranger" allein eben nicht zur Bedeutung „habillor", sondern
zu „relever (les jupes etc.)" gelangt ist, ferner daß altfrz.
die Bedeutung „packen" bei abiller gar nicht, bei trousser sehr
üppig belegt ist. Allerdings bringt Philipot Le style et la
langue de Noel Du Fall s. v. contrebiller ein biller , zusammen-
schnüren' aus Du Fail bei. belegen Yerrier-Onillon ein anjou.
biller .her les gerbes-. bitte ,morceau de bois conique, long
de 40 centimetres environ, avec lequel on serre le lien des
gerbes', dieselbe Bedeutung hat bitte auch in der Saintonge
(Jonain) und ähnlich steht im Neuprov. dem Subst. biho ein
Verb, bihä zur Seite (Mistral). Das von G. Baris angeführte
desbitter (vgl. hierzu Archiv 123, 427) kann garnichts beweisen,
sofern es einfach „ deshabiller" heißt (vgl. noch auf K. 678
[öle ton habit] die Antwort debil te in P. 281 und bei Juret,
Patois de Pierrecourt: debeyi, ebenso im Pikard. und in
Friedrichsdorf, vgl Marinier S. 113) und durch Präffixhyposta-
sierung entstanden ist wie desbrier aus abrier, oder pouiller,
empouiller aus döpouüler (Thomas. Nouv. Ess. 320 und Atlas-
karte retir), mit dem übrigens auch bitter auf derselben Karte,
nicht allzu fern vom Jjouiller-Ty^us. zu vergleichen ist
' vielleicht auch Einsfluß des b- Anlauts des lokalen Vertreters
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV ■• «. 25
Leo Spitzt r.
vnii v&tir2). Immerhin heißt dSbüler auch „Pferde ausspannen,
die Schiffe ziehen", geht also ?on , ausschirren ' aus. Eine
gute Parallele liieret aber rum. a plecä = plieare [tendasj
(Meyer-Lübke bei Puscariu Et. Wb. 8. 11/) zn A/V/Vr , packen
> . weggehen '.
1 > i »• Schwierigkeit bei der Littre'schen Ableitung von
einem *habüiarev) liegt offenbar in der lautlichen Entwick-
lung: *mirabüiare gibt merveillier, stabilire> establir, so müßte
') Iu Westfrankreich scheint ilie Neubildung vetre (zum Partiziii vetu)
statt vetir nur zögernd vor sich gegangen zu sein : jedenfalls ist die mund-
artliche Vielfältigkeit junger Worte im Westen auffallend: pouiller, biller,
rober, nipper, avpreter, grae \= greer, vgl. Table 8. 217 1. Vielleicht hat
zur Zeit des Schwankens zwischen inkohativer und nicht-inkohativer
Flexion (Xyrop, Gramm, hist. II, S. 55) den Sprechern vollkommenes Auf-
geben des Verbs in einzelnen Gegenden sich empfohlen. Die im Südosten
in Rom. Gramm. II, S. 153 belegten veire-Formen kommen auf dem Atlas
nicht zum Ausdruck.
3) Auch der Artikel über das Stammwort habüis (REW 3960) läßt
einige Kritik zu; er lautet; „(Prov., katal. a(v)ol „schlecht", „elend". ZRPh.
VIII. 122 ist begrifflich nicht erklärt. ADVOLUS Diez. Wb. 514, auch formell
schwierig). j- DEBILIS 2491: katal. davol." Vor allem müßte kat. davol
in die Klammer einbezogen werden, da es doch eine Kontamination des
unbekannten Etymons von prov. avol, nicht von habüis mit debüis darstellen
soll. Ferner vermisse ich als Vertreter von habüis altfrz. able „geschickt,
günstig" (Tobler), das in neuengl. able „fähig, geschickt" (Brüll, Unter-
gegangene it. veraltete Worte d. Frz. im heutigen Engl., S. 2), in der wallo-
nischen Ableitung radabler „reparer, rajuster" (Sigart und Bull. d. dict.gen.
d. I. langue wall. 1907, S. 79) erhalten ist. Den Bedeutungsübergang von
prov. avol (aus habüis „geschickt") zu „schlecht" suchte ich Arch. f. neu.
Spr. 1911; S. 156 durch Hinweis auf Worte wie engl, crafty „kräftig" >
„schlau" und dtsch. schlau (zu schlagen, vgl. verschlagen) zu stützen: von
der Geschicklichkeit aus kommt man zu geistiger Gewandtheit, dann zu
Ränke. Gemeinheit. Schlechtigkeit etc. (umgekehrt wird astutus „listig" zu
„wohlwollend", Pirson, La langue des inscr. S. 277). Allerding« müßte noch
in Betracht gezogen werden, daß bask. aal „schwach" heißt (De Azkue s. v.
aul). So haben wir denn habüis bald in der Bdtg. „fähig", bald in der
Bdtg. „schwach" (daraus „schlecht", vgl. kat. dolen „schlecht"). Da würden
wir denn zu der Erklärung greifen, die Schuchardt Bask. u. Rom.. S. 33
und 52 für ähnliche „Gegensinne" gegeben hat : bask. kupera „zart,
empfindlich, wehleidig" ~ altspan. cobrado „gut, tapfer" wird dort von
einem Mittelbegriff aus erklärt: „Die BedeutmiLcsdifferenzierung geht von
(re)cuperatus „rekonvaleszent" aus ; die einen nahmen es als „noch schwach",
die andern als „schon wieder stark"." Aber kann habüis nach einer
Krankheit ein „schon Starker" wie ein „noch Schwacher" gewesen sein ?
Endlich könnte man von inhabilis mit abgefallenem (oder besser gesagt:
als Verstärkungs-in- wie iu incolumis, indebiti*, inreprobus gefaßtem) in-
iwie bei den romanischen Vertretern von insulsus. insanies, ingluvies etc.)
ausgehen, müßte allerdings dann voraussetzen, daß von jeher in Nordfrank-
reich n u r habüis (> afrz. able „geschickt"), in Südfrankreich-Provence-Kata-
lonien n u r inhabilis gelebt habe, da das Nebeneinanderbestehen beider
Wörter die Vorsilbe erhalten hätte. Solche Fälle von doppelsinnigen in-
(intensive und verneinende Bdtg.) stützt Bellezza Riv. d. fil. 42, 305 ff.,
nach Jdg. Jahrb. 5. 1H3 zu urteilen, durch zahlreiche Parallelen. Einer
dieser Wege wird wohl zum Ziele führen. Welcher? Das ist die
Frage! — Hentschke's Erklärung Zeitschr. 8, 122 „leicht zu haben" > „wert-
los" hat gegen sich, daß habilis im Lat. nicht eigentlich „leicht zu haben",
sondern nur „leicht zu handhaben" bedeutet.
Frz. habiller — prov. avol --■ frz. bittet, 3? 1
*habili(a)re entweder *aveiller oder *ablir ergeben. Im Falle
gelehrter Entwicklung aber müßte es in Analogie nach humi-
l'ier abitter heißen. Wir haben allerdings Fälle, in denen habile
im Altf'rz. mit -ille geschrieben und auch gereimt wird (so
Th. fr. I p. 300 habille von habiller) und diese Aussprache
hat sieh auch dialektisch gehalten: wsäl.abei „prompt, agile" ;
adv. ..vite!1'. morvan ebij id. (vgl. Pfeiffer Ein Problem der
roni. Wortforsch. S. 26). Dann könnte habiller eine dialektische.
innerfranzösische Bildung sein. Fs gibt aber noch einen Weg,
falls man von habilis ausgehen will: Angleichung von *habi-
Uare ..herrichten-- an das gleichbedeutende *apticulare
(RE\Y 564*). > afrz. a(r)tillier, das auch zu den Bedeutungen
..ausrüsten", „putzen", it. attillarai „sieh elegant kleiden"
(woraus der ungarische Atilla abgeleitet ist). Thomas
Boot. 40, 105 zweifelt allerdings wegen der Kürze des i an
apticulare, immerhin ergibt sich die Möglichkeit des Einflusses
von atiller auf habiller. Man beachte, daß habiliter im Afrz.
u. a. „sanner en guerre", „garnir de ce qui est necessaire"
bedeutet, vereinzeltes und spätes habillonner „rendre propre
a une chose. disposer" wird dagegen nicht, wie Ducange
will, hierher, sondern zu bitte, billon gehören (es handelt sich
um Brennholz). Bei Ducange ist denn auch s. v. habilimentum
„apparatus belli" (> afrz. habillement de guerre) s'habilleter
„armis se instruere" zitiert. In dem anglolateinischen Beleg
s. v. habilamentum erscheint dies Wort neben artillaria (exceptio
semper armaturis, artülariis et omnibus aliis Jtentesiis et Habi-
lamentis guerrarum*) und bei Tobler ist eine Glosse Carpen-
tiers: abiliier : häbüitare erwähnt. Tobler belegt auch für
abiliter die Bedeutung ,.sich anlegen" (mit Fragezeichen);
ist .,ein Kleid anlegen" gemeint?6) Die Entwicklung von
4) Neben abülements haben wir auch in der Bedeutung1 „Geräte"
vutillements und artillements, über die Pfeiffer. Ein Problem der roma-
nischen Wortforschung S. 4 und 33 manches Ungereimte schreibt. Aber
den Bedeutungsübergang „Gerät" > „Kriegs- oder Schiff-Ausrüstung".
„Kleidung" belegt er reichlich S. 74 ff. — Deutsch aufgetakelt, das in der
Übertragung auf die Kleidungsart an obzitiertes greer erinnert, betont
immerhin das Auffallende derselben.
6) Rum. ateiä „sich schmücken", das Meyer-Lübke a. a. 0. nicht mit
apticulare verbunden wissen will, stellt Puscariu Zeitschr. f. rom. Phil.
1913 S. 112 zu stilus destiliare, in dem dis / tiliare abgeteilt worden und
nun *attiliare (wie att acher nach estacher) gebildet worden wäre. Dabei
wird als Grundbedeutung „mit Stielen (> Nadeln) versehen" > „putzen"
aufgestellt. Aber stilus heißt im Romanischen nur „Stil" und „Stiel".
nicht "Nadel" !
') Ist die Etymologie habiliare + -leularc richtig, so muß selbstver-
ständlich (a)biller „(herbei)laufen" fernbleiben. Dann wäre es mit bitte
„Kugel" zusammenzustellen, wie auch Moisy biller du pied als „jouer aux
jambes" erklärt. Das Wort lebt noch mundartlich fort, so vielleicht lothr. bihi
„se dit des animaux qui prennent la fuite en levant la queue", das auch an frz.
billarder erinnert [vgl. aber jetzt REYV-Wortverzeichnis]. Gehört zu letzterem
auch ein bild. „marcher. partir, sortir. monter, escalder", im Argot der savoy-
25*
:;; -.' Leo Spitzer.
„ausrüsten, herrichten" zu „bekleiden, anziehen'", die bei
habiliare > habüler angenommen wird, ist dieselbe wie bei
den schon erwähnten appreter and greer [= REW 3739
Lachen Schornsteinfeger Her. d. phü. frang. ->>. 80, vgl. auch Constantin-
Desormeanx in ihrem Dict. savoyard)'? Ginge man von der auf weitem Gebiet
erhaltenen Bdtg. „schnell" aus (vgl. oben), so wäre (a)biller natürlich leicht
erklärt: vgl.berry habüer„ae hater" (Cbambnre). Aber die Geschichte von bille,
bülard ist ja noch lautre nicht geklärt (vgL REW s. vv. bikkil und retortu).
Bei dieser Gelegenheit sei angemerkt, daß die Geschichte des Wortes billd
noch umstritten ist. Während nämlich REW 1385 s. v. bulla neben ital.
bulla, bulletino, frz. bulletin auch frz. billet figuriert und alle diese Wörter
an- „Kapsel an Diplomen" > „Diplom. Erlaß" erklärt werden, wie annähernd
schon Diez („gesiegeltes Blättchen"), Skeat, Dict. gen. und am zögernd-
sten Littrö und New English Dict.*) annahmen, schreibt G. Bai-t in
Kluges Etym. Wb. d. deutschen Spr. s.v. Bill: ..mit Unbill nicht ver-
wandt) aus i^leichbed. engl. bül, das ans gleichbed. anglonormannisch
bille. eigentl. zylinderförmiges Stück Holz' dann , aufgerollte Urkunde'
(frz. dafür röle s. Rodel) beruht ; ein gleichbed. frz. * bille steckt in der
Verkleinerungsform Billett." Die Diez -Littre -Dict. gen.- REW- Deutung
ist leicht als irrig zu erweisen: ü entwickelt sich afrz. nicht zu
i und 11 nicht zu j (ein vereinzeltes buille bei Garnier de Pont St. Maxence
beweist nichts) und ferner haben wir altprov. bilheta, weiblichen Geschlechts
wie afrz. billette „lettre de sauf conduit", „pancarte clouee ä un poteau,
dans les endroits oü il y a ä payer peage", in ersterer Bdtg. bei God. ab
1389, in letzterer ab 1456 belegt, womit das Femininum als ältere Form
dem erst im 16. Jh. (im Latein der Kanzlei schon im 15. Jh.) erscheinenden
billet gegenüber gesichert ist. Dieses billette lebt heute noch in Savoyen
(Constantin-Desormeaux). Ein billot des 14. Jh. leitet Littre richtig von
bille „Holzklotz" ab: „la pancarte du peage, ainsi dite du pieu, du billot
auquel eile etait attachee", dann hätte er logischerweise s. v. bül nicht
Einfluß von bille „Holzklotz" auf bulla annehmen sollen. Aber wenig-
stens sieht Littre die Unmöglichkeit der lautlichen Vereinigung von bulla
und * bilia. Da, wie man gesehen hat, die ältere Bedeutuug des billette
Geleit„schre iben" ist wie die des heutigen billet (auch prov. bilheta hat
nur diesen Sinn), so wird mau annehmen, die Bdtg. „Anschlagtafel" sei
jünger und habe gar nichts mit dem „Pflock" zu tun, an den die Tafel
genagelt ist. Trotzdem bleibt billet Ableitung von bille „Holzpflock". Wie
nämlich die anglonorm. Beispiele von bille (vom 13. Jh. au, also älter als
billette, bei God. und Du Gange) „ordonnance, requete" lehren, ist tatsäch-
lich der von Raist angedeutete Bedeutungsübergang aiminehmen. um so mehr
als engl, bül (zuerst in einem anglolat. Text von 1^72 belegt) auch durch
diese Etymologie erklärt wird. Daß bulle „Bulle" (urspr. also „Siegel")
und bille „Rill" (urspr. „Rolle") inhaltlich das Gleiche bezeichnen, ist eine
andere Sache (übrigens erst relativ spät tritt Verwechselung ein, so wird erst
1450 bül von der päpstlichen Rulle gebraucht). Auch im Deutschen kon-
kurrieren dann Billett- und Bulletin -Formen (Klue:e). Brandstetter DieLc/nt-
wörter der Luzerner Mundart S. 27 sagt richtig: „bolete . . . <C ital. bolletta
und biUt . . . < franz. billet haben in der L|uzemer] Mfundart] die gleiche
Bedeutung .Fahrkarte", es sind aber wohl etymologisch verschiedene Wörter."
Wollte man von Godefroy's und Littre s Deutung s. v. billette, resp. billot
..la pancarte du peage, ainsi dite du pieu. du billot auquel eile etait
*) Dieses sagt richtig: „bulla was probably pronounced with ü, passing
into Eng. y, i; though no direct evidence of this has been found." Merk-
würdigerweise weiß "Wattenbach, Schriftwesen im Mittelalter S. 123, auch
nichts anderes zu sagen als: „Von bulla ist deminutiv gebildet franz.
bulete, buletin, billet" . . .
Frz. habiüer — prov. avol. — frz. bükt. 373
urspr. = „zurüsten") der Karre. Auch Squipage, mit dem
ulrtYz. dbittement oft wiederbeleben werden muß. neigt zur
Bedeutung „Kleidung", wie der Satz in Molierea Am. med. TU, 3
zeigt: Clitandre en habit de medecin: „Eh! bien, Lisette, que
dis-tu dt' mon eguipage? Crois-tu qu'avec cet habit je puisse
du per le bonhomme?" Ilabit wäre hier mir „Anzug", 6qui-
ji'/i/i mit „Aufzug" zu übersetzen! Nicht ganz dasselbe wie
die vorstehenden Zeilen sollen wohl Herzogs Worte LtJtl.
1900 Sp. 65 besagen, der nach Verurteilung der ä -j- bille-
Etymologie bemerkt: „In dem heurigen Wort dürften aller-
dings zwei Wörter zusammengeschmolzen sein, das eine eine
Ableitung von habile, das zweite von abi (habit) nach der
Proportion peri(z) : peril' er = abi(z) : abil'er etc. gebildet."
Man muß dann wohl für afrz. abiller Ableitung von habilis
annehmen, in dem habit sich eingenistet hat: denn eine plörz-
liehe Neubildung habit ~ liabiller wird nicht plausibel sein.
da ein semantisch so nahestehendes abiller „herrichten" schon
bestand. Jene Proportion kann höchsrens die Bedeutungs-
entwicklung zu ..bekleiden1' unterstützt haben. Also nicht zwei
Wörter sind verschmolzen, sondern ein Wort ist dem anderen
ins Gehege gekommen und har daher seine Bedeutung umge-
modelt: habiüer, mit habit nach dem Schema peri(l) ~- periller
in Zusammenhang gebracht, entwickelte aus „herrichten" die
Bedeutung ,.bekleiden".
Somit wäre die etymologische Zusammenstellung von habit
und habiller, die heute wohl jeder Franzose unwillkürlich voll-
zieht, historisch ebensowenig berechtigt wie die von poser und
position, wo das eine vonpausare, das andere von ponere kommt,
oder von recouvrer (>recuperare) und couvrir, von consommer und
consumer, oder endlich — ein mir von Prof. Herzog zitiertes Bei-
spiel — die heurige Beziehung von modern zu Mode, während es
urspr. zu lr. modo „jetzt" gehörte. Wir haben es also mit
einem Fall von „pathologie verbale", von einer durch zufällig
konvergierende Lautentwicklung bedingten semanrischen
Sippenbildung zu tun und — merkwürdig! — gerade von
unserem Worte har Breal schon den Grillieron'schen Terminus
gebraucht in Erwiderung gegen einen „Pathologie du langage"
berirelren Artikel lärrre's. welch letzterer allerdings unter
„Sprachleiden" nur „Sprachentwicklungen" verstand. A.a.O.
sagt nämlich Breal: „Le seul cas oü il puisse etre legitimement
parle de pathologie, cest le cas oü un mor est employe par
pour un autre. soit a cause dune ressemblance de son. soit erreur
attachee" ausgehen, so böte sich Parallelentwicklung mit altt'rz. estiquette
(zu d. stecken), das urspr. „marque fixee ä un pieu", dann „ecriteau, billet"
heißt und heute in englisch ticket und dem entlehnten frz. ticket ein
Konkurrent des frz. bület geworden ist: aber da bitte in den ältesten Belegen
mit „cedule" aleiehsestellt wird, können wir die beiden Wörter nur wegen
ihres gemeinsamen Ursprungs aus der Kanzleisprache vergleichen.
:;; -4 Leo Spitzt r.
par suite de quelque autre accident" [folgen die obzitierten
Worte über die Konfusion zwischen habit und hdbiUer]. Auch
Grillierons Wort vom „accident phonetique" ist also hier
wühl vorgeahnt! So ist es denn kein Wunder, wenn auf
K. ton habit. changer d' habit, habit tieuf die Typen habille-
ment, habillagt vorkommen. Nur Flaubert ist so naiv. habiUer
un lapin „preparer un \.u ;il> sekundäre Bedeutungsentwicklung
und habitler „bekleiden" als das Frühere anzunehmen: ,,Xotre
moi se rtimprend parfaitement lorsqu'on a vn aux etaux de
Paris la roilerte sous laquelle on presente, aux regards des
passants, les veaux et los boeufs non encore depeces." Hier
ist einmal d;is kulinarische Weltzentrum Paris wenig von Ein-
fluß -cwcscn und die „Toilette" der Schlachttiere sowie der
Gerichte {pommes de terre en robe de chambre und dgl.i ist
„modern" gegenüber den habillemens de guerre, den kriege-
rischen Geräten des Mittelalters.
Der in dieser Form 1916 eingereichte Artikel (vgl. auch
meine Bemerkung G G A. 1917 S. 440) wurde nun durch
Btorf, Berl. Sitzgsber. 1917 S. 499 überholt, der in aller Kürze
die erste der von mir vonnuteten Erklärungen — und /war
die heute von mir für wahrscheinlicher gehaltene — hietet ").
7 Morf schrieb mir, daß er an die von Tobler angenommene mid von
mir a. a. 0. übernommene Bedtg. von at'rz. abiller „herbeilaufen-* nicht
glaube und auch hier „ausrüsten" übersetze: die Stelle (aus Guill. (oiiart)
lautet: Par devers Tybaut de Cepoi JEn reveissiez abiller Maint cent charekie
[et] maint mülier. Morf faßt auch habit urspr. als „geistliches Gewand".
vgl. Godefiroy und das Sprichwort l'habit ne fait pas le nutine: diesen
feierlichen Charakter des Gewandes sehe ich noch heute in der Bedeutung
habit „Frack. Abendanzug", aber auch in der italienischen Unterscheidung
zwischen vestito und abito: Romanelli 1. c S. 142 Anm. belehrt uns darüber:
„Quello uel Lazio e sempre da nomo, questo da donna. e in alcuni casi,
signorilmente, da nomo". Mit dem Übergang des habit in weltliches Milieu
war die Möglichkeit der Beziehung zu abiller tre^ebeii.
Wi en. Leo Spitzer.
Span, dibujar „zeichnen" = afrz. deboissier.
REW Nr. L43Ö s. v. buxus „Buchsbaum" heißt es:
„(Prov. deboisar „zeichnen", katal. debuixar ( • span. dibu-
jar, portg. debuixar) ( 'nervo. Dicc. isr formell auffällig, da de-
nicht recht verständlich ist)."
('nervo gibt a. a. 0. unter Vorbehalt folgende Erklärung:
„Esta voz tenia en cast. ant. nn sentido mas lato, pues se
usaba como sinönimo de pintar, y su forma apoya la cori-
jetura de Covarrubias, acogida en el Dicc .Autor., de (]iie es
compuesto de boj (port. buxo, cat. !>oix, prov. hois). por lo fre-
cuente «pie era la pintura en tablas de esta madera; en ral
Bupuesta. la formaciön seria remedo de depingere, describere,
v sobre todo de verlies como deaurare, decolorare, deflorare,
tan comunes en la baja latinidad. Ducange trae debuxare"
[in der ßedtg. delineare]. Zehn Jahre vor Cuervo hat übrigens
schon Suchier in seinen Denkmälern prov. Lit. u. Spr. im Glossar
s. v. deboyssar dieselben Wörter zusammengestellt und als
Etymologie angegeben: ..Von lat. buxum .Schrifttafel"."'
Ich möchte in den folgenden Zeilen die Wahrheit der
('nervo sihen Annahme erhärten. Vor allem sei bemerkt, daß
die altspanische Bedeutung des Wortes nicht nur „malen",
sondern auch „ausmeißeln" ist. wie Cuervos Beispiele aus
dem 13. Jh. zeigen: E en todos las labores puso y el pilares
de marmol, e mandölo cobrir de oro e de plata e fizolos todos
debuxados (Crön. gen.). wo es sich doch offenbar um Skulp-
turen, nicht um polychrome Statuen in der Art unseres Klinger
handelt, ebenso Eso mesmo decimos que serie si alguno de-
buxasse 6 entallase para si en piedra 6 en i>i</<hr<> ajenö (Part.).
Dieselbe Verbindung mit dem Verbum entalhar „schnitzen"
findet sich im Aprov. : siehe Levy, Suppl.-Wb. s. v. de(s)b<risar,
der ..aushauen, meißeln" übersetzt. Die Übersetzung Ray-
nouards (11,24.1) „6ter du bois. degrossir, representer, sculpter"
scheint von der Etymologie frz. hois „Holz" auszugehen, wie
denn das Wort auch unter bosc ,.bois"' erscheint: aber dann
müßte es prov. *desboscar heißen, wie wir ja emboscar auch tat-
sächlich belegt finden. Aber mit „sculpter" hat Raynouard
zweifellos das Richtige getroffen.
A'on Cuervo und Meyer-Lübke wird nun aber nicht er-
wähnt, dalj es ein altfrz. debo(u)is.<Her gibt, von dem Godefroy
schreibt : „exprime l'idee d'öter du bois, de degrossir, d'ebaucher,
376 Leo Spitzer.
et celle de travailler artistement, mais sana que oous puissions
fixer le genre et le mcrite particulier de ce fcravail. Pro-
bablement 1«' Bens premier <isr sculpter, et ce qu'on a dit
d'abord du bois s'esi ensuite applique, par extension, ä dos
matieres fcrea variees", wo wir schon wegen des s-Lauta (vgl.
dÖboiser „entforsten") die pseudoetymologische Übersetzung
,.<*>ter du bois" nicht anerkennen werden, aber die Angabe,
die iirspr. Bedeutung sei „meißeln", Pesthalten müssen: in den
Belegen ist wieder deboissier neben entaillier gestellt : es handelt
sich um Pfeiler aus Elfenbein u. dgl. und das sotiltnent debouissie
würden wir mir ..fein ziseliert" (beachte a cisel bien entailliS !)
wiedergeben. Wenn allerdings auch Beispiele mit deboissier
neben peindre vorkommen, so hat sich wie im Altspan, und
Altprov. die Bedeutung schon zu „darstellen" (im allgemeinen)
\ erschollen. So sagt denn auch Förster in der Anm. zum
Karrenritter I V. 5843, große Ausg.) deboissent: .. , bilden' (vom
Bildhauer), , malen' — später in übertragenem geistigen Sinn
, beschreiben ' ; s. deboisse im Renartsuppl. Chabaille's, welche
Stelle Godefroy irrig unter deboiser (sie!) setzt und falsch er-
klärt" und im Wörterbuch zu Chrestiens Werken wird die
Etymologie debuxare festgehalten. Lommatzsch teilt mir die
Etenartsuppl. -Stelle aus Toblers Materialien mit: En maint
endroit pense et deboise (: angoisse) Coument se porroit consillier,
also . sich ausmalen, nachdenken'".
Schlagen wir nun bei God. das Wort bouis „buis" (nach
KKW s. v. buxus ist diese mittelfrz. Form entlehnt aus prov.
bois) auf: da finden sich folgende Belege: „Le buix est ung
arbre qui est toujours vert, et pour la legieret»'- de sa matiere
est apt a faire des tables pour escrire car, quant il est bien
poly ou tire, on y forme des lettres et si Ten defface Ten legiere-
ment" (a. 1360). „ung petit benoistier de böuys ouvre ä ymages.
et au devant a une ymage de Notre Dame de Pitie" (a. 1471),
auf das Schnitzen von Gefäßen aus Buchsbaumholz weist auch
der Bedeutungswandel „vase ä boire, en buis'' (ebenda),
vgl. noch die Ausführungen Helm 's, Kulturpflanzen und Haus-
tiere*. S. 134 u. 603. Schrader's Reallexikon s. v. Buchsbaum,
Kluge s. v. Büchse und über frz. boussole, ital. bossola ..Kompaß"'
vgl. Romania V. 170. Schon Georges nennt s. v. buxus die Be-
deutung „aus Buchsbaumholz bereitete Gegenstände, so Flöte,
Kreisel. Kamm, Schreibtafel", und Ahnliches liest man bei
Ducange. der mit „diptychum" übersetzt. Vor allem aber sei
erwähnt, was De Lespinasse-Bonnardot in ihrer Ausgabe des
Livre des metiers von Etienne Boileau (Hist. gen. d. Paris XU)
S. LH mit Bezug auf Titre LXYIII S. 140 des Livre zu be-
richten wissen: „Les Tabletiers faisaient des tables , a escrire
ou a pouretraire', c'est-ä-dire de petits carnets composes de
minces plaquettes de bois dur, d'ivoire ou de corne, que nos
ancetres portaient suspendus l\ la ceinture . . . Toutes les
Span, dibujar „zeichnen" afrz. deboissier. 377
feuilles d'une table devaient etre d'un meme bois. Le plus
commun etait la famtr. le h&tre, ensuite le b u i s ... On
les enduisait d'une couche de cire sur laquelle ou ecrivait
avec im stylet: les Statuts defendent de ,mettre s\i i t' avee
cire'." Wattenbach, Schriftwesen im Mittelalter (1871) S. 373
erwähnt außer diesem Beleg noch einen italienischen, nach dem
Ambrogio Traversari um 1430 an Francesco Barbaro um
tabellas buxeas, qaales fiunt apud vos venustissimas cum stylo
und 1432 um Nachsendung seiner tabellae bu.reae schreibt, ferner
erwähn! Wattenbach S. 65 auch 12 in der Berliner Bibliothek
befindliche Buchsbaumtäfelchen „mit sehr sauber ausgeführten
Bleistiftzeichnungen eines niederrheinischen Künstlers aus dem
15. Jahrhundert. Es kann also kein Zweifel in sachlicher Be-
ziehung darüber bestehen, daß die Etymologie *debuxare (von
buxus „Buchsbaum") im urspr. Sinne von „aus Holz schnitzen"
möglich ist. Nun fragt sich noch, ob der von Meyer- Lübke
eingewendete formelle Grund, die Unerklärbarkeit des Präfixes
de-, zu Recht besteht.
De-buxare könnte, wieCuervo meint, sich nach depingere(\g\.
aprov. depenher, depintar, afz. dipeindre), describere, designan
(> ital. disegnare ..zeichnen"!'), delineare (mit dem es bei I)u-
cange glossiert wird) gerichtet haben, ähnlich wie wir nach
abschreiben, abbilden, abkonterfeien ein abknipsen, abkodaken
etc. bilden: weniger kämen Fälle wie deaurare in Betracht.
Debu.rare hieße dann „auf (oder: aus) Buchsbaumholz dar-
stellen", d. h. entweder in Schnitzarbeit oder mit Malerei auf
Buchsholztafeln. Gerne gebe ich zu. daß ein ganz gleichge-
artetes Beispiel in den Materialsammlungen bei Cooper und
Paucker nicht zu finden war. Aprov. desboisar ist wohl sekun-
däre Vertauschuug von de- und dis-, wie sie im Archiv f. lat.
Lex. XI, 358 und XV. 124, Rom. Gramm. II. 573 besprochen
wird (vgl. noch ptg. debulhar statt desbulhar aus lt. spoliari,
Goncalvez Viana. Apostilas etc. 1, S. 360).
In diesem Zusammenhang sei auf frz. bo'esse „Meißel zum
Ausputzen des Stichels1'. „Kratzbürste", hingewiesen, das nach
Thomas Essais d. phil. frang. S. 313 (= Rom. 26, 429) aus
gratte-boesse gekürzt ist, welches seinerseits aus prov. grato-
bouisso entlehnt sei. Thomas nimmt für den zweiten Teil
Zusammenhang mit bouissä „kehren" an: es handle sich um
zwei imperative, gewissermaßen: „kratze -kehre!". Gade.
Urspr. u. Bdtg. d. . . . Handwerkzeug nahmen im Franz. S. 24
scheint anders zu denken: nach zweifelnder Anführung der
Etymologie bouis = lt. buxum fährt er nämlich fort: „Ursprüng-
lich war gratte-boesse oder prov. grato-bouisso also ein Kratz-
eisen des Holzarbeiters und ging dann in ähnlicher Verwendung
in das Gewerbe des Graveurs, Ciseleurs über." Er geht also
nicht von bouissä „kehren", sondern von prov. bouisso (= frz.
buis „Glättholz") aus. gewissermaßen: „Kratze", „Glättholz".
Leo Spitzer.
Mir Grade braucht nuiii allerdings oichi anzunehmen, dal;) das
ungebräuchliche -isse durch -esse ersetzt wäre: das Suffix -esse
ist ja durchaus abstrakt). Dann könnte aber *debuxare urspr.
„abglätten", „alles Nicbt-Glatte herunterschneiden" mit dein
de- „herunter" wie in defalcare, «heulen, delimare, bedeutet
halicn. Der Präfixwandel von de- zu des- wäre mit span. des-
falcar ans dem erwähnten lat. Wort defalcare zu vergleichen.
At'rz. esbochier „degrossir du bois" wird von G-ade S. 35 irr-
tümlich von buxus abgeleitet, während nördliche esboquier-
Formen sowie die Bedeutung für Ableitung' von bosc- I frz.
bois) sprechen. Xisard. De quelques parisianismes populaires
S. 34 erwähnt donner le bouis im 18. Jahrh. im Sinne von
„achever, perfectionner, donner la facon" und erklärt dies uns
bouis „Glättholz"1). Ob aber dieselbe Redensart in der I5e-
deutung ..faire im compliment, louer, flatter" nicht eine zwei-
deutige AiiMlrucksweise ist. die urspr. an sfaz.boisier „betrügen"
(= REW s. v. L006) anknüpft? Jedenfalls gehört dahin das
von Xisard ebenfalls hierhergezogene rebouiser im Sinne von
.. tromper. inettre dedans" (vgl. bei God. reboisier „tromper,
devenir lache1'). Rebouiser im Sinn von „tancer, rabrouer,
brutaliser" vergleicht sich mit frz. Hriller ..striegeln-' > „miß-
handeln. prügeln" und stammt von bouis im Sinne von „fouet"
(vgl. Rolland S. -244. ferner Sainean, L'aryot ancien S. 186
und Les sources de Vargot ancien S. 293 s. v. bouiser „fouetter").
Daß bei donner le bouis ..schmeicheln"' an den primitiven
Brauch des Äfaigrußes an das Mädchen (buis de mal) zu denken
wäre, wofür bei Rolland. Flore pop., und bei Mannhardt, Wald-
und Feldkulte, viele Belege zn finden sind, erscheint mir
weniger wahrscheinlich.
\ or allem kommt aber für * debuxare formell wie seman-
tisch das Vorbild von dedolare „aushauen, ausmeißeln" in
Betracht. Anläßlich seiner Etymologie (griech. oi'kxoc, „Schreib-
tafel" zu lat. dolore) bemerkt W. Schulze Z. f. vergl. Spr. 45.
S. 235: ..Was Hieronymus epist. 8. 1 (I, 32 3 llilberg) über das
älteste Schreibmaterial der [taliker sagt: ante chartae et
membranarum usum aut in dedolatis ex ligno codicellis
out in cortieibus arborum mutua epistularum adloquia missitabant ;
unde ef porHtores eorum tabellarios et scriptores a libris arborum
librarios voeavere, soll zwar nach Absicht des Autors nur die
lateinischen Wörter erläutern, liest sich aber zugleich wie eine
ungewollte Rechtfertigung des Etymologen, der zuerst oeXio;
') Von der Bedeutung ..Glanz" aus argott'rz. rebouiser „regarder".
Sainean zitiert als Parallele reluit „oeuil", vgl. auch Tallgrens Beispiele
Neuphil. Mut. 1912 S. 21 und 1914 S. 91. Das ribouis „soulier" des Kriegs-
argots, 'las Sainean L'aryot des tranchees S. 160 belegt, aber nicht erklärt
(vgl. auch Sachs-Villatte Snppl.), gehört ebenfalls zu rebouiser. Hierher
wohl auch bouif .Schuster' im Soldatenfranzösisch (Barbusse Le feu S. 22),
vgl. deutsche kölnische Schusternamen wie Knieriem, vom Werkzeug her.
Span, dibujar „zeichnen" = afrz. deboissier. 379
zu dolare in Beziehung gesetzt hat." Vgl. mich vasculum crys-
tatto dedolatum bei Apulejus met. 6, 13 — da das vasculum
oft aus Buchs war (siehe Godefroy und noch Unlands Schenk
von Limburg: Es hin;/ ihm an der Seiten Ein Trinkgefäß von
Buchs), so konnte es statt vasculum hu.ro dedolatum leicht vas-
culum debuxatum heißen. Das de- in dedolare, defustare etc.
ist nach E. Thomas Studien z. tat. u. griech. Sprachgesch. 8. 9
perfektiv.
Span, dibujar hat Bieyer-Lübke mit Hecht als Entlehnung
aus dem Karal. gefaßt; da span. boj nach Maßgabe seines
Auslauts aus katal. box entlehnt sein muß, so bleibt für das
abgeleitete altspan. debujar auch nichts anderes übrig: aus
altspan. debujar wurde später dibujar, wohl nicht, wie ('nervo,
Apuntaciones criticas etc. S. 571 meint, als Reaktion gegen
das volkstümliche c in revir, sondern entsprechend dem volks-
tümlichen Wandel von e zu i, wie ihn Wagner. Beitr. z. Kennt-
nis des Judenspan. S. 92 kennzeichnet (vgl. difunto, diputadoi}.
Zum Schlüsse wäre noch dem Einwand zu begegnen, daß
Lew im Petit dict. desboisar mit q annimmt. Aber keine der
angeführten Stellen zeigt v, ja überhaupt das Wort im Keim,
während fürs Altfranz, durch die in Förster-Breuers Chrestien-
Wörterbueh angeführten Stellen (Reim deboisse - connoisse,
vgl. oben den Reim mit angoisse) o-Yokal gesichert ist.
Wi en. Leo Spitzer.
Referate und Rezensionen.
Zwei altfranzösische Dichtungen. La Cltaatelaine de
Saint Gille. Du Chevalier au barisei. Neu hersg.
mit Einleitungen. Anmerkungen und Glossar von
O. Schultz- Gor a. 3. verbess. und erweiterte Auf-
lage. Halle a. S.: Niemeyer 1916.
Daß sich so bald nach dem Erscheinen der zweiten
Auflage (1911) das Bedürfnis nach einer neuen Auflage des
vorliegenden Werkes herausstellte, beweist am besten, wie
gut es seinem Zweck entspricht: die Studierenden werden, an
der Hand zweier geschickt gewählter kleiner Texte durch
Einleitungen, Anmerkungen und Glossar zu gründlichem
Verständnis des Altfranzösischen angeleitet und erhalten eine
klare Vorstellung von den an die Erklärung eines alten
Textes zu stellenden Anforderungen in literarischer, gramma-
tischer und stilistischer Hinsicht. Die neue Auflage ist
diesem Ziele durch Aufnahme des ganzen Variantenapparates
der zweiten Dichtung — die erste ist nur in einer Handschrift
überliefert — noch ein gutes Stück nähergekommen. Erst
jetzt wird die Frage des Handschriftenverhältnisses, die bei
diesem Gedichte nicht ganz einfach zu beantworten ist,
gründlich geprüft und etwa auch bei Seminarübungen erörtert
werden können. Zweifellos geht ja keine der vier Hand-
schriften direkt auf das Original zurück: an mehreren Stellen
hat der Herausgeber, der A soweit als möglich folgt, sich
genötigt gesehen, den Wortlaut aus mehreren Handschriften
zu kombinieren, und wie hier so ist auch an anderen Stellen
die Vermutung, daß keine der Handschriften Ursprüngliches
biete, unabweisbar. Zumeist gehen BCD zusammen gegen
A. nicht selten aber auch AB gegen CD. Da jede Gruppe
gelegentlich unzweifelhaft Falsches bietet, so entsteht die
Frage, ob der Herausgeber da. wo jede Gruppe eine mögliche
Lesung hat. A(B) oder (B)CD folgen soll. Eine Prüfung der
Lücken, die einerseits BCD im Verhältnis zu A. andererseits
A(B) gegen (B) CD bietet, führte mich Bd. XXXIX2 160 ff.
dieser Zeitschrift zu dem Resultat, daß B C D im ganzen die ver-
trauenswertere Überlieferung bieten, da das, was A mehr als die
übrigen Hss. hat. m. E. viel leichter als Zutat begriffen werden
kann, als das bei (B)CD Fehlende als Streichung. Daß der
Herausgeber sich in dieser Frage meiner Ansicht im ganzen
Referate und Rezensionen. 381
nicht angeschlossen hat, verdenke ich ihm nicht, gebe aber, da
er in der Annahme des von BC I) Gebotenen in der neuen Auf-
lage weiter als bisher gegangen ist, die Hoffnung nichr auf,
daß er sich später meinem Standpunkt noch mehr als jetzt
schon geschehen ist, nähern wird. Jedenfalls begrüße ich es
als Erfolg meiner Darlegungen, daß die Einleitung der neuen
Auflage den Satz, daß „A im Großen und Ganzen dem
Originale am nächsten kommen dürfte", gestrichen hat. Ich
würde es, wie die Dinge liegen, nur als Forderung aus-
gleichender Gerechtigkeit ansehen, wenn das jetzt nur in
den Varianten zu findende Plus an Versen, welches (BjCD
bieten, in der nächsten Auflage in den Text mitaufgenommen
würde. Und im Zusammenhange damit bringe ich dann
gleich noch einen weiteren Wunsch für die gewiß bald zu
erwartende neue Auflage vor, der sich bei Erfüllung dieses
ersten zum Teil von selbst ergäbe: die Aufnahme des Wort-
schatzes der Varia lectio in das Glossar, wie W. Foerster sie
dankenswerterweise in seinem Wörterbuch zu Chrestien
durchgeführt hat. Der Umfang des Buches würde dadurch
wenig zunehmen, die Studierenden aber würden ganz wesent-
lich gefördert werden, wenn sie auf diese Weise zu wirklicher
Kritik der Textgestaltung befähigt würden, während der
Variantenapparat ihrem Verständnis jetzt großenteils ver-
schlossen bleibt: nebenher spränge auch für die wissen-
schaftliche Forschung gewiß ein Gewinn heraus.
Endlich ein dritter Wunsch für eine neue Auflage: es
geht aus der V. L. nicht immer mit Sicherheit und Leichtig-
keit hervor, wie' die abweichenden Hss. lesen. Vor allem den
Studierenden dürften an nicht ganz wenigen Stellen Schwierig-
keiten erwachsen. So lautet V. 5 Pres de la marche sor la
mer; dazu die V. L. de la m. CD. Deutlicher wäre sor]
de CD. Zu 192 por dieu, quar l'apeles avant ist als V. L. an-
geführt: cor D. Sogar der an die Benutzung des Varianten-
apparates Gewöhnte wird nicht sofort herausfinden, daß
gemeint ist: quar] cor D : zu 205 S'i penssez bien! Qui vous
•desfant? lautet die V. L. : q v. B, que le vous desfent D.
Daraus wird nicht klar, wie D liest : entweder fehlt ihm bien,
oder es hat eine Silbe zu viel, Tn letzterem Falle wäre der
Zusatz (-(- 1) nötig. 270 lautet zu vous nie samblez ou fols
ou yvres die V. L. vous (v vous C) estes v sos (fos C v yvres B CD.
Danach müßten B und D je eine Silbe zu wenig haben, in
welchem Falle ein ( — 1) erwünscht wäre, um Zweifel aus-
zuschließen: so z. B. auch für 348. wo die angeführte Lesart
von B nur 7 Silben zählt. Jedenfalls dürfte es sich empfehlen,
im Interesse der Studierenden hier lieber zu viel als zu wenig
hu tun.
Ich gehe noch auf ein paar Einzelheiten ein. die mir
bei erneuter Lektüre des Textes aufgefallen sind.
382 •'■ Schulze.
V. l.i wird von dem Schlosse des Ritters gerühmt mfü
tu cremoit n> roi ne conte. Criemre heißt hier „zu fürchten
haben-', vgl. Chlyon 3776 Li ckastiaus ne cremoit asaut De
mangonel ne de perriere. S. die Anmerkung zu V. 404 über
den Sinn von avoir doutance.
V. 26 heißt es von dem Ritter trop ert en lui gram li
descors. Vgl. Julian 3593, wo der Heilige wörtlich überein-
stimmend von sich sagt, nachdem er seine Eltern erschlagen:
En moi est si grans li descors Quefaiperdu et arme et vors
Se Ihesucrist neu a pite. „Nichtübereinstimmung1', wie das
Glossar übersetzt, kann descors an dieser Stelle unmöglich
heißen, der Sinn muß vielmehr „Sünde. Vergehen" sein, eine
Bedeutung, die auch für unsere Stelle angemessen ist. Leider
stehen mir weitere Belege nicht zur Verfügung.
V. 28 vom Ritter heißt es il retenoit les pelerins. Statt
„zurückhalten, festhalten-' scheint mir die Bedeutung „ge-
fangen nehmen" treffender ; vgl. Chlyon 3278 et la (sc. en im
fort recet) fu retenuz li cuens.
Die Verse 31 — 36 sind m. E. in keiner Hs. richtig über-
liefert. Sie lauten bei Sch-G. :
// n'espargnoit ne clerc ne moine
renclus n' er mite ne chanoine;
et les nonnains et Jes convers
<jui plus erent a Dieu aers,
ceus fesoit il a honte vivre,
quant il les teuoit a delivre.
Der Verfasser des Gedichtes geht, nachdem er geschildert,,
wie der Ritter gegen die männlichen Angehörigen des geist-
lichen Standes sich versündigt, dazu über, sein Verhalten zu
den weiblichen zu tadeln. Es scheint mir daher nicht zweifel-
haft, daß V. 33 die Hs. A mit converses statt convers und
dementsprechend V. 34 aherses statt aers im Recht gegen
BCD ist. Dazu stimmt nun freilich nicht ceus in V. 34.
Ich vermute, daß im Original stand: et les nonnains et les
converses com plus erent a Dieu aerses plus fesoit il a honte
vivre. Damit erhält V. 35 den ihm zukommenden, offenbar
nur auf weibliche Wesen berechneten Sinn.
V. 54 Tos. les maus penssoit c'om puet faire E>t diz, en fez
et en penssez, Toz les ot en lui amassez. Ich halte es für
sehr unwahrscheinlich, daß der Dichter gesagt habe: Toz
les fnaus pensoit c'om puet faire en p e n s e z. Unvergleichlich
besser lesen BCD: Pensez (Imperativ) tous les maus c'on
puist faire: En diz etc.
V. 58 haben BCD statt ainz de ses n/aus ne fu cessanz
mit c'ainc d. s. m. n. f. festans (zu restanc ermüdet) eine
beachtenswerte Lesart, der ich als lectio difficilior den Vor-
zug geben würde.
Referate und Rezensionen. 383
V. r2. Der Ritter befiehlt seinen Köchen am Fastentage,
ihm Wildpret aufzutragen : Likeufurent tidt esbahi Si respondent
triste et man: „Nous ferons ro volenti, sire, mes vous poez
assez miex dire.u Der letzte Vers (mes v. p. a. in. d.) ist mit
seiner Inhaltsleere nicht haltbar, wenn man die sehr ver-
ständige Lesart von BCD dagegen hält: Ld heu . . respondent
triste et mari Com cä <jni ne l'osent desdire: „Nous ferons vo
volente sire." Bemerkenswert ist, daß D. der auch sonst
allein das Ursprüngliche bewahrt, statt esbahi — esmari liest,
das sich bei der unverkennbaren Vorliebe des Dichters für
reiche Reime als Reimwort auf mari empfiehlt.
V. 95. Daß Christus im Altfranz, geradezu „Schöpfer"'
genannt werde, bezweifelt die Anm. mit Unrecht. Littre zitiert
aus Thom. le mart.: Cur plus criement asez U terrien seignur
Que il ne funt Jesu le puissant creatur.
V. 76 ist sehr unwahrscheinlich, daß die Ritter ihren
Herren, den sie später noch ganz ehrerbietig behandeln.
lerres anreden. Auch hier scheint D mit sire allein das
Richtige erhalten zu haben.
V. 150 tant oont (sc. der Ritter mit seinen Begleitern
zum Eremiten) le droit chemin ferre ; statt ferre" lesen BD
kante, C weicht ab, so daß ferre nur durch A gestützt ist.
Daß der Weg zum Einsiedler „gepflastert" war, ist nicht von
Belang, wohl aber, daß er. weil der Eremit wegen seiner
Heiligkeit weit und breit berühmt war. „viel betreten"' war.
V. 165 haben BCD mit porcoi li (statt le) proieroie das
Bessere, da das Pronomen auf den Dativ Dieu (V. 163) si
proierez viaus Dieu merci) hinweist.
V. 198. Adont s'en vait tout apoiant li foibles hom a I. baston.
Über den Sinn von tout wird man nicht hinreichend belehrt,
wenn man im Glossar die Bedeutung ,.ganza für diese Stelle
findet i^die V. 647 gleichlautend wiederkehrt). Tout hat in
Verbindung mit dem Gerundium — sei es mit sei es ohne
en — gerade wie vor adverbialen Bestimmungen die Aufgabe,
die Intensität des Ausdruckes zu verstärken. Wie es zu
übersetzen sei. läßt sich nicht allgemeingültig beantworten,
sondern ergibt sich aus den jedesmaligen besonderen Um-
ständen. Man hat jeweils einen Ausdruck zu wählen, der
den einfachen ohne tot an Kraft übertrifft. Chlyon 436 que
colentiers m'an repantisse tot maintenant se je po'isse wird man
etwa sagen „unmittelbar darauf-' — gegen unverstärktes
maintenant „alsbald"': ebenda 2781 et ses enuiz tot ades croist :
„fort und fort"' gegen einfaches ades „immer" ; ebenda 4914
que tot veant mes iauz l'ocist „vor meinen sehenden Augen"
gegen reant mes ialz „vor meinen Augen". Oder aus unserem
Denkmal V. 234 lors descendi tout pur anui „aus reinem Ver-
druß", „lediglich aus Arger", eine Übersetzung, die in der
Lesart von BCD par tres fin anui (aus sehr aufrichtigem.
384 .1. Schulze.
echtem Ärger) eine erwünschte Bestätigung findet. Natürlich
ist oft auch „ganz1"' am Platze: Barisei 467 et tout u pi<' ne
/inend; vgl. et le& datneise/e* les sivent tot a pii (Marques de
Rome49d 3). Vor dem Gerundium weist tont nachdrücklich
auf die verbale Tätigkeir hin. so daß an unserer Stelle
(V. 198) tont apoiant etwa durch „sich schwer und dauernd
stützend1' wiederzugeben wäre. Daß tont vor dem mit en
verbundenen Gerundium konzessive Bedeutung haben kann.
ist von tout selbst völlig unabhängig, welches auch hier nur
die Aufgabe hat, nachdrücklicher auf die Gleichzeitigkeit
der Tätigkeit des Hauptverbs mit der des Gerundiums hinzu-
weisen, als das ohne tout geschehen könnte. Haas bemerkt
Franz. Syntax § 325 richtig, daß die konzessive Bedeutung
auch bei dem einfachen Gerundium mit en zu beobachten
ist: II ne le croira pas encor en l'ayant veu (Mol.). Wenn
er hinzufügt, dies sei jedoch nicht häufig, während die Ver-
bindung mit tont die konzessive Bedeutung häufig aufweise,
so ist damit eine äußerlich zutreffende Umschreibung, aber
nicht eine in das Wesen der Erscheinung eindringende
Erklärung gegeben. Das Gerundium mit en bezeichnet
überall — wie Haas nicht verkennt — die Gleichzeitigkeit
der beiden verbalen Tätigkeiten: je nachdem nun diese
Tätigkeiten einander als Ursache und Wirkung bedingen
oder als einander widerstrebend sich auszuschließen scheinen,
oder auch ohne innere Beziehung zu einander bestehen, er-
hält das Gerundium den Schein einer kausalen, konzessiven
oder rein zeitlichen Bestimmung de? Hauptverbums, während
es tatsächlich immer nur Gleichzeitigkeit zum Ausdruck
bringt. Es liegt aber auf der Hand, daß der nachdrückliche
Hinweis auf die Gleichzeitigkeit da am nötigsten ist, wo
dieselbe infolge der einander widerstrebenden Bedeutungen
beider Verba am wenigsten glaublich scheinen möchte:
gleichzeitiges Sehen und Nichtglauben scheinen sich auszu-
schließen, so daß il ne le croira pas encor en l'ayant veu
nicht überzeugen könnte: deshalb fühlt der Redende in
ähnlichen Fällen das Bedürfnis, den Hinweis auf die Gleich-
zeitigkeit durch tout zu verstärken. Hieraus allein ergibt
sich der Schein, daß tout mit en und dem Gerundium zum
Ausdruck eines konzessiven Verhältnisses dienen kann.
V. 394 nous ist auffällig und verdiente eine Anmerkung.
Man erwartet moi. Das Verspaar 393/4 könnte sehr wohl
dem Original fremd sein. Es ist auffällig, daß dem Ritter,
der soeben erklärt hat: je n'en ferai rien, erwidert wird: Si
ferez, se dieu plest et vous. Nous ist ungerechtfertigt, weil
die Begleiter des Ritters oder irgend eine dritte Person nicht
zugegen ist.
V. 425 wird hoffentlich eine spätere Auflage die wesent-
lich bessere Lesung von BCD statt der mangelhaften von
A bringen. Der Ritter geht mit dem Fäßchen zur Quelle :
Referate und Rezensionen. 385
A la fontaine en est venits, dedenz la fontaine le honte, mes
ainz dedenz nett entra goute. So A. Statt dedenz la fontaine
le boute lesen B C D le baril tout de piain i honte, und das
empfiehlt sich, weil la fontaine zu wiederholen keinerlei
Anlaß vorliegt, während vom Fäßchen in den fünf vor-
hergehenden Versen nicht mehr die Rede war. so daß seine
Nennung sehr angebracht, um nicht zu sagen nötig ist. A
hatte in seiner Vorlage anscheinend einen in seinem ersten
Teil lückenhaften oder unleserlichen Vers 425, den er mühsam
aus dem vorangehenden, der ihm fontaine, und dem folgenden,
der ihm dedenz ergab, flickte.
V. 532 ff. der Ritter versucht an jedem Wasser, das er
auf seinem Wege trifft, vergeblich sein Paß zu füllen : et toz
jors alume et esprent. Sa grant ire trop le demeine bien pres
de demie semaine C'ainc de mengier ne li sovint. An dieser
Stelle scheint wieder einmal D allein das Richtige erhalten
zu haben, wenn er liest et toz jors alume et esprent Sa grant
ire et taut le demeine . . . c'ainc d. m. n. I. s. Das que vor
ainc (V. 535) verlangt ein vorangehendes demonstratives
Adverb, das nur D mit tant bietet.
V. 542/3 sind wieder alle Hss. im Unrecht, denn es ist
ausgeschlossen, daß der Dichter gesagt habe: por une povre
hiraudie qui mout estoit povre et cincheuse.
V. 577 ist die Lesart von B C D besser. Das si am
Anfang des Verses ist nicht nur im Hinblick auf die vielen
(6) si V. 574/5, die es nur wiederholt, völlig überflüssig, es
ist auch im Hinblick auf si que V. 579 störend.
Die Verse 631 — 644 wiederholen nur, wie die Anm. zu
633 ausführt, früher bereits Gesagtes. Man wird annehmen
dürfen, daß das Original diese Verse, obgleich sie in allen
Hss. überliefert sind, nicht aufwies.
V. 650 das Aussehen des Ritters war so qu'a grant paine
le con'eust Nus kom qui tant veu l'eust. Sehr bemerkenswert
liest D abweichend von allen Hss. que t. v. I. „unter der
Bedingung, daß er ihn noch so oft gesehen hätte" ; s. Tobler
V. ß. P 121.
V. 702 Druckfehler in der V. L. ?
V. 727/8 die Reime dieses Verspaares [grant ire: prist
a dire) begegnen schon 24 Verse später (751/2) genau wieder.
Diese Dürftigkeit kann man dem Dichter nicht zutrauen.
CD dagegen lesen 727/8 qui encore ert trestout en s'ire,
por mautalent li dist: Maus sire, eine Version, die sich auch
durch die Homonymität der Reimwörter, die der Dichter ja
liebte, empfiehlt.
In der Version der Vie des peres wird V. 192 de tote
uitaille auilliez statt uitaille — uitance, V. 265 statt il — li
zu lesen sein.
Alfred Schulze.
ZtBchr. f. tr*. Spr. u. Litt. XVIj »/«. 26
386 H. Heiss.
.Tlartiiio. Pierre: L> roman rialiste sous le second empire.
Paris. Hachette et Cie. 1913. 311 S. Fr. 3.50.
Betrachtet man die Entwicklung des französischen Romans
im XIX. Jh. von sehr hoher Warte, so sieht man sie un-
gefähr einen Kreislauf beschreiben. Von der Romantik geht
sie aus, leitet in den Realismus und vom Realismus über den
Naturalismus wieder zurück in Romantik, zum mindesten im
Werk dessen, der als Haupt- und Wortführer der naturalistischen
Gruppe gelten kann (Zolas Trois Villes und Quatre ivangiles).
Am Eingang der Romantik selbst steht ein durchaus realistischer
Grundsatz : mehr Naturwahrheit. Aber der muß so ziemlich
ganz auf dem Papier bleiben. Denn mit der egozentrischen
Kunstauffassung der Romantik sind gerade die entscheidenden
Forderungen unvereinbar, die der Realismus an den Künst-
ler stellt (Hingabe an das Objekt, geduldiger Fleiß im Be-
obachten, bescheidenes Zurückdrängen der eigenen Persönlich-
keit). Immerhin bedeutet der Nachdruck, mit dem die Roman-
tik die Wichtigkeit der couleur locale betont, schon einen
Versuch, der Literatur mehr Wirklichkeitsgehalt einzuflößen,
dem Fabulieren der dichterischen Einbildungskraft durch Stu-
dium des Lebens eine sichere Unterlage zu geben. So kommt
es denn zunächst im romantischen Roman zu einem ganz
äußerlichen Realismus, der sich kaum anders als in der treuen
und malerischen Wiedergabe von Schauplatz, von Kostüm und
Physiognomie der handelnden Menschen offenbart. Dieser Ober-
flächenrealismus wird notwendig etwas treuer und eindringlicher
da. wo sich der Roman von der Vergangenheitsschilderung
(wie in Hau d'Islande oder Notre-Dame de Paris) zur Gegen-
wartschilderung wendet (wie in Dumas' Monte- Christo, inj Sue
oder Balzac). Der Dichter braucht sich hier nicht mehr auf
seine Phantasie zu verlassen, ja er darf es gar nicht mehr
tun. er muß wohl oder übel mehr nach dem lebenden Modell
arbeiten, da die Leser jederzeit die Wahrheit seiner Romane in
Bezug auf Kostüm und Ahnliches nachprüfen können. Bei
Balzac, der diesen Oberflächenrealismus in einem Maß, mit
einer Vollendung verwertet, daß ihn die Naturalisten später kaum
mehr überbieten werden, gesellt sich dazu auch schon innerer,
psychologischer Realismus. Trotzdem bleibt sein Werk im
tiefsten Wesen romantisch, da es Balzac nie gelungen ist,
den Romantiker, der ihm in Gehirn und Brust saß, zu über-
winden. Bei Flaubert erscheint zum ersten Male in Frankreich
die Scheidung zwischen Romantik und Realismus reinlich
vollzogen (d. h. natürlich nur in seinem Werk, nicht in seiner
Persönlichkeit); Madame Bovary ist der erste .-■ realistische
Roman der französischen Literatur: vielleicht steckt auch
darin noch etwas Romantik, aber dann so verdünnt, daß erst
eine peinlich genaue Analyse sie feststellen kann.
Referate und Rezensionen. 387
Martinos Buch will den wichtigsten, aber bisher noch nie
gründlich erforschten Abschnitt aus der Übergangszeit vom
romantischen zum realistischen Roman und zugleich die
Vorbereitung des Naturalismus darstellen. Als zeitlichen
Rahmen wählt er die Dauer des zweiten Kaiserreiches: sicher
mit Recht, denn mir dem Staatsstreich fällt ungefähr zusammen
Balzacs Tod. das Aufkommen Champfleurys und der Erfolg
von Murgers ersten Romanen, und kurz vor dem Zusammen-
bruch des Nappleonischen Thrones beginnt Zola die Arbeit
an seinen Rougon- Macquarts, nachdem er vorher schon in
Therese Raquin und Madeleine Fe rat Proben eines wissenschaft-
lich, besonders naturwissenschaftlich und medizinisch gerichte-
ten Realismus gegeben hatte. Mit großer Umsicht und guter
Sachkenntnis verfolgt Martino die Entwicklung der beiden Jahr-
zehnte. Sein Buch enthält viel Interessantes und Neues, weniger
Neues (wie sich von selbst versteht) in den Kapiteln über Flau-
bert, die Goncourts und Zola als in denen über Champfleury
oder Duranty oder Feydau. Auch die verschiedenen Einflüsse
werden gewürdigt, die von Stendhal und Balzac uud (was un-
erläßlich war) die Anregungen, die von Courbet ausgingen. Die
zwei La campagne, realiste überschriebenen Kapitel verschaffen
einen trefflichen Überblick über die Strömungen und Gegen-
strömungen, die miteinander rangen, über die mancherlei
Widerstände, auf die der Realismus stieß und die kräftigen
Rückhalt an ein paar überstrengen Gesetzen und deren über-
eifriger Anwendung durch allzu zimperliche oder allzu will-
fährige Richter fanden.
Im einleitenden Kapitel untersucht Martino die Ursprünge
des Realismus, den er in seinem Anfangsstadium so definiert,
wie es die zeitgenössische Kritik tat: vla peinture des mondes
spiciaux et des demi-mondes." Das ist richtig (trifft übrigens
zum größten Teil auch für den späteren Realismus und vor
allem für den Naturalismus zu). Und ebenso richtig ist, wie
Martino diesen Grundzug einerseits aus der romantischen
Theorie des Grotesken, anderseits aus dem Boheme-Leben
der Schriftsteller ableitet: wenn Champfleury oder Murger
die Wirklichkeit malen, die sie am genauesten kennen
und am besten zu beobachten Gelegenheit haben, so kann
nichts anderes entstehen als ein Bild von Schmutz und Elend
in den dunklen, übelriechenden Winkeln der menschlichen
Gesellschaft, wo hungrige Künstler Wand an Wand neben
Bettlern, Dirnen, seltsamen, unheimlichen Gestalten und
Gesindel jeder Art hausen. Nur ist der Zusammenhang mit
der Romantik noch enger, als Martino ihn aufzufassen scheint.
Der Realismus knüpft in gewissen Dingen unmittelbar an
das romantische Drama und den romantischen Roman an. Er
schildert häufig dieselben Milieus und dieselben Typen, versetzt
sie aber aus der Vergangenheit in die Gegenwart, wählt z. B.,
26*
388 H. Heiss.
wenn er uns die Häuslichkeit eines Henkers schildern will, nicht
mehr das Norwegen des XVII. Jh. als Schauplatz, oder wenn er
den lichtscheuen Auswurf der Großstadt schildern will, nicht
mehr das Paris des Mittelalters, sondern das moderne Paris.
Das ist es ja auch, was Champtieury immer als den ent-
scheidenden Charakter des Realismus hervorhebt: die Wahl
moderner Stoffe, für die Balzac mit dem Beispiel voran-
gegangen war.
Ein anderer Zusammenhang, den Martino wohl erkannt,
aber vernachlässigt hat, hätte ungleich stärker herausgearbeitet
werden sollen: der Weg von der Romantik zum Realismus
und Naturalismus führt über den Feuilleton- und Kolportage-
Roman, über den Schauer- und Kriminal-Roman, und darum
vermißt man mit Überraschung verschiedene Namen, zum
mindesten die von Sue und Gaboriau, bei denen sich so be-
zeichnend Afterromantik mit Realistik, daneben (ähnlich wie
in den Miserables) mit sozialen Tendenzen verwebt. Gaboriau
hätte überhaupt schon längst eine eingehende Untersuchung ver-
dient, nicht seines persönlichen Wertes wegen, aber als Mit-
mensch sozusagen, weil gerade unbedeutendeSchriftsteller seines
Schlages, die nur für den Markt arbeitend in den Randbezirken
der Literatur vegetieren, oft unerwartet viel Licht auf die
Bewegung ihrer Zeit werfen. Wenn man z. B. sehen will, wie
Balzac nachwirkt, wie seine Art oder seine Unart weiter-
gesponnen und vergröbert wird, kann man kaum einen lehr-
reicheren Text wählen als Gaboriaus Esclaves de Paris von
1869. Ebenso würde man wünschen, Martino möchte sein
Kapitel über Zolas Anfänge nicht mit Therese Raguin beginnen,
sondern mit den Mysteres de Marseille, von denen er zwar spricht,
aber nur, um sie als recht unerheblich bei Seite zu schieben.
Unerheblich ist der Roman an sich gewiß; aber trotzdem
wichtig, sobald man ihn entwicklungsgeschichlich betrachtet.
Denn abgesehen davon, wie Zola sich hier für seine Er-
zählung schon dokumentiert, abgesehen davon, wie manches
darin schon von ferne den größeren Zola ankündigt, zeigt
diese „basse production", wie Zola selbst sich ausdrückt, eben
recht deutlich, in was für einer Literatur der Naturalismus
wurzelt.
Dresden. H. Heiss.
Aug. Dupouy: France et Allernagne. LitUratures comparSes.
Paris, Paul Delaplane. 1913. 3 fr. 50. 300 S.
Herr Dupouy ist ein ehrlicher Mann. Er bekennt im Vor-
wort (S. VI), daß er bei seiner Untersuchung der Wechsel-
beziehungen zwischen französischem und deutschem Schrift-
tum gewillt ist, den Franzosen hervorzukehren. Hier stock'
Referate und Rezensionen. 389
ich schon. Nach deutscher Anschauung ist es unvereinbar
mit dem Geiste wahrer Wissenschaft, absichtlich einen ein-
seitigen Standpunkt einzunehmen. Welchen Wert können
vergleichende wissenschaftliche Forschungen haben, wenn der
Forxcher betont, daß er den einen Teil begünstigen wolle?
Man sollte meinen, daß auch ein Franzose, der die Wahrheit
sucht, mit Mißtrauen an ein solches Werk herangehen wird.
Und es ist bezeichnend, daß der Verfasser das nicht fühlt.
Er führt zu seiner Rechtfertigung die beiden Werke seiner
Vorgänger auf demselben Gebiete an. Rössel und Süpfle, von
denen der erste zu schweizerisch neutral (!). der zweite auf
Kosten der französischen Schriftsteller zu deutsch sei. Dupouy
bringt nicht den Schatten eines Beweises für diese Behauptung,
er führt nicht einmal die Titel, geschweige denn eine Stelle
aus den beiden Werken an, womit jedoch nicht gesagt sein
soll, daß er sie nicht ausgiebig benutzt hätte.
Wir können bei Süpfle nichts von den patriotischen Vor-
urteilen finden, die Dupouy ihm leichter Hand vorwirft. Im
Gegenteil, seine „Geschichte des deutschen Kultureinflusses
auf Frankreich*' ist so sachlich und vorsichtig wie möglich.
Er ist sich, wie jeder Deutsche, bewußt, daß das deutsche
Schrifttum dem französischen weit mehr verdankt als dieses
dem deutschen. Die deutsche Literatur ist so reich an
Eigenem, daß ihr die Anregungen, die sie aus der Fremde
empfangen hat, sicherlich nicht als Armutszeugnis ausgelegt
werden können. Aber der Deutsche war von jeher bestrebt,
Welt und Völker geistig zu umfassen. Der Franzose be-
schränkte sich dagegen stets auf sich selbst. Seine Kenntnis
des Auslandes, seine Fähigkeit, uns zu verstehen, ist gering.
Dupouy sagt es an einer Stelle selbst: „Jules Lemaitre dit:
.. L' influenae de la litterature allemande est nulle, et pour cause"
(cette cause, c'est apparemment Vignorance de la langue)"
(S. ^49). Dupouy hätte, wenn er eine Kritik seiner Vorgänger
liefern wollte, nicht verschweigen dürfen, daß das Buch des
französischen Schweizers Virgile Ro$aeYl„Histoire des relations
litteraires entre la France et V Allemayne" in dem Teile, der
den deutschen Einfluß auf Frankreich behandelt, nicht viel
mehr ist als ein unvollständiger Auszug aus Süpfles fleißigem
und gewissenhaftem Werk. Dupouy tadelt, daß Süpfle (und
daher auch Rössel) nur das 17. und 18. Jahrhundert ausführ-
lich behandle, aber große Lücken in der Romantik aufweise und
die zeitgenössische Literatur fast gar nicht berücksichtige.
Er selbst erledigt viel wortreicher auf 300 Seiten eine weit
über doppelt so große Aufgabe, denn er behandelt auch die
viel reichere Geschichte des französischen Einflusses auf
Deutschland, die Süpfles zwei Bände nicht mit umfassen,
die aber von Deutschen oft genug behandelt worden ist.
Davon kommen auf die ersten 14 Jahrhunderte, vom Einfall
390 M'. Martini.
der Franken bis zu Gottsched und Klopstock. ganze 15 Seiten.
Man denke, die ganze reiche Blütezeit der Volks- und Ritter-
Epik und -Lyrik, die einen einzigen großen Kranz von Kultur-
einHüssen bedeutet, wird auf 9 Seiten abgetan !
Der Inhalt dieses ersten Abschnittes ist dementsprechend.
Alles wird nur mit einigen oberflächlichen, oft sehr bestreit-
baren Bemerkungen gestreift. Das Rolandslied ist französisch,
denn es feiert u. a. besonders die Liebe zur Pflicht und zur
Zucht {discipline)! Wir könnten vielleicht mit mehr Recht
behaupten, daß es gerade dadurch seinen germanischen
^fränkischen) Grundzug beweiht. Wolfram von Eschenbach
hat im Parzival bekanntlich aus einer französischen Abenteurer-
erzählung ein Lebensbild von tiefer seelischer Entwicklung ge-
macht. Man hat das Epos darum mit Recht den mittel-
alterlichen Faust genannt. Dupouy aber bemerkt wegwerfend :
„Peut-Stre Wolfram d' Eschenbach ajoute-t-il ä ses moddles un
peu de me'taphysique et de symbolistm- allemands." Seine
Kenntnis des Werkes beschränkt sich offenbar auf Wagners
Umdichtung. Er nennt vom Minnesang nur Walther von der
Vogelweide, wobei sein Ausdruck „Poesie d! Imitation" eine
erstaunlicht! Unkenntnis verrät. Über unser gewaltiges Nibe-
lungenlied fällt er nur das verächtliche Urteil: „tumultueuse
epopee." Sein Mangel soll es sein, daß es in seiner über-
lieferten Form 200 Jahre jünger ist als das Rolandslied, „et
ü y parait." Inwiefern, wird nicht gesagt. Auf das Nibe-
lungenlied folgt dann — bei Dupouy — unmittelbar Brants
Narrenschiff und Luthers Reformation, die eigentlich auch
von den Franzosen abgeguckt ist: „La Rfforme, gut avait
commence1 par etre franraise, fut germanisee par Luther."
Nein. Herr Dupouy, das ist leichtfertiges Geschwätz,
keine Wissenschaft. Gewiß. Sie haben sich bemüht, „Franzose
zu sein", aber sicherlich nur im schlechtesten Sinne des
Wortes, d. h. oberflächlich sind Sie gewesen.
Und wir kennen aueh den Grund. Für die ganze Zeit
vor Goethe fehlen Herrn Dupouy die Kenntnisse. Sein Ver-
sprechen, „de ne rien affirmer (ju'ä bon escientu (S. V), trifft
zum mindesten für das erste Kapitel nicht zu. Auch von
der Zeit Gottscheds, die Süpfle so ausgezeichnet schildert,
und die doch recht viel Stoff für Dupouys Aufgabe liefern
könnte, weiß er nicht allzu viel. Er geht darum mit sicht-
licher Eile auf den Sturm und Drang über, und von da an
ist er im Bilde. Goethe, Frau von Stael, die Romantik,
Boerne, Heine, Taine und Renan und wieder Goethe. Schopen-
hauer, Wagner und Nietzeche, das sind die Kreise, die das
Buch leidlich beherrscht. Hier zeigt sich eine ins einzelne
gehende Belesenheit und wirkliches Verständnis. Freilich der
gewollte französische Standpunkt verwirrt den Eindruck ein
wenig. Die deutschen Einflüsse werden ausführlich festgestellt,
Referate und Rezensionen. 391
aber nachträglich durch den Hinweis auf die Verschieden-
heiten, die doch selbstverständlich vorhanden sind, aber zum
Thema des Buches nicht gehören, immer wieder geleugnet.
Auch vermissen wir Deutschen häufig den Kern, das Ein-
dringen in den Geist der Werke. Wir werden zu oft nur mit
dem literarischen Drum und Dran abgespeist. Die Bemer-
kungen der Schriftsteller in Briefen und Vorreden über die
Deutschen können uns den Hinweis auf die oft unbewußten
Einflüsse, auf den Geist, die Seele der Werke nicht ersetzen.
Zwischendurch stören leicht hingeworfene Bemerkungen über
kleinere Geister, die dem Verfasser augenscheinlich weniger
bekannt sind. Wieland ist nicht ohne weiteres mit dem Wort
„poltainen" zu bezeichnen. Goethes Königsleutnant hieß in der
Geschichte nicht Thorane. sondern Thoranc. Es ist viel zu viel
behauptet, daß Gossner deshalb in Frankreich Erfolg hatte,
weil er „kaum" ein Deutscher gewesen sei. Die Verstümmelung
von Namen wie Wölfenbutte] (36) und Wolfennbüttel (280),
Wittemberg (285), Bringen statt Bingen (94) und Justinus
Koerner, wie es statt Kerner im Text (163) regelmäßig heißt,
mag auf Rechnung des Setzers gehen. Aber wenn man den
Deutschen so wenig zugestehen will wie Dupouy, so sollte
man doch wenigstens nicht sagen ■ „phaHsa'isme, assez fräguent
outre-Rhin, qui consiste ä nous laisser ce que nous avons de
frivole, et ä revendiquer ce que nous avons de serieux" (47).
Frau von Stael muß entschuldigt werden, daß sie
Deutschland lobte. Das sei nur „coquetterie" gewesen. „En
exaltant V^illemagne, (fest son travail et sa decöuverte qu'elle
exalte" (48).
Die schroffe Kritik, die Wilhelm Schlegel als Fortsetzer
Lessings an den französischen Klassikern übte, kann sich
Dupouy nur dadurch erklären, daß Schlegel sich entweder
durch Molieres Spott getroffen fühlte, oder daß er schrieb,
um Frau von Stael zu überzeugen (59). Später wird als
Erklärung seine Gegnerschaft gegen die Nachahmer der
Franzosen, Iffland und Kotzebue, und schließlich sein Patrio-
tismus angeführt. Sachliche Gründe, den natürlichen Gegen-
satz der romantischen Gefühlsmenschen gegen die reine
Formkunst der französischen Klassiker, scheint der Franzose
gar nicht erst zu suchen.
Goethes umfassende Bildung wird mehrfach (60, 266)
viel zu eng als nä demi francaiseu bezeichnet. Kleist „se
suieide pour etre aime" (61). Wie leichtfertig geht hier der
Franzose über die Tragödie einer großen, aber zerrissenen
Menschenseele hinweg. Er verurteilt die „Hermannsschlacht".
„que Kleist a bizarrement nourrie de ses coleres d'officier prussien
contre la] France" (64). Man sollte meinen, daß auch ein
Franzose den Schmerz eines Deutschen über das vom Feinde
geknechtete Vaterland begreifen könnte. Er behauptet für
392 W. Martini.
diese Zeit: ,/> /" geUlophobit allemande ripond la germanophüie
frangatse" (.65). Das ist wohl das einzige Mal in der Ge-
schichte. Sonst war es leider bis heutigentags stets um-
gekehrt.
Daß Hugos „Burgraves" trotz der Absicht des Dichters
scli i wenig deutsch geraten sind (81). ist längst bekannt.
Aber der Grund ist, daß Hugo kein Deutsch verstand und
von der deutschen Dichtung nur das wenige kannte, was
ihm durch französisch zurechtgestutzte Bearbeitungen zu-
gänglich war.
Es ist doch wohl zuviel behauptet, daß die Dramatiker
des Ostens und Nordens, z. B. Schiller und Ibsen, die in
Frankreich heimische Kunst der Vorbereitung nicht verstünden
(80V Daß der Zuschauer im Anfang des Stückes oft nicht
über alle Einzelheiten unterrichtet wird, ist eins der hervor-
ragenden Kunstmittel Ibsens, durch das er Spannung zu er-
regen weiß. Mag Bein, daß dies dem Franzosen, dem die
Klarheit um jeden Preis über alles geht, nicht zusagt.
Emile Deschamps verfaßt nach Goethe eine „Ballade
du roi de Thule". Dupouys Bemerkung (86): „un lied, dans
le frangais de 1825, dement toujours une bailade" beweist
nur. daß er den Begriff des Wortes Lied nicht recht erfaßt
hat. Derselbe Irrtum findet sich S. 93 und 97. wo z. B.
auch Lenore. der Wilde Jäger, der Erlkönig als „lieds"-1 be-
zeichnet werden.
Quinet erklärt die Philosophie der Deutschen als „fille
de notre Revolution". „Opinion soutenable" meint Dupouy
dazu (121) und nennt gleich darauf Kant(!), Fichte und
Hegel. Die Philosophie dieser beiden ruht bekanntlich auf
der Kants: daß Kants Philosophie bei Ausbruch der fran-
zösischen Revolution längst fertig durchdacht und zum weit-
aus größten Teil veröffentlicht war, scheint Herr Dupouy
ebenso wenig zu wissen wie Edgar Quinet.
Deutschland war in Frankreich nur beliebt als Land
der Dichter und Träumer. Sobald es auch auf der Erde,
statt nur im Reiche der Geister, sein Recht suchte, machte
es sich verhaßt. Es ist heute ungemein lehrreich zu lesen,
wie man ihm schon damals verübelte, was jetzt Engländern
und Franzosen als hinreichender Grund erscheint, den Welt-
krieg gegen Deutschland zu entzünden (120): „En une page
etrangement prophitique, daU d'octobre 1831, il (d. h. Quinet)
signale ä ses compatriotes engouSs de l'aerienne AUemagne la
transformation qui s'opere dans leur pays de prSdilection, le
passage des idees aux faits sous la dictature de la Prusse, la
poursuite de VuniU germamque au profit de ce peuple 'atnde
et dresse aux affaires , et la sourde ruee teutonne ,au meurtre du
vieux royaume de France'." Und eine Seite weiter heißt es:
„U AUemagne est en train de manquer ä sa vocation. . . Elle
Referate und Rezensionen. 393
n'a 'plus de reves, plus de fantömes sur ses balcons, plus de
systenies, plus de po&mes . .' l'insensee, qui oublie la rialite
swpirieure de la poesie, sa mission, sa perennite! La science
n'est plus qu'une machine de destruction."
Auch ein Geist wie Taine, ursprünglich ein begeisterter
Verehrer der deutschen Philosophie und besonders Hegels,
dem er viel verdankt, wendet sich 1870 schroff von Deutsch-
land ab, und es ist vergeblich, zu behaupten (195), daß der
Krieg dabei keine Rolle gespielt habe.
Wie klein und falsch ist das Wort des Dichters Moreas
über Goethe: „C'est le plus grand des Allemands, c'est-ä-dire
le moins Allemand" Es ist immerhin anzuerkennen, daß
sogar Dupouy dieses Wort nicht ganz billigt (227). Doch
an anderer Stelle (163) unterstützt er Blaze de Bury's
Meinung, der Schiller selbst so überzeugt widersprochen hat:
Schiller sei „plus poete" als Goethe.
Nietzsche ist in Frankreich genau so mißverstanden
worden wie von den „Vielzuvielen" in Deutschland. Dupouy
weist (245) mit Recht die Auffassung zurück, daß er das
Nachgeben gegen eigene Schwächen, den Egoismus und
Zynismus gepredigt habe, wie es nach den Romanen ver-
schiedener Französinnen scheint. Yon den vielgestaltigen
Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich seit
Wagner und Nietzsche weiß das Buch nichts zu berichten,
obwohl die Vorrede tadelt, daß Süpfle die zeitgenössische
Literatur nicht berücksichtigt habe.
Der Verfasser gibt am Schluß kurze Lebensbeschreibungen
der in seinem Buche genannten deutschen Schriftsteller. Diese
Übersicht ist für viele französische Leser gewiß nützlich.
Für uns trägt sie zu sehr das Gepräge irgend eines kleinen
Konversationslexikons. Man kann zwischen groß und klein
zu wenig unterscheiden. Wichtige Namen fehlen, wie schon
im Text. Manches darin ist anfechtbar. Fichte als Schüler
Spinozas, Maximilian Harden als glühender Alldeutscher,
Lessing, der sich in Wolfennbüttel (!) besonders mit Theologie
beschäftigt, Conrad Ferdinand Meyer, der sehr von fran-
zösischem Geiste durchdrungen sein soll, Mommsenn(l), der
sich 1870 durch franzosenfeindliche Haltung auszeichnete,
Raabe, der noch als Lebender und nur als Humorist genannt
wird : das alles sind Dinge, die das Wissen des Verfassers
als Stückwerk kennzeichnen.
Das Buch bringt nichts Neues, prunkt mit großer, aber
einseitiger Belesenheit, tastet überall geistreich und beweg-
lich, aber ohne klare Richtlinien auf der Oberfläche herum,
nimmt einseitig Stellung zu seiner Aufgabe und verrät viel-
fach Mangel an Gewissenhaftigkeit.
Dresden. Wolfgang Martini.
394 W. Martini.
Soblik, Paul: Werther und EenS. Greifswalder Doktor-
arbeit 1916. 80 S.
Die Arbeit erscheint mit einer Erweiterung als 15. Heft
von Thuraus „Romanischem Museum1,1. Sie sucht die Streit-
frage zu lösen, die sich über das Verhältnis der beiden im
Titel genannten Werke erhoben hat. Die einen behaupten,
daß ,.liene'' nichts weiter als ein französischer „Werther1' sei,
und erheben zum Teil gegen Chateaubriand sogar den Vor-
wurf der unselbständigen Entlehnung. Die anderen leugnen
jede Gemeinschaft zwischen beiden Werken. Daneben werden
Ansichten vertreten, die sich auf der mittleren Linie bewegen.
Soblik kommt auf Grund eingehender Kenntnis der Quellen
und der Schriften über beide Werke, vor allem aber durch
gründlichen Vergleich der sachlichen Leitgedanken und der
gefühlsmäßigen Bestandteile beider Romane zu dem Ergebnis,
daß beide durchaus eigene Schöpfungen ihrer Verfasser sind.
Die Abhandlung empfiehlt sich durch wohltuende Klar-
heit. Stellenweise, so besonders in der Einleitung, ist das
Bedürfnis nach Klarheit bis zu überflüssiger Breite getrieben.
Es wäre wohl nicht durchaus nötig gewesen, alle rein logisch
sich ergebenden Möglichkeiten einer Beziehung zwischen den
beiden Romanen und zwischen ihren Hauptgestalten auf-
zuführen, da verschiedene dieser Möglichkeiten für den
Kenner der Werke von vornherein ohne weiteres ausscheiden.
Der Beweis für den Eigenwert der Schöpfung Chateaubriands
wird besonders auf zwei Wegen geführt. Erstens beruht die
geringfügige Handlung im „Rene" wie im „Werther" auf
eigenen Erlebnissen des Dichters, und zweitens ist die Wesens-
art des Helden im Grunde von der Werthers durchaus ver-
schieden. Werther ist ein von seinen überschwänglichen
Gefühlen widerstandslos beherrschter, aber von Haus aus
nicht unglücklicher Mensch, den erst die Verhältnisse ins
Unglück treiben. Rene dagegen läßt sich mehr von seiner
Phantasie beherrschen, und sein Gefühlsleben ist von vorn-
herein krankhaft und grundlos weltschmerzlich. Die Ähnlich-
keiten zwischen beiden Werken und ihren Helden sind ganz
allgemein, in allen Besonderheiten gehen sie weit auseinander.
So kann von ein« r Entlehnung keine Rede sein.
Es scheint, als habe trotz unparteiischster logischer Er-
örterung aller Möglichkeiten die Voraussicht auf dieses un-
zweifelhaft richtige Endergebnis oder auch der Widerspruch
gegen übertriebene Behauptungen der Literaturgeschicht-
schreiber dem Verfasser von Anfang an die Feder geführt.
Die Ähnlichkeit zwischen beiden Werken, die manche Be-
urteiler veranlaßt hat. „Rene" den französischen „Werther" zu
nennen, besteht meines Erachtens in dem allgemeinen
Stimmungsgehalt, der mir bei Soblik nicht ganz zu seinem
Rechte zu kommen scheint. Beide Romane gehören einer
Referate und Rezensionen. 395
geschichtlichen Richtung an. die man bei uns mit Empfind-
samkeit, Weltschmerz, bei den Franzosen mit Wertherisme,
mal du siecle, auch Byronisme usw. zu bezeichnen pflegt.
Diese Strömung geht von Rousseau. Richardson, Ossian und
Goethe über Byron bis zu den deutschen und französischen
Romantikern, ja schließlich bis zum Pessimismus und der
Decadence des ,,fin du siecle" im neunzehnten Jahrhundert.
Werther und Rene sind die bedeutendsten Vertreter dieser
Richtung für ihre Zeit ; aber auch fast alle Helden der Romantik,
der Chatterton Vignys und sämtliche Helden der Byronschen
und Hugoschen Dramen gehören ihr an. Die verschiedene
Zeitrichtung bedingte allein schon, abgesehen von der großen
Verschiedenheit der Dichter, deren Wesen sich in ihren Werken
spiegelt, den Unterschiend zwischen Rene und Werther. Es
scheint mir, daß der Verfasser, wenn er Werthers krankhafte
Anlage so schroff in Abrede stellt, zwischen Krankheit und
Gesundheit allzu strenge logische Unterschiede macht, die
weder das Leben noch die Psychiatrie anerkennen kann.
Die Grenzen sind hier fließend, und man kann nie genau
angeben, wo die Gesundheit aufhört und die Krankheit an-
fängt. Die reine Schwarz-weiß-Logik versagt, wo das natur-
wissenschaftliche Denken beginnt. Goethe selbst hat die
Werther-Krankheit — auch diesen Ausdruck verwirft der Ver-
fasser — durchgemacht, aber er überwand sie rasch, weil er
zu gesund war. um an ihr zugrunde zu gehen. Sein Werther
dagegen leidet an einer krankhaft zu nennenden Schwäche,
sein Gefünl überwiegt zu maßlos alle anderen seelischen
Kräfte, und an diesem Mangel an seelischem Gleichgewicht,
der ihn zum Ertragen jeder stärkeren Belastungsprobe des
Lebens unfähig macht, nicht an seiner Größe, wie Soblik
Seite 46 sagt, muß er zugrunde gehen. Die Tragik seines
Geschickes beruht für uns darin, daß wir erkennen müssen,
wie alle großen Anlagen des Geistes und Herzens ihn nicht
vor den vernichtenden Polgen seiner krankhaften Schwäche
bewahren können, wie ein groß und edel angelegtes Wesen
sich durch sein an sich wundervoll reiches Gefühlsleben selbst
zerstören muß.
Dresden. Wolfgang Martini.
Druck von G. Uschinann, Weimar.
Aufklärung und Revolution in Frankreich.
Eine literarhistorische Studie.
„ . . . des maniaqnes d 'ide es abstraites, malades
de logique, toujours prets a sacriüer les autres
et eux-memes ä un de leurs syllogismes. IIa
parlaient constamruent de libert<5, et persoune
n'titait moins tait pour la comprendre et pour
la supporter. Nulle part, des caracteres plus
froidement, plus atrocement despotiques, par
pasaii.n intellectuelle, ou par paBsion de vouloir
toujours avoir raison."
Romain Kolland. Jean- Christophe d Paris.
La Foire sitr la Place. S. 202, io3.
I.
Die Literatur des 18. Jahrhunderts in Frankreich ist schon
wiederholt zum Gegenstand zusammenfassender Darstellung'
gemacht worden. Auf deutscher Seite behauptet llettners
prächtiges Buch1) einen Ehrenplatz, während sich auf fran-
zösischer Seite unter den Neueren Faguet' l, Petit de Julleville 3),
Lanson4) und Bfunetiere5) den Vorrang streitig machen
mögen. Daß solche zusammenfassenden Darstellungen gerade
neuerdings wieder unternommen werden, hat seinen haupt-
sächlichsten Grund in dem immer fühlbarer werdenden Orien-
tierungsbedürfnis, dem die rüstig fortschreitende Forschung
Rechnung zu tragen strebt. In keiner Periode der fran-
') Hermann Hettner, Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts. II.
Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert. Jetzt 7. (von
Heinrich Movf besorgte) Auflage, 1913.
*) Emile Fasrnet, Dix-huitieme siede. Etudes litter aires. 7« ed. 1890.
5) Histoire de la langue et de la litterature francaise. VI. Band
(XYJlIe siede). 1898.
4) Histoire de la litterature francaise. 7e ed. 1902. — Origines et
premieres manifestations de l'esprit philosophique dans la litterature
francaise de 1675 ä 1748. In: Revue des cours et confirences. 16e annee.
I. S. 289—298. 450—460, 601—613, 721—734: II. S. 1-15. 145-156,
241-254. 409—422, 481—493,625-6:57, 738—752, 817 829. — Formation
et devdoppement de l'esprit philosophique du Wille siede. In: Revue
des cours et Conferences. 17e annee, I. S. 357—365. 499 — 508: II. S. 65— 75,
211-218. 309—320. 433Ü., 549 ff.. 657ff., 713ff., 796ff.. 843ff.; 18« annee.
I. S. 22— 32, 106 -115, 257 ff., 534 ff., 73411.: II. 8.241-250.
*) Ferdinand Brunetiere, Etudes sur le XVII Ifl siecie. 1911, und
Histoire de la litterature francaise classique. III. Le dix-huitieme siede.
1912.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV I -. 28
398 Kurt Glaser.
zösischen Literatur stoßen gleich viel Wissensgebiete der vor-
Kehiedensten Art zusammen. Her Erforscher der Literatur
des l.s. Jahrhunderts darf nicht mehr Philologe und Literar-
historiker allein sein, sondern muß zum Philosophen. Historiker,
Nationalökonomen und Naturforscher werden und muß die
sich stets erweiternden und ergänzenden Ergebnisse auf* allen
diesen Forschungsgebieten für die Kenntnis der Literatur-
bewegung verwerten.
Das Gesamtbild, das sich auf diese Weise ergibt, ist in
seiner Beleuchtung im ganzen wie in seinen einzelnen Zügen
immer noch viel umstritten und muß fuglich auch umstritten
bleiben, so lange die Ansichten maßgebender Stellen über
Methode, über Wege und Ziele der Forschung gerade in
grundsätzlich wichtigen Fragen noch weit auseinandergehen.
Am schroffsten und in seiner Art klassisch6) ist der Gegen-
sat/, zwischen Faguet und Lanson. Faguet ist Psychologe.
Lanson Historiker. Faguet verfährt wesentlich analysierend,
schöpft die Schriftsteller inhaltlich aus und sucht in erster
Linie ihre Gedankenwelt darzutun. Lanson geht wesentlich
genetisch zu Werke und sucht aus den Beziehungen der
Literaten des 18. Jahrhunderts zu früheren Perioden wie zu
den Verhältnissen und Bedingungen ihres eigenen Zeitalters
einen objektiven Standpunkt der Beurteilung zu gewinnen.
Vorurteilslosigkeit kann man Faguet nicht nachrühmen.
Sein Urteil über die Literatur des 18. Jahrhunderts lautet von
vornherein wegwerfend7). Das 18. -Jahrhundert ist ihm eine
Zeit des Niederganges auf allen Gebieten. Für ihn macht er
neben der „diminution progressive de l'idee de patrie". die
sich aus der „absence presque absolue de vie politique en
Frame depuis Louis X1Y jusqu'ä la Revolution" erkläre, die
„extinetion brusque de l'idee chretienne" verantwortlich. Die
„idee chretienne" hinwiederum ist ein Opfer des „esprit
scientifique" des 18. Jahrhunderts geworden, der nach seiner
Ansicht hauptsächlich durch die Aufhebung des Edikts von
Nantes ins Leben gerufen worden ist.
Schon in diesen Grundurteilen zeigt sich der Fehler der
Faguetschen Art. An sich richtige Gedanken vergröbert
er zu Ungunsten des 18. Jahrhunderts. Denn auch das
17. Jahrhundert hat seinen ,,esprit seientifique". sein
„libertinage" gehabt, oder welchen Namen man sonst noch
den Gegenströmungen gegen den herrschenden klassischen
Geist jener Zeit geben will. Das hat schon F. Lotheissen8)
*) Vgl. Carl Becker, Zur Evolution der modernen französischen
Kritik. Germanisch-romanische Monatsschrift IV (1902) S. 495 — 504.
7) XVIIIe siede (1890). Avant-propos S. VI, VII.
8) Geschichte der französischen Literatur im 17. Jahrhindert (1878 ff):
besonders II. S. 442 ff.
Aupclärung und Revolution in Frankreich. 399
zur Genüge dargelegt, das har auch Lanson wiederholt*)
deutlich gemacht, und Brunetiere 10) hat es gleichfalls gewußt.
Der Bruch /.wischen dem 17. und dem 18. Jahrhundert ist
durchaus nicht so schroff und unvermittelt gewesen ll), wie
Faguet in seinem starren Drang nach scharfer und sauberer
Periodisierung glauben machen will.
Auch andere Urteile Faguets kranken daran, daß in ihnen
eine halbe Wahrheit liegt. Das gilt besonders von dem
Satz: „[Le XYITIe siecle] manquait de tradition, et n'en
voulait poinf' l2). Der letzte Teil dieses Satzes ist richtiger
als der erste. Das 18. Jahrhundert knüpft allerdings doch
an Früheres an, wenngleich dies nicht in demselben Maße
wie bei anderen Perioden der Fall sein mag. Besonders eng
sind seine Beziehungen zu dem 16. Jahrhundert. Kürzlich
hoffe ich gezeigt zu haben 13 I. daß der aufklärerische Gedanke
der Reformation das älteste und stärkste Element in der
nationalen Tradition darstellt und als solches dem vielerörterten
englischen Einfluß auf die französische Aufklärungsliteratur
zur Seit* tritt. "Wenn die Beziehungen zwischen Aufklärung
und Reformation nicht enger sind, als sie tatsächlich sind,
bo trägt die Hauptschuld daran die von Faguet so hochge-
schätzte klassische Literaturperiode selbst, die, verglichen
mit dem geistigen Aufschwung des 16. Jahrhunderts, in ihrer
gedanklichen Leistung eine Zeit des Stillstandes und der
Reaktion gewesen isr.
Noch schwerer wiegt, daß Faguet die Aufklärungsliteratur
auch insofern schief beurteilt, als er die Beziehungen und
Wechselwirkungen, welche zwischen der Literatur und den
Zeitumständen walten, über Gebühr außer acht läßt. Die
Frage, wie die Philosophen auf ihre Zeitgenossen eingewirkt,
wie sie ihre Gedanken. Forderungen und Schlagwörter bei
den Menschen ihrer Tage anzubringen gewußt haben, legt er
sich nirgends ernstlich vor. Die Folge davon ist, daß er die
Frage, ob die Aufklärungsliteratur die Revolution mit herbei-
geführt und auf ihren Verlauf bestimmend und richtunggebend
eingewirkt hat. mit Entschiedenheit verneint. Auch hier
') Vgl. besonders die Artikelreihe: Origines et premieres manifestations
de l'esprit philosophique dans la litterature francaise de 1675 ä 1748 und
Formation et developpement de l'esprit philosophique du XVIIIe siede.
S. Anm. 4.
10) Mildes sur le XVIIIe siecle (1911) S. 235 ff.
n) Auch G. Chinard. L Amerique et le reve exotique dans la litterature
francaise au XVIIe et au XVIII« siecle (Paris 1913) hat das Gleiche
neuerdings, aus anderem Gesichtspunkt heraus, gezeigt.
12) XVIIIe sieele (1890). Avant-propos S. XII.
13) Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur Frankreichs in
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. III. Die politischen Theorien.
In: Zeitschrift für franz. Sprache und Literatur 39. S. 183 - 263 ; 45, S. 1—37
und 289-318.
28*
4« »0 Kurt Glaser.
Beneiden sich seine Wege von denen Hettners, Lansons,
Brunetieres 14). Aber auch er steht mit seiner Ansicht
nicht allein.
II.
Das Verhältnis der französischen Aufklärung zur großen
Revolution h;it eine abweichende Beurteilung erfahren, je
nach der Vorstellung, die man sich von dem Ursprung des
ganzen gewaltigen Ereignisses und von dein Wesen und Wollen
seiner Träger überhaupt gemacht hat. Zwei Ansichten stehen
sich hier gegenüber. Taine mit seiner konstruktiven, in ihrem
überstarken Drang nach Einheitlichkeit und Klarheit sich an
den Naturwissenschaften orientierenden Methode beugt die
Menschen unter eine ihr Denken und Mandeln erklärende
und regelnde Schablone; die Männer der französischen Revo-
lution sind ihm wesentlich Doktrinäre, die einer realen Politik
nur in geringem Maße fähig sind, um so mehr aber unter der
Herrschaft der Abstraktion stehen und statt mit konkreten
Begriffen, mit farblosen, sich bis ins Phrasenhafte verflü-chtigen-
den Allgemeinvorstellungen arbeiten. Die Revolution ist ihm
mit Edgar Quinet 15) die praktische Probe auf die Theorien
und Utopien des 18. Jahrhunderts: sie ist der Niederschlag
der Gedanken, welche namentlich Montesquieu. Voltaire, die
Enzyklopädisten und Rousseau in die Welt geworfen haben :
sie führt, wie schon Tocqueville 16) erkannt hat, eine Ent-
wicklung zum Abschluß, die bereits früher begonnen hatte.
und stellt in ihrem Ursprung und Wesen das Ergebnis des
esprit classique dar, der in seiner Vereinigung mit dem aus
den Naturwissenschaften geschöpften esprit (acquis) scientifique
die geistige Atmosphäre geschaffen hat. in welcher die Männer
der Revolution atmen.
Wie jeder Versuch, weitumfassende Erscheinungs- und
Gedankenkomplexe in die Enge einer Formel zu bannen, muß
auch der Taines für mißlungen gelten 17). Da ist es vielleicht
das größte Verdienst von Taines Gegnern, daß sie auf die
Einseitigkeit jener Formel hingewiesen und die Unmöglichkeit
der alten Erfahrungstatsache, eine Vielheit von geschichtlichen
Persönlichkeiten und Vorgängen allein von einem Gesichts-
punkt zu begreifen, auch für die französische Revolution neu
") Histoire de la litterature francaise classique. III. S. 518 ff. Vgl.
auch Revue des Delix- Mondes vom 15. Oktober 1878, S. 922—939 (= Histoire
et litterature I [ 1 88H j S. 207—241) und Revue des Deux-Mondes vom
1. Dezember 1906. S. «04—628 (= Etudes sur le XYIII« siede [19111
S. 18ft -234'!.
,l) La Revolution (Paris 1865). Vgl. z. B. II. S. 84.
16) L' Anden Regime et la Revolution I (1856 .
") Das hal zueist Taines Kritiker Albert Sorel erkannt in seiner
Anzeige des Anden Regime in der Revue 11 istorique. \ii!Te annee II (1876)
S. 281- 290.
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 401
erwiesen haben. Aber es muß doch noch sehr fraglich er-
scheinen, ob die Art und Weise, wie sie diesen Nachweis zu
erbringen suchen, nicht ihrerseits zur Einseitigkeit hinführt,
ob nicht letzten Endes ein starres Dogma einem anderen, minder
starren gegenübergestellt wird.
Der Zusammenhang zwischen Aufklärung und Revolution
war schon lange Jahre zuvor von französischen Forschern,
vor allem von A. Granier de Cassagnac in seiner Histoire des
causes de la i/'rolution francaise1*) mit Entschiedenheit in
Abrede gestellt worden. Den gleichen Gedanken vertritt
Felix Rocquain in seinem kurz nach Taines Ancien Regime
veröffentlichten Buch L'esprit revolutionnaire avant la rSvolution.
1715—1789 (Paris 1878). Die Revolution könne, so führt
Rocquain aus. in keiner Abhängigkeit von der Aufklärungs-
literatnr stehen, da sie schon 1754 und 1771 auszubrechen
bereit war und auch tatsächlich ausgebrochen wäre, wenn
nicht besondere Umstände dies verhindert hätten. .,Le
mouvement d'opinion d'oü sortit la Revolution francaise ne
date point des Philosophes. Le siecle tout entier prepara la
eatastrophe ... A deux reprises. en 1754 et en 1771. la
Revolution tut sur le point d'eclater. En 1754, eile etait
surtout dirigee contre l'Eglise, et, de l'aveu des contemporains.
le sang de ses ministres eüt le premier rougi les paves deplaces
par l'emeute. En 17 71. le mouvement avait un caractere
plus particulierement politique. et c'etait contre la royaute
(|ue grondaient les eoleres . . ."
Rocquains Argumentation liegt in der Richtung der
Gedanken, welche Taines radikalster Gegner. Alphonse Aulard
zu einer nach französischem Muster geräuschvoll verfochtenen
These erhoben hat l9). Für ihn steht die Revolution in keinem
ihren Verlauf bestimmenden Zusammenhang zur Aufklärung,
sondern ist in der Hauptsache das notwendige Ergebnis
unhaltbarer politischer, sozialer und wirtschaftlicher Zustände.
Die Männer der Revolution sind Realpolitiker, die, der Be-
einflussung durch philosophische Ideen, durch Abstraktionen
und Konstruktionen unzugänglich, ihr Handeln allein nach
den gegebenen Verhältnissen einzurichten wissen (these des
circonstances) und in mutigem Ringen mit der von dem rück-
ständig gebliebenen Europa drohenden Gefahr durch die Auf-
richtung des republikanischen Frankreich auf der Trümmer-
welt des ancien regime eine segensreiche politische Großtat
vollbracht haben.
18) Besonders II. (Paris 1850) S. 319 ff.
") Besonders in seiner Histoire politique de In revolution franqaise.
Paris 1901 (über den Zusammenhang zwischen Aufklärung und Revolution
in Aulards Sinn vgl. S. 1 ff.) und in seiner Studie : Tarne Historien de la Re-
volution francaise. Paris 1907 (über Taines Theorie des esprit classique
vgl. S. 50 ff.).
409 Kurt Glaser.
Es i^r gewiß nicht leicht, einen solchen Standpunkt in
Beinern ganzen Umfang a limine abzulehnen. Kanin je in der
Geschichte hat es Zeiten gegeben, die in gleicher Weise an
das staatsmännisebe Können, an die nüchterne politische Ein-
sicht und die kalt entschlossene Tatkraft ähnlich hohe An-
forderungen gestellt haben. Aber es bleibt doch noch sehr
fraglich, ob auf dem von Aulard eingeschlagenen extremen
Weg ein Standpunkt der Erkenntnis zu gewinnen ist. von
dem aus es sich mit Erfolg unternehmen ließe, das Bild der
Persönlichkeiten und Geschehnisse zu zerstören, das Taine in
seinen monumentalen Origines de la France contemporaine
entworfen hat. Im Grunde handelt es sich bei der ganzen
Präge um einen latenten Gegensatz prinzipiellen (Charakters,
um den tiefen Widerstreit idealistischer und materialistischer
Geschichtsauffassung: Taine, der vielseitige, dem Philosophi-
schen zugewendete Denker, wertet und überwertet die Macht
der Ideen. Aulard, der einseitige, nüchterne, politisch inter-
essierte Historiker, wertet und überwertet die Stoßkraft der
Dinge20).
Wie alles, was für und wider Taine gebr. hat der Gegen-
satz zwischen Tainescher und Aulardscher Auffassung auch
für den Literarhistoriker sein Interesse. Unter den Partei-
gängern der Aulardschen Richtung ist es neben Faguet
E. Champion, der das literarhistorische Moment am stärksten
in den Kreis seiner Untersuchungen gezogen hat. Ton der
starren Aulardschen Formel ist bei ihnen schon mancherlei
modifiziert, aber der große Gedanke, daß die Aufklärung
keinen Einfluß auf die Revolution ausgeübt hat. ist auch
ihnen ein Glaubenssatz geworden. Champion schreibt ein
Buch La France d'apres les cahiers de 178U (Paris 1897),
um darin den Nachweis zu erbringen, daß einzig und allein
die Notlage des Volkes die Revolution entfesselt habe, und
Faguet21) jubelt diesem Standpunkt zu in den Worten : ,, Eutin
voilä un homme qui sait ce que la France voulait en 1789 . . .
La Revolution francaise, dans les vceux des hommes qui 1 ont
commenece. aussi bien que dans les resultats par oü eile a
tini. c"est une revolution purement economique et administrative.
Elle na rien d'idealiste, rien de philosophique. rien de religieux,
rien de sublime, rien win excelsis1. Elle est tres terre ä terre.
") In diesem Sinne kann Brtmetiere, FAudes sur le XVUle siede
(1911) 8. 190 schreiben: „L'iuie des raisons de notre resistance (gegen den
Standpunkt Rocquains) etait alors, et eile est toujours. que nous croyons
au pouvoir des idees." S. 191 : „Et, de fait, si quelqu'un ne croit pas que
les idees nienent le monde. c'est M. Emile Faguet ... Ce qui revient ä dire,
en tennes generaux, que ce ue sont pas les idees en ce monde qui deter-
minenl le cuurs des t'aits . . ." Vgl. zur Sache Eduard Fueter, Geschichte
der neueren Historiographie (München-Berlin 1911) S. 582 ff. Gegen Aulard
spricht sich auch ans Albert Petit, Deux coneeptiom de l'hintoire de la
Revolution. Taine et M. Aulard. in: Rerue des Deux-Mondes 19]0. S. 77 ff.
21) Questiom politiques (Paris 1899) S. 1—23 (La France en 1789.).
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 4<<3
Les hommea qui l'ont commencee sont tres realistes . . . Tout
simplement ils mouraient de faim et desiraient cesser de mourir.
FI n'y a pas autre chose dans les Cahiera de 1789."
Noch mehrfach kommt Faguer auf die gleiche Ausiclir.
sie literarhistorisch erweiternd und begründend, zurück 22),
während sich Champion in seinem Buch J .-J . Rousseau et la
Revolution frangaise (Paris L909) bemüht, den entscheidenden
Schlag gegen die durch die Tainesche Schule herrschend ge-
wordene Ansicht zu führen, indem er den Anteil des Genfer
Philosophen an dem Zustandekommen und Verlauf der Re-
volution auf ein möglichst geringes Maß zu beschränken sucht.
Es wird Champion unbedenklich recht zu geben sein, wenn
er sich dagegen verwahrt, in einem Menschen, in Rousseau,
die Verkörperung der ganzen französischen Revolution zu
sehen'-3). Aber wenn es sich nun einmal darum handelt, den
Einfluß eines Menschen darzutun, was liegt da näher, als
diesen Einfluß in erster Linie von Mensch zu Mensch zu
suchen? Bevor man über Geschehnisse redet, wie dies die
Vertreter der these des circonstances tun, muß man sich über
die Persönlichkeiten, die diese herbeigeführt haben oder mitten
in ihnen stehen, klar werden. Aus den Handlungen allein
ein Bild der Persönlichkeiten herleiten zu wollen, ist nicht
der einzig mögliche und notwendig sicherste Weg. zumal wenn
wir uns an Hand der von ihnen selbst (unterlassenen Schriften
ein Bild ihrer Gedankenwelt machen können. Mag der Ge-
schichtsforscher in erster Linie den Zusammenhang zwischen
Gedanken und Taten zu ergründen suchen, der Literarhisto-
riker hat vor allen Dingen die Ideen und deren literarische
Ausgestaltung zu würdigen.
Nach einer Seite hin kann uns Champion selbst, freilich
sehr gegen seinen Willen, von der Bedenklichkeit seiner Methode
überzeugen. Seinem sonstigen Standpunkt zum Trotz gibt er
in einem unbewachten Augenblick die Möglichkeit zu. daß
Theorien die Ereignisse beeinflussen können. Wozu denn sonst
in seinem Buch Rousseau et la Revolution das Kapitel: .1
In deeharge de Rousseau? Champion erbringt hier im wesent-
lichen den — anderen eigentlich selbstverständlichen — Nach-
weis, daß es schon vor und neben Rousseau Ideen und Theorien
gegeben hat. aus denen die Revolutionsmänner hätten schöpfen
können. Er operiert also „ä la deeharge de Rousseau1' gerade
mit dem, was gegen seinen eigenen Standpunkt spricht. Wenn
er dann an späterer Stelle, natürlich wieder um den Zusammen-
hang zwischen Aufklärung und Revolution zu bestreiten.
meint, revolutionäre Gedanken seien schon vor der Aufklärung
22) XVIII« siech. Etudes UtterairesJ6 ed. Paris 1890 und Politique
comparee de Montesquieu, Voltaire et Rousseau. Paris 1902.
") Das kann doch mir iu dem Sinne geschehen, den A. Wahl. Vor-
geschichte der französischen Revolution I 1905), S. L43 andeutet.
4t >4 Kurt Glaser.
dagewesen, man könne also mir dem gleichen Recht etwa
Montaigne den Vater der Revolution von 1789 nennen, so ist
auch das nichts anderes als ein unfreiwilliges Eingeständnis
zu Gunsten des gegnerischen Standpunktes, an dessen Be-
kämpfung er sieh abmüht. Zudem übersieht er vollständig.
daß das von ihm eingeschlagene Verfahren eine bedenkliche
Koordinierung und Parallelisierung entfernter und schwacher
Einflüsse mit viel näher liegenden und demgemäß viel intensiver
wirkenden Einflüssen darstellt. Auch darin liegt, rein metho-
disch betrachtet, eine starke Inkonsequenz, daß Champion
Voltaires Einfluß auf die Erklärung der Menschenrechte mit
Nachdruck betont (S. H9ff.). ohne doch den Rousseaus völlig
abstreiten zu können. „La plupart des articles de la Dekla-
ration ont pu etre fonrnis par Voltaire aussi bien que par
Rousseau" (8. 122). ,.A cela pres, Voltaire et Rousseau
auraient sans doute reconnu. dans la Deklaration de ^9, leurs
propres opinions exprimees en termes pareils ä ceux qu'ils
avaient eux-memes employes pour revendiquer la liberte et
l'egalite, pour protester contre des servitudes et des abus
surannes. Eis sont peut-etre Tun et lautre pour quelque chose
dans la facon d'enoneer certaines idees. dans la forme et le
style de l'acte. Le fond ne fut pris ni ehez eu.\ ni chez aueun
ecrivain; la force des choses l'imposa" (S. 123).
Hier stellt sich ( "hampion in Gegensatz zu seinem Gesinnungs-
genossen Pagnet, der in seiner Politkjue comparee de Mont'-s-
quieu, Voltaire et Rousseau (Paris 1902) den Einfluß Voltaires
in den Cahiers von 1789, den Montesquieus in der Erklärung
der Menschenrechte und den Rousseaus in der Doktrin der
Jakobiner. Kobespierres und Saint-Justs und in gewissem Sinne
auch in der Babeufs erkannt hatte. Wie sich der Einfluß
Voltaires, Montesquieus und Rousseaus im einzelnen verteilt,
kann ja füglieh gleichgültig sein, wenn es sich nur so oder so
dartun läßt, daß ein solcher existiert.
Tn diesem Punkt hat auch Faguet seine ablehnende Haltung
nicht durchweg aufrechterhalten können. Er beteuert zwar
feierlich, daß er „en definitive" nicht an den Einfluß der
Philosophen w\\\' die Revolutionsmänner glaube24), aber das
Ducli. das er zum Nachweis dieses Gedankens schreibt, zeugt
deutlich gegen ihn. Es ist mehr als ein halbes Zugeständnis
des gegnerischen Standpunktes, wenn wir da gegen Ende (S. 280)
die Sätze lesen: ,,Les idees de cos trois hommes, je ne dis
pas ont en une grande influence sur la Revolution francaise.
car je n'en crois rien. ou peu de chose; mais elles ont traverse
tonte la Revolution francaise comme des projeetions de phares,
24) In dem Avant-propos seiner Politique comparee de Montesquieu.
Voltaire et Rousseau (Paris 1902). Auch in seinem Urteil über Mirabeau
{XVIII«! siede. S. 469 ff.) nimmt Faguet unter der Hand viel von seinem
Bonstigen Standpunkt zurück.
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 405
et c'est ä leura lumieres intermittentes qu'on ;i combattu dans
]fs tenebres. Leurs tivres ont ete les textes dont se sont
appuyes les partis par soutenir les revendicationa diverses et
contraires qui leur etaient inspirees par leurs passions ou leurs
interets. Ainsi. 011 retrouve les traces de Voltaire, de Montes-
quieu ou de Rousseau dans tous les grands actes et dans tous
les grands textes officiels de la Revolution frangaise."
Bei seiner ganzen Beweisführung legt sich Faguet die
entscheidende Frage, wie denn eigentlich die Männer drv
Revolution selbst über die Philosophen und über ihr Ver-
hältnis zur Aufklärung gedacht haben, überhaupt nicht vor.
Er hätte hier Urteile und Anschauungen finden können, die
sich auch mir der kühnsten Dialektik nicht wegdisputieren
lassen. Da stellt der Abgeordnete von Forcalquier, A.-M.
d'Eymar, d(in Antrag. Rousseau ein Denkmal zu errichten
und leitet die Begründung seines Antrags mit den Worten ein :
„Je m'etais Hatte de prononcer ce discours a la tribune de
lAssemblee nationale. Le plus heureux jour de ma vie eüt
ete celui oü, profitaut du droit <pie me donne le caractere
dont j'ai l'honneur d'etre revotu, j'aurais rendu un hommage
public ä .J.-J. Rousseau . . . Messieurs, comme representant
de la nation, je viens vous demander le redressement d'une
grande injustice nationale. Je viens, ä ce meme titre, payer.
du moins autant qu'il est en raon pouvoir. la dette de recon-
naissance que la France doit ä la memoire de l'auteur d'Emile
et du Contrat social. Si cet nomine celebre, Messieurs, n'avait
pas termine sa carriere; s'il avait ete le temoin de notre
regeneration: si. dans ce moment, J.-J. Rousseau paraissait au
milieii de vous . . . avec quels transports ne serait-il pas recu
dans cette Assemblee? L'enthousiasnie que la lecture de ses
ouvrages vous a inspire, se convertirait en un sentiment de
respect et damour pour sa personne: vous fixeriez sur lui
des regards d'admiration etd'attendrissement" 25). AlsRousseaus
Witwe um eine Unterstützung einkommt, löst der Name, den
sie trägt, und das Bewußtsein der Dankbarkeit gegen den
Genfer Philosophen rauschenden Beifall aus26). Marat, der
drei seiner Schriften aus dem Jahre 1790 2T) das Rousseausche
2») Archive» Parlementaires de 1787 d 1860. 1 re serie, XXI
(Paris 1885). S. 127-128.
") Archives Parlementaires XXL S. 618 ff. (Sitzung vom 21. Dezem-
ber 1790). Vgl. auch Arch. Pari. XXII, S. H8. H9 und XXIX, S. 755 ff.
(27. August 1791). An letzterer Stelle wird auch Voltaires Lob gesungen :
„Voltaire tut le precurseur necessaire de vos travaux ; il abattit devant vous
tont ce qui pouvait vous faire obstacle ; il rasa, pour ainsi dire, la place
oü vous avez eleve l'edifice de notre liberte."
") Denonciation contre Necker (Pamphlets de Marat. ed. Vellay
(Paris 1911) S. 71 ff.), Appel ä la nation (ib. S. 121 ff.). Nouvelle denon-
ciation contre Necker (ib. 8. 165 ff.). Wegen seiner Constitution (1789) vgl.
Anlard. Histoire politique 8. 51.
-Jim; Kurt Glaser.
Motto „Vitam impendere veroa voransetzt und hier wie sonst
auf Schritt und Tritt Rousseausche Gedanken vorträgt, stellt
Rousseau (und mit ihm Montesquieu) ein nirlit minder ehrendes
Zeugnis ans: mou ami, mon maitre, Rousseau, le plus
grand homme qu'aurait produit le siecle, si Montesquieu n'eüt
pas existe ... la reputation de Rousseau sera eternelle, et
si eile pouvait eneore augmenter: eile recevrait aujmirdhui un
nouvel eclat, car c'est h lui surtout (|ue nous devons l'heureuse
revolution qui se prepare dans le gouvernement : si cet illustre
philosophe revenait ä la vie. il triompherait de voir comment
Bes Lecons ont fructifie parmi nous"28). I nd gleichzeitig
(September 17cJl) schreibt er an Rene Girardin: „He quoi!
lcs cendres de l'apötre de la verite et de la liberte. du ven-
geur des moeurs, du defenseur de l'humanite. du restaurateur
des droits sacres des nations, reposeront-ellea au milieu des
cadavres contagieux des apötres de rimposture, des apologistes
du despotisme, des corrupteurs de la vertu, des spoliateurs
du pauvre. des oppresseurs du peuple?''29) Wie Marat*0)
betont auch Saint-Just ausdrücklich den Einfluß, den die
Philosophen auf die Anschauungsweise des Volkes ausgeübt
haben. In seinem Esprit de la Revolution et de la Constitution
de France (1791). der mit einem Montesquieuschen Zitat an-
hebt und in starker Abhängigkeit von dem Esprit des lois
steht, schreibt er: „11 taut aj outer ä eela que le genie de
quelques philosophes de ce siecle avait remue le caractere
public, et forme des gens de bien. ou des insenses egalement
fatals ä la tyrannie, qu'ä force de mepriser les grands on
commencait ä rougir de l'esclavage; que le peuple ruine
d'impots s'irritait contre des lois extravagantes, et que ce
peuple fut heureusement enhardi par de faibles factions" 81).
An anderer Stelle heißt es: „La France vient enfin de decerner
une sratuc ä J.-J. Rousseau. Ah! pourquoi ce grand homme
est-il mort? . . . Comme la vertu est eneore un prestige chez
les mortels fiers et corrompus. que ce qui est bon y parait beau,
tout le monde senivra des droits de l'homme. et la philosophie
28) Charlatans modernes in : Les patnphlets de Marat ed. ^'ellay
S. 283, 284.
") La correspondance de Marat, ed. Vellay (Paris 1908) S. 217.
,0) Gleich zu Beginn seiner Offrande ä la patrie vom Februar 1789
(ed. Vellay S. 3) heißt es : „Gräces aux lumieres de la Philosophie, le temps
est passe, oü l'homme abruti se croyait esclave". Ferner: „Le moment
etait venu par les Frangais de secouer le joug cruel sous lequel ils
gemissaient depuis taut de siecles. S'ils y out reussi, ils doivent ce succes
ä un concours de circonstances uniques. S'ils conuaisseut leurs droits, ils
doivent cet avantage ä la philosophie. qui a fait tomber le bandeau de
l'erreur que le despotisme avait ceint sur leurs fronts . . ." Appel ä la
nation (1790) in : Pamphlets de Marat, ed. Vellay S. 123.
31) (Euvres completes de Saint-Just. ed. Vellay i (Paris 1908), S. 253.
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 407
et l'orgueil ue trouverent pas moins de proseiites que les
dieux immortels" 3'2).
S. ilche urteile sind für Faguet nicht vorhanden. Er
wandelt kühn andere Hahnen und geht mit einem nimmer
ermüdenden Aufwand von (ieist und Beredsamkeit all den
vielverschlungenen Gedankengängen und Ideenkreisen der
Philosophen nach, um vor uns das stolze Gebäude ihrer Theorien
aufzutürmen. Zweifellos fördert und klärt er so unsere Kennt-
nis in manchen und gelegentlich recht wesentlichen Punkten,
aber ein solches Verfahren ist nun einmal nicht der richtige
Weg. um eine Frage wie die. ob die Revolution von der
Aufklärung beeinflußt ist oder nicht, mit ja oder nein beant-
worten zu können. Zu einem gesicherten Ergebnis kann man
nur dann gelangen, wenn man die Vorstellungen zu Grunde
legt, welche sich die Franzosen gegen Ende des 18. Jahr-
hunderts von Montesquieu, Voltaire. Rousseau und anderen
gemacht hatten. Aber eine Behandlung des Problems von
einem solchen historisch bedingten Standpunkt aus sagt
Faguets Arbeitsweise nur wenig oder gar nicht zu. Die Eigen-
heit seiner Forschung ist durch die Formel der critique de
talent zu eng begrenzt, als daß er einmal die innere Beziehung
zu dieser Methode der Literaturbetrachtung zu Gunsten eines
historischen A'erfahrens zu lösen vermöchte 33). Statt selbst
historisch vorzugehen, begibt er sich in das Schlepptau der
Historiker. Aber in Aulards Schule ist er schlecht beraten.
Er vernimmt nur eine Glocke, und darum nur einen Ton,
und so kommt ihm auch nicht recht zu Gehör, wie es in
Wirklichkeit um die Cahiers steht, aus denen er mit Champion
so weitgehende Folgerungen zieht.
Über die Oahiersfrage haben schon vier .fahre nach
Champions Buch die Untersuchungen von A. Wrahl ein be-
trächtlich anderes Licht verbreitet, wie denn überhaupt unsere
Kenntnis von dem Ursprung der französischen Revolution
durch die Forschungen dieses Gelehrten eine gründliche Um-
gestaltung und Vertiefung erfahren hat. In einem lehrreichen
Artikel seiner Studien zur Vorgeschichte der französischen Re-
volution (1901) S. 1 — 68 und dann (1907) in seiner Vorgeschichte
der französischen Revolution 11. S. 377 ff. hat Wahl den Nach-
weis geführt, daß die Cahiers keine homogene Masse dar-
stellen, daß vielmehr ihre Angaben nicht ohne weiteres als
richtig hingenommen, sondern nur nach sorgfältiger Einzel-
kritik verwertet weiden dürfen. Teils schlicht und wahrheits-
31) (Euvre* completes de Saint-Just, ed.Vellay I (Paris 1908), .S. 341.
33) Dem lobrednerischen und wortreichen Buch von Maurice Duval.
Emile Faguet. Le critique. Le moraliste. Le sociologue (Paris 1911)
würde es nur genützt haben, wenn es sich diese Tatsache in ihrer ganzen
Tragweite ernstlich vergegenwärtigt hätte.
4"- Kurt Glaser.
getreu, teils aber auch phrasenhaft und rhetorisch, lassen sie
eine reichliche und höchst verdächtige Benutzung von Mo-
dellen erkennen, die nachgewiesenermaßen von Advokaten und
Schreibern verkauft und ebenfalls nachgewiesenermaßen von
Bauern gekauft worden sind. Demnach haben wir in ihnen
keine lautere geschichtliche Wahrheit, keine authentische Dar-
stellung tatsächlicher Zustände zu erblicken, keinen Aufschrei
der Nation, sondern einen von gewerbsmäßigen Schreiern
verfaßten Aufruf, den die Nation allerdings nachher unter-
zeichnet hat.
III.
Mit diesem Ergebnis ist erst auf einer schmalen Stelle
der breiten Front ein Schlag gegen Faguet geführt. Auch
von anderer Seite läßt sich ihm leicht beikommen.
Faguet ist in seinen zahlreichen literarhistorischen Arbeiten
nirgends wirklich ausführlich auf die Literatur zweiten oder
dritten Ranges, welche das 18. Jahrhundert in Frankreich
hervorgebracht hat. eingegangen. Er bewegt sich nur auf
den Höhen der Literatur und steigt nicht gern in ihre Niede-
rungen herab. In unserem Fall ist das ein verhängnisvoller
Nachteil, eine schwere methodische Unterlassung. Die fran-
zösische Revolution ist - mag Aulard in seiner blinden Be-
wunderung republikanischen Revolutionsheldentums denken,
was er will — nicht das Werk großer Männer, sondern mittel-
mäßiger Geister, sie ist das Werk der öffentlichen Meinung,
„jener unheimlichen Macht, die keine Ziele hat als ihr eigenes
Ansehen und keine Zwecke, die sie dauernd verfolge; die
kein anderes Ideal hat als die Phrase, kein Kampfmittel als
Geschwätz, die die Sklavin jedes Nichtigen ist. aber eine
grausame Herrin vieles Großen: die außer dem tönenden
Wort nur einem nachgeht, dem Erfolg; die nichts lernt und
sich weise dünkt: die keine Verantwortung trägt und doch
herrschen will" (Wahl, Vorgeschichte der französischen Revolu-
tion I. S. 112). Die Stimmung der öffentlichen Meinung zu
kennen, ist darum notwendige)1 als je. und sie läßt sich nur
ans den Schriften ablesen, die aus dem Volk und für das Volk
verfaßt worden sind.
Die meisten dieser Schriften schlummern noch unbenutzt
in der Pariser Nationalbibliothek, nur die Schrift des Abbe
Sieves Qnest-rc que le tiers etat' pflegt gekannt oder ge-
nannt zu werden34). Sie spinnt indessen vielfach nur Gedanken
weiter, die Sieyes schon in einer früheren Schrift, dem Essai
sur les pHvädges (1788) angeschlagen hatte. Sieyes ist der
geschworene Feind aller Privilegien, die nur eine unberechtigte
") Herausgegeben von Chapuys-Montlavüle (Paris 1839) und E. Chaui-
pion, Societe de Ihistoire de lu revolution frangaise (Paris 1888).
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 409
Bevorzugung einiger weniger und eine Benachteiligung dei
Gesamtheit sind. In seiner ganzen Argumentation knüpft er
deutlich an Rousseau und die Philosophen an: „Le peuple
eroit presque de bonne f'oi qu'il na droit qu'ä ce qui lui
est permis par des lois expresses. 11 semble ignorer que la
liberte est anterieure ä toute soeiete. a tout legislateur: que
les hommes ne se sont reUnis que pour niettre leurs droits a
couvert des entreprises des meehants, et pour se livrer, a
l'abri de eette securite, a un developpement plus etendu, ]>lus
energique et plus fecönd en jouissancos de leurs facultes
morales et physiques. Le legislateur est etabli, non pour ac-
corder, mais pour proteger nos droits. S'il borne notre liberte,
ce ne peut etre que pour les actes qui seraient uuisibles a la
soeiete, et, par consequent« la liberte civile s'etend a tout ee
que la loi ne defend pasu 35).
Neben Sieyes sind noch viele andere zu erwähnen36).
Da sind die Traktate von Lemercier de la Riviere. Les
nceux d'un Francois ou Considerations sur les prineipaux objets
dont le Roi et la Nation ront s'oecuper (1788) 37) und Essais
sur les maximes et loix fundamentales de la Monarchie franeoise
(1789) 38). Ihr Verfasser ist an sich ein Vertreter der könig-
lichen Autorität, aber er sucht in bezeichnender Weise seine
altmodisch gewordenen Ansichten, bei denen eher der theo-
kratische Bossuet als der liberale Fenelon Pate gestanden zu
haben scheint, mit Betrachtungen über die natürlichen Rechte
das Bürgers zu würzen. Nicht viel anders verfährt der Abbe
de Lubersac, der in seinem Le ritoyen conciliateur, contenant
des idees sommaires poüüques et morales sur le gouvemement
monarchique de la France (1788) 39) einer gemäßigten Monarchie
das Wort redet und die alten, den Staat stützenden Privilegien
von Adel und Geistlichkeit mit den neuen Gedanken der
Menschenrechte in Einklang zu bringen sucht. Ahnlich argu-
mentiert die Monarchie parfaite ou Vaecord de Vautorite d un
monarque avec la liberte de la nation qu'il gouverne (1789)*°).
Die Verfasser dieser und anderer Schriften bemühen sich, den
Ton ihrer Darlegungen auf weitere Kreise berechnend, in
ehrlichem Bestreben, die modernen Forderungen der Zeit mit
den althergebrachten Anschauungen zu verquicken. Nicht
alle machen es sich so bequem, wie die anonyme Schrift Le
disciple de Montesquieu ä Messieurs les diputis aux Etats Gene-
36) ed. Champion S. 2.
3S) Vgl. auch Wahl. Vorgeschichte der französischen Revolution II
S. 290 ff. und Anlard, 1/islnire politique. S. 1 ff .
31) Nationalbibliothek Lb33/743.
38) ,. Lb39/1294.
39) .. Lb3»/718.
40) .. Lb39/1296.
41 1' Kurt Glaser.
raux ^1/S^t)*1). die, um d i e Adelsprivilegien zu verteidigen,
es für zweckmäßig hält, kur/cr Band ihre ganze Weisheit
in- Montesquieu zu holen und dessen Argumente in teilweise
noch recht mißverstandener Weise auszuschreiben. Der Ruf
nach Reform klingt in allen Schriften jener Tage wieder. An
revolutionären oder radikalen Forderungen übertrifft Marat
wohl alle seine Zeitgenossen. In seiner Offrande ä la patrie
vom Februar 1789 und in seinem Suppldtnent de l'off'rande
ä la patrie vom April 1789 ir) wühlt er das tiefste Elend
auf, ruft das Yolk zur Freiheit wach und geht den königlichen
Rechten hart zu Leibe. ...I v exposai", so schreibt er selbst
in seinem Appel ä la natton (1790). „non la reforme de
petits abus de l'administration. mais la refonte entiere du
Gouvernement; j'y tracai les lois indispensables au triomphe
de la liberte. sans laquelle la regeneration de l'Empire ne
scmit qu'une chimere" **). Nur wenige andere Schriften gehen
so weit wie diese oder wie die Thiorie des Etats Generaux
uit la France regem'1 ree**) oder die Doleances du pauvre peuple
adressees anx Etats Genfraux*6), die auch für die Besitz-
losen das Wahlrecht verlangen, oder wie die Schrift des Du-
fourny de Yilliers. Cahiers du Quatrieme Ordre, die den
Fnbemittelten den Zusammenschluß zu einem vierten Srand
und eine energische Vertretung ihrer Rechte und Ansprüche
anrät46). Darin, daß Person und Eigentum geschützt weiden
müssen, sind sich alle einig. Wie sich aber das Verhältnis
zwischen dem Rechtsschutz, der für Person und Eigentum
des einzelnen gefordert wird, und den Rechten der Gesamt-
heit und ihrer Organe oder den altüberlieferten Privilegien
der bevorrechteten Stände gestalten soll, wieviel Rechte dem
König vorzubehalten oder anderen abzutreten sind, in solchen
und anderen Fragen kommen die meisten Theoretiker nicht
über tastende Versuche, grobe Invektiven oder fromme Wünsche
hinaus. Wenn man heute all diese gutgemeinten Auseinander-
") Nationalbibliothek LbS9/1384.
*2) Jetzt abgedruckt von Charles Vellay, Les pamphlets de Marat
(Paris 1911) S. 1—35 und S. 37—70. Die Entstehungsgeschichte der ersteren
Schrift hat Marat selbst erzählt: ..Gemissant depuis loustemps sur les nial-
heurs de uia patrie. j'etais au lit de la mort, lorsqn'un anii, le seul que
j'avais voulu pour tenioin de nies derniers moments, m'instruisit de la con-
vocation des Etats-Generaux : cette nouvelle fit sur moi une vive Sensation,
j'eprouvai une crise salutaire, mon courage se ranima. et le premier usage
que j'en fis fut de donner ä nies concitoyens un temoignage de mon d6-
vouemeut, — je composai 1' 'Oftrande ä la Patrie'." La correspondante
de Marat, ed. Vellay. Paris 1908. S. 142.)
*s) Appel ä la natton in : Les pamphlets de Marat, ed. Vellay S. 125.
**) Nationalbibliothek Lb3B/1300.
,b) „ Lb39/lö84.
**) Über die France libre von Camille Desmoulins vgl. Aulard, His-
toire politique .S. 50. 51.
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 411
Setzungen mir ihren offenen oder verhüllten Entlehnungen
aus Montesquieu und Rousseau und ihren Berufungen auf die
verschiedensten Autoritären liest, so kann man sieh nicht des
Eindrucks erwehren, daß sieh jene Publizisten in ein aussichts-
loses Ringen mit einem durch Jahrzehnte angesammelten ge-
waltigen theoretischen Stoff eingelassen hatten, in dem ihnen
nur zu rasch ihr kurzer Atem ausgehen und der Boden unter
den Füßen schwinden mußte. Auch in die Erörterungen der
eigentlich brennenden Frage der Zeit, in die Erörterungen
über die ständischen Rechte werden Betrachtungen über die
Freiheit des Staatsbürgers hineingeflochten. Brissot de War-
ville. Plan de conduite pour les depntes du peuple nur Etats
Generaux de 1789 (erschienen im April 1789) hält die Fest-
setzung der (Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz geradezu
für die unerläßliche Vorbedingung einer gedeihlichen Arbeit
der Stände, von denen er mit seiner Zeit die Heilung der
bestehenden abus erhofft. Auch Servan. Idees sur le mandat
des deputis aux Etats Geueraux (1789) 47) denkt nicht viel
anders. In der ganzen Art der Formulierung und Behand-
lung der Probleme ist das Vorbild der philosophischen Lite-
ratur nicht zu verkennen. Bald ist es mehr Rousseau, dessen
Theorien man sich anschließt, sei es auch nur um sie zu
dürftigen Betrachtungen über Menschenrechte und Gesellschafts-
ordnung zu verwässern, wie es in dem Cri de la nation ou
les dolrances de vingt-trois millions de Francois (1789)48) ge-
schieht : bald ist es mehr Montesquieu, dessen Lehren sich
die Publizisten aneignen und gelegentlich auch zu überbieten
oder zu widerlegen suchen. Das ist der Fall bei Mounier,
Nouvelles obsercations sur les Etats Generaux de la France
(1789)*9). Guiraudet. Quest-ce que la Nation et qu'est-ce que
la France'? (1 789) und teilweise auch bei Sieyes, der in
seiner bekannten Schrift50' gegen den Kultus der englischen
Verfassung polemisiert. Der ganze Ton der Erörterungen ist
auf die Öffentlichkeit berechnet. Und das darf nicht wunder-
nehmen. Denn die Flugschriften sind das wirksamste Mittel,
das jener Zeit zur Verbreitung ihrer Ideen überhaupt zur
Verfügung stand. Man erinnere sich nur daran, wie die
Zeitungen vor der Revolution noch in kläglichen Anfängen
steckten, wie wenig die gelesensten von ihnen, der Mercnre
de France und die um vier Jahrzehnte ältere Gazette Renau-
ilots höheren Ansprüchen zu genügen vermochten. »Wer
vor der Revolution eine wichtige Tagesfrage besprechen, wer
zum Volke reden wollte, mußte seine Zuflucht zu einer Bro-
*') Natioualbibliothek Lb 39, 1455.
48^ „ LbS9/1585.
"') „ LbS8/1180.
be) ed. Champion (Paris 1888) 8. 5i)ff.
412 Kurt (riaser.
schüre nehmen, die weniger Schwierigkeit bei ihrer Verbreitung
fand. Tausende solcher kleinen Schriften wurden damals ge-
druckt, welche alle möglichen Fragen behandelten und fast
immer begierige Leser fanden.''51)
IV.
Fs soll nicht der Zweck dieser Ausführungen sein, ein Kapitel
politischer Ideengesehichte vorzutragen: es kann sich hier allein
darum handeln, als Ergebnis festzustellen, daß die theoretische
oder, wie die Zeit sagte, die philosophische Beschäftigung mit
den Fragen des politischen, sozialen und religiösen Lebens
am Vorabend der Revolution ein Gemeingut weiter Kreise
des französischen Volkes geworden war. Dabei kann es gleich-
gültig sein, ob die in jenen Tagen banger und großer Er-
wartungen ausgesprochenen Ideen sich wirklich mit den Theorien
decken, welche die führenden Literaten des 18. Jahrhunderts
vertreten hatten. ..Les idees s'alterent en se propageant1"' y*).
Das Verfahren, das Faguet und andere einschlagen, den Theorien
der Aufklärungsphilosophen die Äußerungen oder gar die
Handlungen der Revolutionsmänner, Conventsbeschlüsse oder
was es sonst sein mag. gegenüberzustellen und auf Grund der
so unschwer zu ermittelnden ..Widersprüche*' auf die Nicht-
existenz eines Abhängigkeitsverhältnisses zu schließen, ist
methodisch verkehrt. Xicht das, was wir heute von den Philo-
sophen des 18. Jahrhunderts wissen und denken, sondern das.
was die Menschen vor anderthalb Jahrhunderten gedacht haben,
ist das Entscheidende. Legt man aber diesen Maßstab an.
so erscheint die ganze Frage in wesentlich anderem Licht.
Weitere Momente treten hinzu. Auch das sind Momente,
die immer nur historisch gefunden und im Zusammenhang
mit den Anschauungen und Gedankenkreisen der Zeit ge-
weitet sein wollen. Xicht alles, was die Philosophen geschrieben
haben, darf man bei den Revolutionsmännern wiederzufinden
hoffen. Dafür erheben sich Robespierre. Saint- Just, Mirabeau.
Babeuf, Danton. Marat und wie sie alle heißen mögen, zu
wenig über das Durchschnittsmaß der Masse. Sie sind keine
literarischen Berufstheoretiker und Systematiker. keine Schrift-
steller vom Schlage derer, die Jahr aus Jahr ein bei Lecene-
< Jüdin. Armand Colin. Grasset, Sansot et C° , Per-Lamm,
Hachette oder der Societe francaise d'imprimerie et de librairie
ein Buch erscheinen lassen. Sie handeln eben nur wie andere
ihrer Zeitgenossen und greifen aus dem reichen, kaum noch
zu überblickenden Schatz theoretischer Weisheit, den die
Philosophie in jahrelanger emsiger Arbeit angehäuft hat.
81) F. Lotheissen, Literatur und Gesellschaft in Frankreich zur Zeit
der Revolution 1789—1794 (Wien 1872) S. 7m.
") Brunetiere. Etudes sur le XVIII« siede (mi) S. 212.
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 413
heraus, was ihnen für ihre Zwecke zusagt. Es k;mn nicht
scharf genug darauf hingewiesen werden, daß sich schon Jahre
und Jahrzehnte vor dem Ausbruch der Revolution in Frank-
reich die Gedanken und Forderungen der Philosophen indem
Bewußtsein weiter Kreise zu einem Vorstellungsschatz ver-
dienter hatten, der ein Gemeingut des Volkes geworden war
und in -einer Eigenart die Anschauungs- und Denkweise der
Etevolutionsmänner wesentlich beeinflußt hat. Denn sie alle
stehen unter dem Druck der öffentlichen Meinung, über die
sie krampfhaft zu herrschen streben, unter deren Laune sie
sich aber immer und immer wieder beugen müssen.
Der Einfluß der Philosophen erstreckt sich viel weiter als bloß
auf die Boudoirs, wie v. Nordenflycht, Die französische Re-
volution von 1789 (Berlin 1887) S. 77 ff., die „neuere Forschung
der Franzosen" resümierend, uns Deutschen weismachen will.
Nordenrlycbts eigene Argumentation S. 85 ff. nimmt schon viel
von jener These zurück. Bereits Jahre zuvor hatte sich F. Loth-
eißen in seinen Ausführungen über Literatur und Gesell-
schaß in Frankreich zur Zeit der Revolution 1789 — 1794
\\ ien 1872) in anderem Sinne ausgesprochen und das ganze
Problem in die treffende Formulierung gekleidet : „Nicht das
Schwert, nicht die hirnlose Verschwendung der Großen, nicht
die Finanznot haben, wie man öfters glaubt, in Frankreich
eur Umwälzung geführt; denn ähnlich schlimme Verhältnisse
haben schon in anderen Staaten geherrcht. ohne solche Folgen
■herbeizuführen: es war vielmehr die Macht diu- Ideen, die
auf die Länge der Zeit unwiderstehlich ist. Mag der tiefsinnige
Denker lange unbeachtet bleiben, mag die unwissende Menge
die Ergebnisse seines Forsehens verachten, die Zukunft gehört
ihm zu eigen, und die einmal gefundene Wahrheit geht nicht
mehr verloren. Langsam aber sicher keimt die Saat der Ideen,
und keine Gewalt der Erde vermag ihren Einfluß zu brechen,
sobald ihre Zeit gekommen ist. Sie sind und bleiben die
wahren Herrscher der Welt" (S. 3) 53). Ein Jahr nach
Lotheißen hat dann Aubertin den Einfluß der Philosophie
auf die öffentliche Meinung des vorrevolutionären Frankreich
zum Gegenstand zusammenhängender lehrreicher Ausführungen
gemacht3*), lud fast jede neu erschienene Arbeit über die
-(ieistesliewegung des 18. Jahrhunderts in Frankreich hat ihren
Beitrag in gleichem Sinne geliefert. Erinnert sei hier nur an
Leon Fontaines Buch. Lr theätre et la philosophie au XVIII''
%iecle (Yersailles-Paris 1879). das noch deutlicher als die
spätere Studie von G. Desnoiresterres, La com/dir xatirü/ue
i« X VIII6 stiele I Paris 1885) den Einschlag der aufklärerischen
•Gedanken in derjenigen Literaturgattnng nachweist, die am
M) Vgl. auch S. 241, 242.
**) L'Esprit public au XVIII« siede (1715—1789). Paris 1873.
-ZUehr. f. frz. Spr. u. Litter. XLIV »», -Aj
414 Kurt Glaser.
unmittelbarsten auf die breite Öffentlichkeit einwirkt, auf das
Theater, und an Alfred Espinas, der in seinem Buch La
philosophie sociale du XVIII* siicle et la revolution [Paris
1898) den engen Zusammenhang zwischen der Sozialphilosophie
des 18. Jahrhunderte und der Revolution dartut. Auch die
neueren Ausführungen von M. Iloustan. Les philosophes et la
societe frangaise an XVIII' siec/e (Lyon 190Bi55> bewegen
sieh in der gleichen Richtung und zeigen, wie stark die
Philosophen auf alle Teile des Volkes, auf den Adel, auf die
Beamtenwelt, auf die Finanzkreise, auf die Salons, auf den
Bürgerstand wie auf die niederen Klassen eingewirkt haben.
Aber auch nach Roustan bleibt immer noch schärfer heraus-
zuarbeiten, in welch nahen, im Laufe der Zeit sich immer
enger gestaltenden Beziehungen die Philosophen zu dem
Leben und den Menschen ihrer Tage gestanden haben, welchen
Einfluß die Dinge und Personen der Umwelt auf ihr Denken
ausgeübt, wie sie vor allem ihren Gedanken und Forderungen
und oftmals auch ihren Schlagwörtern bei ihrer Zeit Eingang
verschafft haben. Die Beziehung zum Leben in allen seinen
Formen, die Richtung auf die Umgestaltung und Umbildung
aller Bedingungen menschlichen Daseins im Sinne der Vernunft
ist das große gemeinsame Ziel, auf das die Philosophen,
nah oder fern, ihre Theorien einstellen. Die Herrschaft über
die öffentliche Meinung, die sie zu wecken suchen, um sie
ihren Zwecken dienstbar zu machen, ist das große gemein-
same Mittel, dessen sie sich zur Erreichung dieses Zieles
bedienen. Die Entwicklung verläuft nicht durchweg in auf-
steigender Linie. An der Schwelle des .Fahrhunderts steht so
manche bedeutende Leistung, hinter der spätere zurückbleiben.
Es ist deshalb auch bedenklich, die ganze Bewegung in eine
Periode der Vorbereitung und in eine solche der eigentlichen
Blüte zerlegen zu wollen. Diejenigen, die der Zeit nach zu
den „Vorläufern" zählen, wie etwa Bayle, sind mit ihren
Gedanken dem recht oberflächlichen und unselbständigen
Voltaire weit vorausgeeilt. Wenn trotzdem Voltaires Werk
höher bewertet wird als das Bayles. so läßt sich die Berechtigung
dazu allein aus dem größeren Einfluß herleiten, den Voltaire
auf seine Zeit ausgeübt hat. Nimmt man aber den Maßstab
seines LTrteils aus diesem Gesichtspunkt her, so wird man
unschwer erkennen, welch ein gewaltiges Stück Arbeit in der
Leistung der philosophischen Literatur beschlossen liegt,
welche Fülle großer Erfolge von ihr erzielt worden ist. Wie
ein immer mächtiger und geräuschvoller dahinfließender Strom
zieht die Literatur an dem Auge des Beobachters vorüber,
der ihrer Entwicklung nachgeht von den ersten Äußerungen
65) Vgl. dazu besonders Bruuetieie. Revue den Deux-Mondes vom
1. Dezember 1906, S. 604 ff. und Etudes sur le XVIII' siede. S. 189—234.
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 415
des philosophischen (Geistes, der tastend und zaghaft die Köpfe
zu erobern suchr. bis zu seiner Ausgestaltung zu einer alle
anderen literarischen Regungen überflutenden, breit und
machtvoll dahinströmenden Bewegung.
V.
Zu diesem Bild soll hier nur ein kleiner ergänzender
Beitrag geliefert werden, indem auf das Beispiel der Mme Roland
verwiesen sei 56\
Mme Roland ist eine Durchschnittserscheinung, wie sie
das vorrevolutionäre Frankreich in so vielen anderen Exem-
plaren bietet. Ihr Biograph C. A. Dauban hat ihr Dasein und
ihre Persönlichkeit ganz richtig gekennzeichnet : „Une jeunesse
humble. consacree au travail et ä l'etude, des relations avec
des personnages vulgaires. les joies douces et tranquilles de
la vie de famille; d'aventures. aucune; encore moins de
passions : un honnete tere-ä-terre. On a dit de madame Roland :
c est une bourgeoise: ses sentiments, ses prejuges, ses travers
sont dune bourgeoise. Rien de plus vrai" (Etüde sur Madame
Roland et son temps. Paris 1864. S. XII\ Sie hat ein offenes
Auge für alles, was sich in der Hauptstadt ereignet57), sie
verfolgt mit Interesse die Vorgänge im politischen Leben, die
Entscheidungen der Minister wie die Unruhen und Wirren in
Paris58) oder der Provinz59), den Zusammentritt des Pariser
Parlaments60], seine Widerspenstigkeit gegen den Willen des
Königs61). Sie schreibt den Satz: „Les parlements sont
comme de vieilles ruines que Ion venere encore. mais ils ne
sont plus une barriere ä l'autorite royale" 62). Ihr Interesse
für das Stück Geschichte, das sie miterlebt, wird sichtlich
getragen von einem aus der Zeitliteratur geschöpften „philo-
sophischen" Interesse für die Fragen des politischen Lebens
56) Ich folge damit einer Anregung- von Gustave Lanson, Revue
d'histoire lüteraire 1903. S. 353 und beabsichtige, einen der — wie Aulard.
Histoire politigue, S. 31 sagt — ..obscurs canaux" bloßzulegen, durch den
der esprit du sieele bis tief hinab in die bürgerlichen Kreise gedrungen ist.
■r'7) Lettres de Madame Rolaml aux demoiselles Cannet, pnbl. par
C. A. Dauban I (Paris 1867) S. 216. 217 (Brief vom 16. November 1774), II.
S. 280 (31. März 1778) und 283 17. April 1778).
5«) I. S. 263 (3. Mai 1775).
59) I. S. 1265 (17. Mai 1775).
eo) I. S. 221 (13. Dezember 1774).
ei) I. S. 224 (14. Dezember 1774).
62) I. S. 218 (16. November 1774). Vgl. auch die folgende Stelle: „La
dissolution de la cour dana les dernieres aunees du regne de Louis XV: —
ce mepris pour les moeurs qni gagnoit toutes les classes, ces exces qui
faisoient le sujet de toutes les conversations particulieres, m'inspiroient de
l'indignation et de l'etonnement. Ne voyant poiut encore les germes d'une
revolutiou, je me demandois comment les choses pouvoient subsister dans
cet etat." Memoires, ed. Dauban (Paris 1864). S. 93.
29*
4 | 6 Kurt Glaser.
überhaupt. Sic stellt Reflexionen an über Erziehung und
Gesetz an sich und in ihrem Einfluß auf den Menschen*8),
über die Einwirkung des Klimas B*), über die Natur des
Menschen und Beinen Geselligkeitstrieb, sie streift die Grund-
bedingungen der menschlichen Lebensgemeinschaft68), sie
prüft sich selbst auf ihre Liebe zu Vaterland und Mensch-
heit'6), setzt die Pflichten des einzelnen gegen sich und die
Gesellschaft auseinander fl l und ergeht sich über die Vorzüge
und Nachteile der englischen Verfassung68) wie über das
Wesen der besten Staatsform69). In der Stille ihres spieß-
bürgerlichen Elternhauses dort am Pont-Neuf hat sie sich so
etwas ^Yie eine eigene Philosophie zurechtgemacht. Sie grübelt
über die Probleme der Religion und des Wissens nach70),
fühlt auch ihre Brust erzittern von dem Kampf zwischen
Glaube und Zweifel71) und diskutiert noch über andere Fragen
allgemeinen Inhalts, wie sie die Zeit aufzuwerfen liebte7-2).
Und auch darin ist sie typisch für ihre Zeit, daß sie Fühlung
mit schöngeistigen Kreisen sucht und sich in geistreicher
Unterhaltung in mondänen Salons bewegt79). Auf Schritt
und Tritt lassen ihre Denkwürdigkeiten und Briefe erkennen,
wie sich der Drang nach Abrundung ihres Wissensschatzes
in ihr regt74), wie sie mit unermüdlichem Eifer liest, was sie
nur auftreiben kann. Homer75). Plato 76), Virgil 7: i. Plutarch 7*),
Augustin 79j. Montaigne, den sie besonders oft und genau
zitiert80). De Thou81), Corneille. Racine, Meliere8-), Des-
8» I. S. 222 (13. Dezember 1774 .
'•*. IL S. 259 (21. März 1778).
«5j I. S. 170. 171 (22. Februar 1774} und S. 225 (20. Dezembei 1774).
Vgl. damit z. B. Montesquieus Esprit des lois I. 2.
fi6) 1. S. 178 (9. Mai 1774): „Ma patrie m'e>T quelque chose . . ." etc.
•') I. S. L92 24. Juli 1774) und S. L95 1 August 1774): „Ma passion,
ou ma chimere actuelle (s'il faut l'appeler ainsi), a pour objet l'utilite gene-
rale. La vocation de l'homine, ce me semble, est la sociabilifö ; son premier
devoir est d'etre utile. A mesure <|iie mes idees s'etendent, mon sentiment
se generalise. A mes yeu\ La premiere et la plus Welle vertu reside dan«
l'amour du bien public . . ." „Nous aaissons avec Le principe de la con-
noissance et Le germe de l'instruction; maia La coramunication . . .tt
68 II. S. 6 ff. (5. Januar 1777 .
,:'-' I. S.272 (17. Mai 177f> : „Une legislatioii parfaite, qui fasse aboutir
les interets particuliers au bien general, a'est probablement paa le partage
des humains. Le nieilleur gouvernement est le moins mauvais et le plus
convenable au gerne du peuple pour leipiel il est etabli . . ." etc.
•" 1. S. 96 (Mai 1772 .
•' II. S. loi (18. Mai 1777 : ..Le Systeme «le ma religion m'a paru
petit et revoltant: quand on m'ecraseroit de preuves . . ." etc.
") I. 8. 271 (17. Mai 1775) und II. S. 154 I 19. August 1777).
«) I. S. 56 ff. (II- März 1772), S. 66 (28. März 1772), S.327 (ll.Januar
1776).
~>*) z. B. I. S. 342 (5. Februar 177ti .
»») I. S. 392. 7,!) II. S. 124. ") II. S. 225. W) Memoirts S. 133.
™) Memoire* 8. 50. *<>) u. S. 17r>. '203. 279. w) I. S. 322.
82) l. 8. 1 12. Memoires S. 85.
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 417
cartes8»), Malebranche84), Bossuet85), Fenelon 86), Bayle81),
Baint-Pierre88), Buffon89),Voltaire90), Montesquieu»1), Bernis»8),
Mezerav93». Pauw9*), der die Recherche* sur les Egyptiens
et les Chinois 1774) hatte erscheinen lassen. Maupertuis *5),
den Abbe Bexon9,\ den Verfasser einer mit dem ersten
Bande sterkengebliebenen Histoire de Lorraine, Condillac 97),
Diderot. D'Alembert 98), Milton"), Thomson100), Richard-
ßon lDl), Young 102). Tasso 103 » und noch viele andere, wie
sie selbst in den Briefen an ihre Pensionsfreundin, die zu
solchen Erörterungen nach ihrem eigenen Geständnis ltH) recht
wenig geeignet sind, ihr Wissen auskramt und mehr als
einmal fast in der Form kritischer Abhandlungen von sich
gibt10*). Ihr Abgott ist Rousseau: ihm schreibt sie und
rückt ihm. als er nicht antwortet, bis in seine Wohnung nach.
freilich ohne ihn zu treffen106): ihn beschwört sie unablässig
in ihren Briefen herauf107^: seine Gedanken macht sie zum
Hauptgegenstand ihrer Erörterungen in ihren Briefen wie in
ihren Privatgesprächen l08) und trägt selbst in die Beurteilung
der Personen ihrer Umgebung den Maßstab Rousseauscher
Eigenart hinein 109).
VI.
Das Ergebnis, das sich aus diesen Feststellungen ergibt.
ist das zuletzt wieder von Roustan verkündete: ,.I/action de la
Philosophie sur le XYIIP siede tout entier a ete reelle, decisive ;
83 |. S. 68, 132, Mimoirea S. 74. i4 Memoires S. 74.
85) 1. S. 102. 138. Memoires S. 63. sfi Memoires S. 16.
s'i 1. S. 322. SM L S. 421. *») I. S. 168.
"' I. - 142. 199; II. 29, L25ff., 182, 347. Memoires S. 63, 167.
»1) 1. S. 171. 92) i. s. 142. ;,:; [. S. 271. 274.
M T. S. 423. vgl. auch 1. S. 163. 9») f. S. 131. 428. 434. 492.
96) II. S. 237. ,7 Memoires S. 62, 63. 98) Memoires S. riti.
W) I. S. 142. "») II. S. 225. Wl) II. S. 24H.
"») i. S. 115. 133. 137. 103) Memoires S. 16.
KW) I. 8.140 (13. Juli 1773): .,Des reflexions philosophiques, des ob-
gervatiniis sur mille <-hw>es, ne sont nas toujours admissibles dans une lettre:
il faut du taleut pour les y inaerer, et ce taleut me manque souvent."
io:. I. S. 314 iL (ti. Dezember 1775). I. S. 359ff. (21. März L776), 411 ff.
(21. Jnli 1776), IL S.64ff. 15. März 1777. I16ff. 21. Juni 1777L 125 ff.
(L.luli 1777, 178ff. 19. September 1777. 199ff. (30. Oktober 1777. 2«8ff.
(11. März I77si. Vgl. die Notiz I. S. 4H3. Auch mit dem Gedanken, einen
roman philosophiqne zu schreiben, trägt sie sich eiue Zeitlang, vgl. Brief
vom 14. Januar 1777 (IL S. 17).
lf») I. S. 350 ff. 29. Februar 177H).
"><) 1. S. 89. IHÖti. IL S. I99ff., 205 iL. 213 ff.. 227 ff. etc., Memoire*
S. 101. 132.
über die letzteren vgl. z. B. I. S. 198 (Brief vom 8. August 1 774j
und S. 328 (11. Januar 177H). Auf »-im' Diskussion über Montesquieu spielt
an "in Brief vom 18. Mai 1772 (I. S. «5).
los) Brief vom 15. März 1775 (I. S. 250ff.). Persönlichkeiten, wie die
hier gezeichnete, werden damals nicht selten gewesen sein. Vgl. auch Brief
vom 11. .lannar 1776 -I. S. 327).
418 Kurt Glaser.
les philosophes ont determine la Revolution frangaise" n0).
Und auch dann wird dieses Ergebnis nicht verschoben, wenn
sich wirklich noch weiter herausstellen sollte, daß sich die
Gedankenwelt der theoretisierenden Geister von der der großen
Masse unterscheidet, daß sich Urbild und Abbild nicht decken.
Ist es denn überhaupt zu verwundern, wenn es im 18. Jahr-
hundert Leute gab. die die Theorien der Philosophen nur
bruchstückweise aufgriffen und sich über den wahren Sinn
und die wirklichen Ideenzusammenhänge täuschten und ihren
Ansichten Deutungen unterlegten, die nicht immer den tat-
sächlichen Meinungen ihrer Urheber entsprachen? Erleben
wir das Gleiche nicht noch jetzt? Gehen nicht auch heute
noch die Ansichten der verschiedensten Forscher über die
geschichtliche Herleitung der Aufklärungstheorien wie über
deren inhaltliche Wertung weit auseinander'.'
Früher wie heute ist es besonders Rousseau, den man
abweichend und oft in gegensätzlichem Sinne beurteilt. Kein
Wunder. Rousseaus Contrat Social ist nun einmal keine
einheitlich durchdachte Leistung und kann keinen allgemein-
gültigen, normativen Wert beanspruchen. In dem merk-
würdigen Buch steckt unendlich vieles, was von Fall zu Fall
gilt oder gelten soll. So erklären sich all die vielen Wider-
sprüche, die man vergeblich wegzudisputieren sucht, so erklärt
es sich, wie jeder von seinem besonderen Standpunkt Rousseau
zitiert und ausschreibt, sich auf ihn beruft oder auf ihn schilt.
Rousseau ist zwar kein Systematiker des Republikanertums
und hat das republikanische Staatsideal auch bei weitem nicht
in allein und jedem verherrlicht, aber er hat doch für die
Republik in hohem Maße Stimmung gemacht, und das ist
das Entscheidende. Die Franzosen lasen aus seinen Schriften
heraus, was sie eben herauslesen wollten. Die innersten
Geheimnisse und Zusammenhänge seines Wrerkes werden der
öffentlichen Meinung sicherlich verschlossen geblieben sein,
aber einzelne zündende und aufreizende Gedanken und
Forderungen schlugen in die Tiefe der Volksseele durch,
neues kräftiges Leben entfachend. Auf ihn. den Verächter
jeder Kultur, haben sich alle berufen, die von der Zerstörung
der bestehenden Zustände die Wiedergeburt des Staates
erhofften. Und nicht weniger noch als das hat die von
Rousseau in die Welt geworfene demokratische Idee gezündet,
daß das Yolk immer gut. der Adlige immer schlecht sei ln).
110) Les philosophes et la soeiete francaise au XVIII1 siede (Lyon
1906] S. 425.
111 Sollte A. Espinas, La Philosophie sociale du XVIIIe siede et la
■ Hon. Paris 1898. S. 1 HS wirklich allzu fehlgehen in seiner Annahme,
daß etwas von Rousseaus leichtfertigen Ansichten über die Ehe and seiner
anverhohlen zur Schau getragenen Vernachlässigung seiner Frau und Kinder
in den Gesetzen zu spüren sei. welche die Legislative und der Convent
über den Ehebruch gegeben haben?
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 41 y
Es ist das die Vorstellung, die nachmals Robespierre ausge-
sprochen har „C'esl le peuple qui est bon, patient, genereux;
notre Revolution, les er im es de ses enneraia l'attestent: mille
traits recents et heroiques, qui ne sont che/, lui que naturels,
en deposent. Le peuple ne demande que tranquillite, justice,
que le droit de vivre: les hommes puissants, les riches sont
äff am es de distinetions, de tresors, de voluptes. L'interet, le
vtiMi du peuple est celui de la nature, de l'humanite; c'est
l'interet general. Linteret, le voeu des riches e« des hommes
puissants est celui de l'ambition. de l'orgueil, de la cupidite,
des fantaisies les plus extravagantes, des passions les plus
funestes au bonheur de la societe. Les abus qui l'ont d^solee
furent toujours leur ouvrage: ils furent toujours les fleaux
du peuple " ua)
"- Arch. Pari XXL S. 242. V gl. auch Ar eh. Pari. XVI. S. 409, XX. S. 729
(„Les titres imprescriptibles du peuple er de l'humanite soiit plus sacres,
quoi qu'on puisse «live, que ceux des riches et des courtisans . . ."), XXVI,
S. 654: „Ce peuple, objet de qos travaiix, soutien de la Revolution que vous
calomniez en vain, et qui sera toujours juste. toujours patient, toujours
vertueux et l'appui le plus ferme de sa libertö." „Je vous dirai que je
compris des lors cette grande verite morale et politique annoncöe par Jean-
racques, que les hommes u'aiment jainais sincerement que ceux qni les
aiment, que le peuple seul est bon, juste. magnanime, et que la corruption
et la tyrannie sonl L'apanage exclusif de tous ceux qui le dädaignenf
Discours et rapports dt Robespierre ed. Vellay, Paris 1908. S. 163). ..Heu-
reuseinenl la vertu est naturelle au peuple, en depit des prejugßs aristo-
eratiques" (ed Vellay. S. 330). „Posez cl'abord cette maxime incontestable: que
le peuple est bou, et qae ses delegues sont corruptibles; que c'est dans la vertu
^t dans la souverainete du peuple qu'il taut chercher un preservatif contre
les vices et ie despotisme du gouverneraent" ed. Vellay S. 260). „Ah! cessez
de profaner ce nom touchant et sacre du peuple, en le liant a Pidee
de la corruption . . . Etes-vons tlonc faits pour l'apprecier, et pour connaitre
les hommes, vous qui, depuis que votre raison s'est developpee, ne les avez
iuy-es que d'apres les idees absurdes du despotisme et de rorgueil feodal;
von- qni, aecoutumes au Jargon bizarre qu'il a invente, avez trouve simple
de degrader la plus grande partie du genre humain par les mots de 'canaille',
le 'populace'; vous qui avez revele au monde qu'il existait des irens saus
aaissance, comme si tous les hommes qui vivent n"etaient pas nes; 'des
gens de rieu', qui etaient des hommes de merite, er 'd'honnetes gens', des
gens comme il taut . qui etaient les plus vils et les plus corrompus
de tous les hommes: Ah! sans doute, on peut vous permettre de ne pas
reudre an peuple tonte la justice qui lui est due. Tour moi, j'atteste tous
:eux que l'instinct d'une aine noble et sensible a rapproches «le lui et
rendus dignes de connaitre et d'aimer l'egalite, qu'en general il n'y a rien
d'aussi juste ni d'aussi bon que le peuple, toutes les fois qu'il n'est point
irrite par l'exces de l'oppression . . ." (cd. Vellay. S. 96, 97). ..Au milieu
des inconvenients qni peuvent naitre, dans tous les systemes, de ce qn'on
appelle la corruption dn siede, il est une regle a laquelle il taut s'attacher:
c'est que la moralite, qni a disparn dans la plnpart des individus, ne se
retrouve que dans la masse du peuple et dans l'interet general . . ." [Arch
Pari. XVI. S. lob). Auch Arch. Pari. XL S. 66H redet er von den „senti-
ments genereux du peuple". Ähnlich äußert sich Älarat: „Defaisons-nous
des prejuges ile la vanite. L'etendue, la force, la pnissance et la tjloire
de l'Empire peuvent flauer l'orgueil du Monarque: mais «nie t'ont-clles au
bonheur des Peuples; ils n'y ont aneun interet . . . Ce qui les ihteresse
4U() Kurt Glaser.
Nicht anders als Rousseau ist es Montesquieu ergangen»
Auch er hat. wenn wir hier von dein Erfolg seiner hettrtS
Persanes absehen, nicht durch das wirklieh Reife. Große und
Selbständige seines Esprit des lots auf seine Zeitgenossen
gewirkt, sondern durch etwas, was er zudem in nicht einmal
völlig zutreffender (Testalt anderen entnommen iiat. durch seine
Verfassungslehre. Den Franzosen jener Tage ist er der kennt-
nisreiche Theoretiker der englischen Konstitution, der Ver-
herrlicher der Teilung der Gewalten im Staate, und zu allem
Überfluß, in einer mir seiner wahren Gesinnung nicht zu
vereinbarenden Deutung, der ruhmredige Verkünder des demo-
kratischen und republikanischen Freiheitsgedankens. In dieser
Aufmachung tritt er uns in den Denkwürdigkeiten und anderen
Gesinnungsäußerungen der Zeit an mehr als einer Stelle
jegen.
Ein gleiches Schicksal hat Voltaire erlebt. Dem „Volk",
auf das er mit der hochmütigen Verachtung eines reich und
mächtig gewordenen Parvenüs herabblickt, das er nur als
willkommenes Werkzeug. Ansehen und Geld zu gewinnen,
wertet, steht er in seinem innersten Wesen und in der ganzen
Arr seiner literarischen Betätigung viel näher als der durch
und durch aristokratische und gelehrte Montesquieu. Voltaire
ist eben ein rechter „bourgeois". So hat ihn neuerdings
Paul Sakmann 11$), offenbar einen Lansonschen Gedanken114
zu Ende führend, trefflich geschildert. Im Grunde doch nur
ein kaum mehr als mittelmäßiger Kopf, ein journalistisch
begabter Literat, der sich auf allen erdenklichen Gebieten
versucht hat. es aber auf keinem zu irgend einer wirklich
selbständigen und hervorragenden Leistung gebracht hat, war
er durch seine verblüffende Vielseitigkeit, seinen sprühenden
Witz und seine glänzende Sprachkunst wie kein zweiter unter
den schreibenden und reimenden Philosophen zur Rolle eines
agent de transmission berufen. Seiner Begabung entsprach
es weniger, große und selbständige Gedankenreihen zu ein-
wickeln, als die landläufigen Forderungen des Tages aufzu-
greifen und in einer auf den Geschmack der breiten ( >ffentlich-
keit berechneten, auf Effekt abgestimmten Form zu vulgari-
sieren. Die Pucelle, die Jahre hindurch sein gelesenstes
Werk gewesen ist, verdankt diesen Erfolg zweifellos nur der
dem Charakter der Zeit vortrefflich angepaßten Frivolität, mir
der neben Religion und Sittlichkeit die Achtung vor der ge-
veritablement, c'est de jouir en paix de leur fortmie ou du fruit de leurs
travaux. c'est d'fttre gouvernes avec justice et moderatiou. Le dirai-je ?
nos malheurs viennent uniquement de l'incapacite et des vices de ces liommes
Buperbes, charges d'assurer notre bonbeur. Et qui peut en douter encoreV---
(SupplimefU de Voffrande ä la patrie. April 1789. ed. Vellay S. 4;V).
113) Voltaires Geistesart und Gedankenwelt (Stuttgart 1910).
1H) Voltaire (Les grands ecrivains francais) (Paris 1906) S. 8.
Aufklärung und Revolution in Frankreich. AM\
schichtlichen Vergangenheit und der Würde der Monarchie
in den Staub gezogen wird. Gerade weil Voltaire so ganz
mir seiner Zeit ging, läßt sich sein Einfluß auf sie nicht mit
Zuverlässigkeit bestimmen. Auch die Streiflichter, die aus
den Memoiren auf seine Beziehungen zu der Literaturbewegung
seiner 'luge fallen, sind zu verschwommen, um im einzelnen
eine Sicherheit der Beobachtung zu gestatten. Während sich
Montesquieus und Rousseaus Spuren, dank dem stark Dok-
trinären, das ihren Ideenkreisen anhaftet, deutlich herausheben,
tauchen die jeder scharfen systematischen Ausprägung ent-
behrenden Gedanken Voltaires rasch in den immer höher
gehenden Wogen der Ideenbewegung des 18. Jahrhunderts
unter. Aber gerade indem Voltaire, sich überall geräuschvoll
vordrängend, über alles und jedes, über Wichtiges und Un-
wichtiges, über Edles und Häßliches, gleichermaßen das fast
unerschöpfliche Inventar seiner Gedanken auskramt und den
Forderungen des Tages die Weihe seines Geistes zu geben
versteht, hat auch er in seiner Art nachhaltig eingewirkt und
der Bewegung der Gemüter mächtigen Vorschub geleistet. Es
kann keinem ernstlichen Zweifel mehr unterliegen, welche Ant-
wort auf Lansons Frage zu geben ist: ..Croyez-vous que cette
affaire Calas aurait eu sa force revolutionnaire et aurait pu abou-
tir ä une reforme de la legislature. si ce fait judiciaire n'etait
pas devenu un fait litteraire. ä travers la personnalite puissante
de Voltaire?"115)
Die Menschen des 18. Jahrhunderts waren anders wie die
des 17. Hatten sich die letzteren unter dem Druck des Despo-
tismus des Interesses für das öffentliche Leben, für politische,
soziale und religiöse Fragen, deren Erörterung in den Tagen
der Reformation vielversprechend eingesetzt hatte, entwöhnt.
so entfalten ihre Nachkommen im 18. Jahrhundert im Gegen-
teil gerade auf diesem Gebiet eine erhöhte Tätigkeit. Der immer
merklichere A'erfall der monarchischen Gewalt wirkt erlösend
und ermutigend auf das Schrifttum. Der von gewaltsamem
Druck befreite Geist schlägt jäh ins Extrem um und über-
stürzt sich in der Formulierung überspannter Glaubenssätze,
die. dem landläufigen Ideenvorrat einverleibt und durch die
Literatur in die weitesten Kreise getragen, rasch Gemeingut
der öffentlichen Meinung werden. Da ist zunächst die ein-
seitige Vorstellung, daß unhaltbare Zustände im Lande be-
stehen und diese sich wesentlich in einer Notlage des niederen
Volkes kundgeben. Da ist weiter die nicht minder einseitige
Anschauung, daß diese „abus" nur im Zusammenhang mit einer
Reform des Staates auf dem Wege der Gesetzgebung beseitigt
werden können. Daß das Volk seine Rechte hat und sich
S. 292.
U5) Kern? des eours d Conferences ltie annee (2rt «lecenibr^ 1901
422 Kurt Glaser.
durch die Stände oder was es sonst sein mag, regieren darf,
ist schon im l»i. Jahrhundert zur Genüge bekannt, aber daß
das Volk in Elend Bchm achtet, daß dieses Elend vernunftwidrig
ist. schließlich nur im Interesse der herrsehenden Klassen liegt
und durch Reformen und Gesetze des Staates, und nur durch
diese, gehoben werden kann, sind neue, konsequent durchge-
führte Gedanken des 18. Jahrhunderts. An ihrer Klärung und
Begründung haben selbständige wie unselbständige, bedeutende
wie unbedeutende Philosophen gearbeitet. Um sie zu ent-
wickeln, setzen sie mit ihren Erörterungen so niedrig wie nur
möglich ein. wühlen das tiefste 'Volkselend auf und suchen
ihrer Argumentation Würze und Weihe zu geben, indem sie
ihre Betrachtungen immer und immer wieder auf die Formen
des politischen Lebens einstellen. Ihre Tätigkeit verläuft in
der doppelten Richtung, die durch die nach Gedankenfortschritt
strebende und zugleich doch immer stark popularisierende
Tendenz der Literatur bedingt ist. Sie alle, die sich mit gleicher
Beharrlichkeit, aber nicht mit gleicher Berechtigung ,,philo-
sophes" nennen, suchen ihren Gedankenvorrat nicht nur aus
anderen, zumeist englischen Quellen zu ergänzen und in theo-
retisierenden Zwecken zu rein gedanklicher Leistung zu ver-
arbeiten, sondern auch ihnen eine den besonderen Zeitverhält-
nissen entsprechende Formulierung zu geben, sie zu weiten und
zu verengen und so der Öffentlichkeit mundgerecht zu machen.
Die Betonung des Volkselends und die Überzeugung von der
Allmacht staatlicher Formen und der Heilkraft der Gesetze
sind zwei Gedanken, die so stark in dem Mittelpunkt der
ganzen Ideenbewegung stehen, daß man. wenn man ihrer
Entstehung und Entwicklung bei den einzelnen Theoretikern
nachgehen wollte, eine Geschichte der Denkart des 18. Jahr-
hunderst schreiben müßte. Haben wir doch hier zwei der eigen-
artigsten und folgenschwersten Gedanken vor uns, von deren
Tragweite man sich erst dann wirklieh Rechenschaft ablegen
kann, wenn man bedenkt, daß die Vorstellung von dem Elend
und der Rechtlosigkeit des Volkes die Vorstellung von dem un-
verdienten Wohlstand und der unverdienten politischen Be-
vorrechtung der privilegierten Stände impliziert, daß der Glaube
an die Lebens- und Gestaltungskraft staatlicher Formen und
gesetzlicher Regelungen dem ganzen Denken einen entschei-
denden Impuls zu politischer Betätigung geben mußte.
Von diesen hier nur rasch angedeuteten Erwägungen aus
scheint die Gedankenwelt der Revolutionsmänner nicht mehr
im Widerspruch zu stehen mit dem, wras die Aufklärung
wollte. Nur daß wir in der Revolutionspublizistik in stärkstem
Maße etwas verspüren, was der Literatur des schreibseligen
Jahrhunderts gänzlich fehlte: den Pulsschlag der rücksichts-
losen politischen Tat
Aufklärung und Revolution in Frankreich, 4^3
VII.
Von besonderen] Reiz und für die uns beschäftigende
Präge von besonderem Wert ist es. die Gedankenwelt der
führenden Revolutionsmänner in Zusammenhang zu bringen
mit den Ideenkreisen der Philosophen des 18. Jahrhunderts.
Schon Hettner hat in dem letzten Kapitel seines Buches aus-
geführt, wie Mirabeau und Sieyes. jeder in seiner
Eigenart, der Beeinflussung durch die Aufklärungsphilosophie
unterliegen. Seitdem sind wir durch F. Decrue in einer lehr-
reichen Studie noch eingehender über die nahen Beziehungen,
die zwischen Mirabeaus politischen Anschauungen und den-
jenigen der Philosophen walten, unterrichtet worden II6). Auch
andere, wie namentlich Condorcet lir) und Babeuf ll8). haben
ihre Bearbeiter gefunden, während der charakteristischste und
bedeutendste von allen. Robespierre, bisher leer ausgegangen
zu sein scheint ll8 1.
Auf den folgenden Seiten soll diese Lücke nur insoweit
ausgefüllt werden, als dies für die Feststellung einer Ab-
hängigkeit Robespierrea von der Philosophie des 18. Jahrhunderts
in Betracht kommen kann. Vielleicht, daß so das beste und
idealste Stück Robespierrescher Theorie entwickelt wird. Frei-
lich ist hier Vorsicht geboten. Einmal steht der genaue Text
»1er Robespierreschen Reden nicht überall zuverlässig und ein-
heitlich genug fest120); neben so vielen gehaltenen Reden
mögen andere stehen, die nie gehalten worden sind I2lV. sodann
gilt von Robespierre ein Ahnliches wie von Hugo oder (iambetta
und anderen seiner Landsleute, nämlich daß bei ihm das
Wort leicht den Gedanken übertönt und bei allem Streben
nach klarer, logisch aufgebauter Diktion 122) in seiner ganzen
Art zu sprechen und zu schreiben ein Zug zu Hyperbel und
1 "" Les idees politiques de Mirabeau. Revue historique XXI (1883)
S. 257—290; XXII. S. U— 65, 329—344; XXIII. S. 304—354.
LeonCahen, Condorcet et In revolution francaise. Paris, these. DJ04.
- Alfred Espinas, La phüosophie sociale du XVIIIe siede et lu re-
volution. Paris 1898 (behandelt im 1. Teil: Babeuf et le Babouvisme).
1 19 Die in der Bibliographie Lansons genannte Arbeit von Deyrues-Dum£,
Les doett m es d< Robespierre 1907 ist mix nicht zugänglichgeworden.
120 [cb habe hier, ehe ich mich für einen bestimmten Text entschied.
umständlich vergleichen müssen. Im allgemeinen hat sich der Text der
Archives Parlementaires als zuverlässiger erwiesen, als ich anfänglich
annahm. Sonst habe ich besonders die Auswahl von Vellay Discours et
rapports de Robespiern Paris 1908] zitiert. Eine „kritische" Ausgabe
abwarten zu wollen, halte auch ich mit A. Wahl. Robespierre (Tübingen
1910. S. &2 Aum. für überflüssig. Der eiste Band der (Euvres completes
de Maximüien Robespierre, publiees par Victor Barbier et Charles Vellay
(Paris 1910^ kann mich nicht sonderlich dazu ermutigen.
i21 , Wie die Bede, die in den Archives parlementaires de 1787 ä
1860, l^e serie. \X1 (Paris 1885) S. 238 ff. abgedruckt ist. Vgl. auch Wahl,
Robespierre (Tübingen 1910> 8. 11.
1-- Lotheissen, Literatur und Gesellschaft in Frankreich zur Zeit der
Revolution 1789—1794 (Wien 1872) S. 73 urteilt zu einseitig; „Was er
424 Kurt Glaser.
Pathos steckt, der mehr als einmal über das Maß dessen, was
man sonst bei Franzosen gewohnt ist. weit hinausgeht. Dazu
tritt, daß sieh Robespierre in Gedanke und Ausdruck auf be-
stimmte Formeln und Schlagwörter festlegt und mit ihnen wie-
mit richtunggebenden, unentbehrlichen Begriffen operiert. Sein
ganzer Ideenkreis ist wie der anderer Revolutionsmänner121)
in der Grundvorstellung verankert, daß die Gesamtheit der
Franzosen in die beiden großen Kategorien der beherrschten,
besitzlosen Tugendhaften, die er mit den Vaterlandsfreunden
identifiziert, und der herrschenden, besitzenden Schlechten,
der Vaterlandsfeinde zerfällt l2*), und darum seine Tätigkeit
im Dienste des Vaterlandes zugleich dem Wohle der Mensch-
heit zugute kommen müsse. Vor allem aber ist Robespierres
Ideenwelt nichts ein für allemal Feststehendes, kein starres
unwandelbares Gedankengebilde, sondern ist im Laufe der
Zeit durch eine tiefgreifende, ihre ganze Art und Richtung
(Robespierre) sagte, war klar und durchdacht ; doch blieb er, besonders in
der ersten Zeit seiner politischen Tätigkeit, stets nüchtern und frostig.
Daß man ihm später mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte, hatte weniger
in seinem Talente, als in der Furcht vor ihm seinen Grund."
,23) Hingewiesen sei hier auf Danbans urteil über Marat: „Ce philan-
thrope teroce divisait l'humanite en deux parties: l'iuie deguenillee, qu'il
appelait le peuple : l'autre en veste et en habit. dans laquelle pele-mele il
rangeait les accapareurs, les riches, les traitres, les boulangers, Brissotins,
epiciers, Rolandistes," etc. etc. (Et ade mr Madame Uoland et son temps,
Paris 1864. S. (JLXXX). Vgl. auch Lotheissen, Literatur und Gesellschaft
in Frankreich S. 40.
]-4) ..Les amis de la patrie" (Arch. Pari. XXI. S. 243), ..les ennemis
de nutre liberte" Arch. Pari. XXI. S. 248), „les faux amis de la liberte"
{Anh. Pari. XXI. S. 249), ..les (meilleurs) amis de la liberte" Arch. Pari.
XI. S. 211). „les hommes en place-' {Arch. Pari. XXVI. S.693), „tous les
bons citoyens" Anh. Pari. XX. S. 37), ..les ennemis de la Revolution"
(Anh. Pari. XXVI. S. 6ö.">:, „les ennemis de la libert6" (6d. Vellay S. 32,
170). ..les plus dangereux ennemis de la patrie" ed. Vellay S. 36) qui
voudra tenir les renes du gouvernement? Qui? Les hommes vertueux,
disjnes d'aimer leur patrie. . . ." (ed. Vellay 8. 40). „ies intrigants de la cour
et tous les ennemis du peuple" (ed. Vellay S. 147 1. „les amis de la raison
et de la liberte" (ed. Vellay S. 172). „les bons citoyens" «ed. Vellay S. 175.
179). „les amis de la liberte" (ed. Vellay 8. 179. 184. L90), ..les patriotes"
(ed. \'ellay S. 182) etc. etc. Vgl. damit bei Maral: ..les vrais citoyens"
(Correspondance, ed. Vellay S. 107). ..les ennemis de la patrie" (Correspon-
dance S. 12n. Pamphlets, ed. Vellay S. 31), ..les vrais patriotes" (Corre-
spondance S. 169). ..les bons citoyens" Correspondance S. 192. Pamphlets
8. 205), „les coeurs honnetes" (Correspondance S. 231), „les ennemis publics"
(Pamphlets S. 127). ..les ennemis de ITEtat" (Pamphlets S. 110), ..les sangflues
de l'Etat" {Pamphlets S. 7ö. 97). ..les traitres ä la Patrie" I Pamphlets S. »S7 .
„les gens en place" (Correspondance S. 148V „les hommes süperbes et vains
qui se parent des depouilles du peuple. les hypoerites qui l'egarent, les
gens de loi qui hü vendent la justice, les intrigants qui cherchent ä t'as-
servir, les t'ripons qui travaillent ä l'affamer. les scelerats qui s'efforcent
de la replonger dans l'abime, et, pour tont dire. en un niot. les ennemis
publics . . ." (Pamphlets S. 122) etc. Ebenso Saint- Just: ..tous les mechants
sont pour le roi" (CEuvres, ed. Vellay I. S. 397). ..les mauvais citoyens"
(II. S. 113), ..les mechants" (II. S. 161), „les ennemis de la patrie- II
8. 320). etc.
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 425
■umstürzende Wandlung stark in ihr Gegenteil verkehrt wurden.
Aus dein Individualisten der ersten Revolutionsjahre, der das
Recht des ein/einen im Widerstreit mit der Allgemeinheit
gewahrt seilen will, ist der schroffste Vertreter des Staats-
gedankens, aus dem /anhaften Royalisten der radikale Repu-
blikaner geworden. Der tiefe Bruch, der in Robespierres
(Entwicklung liegt, trägt nicht dazu bei. die Peststellung seiner
aus der Philosophie des 18. Jahrhunderts übernommenen Ge-
danken zu erleichtern. AVas ist wahre Gesinnung'.' Was ist
Maske.' Was ist Politik'.' Solche Fragen erheben sich auf
'Schritt und Tritt und mahnen zur Beschränkung. Aber soviel
läßt sich mit Sicherheit feststellen, daß Montesquieua Einfluß
auf Robespierre nicht zu verkennen ist. Bei ihm hat er die
Kunst gelernt, die Betrachtung und Wertung des Einzelnen
in den Zusammenhang des Ganzen zu rücken und seine Aus-
führungen an leitende Gedanken, an „principes" zu knüpfen.
Es ist dieselbe Methode, nach der auch der Abbe Sieyes ar-
beitet1-'5!, nur ist sie bei Robespierre viel konsequenter und
extremer durchgeführt. Nach dieser Methode pflegt er alles
und jedes. Wichtiges wie Unwichtiges, zu behandeln, die Frage
der Geschworenengerichte, die Frage der Organisation der
Nationalgarde 126), die Constitution du clerge 1-7), die Frage der
Einverleibung von Avignon 12s) und was es sonst noch sein mag.
Mit der wesentlichen Eigenheit seiner Methode übernimmt
;Robespierre von Montesquieu zugleich eine ganze Reihe von
1*5) Qu'est-ce que le Tiers Etat f (ed. Champion) S. 44: ..II taut re-
uionter aux principes". S. 65: ..II en taut toujours revenir aux principe*
simples, eomme plus puissants que tous les efforts du genie" und auch sonst
uoeh mehrfach ähnlich.
1-'' In seiner Rede vom 4. Januar 1791 {Arch. Pari. XXII. S. lOff.)
sagt >i gleich im Anfang: „Pour decider cette question, remontons aux
Premiers principes de tonte procedure ciiminelle." Ähnlich in seiner Rede
vom 20. Januar 1791 (Arch. Pari. XXII. S. 348). 21. Januar 1791 {Arch.
Pari. XXII. S. 361, 362), 1. Februar 1791 {Arch. Pari. XXII. S. 660, 661.
Hier schließt er mit der bezeichnenden Wendung: ..je demande, pour
l'hoinieur de nos principes, que cette proposition soit rejetee sur-le-champ"),
2. Februar 1791 {Arch. Pari. XXII. S. 718. ö. Februar 1791 {Arch.
Pari. XXII. S. 760 ff. (Entwurf seiner Hede vom ö. Dezember 1790 (Arch.
.Pari. XXI. S. 238). Rede vom 28. Januar 1791 [Arch. Pari. XXII. S. 540. 541) :
..il faut consid6rer ce Systeme dans son ensemble. II faudra examiner,
avec la plus grande attention, s'il est conforme aux principes de ['Organi-
sation . . "' Das ist der einzige Gesichtspunkt, den er in wenigen Worten
in die Debatte wirft! Ähnlich Arch. Pari. IX. S. 381 (7. Oktober 1789).
Am 15. April 179.'i spricht er den Grundsatz aus : le moyen de marcher
•vite. c'est de poser d'abord les principes, dont il ne reste plus ensuite qua
tirer les consequences" {Arch. Pari. LXII. S. 123).
l27) Arch. Pari XVI. S. 3 ff. (31. Mai 1790) und S. 15h (9. Juni 1790).
lM) Arch. Pari. XX. S. 525: „Ce n'est pas sur l'etendue du territoire
avignonnais que se mesure l'importance de cette affaire, mais sur la hanteur
des principes qui garantissent les droits des hoiumes et des nations. La
cause d'Avi^non est celle de l'univers; eile est celle de la liberte". ... Zu
beachten ist. wie schwülstig er wird, wenn es sich um seine „principes"
handelt. Ferner Arch. Pari. XX. S. 525ff. (18. Xovember 1790).
426 Kurt Glaser.
Gedanken, die er in manchen Rillen in einer der Montesquieu-
Bchen Formulierung verdächtig nahekommenden Weise aus-
spricht. An Montesquieu, oder wenigstens in erster Linie an
ihn. erinnert die Betonung der Eigentümlichkeiten des Volks-
und Landescharakters als Quelle für die Vorteile oder Nach-
teile staatlicher Einrichtungen : „les avantages et les vices
d'une institution dependent presque toujours de leurs rapporte
avec les autres parties de la legislation. avec les usages. les
mu^urs dun pays. et une foule d autres circonstances locales
et particulieres1' (Rede vom b. Februar 1791, ed. Vellay 8.3).
Von Montesquieu entlehnt Robespierre die Theorie von
der Teilung der Gewalten VIV) und die Bewunderung der eng-
lischen Verfassung und Freiheit 13°). und dem tut es keinen
Eintrag, wenn er diese Bewunderung bei gegebener Gelegen-
heit einschränkt l31V Esprit des Uns XL 6 spricht Montesquieu
den Gedanken aus. daß das Volk in seiner Gesamtheit den
wahren Inhaber der souveränen Gewalt darstelle und das
jedem einzelnen freien Menschen von der Natur gegebene
Seibatbestimmungsrecht auch für sich in Anspruch zu nehmen
berechtigt ist; freilich stößt die Ausübung dieses Rechts auf
Schwierigkeiten: ihre Überwindung kann nur in der Weise
erfolgen, daß das Volk die ihm als Gesamtheit zustehenden
Befugnisse in die Hände einer zu diesem Zweck erwählten
Vertreterschaft legt. Auch diesen Gedankengang hat sich
Robespierre zu eigen gemacht und in seiner Programmrede
vom 21. September 1789 (Arc/t. Pari. IX. S. 79) entwickelt.
Neben der gewiß nicht mehr zufälligen inhaltlichen Überein-
stimmung lassen sich auch textliche Anklänge feststellen.
Montesquieu. Esprit des lots XL 6: Robespierre, Arch. Pari IX. S. 7i* :
„Comme dans un Etat lihre „Comme une arraude natiunne peut
tout homme qui est cense avoir exercer encore la puissance legislative et
une änie libre doit etre gouverne qu'nne petite ne le doit peut-etre pas.
par hü-meme, il faudrait que le eile en confie Texercice a des represen-
peuple en corps eut la puissance tants, depositairea de son ponvoir. Mais
legislative; mais comnie cela est alors il est evident que la volonte de ces
iinpoaaible dans les grands Etats, representants doit etre regardee et les-
et est snjet ä beaueoup d'incon- pectee conime La volonte de la nation:
venients dans les petits, il faut qu'elle doit en avoir necessaireinentrauto-
que le peuple fasse par ses re- rite sacree et superieure a tonte volonte
presentants tout ce qu'il ne peut particuliere, puisque saus cela la nation
faire par lui-meme." qui n'a pas d'autre moyen de faire des lois
serait en effet depouillee de sa puissance
legislative et de sa souverainete."
m) „Que le pouvoir soit divise : il vaut mieux multiplier les fonc-
tionnaires publies qne de confier ä quelques-uns une autorite trop redoutable.
Que la legislation et l'execution soient separees soisrneusement" (ed. Vellay
S. 262. Rede vom 10. Mai 1793).
,3") ed. Vellay S. 11. 12 (Rede vom 5. Februar 1791).
W1) ed. Vellay S. 92 (Rede vom 11. August 1791) und S. 261 (Rede
vom 10. Mai 1793).
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 42?
Ahnliche Übereinstimmungen finden sich auch sonst.
Montesquieu schreibt Esprit des lois II. 2: „Le peuple qui a
la souveraine puissance doit faire par lui-meme tout ce qu'il
peut bien faire: et ce qu'il ne peut pas bien faire, il taut
qu'il le fasse par ses ministres." Dem entspricht der Satz
Robespierres : „La democratie est un etat oü le peuple sou-
verain. guide par des lois qui sont son ouvrage. fa.it par
lui-meme tout ce qu'il peut bien faire, et par des delegues
tout ce quil ne peut faire lui-meme1' l3?).
An anderer Stelle heißt es im Esprit des lois III. 3: „Du
principe de la democratie. 11 ne faut pas beaucoup de pro-
bite pour qu'un gouvernement monarchique ou un gouver-
nement despotique se maintiennent ou se soutiennent. La force
des lois dans Tun. le bras du prince toujours leve dans l'autre,
reglent ou contiennent tout. Mais dans un Etat populaire. il
faut un ressort de plus, qui est la vertu." Montesquieu führt
hier und in den folgenden Kapiteln weiter aus, was er in dem
„Avertissement1' seines Esprit des lois ausgesprochen : „ . . . la
vertu dans la republique est l'amour de la patrie. c'est-ä-dire
l'amour de l'egalite. Ce n'est point une vertu morale ni une
vertu chretienne, c est la vertu politique ; et celle-ci est le
ressort qui fait mouvoir le gouvernement republicain, comme
l'honneur est le ressort qui fait mouvoir la monarchie. J'ai
donc appele vertu politique lamour de la patrie et de l'egalite. u
Robespierre drückt denselben Gedanken aus in den Worten :
.. Quel est le principe fondamental du gouvernement demo-
cratique ou populaire. c est-ä-dire le ressort essentiel qui le sou-
tient et qui le fait mouvoir? Cest la vertu . . ."1S3) „Non seule-
ment la vertu est l'äme de la democratie: mais eile ne peut exister
que dans ce gouvernement. Dans la monarchie, je ne connais
qu'un individu qui peut aimer la patrie. et qui. pour cela. na
pas meme besoin de vertu: cest le monarque. La raison en
est que de tous les habitants de ses Etats, le monarque est le
seul qui ait une patrie ... II n'est que la democratie oü
l'Etat est veritablement la patrie de tous les individus qui le
composenr. et peut compter autant de defenseurs interesses
a sa cause qu'il renferjne de citoyens . . . Puisque l'äme de
la Republique est la vertu, l'egalite . . ."134) „Si le ressort
du gouvernement populaire dans la paix est la vertu, le ressort
du gouvernement populaire en revolution est ä la fois la vertu
et la terreur: la vertu, sans laquelle la terreur est funeste:
la terreur, sans laquelle la vertu est impuissante. La terreur
IU) ed. Vellay S. 327 (Rede vom 5. Februar 1794). Vgl. ferner Arch.
Pari. XVI. S. 156 : „Cest au peuple, c'est ä lui, qui uomme les autres officiers
publics. c'est ä lui, en qui reside la souverainete. qu'appartient le droit de
choisir les miuistres du culte et surtout les eveques . . ." (9. Juni 1790).
"») ed. Vellay S. 327 (5. Februar 1794).
'»♦) ed. Vellay S. 328 (5. Februar 1794).
128 Kur/ Glaser.
n'e8t autre cho.se que la justice prompte, severe, inflexible;
•eile est donc une emanation de la vertu; eile est moins un
principe particulier qu'une consequence du principe general
de la democratie applique aux jtlns pressants besoint) de la
patrie" 18*). „Que conclure de r < > vi r ce que je viens de dire?
<^ue l'immoralite est la base du despotisme, comme la vertu
est i'essencc de la Republiquc-' 136).
Noch in einem weiteren Fall entspricht der inhaltlichen
Übereinstimmung eine textliche Konkordanz. Esprit des loia
KI. 3 lesen wir: ,. II est vrai que dans les democraties le
peuple parait faire ce qu'il veut; mais la liberte politique ne
eonsiste j>oint a faire ce que Ion veut ... 11 faut se mettre
dans l'esprit ce que c'est que l'independance. et ce que c'est
que la liberte. La liberte est le droit de faire tout ce que
les lois permettent . . ." Kobespierre gibt folgende Fassungen:
„Le citoven a le droit de faire tour ce que les lois civiles
et politiques ne defendent pask' 13T). „La liberte consiste a
obeir aux lois qu'on s est donnöes. et la servitnde ä etre
•contraint de se soumettre a une volonte etrangereu 1M). ,,La
liberte est le pouvoir qui appartient ä l'homme d'exercer. ä
•son gre. toutes ses facultes. Elle a la justice pour regle, les
droits d'autrui j>our bornes, la nature pour principe, et la loi
pour sauvegarde" l39).
Muß es schon nach diesen — lange nicht erschöpften —
Feststellungen schwerfallen, an einer Beeinflussung Robespierres
durch Montesquieu zu zweifeln, so kann die noch innigere
Gedankengemeinschaft mit Rousseau, „qui seul doit etre la
regle de tout gouvernement".14") uns vollends keinen Zweifel
mehr darüber lassen, wo sich Robespierre seine politische
Weisheit geholt hat141).
Beide, Rousseau und Robespierre, hatten sich auch im
Leben gesehen. Eine Fülle stolzer Erinnerungen las für Robes-
£>ierre in den Worten, die er in seiner begeisterten DMicace
,a») h1. Vellay 8. 332 (5. Februar 1794 .
,,e) ed. Vellay S. 354 (7. Mai 1794).
iiT) Le D&fenseur de la Constitution Paris I792i Nr. -. S. 88.
'") An-/,. Pari XI. s. 820 = ed. Vellay S.91.
"•) ed. Vellay S. 250 (Rede vom 24. April 1 7HH . Vgl. ferner: „Kay.-/.
la manie ancienne des Gouvernements de vouloir trop gouverner; laissez
aux individus. laissez aux familles le druit de faire ce qui ne nuit point
a autrui ; laissez aux communea le pouvoir de regier elles-niernes leurs
propres affaires, en tout ce qui ne tient point essentiellement a l'admini-
stration generale de la republique. En un mut. rendez a la liberte. in-
dividuelle tout ce qui n'appartient pas naturellenieut ä l'autorite publique,
et vous anrez laisse* d'autant moins de prise ä l'ambition et a l'arbitraire1-
(ed. Vellav S. 2H3. 2B4. 10. Mai 1798).
'••) Robespierre, Arch. Pari IAH. S. 122 (15. April 1798 .
W1) Auch außerhalt) der rein politischen (Gedankenkreise, aus denen
Robespierre allerdings nur selten heraustritt, können wir ihn auf Rousseau*
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 429
aux mänes de J. .f. Rousseau dem Genfer Philosophen gewidmet
hat: „Je t'ai vu dans tes derniers jours. et ce Souvenir est
pour moi nne source d'une joie orgueilleuse. j'ai contemple
tes traits augustes, j'y ai vu l'empreinte dos noira chagrins,
auxquels t'avaient condamne les injustices des hommes. Des
lors. j'ai compris toutes les peines d'une noble vie qui
se devoue au culte de la verite; elles ne m'ont pas eft'raye.
La confiance d'avoir voulu le bien de ses semblables est le
salaire de l'homme vertuenx; vient ensuite la reconnaissance
des peuples, qui environne sa memoire des honneurs qne lui ont
donnes ses eontemporains. Oomme toi, je voudrais acheter
ces biens au prix d une vie laborieuse, au prix meme d un
trepas prämature ... Je veux suivre ta trace veneree, dusse-
je ne laisser qu'un noin dont les siecles ä venir ne s'informeront
pas: heureux. si, dans la perilleuse carriere qu'une revolution
inouie vient d'ouvrir devant nous, je reste constamment fidele
aux inspirations que j'ai puisees dans tes ecrits" (Oeuvres, ed.
Laponneraye II, S. 475). Auch sonst sind die Zeugnisse aus
Robespierres Mund über die Dankesschuld, zu der er sich
den Denkern seines Jahrhunderts gegenüber verpflichtet weiß,
zahlreich und aufrichtig genug, um für die Beurteilung des
Verhältnisses zwischen Aufklärung und Revolution ins Gewicht
zu fallen, und nicht weniger häufig ist die Berufung auf
Rousseau oder die Philosophen, durch die er seinen Dar-
legungen Nachdruck zu verleihen sucht. Zu beachten ist
dabei besonders, wie stark er den Akzent darauf legt, das
Werk der Revolution als die praktische Durchführung der
Gedankenarbeit der Philosophen gewertet zu sehen. I42)
Spuren ertappen. So in dein folgenden Satz ; „ . . . il semble du moins
qu'echappe au tourbillon des affaires, 011 respire dans une atmosphere plus
paisible et plus pure, et que Ton porte sur les hommes et sur les choses
im jugenient plus certain, ä peu pres comme celui qui fuit le tumulte des
cites. pour s*elever sur le sommet des montagnes, sent le calme de la nature
penetrer dans son äme, et ses idees s'agrandir avec l'horizon" (Le Def'en-
seur de la Constitution. Prospectus. April 1792. Vellay S. 176). Im
Vorbeigelien sei ein Anklang au einen bekannten Satz von Beaumarchais
bei Sieyes. Essai sur les Privileges (1788) angemerkt: „Quant aux Privi-
leges, il leur a sutti de naitre" (ed. Champion. Paris 1888. S. 18).
,42) In seiner Rede vom 21. September 1789 bezeichnet Robespierre
die französische Verfassung als „le chef d'oeuvre des lumieres de ce siecle"
{Arch. Pari. IX. S. 79) und charakterisiert bei späterer Gelegenheit (Rede
vom 14. Dezember 1790. Arch.Parl.XX.I, S. 466) die französische Revolution
als eine solche „qui ne s'est faite dans le gouvernement que parce qu'elle
■etait preparee dans les esprits." Ferner: „Les hommes illustres, dont le
genie a prepare cette glorieuse revolution, sont enfin places, par nous, au
ran«; des bienfaiteurs de l'humanite . . . L'homme de genie qui revele de
grandes verites ä ses semblables est celui qui a devance l'opinion de sou
siecle : la nonveaute hardie de ses coneeptions effarouche toujours leur faiblesse
et leur ignorance: toujours les prejnges se ligueront avec l'envie, pour le
peindre sous des traits odieux ou ridicules. C'est pour cela precisement que
le partage des grands hommes fut constamment l'ingratitude de leurs cou-
ZUchr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV 1 ». 30
430 Kurt Glaser.
Es ist schade, daß uns von Robespierres Publikationen
vor der Revolution nur wenig erhalten oder zugänglich ist
im Vergleich zu dem, Mas wir etwa von Mirabeau besitzen.
Die von Victor Barbier und Charles Vellay unternommene
teiuporains, et les hommages tardifs de la posterius c'est pour cela que la
superstition jeta Galilee dans les fers et bannit Descartes de sa patrie.
Quel sera donc le snrt de cenx qni, inspires par le genie de la liberte, vien-
dront parier des droits et de la dignite de l'hoimue ä des peuples qui les
ignorent ? Ils alarment presque e sjalement et les tyrans qn'üs demasquent,
et les esclaves qu"ils venlent eclairer. Avec quelle facilite les premiera
n'abuseraient-ils pas de cette dispositiun des esprits, pour les persecuter au
nom des lois! Rappelez-vous pourquoi, pour qui s'ouvraient, parmi vous,
les cachots du despotisme; contre qui (Hait dirige le glaive meine des
tribuuaux. La persecution epargua-t-elle l'eloquent et vertueux philosophe
de Geneve? II est mort; nne graude revolution laissait. pour quelques
moments du uioins. respirer la verite, vous lui avez decerne une statue: vous
avez honore et secourn sa veuve au nom de la patrie ; je ne conclurai pas
meme de ces hommages que. vivant et place su le theätre oü son genie
devait l'appeler, il n'essuyät pas au moins le reproche si banal d'homme
morose et exagere" (ed. Vellay S. 28, 29. — 11. Mai 1791) „Je pourrais
observer que la Revolution a rapetisse bien des grands hommes de l'ancieu
regime; que, si les acadeniiciens et les geometres que M. Brissot nous pro-
pose pour modeles, ont combattn et ridicuüse les pretres. ils n'en out pas
moins courtise les grauds et adore les rois. dont ils ont tire un assez bon
parti ; et qui ne sait avec quel acharnement ils ont persecute la vertu
et le geuie de la Liberte daus la persoune de ce Jean-Jacques dont j'apenjoifl
ici l'image sacrSe, de ce vrai philosophe qui seul, ä mon avis, entre tona
les hommes celebres de ce tempsdä, merita ces houneurs publics prostitues
depuis par Tintrigue ä des charlatans politiques et ä de meprisables heros"'
(ed. Vellay S. 164, 165. — 27. April 1792). „Parmi ceux qui, du temps dont
je parle, se sigualereut daus la carriere des lettres et de la pbilosophie, un
homme, par l'elevation de sou äme et par la graudeur de son caractere,
se montra digne du ministere de precepteur du genre humain. II attaqua
la tyramiie avec frauchise ; ü parla avec enthousiasme de la divinite ; son
eloquence male et probe peignit eu traits de flamme les charmes de la
vertu : eile defeudit ces dogmes cousolateurs que la raison donue pour appui
au coeur humain ; la purete de sa doctrine, puisee dans la nature et dans
la haiue profonde du vice, autant que son mepris invincible pour les sophistes
intrigants qui usurpaient le nom de philosophes. lui attira la haine et la per-
secution de ses rivaux et de ses faux amis . . ." ^ed. Vellay 8. 365. — 7. Mai
1794). „Lisez ce que Rousseau a ecrit du gouvernement representatif, et vous
jugerez si le peuple pent dormir impunement" (ed. Vellay S. 134. — 2. Januar
1792). „Quel scrupule enchaine encore votre zeleV Je n'en trouve le motif,
ni dans les principes des amis de rhumanite, ni dans ceux des philosophes.
ni dans ceux des hommes d'Etat, ni meme dans ceux des praticiens les plus
subtils et les plus epineux . . ." (ed. Vellay S.225. — 28. Dezember 1792.)
„La gloire de la Convention nationale consiste ä deployer un grand carac-
tere et ä immoler les prejuges serviles aux principes salutaires de la rai-
son et de la Philosophie . . ." (ed. Vellay S. 228. — 28. Dezember 1792.)
„Les lois de la justice eternelle etaient appelees dedaigneusement les reves
des gens de bien ; nous en avons fait d'imposantes realites. La morale etait
dans les livres des philosophes; nous l'avons mise dans le gouvernement
des uations" (6d. Vellay S. 305. — 5. Dezember 1793). „Nous voulons. en
un mot, remplir les voeux de la nature, accomplir les destins de 1'huraanite,
tenir les promesses de la philosophie, absoudre la providence du long regne
du crime et de la tyrannie" (ed. Vellay S.326. — 5. Febr. 1794). „Les peuples
de l'Europe ont fait des progres etonnants dans ce qu'on appelle les arts-
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 431
Ausgabe seiner Oeuvres completes, die bis jetzt noch nicht
über den ersten Band (Paris 1910) hinausgediehen ist, umfaßt
nur seine oeuvres judiciaires. Aber auch schon diese genügen,
um den Einfluß der Philosophen auf den jungen Advokaten
von Arras erkennen zu lassen. Wiederholt beruft er sich,
seine juristischen Darlegungen ganz im Sinne der Zeit „philo-
sophisch" vertiefend, auf Montesquieu;1*3) andere Stellen144)
lassen neben der Bekanntschaft mit Montesquieu auf eine solche
mit Grotius, Baco, Leibniz und Condillac schließen. Ein
anderes Mal l45) entwickelt er mit solcher Deutlichkeit
Rousseausche Gedanken, daß die Herausgeber es wahrlich
nicht noch besonders nötig gehabt hätten, auf den Contrat
Social als die Quelle der Robespierreschen Weisheit aufmerk-
sam zu machen.
Das war am Vorabend der Revolution in den Jahren
1786 und 1787. Die Reden aus der Revolutionszeit selbst
geben natürlich ein ungleich reichhaltigeres und wertvolleres
Material an die Hand.
Die These, die Rousseau in den Eingangsworten seines
Contrat Social I. 1 ausspricht: „L'homme est ne libre. et
partout il est dans les fers", ist auch die seinige. „L'homme
est ne pour le bonheur et pour la liberte, et partout il est
esclave et malheureux". 146) Auch für Rousseaus Gleich-
heitsideal trägt Robespierre seine Sympathie offen, ja fast
aufdringlich zur Schau. „Nous voulons l'egalite des droits,
parce que, sans eile, il n'est ni liberte ni bonheur social . .u.147)
et les sciences, et ils seinblent dans l'ignorance des premieres nutions de
la inorale publique. Ils connaissent tont, excepte leurs droits et leurs devoirs.
D'oü vient ce melange de genie et de stupidite? De ce que, pour chercher
ä se rendre babile dans les arts, il ne faut que suivre ses passions, tandis
que. pour defendre ses droits et respecter ceux d'autrui, il taut les vaincre.
II en est une autre raison : c'est qne les rois qui fönt le destin de la terre
ne craignent ni les grands geometres, ni les grands peintres, ni les grands
poetes, et qu'ils redoutent les philosophes rigides et les defenseurs de l'hu-
manite" (ed. Vellay S. 349. — T.Mai 1794). „A quoi se reduit donc cette
science mysterieuse de la politique et de la legislation? A niettre dans
les lois et dans l'administration les verites morales releguees dans les livres
des pbilosophes . . ." (ed. Vellay S. 352).
us) S. 221, 421.
14*) S. 337, 412, 413.
,46) S. 463.
"•) ed. Vellay S. 255 (Rede vom 10. Mai 1793). Vgl. auch in der Rede
vom 7. Mai 1794: „La nature nous dit que l'bomme est ne pour la liberte,
et l'experieuce des siecles nous montre l'honinie esclave" (ed. Vellay S. 348).
U7) Defenseur de la Constitution (Paris 1792) nr. 1. Vgl. ferner in
seiner Rede vom 9. Juni 1790 die Stelle, wo er von der „egalite des droits
politiques, qui est la base de la Constitution" spricht (Arch. Pari. XVI,
S. 156) sowie die Stelle seiner Rede vom 16. Juni 1790: „Le legislateur
doit travailler ä diminuer le nombre des malheureux, et pour cela il ne.
suffit pas de remettre des trösors entre les mains de quelques-uns, et de
les charger de les repandre. Non, les legislateurs ne soumettront pas la
vie des hommes, le bonheur du peuple, au caprice et ä l'arbitraire de
30*
432 Kurt Glaser.
..11 oe taut poinr vidier l'egalite ni conoentrer les dignitea
dans la classe la plus riche de la nation . . . tout citoven
francais [doit etre| admissible ä tous les emplois saus autre
distinction que celle des vertus et des talents . . .". utr) ,.Tous
lea hommes sont egaux au\ yeux de la raison et de la
justice. 11 oe taut point alterer cettc verite eternelle". 149)
Im Namen der Gleichheit fordert er, über Rousseau hinaus-
gehend, mit einer in allen Wandlungen der Zeit gleich-
bleibenden Beharrlichkeit das allgemeine Wahlrecht und lehnt
sich im Namen der Gleichheit gegen jedes Standesvorrecht
auf. ,.Tous les hommes nes et domicilies en France sont
membres de la societe politique. qu'on appelle la nation
franeaise. c'est- a-dire citoyens francais. 11s le sont par la
nature des choses et par les premiers principes du droit des
geus. Les droits attaches ä ce titre ne dependent ni de la
fortune que chacun d'eux possede, ni de la quotite de limpot ä
laquelle il est soumis. parce que ce nest point limpot qui
nous fait citoyen ; la qualite de citoven oblige seulement ä
contribuer ä la depense commune de lEtat, suivant ses
faculteV'. 150) ,.Yoici. Messieurs, le moyen que je vous propose,
c est de declarer que tous Francais. c'est- ä-dire tous les
hommes nes en France, ont droit de jouir de la plenitude
des droits de citoyens et sont eligibles tous egalemenr'. 151)
„Je fais la motion que tout Francais domicilii soit declare
citoyen actif et eligible". l52) „Je dis que tout homme, que
tout citoyen francais a une garantie süffisante de son aptitude
ä recevoir toutes les marques possibles de la confiance de
ses concitoyens dans la qualite d'homme et de citoyen. je
dis que tout homme qui na point commis un crime, qui
nest point un infame, est non seulement presume par le
choix de ses concitoyens. mais par sa simple qualite d'homme
et de citoyen. etre digne de la confiance de ses concitoyens:
je dis qu il nest pas yrai qu il faule etre riche pour tenir ä
sa patrie: je dis qu il est pour les hommes des interets
sacres et touchants qui attachent ä ses semblables et ä la
societe, des interets absolument independants de la fortune
et de tel ou tel degre de richesse ou de contributions ; ces
interets sont les interets primitifs de l'homme: c'est la liberte
individuelle, ce sont les jouissances de Tarne, c'est l'interet
quelques hommes; c'est par les grandes vues de l'administration qu'ils peuveut
secourir les malheureux ; c'est eu reforuiaut les lois qui outragent L'hnmanite,
c?est en faisaut que des lois egales pour tous frappent egalement sur tuus
et ])rotögi'iit tous les bons citovens saus distinction" (Arch. Pari. XVI,
S. 237).
'") Arch. Pari. XXIX, S. 360 (11. August 1791).
'*•) Arch. Pari LXII. S. 705 (19. April 179:5).
,6°) Arch. Pari. XI, S. 321 = Vellay S. 91.
,6'i Arch. Pari. XXVI. S. 580 (28. Mai 1791).
Ul) ib. 8.582.
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 433
qu'on attache ä la propriete la plus petite . . .". l5S) „Elle
(d. h. die Verfassung) s'est depouillee de l'odieuse distinction
entre les citoyens passifs et les citoyens actifs, qui etait une
injure pour l'humanite . . .". 15+) „Non, citoyens, nous devons
ä la nation une Constitution fondee sur les droits impres-
criptibles de l'homme, de l'homme ä l'etat de nature et de
l'homme daus la societe. C'est le seul moyen de donner un
gage ä la nation que nous respecterons veritablement sa
liberte . . . une Constitution libre, fondee sur le bonheur de
tous et sur celui de chaque individu, une Constitution basee
sur les droits. Certes, c'est ce dernier mode de gouvernement,
cette Constitution republicaine fondee sur les principes eternels
de la raison et de l'humanite, que nous desirons tous ici ;
mais pour y arriver, il laut proclamer les droits eternels de
l'homme . . .". 155)
Mit ähnlicher Bereitwilligkeit und Geschäftigkeit macht
er sich zum Fürsprecher der von Rousseau verkündeten
Rechte des Individuums und bricht geräuschvoll seine Lanze
für die persönliche Sicherheit, 156) die freie Meinungsäuße-
rung 157) sowie das Widerstandsrecht des Staatsbürgers.
Ebenso macht er sich Rousseaus Ansichten von der Ent-
stehung des Staates und dem Ursprung der Souveränität zu
eigen. Demgemäß stellt er dem Naturzustand, in dem die
Menschen ursprünglich gelebt, die „association civile" gegen-
über158) (bei Rousseau 1. 6: „association") und sieht die Form
der Entstehung des Staates in dem „pacte par lequel chaque
citoyen s'est soumis ä la loi generale, lorsque la societe
entiere qui. dans la purete des maximes sociales, devrait exercer
cette fonction. est obligee, parce qu'elle est trop nombreuse,
de la deleguer ä un tres petit nombre d'hommes".159) Die erste
Wirkung des Staates ist die, daß sich die Sonderrechte des
einzelnen zu dem Rechte der Gesamtheit verdichten : „tout
homme a. par sa nature. la faculte de se gouverner par sa
volonte: les hommes reunis en corps politique, cest-ä-dire
une nation. ont par consequent le nieme droit". l60)
]") Arch. Pari. XXIX, S. 361 (11. August 1791).
"*) Arch. Pari. LXII, S. 125 (15. April 1793).
,6B) Arch. Pari. LXII, S. 125.
"•) Arch. Pari. XXVII, S. 747 (5. Juli 1791).
,87) VgL seine Rede über die Preßfreiheit vom 11. Mai 1791 (ed. Vellay
S. 22 ff.).
,68) „Des que la societe a etabli et deterniine l'autorite publique qui
doit pronoucer sur les differends des citoyens; des qu'elle a cre6 les juges
destines ä leur rendre en son nom la justice qu'ils avaient droit de se faire
par eux-memes avant l'association civile . . ." Arch. Pari. XXI, S. 466
(14. Dezember 1790).
i") Arch. Pari. XXII, S. 718 (2. Februar 1791). Vgl. Rotisseau I. 6,
ed. Dreyfus-Brisac S. 31 und HI. 18, ib. S. 179.
m) Arch. Pari. IX. S. 79 (21. September 1789).
4>4 Kurt Glaser.
Seine Vorstellung von dem Souveränitätsbegriff ist die
des Contrat Social. Rousseau definiert den ,.souveraint( als
„au-dessus du juge et de la loi" (II. 5. ed. Dreyfus-Brisac
S. 63). und ebenso Robespierre: „au-dessus des lois1-'. 161)
Den Souveränitätswillen nennt Robespierre eine ,,faculte de
vouloir commune, compo&ee des facultes de vouloir parti-
culieres". I62) Mit Rousseau ordnet er den Gesamtwillen der
Nation jedem Einzelwillen über und tritt für die Unver-
äußerlichkeit des Souveränitätsrechtes ein : ,,Celui qui dit
qu'un homme a le droit de s'opposer ä la loi, dit que la
volonte dun seul est au-dessus de la volonte de tous. II
dit que la nation n est rien et qu'un seul homme est
tout . . .•'. l63) ,,Cette faeulte de vouloir commune, composee
des facultes de vouloir partieulieres, ou la puissance legislative,
est inalienable, souveraine et independante dans la societe
entiere. comme eile l'etait dans chaque homme separe de ses
semblablos'. l64) „Vous le savez. l'autorite des princes n'est
qu'une portion de la souverainete du peuple mise en depot
entre leurs mains ; ils ne peuvent donc ni la vendre. ni
l'aliener en aucune maniere. Le peuple meme ne le peut
pas, parce qu'il ne peut se depouiller de ces droits, attaches
ä la nature de l'homme. que la societe a pour but de proteger
et de maintenir, et quelle ne peut jamais detruire". l65) „La
souverainete est une. indivisible. et appartient ä la nation;
aucune section du peuple ne peut s'en attribuer l'exercice.
J'ajoute que la souverainete est inalienable . . . Les pouvoirs
ne peuvent etre ni alienes. ni delegues . . .". l66) „La souve-
rainete reside egalement dans tous les eitoyens qui forment
l'association politique. Ine partie d'entre eux ne peut en
depouiller l'autre : une partie ne peut retrancher l'autre de
la societe pour la soumettre ä un pouvoir etranger". 167)
Dem Satz Rousseaus IL 4 (ed. Dreyfus-Brisac S. 54. 55):
,,Comme la nature donne ä chaque homme un pouvoir absolu
sur tous ses membres, le pacte social donne au corps politique
un pouvoir absolu sur tous les siens: et c'est ce meme pouvoir
!•*) Le Defenseur de la Constitution. Paris 1792, nr. 4, S. 220.
,ei) Arch. Pari. IX; S. 79. Vgl. dazu Contrat Social I, 6 (ed. Dreyfus-
Brisac S. 33) : „ . . . cet acte d'association produit un corps moral et collectif
compose d'autant de membres que l'assemblee a de voix, lequel recoit de ce
meme acte son unite, son moi commuu, sa vie et sa volonte."
1M) Arch. Pari. IX, S. 79 (21. September 1789). Vgl. ferner Arch.
Pari. XX, S. 26.
li4) Arch. Pari. IX, S. 79. Vgl. damit Contrat Social II, 1 (ed. Dreyfus-
Brisac S. 47) : „Je dis donc que la souverainete, n'etant que l'exercice de la
volonte generale, ne peut jamais s'aliener . . ." Freilich hat Rousseau, wie
es seine Art ist, diesen Grundsatz bei gegebener Gelegenheit selbst durch-
brochen, vgl. Contrat Social III, 1.
m) Arch. Pari. XX, S. 526 (18. November 1790).
1«9) Arch. Pari. XXIX, S. 326 (10. August 1791).
!") Arch. Pari. XX, S. 526 (18. November 1790).
Aufklärung und Revolution in Frankreich. 435
qui. dirige par la volonte generale, porte . . . le nom de
souveraiuete-' entspricht der Satz Robespierres: „La souve-
rainete est le pouvoir qui appartient ä la nation de regier
ses destinees. La nation a sur elle-meme tous les droits
que chaque homme a sur sa personne et la volonte generale
gouverne la societe. comme la volonte particuliere gouverne
chaque individu isole"'. l68)
Es liegt, um noch ein Letztes zu erwähnen, ganz in der
Richtung und im Sinne des Rousseauschen Souveränitäts-
begiiffes, wenn Robespierre die Folgerung aufstellt: „II taut se
rappeler que les gouvernements, quels qu'ils soient. sont etablis
par le peuple et pour le peuple, que tous ceux qui gouvernent,
et par consequent les rois eux-memes. ne sont que les manda-
taires et les delegues du peuple, que les fonctions de tous
les pouvoirs politiques et par consequent de la royaute sont des
devoirs publics et non des devoirs personnels ni une propriete
particuliere . . . u.169)
VIII.
Bedarf es noch weiterer Beweise, um die Einwirkung
der Philosophie des 18. Jahrhunderts und besonders die
Rousseaus auf Robespierres Ideenkreis darzutun? Eine Be-
einflussung Robespierres in diesem Sinne lehnt nun selbst Aulard
keineswegs völlig ab. Wie sollte es überhaupt auch möglich
sein, einen Menschen ganz und gar seiner Zeit und ihren
Einflüssen zu entrücken? Der Unterredung Robespierres
mit Rousseau im Jahre 1778 schreibt er sogar einen für sein
Geschick „vielleicht" entscheidenden Einfluß zu170) und meint,
den Einschlag Montesquieuscher Gedanken und Methode auf
Robespierre allerdings gering anschlagend, daß bei ihm „fond
et forme'' von Rousseau inspiriert sind, l7i) daß er „presentait
des theories. non specialement frangaises, mais generales,
universelles, d apres le Contrat Social, l'ideal legislatif de
Rousseau et de Mably". l72)
Was will man mehr? Für Aulard, den Historiker, freilich
ist die Frage damit noch nicht erledigt. Nicht die Gedanken,
sondern die Handlungen, nicht die Theorie, sondern die Politik
machen ihm den wahren Robespierre aus. Und zwischen
beiden glaubt er einen Gegensatz zu erkennen, der den Einfluß
Rousseaus und der Philosophie wieder in Frage stellt.
Der Literarhistoriker muß es sich versagen, Aulard in
dieses neue Stadium, in das er und seine Schule die Frage
des Verhältnisses zwischen Aufklärung und Revolution
1 •*) Lettres ä ses commettants II (1793) nr. 1.
'••) Arch. Pari. IX, S. 80.
17°) Les Grands Orateurs de la Revolution. Paris 1914. S. 218.
l71) ib. S. 222.
17J) ib. S. 223.
436 Kurt Glaser.
schieben, zu folgen und die Brücke zu dein Praktiker
Robespierre schlagen zu bellen. Für den Literarhistoriker ist
allein der Theoretiker Robespierre von Interesse. Wie heißt
es doch gleich einmal bei Lanson '.' „L'historien ne se sert
des u'uvres litteraires que pour atteindre les faits. Notre
but. ä nous. e9t tout autre, puisque nous voulons atteindre
les idees-'.17') Die Frage, inwieweit sich bei Robespierre Theorie
und Praxis decken, wie sich bei ihm Gedanke und Tat ver-
tragen oder bekämpfen, muß der geschichtlichen Forschung
vorbehalten bleiben. Möglich ist, daß durch sie das Urteil,
das Robespierres neuester Biograph. A. Wahl, sich dem Aulard-
schen Standpunkt nähernd, gefällt hat. Bestätigung findet:
„auch bei Robespierre, ja gerade bei ihm. ist die Theorie,
die 'Philosophie , nur zuweilen die Herrin, öfter ist sie die
Magd der Politik, der Realpolitik, in der er die meisten
seiner Rivalen weit übertrifft/1 m) Aber auch dieses Ergebnis
würde, wenn es sich bei näherer Prüfung wirklich als stich-
haltig erweisen sollte, nichts ändern an der den Literar-
historiker allein interessierenden Tatsache, daß zwischen Auf-
klärung und Revolution unlösbare Beziehungen walten, deren
volle Entfaltung allein an der rauhen politischen Wirklichkeit
eine Schranke gefunden hat.
Marburg i. H. Kürt Glaser.
'""i Revue fies cours et Conferences. 16e annee. lre serie S. 289..
"*) Robespierre (Tübingen 1910) S. 22.
Die Ansichten des jungen Renan über
französische Literatur und Literaturkritik.
Die Ansichten des jungen Renan über Literatur und
Literaturkritik sind vornehmlich zum Ausdruck gelangt in An-
merkungen, die er im Priesterseminar von Saint-Sulpice in den
Jahren 1843 — 1844 zu einer Rhetorik von Le Clerc nieder-
geschrieben hat, in Notizen zu einer Ausgabe der Werke
Corneilles und Racines aus der gleichen Zeit, sowie in zahl-
reichen kürzeren oder längeren Bemerkungen, die er seinen
Tagebüchern, den 1845 —1846 teils in Saint-Sulpice, teils nach
dem Austritt aus dem Seminar geschriebenen „Cahiers de
jeunesse" und den „Nouveaux cahiers de jeunesseu anvertraut
hat1). Auch ein Exemplar der Poetik des Aristoteles hat
Renan mit Anmerkungen versehen 2). Über die Notizen zu
Le Clercs „Nouvelle rhetorique" , zu Corneille und Racine be-
richtet der Aufsatz von J. Wogue: „Les idees litteraires de
Renan en 1843 — 44", enthalten in „Revue politiqne et litteraire"
vom 16. und 23. Dezember 1905. Über die Anmerkungen
zur Poetik des Aristoteles ist bisher nichts bekannt geworden.
Die folgenden Ausführungen stützen sich besonders auf die
Aufzeichnungen in den Tagebüchern.
Diese Aufzeichnungen sind nicht gerade von Bedeutung
für die Geschichte der Literatur und Literaturkritik. Das
Interesse, das sich an sie knüpft, ist vielmehr rein persönlicher
und psychologischer Art. Sie tragen in hohem Grade mit dazu
bei. das Verständnis des Renan'schen Geistes aus der Zeit
seiner Entwicklung zur Jugendreife hin zu erschließen. Sie
zeugen von dorn großen Ernst und dem Bestreben seiner
Gedankenarbeit, in beständigen Diskussionen über mannig-
fache Probleme der Literatur und Literaturwissenschaft zur
Klarheit und zu einem festen Standpunkt zu gelangen. Mit
ihrer Hilfe wird dem Betrachter das Bild eines jungen, tempe-
ramentvollen Renan offenbar, das statt der bekannten Formen
!) Veröffentlicht wurden die „Cahiers de jeunesse" Paris 190H, die „Nou-
veaux cahiers de jeunesse" Paris 1907.
2) N. c. de j. s. 59 Anm.
438 Walther Küchler.
des berühmten und alternden Mannes Züge aufweist, wie sie
eben nur der feurigen -lugend eignen.
Der streng religiöse Unterricht, den Renan als Knabe in
der Klosterschule seiner Heimatstadt Tr^guier erhielt, warbe-
Bondera darauf bedacht gewesen, den Schülern moralische
Wahrheiten und Grundsätze zu vermitteln. Die Literatur
wurde einseitig-dogmatisch gelehrt. Die Unterweisung be-
schränkte sich auf moralisierende und belehrende Werke der
französischen Klassiker und Nachklassiker. Wie alles Welt-
liche überhaupt, so wurde auch das Zeitgenössische ängstlich
von den jungen Gemütern ferngehalten. Die französische
Poesie endete mit dem Gedichte von Louis Racine über die
Religion, allenfalls mit dem abbe Delille. ,,Le nom de La-
martine n'etait prononce qu'avec ricanement, l'existence de
Victor Hugo etair inconnue 3)w. Um so eifriger wurde die
harmlose Mathematik betrieben. So eifrig, daß der junge
Renan, der sich ihr mit größtem Interesse hingab. Tag und
Nacht von ihr träumte.
Von ganz anderer Art war der Unterricht in dem Institut
Saint- Nicolas du Chardonnet. Der äußerst gewandte Priester
und Weltmann Dupanloup. dessen Leitung die Anstalt zur Zeit
Renans einer glänzenden Entwicklung zuführte, verstand es,
die Schüler anzuregen, zu begeistern, ihre Talente und
Kräfte aus ihnen herauszulocken. Seine Schule war der Gegen-
wart nicht verschlossen. Renan lernte die Romantik, Lamartine,
Victor Hugo kennen. Die „Lettres de Saint- Peter sboarg"
wußte er auswendig, und von den modernen Geschicht-
schreibern machte besonders Michelet den stärksten Eindruck
auf ihn.
Der Literaturunterricht erfolgte nach Gattungen. Nach-
einander wurden im ersten Schuljahre behandelt die Fabel,
die Allegorie, die Schäferpoesie und die kleineren Gattungen,
Epigramm, Rondeau. Madrigal, Sonnet usw. Danach, nach
Renans eigenen Angaben, die Lyrik, Satire, Versepiste],
didaktische Poesie. Chronik, Legende und die erzählende
Dichtung. Das Drama ist dann wohl im zweiten Jahre an
der Reihe gewesen.
Im dritten Jahre rückte er in die Klasse der Rhetorik
auf. Hier setzte sich die schon vorher geübte Gewohnheit
der lateinischen und griechischen Übersetzungen, sowie der
Anfertigung lateinischer Verse fort. Die griechischen Tragiker
wurden studiert, und Renan genoß den Vorzug, mit seinem
Lehrer Duchesne allein die Odyssee lesen zu dürfen. Mit
größerer Vertiefung wrurden jetzt „die bewundernswerten Per-
sönlichkeiten" der französischen Klassiker studiert, Bossuet
3) Souvenirs d'enfance et de jeunesse s. 136.
Ansichten d. jungen Renan üb. frz. TM. u. Ldteraturkritik. 439
und Bourdaloue u. a., und in größeren Aufsätzen. Vorträgen
und Diskussionen behandelt. Die Diskussionen nahmen oft den
Charakter literarischer Kämpfe an. in denen die gegenseitigen
Konkurrenten sich mir anglaublicher Hartnäckigkeit den Rang
streitig machten.
Bei dieser, im Sinne und nach dem Willen Dupanloups
geleiteten Arr des Unterrichts handelte es sich in erster Linie
um die Kunst der Schönrednerei, um die Erzielung de8 eleganten,
fließenden Ausdrucks der Rede, um ein Verfahren jedenfalls,
dessen Nutzen für das Verständnis der Dichtungen durch den
ihm anhaftenden Schaden, nämlich der Begünstigung des
schillernden und oberflächlichen Redens über die Dinge sicher-
lich weit übertroffen wurde.
Aus Äußerungen Renans in Briefen an seine Mutter geht
hervor, daß ihm dieser Betrieb der Literaturgeschichte zu-
nächst viel Freude machte. Aber am Ende des Rhetorik-
jahres gesteht er ihr doch, daß er nicht wisse, ob er diese
Klasse „pour laquelle je ne penche plus autant", erneuern
solle. Er sei ganz unsicher und werde Dupanloups Meinung
einholen 4).
Die Leere, die dieser äußerlich glänzende, aber innerlich
unfruchtbare Unterricht in Saint-Nicolas bei ihm hinterließ,
kam ihm ganz zum Bewußtsein dann im Seminar von
Saint-Sulpice, wo er sich mit Feuereifer zunächst in das philo-
sophische Studium stürzte. Aus Briefen an seine Schwester
geht hervor, mit welchem Schrecken er an die hinter ihm
Liegende Zeit der Deklamationen und Diskussionen der
Rhetorik zurückdachte. Sie kamen ihm nun unphilosophisch
und unwissenschaftlich vor. Er empfand ein starkes Gefühl
innerer Befreiung, an die Stelle der Wissenschaft der Worte
nunmehr die der Dinge setzen zu dürfen °).
In den vier Jahren, die Renan in Saint-Sulpice zubrachte,
ist er durch schwere innere Kämpfe hindurch zu seiner intellek-
tuellen und moralischen Selbständigkeit herangereift. Während
er mit dem frommen Glauben seiner Kindheit rang, während
*) Lettres du Seminaire, Paris 1902 p. 159.
5) Lettres intimes (Paris 1896) p. 86, 96. — Auch in den Erinnerungen
äußerte sich Renan später absprechend über die rhetorischen Übungen in
Saint-Nicolas. Die rein rhetorischen Übungen hätten ihn aufs stärkste ge-
langweilt. Niemals habe er einen erträglichen Vortrag halten können.
Gelegentlich einer Preisverteilung hätten die Schüler die verschiedeneu
Reden, die auf dem Konzil von Clermont gehalten werden konnten, ver-
fassen und vortragen müssen. Da habe er völlig versagt in der Rolle des
Pierre TErmite und Urbans II. Sein Gottfried von Bouillon hätte jedes
militärischen Geistes entbehrt. Nur ein kriegerischer Hymnus mit dem
Refrain „Sternite Turcas" hätte Beifall gefunden. „J'etais trop serieux
pour ces enfantillages". Etwas zu schreiben, ohne etwas persönliches zu
sagen zu haben, kam ihm wie eine höchst langweilige Spielerei vor.
■Souvenirs p. 186 f.
44< i Walther Küchler.
er zur Klarheit über Gott, Menschen, über sich und den Sinn
des Lebens strebte, während seiner emsigen theologischen
und sprachlichen Studien, vernachlässigte er nicht die Lektüre
der schönen Literatur, formte er sich durch Studium der
Quellenwerke, der literarischen Kritik und durch Besuch von
Universitätsvorlesungen sein Urteil über Literatur, Literatur-
kritik und Literaturauffassung.
Die Ansichten Renans über Literatur bilden und vertiefen
sich ihm aus einer natürlichen Entwicklung seines begeisterungs-
fähigen und kritischen Geistes, seines Freiheitsstrebens und
Wahrheitsverlangens, seines auf die allseitige Erfassung des
Menschen und des Lebens gerichteten philosophischen Triebes,
aus seiner Abneigung gegen alle Einseitigkeiten, Beschränkungen
und Fesseln des künstlerischen Schaffens. Sie sind das Er-
gebnis der besonderen Veranlagung seines Geistes, von ihm
in der Hauptsache selbständig erarbeitet in ehrlichem, uner-
müdlichem Nachdenken über die Probleme, die er verfolgte.
Dabei wurde er gefördert durch die Berührung mit Persön-
lichkeiten, deren Schriften und Lehren ihn in seinen Ansichten
bestärkten und ihm wohl auch entscheidende Anregungen boten.
Auch im Widerspruch zu Schriftstellern und Kritikern« die er
als Vertreter des von ihm bekämpften Geistes betrachtete,
arbeitete er sich zu seinen Auffassungen durch.
Mit einer ganz auffallenden, jugendlich unbekümmerten
Heftigkeit, mit Spott, Sarkasmus, Ironie, Verachtung, Schmerz
und Entrüstung äußert er in den Tagebüchern seine grund-
sätzliche, mit der Zeit sich stets steigernde Abneigung gegen
die geistlose rhetorische Methode.
Die Rhetorik haßt er als eine „machine ä mensonges1',
die den Mangel an Inhalt in ihren Ausführungen durch leere
Worte verdecken möchte. Heftig tadelt er die schulmäßige
Art. die alles literarische Schaffen nach veralteten Regeln
lehren und beurteilen will, die überhaupt nur das Alte gelten
lassen möchte und das Neue nur dann, wenn es mit dem Alten
übereinstimme, so daß eine Schöpfung, wenn sie als schön
gelten wolle, mindestens hundert Jahre alt sein müsse6).
Mit den Regeln verwirft er auch die Theorie und Praxis
der Nachahmung ,). Es sei ganz töricht zu glauben, daß das,
was bei einem Autor angebracht und schön war, ebenso schön
sein müsse, wenn es von einem anderen Autor zu anderer Zeit
unter anderen Verhältnissen nachgeahmt werde. Die Nach-
ahmungen Homers durch einen modernen Autor sind nichts
anderes als täuschender placage. „C'est comme si vous dissequiez
par petits morceaux de sculpture tout un beau temple grec, et
,;i Nouveaux cahiers de jeunesse p. 249.
■ Ebenda p 133
Ansichten d. jungen Renan üb. frz. LH. u. Literaturkritik. 441
que vou8 reniez en tapisser un musee". Er ist voller Bewun-
derung für eine gothische Kathedrale, den schönsten Ausdruck
ihrer Zeit. „Mais une eglise gothique bätie il y a deux ans par sin-
gerie et goüt capricieux me donne la nausee ö). Ebenso töricht
wie die Nachahmung einer fremden Literatur ist die Nach-
ahmung der eigenen. Selbst wenn solche Literarhistoriker
wie Le Ülerc und Nisard, jene „classiques-critiques-meprisants-
accariätres" recht hätten mit ihrer Auffassung, daß die zeit-
genössische französische Literatur dekadent sei, so wäre das
doch kein Grund, ewig die klassische Literatur nachzuahmen.
Das Klassische ist heute unmöglich ! ruft er aus: was uns not tut,
sind originelle Produktionen9). Dauernd schöne Dinge bringen
nicht die von Rhetorikern aufgestellten Regeln, bringt nicht die
Nachahmung der Klassiker hervor, sondern das Schaffen aus
dem Ernst, aus der Moralität des Charakters, aus dem eigenen
Denken und Fühlen l0). Nachahmen kann man andere Lite-
raturen in dem gemeinsamen Inhalt: in der Darstellung des
Menschen. Der Mensch mit seinen Leiden, Leidenschaften
und Kämpfen ist ewig und überall der gleiche. Homer nach-
ahmen heißt den Menschen darstellen so wie er es tut. Dann
ergreift man „le vrai absolu de l'art11)".
Wie gegen Regelzwang und Nachahmungstheorie, so
wrendet sich Renan auch mit ganz besonderer Schärfe gegen
die strenge Scheidung der Dichtung in literarische Gattungen.
In Saint-Nicolas du Chardonnet hatte er zwar seiner Mutter
den dortigen, streng nach Gattungen gegliederten Literatur-
unterricht als sehr interessant und reizvoll gerühmt1-), aber
danach hat er sehr bald die Enge jener Ästhetik durchschaut,
die den Wert der Dichtungen nach ihrer Zugehörigkeit zu
bestimmten Arten beurteilt. „On peut tout faire en touttl
sagt er schon in einer seiner ersten Randbemerkungen zu Le
Clercs Rhetorik und später im Tagebuch: Es gibt nichts
dümmeres als jene absoluten Vorschriften der Poetik, jene
Beschränkungen« die nur bestimmte Arten von Epen, Oden
und Episteln gelten lassen wollen. „Et, mon Dieu ! que de
genres encore ä nattre et que de combinaisons de genres
existants ! Le sots rheteurs nous viennent dire: L'ode ne
veut pas cela, donc c'est une faute: L'epitre en vers veut une
lacune qui ne soit pas trop elevee: done c'est une faute d'y
deployer les ailes. Pauvres sots! . . ." Nein, es gibt keine
Grenzen in der Literatur. Der Geist allein entfaltet sich in
8i Cahiers de jeunesse p. 355.
9) Nouveaux cahiers de jeunesse p. 151.
io) Ebda. p. 259.
u) Cahiers de jeunesse p. 1H0.
12) Lettres du Seminaire p. 37/38; 77/78.
442 Wal \i her Küchler.
ihr in seiner ganzen Weite, allein in den Grenzen des Schönen'
die keine Grenzen sind 13).
Fenelons Telemaque. sagt er an anderer Stelle, sei wegen
seiner Besonderheit keiner besonderen Gattung zuzurechnen.
Nach der Meinung der Rhetoriker muß er aber einer be-
stimmten Gattung angehören. Man nennt es also ein Epos
und kritisiert es nun als Epos. Man tadelt z. B. die Mono-
loge Mentors. Aber, so ruft Renan aus: „imbecile. c'est l'idee
merae du poeme. um poeme moral." Und an Stelle der
traditionellen Gattungsästhetik setzt er seine Forderung : Jedes
Kunstwerk ist zu beurteilen nach dem höheren oder geringeren
Grade der Idee, die es verwirklicht lt).
Weil die Rhetoriker nicht in die Idee des Kunstwerkes
eindringen, deswegen kommen sie ihm so unbedeutend und
töricht vor. Er feindet sie an als die Vertreter der Geist-
losigkeit. die leider auch den Unterrichtsbetrieb an der Uni-
versität beherrschen. Er spottet über sie als über Gelehrte.
die sich der Beschäftigung mit dem Wissen nur um des
Wissens willen hingeben, darum also nur kleinliche und wert-
lose Beschäftigung treiben. Ihr ganzes Tun und Treiben er-
scheint ihm unphilosophisch. Er, der von Jugend an gewohnt
war, alles was er tat, aus heiligem Ernst heraus, aus tiefsten,
hin und her gewälzten Überzeugungen zu tun. er fragt sich
wohl gelegentlich, aus welcher Triebfeder ein Gelehrter wie
Le Clerc seine Arbeit leiste, „oü est son mobile?" Und ihm,
der alles Tun der Menschen aus umfassenden philosophischen
Trieben ableiten will, erscheint ein solcher unphilosophischer
Gelehrter, der nur Wissenskram aufstapelt, als eine lächerliche
Figur15).
Immerhin, an Le Clerc, mit dem er sich übrigens später
zu gemeinsamer literarischer Arbeit zusammenfand l6), vermag
er, als dem klassischen Typus des Universitätslehrers noch etwas
gutes und schönes zu entdecken. Ihm ist es doch immerhin
um Wissenschaft zu tun, „il touche ä la science, il est science".
Er hat es mit dem Ideal zu tun. Mit Entsetzen dagegen muß
er erleben, wie dieser Typus zu der grotesken Figur des
„pedant-professeur" erniedrigt wird, wie sie in unzähligen
Exemplaren an den Mittelschulen, den Collegien und Lyceen
tätig sind. Mit den schärfsten Strichen des Spottes und der
13) Nouveaux cahiers de jeunesse p. 82 f.
u) Ebda. p. 20fi f. Nichts anderes sagt später H. Hettuer, wenn er
schreibt : In der Lehrhaftigkeit dieser Ratschläge üegt der Kern des Buches ;
es ist albern, wenn einige französische Beurteiler von dichterischem Wert
oder gar von einer Vergleichung mit Homer und Virgil sprechen (Geschichte
der französischen Literatur im 18. Jhdt. 6. verb. Aufl., besorgt von H. Morf,
Berlin 1912, p. 27).
15) Cahiers de jeunesse p. 217.
1,; Tu Bd. 25 und 26 der „Ilistoire litteraire de la France".
Ansichten d. jungen Renan üb. frz. Ldt. u. Literaturkritik. 443
Satire hat Renan solche völlig unwissenschaftlichen Rhetoriker
der Routine, des Unvermögens und der Eitelkeit, wie er sie am
College Henri IY kennen lernte, auf den verschwiegenen
Blättern seines Tagebuches portraitiert l7).
Die Abneigung, die Renan gegen die Rhetoriker em-
pfindet, bringt er in fast noch gesteigertem Maße einer an-
deren Klasse von Schriftstellern, die sich mit Literatur und
Literaturgeschichte beschäftigen, entgegen. Mißfällt ihm bei
den Rhetorikern geist- und gedankenlose Pedanterie, so er-
eifert er sich nicht minder heftig darüber, daß gewisse moderne
Schriftsteller die Literatur und Literaturkritik von der leichten
Seite nehmen und nur als Gelegenheit betrachten, ihren Geist
glänzen zu lassen. Auch sie arbeiten nicht aus innerem Ernst
heraus, sondern aus Eitelkeit, Gefallsucht. Modedienerei und
persönlichem Interesse. Er entrüstet sich über die oberflächliche,
spöttische Art „ce petit ton narquois", den diese Autoren in
ihrem Haschen nach leicht erlangter und ebenso schnell wieder
verlorener Berühmtheit belieben 18). Er ist geradezu entsetzt
über die geistreiche Frivolität dieser Salonkritiker; der Ge-
danke an diese Art jagt ihm bittere Schauer durch die Brust,
und um sich von dem schlimmen Eindruck zu erholen, muß er
an so tiefernste Geister wie Sokrates und Christus denken.
Typische Vertreter dieser von ihm in Grund und Boden
verdammten Literaturkritiker sind ihm Männer wie Sninte-
Beuve und Saint-Marc-Girardin.
Renan hat die „Portraits litteraires'' von Sainte-Beuve,
die 1844 eischienen. gut gekannt, an einzelnen Stellen seines
Tagebuches äußert er sich zustimmend und anerkennend über
Urteile und Ausführungen des berühmten Kritikeis. Er mag
sogar zugeben, daß er trotz seiner Oberflächlichkeit — denn
oberflächlich ist auch er — mit seinem Gegenstands fühlt
und den Leser mitfühlen läßt l9), aber im ganzen ist er doch
nur der ausgezeichnete Typus jener gesucht feinen und ge-
schickten Macher, die sich beständig im Kreise herumdrehen
und Gefallen daran finden, den Grund ihres Systems vor den
Leuten zu verbergen, so daß man gezwungen sei, stets tausender-
lei Finessen und Hintergedanken bei ihm anzunehmen 20). Renan
gibt ausdrücklich zu, daß er seinen Eindruck von Sainte-Beuve
nur schwer in Worte fassen könne. Was er schreibt, so formu-
liert er schließlich seine Meinung, sei nicht so sehr das Er-
gebnis seines Gedankens, sondern fließe aus der Phrase,
sei gesucht, gekünstelt, Spiel, Stil. Er lasse die Phrase stehen,
auch wenn sie nicht mit seinen Überzeugungen übereinstimme.
17) Cähiers de jeunesse p. 237 ff.
18) Ebda. p. 158 f.
19) Nouveaux cahiers de jeunesse p. 282.
so) Ebda. p. 42.
444 Walther Küchler.
I111 die Eigenart Saiote-Beuves, wie er sie treuen möchte, zu
kennzeichnen, prägt er ein neues Wort. Er nennt ihn „ce
neotrope" und sagt von ihm: „Cest ä ce neotrope qu'appartient
le tour par lequel les ecrivains de ce genre ne sont jamais a
pleio d'une conviction : ils la prennent toujours de cöte et par
forme, com ine un chien un tapis qu'il traine ä terre. Scepti-
cisme au fond de tout cela"-'1). (legen den Skeptizismus
wehrte sich der junge Renan mit aller Macht. Dabei hat er,
ganz erfüllt von sittlichem Ernst und unbedingter Wahrheits-
liebe, wie er war. Sainte-Beuve doch wohl etwas zu ungünstig
beurteilt. Wenn er z. B. einmal ausführt, nach der Lektüre
des Artikels über den Dichter Leonard möchte man an
nichts mehr glauben, sondern das Leben auf mondäne Art
betrachten und ebenso die Literatur22), so sieht man nicht
recht ein, wie ihn der Text Sainte-Beuves an dieser Stelle zu
solcher Stimmung reizen konnte. Es ist wohl so. daß ihn
eine geheime Antipathie gegen Sainte-Beuve einnahm. Renan
war damals sehr bestimmt in Hingabe und Abweisung. Er
wollte damals nicht mondän sein, er wollte nur er selbst sein
mit seinem leidenschaftlichen Begehren nach moralischer Ver-
vollkommnung, und er sah eben in Sainte-Beuve den von der
Gunst des Publikums getragenen, wortgewandten, sich in seinem
Kritikerberuf überlegen fühlenden Modeschriftsteller.
Wohl mit mehr Berechtigung mochte er sich gegen Saint-
Marc-Girardin wenden. Renan kannte ihn aus Vorlesungen über
ältere und neuere Literatur, die er bei ihm in der Universität
hörte. Auch sein 1843 erschienenes Werk „Cours de litterature
dramatique" war ihm bekannt23).
Saint-Maro-Girardin ist eine von den Persönlichkeiten, die
Renan stark beschäftigten, gerade weil sie ihm eine Lebens-
anschauung verkörperten, der er selbst mit Bewußtsein wider-
strebte. Darum reizten sie ihn zu beständiger Kritik.
Die Bemerkungen über Saint-Marc-Girardin in seinen
Tagebüchern sind teilweise äußerst scharf. „Ce diable de
spirituel. je ne l'aime pas. II rit. il veut faire le fin: ah! la sötte
engeance que celle de ces gens ä demi-mot. qui ne prennent
jamais la vie ä plein, parcequ'ils ne sont ni assez fort» ni assez
vrais"' -*). Saint-Marc-Girardin gehört zu den Menschen, welche
die Dinge mit einer affektierten Überlegenheit betreiben, die
nicht mit ihrer ganzen Seele, nicht mit voller Hingabe bei
der Sache sind: „Machine ä prendre les gens: oh! que j'ai
horreur de cette maniere de prendre les choses: vrai, vrai,
vrai!" Er. den es nach Wahrheit dürstet, brandmarkt ihr Tun
21) Cahiers de jeuncsse p. 389 f.
22) Ebda. p. 1 58 f. Vgl, auch Nouveattx cahiers de jeunesse p. 42.
-3) Ebda. p. 112 t'.. 3H1. Nouveattx cahiers de jeunesse p. 47. 7H.
-'» Ebda. p. 171.
Ansichten d. jungen Renan üb. frz. Lit.u. Literaturkritik. 445
als unwahr'-"'). Seine Entrüstung äußert sich gelegentlich so
stark, daß er ganz grob wird: „('et imbecile de Saint-
Marc-Girardin . . . est bien l'etre le plus nauseabond que je
connaisse" iV).
Saint-Marc-Girardin war ihm zu schillernd, zu flüchtig,
zu wenig gewissenhaft. Er führt einmal ein Wort von ihm
aus einer Vorlesung an : „Je n'y appuie pas" und will damit
diese über die Dinge elegant und genügsam hingleitende
Art seines Leinens tadeln -''). Er rügt gelegentlich, daß Saint-
Marc-Girardin in der Frage der Beurteilung von Klassizismus
und Romantik sich nicht entschieden auf eine Seite stelle, daß
er es als höchste Finesse halte, über den Parteien zu stehen und
gar zu tun. als ob sie beide Unrecht hätten-8). Eine solche
auf die Überlegenheit des scharfsinnigen Kritikers sich hinaus-
spielende Unentschiedenheit erschien Renan damals als mora-
lischer Fehler. Wenn Renan schwankte, so geschah es aus
Überzeugung, aus Gewissenhaftigkeit, aus Gründlichkeit: er
schwankte zwischen einzelnen Entscheidungen, unverrückt
blieb ihm die Sicherheit des eigenen Gefühls, unbedingt hielt
er fest an dem großen Lebensprinzip, das ihn leitete, mit
Beharrlichkeit Geist zu suchen und Geist zu finden. In
seinem Bestreben nach höchster Moralität war er ernst, fast
schwerfällig, war es ihm nur um Innerlichkeit zu tun und
schätzte er deswegen die äußerliche, formale Geschicklichkeit
beim Kritiker so c-erinir.
In seiner Abneigung gegen Rhetorik und Rhetoriker,
in seinem Verlangen, den inneren Gehalt eines Kunstwerkes
zu erfassen und nach dem Zusammenhang der künstlerischen
Schöpfung mit dem allgemein Menschlichen und der Tiefe
des Menschlichen seinen Wert zu bestimmen, befindet sich
Renan in völliger Übereinstimmung mit der deutschen roman-
tischen Literaturwissenschaft und Aesthetik.
Bei mehreren Gelegenheiten gibt er sich als ihren über-
zeugten Anhänger zu erkennen. In einer Bemerkung seines
Tagebuches feiert er Deutschland, weil es durch die Begründung
einer neuen Aesthetik eine neue Epoche in der literarischen
Kritik herbeigeführt habe'-9!. Ganz im Sinne A. W. Schlegels
faßt er die Aesthetik als philosophische Theorie der Künste
im Gegensatz zur bloß technischen Theorie, die nur ein System
von Regeln ist. Die Reden der heimischen Rhetoriker und
-5) Nouveaux cahiers de jeunesse p. 111.
26) Cahiers de jeunesse p. 310.
27) Nouveaux cahiers de jeunesse p. 18 f.
28) Ebda. p. 80 f.
29) Cahiers de jeunesse p. 224.
•Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV t i. 31
44H Waliker Küchler.
Kritiker über Literatur erschienen ihm als „souverainement
imphilosophiques et sans verite 30).
Schlegel wendet sich gegen die Poetik, welche das Kunst-
werk nur auf Grund der nationalen Schöpfungen und der her-
gebrachten Traditionen, nur nach den technischen Vollkommen-
heiten schätzt: er wendet sich gegen den Despotismus des
Geschmacks, der dem Künstler bestimmte Gesetze aufzwingt,
gegen die Auffasung, als bestehe die Kritik nur in dem Scharf-
sinn, welcher die Fehler eines Kunstwerkes aufzudecken weiß.
Solch enger Auffassung gegenüber bringt er die Poesie mit
der gesamten moralischen Innerlichkeit des Menschen zu-
sammen und untersucht das Kunstwerk einzig und allein auf
seine innerliche Vortrefflichkeit. Durch die Äußerlichkeiten
der jeweiligen, wechselnden Form führt er sie zurück ,.auf
die Wurzel unseres Daseins". „Ist es da entsprungen, so hat
es auch unbezweifelt seinen Wert31). Nicht Regelkenntnis
verlangt er daher vom Kenner und Kritiker, sondern Univer-
salität des Geistes und jene Biegsamkeit, die das Schöne und
Große des menschlichen Geistes unter den äußerlichen Zutaten
zu erkennen vermag. Er verlangt Empfänglichkeit und En-
thusiasmus. Der wärmste Kritiker ist ihm auch der beste.
Renans Kritik an der ihm dargebotenen Literaturkritik
ist völlig von diesen Grundanschauungen Schlegels erfüllt. Ob
er die Vorlesungen über schöne Kunst und Literatur in Händen
gehabt und gelesen hat; mag dahingestellt bleiben. Schlegels
Gedanken mögen ihm wohl auch durch den Umweg über
Frau von Staels Buch und durch zwei von ihm gefeierte Uni-
versitätslehrer in Paris vertraut geworden sein.
Durch Fauriel und Ozanam ist Renans Literaturauffassung
entscheidend beeinflußt worden. Unter dem Eindruck ihrer
Schriften und ihres Unterrichts setzt er der ihm zuerst gelehrten,
schulmäßig-rhetorischen Literaturbetrachtung die Literatur-
wissenschaft gegenüber, die sowohl historisch wie vergleichend
vorgeht, nicht immer nur die klassischen Epochen der Lite-
ratur behandelt, sondern ihr Interesse ganz besonders auch
den literarischen Anfängen zuwendet; d. h. die Literatur-
wissenschaft, wie sie in Frankreich unter deutschem Einfluß32)
Fauriel eingeführt und Ozanam als dessen Erbe fortgesetzt hat.
Gegenüber Le Clerc, Sainte-Beuve, Saint-Marc-Girardin
u. a. bekennt sich Renan als begeisterten Schüler dieser beiden
Persönlichkeiten.
30) Nouveau.x cahiers de jeunesse p. 291 f.
31) A. W. Schlegel. Vorlesungen über schöne Litferatur und Kunst
iu Deutsche Literaturdenkmale des IS. u. 19. Jhs. in Neudrucke)-. h'Tausg.
von B. Seuffert, Bd. 17. p. 29.
32) Fauriel hatte im Salon der Frau von Stael die Brüder Schlegel und
Humboldt und mit ihnen die deutsche Wissenschaft in einigen ihrer kühn-
sten und edelsten Vertreter kennen gelen t.
Ansichten d. jungen Renan üb. frz. Lit. u. Literaturkritik. 447
Fauriel erhielt im Jahre 1831 den an der Faculte des
Lettres in Paris neugeschaffenen Lehrstuhl für fremde Lite-
raturen. In seinen Schriften und ganz besonders in seiner
mit größtem Eifer betriebenenLehrtätigkeit hat er einen äußerst
fruchtbaren Einfluß auf seine Zuhörer ausgeübt. Ozanam stellt
in einem für die Geschichte der Literaturwissenschaft in
Frankreich wichtigen Aufsatz fest, daß die Vorlesungen Fau-
riels den literaturgeschichtlichen Betrieb auf einen völlig neuen
Boden stellten33). Mag auch Fauriels Lieblingsgedanke, die
Annahme einer reichen altprovenzalischen Epik, der dann die
epische Literatur der Folgezeit zu verdanken sei, sich als
Irrtum herausgestellt haben, so bleibt doch der Geist seines
Unterrichts von diesem Trrtum unberührt. Es bleibt ihm das
Verdienst, den französischen Hochschulunterricht in der Lite-
ratur wissenschaftlich gestaltet zu haben.
Renan hat von Fauriel persönlich keine Anregungen
mehr erhalten können. Als er die Universität bezog, war
Fauriel kurz vorher, im Jahre 1844, gestorben. Fauriels An-
schauungen wurden ihm durch Gerusez und Ozanam in ihren
Vorlesungen und auch durch den erwähnten Aufsatz Ozanams
über den verstorbenen Gelehrten vermittelt.
Renan fühlte sich ganz besonders stark zu Ozanam. bei
dem er u. a. über germanische Altertümer und Literatur, so-
wie über Dante hörte, hingezogen. Was die Persönlichkeit
dieses Forschers und Lehrers so anziehend für ihn machte,
war sicherlich in erster Linie der hohe, wissenschaftliche Ernst,
der Ozanatn auszeichnete, die selbstlose Hingabe an die ge-
lehrte Forschung und der begeisternde Idealismus, von dem
seine Universitätstätigkeit getragen war. Aus der Lektüre
seiner Werke, die zum großen Teil aus seinen Vorlesungen
hervorgegangen sind, kann man leicht das Bild dieses be-
deutenden Universitätslehrers gewinnen und verstehen, daß
der von echtem, wissenschaftlichen Verlangen, von moral-
philosophischen Trieben und stürmischen Zukunftshoffnungen
beseelte junge Renan von ihm fortgerissen wurde. Nur in
einer Beziehung verhält er sich etwas zurückhaltend. Der
orthodoxe Standpunkt Ozanams verhindert ihn, sieh ihm ganz
uneingeschränkt hinzugeben: „Mon Dieu ! que j'aimerais cet
Ozanam s'il n'etait pas si orthodoxe et s'il ne faisait pas
cause commune avec toute la coterie de l'Universite et s'il
n'en prenait le tona:u). Aber diese Betrübnis verhindert
nicht, daß er sogleich darnach voller Dankbarkeit bekennt:
„Je ne sors jamais de sa lecon sans etre plus fort, plus haut,
plus deeide au grand. plus courageux et plus allegre ä la
33) (Euvres completes, Baud VIII p. 95 ff. Vgl. auch die Vorrede zu
Fauriels „Histoire de la poesie provencale" von Jnles Mohl, Paris 184H.
34) Cahiers de jeunesse p. 256 f.
31*
148 Walther Küchler,
conquete de la vie et de l'avenir. Ah! que je suis heureux
alors!" Ein solcher Lehrer möchte er auch werden: ,,Je nie
\<>is professeur de litteratures orientales ä la Faculte des
Lettres.
Ganz besonders gefiel ihm an Ozanam, daß er es verstand,
die gelehrte Erklärung der Schriftsteller mit der ästhetischen
zu vereinigen85). Ozanam fühlt das Poetische36), rühmt er
einmal. Das Poetische brannte, trotz aller philologischen,
philosophischen, theologischen Studien wie ein geheimes Feuer
in Renans Brust und verschmolz mit seinen vagen Träumen
und seiner Sehnsucht nach dem Geistigen und Vollkommenen.
.. M. Ozanam a justement touche ma corde" schreibt er in Ge-
danken an eine. ,.unvergleichlichea Torlesung, die er über ,,jene
entzückende, so reine, vage, weiße isländische Poesie ge-
halten habe'1" .
Es war nicht nur der Sinn Ozanams für die Poesie der
alten Dichtungen, der Renan fesselte, er fühlte überhaupt
eine Art innerer Verwandtschaft zwischen sich und dem ver-
ehrten Lehrer. Renan war philosophisch veranlagt, aber die
Schulphilosophie stieß ihn ab. Es war ihm um eine philosophische
Durchdringung der Probleme des Lebens zu tun. Die Ge-
schichte des menschlichen Geistes philosophisch zu begreifen,
schwebte ihm als Ziel vor. ,,Meine Philosophie ist ungefähr
das. was andere Literatur nennen,1' sagte er. Die gleiche Auf-
fassung fand er bei Ozanam. ,:Der Cyklus von Gedanken, die
< )zanam behandelt, entspricht viel mehr meinem Typus als
das. was man gewöhnlich Philosophie nennt." Ozanam steht
für ihn der Philosophie näher als der offizielle Philosophie-
professor Garnier. Seine Art ist zugleich universeller und
dem Leben näher 38).
Auf Grund seiner eigenen Studien über die hebräische
Poesie, unter dem Einfluß Herders vor allen Dingen, hatte
sich Renan schon Gedanken über die Bedeutung der Volks-
poesie, der primitiven Dichtung, für die Erkenntnis der Anfänge
menschlicher Kultur gemacht. Durch Ozanam werden ihm
nun in verstärktem Maße die Lehren vermittelt, die Fauriel
im Anschluß an die deutschen romantischen Epentheorien der
Wolf. Gebr. Grimm, Uhland vorgetragen hatte39).
Die Ausführungen Fauriels über die epischen Überliefe-
rungen des Mittelalters sind durchzogen von der Unterscheidung
des primitiven und des kunstmäßigen Epos. Die primitiven
Epen sind Bearbeitungen und Verschmelzungen älteren epischen
35) Cahiers de jeunesxe p. 283 f.
36) Ebda. p. 235.
37) Ebda. p. 170.
38) Ebda. p. 178 f.
39) Ebda. p. 133.
Ansichten d. jungen Renan üb. frz. Li f. u. Liter aturkritik. 44y
Materials, von Gesängen, die meist in der Form einfacher
Volkslieder jahrhundertelang in der mündlichen Iberlieferung
gelebt haben. Diese ursprünglichen Gesänge sind im Grunde
das Kostbarste an den fertigen großen Epen. Sie sind die
einzigen Denkmäler der barbarischen Zeiten, denen sie an-
gehören und stellen getreu deren Kultur dar; daher kommt
das philosophische oder historische Interesse, das ihnen an-
haftet40). Die Offenbarung der Volksseele sucht Fauriel mit
seinen deutschen Vorgängern. Geschichtlich-philosophisch ist
ihr Problem, nicht eigentlich ästhetischer Air. Sie wollen in
den primitiven Epen nichts von Kunst sehen, diese sind „pour
ainsi dire, l'expression directe et obligee de la nature". wie
Fauriel einmal sagt. Allerdings, da sie ja Bearbeitungen sind
und Menschengeist also bewußt bei ihrer Gestaltung tätig
war. so kann auch Fauriel nicht leugnen, daß irgend ein Maß
von Kunst bei ihnen aufgewendet worden sei. So gibt er z. B.
zu. daß die Verfassung der primitiven Epen abhängig sei
von dem mehr oder minder künstlerischen Geist der Völker,
denen diese Epen angehören, aber die Bewährung dieses Geistes
erblickt er doch nur in der größeren oder geringeren Ab-
rundung. in der Klarheit, in der Geschicklichkeit, mit der die
verschiedenen, epischen Materialien zu Epen zusammenge-
arbeitet worden sind. Auch die Überlegenheit der Griechen,
wie sie in der Tlias und der Odyssee zutage tritt, ist im letzten
Grunde nur in der Festigkeit der Verknüpfung der Teile zum
Ganzen zu erblicken.
Die romantischen Epenforscher sind sehr mißtrauisch gegen-
über der Kunst. Kunst hat bei ihnen ohne weiteres den Beige-
schmack des Künstlichen. Willkürlichen. Individuellen. Mit
solcher ausgeklügelten Kunst haben weder die alten epischen Ge-
sänge noch die aus ihnen entstandenen Epen zu tun. Sie stehen
vor den Konventionen und Regeln der Kunst und sind daher
in jeder Beziehung den raffinierteren und künstlicheren Schöp-
fungen überlegen, den „epopees cultivees". zu denen z. B. im
Gegensatz zur Ilias die Eneide Virgils und die späteren Ritter-
dichtungen des Mittelalters gehören.
Voller Begeisterung lebte sich Renan in diese romantische
Epenauffassung hinein. Durch eine Bemerkung von Gerusez
in einer Vorlesung über das Rolandslied angeregt, schreibt
er in sein Tagebuch: Es gibt zwei Arten von Literatur. Die
eine, schön, spontan, naiver Ausdruck des Poetischen in der
Menschheit, die nichts anderes ausdrücken will als das Ideal,
von dem sie erfüllt ist. „exhalation de l'humanite"; Homer,
die biblischen Gesänge, Hiob. die ritterliche Dichtung. Die
andere, reflexiv, berechnend, nach dem Effekt strebend, die
das Schöne bewußt will, sich fühlt, sich studiert, eine wesent-
40) Z. B. in „Histoire de In poesie proven^ale" t. II p. 235.
460 Walther Küchler.
lieh kritische Literatur, die immer kritischer wird, bis sie
sich schließlich ganz in Kritik auflöst41).
Ausatmung des allgemein Menschlichen in den Atem-
zügen einer besonderen Nation, so — ohne daß er gerade
diese Formel wörtlich geprägt hätte könnte man Renans
auf die Spitze getriebene Auffassung von der Entstehung der
Epen formulieren. Auch ihm ist die Hauptsache die Legende,
die um eine Einheit herum sich gestaltet, indem sie beständig
durch Kaum und Zeit wandert und sich verändert. In den
verschiedenen Formen lebt das Epos bereits, ist es vorhanden,
ehe es verfaßt wird. Verfaßt wird es. indem irgend einmal
ein Mensch kommt, der die zerstreuten Glieder sammelt.
nach seiner Auffassung ordnet und SO den Körper gestaltet.
Dieser Mensch ist der Dichter, der die Arbeit des Volkes an
der Legende zum äußeren Abschluß bringt. „Le peuple fait
ses memhres. le poete la met en corps," so teilen sich Volk
und Dichter in die Arbeit4'2). Der eigentlich Schaffende ist das
Volk, die Nation. Die Rolle des Dichters ist nur die des
„poete collecteur". Er ist im Grunde ziemlich bedeutungslos.
In dieser Art Literatur bedeutet der einzelne Mensch wenig,
die Menschheit alles. Der Dichter-Sammler verschwindet hinter
seinem Werk. Darum ist die Anonymität des Dichters nichts
auffälliges. Die Gelehrten mögen zwar bedauern, daß man
ihre Namen und Lebensumstände nicht kenne, aber ihn, Renan,
würde es ärgern, wenn man mit aller Bestimmtheit sagen
könnte: „Turoldus composa teile annee im poeme de quatre
mille vers." Denn der wirkliche Autor ist nicht Turoldus.
sondern die Volksseele, der Volkscharakter. Der Dichter ist
für den jungen Renan nur das harmonische Echo, oder weniger
poetisch ausgedrückt, nur der Schreiber, der unter dem Dik-
tat des Volkes schreibt, das ihm von seinen schönen Träumen
erzählt*5).
Jener romantischen Lehre von der Geburt der Epen aus
der Volksseele und von der geringen Bedeutung des epischen
Dichters gab sich Renan um so williger hin. da sie sich in
enger Übereinstimmung befanden mit philosophischen An-
schauungen, die ihm aus der Lektüre Herders und besonders
der zeitgenössischen Philosophen Comte und Pierre Leroux
geläufig waren. Renan lebte sich völlig hinein in die Auf-
fassung, dal.'» der Mensch nur im Zusammenhang mit der
Menschheit zu denken sei, daß es nicht eine große Menge
einzelner, menschlicher Individuen, sondern in Wirklichkeit
nur das eine allumfassende Kollektivwesen „L'Humanite"
gebe; . . Le grand Etre". wie Comte es nennt, in dem alle
41) Cahiera de jeunesse p. 117 t.
«) Ebda. p. 121.
<3) Ebda. p. 123 f.
Ansichten d. jungen Renan üb. frz. Li f. x. Literaturkritik. 451
einzelnen Lebewesen bis zur Aufgabe ihrer eigenen Persönlich-
keit aufgellen. Er spricht nur Grundgedanken von Leroux
und Comte aus. wenn er in sein Tagebuch schreibt: „Celui
qui ä la vue du renouvellement de L'humanite, de la vie, de
la mort, etc.. ne sentirait pas que l'individu n'est rien et que
le grand but est dana l'humanite permanente, la grande sub-
stance collective, sc faisant sous tout cela, celui-lä na pas
la vue penetrante des choses*4)". Die Zeit des Individualismus
ist abgelaufen. In einer aus Trauer und Mitleid gemischten
Stimmung betrachtet er das klägliche Schauspiel der in dem
großen Ganzen für ihren eigenen Ruhm, ihren Vorteil, für ihre
kleine persönliche Sache kämpfenden Individuen: „Adieu la
gloire individuelle! Pitie de voir ces pauvres individus lut-
tant dans ce grand tohu-bohu ... Le tout commence ä
exister; adieu les pauvres petits membres45)."
In einer Aufzeichnung des Tagebuches schreibt er einmal
nieder, wie er sich die Disposition einer akademischen Lob-
rede denke. Zuerst sei zu untersuchen, was in einer Persönlich-
keit an LTniversalem und Wahrem stecke, sodann, was sie von
ihrer Zeit habe. Wert hat nur das Universale. Das Zeit-
gemäße ist in den Augen des jungen Renan nur wertlose
Schlacke. Neben dem Universalen und Zeitgemäßen erwähnt
er das Individuelle überhaupt nicht. So gering schätzt er es
ein im Verhältnis zu den allgemein menschlichen Kräften
und Werten 46).
Aus dieser Auffassung heraus ist in Renan das Verlangen
mächtig geworden, die Anfänge des geistigen Lebens der
Menschheil zu erforschen. In seinen Tagebuchaufzeichnungen
aus den Jahren 1845 und 1846 finden sich eine Reihe von
Bemerkungen, die sich mit dem primitiven Seelenzustande
des Menschen beschäftigen, kurze Reflexionen über die Ver-
änderung und Entwicklung menschlicher Gefühle, Bemerkungen
über Gründung von Familie, Gesellschaft und Nation 47); über
verschiedene Religionsauffassungen48); über den Unterschied
der primitiven Poesie bei den indogermanischen und semi-
tischen Völkern *9) ; über den religiösen Charakter der Literatur
der primitiven Völker5"); über die Wertschätzung des Lebens
im Kindheitszeitalter der Völker und später: über das Persön-
lichkeitsgefühl der Wilden 51) und andere Gegenstände mehr.
Er sieht, daß über diese Fragen noch eine neue Wissenschaft
**) Nouveanx cahiers de jeunesse p. 181.
**) Ebda. p. 201. Vgl. auch p. 94/ 5. Ebenso Cahiers de jeunesse p. 4L
^6) Ebda. p. 213/4. "
47) Cahiers de jeunesse p. 55/56.
«) Ebda. p. K9/70: 72.
«) Ebda. p. 151.
50) Nnuveaux cahiers de jeunesse p. 265.
■«) Ebda. p. 196.
452 \V,,lt Im- l<üchhr.
zu begründen ist: die Wissenschaft der Völkerpsychologie ; le
probleme de l'origine de l'homme '-). Es ist ein brennendes
Verlangen in ihm. in diesen Dingen klarer zu sehen und sein«
Ansichten über sie ausdrücken zu können. „O qui mihi det.
ut dicam quod de nostra origine sentio", ruft er einmal aus").
Er fühlt sich ganz angefüllt mit Gedanken über diese Probleme
und leidet, wenn ein anderer Meinungen über sie äußert, die
er sich selbst gebildet hat54). ,
Es ist erklärlich, wenn er im Bann dieses Menschheits-
gedankens findet, daß die Literaturgeschichte allzu sehr Be-
handlung der einzelnen Autoren sei; wenn er meint, daß auf
diese Weise die eigentliche Geschichte, die Übergänge und
die Schattierungen nicht genügend begriffen winden. Er ver-
langt demnach, daß die Geschichte sich nicht auflöse in zu-
sammenhanglose Einzelportraits, sondern daß sie ein Bild
von mehreren Szenen, zusammenfassende Gruppendarstellung
in Handlung und Bewegung gebe55). Oder, in ähnlichem Sinne
legt er sich einmal den Plan zu der Geschichte der Literatur
eines Volkes zurecht und nimmt sich vor, zu diesem Zwecke das
gesamte Lebenssystem dieses Volkes in allen seinen Äußerungen
zu studieren, in Religion. Recht, Aberglauben. Kultur, seiner
moralischen Areranlagung, seinen Leidenschaften: und im Zu-
sammenhang mit dieser zergliederten und klar erkannten
Einheit des Volksbewußtseins die einzelnen Züge der Lite-
ratur zu betrachten *6).
Es kann nicht Wunder nehmen, daß Renans ganze Liebe
der ursprünglichen Volksdichtung gilt. Nur sie, nur die Kollektiv-
dichtung, in der die Menschheit in der Sprache einer Nation
den wahren Ausdruck ihres Wesens gibt, erscheint ihm schön
und erhaben. Das nationale Epos ist ihm etwas Heiliges.
Heilig wie die Religion der Vorfahren. Er feiert es wie eine
Art Kapital, das bis in die fernsten Zeiten hin Mut und Tugend
der Nation entflammt.
In seinem Enthusiasmus für die erhabene, heilige, nationale
Volksdichtung schaut er — auch hier in Übereinstimmung
mit A. W. Schlegel — geringschätzig auf die französische
Literatur herab, wie sie sich seit der Renaissance entwickelt
hat. Er bedauert, daß sie, indem sie sich zwar verfeinerte,
die Tradition aufgegeben hat. Wenn ein Dichter zur Zeit
Ludwigs XIV. es gewagt hätte, die alten nationalen Gedichte
zu erneuern, so hätte ihn sogleich eine Satire Boileaus zurecht-
gewiesen.
Cahiers de jeunesse p. 36/7.
68) Ebda. p. 31.
**) Ebda. p. 119.
•r>5) Ebda. p. 234.
•r'e) Xouveaux cahiers de jeunesse p. 17.
Ansichten d. jungen Renan i'l>. frz. Lit. u. Literaturkritik. 453
Di>' moderne Literatur steht tief unter der alten. Das
klassische Zeitalter hat nur eine Seite des Menschlichen in
schönem Licht«' gezeigt5'), seine Literatur isr eine Angelegen-
heit des Sahms. der Coterie, der Akademie, „eile rit, plaisante,
aiaise, fait des phrases1'. Das Spontane mangelt ihr, das Heilige.
Alles ist Stuckwerk, individuelle Arbeit: man reflektiert, ,,on
se bat les flaues-. Boileau versetzt sich in Begeisterung,
um eine Ode über die Einnahme von Xamur zu verfassen.
Ebenso machen es Voltaire. Fontenelle u. a. h$) Vergleicht
man ein Werk Fontenelles etwa mit einem alten nationalen
Epos, so erkennt man den gewaltigen Unterschied. ..Diu;
eöte, un homine fait tout : de l'autre. une nation fait tout" ~'9).
Seine ganze Mißachtung dieser reflexiven, individuellen Lite-
ratur tritt zu Tage in der Frage: „Mais la coneeption haute
des choses. Homere et la Bible. Harn an et Goethe, Herder
et Roland, le vrai, le haut, le beau oü Ton ne pense pas au
ridicule. oü sont-ils? . . . et le Dieu oü est-il?6(r).
Die ältesten Aufzeichnungen Renans über den französischen
Klassizismus und französische Klassiker finden sich in den Be-
merkungen, die er noch in Saint-Sulpice in ein Exemplar
der Werke Corneilles und Racines geschrieben hat61)- Schon
hier überwiegt die Kritik die Begeisterung. Wirkliche Be-
wunderung zollt er eigentlich nur einzelnen Szenen Corneilles.
Er findet im Cid die Ohrfeigenszene schön und originell, weil
sie in höherem Sinne primitiv ist. „representant une epoque,
une face, un Systeme de vie dans l'humanite". Dagegen
tadelt er die künstliche Rhetorik Corneilles. die gelegentlich
auftrete und den denkbar schlechtesten Eindruck mache.
Dann wieder unterstreicht er den Unwillen, den Corneille
im Examen du Cid über die Unbequemlichkeit der Regeln
äußert: „Des regles qui ne servent qu'ä incommoder et ä
gener: quel monstre en litterature! Er übt Kritik an einem
Jugendgedicht Racines und an Britannicus und empört sich
mit ganz besonderer Schärfe gegen die pseudoklassische Auf-
fassung, daß die Poesie keinen andern Zweck habe als an-
genehm zu unterhalten: „!!! Horreur! II ne faudrait pas alors
y donner un quart d'heure. Jusqu'ä quand donc repetera-t-
on ces degradantes et seniles sottises". Er leitet diese
niedrige Auffassung der Literatur von einer Weltanschauung
ab, die ihm selbst fremd ist: „Voilä bien ce pale classicisme,
concernant la vie corame une route seche et monotone, sur
laquelle de temps en temps on s'amuse froidement avec l'ideal,
57) Cahiers de jeunesse p. IHM 70.
M) Ebda. p. 12ö. Vgl. auch Nouveaux cahiers de jeunesse p. 55: auch
p. 152f.
59) Ebda. p. 133.
«o) Ehäa. p. 125. Vol. auch p. 228.
61) Vgl. dfv. ''ben angeführten Artikel von .T. Wogue.
454 WciUher Küchln-.
et cela encore en se coupant bien soigneueement lee ailes.
Pour nous c'est une voie lactee, Manche, Celeste et lumineuse
sur un fond bleu parseme d'etoilesu.
Diese dem Klassizismus feindliche Auffassung, die sich
Reuan frühzeitig in Saint-Sulpice selbständig erworben hat,
und die mit der Eigenart seiner allem Zwang abholden, für
die Freiheit und Schrankenlosigkeit empfänglichen jugendlichen
Natur aufs innigste zusammenhängt, hat er sich, wie aus zahl-
reichen Einträgen in seine Tagebücher hervorgeht9'), in seinen
Seminarjahren und darüber hinaus bewahrt. Dabei hat er,
wie es seine Gewohnheit war. sich nicht mit den absprechenden
Urteilen begnügt, sondern hat versucht, doch auch der Eigen-
art des Klassizismus gerecht zu werden. Man kann aus seinen
Ta£ebuchaufzeichnun"ren erkennen, wie er mit seinen Ge-
danken und Empfindungen ringt, wie er sich gelegentlich
selbst darüber klar wird« daß er nicht ganz klar sieht. So
setzt er sich einmal auseinander, daß Boileau in seiner Art
vollkommen ist, „classiquement c est admirable". aber seine
Kunst ist eben doch nur eine Kunst des angenehmen Unter-
haltene und „une affaire de procedes et de machines". Sie
enthalte zwar geistreiche Gedanken in geistreicher Form, lasse
aber als Dichtung und als Gedanke kalt. Am Schlüsse der
Betrachtung, in der er dann noch die dichterische Art Lamar-
tines der gedanklichen Boileaus entgegengestellt und die Über-
legenheit Lamartines betont hat, gesteht er: „Je ne suis
pas encore ä meme de bien definir ma pensee. Elle n'a pas
l'acumen necessaire; je la vois se dessiner comme une pointe
de poignard sous un voile, une statue sous un voile" fiV).
Ebenso beklagt er auf der einen Seite das Abreißen der
Tradition und sieht, daß durch das Verschmähen des Volks-
tümlichen eine Kluft zwischen dem volkstümlichen Geschmack
und dem gelehrten der Gebildeten entstanden ist64). Auf der
anderen Seite vermag er dann die Berührung Frankreichs
mit der Antike als eine geradezu gesetzmäßige Notwendigkeit
für die Herbeiführung des großen Zeitalters anzusehen ö5).
Er bedauert, daß die alten heroischen Legenden schließlich
der Domäne des Vulgären verfallen, trivialisiert werden und
in die „bibliotheque bleue" geraten sind, während die großen
Geister ihre Inspiration in der heidnischen Mythologie ge-
sucht hätten, und erklärt dann diese Entwicklung zwar als
bedauerlich, aber doch als notwendig66). Ja, er warnt sich
und andere gelegentlich davor, sich allzu sicher und naiv der
Abneigung gegen das Jahrhundert Ludwigs XIV. und der
62) Z. B. Nouveaux cahiers de. jeunesse p. 46 f. ; 109 f.
63 ) Cahiers de jeunesse p. 263 f. Vgl. auch p. 278.
64) Nouveaux cahiers de jeunesse p. 152 f.
ö6) Cahiers de jeunesse p. 37H.
«•) Ebda. p. 139 f.
Ansichten d. jungen Renan üb. frz. Lit. u. Literaturkritik. 455
Vorliebe für das Mittelalter hinzugeben67). Oder wenn er
an anderer Stelle den Unterschied der modernen Zeit zu der
Ludwigs XIV. in dem Unterschiede des Freiheitsbegriffes gegen-
über der Beschränkung erkennt, so läßt er doch sogleich
die Möglichkeit der Übertreibung in beiden Richtungen
offen 68).
Doch solche Versuche, dem Klassizismus gerecht zu werden,
vermochten nicht die Grundstimmung, die er ihm gegenüber
empfand, zu ändern. Es war und blieb nun einmal Renatis
Bestimmung, das Menschliche in all seinen Äußerungen und
Formen zu suchen und zu lieben und jede Form des Mensch-
lichen darauf hin zu prüfen, wieviel des allgemein Menschlichen
sie in ihrer berechtigten Besonderheit in sich schließe. Und
von diesem Standpunkt aus erschien ihm die Kultur des
französischen Klassizismus als einseitig. Als im Jahre 1858
in der Vorrede zu der Sammlung seiner „ Varietes litteraires"
der Feuilletonist Silvestre de Sacy seiner einseitigen Vor-
liebe für das siebzehnte Jahrhundert demonstrativ Ausdruck
gab und bekannte, daß er in bewußter und gewollter
Exklusivität immer wieder nur zu den besten Büchern greife,
zu den Büchern, die die Kinder in den Schulen auswendig
wüßten, zu Boileau, Corneille, Racine, Lafontaine, La Bruyere,
Pascal, Bossuet. legte Renan in seiner Besprechung des Werkes
Verwahrung gegen diese selbstgewählte Einseitigkeit ein. Er
erklärte, daß sein Geschmack die Poetik, welche die Romane
der table ronde inspiriert habe, der Poetik Boileaus vor-
ziehe. Ja er geht so weit, die Überzeugung seiner jüngeren
Jahre, die wahrscheinlich dem Stockfranzosen Sacy nur ein
spöttisches Lächeln entlockt hat, zu wiederholen: „Le primitif
seul est le vrai et seul a le droit de nous attirer." Das sieb-
zehnte Jahrhundert erzielte wohl eine gewisse Vollendung der
Form, zu der ein mittleres Maß im Gedanken kam, aber wenn
eine Literatur deswegen Gemeingut der Schulen werden konnte,
so dürfe man doch nicht glauben, daß sie allein schön und vor-
trefflich sei. Renan weist daraufhin, daß die fremden Völker die
außergewöhnliche Vorliebe der Franzosen für ihre klassische
Literatur nicht begreifen, in ihr nur eine Tertiarliteratur,
ein Echo der lateinischen und griechischen sehen, und daß
auch die Deutschen, die doch so weitherzig und eklektisch
in ihrem Geschmack seien, sich kaum mit der klassischen
französischen Literatur beschäftigten. Der Grund liege darin,
daß eben diese Literatur zu sehr französisch sei. Jedenfalls
dürfe sie nicht die ausschließliche Lektüre für alle Zeiten sein;
man sei über den intellektuellen Zustand dieser Literatur
67) Cahiers dejeunesse p. 189. c.f. Nouveuux cahiers dejeunesse p. 214.
68) Nouveaux cahiers de jeimesse p. 211 f.
456 Walther Küchler.
hinaus, aus ihren Schöpfungen sei wenig zu lernen für die
Probleme, die uns heute beschäftigten 69).
Die klassische und nachklassische Literatur Frankreichs
entsprach nicht der hohen Vorstellung, die sich Renan in jungen
Jahren von dem Wesen und der Bedeutung der Literatur ge-
bildet hatte. Die französische Literatur war ihm allzu sehr
Literatur, war nur Literatur, wie er sich ausdrückte. Sie war
ein oberflächliches, frivoles Spiel, das nichts weiter auf sich
hatte70), sie diente nur der Unterhaltung, war eine modische
Beschäftigung der Literaten und des Publikums. Weil man
immer nur diesen unzureichenden Maßstab an die Literatur
legt, sollte man — s<> meint Renan in seinem jugendlichen
Radikalismus — das Wort Literatur als gefährlich aus dem
Sprachgebrauch verbannen. Die Literatur im alten Sinne hat
keine Daseinsberechtigung mehr: ,.11 ne s'agit maintenant
plus de litterature 7:)".
Die Literatur soll etwas ganz anderes sein, als was
sie zur Zeit des französischen Klassizismus und Pseudo-
klassizismus war. Die Literatur soll wie das Leben selbst
sein. Das Leben aber, für den jungen Renan, ist Ernst-
haftigkeit. Moral, Wissenschaft. Die Literatur soll der rechte
Arm der Philosophie sein, dann ist sie nicht mehr Literatur,
sondern Wissenschaft. Ästhetik Sie muß den Zusammenhang
mit dem Ewigen finden: „L'eternel seul a du prix." Der
Dichter soll schaffen im Angesicht der Ewigkeit. Nicht um des
augenblicklichen Beifalles willen, weil die Mode gerade so geht,
nicht aus Eitelkeit und aus Interesse, nicht inmitten von
Kabalen und Intriguen. Sein ganzes Wesen empört sich
gegen eine solche frivole Tätigkeit. — Non, si l'eternel vrai
n'etait |>as lä. je renoncerais ä la culture intellectuelle.
j'embrasserais la morale et le cceur. je me ferais bon et
simple paysan. Deus! Deus meus!-'72)
In dunklem Drange nach etwas Höherem und Höchstem
möchte er an die Stelle der hergebrachten Literatur setzen
etwas, was er selbst nicht genau in Worte fassen kann: „ce
dont Dieu est l'objet. religion peut-etre." Oder, wie er an
anderer Stelle in gleichem Sinne sagt: „C'est l'ideal du peuple,
quelque chose de parallele ä sa religion. une quasireligion
nationale73)".
So stellt sich ihm also nicht nur die alte primitive
Dichtung, sondern auch die in der Zukunft ersehnte Dichtung
w9) Artikel über .,M. de Sacy et l'ecole liberale" in „Essais de morale
et de critique", Paris 1859. p. 38f.
701 Nouveau.r cahiers de jewnetsc p. 35.
71 Ebda. p. 290.
72) Cahiers de jeunesse p. 157 ff.
73) Nouveaux cahiers de jeunesse ]>. '_JM4.
Ansichten d. jungen Renan üb. frz. Lit. u. Literaturkritik. 457
als eine in den Tiefen der Volksseele wurzelnde, durch den
.Mund inspirierter Dichter erfolgende Äußerung des Volks-
bewußtseins dar. Der große Dichter ist ihm derjenige, der
dieses Volksideal lebhaft ergriffen hat, der ganz in seiner
Dichtung aufgeht, sie verehrt wie seinen Gott und darum
Enthusiasmus zu erregen vermag. Eine solche Dichtung ist
eine heilige Dichtung, so wie die alte primitive. Sie ist aber
in Renans Vorstellung mehr als diese. Sie ist eine Ver-
einigung von Wissenschaft, Kritik und Poesie. Sie ist die ine
Wissenschaftliche erhobene primitive Dichtung. So gelangt
der jugendliche Renan zu derselben Forderung wie Leconte
de Lisle sie aussprach und zu verwirklichen suchte74).
Renan hoffte, daß bald eine neue höhere Form der
Poesie kommen würde, ,,une forme serieuse, grande, belle et
hardie de la poesie. de l'art, de la philosophie, de la morale",
eine Form, die aus der ernsthaftesten Innerlichkeit, aus der
festesten moralischen Verfassung, aus der ganzen erregten
Menschlichkeit des Schaffenden stamme*5").
In seiner Liebe zur primitiven Dichtung, in seiner Ab-
lehnung des Klassizismus, in seinem dunklen Verlangen nach
einer neuen Menschheitsdichtung war Renan den Stimmungen
der Romantik, die zu seiner Zeit schon zu schweigen begonnen
hatte, unterworfen.
In Renans ursprünglicher Veranlagung steckte der Sinn
für das Romantische. Er selbst entdeckte in seiner Zugehörig-
keit zur bretonischen „Rasse" den Grund seines „romanticisme
moral", d. h. jener Veranlagung, die ihn, wie seine Landsleute,
unfähig zum tätigen Leben um egoistischer Zwecke willen
machte und in sehnsüchtigem, stets unbefriedigtem Verlangen
nach dem Idealen streben ließ.
Die romantische Veranlagung Renans äußerte sich nicht,
wie bei manchen berühmten Romantikern, in der stürmischen
Wallung des leidenschaftlich erregten Gefühls. Die seelischen
Kämpfe seines Lebens sind nicht gerade romantischer Art.
Der Kampf zwischen Glaube und Wissen nahm für ihn nicht
romantische Formen an. Der Weltschmerz hat nie Macht über
ihn gewonnen. Dazu war er im Grunde seines Wesens zu
heiter und zu vernünftig, zu sehr voll Interesse den Er-
scheinungen des Lebens zugewandt. Frühzeitig auch über-
wucherte in ihm der wissenschaftliche Trieb das romantische
Gefühl, wurde das Verlangen in ihm wach, auf dem Wege der
historischen Forschung, mit Hilfe der peinlichst gesammelten
und durchgearbeiteten Dokumente die Geschichte des mensch-
lichen Geisteslebens zu erkennen. Renan wurde ein Gelehrter.
74) Cahiers de jeunesse p. 326.
75) Nouveaux cahiers de jeunesse p. 283.
4.">8 Walther Küchler.
Sein Ideal wurde es. still und ungestört ein friedliches, dem
Erforschen der Wahrheit gewidmetes Leben zu führen. Kein
romantisches Ideal. Doch mochte die Arbeitsweise auch so
streng wissenschaftlich sein wie nur möglich, das Ziel, der
Wert und der Sinn seiner Arbeit erschienen ihm doch in
romantischem Licht. War er doch ganz erfüllt von dem großen
und schönen romantischen Problem, das die Zeit der eigent-
lichen Romantik überdauert hat, von dem Problem, dem
Menschlichen, dem ewig Rätselvollen, näher zu kommen durch
die Erforschung der in poetischer Dämmerung verschleierten
Kindheitszeit des Menschengeschlechts.
Das Romantische in der Seele dieses Spätgeborenen der
Romantik wurde aufs lebhafteste berührt und beeinflußt durch
die Lektüre romantischer Werke, des Buches der Frau von
Stael über Deutschland, deutscher und französischer roman-
tischer Dichter und Philosophen. So, aus ursprünglicher
Veranlagung und unter dem Einfluß verehrter romantischer
Persönlichkeiten bekannte er sich zur Romantik, als es bereits
angefangen hatte, zum guten Ton zu'J gehören, sich von ihr
abzukehren. „Je suis ne romantique", schreibt er einmal in
sein Tagebuch. Ich werde mich nie mit dem intellektuellen
System begnügen, das bei der Form stehen bleibt und nur
durch die Harmonie entzückt, mit einem System, wie es
Boileau in seinem Briefe an den Marquis de Seignelay be-
schreibt: „Non, il nie faut 1 äme. quelque chose qui me
mette au bord de l'abime 76)".
Gerade wegen dieser Forderung des Seelischen erschien
ihm die Poesie Frankreichs vor der Romantik so unbedeutend.
Die Gedichte des 18. Jahrhunderts waren feine Salonblüten 77)>
die Lyrik von Malherbe und J. B. Rousseau, ebenso wie die
Pindars und Horaz's war gar keine Lyrik, sondern „calcul de
tetea. im Gegensatz zu der seelenvollen Dichtung der deut-
schen Dichter, zu Lamartines Art, die ein Hymnus an die
Innerlichkeit und beschauliche Selbstbetrachtung ist78). Die
Klassiker besaßen ein nur unvollkommenes Naturgefühl, sie
hatten nur etwas vorn Einfachen und Angenehmen des Länd-
lichen begriffen, aber die wirkliche Poesie, das seelische
Poetische der Natur war ihnen entgangen. Yergleicht man
in dieser Beziehung ein Gedicht von Boileau oder noch besser
von Fontenoy de Chaulieu mir der Retraite von Lamartine:
„c'est la difference de l'äme au corps" 79).
Als Romantiker setzt Renan der verstandesmäßigen Zer-
gliederung und dem formvollendeten Ausdruck der Gefühle
76) Cahiers de jeunesse p. 32H f.
77) Nouveaux cahiers de jeunesse p. 199.
™) Ebda. p. 286.
79) Cahiers de jeunesse p. 319 t.
Ansichten d. jungen Renan üb. frz. LH. u. lAteraturkritik. 459'
die Hingabe des ganzen, leidenschaftlich erregten Menschen
an das Chaos der Seele gegenüber; statt der vernünftigen
Bekämpfung des Leides die melancholische Wollust des
Schmerzes: „Les anciens n'ont jamais cette teinte de sentiment
pure, elevee, melancolique, qui fait reellement du malheur
quelque chose de divin et de Celeste, une vraie religion, un
etat oü l'on est plus pres de Dieu 80)."
Wie aus dem Gefühl des persönlichsten Schmerzes, zogen
die Romantiker auch aus dem Gefühl des Unendlichen, das
sie aus der Beschränktheit des Irdischen herauszog, ihre
Inspirationen. Auch diesen Inhalt des romantischen Bewußt-
seins erlebte Renan in seinem eigenen. Er schreibt einmal
in sein Tagebuch, daß der Eindruck, den man bei der Lektüre
der großen romantischen Werke, z. B. bei Lamartine, habe,
peinlich sei; daß man das Gefühl von etwas Hohlem und
Leerem habe, während der Eindruck bei Racine voll und ab-
geschlossen sei. Man möchte fast meinen, er neige hier mehr
dem Klassischen zu. Aber aus dem Folgenden wird dann
klar, daß er den Eindruck des Vollen und Abgeschlossenen
eben nur von der klassischen Beschränkung erhält, während
er die romantische Leere nicht als einen Mangel, sondern als
einen Vorzug empfindet, der von der Unendlichkeit des
Gesichtskreises herrühre: „On ne pose pas ä plein, on voudrait
plus, on a faim, et avec les classiques on n'a pas faim. Tout
est content. C'est qu'ils sont finis et les romantiques sont
infinis. Or, l'infini est plus. J'aime mieux le sentiment
infini du romantisme que le sentiment borne et tranquille de
l'autre. L'une est une hyperbole. lautre un cercle81)".
Es kommt wohl auch einmal eine Stimmung über ihn,
in der er nicht dabei stehen bleibt, die Überlegenheit der
Romantik über Antike und Klassizismus zu verkünden, sondern
in der es ihm sogar erscheinen will, als wäre das Bedürfnis see-
lischer Hingabe in ihm stärker geworden als der wissen-
schaftliche Trieb. In einer solchen Stimmung findet er den
einfachen Gesichtspunkt der experimentellen Wissenschaften,
den Positivismus, der ihn so entzückte, nicht mehr schön
genug und behauptet, daß in der Poesie und in der Be-
geisterung der Seele sicher ebenso viel Wahrheit zu finden
sei als in der Naturwissenschaft 82).
Diese Übereinstimmung seiner Seele mit dem Gefühl
romantischer Erregung und Sehnsucht verhinderte den jungen
Renan nicht, der Romantik doch auch kritisch gegenüberzu-
treten.
80) Cahiers de jeunesse p. 348.
81) Ebda. p. 257 f.
82) Nouveaux cahiers de jeunesse p. 84.
160 Walther Küchler.
Die gewollte und berechnende Nachahmung des Mittel-
alters zu äußerlichen Effekten tadelte er ebenso rückhaltlos
wie die Nachahmung der Antike durch den Klassizismus. Ge-
wisse Äußerlichkeiten und affektierte Übertreibungen der
Romantiker vermochten ihn sehr stark aufzuregen : „Rien de plus
sot qu'un ecolier romantique: se battre les flancs romantiquement
me donne la nausee 83).
Ziemlich ausführlich wendet er sich einmal gegen die
.. tvpes a la Chatterton". Er erklärt diese jungen Genies, die
sich über jedermann erhaben dünken und gegen die Gesellschaft
\\ üten. die ihnen nicht eine geziemende Sinekure gibt, damit -ie
ihre erhabenen Gedanken pflegen können, als die dümmsten,
lächerlichsten, unausstehlichsten Gecken. Er haßt sie besonders
deswegen, weil sie es verschmähen, zu arbeiten und in der
harten Arbeit, die ihnen erniedrigend erscheint, ihr Genie
auszubilden. Er ist erbost gegen sie aus dem Gefühl seiner
eigenen harten Lage heraus, die ihm so schwere Ent-
behrungen auferlegt und seine freie Geistesentwicklung hemmt.
Nach dem Austritt aus Saint-Sulpice mußte er sich, der be-
reits einer der besten Kenner der semitischen Sprachen in
Frankreich war. jahrelang mit der untergeordneten Stellung
eines Präfekten in einer Pension begnügen. In seiner be-
drückten Lage fühlte er sich den dünkelhaften, romantischen
Genies gegenüber als eines jener wahren Genies, die sich still
beugen, ihre Leiden auf sich nehmen und alle Beleidigungen und
Verachtungen ertragen „sans rien dire. mais en conservant
toute leur dignite interieure". Er tröstet sich mit der Hoffnung
auf bessere Zeiten, in denen die „Chatterton-singes" erniedrigt
sein werden und er selbst erhöht sein werde. Gott selbst
gibt ihm diesen Trost: denn für ihn leidet er. Er sieht sich
auf der letzten Stufe der sozialen Leiter, ein Spielball der
Launen eines wahren Tyrannen: ,,N'importe. C'est pour ma
conscience 84)."
Auch sein hoch- und strengentwickelter moralischer Sinn ließ
ihn an einer charakteristischen Eigentümlichkeit romantischer,
in Dichtungen verherrlichter Moral Kritik üben. Er spricht
einmal von seiner zwiespältigen Stimmung gegenüber den
moralischen Typen Victor Hugos. Er wisse eigentlich nicht
recht, warum er das System von Reiz und Größe des Ver-
brechens, wie es Victor Hugo in Lucrezia Borgia z. B. dar-
stelle, bewundere, da doch seine eigenen moralischen Prinzipien
so völlig absolut seien. Er ist fast geneigt, sich für immer
von diesem „genre byronien" abzuwenden, von dem Typus des
Menschen „aux mauvaises pensees impetueuses mais au fond
duquel il y a du bien". Deswegen, weil er an die lächerlichen
83) Nouveaax cahiers de jeunesse p. 211 f. Vgl. auch p. 47 f., 78, 88.
Hi) Ebda. p. 3i-i8. Vgl. auch Souvenirs d'enfance et de jeunesse p. 333.
Insichten ä. jungen Renan üb. frz. Lit. u. Literaturkritik. 461
<recken denken müsse, die diesen Typus affektiert zur Schau
trügen. Aber er läßt sich dann doch in seiner Wertschätzung
der dichterischen Schöpfung nicht beirren durch den Mißbrauch,
der mit ihr getrieben wird85).
Immerhin ist es fast merkwürdig, daß Renan seiner
zwiespältigen Stimmung nicht weiter nachgeht und zu
einer entschiedeneren Ablehnung des psychologisch meist so
wenig vertieften Charakters des edlen Bösewichts gelangt,
wie er im romantischen Roman und Drama eine so große
Rolle spielt. Er sah den Unterschied zwischen dem für Kenner
geschriebenen literarischen Theater der klassischen Zeit und
dem zeitgenössischen, das er als eine Sache des literarisch
ungebildeten Volkes recht gut erkannte. Es tut ihm zwar
nicht leid, daß die Zeit der klassischen Kunst Voltaires vorbei
ist, aber „la profondeur tout aristocratique et fort impopu-
laire de Goethe, etc., qui ne la regretterait" ? Er betont aus-
drücklich, wenn ihm schon nicht das kalte System der Klassiker
behage, so doch noch viel weniger ,.ce genre plat et popu-
laire. d'illettres et de gens sans goüt, peu intellectuels. hommes
d'affaires ou de plaisir. C'est misere" 86).
Trotz solcher Kritik romantischer Schwächen und Über-
treibungen ist Renan seiner Grundauffassung von Romantik
treu geblieben. Bis zuletzt blieb ihm Romantik gleichbedeutend
mit Idealismus, mit der hohen, vergeistigten, verinnerlichten
Lebensauffassung, mit dem Streben nach erhabensten und
lautersten, fern von der Wertschätzung durch positiv-materi-
alistische Menschen liegenden Dingen. Er liebte die Romantik
wegen ihres seelischen, moralischen Gefühlsinhaltes, nicht
wegen der Form, in der ihr Gehalt zum Ausdruck gelangte.
Renan hat sich in seiner Jugend viel mit dem Problem
über das Verhältnis von Inhalt und Form abgegeben. Ohne
daß er eigentlich zu einer Lösung gekommen wäre. Er war
damals ganz und ausschließlich auf Erkenntnis, Wahrheit,
Menschlichkeit. Moral bedacht. Was an Künstlerischem in
ihm steckte, kam nicht über Aspirationen und Ahnungen
hinaus. Die Form versagte sich ihm nicht, aber er suchte
sie auch nicht. Bis zur italienischen Reise.
Die Form betrachtete und schätzte er gering als das Nur-
Tndividuelle. als das Künstliche und Konventionelle. Sie kam
für ihn nur durch äußerliche Gewandtheit und Geschicklich-
keit, aus Berechnung, Reflexion und Eitelkeit zustande. Sie
erschien ihm als eine Umkleidung, die mit dem Wesen, mit
85) Nonveaux cahiers de jeunesse p. 298 f. Byron charakterisiert er
gelegentlich als „im monstre. an prodige, niais en qui il man qua .juelque
ehose, la morale, Jösus-Christ". Ebda. p. 107.
86) Ebda. p. 283.
Ztschr. f. frz. Spr. n. Lit. XLV J - 32
462 Walther Küchler.
dem Gehalt an sich nichts zu tun hat, vielmehr Wesen und
Gehalt in verzerrender Umschreibung nur veräußerlicht. Die
Form ist ihm nicht nur etwas Künstliches, auch etwas Falsches.
Sie fälscht die Ursprünglichkeit, die Spontaneität der Em-
pfindung und des Gedankens. Wenn man ein wahres
Gefühl ausspricht, so denkt man daran, wie man es sagen
will, man denkt an seinen Stil: ,.On reflechit ä ce qu'on dira.
c'est parcequ'on l'a voulu et calcule". Es geht gar nicht anders.
Der wahre Inhalt äußert sich in falscher Form, „cette forme
fausse est une necessite de notre condition, d'apres laquelle
l'expression requiert travail et composition. Mais au fond,
sans cela, ce serait naivete pure et eff'usion sincere 8:).
Man muß feststellen, daß auf Grund einer so paradoxalen
Auffassung von Inhalt und Form der junge Renan eigentlich
kaum ein von Vorurteil und Irrtum freies Urteil über Lite-
ratur abgeben konnte. Tatsächlich sind denn auch
seine Urteile über die primitive Ependichtung, wie über die
klassische Literatur Frankreichs, ist die Begeisterung auf der
einen Seite und die Kritik auf der anderen Seite einseitig
und befangen.
Renan stellt an einer Stelle die Frage: „La litterature
a-t-elle valeur par elle-meme oü bien par ce qu'elle exprime?1'
Und er antwortet: Es ist sicher, daß die reine Form nichts
bedeutet, daß das Schöne vielmehr das moralisch Schöne, das
Erhabene ist, das in den Dingen steckt und nicht im Lite-
raturwerk88). Eine unmögliche Auffassung, die dem Künstler,
ähnlich wie dem poete-collecteur der primitiven Epen nur das
Horchen auf die Harmonie der Dinge und das Sammeln ihrer
Töne zuerkennt und fast schon ihre Vereinigung zum Lied
untersagt. Wie stets, darf man die Äußerungen Renans auch
hier nicht als absolute Wahrheiten und ein für alle Mal fest-
stehende Überzeugungen nehmen. Es handelt sich hier, wie
so oft, um die in irgend einer Stimmung zur Erstarrung
gebrachte hin und her flutende Woge seiner Gedanken.
Es war ein Lieblingsgedanke Renans, die Geschichte der
Menschheit aus dem Gesichtspunkte des Verhältnisses von
Form und Inhalt zu betrachten. Er glaubte die Entwicklung
der Menschheit als einen ungeheuren Fortschritt von der
Form zum Inhalt zu erkennen ; als das heiße Bemühen über
die Schranken des klar erkannten und formal faßlichen End-
lichen hinaus zu den Geheimnissen des Unendlichen zu dringen;
statt um die schöne Form sich um die Moral zu kümmern :
statt die Worte sprechen zu lassen die Seele zu befragen.
Von seinem nordischen Studierzimmer aus glaubte er
zu sehen, daß es sich bei den Alten in Kunst, Wissenschaft«.
87) N(Mveaiix cahiers de jsunesse p. 210.
88) Ebda. p. 111.
Ansichten d. jungen Renan üb. frz. LH. u. Literaturkritik. 463
Geschichte. Rhetorik und Dialektik nur um die Form, z. T.
nur um die leere Form gehandelt hätte und daß sie dem
Inhalt nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt hätten89),
während die Modernen in Wissenschaft, Geschichte und Be-
redtsamkeit zunächst nur an den Inhalt dächten und zwar so
sehr, daß sie die Form darüber nur allzu sehr vernachlässigten.
Das Vollkommene wäre. Form und Inhalt miteinander in
Einklang zu bringen, so wie es in einem ersten Versuch
Alexander von Humboldt in seinem „Cosmos" fertiggebracht
habe.
Nach der Vollkommenheit der Form hat auch Renan in
seinen Werken gestrebt. Was schon in seiner jugendlichen
Kritik romantischer Absonderlichkeiten sich vorbereitete, wuchs
in ihm mit den Jahren. Er lernte später den moralischen,
seelischen Romantizismus unterscheiden von der Romantik
im Ausdruck, in der Formgebung. Diese weist er ab als Irr-
tum. Wenn es nämlich auch zwei Arten des Fühlens und Denkens
gäbe, die idealistische und die nicht idealistische, so gäbe es
doch nur eine Form, um auszudrücken, was man denke und
fühle.
Auch diese Auffassung ist einseitig. Sie setzt eine und
dieselbe Form für zwei ganz verschiedene Gedanken- und Ge-
fühlsinhalte voraus, eine Form, die, losgelöst vom Inhalt, über
dem Inhalt stehe, als etwas für sich Besonderes.
Es ist. als ob in den älteren Renan ein Stück der Theorie
des Klassizismus, den er in seiner Jugend aus sich heraus-
getrieben hatte, sich wieder eingeschlichen hätte.
Würzburg. Walther Küchler.
89) Ebda. p. 188 und 209. Renan konnte die griechische Literatur ge-
legentlich auch anders als eine Verwirklichung nur der äußeren Form auf-
fassen. Er rechnete sie dann nicht zu den formvollendeten klassischen Lite-
raturen, sondern sah in ihr eine wahrhaft originelle und primitive Literatur :
„production naive de l'humanite, representantunede ses phases ä son enfance".
Nichts sei weniger klassisch als ihre spontanen und primitiven Gesänge und Oden
(Ebda. p. 195). Renan gelangte nicht dazu, seine verschiedenen und ein-
ander widersprechenden Auffassungen über das Griechentum miteinander
zu versöhnen. Er gelangte nicht zu der einfacheren Formel Schlegels, der
in der griechischen Kunst und Poesie ursprüngliche, bewußtlose Einheit der
Form und des Stoffes erkannte, während in der neueren Dichtung innigere
Durchdringung beider als zweier Entgegengesetzten in der Annäherung
an das Unendliche gesucht würde (Vorlesungen über dramatische Kunst
und Literatur, in A. W. v. Schlegels sämtliche Werke, hgg. von E. Böcking
in Leipzig 1846, Bd. 5, S. 17). Vgl. auch Schlegels Ausführungen über mecha-
nische und organische Form. Bd. 6 p. 157.
32*
Zwei altfranzösische Sprich wörtersammlungen
in der Universitäts-Bibliothek zu Uppsala.
Die Handschrift C 523 in der Universitäts-Bibliothek zu
Uppsala. ein Pergamentkodex aus dem 14. Jahrh. (142 Fol.,
4°), der früher der Klosterbibliothek zu Vadstena zugehört
hat, enthält zwei Sammlungen Sprichwörter in altfranzösischer
Sprache. Es ist ein „Codex miscellaneus", auf einem Vorsetz-
blatt als „Liber miraculorum" bezeichnet, und aus zwei
Teilen bestehend. Der eine (Fol. 1 — 160) ist nach dem am
Schlüsse befindlichen Inhaltsverzeichnisse in neun ,,partesk<
eingeteilt x) : davon beträgt die Sammlung I fünfzehn Seiten
(Fol. 148 v°— 155 r°), der andere (Fol. 163—170) enthält die
Sammlung IL an deren Ende wenigstens ein Blatt fehlt.
Nach einem Vermerke des Vorsetzblattes: Iste liber emptus
est constancie pro (ifloreno?) und stammt der Sprache nach
zu urteilen wohl aus einem Kloster des östlichen Frank-
reichs, näher bestimmt Lothringens, vielleicht der Metzer
Gegend, sei es daß der kompilierende Schreiber selbst ein
Lothringer oder die Vorlage lothringisch. Am Schlüsse
(Fol. 172) findet sich auch ein Verzeichnis der ,,Castra epis-
copatus Metensis".
Jedes Sprichwort der ersten Sammlung ist von ent-
sprechenden lateinischen Sentenzen begleitet, oft sind mehrere
zusammengeführt worden, während in der zweiten der Ver-
fasser oder Kompilator sich bemüht hat. jeden Spruch mit
Bibelzitaten zusammenzustellen, deren Inhalt oft damit nur in
ziemlich losem Zusammenhange steht. Solche Sammlungen
sind wahrscheinlich für die Prediger bestimmt (vgl. Romania,
X11I, 532). Übrigens verrät diese letztere Sammlung eine
gewisse Übereinstimmung in Form und Aufstellung mit der
von Francisque Michel bei Leroux de Lincy (Teil 2, S. 472 u. ff.)
') Pars 1 = Fol. 1-2 fehlt. — 2 = 2— 39: Epistola ignacij et abe-
garij. Miracula beatae virginis. — 3 = 39 — 46: Miracula de corpore
christi. — 4 = 46 — 63: Miracula sauctae crucis. — 5 = 62: Exempla
de angelis. — 6 = 63—68: Exempla de papis, cardinalibus, episcopis etc., de
fabulis ysopi, de physicis, de advocatis. — 7 = 88— 98: De religiosis personis,
de monachis, de heremitis etc., de mulieribus religiosis. — 8 = 99 — 148:
De imperatoribus, de regibus, de coinitibus etc. — 9 = 148 v° — 160: Versus
de diuersis materiis.
Zwei altfrz. Sprichtvörtersamml. i.d. Ümv.-Bibl.zu Uppsala. 465
nach einer Cambridger Handschrift (Corpus Christi College)
mitgeteilten und der von Langlois veröffentlichten. Ich
weise auf die von C. Friesland in dieser Zeitschrift i^Bd.28, 1905)
publizierte Sprichwörter-Bibliographie hin und gebe hier nur
die öfters zur Vergleichung herangezogenen Schriften :
Kbert. E.. Die Sprichwörter der altfranz. Karlsepen. 1884 (Stensrels
Ausgaben u. Abhandlungen, 23).
Fehse. E., Sprichwort u. Sentenz bei Eustache Deschamps u. Dichtern
seiner Zeit, Diss. Berlin 1905. (Auch in den Romanischen For-
schungen.)
Gamerius, Ph., Thesaurus adagiorum gallico-latinorum. Franco-
furti 1625. (Garn.)
Ho mann. C, Beiträge zur Kenntnis des Wortschatzes der altfranz.
Sprichwörter. Inaug.-Diss. Greifswald 1900.
K a d 1 e r . A., Sprichwörter u. Sentenzen der altfranz. Artus- u. Aben-
teuerromane. 1886 (Stengels Ausgaben u. Abhandlungen, 49).
Langlois. E„ Anciens proverbes francais. 1899 (Bibliotheque de
l'Ecole des chartes. T. 60).
Leroux de Lincy, Le livre des proverbes francais. 2e ed. T. 1—2.
1859 ( Bibliotheque gauloise).
Loth. J., Die Sprichwörter der altfranz. Fabliaux nach ihrem Inhalte
zusammengestellt (Frogr. d. Kgl. Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums
zu Greifenberg in Pommern, 43—44. 1895- 96).
Martin. J., Les proverbes au Conte de Bretagne. Diss. Erlangen 1892.
Meyer. F.. Docnments manuscrits de Fancienne litteratnre de \k
France. Paris 1871.
Proverbes champenois avant le XVIe siecle. Reims 1881 (Collection
Tarbe, 13).
Srhepp, F.. Altfranzösische Sprichwörter u. Sentenzen. Inaug.-Diss.
(Greifswald) Leipzig 1905.
Stengel, E.. Die beiden Sammlungen altfranz. Sprichwörter in der
Oxforder Handschrift Rawfinson ('641 (Zeitschrift, f. franz.
Sprache u. Litt.. Bd. 21).
Sussauaeus, H., Proverbia GaMca secundum ordinem alphabeti re-
posita. Ed. 2. Parisiis 1558. (Sus.)
Tobler. A., Li proverbe an vilain. Lpz. 1895.
ririch. .1.. Die altfranz. Sprichwörtersammluug. Proverbes ruraux
et vulgaux (Zeitschrift f. franz. Sprache u. Litt., Bd. 24.)
Ilrich I.)
— — Die Sprichwörtersammlung Jehan Mielots. i Ibid. S. 192— 199).
illrich II.)
Wandelt, 0., Sprichwörter u. Sentenzen des altfranz. Dramas. Diss.
Marburg 1887.
Ein bestimmtes und ausgeprägtes sprachliches oder
dialektisches Gepräge ist kaum bei solchen Zusammen-
stellungen, die im wesentlichen von der Vorlage abhängig
sind, zu erwarten. Es ist jedoch, wie schon Homann (S. 5)
hervorhebt, beachtenswert, daß so viele von den hand-
schriftlich überlieferten Sprichwörtersammlungen anglonorman-
nische Sprachform zeigen, was wohl damit zusammenhängt, daß
diese Gattung zuerst in England gepflegt wurde. In dieser Hin-
eicht zeigt jedoch besonders die Sammlung II gewisse Merk-
male, die. wie schon gesagt, auf Lothringen, etwa die Metzer
466 P. Eögberg.
ml. hindeuten. Ich beschränke mich zunächst auf diese
Sammlung.
Im Vokalismus folgt a der Hauptregel des Ostens, be-
sonders Lothringens, und wird ei li-Nachlaut), nicht nur in
-arc.-atum.-atem.-atam wie aleir, demoreir 208, jueir 27 3.
soleir (subtelare) 32. sauotdeia 52. 263. ameiz 145. neiz 154.
pouretei 215. debonaireteiz 174. bonteiz 58. ueeie 66, und asseiz
23 — 25. sondern auch in meire 27 5. leires 131 (^abei larron
132). «tes 181, foä 250 etc. (neben //•/). //<,*/ r// HO auch cAeM"
(earrus> 130. seit (sapit) 25, 171 (seit 259 ist wohl fehlerhaft
für sent) ; ebenso das parasitische i in graice 36. 142, äjswe 7
und steige 125, 194, weiter gaingne 50 und lainne 14, aber
unter Bedingungen des Bartschischen Gesetzes: marchü 12,
m<ihigin- 206, chie(t) 14, 35, 173. lassier 141. meschiet 19 etc.
Ferner bleibt a vor / oder wird wie gewöhnlich zu -a«: w»ft
162. »awft 41. 163. 164. vaul 165, /«o/ 14. Das besonders
dem Lothringischen charakteristische -aule kommt auch vor:
estauble 30. dyauble 74. 144. 202. Ferner ist zu bemerken ait
(habet) 247 etc.. auch die Metzer Kanzleisprache des 14. Jahr-
hunderts kennzeichnend- i. So ist auch iawe (aqua) 248 sehr
häufig in Metzer Urkunden 3). ist z. B. in der der Metzer Mund-
art wenigstens angepaßten Fassung des Saint voyage de
Jerusalem (hrsg. von Bonnardot et Longnon in Societe des
anciens tex tes) belegt, kommt überhaupt in nordöstlichem
Gebiete vor.
Was lat. offenes o angeht, so begegnen die Formen : weit
(volet) 219, wet 18. 220, 224 (in Assonanz mit puet), 236,
ueilf 271, die besonders in östlichen Texten häufig sind (vgl.
Lothringer Psalter hrsg. von Apfelstedt. S. XXIV, Ezechiel und
Sermon de Saint Bernhard nach Kesselring, Die betonten
Vokale im Altlothringischen. S. 23 ; Goerlich, Der burgund.
Dial.. S. 79 ; Fleck. A... Vokalismus d. ostfranz. Denkmäler,
S. 36). auch vereinzelt in der nordöstlichen Champagne (vgl.
Kraus. J.. Beitr. z. Mundart d. nordöstl. Champagne. 1901).
Dann ist zu bemerken rowe irota) 130 und cowe (coda) 237,
wo w als hiatustilgend bezeichnet wird (vgl. Apfelstedt,
S. XXXVI). Opera gibt immer euure 2.57. 148, 221, oculus
wird oill 194, 205 (vgl. Kesselring. S. 23), sonst tot, toz (neben
touz) 142. 145, cop, cops 35. 92. 200, solt, tolt 230, folz 70
etc. (neben foulz) und das parasitische i in boin 47. 149,
loing 45. der regelmäßige Diphthong ue in duelt 205, 61, puet
18. 67. 144. pueent 87. muet 73, 178. cuers 147, 67. fr neue
97. 185. prueue 128. cueure 153 und cuir (corium). reeuit
(recolligit") 227. cuide (cogitat~) 268 nach französischer Art. wie
2i Vgl. Rentier, M.. Die Stadt Metzer Kanzleien. 1895, S. 32 u. passini.
3) Vgl. Rydberg, Volmöllers Krit. Jahresbericht <5 (1899 — 1901),
S. 237—238, und Hürlimann, Entwickl. von Aqua. Diss. 1903, S. 28.
Zweialtfrz. Sprichwörtersamml. i.d. Univ.-Bibl. zu Uppsala. 467
im Metzischen der Fall ist, aber enuoise 69 mit der dem
Osten eigentümlichen Entwicklung von ö -\- y. Die Trilogie
focum. locum. jocum gibt feus 15. leu 55, 234. jeus 246. —
Geschlossenem o zeigt die im Osten gewöhnliche Entwicklung
zu ou} z. B. hou >•>', laboure 98, debtour 82, /"//* fowp 14, 156,
•estoupe 15. orguillous 184, corro/i.< 16 etc. aber /or 257. das
auch in Metzer Urkunden neben lour vorkommt. — An gibt
teils on, teils o: /ww 179, po 270, /o* (laus) 268, poures 64, 167.
Die Entwicklung von e betreffend zeigt -ellus etc. die
dem Metzischen fremde und auch fremdem Einflüsse zu-
geschriebene Diphthongierung, die auch im Lothringer Psal-
ter und bei Philippe de Vigneulle. dem freilich nicht mehr
völlig mittelalterlichen und wohl unter französischem Ein-
flüsse stehenden Vertreter des Metzer Dialektes, vorkommt:
biax 40, bialz 41. 246. biaulz 4. bial 43, 67, oisiaulz 4, 181,
oisialz 29. drappialz 139. vaixialz 264, nouvial 84. aber burel
38, sonst wird offenes e zu ie wie in viez, vies 84, 161. riefle
61, in liez (laetus) 70, lieure (leporem) 97. Pecten > pigne
121. pire (pejor) 130 können die im Metzischen, im Gegen-
satz zum Osten im allgemeinen zentralfranzösische Entwicklung
von £-[-//> i illustrieren. En > an geht aus zahlreichen
Schreibungen hervor. — Geschlossenes e gibt wie im Osten
oi, auch vor Nasal: poinne 79. 113. aber mains (minus) 141
und dem Osten eigentümliches consoil 23, 105, 196. auch
vortonig avoilliez 170.
Vortoniges e wird oft a wie in der Metzer Ammansprache
(vgl. Keuffer. S. 45 ) und im Lothringischen im allgemeinen z. B.
avoilliez 170, beachte weiter mauais 135 etc.. lassier 141,
visin 207. 240, Hgneus 121, 277.
Ein östliches Merkmal ist venra 57, 94. Daneben be-
merke ich az (ad illos) 138 und «g, dou 74, 90. 130, 178, 209.
Die Zweikasusflexion, die im Lothringischen in der zweiten
Hälfte des 14. Jahrh. starke Spuren des Verfalls zeigt, ist
ganz gut beibehalten, vgl. chas 59 -chat 3. lous 14 -lauf 156,
cuers 67 -euer 15, leires 131 -larron 132. die Nominativform
des Possessivpronomens sez 4 etc.
Unsere Sammlung I trägt deutlich Spuren eines Korrektors.
Er hat z. B. die (Plural-) Endung -z zu -s; li zu le, ascri zu escrif
iou zu ieu, maz zu mais, peires zu poires geändert.
Ostliche, bzw. lothringische Merkmale sind sorloueir 1,
funieie 14, loueir (locare) 20, prey (pratum) 21, reproueir 27,
donei 50, seit 61 neben set 61, 84, 94. aweie 155. weire 113,
124 aber mere 83, /mre 93, soueif (suavis) 129 (vgl.
Buscherbruck in Rom. Forsch.. IX. 695). saige 146 aber dez
154, pouretez 154, assez 50, debonaretez 116 (vgl. Sammlung
II),'esfoJfe 68. nes 41, *e£ 114, 120, Keuffer (S. 31 u. passim)
betrachtet Im (illac) 166 und ait (habet) 56, 58. 127. 142
<{heit 171) als metzisch. Maz 61. 99, mmiaz 80, a«e 74
468 /'. Högbi rg.
können die gebräuchliche Reduktion von <ti zu a (wie auch
sonst fate neben faz, (n)aiz neben (n)az 67) exemplifieieren.
Schreibungen oder Kontraktionen wie feve (faire) 90, fes (fais)
44. chesne 101, let (laid) 156 kennt auch das Franzische und
Normannische. Aqua zeigt sowohl eue 46. ieue 126 als eiue 162.
Als für das Lothringische charakteristisch ist wohl auch
z. B. pel (pellis) 88 zu betrachten (vgl. Romania I. 3:i6). sonst
begegnen buriau 53 (vgl. oben), biau(z) 39. 59, oisicad 'W.
weiter p&2 149. vielle 22, ywrf (vetat) 90. giet 57 : /// 32. 79,
89 und /)/$ 127 könnten sowohl aus Metz als aus dem Centrum
stammen, wir finden vortonig auch prisies 1/5. Dann consoil
87. sonst oi aus geschlossenem e, -itia: ionecce 159, peires 153
ist zu poires geändert, peeeeie 126 peeeier (von Godefrov bis
ins 14. Jahrh. belegt), en > an wTie in: pance 97, sanrepant
108, yawtf 127, /"ame 31. 58, 90. Vgl. auch s/v/> neben sog 63.
Unter o begegnen zuerst die Formen von voles, -et
vieuz 88, vieut 90. 111. ueut 18 neben ratet (in Assonanz mit
puet) 7. iviet 110, gmil 149, dazu auch dioust (dolet) 123.
Kraus (Mundart d. nordöstl. Champagne 20) belegt vereinzelt
-ieu neben gebräuchlicherem -iau. Man hat unsere Formen
für nur pikardisch gehalten, es ist jedoch wie Matzke (Zeit-
schrift f. rom. Philol. XX, 7) hervorhebt, eine Erscheinung,
die sich vom Pikardischen durch die Champagne bis ins
südliche Lothringen und in die Franche-Comte erstreckt. Nach
Horning (Die ostfranz. Grenzdialekte) lebt noch zwischen
Metz und Beifort pyaj, vyoe fort. Von dem in diesem Falle
gleichgestellten oculos hat unser Text sowohl (1) uel 84 als
oail 91, 96 und uil 102 (vgl. oben oill). Eigentümlich scheint
die Form rieue (rota) 138 (vgl. oben rowe), sonst gibt es röe,
ruee, bei Marie de France roetie (Lais. ed. Warnke, 2e ed.
1900. S. 26). in der Metzer Gegend nach Keuffer (8. 98) ein
jüngeres rueie (auch häufig in Ezechiel) neben rote. Horning
(Die ostfranz. Grenzdialekte 41) hält für ursprünglich ruxS
(ce— franz. eu), als rycey erhalten. — Von jocum haben wir
Um 13 (zu ieu geändert), ious 64. ieu 59 (jghjoue, noue 25),
focum > feu 14, 142, 167. locum > leus 28, lieu 121. opera >
euure 119. ovum > ouef 50. Vgl. auch tuit 93 aber toz iors
90. — Coda zeigt couc 80 (vgl. oben), sonst auch die Ent-
wicklung zu ou in paour 114. demoure 97, koure 73 usw.,
zweifelhaftes Ieu (lupus) 118, franzische Form, weiter Jone
149, ionecce 159.
Den i-Nachlaut des Ostens zeigen eompaing 56, hoiu 150,
loing 136, und besonders perdui 68, fuit 170. Die Vortonvokale
illustrieren apargne 85, ascri (zu escri geändert) 88, ri.ziu 106,
signour 118, razon 158. Von Verbalformen erwähne ich zum
Schluß sunt 53, soent 93, vouroe 168. letzere mit Reduzierung
des oi zu o, die in östlichen Texten begegnet (vgl. Schwan-
Behrens. Gramm.. § 229).
Zun i all fr:. Spri 'JiwörU rsamml. i '/. I rniv.- Bibl, zu I i>j>s<tla. 469
l.
1. M ale bonche doit on sor loueir.
2. ^ ui bien ainiue tart oblie.
:i. P our deffault de proudomme inech leu fou encheire.
4. E nsi riert qui ne voit.
5. M ieuz uaut palle en dent que ne fait niant.
6. Q ui mieuz ne puet a sa uielle sandort.
7. Q ui ne feit qwant il puet ne fait mi qwant il vuiet.
8. A u vespre loue leu le iour.
9. D ehe aient taut de mestres dit le crepaus ala herce.
10. P roumesce sanz doner cest au foul conforter.
11. Q ui tout ine dornte tout nie toult.
12. 1> autrui lreur (sie) large couroe.
13. (} new (sie) ieu eutre ieu consent.
14. (.) v nait feu nait fumeie.
lö. Tout est ale quamque berte lile.
16. Chancuns prestres loue ces reliques.
17. M al ataut quia pent.
18. Q uaprent baiart en donteure si ueut tenir le iour q«i dure.
19. T ouz iourz seilt le pot la sauour.
20. S on loueir pert qui maunaiz sert.
21. L a force pest le prey.
■!•>. B ezoig fait uielle troter.
23. M ieuz vaut pres iu?icbiere que ne fait long preeire.
24. X est pas preste uiande que lieure egenestey.
25. V entre saoul ioue non cotelete noue.
26. Q ui est garnis si net honis.
27. L en dit en reproueir que toz iourz ainnie amis.
28. L i leus fait le lero«.
29. Mieuz vaut .1. tie?( qut dous tu laras.
30. Q ui ne donne que ainnie ne prent que desire.
31. 1 1 liest plus hardi rien amanl faire que fame.
32. 8 egou ton lit estent tom pie.
33. A v bezoig uoit len qui amis est.
34. A prez labour est bon repous.
35. A usoir loue le iour et au matin lanuit.
:>H. T rop paller nuist.
37. Miex vaut eugien que force,
38. Q ui bien ainme tart oblie.
39. A chaucuH osiaul son ni li est biauz.
40. V oy en quamque feras la fin a quen uedraz.
41. Q ui son ues talle sa fasse conchie.
42. L i fait se preuent.
43. A large fenme eschars mari.
44. P etit fes longue voie poise.
45. L a table ostee doit le« lauer et boiure.
46. C e fait um que ne fait eue.
47. 0 n fait pluz en .1. iour qae en .1. an.
48. S egon son guas dit len son uoir.
49. A luis aluis qui nat point dargent.
50. Mieuz vaut ouef donnei que ouef mangie.
51. A ssez outrie qui mo(n)t ne sonnne.
52. Q ui bten stat ne se moue.
53. A usi bien sunt amourettes souz buriau come souz brenette.
54. A courte chauce lowge laniere.
55. A coulons saoul sunt cerizes ameres.
56. Q ui ait cowipaing si ait maistre.
57. S ouef garde son perier qwi ne treuue q«e hi giet.
58. I lait male lime qui ait male fame.
47i» P- Högberg.
.")!•. T ;uit come iuu est biau le doit ou lessier.
80. Q ue ne mengue sainl martin nieine(nt) so» pelerin.
61. Q ui a fame Bacompagne ä a assez tancon.
62. L en Beil Wen qtumt on vait maz len ne set quant o» renient.
63. y[ etez foul pour Baie il pancerat de Boy.
t>4. 1, en dit que li ious ert bon ou le?/ pert vne noix.
65. ii ranl marcbiez trait ar«:ent de bource.
66. A nii parent se tu as si prent.
67. S '* tu aaiz que le mien si di tu naz rie».
H8. A tart ferme Bestable qui a perdni so?t cheuaul.
69. M aul oorrit qui na sauoure.
70. L i prestrez Boit honnis qui blasme ces reliq
71. N e gras pucin ne saige bieten.
72. B ie» est lerres qui a larron einble.
73. I 1 est bie« boure de conebier.
74. L a sorsaume abat lane.
75. T out atant vient qui male nouelle porte.
76. L a ou est le maul si est La main.
77. A prea gront ioi(i)e graut plour.
78. A la parole cognoit on lomme.
7h. A seur boit qui so« lit voit.
80. A mauaz chien coue li vient.
81. A prez mangier assez cuiliers.
82. C hauouns auance le sien.
S3. M out est faulce norice q«i ainme plus qt*e mere.
84. N us ne set que luel li pent.
85. L a mort napargne nelni.
86. D e petit ha lecheour aide.
87. D e nouelle choze nouuel consoil.
88. E m pel de brebis ce que vieuz ci aBcri.
89. E n lit aehien querez ia sain.
HO. F ame vieut toz iorz fere ce que le« li viet.
91. L erbe <\ue on cognoit doit \en metre a son ouil.
H2. I 1 fait maul tancier a plus riche de soi.
93. (' e cuide li laron que tnit soent sui freire.
94. L i richez ue set qui conuient au poure.
95. L a ou est li tresour est li euer.
96. L a ou li maul la main la ou est lamor si est louil.
97. I 1 demoure moult de ce que foul pance.
98. N est paz or qwamque luit.
99. N e nie chaut que deuz nie coust maia que ie leie.
100. P ain et vin cest uiaude au palerin.
101. P etit hoine abat grant chesne.
102. () ui bie/? uoit et mal prent male goute li criet luil.
103. Q ui plus autre greve se i ne leige.
104. () ui plus se haste moinz fait.
105. Q ui plus ne peche si encourt.
10H. Q ui a mal viziu si a maul matin.
107. Q ui bien ferait bien trouuerait.
L08. Q ui premierz prent ne sanrepant.
li>9. <J ui ait mauais serctiant si a bon deuin.
110. (\ ui petit nie domie si wiet que ie uiue.
111. Q ui folie dit folie vieut oir.
112. Quant auoirz vient et cuerz faut.
113. T el la meire tel la rille.
114. T el nienesce qui a grant paour.
115. T out uoir ne fait adire.
116. T rop grant debonaretez nuist.
117. T oute parole ne fait acroire.
118. A mol pastonr leu lichie lainne.
Zwei altfrz. Sprichwörter samml.Ld. Univ.-Bibl. zu Uppsala 471
119. A bon iour boinu' euare.
120. A tel signour tel magnie,
121. B onne parole boin lieu tient.
122. Q ui tout couoite tont li chiet.
123. L a est la laugue ou la deut dioust.
124. M eires et tilles donnent et prennenl sowt amies.
125. L eii ne doit ia homme louer deuant Boy.
126. T ant vait la buire alieue que se peceie le coul.
127. P is est gabeir a poure que li mal qnil ait.
128. P etite nlue abat grant vant.
12y. Q ui de boins est soueif flare.
130. I 1 net si griez choze come dauoir male fame.
131. A utant vaut moulin qwi ne mout come fotir qui ne cuit.
132. B lanche brebis noire brebis autaut met se tu muerz come se tu vi«.
133. Q ui rieu ne porte rienz ne li chiet.
134. (^ ui se nmert et se remue na ami.
135. Quant ie serai mort si me i'aitez cbaudel.
136. (} ui est loing de sa cuelle si est pres de so» dauiage.
137. T ant grate chieure qui maul gist.
138. T oz iouiz brait la pire rieue dou char.
139. Quant se mue li mentonz si se doit inner li homs.
140. 1 1 nest paz mestier de pendre campamie a col a foul.
141. () ui mainme et mon einen.
143. Q ui ait mestier dou feu a son doi le doit qnerre.
143. D ahe ait le dent qtli muri son parant.
144. (J ui se dautel seit daultel doit vinre.
145. Q ui saquite ne sencombre.
14tj. F oul si despent et gaste qnanque gaingne li saiae.
147. A u nonz dez genez a la croix an monteiz que noust len lez chemins. . .
148. P ar le regart et par le ris la belle ma conqv i s.
149. X uz ne uuet Jone morir ne viel deuenir.
150. T oute religion sacorde a boin vin.
151. ü r poueiz (hier se quatorze ne viennent.
152. L a mort me mort quant la recort.
153. 0 nqttez deux ne tit tel mariage come de peirez et de frommage.
154. P ar ui?/ par fame et par dez si vient toz homs a pouretez.
156. .1 e ainme leiament et se ne sni ameie P ar fauce amour ai?isi deceue.
156. D e tant come home est miex estres D e tant est mal enlui plus let.
157. a utant vaut qui pie tient come qui escorche.
158. Quanque len fet par inesure si prophite et dure
Quanque len fet saus razon vait a perdicion.
159. M a dame me rownnande de t r houlier et filer
E t je suis si ionecce que nel puis andurer.
160. Male chauce et deschauce.
161. B onte autre reqniert et colee so« per.
162. A nguille morte vin demande et eine en abundance.
163. L augue ua point de o(n)s et si tranche eile grouz.
164. A goupil nauient paz toz iourz geline blanche.
165. N a foul parier na faur baer.
166. L ai ou est lauoir est le euer.
167. T orte buche fait boin feu.
168. 1 1 na mie trois iours que ie suis marie
et si vouroe que mon inari fu mort.
169. S i bech ia faucille soit. . .
170. P our la soif qui fuit et qiti est et qwi est auenir
D oit len boiure trois foiz.
171. T ant doit on blandir le chien que on heit passe la uoie.
172. Q ui nat cheuaul si vat apie.
173. A dous trnies trois greius pour le terre qui exdure.
174. F oulz ne voit en sa folie se se» non.
175. T ant a hom taut est prizies.
472 P. Högbt rg.
II.
1. A bou deinandour sage escoudisour.
■i. A bun ionx bone euure.
3. A chat lecheour bat len souuent la goule.
4. A chacmi oisiaul sez nis li semble bianlz.
5. A cheual donnei ne doit on ez dens regarder.
tf. A cognostre qui est folz nestuet nas cloche au col.
7. A dur aisne dur aguillon.
8. A court de Roy chacuns pou* sui.
9. Aler et uenir dex le fist.
10. A longe corde tire qui autrui niort desire.
11. Apres graut guerre graut paix.
12. A mal inarchie bien viure.
13. Amendements nest pas uieschaus.
14. A mol bergier chie 1om.s lainue.
15. Ainours en euer est feus en estoupes.
16. Apres graut corrous boit lau.
17. Apres grant ioie graut corrous.
18. A qui dex wet aidier malz honi ue li puet uuire.
19. A cui il meschiet on li inesoffre.
20. A touz signours totes honours.
21. Asseiz aebate qui deiuaude.
22. Asseiz escorche qui piet tieut.
23. Asseiz jeune qui na que manger.
24. Asseiz otroie qui se tait.
25. Asseiz seit dex qui est bous pellerius.
26. Asseiz vient tost a bostel qui niauaises uouelles aporte.
27. A seur boit qui son lit voit.
28. A tart eire q«i na buef.
29. A tart crie ii oisialz qwaut il est pris.
30. A tart ferme on lestaub] e qwant li cheualz est perdus.
31. A teil coutel teil gayne.
32. A tel forme tel soleir.
33. A teil saint teile offrande.
34. A be9oing voit on q?<i amis est.
35. A premier cop ne chiet pas li arbres.
36. A bei seruir couient graice auoir.
37. Au semblawt de la ferne cognoist li hoin son piait.
38. Ausi bien sont amorettes souz burel come sonz brnunette.
39. Auant chante folz qwe prestres.
40. Biax parleir ne co»chie bouebe.
41. Bialz senz bou ne vault rieu.
42. Biax seruises t r ait paiu de mai«.
43. Bial se chastie qui dautrui se chastie.
44. Belle chose est tost rauie.
45. Bellement va on bien loing.
46. Benois soit li sires dont li bostes vault miex.
47. Boin temps aroient marcheaut sil ne lez cowuenoit conter,
Ausi aroient bailli et vserier.
48. Besoingne fait vielle troter.
49. Besoing ne garde qwe il fait.
50. Bien doit despendre qui de leger gaingue.
51. Bien se doit taire de lescot qui rieu ue?i paie.
52. Bner jeuue le iour qui au uespre est saouleiz.
53. Bone iorne fait qui de fol se deliure.
54. Boins marchiez troit ai^gewt de borse.
55. Bone parole boin leu tient.
56. Boins messages bone nouele porte.
57. Bons onriers iip venra ia tart en euure.
Zwei altfrz. Sprichwörtersamml. i.d. Univ.-Bibl. zu Uppsala. 473
58. Bouteiz autre reqwiert.
ö9. ('has conoisl Wen cui barbe il lache.
«0. Chaitiz naura ia bon hosteil.
61. Cbacone vielle son duel plaint.
82. t'biexs tMi ouisine son per ne desire.
tid. Cil est mez oncles qui le ventre nie cowible.
84. Cilz est poures qui dex heil.
65. Cilz est riches cni (lex annne.
88. i.'hose ueeie est la plus desirree.
i»7. Cueis ne puet mentir.
68. Dautrui cuir large corroie.
8». De bial chanter senuoise on.
70. De beles promesses est folz liez.
71. De boin estrange fait on boin priuei.
72. De chose tontraire ne puet on bien faire.
73. De chose perdue li ronsoil ne se muet.
74. Dou dyauble vient a dyauble eu reuait.
75. De demain en demain aura baie poulain.
78. De fol et denfant garder se doit on.
77. De fol home fol songe.
78. De fol folie et de cuir corroie.
79. De fole pensee vient fole poinne.
80. De grant vent petite pluie.
81. Dehais ait prestres qui ses reliques blame.
82. De manais debtour prent on estoupes.
83. Dez brebis contees prent li lous.
84. De nouial tot mest biaul et de viez entre piez.
85. De peebeor misericorde.
86. De petit petit et de assez assez.
87. Dui orguillous ne pueent seor en vne celle.
88. Dolante la surix qwe ne seit que .1. pertruix.
89. De pain menger soblie on.
90. Don millour rast que on a doit on faire floches.
91. Drois nespargne nelui.
i)2. En auenture gist bialz cops.
93. En la fin gist li encombriers.
m4. Encor venra blanche a la planche.
95. En la fin se cogie li charpenters.
9B. En larmes de felonne se doit nulz fier.
97. En petit buxon trueue on grant lieure.
98. En petit de houre dex laboure.
99. Entre bouche et cuillier auient maint encombrier.
100. Entre .('. sauatas na mie .1. bon soler.
101. Entre .11. verdes vne meure.
102. En tele pel com naist li hons le couient morir.
103. Feme de foul atour est comine abelaistre a tour.
104. Foul deuise et dex depart.
105. Foulz est qui consoil ne croit.
106. Folz est qui naprent.
107. Folz est qui soblie.
108. Folz ne donte tant quil prent.
109. Folz ne voit en sa folie se sens non.
110. Folz si fie et musarä si atant.
111. Fors est qui abat et plus fors qui relieue.
112. Force nest pas drois.
113. Goute enossee est a poiwne curee.
114. Grans dabonaireteiz a mairts homes troubleiz.
115. Grant mestier a de foul qui de soi meimes le fait.
116. Hardiemewt parole qwi a la teste saiwne.
117. Hons yures nest pas a soi.
4/4 /'. Högberg.
118. Sons mors na uns amis.
119. .hi nanra bon sergent qwi ue le norrit.
120. Ja ne seroit inesdisans se il nestoit escoutans.
191. .Ta tigneus namera pigne.
122. Je ne pnis joer ne rire se li ventres ne me tire.
123. 11 est trop auers a eni dex ne sonffit.
124. II nest cheualz qwi nait mehaing.
125. 11 nest si saiges qni ancune fois ne folie.
126. 11 ne se tort pas qwi va a bon hostel.
127. II ne se tort pas qwi va bone uoie.
128. La belle chiere auiewde mowlt losteil.
129. La on il nacbatte snrix y reuelle.
130. La pire rowe don cheir brait touz jours.
131. Leires namera ia celui qwi le respite dez fonrches.
132. Li cris pent le larron.
133. Lecherie est de graut const et de petit ressort.
134. Li fais juge lome.
135. Li t'ruis est manais qwi ne se ineure.
136. Lau doit batre le t'er taiit comnie il est cbaus.
137. Lau doit qiterre en sa juenesce de qwoi lan vine ew sa viellesce.
138. Lan loie bien le sac auant qwil soit plains.
139. Lan ne cowuoit paz lez genz az drappialz.
140. Lan ne doit pas acheter cbate en sac.
141. Lan ne doit pas lassier le plus \mcr le mains.
142. Lan ne fait pas de niant grwice porree.
143. Lan ne fait pas tot en .1. jour.
144. Lan ne puet seruir ensemble den et le dyauble.
145. Lan ne puet pas de toz estre ameiz.
146. Lau parole uolentiers de celui qui on aiwme.
147. Lan naura ia de euer correcie clere face.
148. Li euure se prueue.
149. Maint home cuillewt la verge dowt il son batu.
150. Mar acroit qui na dont rendre.
151. Mal atant qwi ne peratant.
152. Male herbe croist.
153. Mal se cueure cui li eulz pert.
154. Mar fu neis qwi se samende.
155. Mauais chiens ne trneue ou mordre.
156. Mauaise garde past le louf.
157. Mauais qwanquil fait il pert.
158. Messagiers ne doit bien oir ne mal anoir.
159. Mesdire nest pas vasselages.
160. Miex aiwme truie brau qwe roses.
161. Miex ualent lez vies uuies qwe lez nouelles.
162. Miex valt amis ew voie qwe deiner en corroie.
163. Miex vatilt pains en main qwe escus a paroit.
164. Miex vault sens qwe force.
165. Miex vaul .1. tien qtie .11. tu Lauras.
166. Mowlt anuie qtti atant.
167. Mowlt est poures qwi ne voit.
168. Mowlt remaint de ce que folz pense.
169. Nature passe norrit»>-e.
17(i. Xe auoilliez pas le chien qwi dort.
171. Xe seit que vault qwi nassauoure.
172. Nest pas or quanqne reluit.
173. Xest si fors qui ne chiee.
174 Xoire geline pont blans eues.
175. Xulz ne doit entrepenre faix quil ne puist porter.
176. XuZs nest si larges com eil qui na qwe doneir.
177. Xulz nest si riches qwi nait mestfer damis.
Zweialtfrz. Sprichwörtersamml. i. d. Univ.~Bibl.zu üppsala. 475.
178. Xulz liest uillains se dou euer ne li nmet.
179. Xulz trop uest boius ue pou liest asseiz.
180. Oür dire va par ville.
181. üisiaulz ne puet uoler saus eiles.
182. üu rendre ou pendre.
183. Ou enuis ou nolentiers na li prestres au semie.
184. Orguillouze seinblauce mowstre fole cuidauce.
185. Parole que rois a dite ue doit estre desdite.
186. Par .1. soul point perdit gibers sanesse.
187. Pasque desiree est en .1. iour alee.
188. Petit a petit va uo bien loing.
189. Petite chose est tost alee.
190. Qui sageme^t seit deniander legiereme?;t puet empetreir.
191. Petite noise atrait grans gens.
192. Petis hons abat graut chaiue.
193. Plus dure honte que poureteiz.
194. Plus voit saiges a .1. oill que ne fait folz a II.
195. Par le petit vient ou au graut.
196. Pour niant ait son consoill qui ne le croit.
197. Vour defaut de saige met on bricon en haut.
198. Por .1. pe?-du .11. retroueiz.
199. Poures honi na nul ami.
200. Quant auoirs vient et cors taut.
201. Quant folz voit taillier cuir si deinande corroie.
202. Quant ie serai mors si moi fereiz chaudel.
203. Quant la messe fu chautee si fu ma dame paree.
204 Quaprent poulains en donteure si le maiutient taut com il dure
205. Que oill ne voit cuers ne duelt.
206. Qwi a bonte de maiugier si a honte de uiure.
2i>7. Q»i a mal visin si a mal matin.
208. Qui a dyauble doit aleir il na que demoreir.
209. Q«*i ait besoiug dou feu a son doi le quiert.
210. Qui Wen airane tart oblie.
211. Qiri bien est ne se mueue.
212. Qui bien atant ne soratant.
213. Qui bten fera bten auera.
214. Qui bien voit et mal prent a boin droit san repent.
215. Q«i femwie croit et deiz qwerreiz ne morra ia sanz pouretei.
216. Qui dautrui dit folie soi meimes oblige.
217. Qui est garnis ne« est honis.
218. Qui seschiue de son diner miex len est a souper.
219. Qui folie dit folie weit oür.
220. Qui glouton haste estrangler le wet.
221. Qui a iiüinais sert sez euures pert.
222. Qt*i moi ainme et nion chien.
223. Qui plus haut monte quil ne doit de plus haut chiet quil ne
vorroit.
224. Qui ne fait quant il puet il ne fait quant il wet.
225 Qui uest biax si soi cointoist.
226. Qui ne voit ne se garde.
227. Qwi petit so>wme petit reeuit.
228. Qui plus a et plus couoite.
229. Quant plus nmet ou la merde et eile plus puit.
230. Qui promet et il rient ne solt le euer de so» ami se tolt.
231. Qui premiers prent ne seu repent.
232. Qai rien ne porte riens ne li ehiet.
233. Qui sabaisse deus lassauce.
234. Qui se remue son leu pert.
235. Qui saloigne de so?i escuelle si saproche de son dainage.
236. Qui son chien wet tuer la rage li met sus.
476 /'. Högberg.
'237. (£uj tient la cowe de la pelle si la tourne t|tie] pari il wet.
288. Qtti tont conoite tot pert.
239. ix>?/i trop se haste si se empeche.
210. Qui voit la maison de son vinin ardoir bien doit douter de la soie.
241. Riches hons ne seit qni nmia li est.
242. Robe refait moult home.
243. Selouc le signour raaignie dnite.
244. Trop parier nuit et trci|> grater mit.
245. Souent est blasmeiz qui trop est emparleiz.
246. Tant cor« li jeus est bialz si le doit on laissier.
247. Tant grate cbieure quo mal «reist et teile olu.se ait on en despit
que puis est moult regretee.
24s. Tant va li pos a liawr qnil brise.
348. Tantes villes tantes ^uises.
250. Teilz a so« desirier qui a son encombrier.
251. Tele la meire tele la fille.
252. Teil li donrais tel le prendrais.
253. Teilz paie lescot qni onquea neu buit.
254. Apres grant trauail est repoz de saison. — Telz puet nnire q u i ne
puet aidier.
255. Teilz rit an inatin qni an soir ploure.
25H. Teilz cnide venger sa honte qni la croist.
257. Toutes chozes out lor teuips.
258. Tonz voirs ne fait a dire.
259. Tonz ionrs seit (sie) li mortiers les anlz.
260. Trop enqwerre nest pas bon.
261. Teilz cuide boiure son chaperou qni boit sa chappe.
262. Telz cnide estre tonz sains qni est ala mort.
263. Uentres sauoleiz iue.
264. Vaixialz inauaix fait vin pnnaix.
265. Villains correciez est deinis enragies.
266. Vns boins taires uault moult.
267. Vns jonrs de respit .0. sowz vault.
268. Vns mauaix loz vanlt bien .1. blasme.
269. Vn petit de lenain enagrist grant paste.
270. Vnqwes bien ne mamait qni poitr si po iue lieit.
271. Welle ou ne welle va li prestres an ae?tne.
272. Vsaiges fait le maistre.
273. Cui il ne chiet ne puet jueir.
274. Arbres bien rameis fait a poinne bon fruit.
275. Armeure porte pais.
276. Ausi tost muert veaulz com vache.
277. Meire piteuse fait fille tigneu[se].
Anmerkungen.
I.
1. Vgl. Stengel 331.
3. .. unten II. 197: Tobler 46 u. Stengel 6 (S. 2). — Meth anstatt
mech (pikardisch) möglich.
L „ Ulrich I. 18.
5. „ Tobler 268.
6. „ Sus. 38: Qui mieux ne peult a sa vielle retoume. Lateinisch
nach der Hs. : Cui non posse datur melius uetule sociatur. Baucidis
in gremio dormit qui no/wen haftet yovis.
7. Vgl. Ulrich I. 36, unten II. 224.
8. „ Parallelen bei Schepp IX (S. 41).
9. „ Meyer S. 71. die Parallelen bei Stengel 1 u. 203 und Leroux 1. 174:
A diable tant de maitres etc.
Zweialtfrz. Sprichwörtersatnml. i.d. Üniv.-Bibl. zu Uppsala. 477
K». Vgl. Ulrich I. 21.
12. Lreur (?) fehlerhaft für cuir. Vgl. Ulrich 1. 26.
13. Vgl. Ulrich I. 23. — Ein ursprüngliches iou ist später zu ieu
korrigiert.
14. Unser Ms. interpretiert: Cum focus igne caret jam famis (!) non
ibi paret. Cum procul ignis abest non prope fuinus adest. — Vgl.
Meyer S. 173, Leroux I 71 und Stengel 13. Die Sentenz wird auch
durch: Feu n'est point saus fumee wiedergegeben, vgl. Fehse I (S.5).
Lateinisch nach der Hs. ; Vsus deleuit q uo d b er te dext er a neuit.
17. Vgl. Stengel 20, Meyer S. 173.
18. .. Tobler 115. Stengel 275.
19. .. eine Parallele unten II. 259.
20. Sonst; Qui mauvais sert, maväis loier atend, vol. Ulrich I. 289 (Anw.)
u. Fehse L66 (S. 25).
21. Vd. Meyer S. 173. Ulrich I. 54. (Vis pascit pratum.)
22. .. unten II. 48 u. Stengel 32.
23. Ursprüngliches preire korrigiert: preeire. Vgl. Tobler 236 u. 266,
Stengel 33, 214. — Der Abschluß dieses Sprichwortes ist unsicher.
Zu den von Tobler (Änm. 236) angeführten Belegen noch bei Stengel:
praere u. praiere. Die lateinische Übertragung unserer Hs. lautet :
Jnnci qni prope sunt pratis qni nun prope prosunt. Juncetum
prato super est a tine remoto.
■24. Vgl. Leroux I. 178, Stengel 35.
25. .. unten II. 263. Lateinisch: Venter farcitus ludit non ueste
politus. Dum uenter plenus est illi ludus amenns (sie). Venter letatur
quando sit ille satnr.
26. Vgl. die korrekte Fassung unten II. 217.
27. Lateinisch: Sic usus clamat seinper ainicus amat. Die Sentenz
kommt z. B. in Rom. de la Rose (Ausg. von Michel) I. 165 vor.
Stengel hat (4-2) die kürzere Fassung: Tut dis ami amis.
28. Vgl. LeronxII. 171,254,332,492, Radier 279. Lateinisch: Commo-
ditas causa quod mens ad furta sit ausa.
29. Vgl. auch unten II. 165.
30. .. Ulrich I. 20 (Anm.).
33. „ unten II. 34.
35. Andere Formen vgl. die Zusammenstellung bei Schepp IX (S. 41).
>H. Vgl. unten IL 4, Homann Anm. 101.
4n. Sonst: De la chose que tu feras garde a quel fin tu en verras, vgl.
Leroux IL 282 u. Ulrich I. 120, kürzer ausgedrückt bei Leroux II. 279:
Daus tout ce que tu fais considere la fin.
41. Vgl. Tobler 258 u. Leroux II. 482, Schepp XII (S. 44). - Quum naso
ledor heret in ore pudor.
42. Vgl. unten II. 148.
43. Ein ursprüngliches euer mar i von späterer Hand korrigiert : eschars
muri
44. Zacher (127) hat: Petit seer et longe voie poise (Rurzes Sitzen und
ein langer Weg ist unangenehm). Leroux I, 54: A longue voye
paille pese (15. Jahrh.) und Garn. (586): Petit fardeau ä porter loin
poise beancoup.
45. Lateinisch: Mensa submota pn'us ablue \>ost ea pota.
46. Vgl. Tobler 136.
48. Lateinisch: Mnlti yugando nernm diennt aliqiuVi. Zacher (ICO):
Selon le gab dit l'en le voir (Im Scherz sagt man die V,rahrheit),
vgl. auch Leroux IL 210.
50. Vgl. Mever S. 174 (Anm. 5).
51. „ Tobler 6 (Anm.) u. die Parallelen zu Ulrich I. 105. — Die Hs.
hat mont mit emeudiertem n.
-53. ., unten IL 38.
54. ,. Tobler 82 (Anm.) u. Ulrich I. 111 (Anm.).
55. „ ,. 3 (Varianten). — Die Hs. hat ursprünglich: cerezes.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV'j*. 33
4r,s /'. Uögberg.
56. Vgl. Ulrich I. 386.
57. ,. Langlois 721 n. Dlrich 1. 333 tAise garde). Anders bei
Tobler 255.
59. Vgl. Leroux II. 483. — Iou ist von späterer Hand korrigiert : ieu.
60. Die dunkle Bedeutung dieses Sprichworts hat schon Tobler 183 (Anm.)
hervorgehoben. Neben der Variante "Pilger' (pelerin) hat unsere
Hs. meint (menerV) mit emendiertem nt und mengue. — Lateinisch
nach der Hs. : Quod non martinns hoc nionducat peragrinus.
62. Lateinisch: Quum foras itnr scitur non quum reditur.
63. Vgl. Langlois 426, Leroux I. LJ4:;.
65. „ unten II. 54.
66. Die Nos. 66 u. 67 gehören zusammen und sind lateinisch inter-
pretiert: Accipe cognate ((«od haben de proprietate Se tua sit mea
res p/-op/"/etate cares. — Das ursprüngliche p n i ist korrigiert :
preus wie parent zu porens, di zu dis und naz zu nas.
68. Vgl. unten IL 30.
69. „ Tobler 170.
71. Lateinisch: Xec pinguis pnllns nee b/ito pwraidns ullus. — L in.
bleton ist emendiert und durch r ersetzt.
72. Vgl. Tobler 141.
73. Ich lese conchier. nicht co « chier. Lateinisch: Ne sompno donet quil.
hora monet.
74. Vgl. Leroux 1. Hü. II. 345. 390. Langlois 372. Kadler 622, 624.
Ulrich I. 267.
75. Lateinisch: Fama repleta malis uelocibus euolat alis etc.
76. „ : Illuc pono inanum quo nie non sentio sannt«.
77. Vgl. nuten IL 17.
79. Lateinisch: Secure potat qui sna strata notat. Vgl. Ulrich I. 31
Leroux II, 473, Stengel 37. unten IL 27.
80. Vgl. Langlois 36. Sus. 5.
81. ,. Ulrich I. 208 (Anm.).
84. „ die Varianten bei Kadler 501 — 503. Fehse 212 (S. 31), Lang-
lois 468.
86. Vgl. bei Zacher (46): Petit fait bien a lecheour.
87. „ Leroux IL 285 u. 488.
88. .. Langlois 243, Garn. 574. — Ci ascri korrigiert si escri.
89. .. ähnlich bei Ulrich I. 241 u. Sus. 16 v°: En lict de chien n'ha
point d'oingture.
90. Lateinisch: Quod vetitum fait sibi femina semper querit.
91. Vgl. Langlois 393, Tobler 173.
9:;. ,. Tobler 23, Ulrich I. 275. — Li zu le geändert. — Lateinisch:
Qui reus est alios non putat esse pios.
96. Vgl. oben 76.
97. „ unten IL 168.
98. „ „ IL 172.
99. Maiz korrigiert: mais. — Lateinisch: Det deus optanti se no» curo
mihi querenü. Smnptus non timeo se mihi daute dö.
101. Vgl. unten IL 192.
102. Ähnlich bei Zacher 258, vgl. Tobler 168 (Anm.) u. eine Parallelstelle
unten IL 214.
103. Hau sollte wie bei Stengel 270 der Assonanz wegen eine Ableitung
von gregier erwarten, vielleicht greige zu le^e (leviare), die Endsilbe
ist indessen von späterer Hand ausradiert und durch -ve ersetzt.
105. Zacher 193: Qui ne peche si enquert. Vgl. auch Leroux IL 323, 395,
Langlois 644. Kadler 152. — Plus ist von späterer Hand durch.
pas ersetzt.
106. Vgl. unten IL 207.
107. Leroux IL 481: Qui bien fra bien avera, Langlois 598.
108. Verl. Tobler 53, Leroux IL 483.
Zirei altfrz. SprichwörtersamnU. i. d. I »ir.-BibL zu Uppsala. 479
109. Lateinisch: Piüfruni mancipinni dat aatia augurium. — Vgl. unten
II. 243 u. Dlrich T. 387.
110. Vgl. Langlois 657.
111. „ Zacher 1H3? Leroux II. 299, 894.
112. Lateinisch: Hnic cor tabescil cui rernni copia crescit. — Ur-
sprünglich steht cault oder caut zn fault oder fattt korrigiert.
Leronx II. 480 hat unrichtig faxt, vgl. Sus. 33 n. Garn. S. 91.
114. Vgl. Ulrich I. 10 (Anm.). Leroux 483. Langlois 743.
115. ., unten II. 258.
118. „ unten II. 14. — In der Hs. steht scheint es mir len, soll wohl
lea sein, so hat auch der Korrektor es verstanden, weil er die
Endung -s zugefügt hat.
119. Vgl. unten II. 2.
121 II. 55.
122 II. 238.
123. Lateinisch: Quo dolor est dentis versatur Lingua dolentis. — Bei
Zacher 201, Robert 9: La vet (voit) la langue ou la denz deut.
De nt ist korrigiert : dens.
124. Vgl. Tohler 196. — Die Endung t in donnent. prennent ist durch
s ersetzt.
126. „ unten II. 248. — Nur Zacher hat pece. — In der Hs. steht
ein viuee (mit eiuendiertem v und e) drüber buire.
128. Vgl. Tobler 67 (Anm.), Schepp XXVI (S. 54).
129. .. Ulrich I. 51 (Anm.). Langlois 611.
132. ., Leroux 1. 152.
134. Mert korrigiert: muert.
135. Vgl. Ulrich I. 304. Langlois 565.
136. Anstatt ecuelle hat Langlois 624 table.
137. Verl. Tobler 61 (Varianten) u. Langlois 732, Ulrich I. 144.
138. .. „ 33. Schepp XV (S. 47), unten II. 130.
139. Lateinisch: Mutato mento mentum mntare memento. — S in hom$
später zugefügt.
141. Vgl Ulrich I. 287, Langlois 636.
142. ., Lirich I. 397. Langlois 620.
143. Lateinisch: Ve denti dico qui morsus donat aniico.
144. Vgl. Tobler. 73. Ulrich I. 278.
145. .. Tobler 122.
147. Lateinisch: Osten du n t tipice caules cruz pet. mi r i ce.
Siut tibi saxa cruces torta mirica duces.
150. XacL sacorde ist bien zugefügt.
151. Lateinisch: Nunc potes ege r e r e proprio de corpore fecem
Ni uenient prope quatuor atque decem.
152. Lateinisch: Mors in me morsum facit eius quwtw memor sum.
153. Peires ist zu poires geändert. — Lateinisch u. a. : Coniugium mirum
caseus atque pirum.
154. Lateinisch: Per uinum miser es per talos et mulieres.
155. Nach deceue ist ein estei von späterer Hand zugefügt. Ehs'i ist e?
^esehriebeu, am Rande vom Korrektor durch aisi verdeutlicht.
156. Lateinisch: Q?«mto pocior (in dignior geändert) es aut per genus
aut \>er honores Inde tanto res uitiose sunt ^rauiores. — Anstatt
miex steht ursprünglich moins.
157. Lateinisch : Feilem tollenti par pena pedem q. tenenti.
158. ,, Sicut in omne quod est mensura poliere potest
Sic sine mensura depertfit omwe quod est.
159. .. .Tussio cogit ledere filum traducere nere
Sed quia sum iuenis nequeo me subdare penis.
160. „ Calciat as si de m si nor* discalciat idem. — Male ist
emendiert, aber nicht durch anderes Wort ersetzt.
161. Vgl. unten IL 58.
33*
480 P. Högberg.
162. Lateinisch: Vt*11 anguilla lacu»< uiue»s sed mortaa bacum. —
Zwischen et und eine über der Zeile viae(nt?) geschrieben.
1H3. Lingua loquax grossa q non haftet atterit ossa. — V°;l. Stengel 141
u. Leroux II 325.
165. Der Schreiber bat seine Vorlage mißverstanden. Er schreibt: Xec
fatuo fcüs nee fumo fertttr hiatus. Fumo soll wohl furno sein
(vgl. Stengel 292: Ne a forn baer ne a fol tencier, demnach franz.
nicht faur sondern four. Das ursprüngliche panier? ist später zu
parier geändert, feus mit fatus (fetus?), fumo mit fimo uild folge-
richtig faur mit fien emendiert. — Vgl. Kadler 447.
167. Vgl. Tobler 161, Ulrich I. 131: Torte busche fait droit feu.
168. Lateiniscli : Xec triduo nupta iam uellem federa rupta. — T in
mori Bpäter durch s ersetzt.
169. Lateinisch (korrigiert): Si ferrum cum rostro detur sit (emendiert)
tälx vocitetur.
171. Vgl. Tobler 144.
172. .. Ulrich I. 172.
173. Lateinisch: Pro terra solida gemine tria rostra sui da — unvollständig.
174. Vgl. unten II. 109.
II.
1. Um die Bibelcitate zu exemplificieren, die jedem Sprichworte unmittel-
bar folgen, gebe ich sie hier an: Job .XXXIX. Contewpnit nndtitudi-
nem ciuitatis. clamorew exaetoris non audit et Ja .IUI. Petitis et
nou aeeipitis .Cor. XII .Propter qitod te domin u m rogaui ut dis. a
me et dixtf mihi. Suffero te per gratüz mea. M .XX. Xescitis quid
petatis. — Das veraltete escondisour in anderen Belegen durch re-
fuseur ersetzt.
3. Bei Lauglois 1<) anstatt guide ( Rachen) besser queue (Schwanz).
4. Vgl. Homann S. 37.
ö. .. Tobler 92.
7. .. die Parallele bei Homann S. 9 Anm. 8.
9. ,. LerouxII. 472, wo das erste Glied lautet : Aler e parier poet nomine.
12. .. Leroux II. 344.
13. „ Lauglois 35.
14. „ Tobler 26, Ulrich I. 89, Langl. 38.
17. Sinnverwandte Sprüche gibt es wie: La trop graude ioye se tourne
souvent en tristesse (Garn. 405). Pour une joye mille douleurs
(Leroux II. 374) et Toute joye fault en tristesse (ibid. .EI. 428)
oder Tel rit au matiu qui au soir plenre (Langl. 742).
1*. Verl. Tobler. 38.
19. Nach Garn. 436: A qui il meschiet, chaeun luy rnessoffre (Cui fortuna
sinistra, ei omnes male cupiunt) und (ibid. 464) A qui il meschiet,
commuuement on luy mesfait, ebenso bei Sus. 6. Tarbe (Prov.
t'hampen . . S. 40) führt den Spruch bei Jacques de Dompierre an.
21. Vgl. Leroux II. 472.
22. „ Ulrich I. 45, Schepp XXX.
23. Der Spruch lautet auch: Assez ieusne qui mal mange ou qui mal
vit qui pourement vit ( Jeiunat satis is qui paucis vescitur escis), vgl.
Garn. 63. Sus. 7.
24. Vgl. Tobler 6.. Ulrich I. 105.
25. ., Leroux II. 473.
26 II. 242.
27. .. Tobler 56. Ulrich I. 31, Stengel 37, Meyer S. 178.
29. „ Leroux II. 473. Langl. 65.
30. .. Tobler 49.
31. So auch bei Ulrich I. 362, Lauglois 68, Leroux II. 230. 473. Stengel
204 dagegen hat anstatt gaigne (Gewinn) das zu coutel mehr
passende morse/ (Rissen .
Zwei altfrz. Sprichwörtersamml. i. </. I Tniv.- Bibl. zu Uppsala. 481
32. Vgl. Langlois 70, Sus. 7.
33. „ Leroux II. 478.
34. .. Tobler 72. Ulrich I. 37.
35. „ Schepp XVII I. Ulrich I. 96.
38. .. die Erklärung bei Leroux II. 236. u. Langl. 84.
39. Ebenso bei Langlois 93, aber Leroux II. 473 gibt: atant.
40. Vgl. Leroux IL 473 u. Garn. 549: Beau parier n'ecscorche gorge.
41. Ebenso bei Leroux IL 473. aber bei Langlois 106: Beaulte sans bonte.
42. Vgl. Ulrich I. 30, Stengel 36, Meyer S. 178.
43. „ Langlois 97. Leroux IL 473.
44. ,. „ 104, Sus. 9.
45. „ Ulrich I. 463.
46. Eine andere Fassung bei Leroux IL 473.
48. Vgl. Ulrich I. 152 u. IL 30, Leroux II 247. 473, 486.
49. „ Leroux IL 473. Diese Wahrheit ist anderswo ausgedruckt mit:
Besoigniex n'a loy (Leroux IL 247, 486, Ulrich I. 213.).
50. Auch bei Leroux II. 473. Derselbe Gedanke bei Tobler 267.
51. Vgl. Langlois 345. Garn. 263: II a beau se taire de l'escot qui rien
n'en paie.
52. Tobler 84 u. Leroux IL 186. 387, 390. 473 haben : Saoul oder saous
(satt) Unsere Hs. verwendet das Partizipium von souler (satullare).
53. Vgl. Ulrich I. 2.
54. „ „ I. 154. Leroux IL 138.
55. „ Langlois 123, Ulrich I. 102.
55. .. Langlois 123, Ulrich I. 102.
57. .. Ulrich 1. 399.
58. ., Tobler 33, Ulrich I. 337. oben I. 161 u. Mever S. 178.
59. „ ., 4.
60. „ Homann S. 13 unter: cbaitif u. Langlois 149.
61. „ Ulrich 1. 432 u. Langl. 145, Stengel324.
62. „ die Parallelen bei Ulrich I. 194.
66. Anstatt ueeie von veer ^vetare) hat Langl. 152 donnee.
68. Der .Spruch kommt mehrmals vor bei Tobler 58, 131, 148, 238, in
vollständiger Form bei Gilles li Muisis : Gescuns voelt d'autruy quir
tallier large rorroye, vgl. Homann Anm. 31 a), auch Meyer S. 172.
69. Schepp (8. 41) gibt zahlreiche Parallelen.
70. Vgl. Ulrich I. 25, 4 u. Tobler 181 Anm.
71. „ Leroux IL 474.
72. .. „ ibid. u. Martin V.
73. „ Langlois 172 u. Martin IV.
74. Leroux IL 474: De debles vint a debles irra u. IL 13: Du diable
vint au diable retourna.
76. Vgl. Ulrich I. 6, Tobler 110.
78. ,: Tobler 85.
80. „ Schepp XXXI (?. 54): Petite plue abat graut vent.
81. „ Leroux I. 41, IL 375.
82. Die Sentenz des Spruches geht aus Tobler 130 hervor, der Ausdruck
variiert nur um den geringsten Beitrag zu bezeichnen, vgl. Leroux
IL 144 u. 175, Langlois 183, Sus. 14, wo anstatt estoupes (Werg),
paille (Stroh) oder avaine (Hafer) verwendet wird.
83. Vgl. Leroux I. 151: Brebis comptees mange bien le loup, ibid. IL
475: ouailes (ovicula).
84. „ Tobler 212, Ulrich I. 441.
86. „ Ulrich I. 42.
87. Der Gedauke kommt zum Ausdruck in verschiedener Form bei
Langl. 201, bei Leroux IL 180, 475: Deux gros ne puent en un sac
(vgl. Ulrich IL 83). Unser Spruch entspricht am nächsten: Non
capit elatos unica sella duos (vgl. Sus. 15), während der Toblersche
(65) und der von Leroux (I. 89) aus dem 16. Jahrh. belegte lateinisch
lautet : Vix poterit binos asinus portare superbos.
482 /'. Högberg.
88. \-\. Ulrich I. 15 Anin.
90. .. Leroux II. 475, der ftecches hat.
92. .. Kodier 177. riricli l. 465.
9:;. .. Ulrich I. 128, wo queue begegnet.
94. Langlois 225, Leroux II. 47r>.
96. „ Stengel 227.
97. Khenso bei Langl. 342. Leroux II. 475 hat: lerer.
98. Vgl. Tobler 183.
99. .. Ulrich I. 479.
101. ., Tobler 145.
li>2. Bei Langl. 232 u. Sus. 16 lautet der Spruch: En la pel ou le lou
naist 1' esconvient inourir. — Es ist möglich. da(3 der Schreiber
hons anstatt lous gelesen habe.
109. Langlois 270 hat wie Leroux II. 476: se bien non. Sog. 19: que sens.
HB. Vgl. Langl. 296, Leroux II. 476.
114. Langl. 291, Leroux II. 203, Sus. 19: grave anstatt trouble.
115. Leroux II 476 vielleicht fehlerhaft : de sa meisnie, vgl. Langlois 290,
Sus. 19.
119. Vgl. Leroux II 477. Langl. 344.
121. Vgl. Langl. 311, Leroux^ I. 276, Sus. 20.
124. Bei Sus. 22: Non est absque suo fortis equus vitio. Dieselbe Sen-
tenz bei Leroux I. 162.
129. Vgl. Tobler 209. Langl. 361. Homann 23 a) (S. 14) zitiert zwei
Beispiele aus Gilles li Muisis und Fehse (30) eine andere Fassung:
La ou n'a point de chat. la soris se tient fiere.
130. „ die Parallelen bei Schepp (S. 47), Ulrich I. 56, bei Fehse 182
u. Leroux II. 263 anders formuliert.
131. Dieser Spruch ist bei Loth 341 näher ausgeführt, iindet sich auch
deutlicher ausgedrückt in Beispielen aus Tristan u. Aliscans (Kadler
521 u. Ebert 76). vgl. auch Wandelt 169.
135. Vgl. Leroux IL 477 u. Ebert 112.
136. „ Fehse 5.
140. ., „ 31.
149. „ bei Fehse 13 ein Beispiel aus Froissart. Leroux IL 478 hat
das ausdrucksvolle : oinst.
150. Vgl. Langlois 410.
152. Der hier fehlende adverbiale Ausdruck variiert, vgl. Ulrich 1 11.
153. Vgl. Ulrich I. 48 u. IL 195, Leroux hat (IL 478): dos.
154. .. Ulrich I. 328.
158. ,. die Varianten bei Ebert 111.
160. „ Langlois 428, Leroux IL 478.
162. .. die Parallelen bei Schepp XXXI (S. 55), Ulrich 1. 12 ,Fehse75 (S.14)
163. Leroux IL 478 hat auch escue, Langl. 441 : Mieux vaut pain en
huche que escrip en paroy.
165. Vgl. Ulrich I. 19, Stengel 31, 217, Meyer S. 174.
166. „ bei Fehse 112 (S 19).
168. „ die Zusammenstellung bei Schepp XIX (S. 49)
169. So auch bei Fehse 88 (S. 16., Ulrich I. 266, Meyer S. 171.
172. Vgl. Schepp X (S. 42), Fehse 4 (S. 6)
174. „ Tobler 119. Ulrich I. 258.
178. „ Loth 111, Ulrich I. 408.
179. „ Langlois 472. Leroux IL 479.
180. „ Langlois 316, aber Leroux IL 479: Oy (r) dire voyt partut,
Ulrich IL 228.
184. „ Homann Anm. 36. (S. 18).
185. Anstatt desdite hat Leroux IL 480 contredit.
186. Vgl. die Parallelstellen bei Ulrich I. 447.
191. „ denselben Sinn in anderer Fassung bei Tobler 31.
192. „ Ulrich 1. 55.
193. „ die Varianten bei Ulrich I. 161 u. Tobler 22.
.Zwei alt fr z. Sprichwörter satnml. i.d. Univ.-Bibl. zu Uppsala. 483
11*7. Bei Tohler 4*5: Par soufraite de proudome asiet oii fol en chaiere.
200. Ouer bei Langloia 5H3 aribt anderen Sinn, vgl. Fehse 193 (S. 29).
201. Vgl. Tobler 126, Ulrich I. 189.
202. .. Ulrich I. 304, Langl. 565.
204. Leroux I. 194 belebt diesen Spruch aua dein 13. .lahrü.
205. Vgl. die Parallelen bei Schepp VI (S. 39) u. Fehse 62 (S. 13),
Ulrich I. 22.
207. Vgl. Ulrich 1. 44. Tobler 104. Das Gegenteil: Qui a bon voisin a
bon matin, vgl. Fehse 173 (8. 26).
208. Vgl. Langloia n. .Martin XXXVII.
209. .. Parallelstellen bei Ulrich I. 397.
210. „ Ulrich I. 7.
212. ,. Tohler 1.
214. .. Ulrich LI.
215. ., Leroux II. 481, Langl. 609: mesckine (Mädchen) anstatt femtne.
217. .. Tobler 28. Stengel 41, Meyer S. 178, oben I. 26.
218. Unser Ms. hat allein eschiuer (vermeiden, entgehen), sonst (vgl.
Tobler 129, Ulrich I. 129): estoier (aufbewahren), das auch im
späteren garder (Sus. 37) wiederkehrt.
220. Zacher 137 hat lu (Wolf) anstatt glmdon (Vielfraß), vgl. Homann
Anm. 83.
221. Parallelstellen bei Ulrich I. 289. dem Sinne nach übereinstimmend bei
Ebert S. 32 u. bei Kadler 127. das Gegenteil bei Fehse 169 (S. 26).
222. Vgl. Ulrich I. 287.
-223. Die ursprüngliche Form bei Meyer S. 178. Vgl. darüber Schepp XIV
(S. 45) u. S. 57.
224. Vgl. Ulrich I. 36.
225. Langlois 653 hat cointes. unsere Hs. cointoist (von se cointoier, sich
schmücken).
227. Somtite steht wohl für semtne. Vgl. Ulrich 1: Qui petit seinuie,
petit keut, Leroux I. 85: Qui ne seme ne cuilt (recueille). Qui petit
seine petit cenlt, IL 482: Qi poy seyme poy cuist u. IL 497: Petit
rechoit qui petit seme aus dem 13. Jahrh. Vgl. das Gegenteil bei
Fehse 10b u. Schepp VII. 15 (S. 41).
228. Vgl. Schepp 209, Ulrich I. 52 u. Fehse 196 (S. 29), bei Tobler 20:
Plus a si deables. plus couoite.
229. Vgl. Tobler 240.
231. .. Ulrich I. 3.
232 I. 278.
233. ,. .. I. 38: acroust, Langlois <>70: acroup. nnsre Hs. richtiger
assauce (essaucier, erhöhen).
235. Vgl. Stengel 221.
232. „ Tobler 176. 222 u. Schepp XI (S. 43). Ulrich I. 374. Fehse 132
(S. 21).
240. Vgl. Schepp XVI (S. 47).
243. „ Fehse 168 (S. 25).
244. „ Schepp XXV (S. 52) u. Fehse 119 (S. 20). Leroux IL 483.
247. „ Ulrich I. 144. Kadler 324.
248. „ Ulrich I. 16. Fehse 181 (S. 27). Tobler 216.
249. ., Tobler 51.
253. .. unten 261 u. Tobler 99.
255. „ Fehse 81 (S. 15).
256. „ Ulrich I. 291.
258. Anstatt fait n'est pas bei, bien etc., vgl. Ulrich I 376, Fehse 108
(S. 18), Leroux IL 483, Langlois 736.
.259. Derselbe Spruch bei Robert (vgl. Homann Anm. 97). Hier wohl
fehlerhaft seit, wenn nicht formelle Übersetzung von: Allia petra
sapit etc., sonst immer sent: vgl. Fehse 179 (S. 27), Ulrich I. 72.
484 P- Högberg.
260. VgL Ulrich I. 303.
861. .. Tubler 99.
2b3. .. Stengel 24: Yentre saoiil joue, nent cote none, oben 1. Jo.
267. „ Ulrich I. 446.
269. Robert 58: De pou de levem leve grant paste. vgl. auch Leronx 11. >dl
ibid. II. 483 fehlerhaft: renayn.
871. Vgl. oben 183.
272. .. Fehse 171 (S. 26).
276. „ Ulrich I. 404.
Uppsala. P- Högberg..
Etymologisches.
1. Altfrz. ehuine. mei'sme und verwandte Formen.
Afrz. chaine, das „dem Anscheine nach jünger ist als
chaaine" betrachtet G. Colin als „durch Verschmelzung der
beiden a entstanden*' {Über Suffixwandel im Vulgärlatein 225)
und er vergleicht damit gain aus gaäing (S. 177 Anm.), ein
Vergleich, der allerdings nicht paßt, da gain 'Weide' und
gauing „Gewinn " zwei verschiedene Wörter sind, wie heute
wohl allgemein anerkannt ist. Dagegen schreibt Tobler bei
Cohn: „Könnte sich nicht t in catena in i aufgelöst
haben und iei zu i geworden sein? Vgl. die Formen cha'ir,
ve'ir neben chueir. veeir und andererseits chaiel, praiel, emblaier,
desblaier, praiete/, citoyen, mitogen, tuyau" . Dieselbe Erklärung
wie Tobler hatte vier Jahre früher für cheir, oe'ir, se'ir Horning
gegeben: „Aus veieir usw., wo das erste i den Hiatus füllt,"
unterscheidet sich also nur darin, daß er, was physiologisch
das einzig zutreffende ist, nicht von einem Wandel von t zu i,
sondern von dem Gleitelaut / spricht, der zwischen den beiden
palatalen Vokalen entsteht, vgl. über das Verhältnis von t und
i in solchen Fällen Hornings Ausführungen ZRPh. 14, 484.
Er fügt noch hinzu : „An einen Übergang dieser Verba in die
4. lateinische Konjugation darf man nicht denken." Nicht
anders faßt Herzog diese Formen als lautlich, nicht als
analogisch, allerdings mit einer gewissen Einschränkung. Es
„begegnen die Infinitive ka'ir, ve'ir, se'ir im wallonisch-pikar-
dischen Gebiete, wo ich sie für lautgesetzliche Umbildungen
von kaoir, seoir, veoir (Schwund des o oder vielleicht noch
des e im Hiatus) halte. Ka'ir ferner gehört auch einem Teile
des Norm, seit alten Zeiten an, doch ist dieses norm, ka'ir
vielleicht nicht lautgesetzlich, sondern vom Perf. ca'i aus
gebildet". Nur Voretzsch, Einführung in das Studium der
afrz. Sprache S. 138 sagt „Daneben bildet das Französische
noch einen neuen Typus nach der i-Konjugation aus: „Cadire-
cheir" , eine Bemerkung, die doppelt irreführend ist, weil sie
bei den ja noch nicht über selbständige Kenntnisse verfügenden
Anfängern, für die das Buch bestimmt ist, den Anschein er-
weckt, als ob die Form allgemein altfranzösisch sei und als
ob es sich nur um eine morphologische Erscheinung handeln
würde.
t86 ll Meyer-Läbke.
Das i in meisme habe ich Rom. Gramm. 3.116 als Anlehnung
an das Suffix der Ordinalia erklären wollen, was ohne weiteres
abgelehnt werden muß, G. Paris rechnet mit dem Einfluß
eines subj. plur. *is von ipsi (Extraits de la chanson de Roland
18). doch ist eine solche Beeinflussung durch eine vereinzelte
Kasusform nicht verständlich. Mussafia hält »nehme mit nei8}
fa'is für proklitische Formen (Rom. 28, 113). gibt aber keine
anderen Beispiele in denen eej zu eis. würde, legt übrigens,
abgeneigt wie er solchen Spekulationen war, keinen großen
Wert auf diese Erklärung, Haberl geht von *meyisme aus,
wo i) sich als Gleitelaut entwickelt habe, worauf dann ye zu
i geworden sei (ZFSpL 331, 278 *), gibt also eine ähnliche
Deutung wie Horning für cha'ine, endlich Espinosa (PMLA
America 36, 365) erschließt ein lat. ipse neben ipse, womit die
Erklärung nicht gegeben, sondern in ein anderes Gebiet ver-
schoben ist.
Es wird sich zunächst empfehlen, die überlieferten Formen
zeitlich und räumlich festzulegen, soweit das möglich ist.
Für catena geben die alten westlichen Texte : Roland, die
Psalter, dann der Thebenroman, Benoit von Sainte-More, Wace
nur -eine-Formen, ebenso findet sich im Osten nur -eine,
-ene, vgl. für letzteres caiene in der von einem Lothringer
geschriebenen Prise de Cordres 311. Die pikardischen Texte
ziehen caaine oder schon zweisilbiges caine vor, so Aiol und
Mirabelle, Elie von S. Gille. Raoul von Cambrai, Richart le
biau.
Unter solchen Umständen kann man fragen, ob eine Form
caine überhaupt bestanden habe. Der Verfasser des Aiol mißt ein-
mal caine, zweimal caine*, ebenso stehen im Sone von Nanteuil
beide nebeneinander. Ob nun aber das jüngere caine aus caine
entstanden ist, wie haine aus haine, train aus träin, trainer aus
trainer, treitre aus traitre (so alle noch im Aiol) oder aus caaine,
läßt sich schlechterdings nicht sagen und daher ist auch nicht
zu entscheiden, ob caine, das auch nur im Yersinnern von
1 1 Haberl operiert auch mit afirz. maistre, aber ein solches Wort gibt
es nicht, alle metrischen Texte kennen von Anfang an nur zweisilbiges
maistre. Und was das von ihm nach Godefroy angeführte mistre betrifft,
so ist das ein ganz anderes Wort. Es kommt bei Peschanips (6, 230 ed.
Queux de Saint-Hilaire) vor:
Et comme f'aux aient de papier mitre
Pour escheler par le bourriau ou mittre
1 lazu flie Anmerkung „maitre, nom applique au bourreau". Hätte der
Dichter an einen Zusammenhang mit maistre gedacht, so hätte er, nach der
Schreibung der Ballade, mistre schreiben müssen. Aber auch davon ab-
gesehen ist eine Bezeichnung des Henkers als „Meister" und zwar mit dem
Berufsnamen durch „oder" verbunden nicht annehmbar. Ou heißt „in dem",
mitre bedeutet „Gefängnis", wird als Argotwort in der Form mittes aller-
dings erat von Leclair 1800, als mitre von Vidocq 1837 gebucht (Saiuean
L'argot ancien 220), ist aber offenbar älter.
Etymologisches. 487
Raoul von Houdenc Yengence Raguidel ^ 1 34 verwendet
wird, nicht bloße Haplographie. nicht wie Colin meint,
Jlaplologie sei. Solange ein kaine nicht im Reime erscheint,
möchte ich an der Berechtigung der Form zweifeln, auf alle
Fälle muß sie als pikardisch. nicht schlankweg als alt-
französisch bezeichnet werden. Beachtenswert ist. daß sich im
Sone von Nanteuil auch aisier für aaisier findet, wie Gr. Paris
Rom. 31, 127 hervorgehoben hat.
Die Belege für meesme, meisme hat M. Espinosa a. a. 0.
zusammengestellt. Daraus ergibt sich, daß Oxforder und
Cambridger Psalter medesme. letzterer auch meesme schreiben,
daß ein medisme nur im Alexius vorkommt, daß sonst meesme
nur sehr selten durch Assonanz oder Reim gesichert ist, z. T.
in späten Texten, wo e-i zu e geworden ist, und im V ers-
innern und Prosa nur meisme mit so verschwindend geringen
Ausnahmen anzutreffen ist, daß diese wenigen meesme als
Fehler oder als Zwitterschreibungen zwischen gelesenem
meisme und gesprochenem mesme betrachtet werden können.
Wären die Beispiele im Alexius nicht, so würde man ohne
weiteres zu der Auffassung gedrängt, daß der Wandel von e
zu i mit der Stellung im Hiatus zusammenhänge. Sollte nun
etwa medisme doch ein gesprochenes meisme wiedergeben, sei
es. daß der Yerfaser inedesme, der Schreiber meisme sprach,
sei es. daß jener zwischensilbisches t nur noch archaisierend
schrieb? Die erste Auffassung erweist sich dadurch als nicht zu-
treffend, daß meisme in der Assonanz steht, der zweiten wider-
spricht die entschiedene Äußerung von G. Paris: „le fait (die
Bewahrung des d in der Aussprache) n'est pas douteux un seul
instant pour l'Alexis. gräce ä la fidelite du copiste auquel
iiüus devons le manuscript de Lambspringen" (La cie de saint
Alexis 92). Und doch ist die Sache nicht so sicher. Die
Mehrzahl der Beispiele wird gebildet durch weibliche Partizipien.
Wenn, wie dies in gewissen Gegenden der Fall war. das
auslautende t fester ward als das inlautende, so konnte in
den Femininen das Masculinum das d halten. Dazu kommt
die Erinnerung an das Lateinische, die hier oder in fideilz
(man beachte das i) oder in lodet oder medre ja nahe genug
lag. Aber daß crier auf quiritare beruhe, mochte ein mittel-
alterlicher Schreiber kaum erkennen und auch oblier mochte
nicht sofort oblitus ins Gedächtnis rufen. Vollends feut, feude
auf fatum zurückzuführen, ist erst den späteren Etymologen
vorbehalten gewesen. Dies letztere Wort ist auch darum von
Wichtigkeit, weil der Wandel des tonlosen u zu e an den
Zusammenstoß mit dem betonten ü gebunden ist, s. Frz. Gramm.
§ 137, also wiederum den Schwund des d sichert. Somit
ergibt sich. daß. da tatsächlich erst meesme zu meisme wurde,
e-e zu e-i dissimiliert ist. daß also meisme und ne'is auf einer
Stufe stehen.
486 II '. Meyer-Lübke.
Als Gegenbeispiel gegen diese Erklärung der genannten
Wörter könnte man feeil aus fidele anführen. Allein der
Vergleich paßt nur für den Westen, nicht für Zentrum und
Osten, wo ei zu oi geworden ist. Ein feoil blieb, da das o
artikulatorisch von e und /' zu weit entfernt war, um in einem
der beiden Laute aufzugehen. Nur im Westen würde ein
feeil annähernd dem meesme entsprechen. Aber doch auch
nur annähernd. Peestre zeigt, daß ee_ nicht zu ei dissimiliert
wird. Nun ist ei frühzeitig zu n geworden, woraus das
heutige ?, man wird also sagen dürfen, daß. als d schwand,
der erste Bestandteil des Diphtongen im Westen schon offener
war als das alte ?, daher wurde meesme zu me'isme, feeil
aber blieb.
Im östlichen motre, watfre-Gebiet begegnen z. T. mom}
mam und schon in alter Zeit hat namentlich aus dem
Burgundischen Görlich (Frz. St. 7, 66) moime, mahne belegt.
Wendelborn (Die Sprache des Veyez § 34) mame. Man muß
hier unterscheiden. Entweder ist. bevor der Hiatus entstand.
e zu o, a geworden und dann natürlich das tonlose e ge-
schwunden. Das wird die Entwicklung von /nam(e) sein, ist
vielleicht auch die von moime, da wenigstens in einigen dieser
östlichen Urkunden die umgekehrte Schreibung oi für o vor-
kommt, vgl. Görlich. S. 72 ff. Aber es fällt doch auf, daß
moime sehr viel häufiger begegnet. Dazu kommt die Messung
mahne im Floovent:
et moimes li rois est vettuz tot devant 475
und so noch 590, 1012 (die Stellen hat schon Darmesteter,
De Floovante 6 beigebracht) oder in dem von P. Meyer Rom.
6, 29 veröffentlichten burgundischen Gedichte von den zwei
Rittern :
Ou euer moimes saichiz donc 404.
Also auch hier zunächst meisme, dann Wandel des ton-
losen e nach Labial zu o, wie dies im Osten weit verbreitet
ist, vgl. z. B. Horning, Grenzdialekte S. 32.
Cha'ir.
Die älteste Flexion dieses Verbums ist in den wesent-
lich in Betracht kommenden Formen chaoir, chai, chaoit,.
so im 0 Ps. : Perf. chairent, Brandan : Inf. chaer, Perf. chai usw.
Ein Perfectum chaui, das Suchier ZRPh. 2, 287 ansetzt,
findet sich in keinem der von ihm seiner Abhandlung
zugrunde gelegten Texte, auch nicht in den anderen west-
lichen oder nördlichen. Die von Tumlirz (Die französischen
ui-Perfekta außer poi (potui) bis zum 13. Jahrlt. einschließlich
S. 26) gemachte Bemerkung, daß nur im Lothringischen ein
w-Perf. dieses Verbums üblich sei, ist durch die in der Folge er-
schienenen Denkmäler nur bestätigt worden. Selbst Pals-
grave kennt nur cheys, w-ogegen allerdings nach Tumlirz die Über-
Etymologisches. 489
Setzungen der Predigten Bernhards und Ezechiel cheu auf-
weisen, vgl. ferner cheurent im Lothringer Psalter.
Daraus ergibt sich zunächst, daß wenn die Übereinstimmung
aller romanischen Sprachen auf ein '"'cadere weist, doch trotz
ital. caddi. prov. cazea, afrz. cheui nicht auch schon ''cadui als
vulgärlateinisch anzusetzen ist. daß vielmehr die einzelnen
Sprachen unabhängig voneinander zu diesen Bildungen ge-
langt sind. Wir müssen vielmehr voraussetzen, daß das alte
cecidi durch *cadi ersetzt worden ist, woraus afrz. *chiei cheis
*ckiet cheimes cheistes *chierent. Der Zusammenfall der 3. Sing,
mit der 3. Sing. präs. bedingt eine Neubildung, die durch die
endungsbetonten Formen sich von selbst ergab. Auch im
Italienischen dürfte zunächst Präs. cade: Perf. *cade nach viene:
venne, muove : movve, vuole : rolle usw. zu cade : cadde um-
gestaltet worden sein. Daß prov. cazep erst auf einer kürzeren
Form aufgebaut ist. zeigt die Betonung des e, ja es fragt
sich, ob nicht cazet. d. h. also eine schwache £-Form älter sei
und sich cazec z. B. im Albigenserkrieg dazu verhalte wie
issic desselben Textes zu dem älteren issit.
Ein Infinitiv cheoir konnte danach auf der einen Seite
zwar bleiben, weil er in seoir, veoir eine Stütze hatte, er
konnte aber auch nach dem Perfektum chai zu chair um-
gestaltet werden. Warum nun im Westen das eine, das andere
im Zentrum geschehen ist. mag vorläufig noch unerledigt bleiben.
Veir und se'ir sind nach ihrem Vorkommen in alten
Texten von jeher als pikardisch bezeichnet worden und die
Angaben des Sprachatlasses wie der übrigen Hilfsmittel be-
stätigen das vollkommen: dem eigentlich Wallonischen sind
sie ebenso fremd wie dem Normannischen und der Ile
de France. Schon Herzog hat a. o. O. ganz richtig be-
merkt, daß diese Infinitive „zur Zeit des pikardischen Ein-
flusses auch in die Champagne eindrangen, da sie den Dichtern
bequeme Reime ermöglichten", hat also damit diesen Teil
der Ergebnisse von Gertrud Wackers fleißigen Zusammen-
stellungen {Über das Verhältnis von Dialekt und Schriftsprache
im Altfranzösischen S. 83) schon neun Jahre früher festgestellt,
nur hätte er auch das veir in der Assonanz in Karls Reise
442 so beurteilen sollen. Es liegt nun sehr nahe, veir aus
*veeir genau so zu erklären wie meisme aus meesme: durch
Dissimilation ist veiir entstanden, worin natürlich die zwei i
zu einem verschmolzen. Daß veoir blieb, ist weiter nicht
auffällig und für Norm, veeir gilt das S. 488 anläßlich feeil Be-
merkte. Dann würde weiter folgen, daß ei im Pikardischen
zunächst geblieben ist, während es im Osten zu oi wurde,
daß also hier schon vedoir und dort noch vedeir gesprochen
wurde. Nach Schwund des <7 blieb veoir, :':veeir aber wurde
zu veir und nun erst drang vom Osten oder Süden her die
o?'-Welle auch in die Pikardie.
4v»0 W. Meyer- Lübke.
Die dialektischen Verschiedenheiten sind in der vor-
lud orischen Zeit in Nordfrankreich in manchen Dingen größere
oder andere gewesen als uns die literarischen Denkmäler des
11. und 12. Jahrh. sehen lassen. Nur einmal ist im Westen
caroi aus quadruviutn belegt (Thomas Rom. 26.417). nur schwach
bezeugt nie als reguläre Form von auca (Bruch, ZRPh. 36. 313,
vgl. 38,711): in beiden Fällen erweist sich das palatale Element
als das stärkere, im Gegensatz zum Zentrum und Osten, wo
das labiale widerstandsfähiger ist: ein paar anglonormannische
Belege und ein Dialektwort erweisen für sekundäres tl eine
gesonderte Umgestaltung (ZRPh. 38, 211), aber je mehr
solcher vereinzelter Steinchen zusammengelesen werden, um
so mehr Aussicht ist vorhanden, das Bild einst wieder her-
stellen zu können.
Ist die gegebene Erklärung richtig, so zeigen uns die in
Betracht kommenden Wörter die bei dem sonstigen Ver-
hältnis der Umgestaltung betonter und tonloser Vokale im
Französischen auffällige Erscheinung, daß der an sich schwächere,
tonlose Laut bleibt, der an sich stärkere, betonte verändert
wird. Allein die Sache läßt sich verstehen, wenn wir dem
Wesen der Erscheinung etwas mehr nachgehen. Auch nach
alledem was Brugmann, Das Wesen der lautlichen Dissi-
milation {Abhandlungen der phil.-hist. KL der sächsischen Ge-
si //schaff der Wissenschaften, Bd. 27) und die von ihm zitierten
ATorgänger. dann nach ihm Hoffmann-Kraver (Festschrift :nr
49. Versammt. deutscher Philologen 1907, 491ff.) und E. Schröder
(Nachrichten der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen,
phil.-hist. Kl. 1908. 16 ff.) über den Gegenstand gesagt haben,
bleibt doch noch manches recht dunkel. Sofern die Dissimilation
das Ineinanderfließen zweier sich berührender Laute verhindert,
ist sie im ganzen verständlich. Wenn ei zu ai wird, so ist
die Entfernung zwischen den Artikulationsstellen der zwei
Vokale vergrößert, die Vergrößerung kann eine schrittweise
sein, sie kann aber auch in der Weise eintreten, daß die
Artikulation von der palatalen in die entsprechende velare
Region überspringt und umgekehrt, also e durch o, o durch e
ersetzt wird: ei wird zu oi, ou wird zu eu. Aber bei Fern-
dissimilation ist mir der im Komanischen so häufige Fall e-o
aus o-o nicht verständlich. Bei dem anderen noch beliebteren:
e-i aus i-i handelt es sich, glaube ich. um etwas anderes. Die
zweite i- Artikulation schwebt dem Sprechenden schon so deutlich
vor, daß er die erste nicht mehr vollkommen bildet, daß er also
nicht bis zur äußersten Enge, bei der ein Vokal noch möglich
ist, schreitet, sondern auf halbem Wege stehen bleibt. In
unserem Fall liegt nun aber nicht Fernassimilation vor. sondern
das Deutlichkeitsbestreben und da ist es nur natürlich, wenn
bei diesem Bestreben der eine Vokal, dessen Artikulation an
Etymologisches. 491
sich schon die bestimmtere ist. von dem unbestimmteren mehr
abgerückt wird.
Sodann soll noch angeführt werden, was gegen die
Gleitelaut-Theorie spricht. Daß von den Toblerschen Bei-
spielen, auch wenn man seine Auffassung durch die Horning-
sche ersetzt, die Wörter auf -yau auszuschalten sind, braucht
heute wohl nicht mehr besonders betont zu werden. Die
alten Formen sind fiael flayaus, tuet tuyaus usw., das y ist
nicht aus t entwickelt und ist nicht Gleitelaut, sondern ist aus
e vor / oder u entstanden.
Anders verhält es sich mit deblayer, emblayer. citoyen,
apitoyer, pitoyable, mit<>ijt>n, dann corvoyeur „celui qui fait la
corvee."
Alle diese Formen sind jung, ihre Vorgänger im 11. Jahrh.
lauten citeain, desbleer, embleer, piteable, miteain, sie können
also schon deshalb nicht mit den anderen sehr viel älteren auf
eine Stufe gestellt werden.
Das Altfranzösische ist in seiner ersten Periode ja über-
haupt eine Sprache mit festem Silbencinsatz, und als dann
in einer zweiten Epoche die Konzentration des Wortkörpers
erfolgte, wurden die den Reibelauten am nächsten stehenden
i, ii, ü zu i, u, ü} wogegen a, e, o sich dem folgenden Vokal
anglichen. So war die hiatusreiche Sprache zu einer hiatus-
losen geworden. Ein gewisser Konflikt entstand, wo vokalisch
anlautendes Suffix an vokalisch auslautenden Stamm trat.
Die üblichste Lösung war das bekannte -t-, aber in manchen
Fällen konnte man nicht dazu greifen. Zu diesen gehört
citeain, dem ein Vorbild, das :i:citetain hätte hervorrufen können,
fehlte, das aber auch nicht zu *citain zusamengezogen wurde,
weil dabei Stammwort und Ableitung ineinander verschmolzen
wären. So blieb citeaiH, aber, da Hiatus im allgemeinen
nicht bestand, entwickelte sich der Gleitelaut. Man sieht,
daß nicht nur zeitlich, sondern auch in ihrem Wesen me'isme,
ve'ir von citoyen durch und durch verschieden sind.
Ganz anders als der westliche und der zentrale ist der
ostfranzösische Sprachrhythmus. Im Wallonischen und Lothrin-
gischen findet nicht Zusammenziehung der Hiatusvokale und
nicht Konsonantisierung des ersten statt, sondern beide
bleiben, aber mit Entwicklung eines Gleitelautes (vgl. z. B. Z. f.
Sp. L. 441, 76). Für Horning lag bei seiner vorzüglichen
Kenntnis dieser Mundarten eine Übertragung des dort be-
obachteten auf das Pikardische nahe. Aber eben weil es sich
um Übertragung einer Erscheinung aus einem Gebiet in ein
anderes handelt, muß man sich fragen, ob der Gesamtcharakter
eine Berechtigung dazu gebe — und diese Frage ist zu ver-
neinen.
Nachträglich stoße ich in L. Wieses Arbeit über die
Sprache der Dialoge des Papstes Gregor S. 14 auf die Be-
492 W. Meyer- Lübke.
merkung: „meisme durch Dissimilation"'. Die Erklärung ist
somit nicht neu, aber da auch Behrens die Stelle übersehen
zu haben scheint, sc» mag neben ihrer Hervorhebung auch
meine etwas breiter geratene Ausführung stehen bleiben.
2. Altfranzösisch rampoaner.
Die Verknüpfung von afrz. ramposner „verhöhnen" mit
dem germ. Stamme rampa „Klaue", wie sie Diez vorgeschlagen
hatte'-), ist morphologisch nicht wohl möglich, denn das s ist
nicht falsche Schreibung, sondern gesprochen, wie aus agn.
rampodner, apikard. ramponier prov. rampoinar, gask. lampour-
ii n. welch letzteres Jeanroy, Annales du Midi 17. 75 mit Recht
hierher stellt, erhellt. Aus einer prov. oder afrz. Form mit
in oder ign aus su ist aital. rampognare entlehnt. Erweist sich
danach Frankreich als die engere Heimat des Wortes, so darf
man wohl noch einen Schritt weiter gehen und Nordfrankreich
als Ausgangspunkt bezeichnen. Denn so häufig ramposner im
Altfranzösischen ist. so selten tritt es im Provenzalischen auf,
und während die nordfranzösischen Mundarten es noch z. T.
bewahren, kennen es die südlichen abgesehen von dem einen
angeführten Beleg nicht oder kaum 3). Für den Norden aber
bietet sich eine Erklärung, die vielleicht Beifall findet. Mit
prosnt wird der Teil der Kirche benannt, hinter dem der
Geistliche predigt, bei dem die Narren während des Gottes-
dienstes gefesselt sind:
Home, qu'an ne puet chastiier
Devroit an au mostier liier
( '(hui desve devant les prosnes
heißl es im Löwenritter 627. Ein *remprosner wäre also
etwas ähnliches wie unser ,.an den Pranger stellen", „dem
öffentlichen Gelächter aussetzen". Der Schwund des ersten
r durch Dissimilation macht weiter keine Schwierigkeit und
wenn, was ich allerdings nicht beweisen kann, der Ausgangs-
punkt die Gegend ist. in der gedecktes en zu an wird, so
war. nachdem infolge des Schwundes von /• jeder Zusammen-
hang mit einem Substantivuni verloren war, die lautliche
Übernahme ohne Umsetzung in die Lautform der über-
nehmenden Sprache gegeben. Fragen kann man sich noch,
ob pik. ramproner das alte r auch behalten habe oder ob erst
l mstellung aus "'ramponier, wie das Wort im Pikardischen
lautet, eingetreten sei. Bei der Vorliebe, die das Pikar-
dische für die Lautreihe kons. -\~ y-f- Vokal hat (freie", fremer
2) Diez führt auch venez. ramponar „häkeln" an, das Boerio in dieser
Bedeutung nicht kennt, das aber allerdings zu rampon „Haken" gehört,
und katal. rampoina „Schnitzel. Abfälle", das mir unverständlich ist.
') Mistral führt neben rantpind und rampound noch rampougnä an, über
welch letzteres man nähere Auskunft brauchte.
Etymologisches. 493
usw.. vgl. Suchier, Aucassin § 14, Rom. Gramm. 1 § 576 4),
ist die zweite Auffassung wohl vorzuziehen. Daß ramp-,
nicht remp- auch pikardisch wäre, beweisen apikard. tams,
essample, ensamble.
Foerster hatte prosner auf lat. procinare zurückgeführt
(Zh'Pli. 15, 522), daher wohl die Frage aufgeworfen werden
muß. ob ramposner sich nicht einfacher damit verbinden lasse.
Die Schwierigkeit oder geradezu die Unmöglichkeit liegt darin,
daß procinare zu -proisnier hätte werden müssen. Foerster
sagt das auch und fügt hinzu, eine solche Form und ein Adj.
proisne „beredt" komme vor, gibt aber weder Belege noch
erklärt er, wie daraus im Französischen das übliche prosne
hätte entstehen können. Bei Godefroy fehlen Belege für
solche Formen, daher man an ihrem Vorhandensein zweifeln
bzw. sich fragen kann, ob sie nicht erst dialektische Ent-
wicklungen von -sn- zu -in- zeigen.
Bonn. W. Meyer-Lübke.
*) Zu streichen ist hier esprevier. Diese Form ist die im Altfranzösischen
hei weitem häufigere, regelmäßig entstanden aus esparwari, da zwischen-
toniges a zu e wird, vgl. Herzog Streitfragen, S. 109 f., wo namentlich
Chambrecy aus Camarciacn, Chevrecy aus Cabardiacu, Leuvrigny aus
Liburniacu, nuitrenel aus nocturnale deutlich zeigen, daß in solcher
Stellung ein r resultiert, das nun je nach Sprachrhythmus und Tempo als
re oder als er erscheint. Das spervarios des capitulare de villis ist somit
nur als nordfranzösische, nicht als südliche Form zu verstehen, vgl. dazu
Jud-Spitzer WS. 6, 128. Was Winkler ZRPh. 368, 567 dagegen einwendet, ist
nur aus dem Gesichtspunkte der Erregung zu verstehen, in der der Verf.
bei der Niederschrift seiner Entgegnung sich befand, wissenschaftlich be-
trachtet ist es unverständlich.
Ztachr. f. frz. Spr. u. Litt. XL V 7/8. 34
Technische Hochschulen und neuere Sprachen.
In Sachen der den preußischen Volksvertretern jüngst
zugegangenen Denkschrift über Förderung des Auslands-
studiums ist es im Abgeordnetenhause zu einer Aussprache
gekommen, bei welcher der Kultusminister sich dahin äußerte,
daß für die Lösung jener Aufgabe in erster Linie die
Universitäten, nicht minder aber auch die Technischen Hoch-
schulen in Frage kämen. Mehrere Abgeordnete erhoben
ebenfalls die Forderung, daß die letztgenannten Anstalten
in den Dienst des Auslandsstudiums gestellt würden.
Will man den neuen Gedanken, der unser Schulwesen
durchsäuern soll, auch an den Technischen Hochschulen zur
Geltung bringen, so wird das nicht ohne wesentliche
Änderungen des Unterrichtsbetriebes geschehen können. Die
Aufgabe, dabei das richtige Maß zu finden, fällt jenen be-
währten Sachverständigen zu, die als die Vertreter unserer
technischen Wissenschaften gerade im Weltkriege gezeigt haben,
wie sehr Deutschland auch in diesem Unterrichtszweige an
der Spitze der gesitteten Völker marschiert. Die Frage, was
in dem eigentlich technischen Lehrbetriebe zu ändern
wäre, bleibt deshalb hier unberührt. Ich möchte mich viel-
mehr mit einem Hilfsgebiet beschäftigen, das an den Tech-
nischen Hochschulen eine meist nur bescheidene Pflege ge-
funden hat, aber meines Erachtens berufen ist, bei der neuen
Bewegung eine wichtige Vermittlerrolle zu spielen: ich meine
den Unterricht in den neueren Sprachen, von denen bisher
im wesentlichen das Englische und das Französische in
Betracht kamen.
Die dafür vorgesehenen Dozentenstellen werden neben-
amtlich meist von Oberlehrern verwaltet, denen dafür eine
gewisse Jahresvergütung und der Ertrag der Vorlesungs-
gebühren zusteht. Ihre Lehraufgabe ist dreifacher Art: sie
sollen ihre Hörer erstens mit Land und Leuten des betreffenden
Volkes bekannt machen, sie zweitens in dessen technische
Terminologie einführen und sie drittens die fremde Sprache
bis zu einem gewissen Grade beherrschen lehren. Das Herz-
stück dieser Dreiheit zu verwirklichen, sind die Dozenten
allerdings vielfach nicht in der Lage gewesen. Denn die-
jenigen, an welche sich der Unterricht wandte, glänzten in
der Regel durch Abwesenheit. Wohl stellte sich zu Anfang
des Halbjahres der eine oder andere Studierende ein, aber
wenn dann der Vorlesungsbetrieb der Hochschule voll ein-
setzte und der Betreffende sich zur Mitarbeit oder Vorbereitung
Technische Hochschulen und neuere Sprachen. 495
bei den fremdsprachlichen Übungen aufgefordert sah, ver-
schwand der seltene Vogel. Die Zuhörer bestanden im
wesentlichen aus Damen und Herren der gebildeten Stände
und aus Yolksschullehrern, welche die Übungen benutzen
wollten, um sich auf Prüfungen vorzubereiten. Da man mit
dieser Zuhörerschaft rechnen mußte und letztere an der
Beschäftigung mit speziell technischen Dingen kein Interesse
hatte, fiel der zweite Teil der Lehraufgabe fast regelmäßig
unter den Tisch. Die Dozentenstellen vermochten also den
Zweck, für den sie eigentlich errichtet, nur unvollkommen
zu erfüllen.
Solche schiefen Verhältnisse dürfen, wenn die Technischen
Hochschulen auch auf den neuen Gedanken eingestellt werden
sollen, nicht länger andauern. Es gibt, meine ich, auch
Mittel, um sie abzuändern. Das erste würde darin bestehen,
der Überbürdung zu steuern, unter welcher die Studierenden
ersichtlich leiden. Die seit längerer Zeit in Fluß befindlichen
Bestrebungen der Hochschullehrerschaft, den Studiengang
von allerlei Entbehrlichem und Unwesentlichem zu entlasten,
wären fortzusetzen und abzuschließen. Gelingt es hier, nur
das wirklich Wichtige beizubehalten, ohne daß deshalb die
Wissenschaftlichkeit zu kurz kommt, so erhält der Studierende
dadurch eine gewisse Ellbogenfreiheit und gewinnt Zeit, um
seine allgemeine Bildung zu fördern und sich auf den Grenz-
und Hilfsgebieten seines Faches umzusehen.
Nun ist freilich noch nicht gesagt, daß die vom Alpdruck
des Zuvielerlei Befreiten die ersparte Zeit auch wirklich in
der gedachten Weise verwenden. Bei Übungen, wo es sich
nicht nur um ein Genießen und Zuhören, sondern auch um
Mitarbeit handelt, würde jene Maßregel allein die Zahl der
teilnehmenden Studierenden nicht wesentlich erhöhen. Wenn
also die Beschäftigung des Hochschülers mit den neueren
Sprachen als wirklich notwendig erscheint, wird man nicht
umhin können zu fragen, in welcher Weise etwa eine Ein-
wirkung erfolgen müsse. Nichts wäre jedenfalls verkehrter
als ein Zwang. Bestimmungen wie diejenige nachzuahmen,
daß ein Prüfling ein oder das andere Praktikum, Seminar
oder Kolleg während seines Studiums gehört haben muß,
hieße in unserem Falle Irrwege gehen. Eine Sprache ist
gleichsam ein Dornröschen, das mit heißem Bemühen und
unter manchen Enttäuschungen umworben werden will.
Der nachhaltige Eifer, der allein die Dornenhecke zu durch-
brechen vermag, beruht aber auf treibenden Kräften, die
nicht vom Zwang geboren sind. Von innen heraus müßte
vielmehr jene Einwirkung erstehen, als natürliche Frucht des
neuen Geistes, in welchem der „Denkschrift" zufolge unsere
Jugend aufwachsen soll. Dem angehenden Techniker,
Ingenieur, Chemiker oder Industriellen muß der Glaubenssatz
34*
496 Carl Friesland.
anerzogen sein, daß die Welt sein Feld ist. Etwas geradezu
Verlockendes sollte für ihn der Gedanke besitzen, den alten
Wettbewerb um die friedliche Durchdringung des Erdballes
nicht nur in dem von den Mittelmächten beherrschten Gebiet
und den neutral gebliebenen Staaten, sondern auch in den
Ländern und Einflußsphären unserer jetzigen Gegner, besonders
der Engländer, von neuem aufzunehmen. Die Arbeit da
draußen dürfte aber dem Hochschüler nicht bloß deshalb
wert sein, weil sie ihm Existenz und Gewinn verschafft,
sondern auch, weil er sie als Kultur a u fg ab e ansieht,
die er im Namen seines Volkes erfüllt, als Pionierarbeit,
auf deren Gelingen er bei den scharfen Anstrengungen aller
Nationen nur dann rechnen kann, wenn sie auf vorzügliche
Ausrüstung und haarscharfes Werkzeug zurückgreift.
Dazu gehören für den Studierenden in erster Linie
tüchtige Fachkenntnisse. Aber dieses Wissen will auch
angewandt werden, und das vollzieht sich im fremden
Lande oft unter ganz anderen Bedingungen als in der Heimat,
unter Schwierigkeiten, Enttäuschungen und Fehlschlägen, die
zu Hause entweder gar nicht oder in viel geringerem Maße
zu erwarten sind. Was hilft aber ein noch so gutes Rüst-
zeug, wenn es der besonderen Aufgabe, die es lösen soll,
nicht angepaßt ist? Um dem jungen Techniker in solchen
schwierigen Lagen zum Erfolge zu verhelfen, bietet sich ihm
die neuere Philologie als Mittlerin dar. Rechtzeitig, noch
während er seine Fachkenntnisse sammelt, zeigt sie ihm,
unter welchen Verhältnissen er jene voraussichtlich einmal
anzuwenden hat, und gibt ihm die Möglichkeit, sich auf die
Lage, der er sich später gegenüber sieht, vorher einzurichten.
So lernt er den Boden kennen, den er bearbeiten will, und
bekommt Mittel an die Hand, in ihn einzudringen. Es wäre
sehr wesentlich, wenn sich künftig der Hochschulstudent auf
Grund der ihm anerzogenen Gedankengänge völlig darüber
klar wäre, daß das moderne Sprachstudium mehr und mehr
eine erhöhte Bedeutung für seinen Beruf gewonnen hat.
Dazu, daß diese Überzeugung immer tiefere Wurzeln faßt,
kann aber auch wesentlich die ganze Art beitragen, wie der
Dozent seinen Unterricht anzufassen versteht.
Zu diesem Zwecke muß er das eine Prinzip, Aufbau
auf breiter Grundlage, mit dem anderen, bewußtem Los-
gehen auf das Ziel, in harmonischer Weise verbinden können.
Einigen Geschickes bedarf es dazu bei dem ersten Teil der
Lehraufgabe, der Einführung in die fremde Kultur.
Wie sich das Heute und das Morgen nur aus dem Gestern
erklärt, geht auch die Eigenart eines Volkes als etwas nach
langer Entwicklung Gewordenes und immer wieder der Ver-
änderung Unterworfenes auf die nationale Vergangenheit
zurück. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit geschieht-
Technische Hochschulen und neuere Sprachen. 497
1 icher Betrachtung. Diese aber systematisch in die Form
von Vorlesungen zu kleiden, hieße Umwege machen und das
Ziel nicht scharf ins Auge fassen. Weit empfehlenswerter
scheint mir, auch mit Rücksicht auf die Spracherlernung, der
Anschluß an eine passende Lektüre. Für das Französische
z. B. wären Schriften, wie „Le Petit Parisien" von Krön,
„A travers la France" von Chalamet, „En France" von
Recluß, „Les Provinces frangaises" von Bornecque-Mühlan
oder „L'Art et les Artistes frangais" von Le Bourgeois, in
den Mittelpunkt derartiger Übungen zu stellen. Eine weit-
gehende Besprechung geschichtlicher, kulturgeschichtlicher,
literarischer und künstlerischer Fragen läßt sich an Hand
solcher Texte in ungezwungener Weise ermöglichen. Der
Ertrag für die Hörer dürfte besonders reich sein, wenn
dem Dozenten umfassende Auslandserfahrungen zur Verfügung
stehen. Die auf solche Weise übermittelte Anschauung von
Land und Leuten kann schon am Halbjahrsende ein farben-
reiches Mosaik darstellen. Gewiß ist es mühsam, Steinchen
auf Steinchen dafür zusammenzutragen, aber ein derartig
verfahrender Lehrer wird das Verständnis für die fremde
Eigenart bei seinen Hörern so erfolgreich fördern, daß sie
ihren Plan, ins Ausland zu gehen, mit Lust und Selbst-
vertrauen weiterbetreiben.
Dabei ist das ihnen zugedachte Rüstzeug noch nicht
einmal vollständig. Eine Ergänzung muß nach der sprach-
lichen Seite erfolgen. Zunächst kommt dabei die tech-
nische Terminologie in Frage. Neben allgemein-
verbindlichen Fachausdrücken, wie Ventil, Feder, Luftpumpe,
Kurbel, handelt es sich sowohl um das gesamte Gebiet der
Werktätigkeit (vgl. Brett, Bohle, Balken, Draht. Schmirgel-
papier, Dachpappe), als auch um den weiten Kreis mathe-
matischer und naturwissenschaftlicher Begriffe. Die Krönung
bildet dann ein ausreichender Wörtervorrat für das Sonder-
fach des Technikers. Je nachdem er in der chemischen
Industrie, in einem Walzwerk, einer Zeche, einer Maschinen-
fabrik, einem Elektrizitätswerk, im Eisenbahn- oder Tiefbau
beschäftigt ist, muß er sich die entsprechenden wesentlichen
Fachausdrücke zu eigen machen. Ein möglichst großer
Wortschatz aus dem Gebiete des praktischen Lebens ist
erfahrungsgemäß für jeden, der ins Ausland geht, ein un-
entbehrlicher Begleiter, ein Kapital, das sich vorzüglich ver-
zinst; das lasse sich auch der Techniker gesagt sein. Die
Einführung in diese gesamte Terminologie geschieht wieder
an Hand eines Textes. Für die französische Sprache ist in
solchen technischen Lesestoffen die Auswahl bei uns noch
nicht groß, in Frankreich und Belgien geradezu gleich Null.
Es fehlt ein Lesebuch, dessen Inhalt den Hauptgebieten der
modernen Technik entnommen sein müßte. Immerhin läßt
498 Carl Friesland.
sich mit dem Lektürematerial, das uns heute zur Verfügung
steht, bei gutem Willen doch schon das Ziel — gründliche
Bekanntschaft mit der technischen Sprache — erreichen.
Die beiden Texte, deren Verwendung für solche Kurse
ich in Vorstehendem empfohlen habe, dienen nun aber nicht
nur den Zwecken der Kulturgeschichte und der Wortkunde,
sondern nach Möglichkeit auch dem dritten Punkt der Lehr-
aufgabe, der Sprachbeherrschung. Deshalb hat die
Textbehandlung, von dem eigentlichen Übersetzen abgesehen,
in der Fremdsprache zu erfolgen. Das wird sich besonders
dann fruchtbringend gestalten, wenn der Dozent es versteht,
seine Zuhörer zu lebhafter Teilnahme an der Besprechung
anzuregen. Gelegentliche grammatische Zusammenfassungen,
auch stilistische und synonymische Übungen, müssen für
diese Konversation den festen Kern abgeben ; sie sollen
gleichzeitig hindern, daß jene zum bloßen Parlieren herab-
sinkt. In welch hohem Maße ein gutes sprachliches Können
dazu mithilft, den Bewohnern eines fremden Landes näher-
zutreten und sich ihr Vertrauen zu erwerben, hat der Krieg
wieder tausendfach bewiesen. Deshalb darf sich ein Pionier
deutscher Arbeit diese Gelegenheit zum Erfolge nicht ent-
gehen lassen.
Bei einem Zusammenwirken von Lehrer und Hörer, wie
es hier skizziert, müßte es meines Erachtens gelingen, die
dem neusprachlichen Unterrichtsbetriebe der Technischen Hoch-
schulen noch anhaftenden Mängel zu beseitigen. Wünschens-
wert wäre auch, andere Sprachen neben der französischen
und der englischen noch stärker zu berücksichtigen ; diese
müßte allerdings immer den ersten Platz behaupten. Sollte
sich, wie anzunehmen, die Zahl der Studierenden unter den
Hörern mehren, würden auf die Dauer die Dozenten ihre
Stellen nicht mehr nebenamtlich versehen können. Die
Übungen nützen dem Einzelnen nur bei beschränkter Teil-
nehmerzahl; die Einrichtung von Parallelkursen läßt sich
deshalb bei stärkerem Andränge nicht umgehen, und das
nimmt eine volle Kraft in Anspruch. Für sehr fruchtbringend
hielte ich eine Beteiligung der Dozenten an den Studienreisen,
welche die Hochschüler unter Leitung ihrer Professoren ins
Ausland unternehmen. Die Verwirklichung aller dieser Vor-
schläge dürfte um so weniger auf Schwierigkeiten stoßen,
als zur Förderung des neuen Gedankens genügend Mittel
eingestellt werden sollen. Wenn davon einiges der Stärkung
des neusprachlichen Unterrichts an den Technischen Hoch-
schulen zugute käme, würde das mit dazu beitragen, unseres
Volkes Fleiß im Auslande zur Geltung zu bringen und die
Welt mit dem deutschen Gedanken zu erfüllen.
Hannover. Carl Friesland.
Referate und Rezensionen.
C Joseph Merk : Anschauungen über die Lehre und das
Leben der Kirche im altfranzösischen Heldenepos.
(Beihefte zur Ztschr. f. rom. Phil. 41, Max Niemeyer,
Halle 1914.)
Diese tüchtige Arbeit, deren erste 138 Seiten schon
1912 als Tübinger Dissertation erschienen sind, zeugt von
unermüdlichem Fleiß und tiefem Eindringen in den Stoff.
Zu Grunde gelegt sind alle bis zur Abfassung, d. h. 1911,
publizierten Chansons de geste: Das Weglassen kleinerer
Bruchstücke wie Syracon (hrg. v. Stengel, Rom. Stud. I)
oder die Bruchstücke der noch ungedruckten Chanson d'Anse'is
de Mes (hrg. v. Stengel, Festschrift Greifswald 1904) ist
leicht verzeihlich; weniger gern vermißt man in der Liste
ganze Epen, wie Beuve de Commarchis (hrg. v. Scheler,
Brüssel 1874) oder die Chevalerie Vivien (hrg. v. Terracher,
Paris 1909).
Der Verfasser will, wie er sich selber ausdrückt, ein
selbständiges episches Resultat gewinnen, daher der Nach-
druck auf die theologische und nicht auf die historische Seite
der behandelten Fragen gelegt wurde; doch soll die Fühlung
mit der Geschichte nicht verloren gehen, was hauptsächlich da
wichtig ist, wo das Epos selbst kein geschlossenes Bild
ergibt, sondern der historischen Erklärung bedarf.
Die Arbeit gliedert sich in vier Hauptabschnitte:
Olaubenslehre, Sakramente, Kirche und Kultus, Diener der
Kirche. Für den ersten lag schon eine ältere Untersuchung
vor in R.Schröders Glaube und Aberglaube in den alt fr.
Dichtungen (Erlangen 1886) ; gerade der Vergleich dieser
Arbeiten (Merk, Abschnitt 1; Schröder Kap. 1 — 8) läßt die
Vorzüge von M.klar hervortreten; denn trotz der Beschränkung
auf die Chansons de geste ist er viel vollständiger und ein-
dringlicher ; seine Ausführungen tragen durchaus den Stempel
der Zuverlässigkeit und wenn auch im Folgenden manche
Einzelheit berichtigt wird, wobei mir vielleicht etliches ent-
gangen ist, so kann das den guten Eindruck nicht verwischen.
Der erste Abschnitt zerfällt in folgende Kapitel: Das Epos
und die Schriften des Alten und Neuen Testaments, An-
schauungen über Gott, die Engel, Anschauungen über Maria,
die Heiligen, Anschauungen über Reliquien, Tod und Jenseits.
500 Referate und Rezensionen. Felix Busiyny.
Ich notiere folgd. Einzelheiten : S. XVII, 8. Die sehr ansprechende
Etymologie Terrevagant < terra vagans (durch die Form in
Okt. 1414 terre voyant bes. nahe gebracht) wird noch dadurch
gestützt, daß auch Kain, der in den Epen fest zu den Teufeln
zählt, gerade durch die Eigenschaft des steten Herumirrens
(vgl. Genesis 4, 2 Vagus et profugus eris super terram) zu dieser
Rolle kam. — S. 8. 2 Daß der Name Moni Beider für den
Ort der Opferung Isaaks aus dem bibl. terra visionis hervor-
gegangen sei, scheint mir recht unwahrscheinlich; auch
der Übergang aus Aiol in die andern Epen ist nicht einleuchtend.
— S. 11. 30 Der Ausspruch über das Schloß Castelfort
Ca'ins le fist et li fil Israel bezieht sich auf die Auffassung
von Kain und Abel als Riesen (vgl. Wohlgemuth. Riesen
und Zwerye in der afr. erzählenden Dichtung, Diss. Tübingen
1906, S. 71). — S. 10 Den vom Alten Testament dem Epos
abgegebenen Namen ist beizufügen Laban (Destr. Rome 74).
— S. 10, 4 Unverständlich; lies pur le prophete Balaan. —
S. 24 Herodes wird in Gaydon durchaus nicht als Schmied
eingeführt, lediglich das Schwert erwähnt, das er zum Kinder-
mord schmieden ließ. — S. 90, 6 Die Tatsache, daß Karl
durch die Wunderkraft der Reliquien, die er von Jerusalem
heimträgt, ohne Kahn jeden Fluß überschreiten kann, steht
nicht in der Karlsreise. — S. 100 Die Teufel, die in Raben-
gestalt erscheinen, werden nicht durch Beschwörung verhindert,
Böses zu tun, sondern durch einen Wunderring, den Maugis
im Ohr trägt.
Hier will ich noch eine Bemerkung allgemeinerer Art
einfügen : Was die Arbeit von M. so umfangreich hat werden
lassen, sind die unendlichen Listen formelhafter Ausdrücke ;
zum ersten Mal begegnen sie im Kap. über Gott, wo alle
Zusätze zum Namen Gottes, die sein Wesen, sein Wirken,
seine Eigenschaften ausdrücken, zusammengestellt sind; man
freut sich dabei über die gewissenhafte Arbeit; nun findet
man aber ganz dieselben Listen in den Gebeten, den Wunsch-,
Beteuerungs-, Gruß- und Dankformeln und den Ausrufen.
Die Wiederholungen, die sich dadurch ergeben, sind sehr
ermüdend : ich greife z. B. den Zusatz heraus qui tont le mont
forma (S. 31) ; ich finde ihn wieder beim Wirken Gottes se
Dex n'en pense qui ... (S. 52), se Dex nel fet qui ... (S. 55),
Pleust Dieu qui ... (S. 58), bei den Formeln Diex vous yart
qui ... (S. 226), Diex le maintieyne qui ... (S. 239), Damediex
le conduie qui ... (S. 246), bei den Ausrufen Dame dieu qui . . .
(S. 246), Par ce dieu qui ... (S. 252), par celui qui . . .
(S. 253). Dies tritt für unzählige Ausdrücke ein, die zudem
oft nur recht wenig voneinander abweichen (z. B. qui le mont
forma, estora, fist, crea, a forme, a establi, fu formant, fu
creant). Die Wiederholung desselben Ausdruckes an so vielen
Stellen lehrt gar nichts neues; es ist eben ein Zusatz, der
Merk, Anschauungen üb. d. Lehrt etc. im aUfrz. Heldenepos. 501
überall zum Namen Gottes treten kann. Es wäre deshalb
vielleicht einfacher gewesen, an einer Stelle sämtliche Zusätze
zu Dien zu geben und in den andern Kapiteln kurzerhand
auf diese eine Liste zu verweisen. Daß bei einer solchen
Menge von Ausdrücken das Unterbringen schwierig ist, liegt
auf der Hand: die Zusammenstellungen scheinen sehr voll-
ständig und zuverlässig, und das ist schließlich das wichtigste.
Der zweite Abschnitt, Anschauungen über die Sakramente,
orientiert über Taufe, Beichte, Kommunion und Ehe. Beichte
und Kommunion gehören im Epos zusammen; hier spielt auch
naturgemäß die Ersatzkommunion auf dem Schlachtfelde eine
große Rolle und ihr Ersatz durch Grashalme; die Erklärung
dieses letzten, sehr auffallenden Gebrauches hat auch Merk
nicht gegeben. Gerade diesen Kapiteln ist die Fühlung mit
der Geschichte zugute gekommen; es ist wichtig fest-
zustellen, daß die Elevation erst um 1150 aufkommt, oder
daß die Art der Eulogie ein Kriterium für die Abfassungs-
zeit der Epen sein kann (S. 129 und 149). Die Frage, ob
diese kirchlichen Eigentümlichkeiten für die Festlegung der
Entstehungszeit der Chansons de geste überhaupt ins Feld
geführt werden können, wie es M. tut, werden wir am Ende
berühren.
Im dritten Abschnitt, Anschauungen über die Kirche und
ihren Kultus, erhalten wir eine gute Vorstellung der Aus-
stattung des Gotteshauses, vom Gottesdienst (besonders
Messe und Leichenbegängnis), von den Sakramentalien
(Kreuzeszeichen, Weihwasser, den Weihungen und Segnungen).
Interessant sind die Ausführungen über die charakteristischen
Äußerungen des episch-religiösen Glaubens (Wunderglaube,
Bilderkult, Pilgern und Wallfahren, Charitas); nach einer
kurzen Übersicht über die kirchl. Zeiten, Feiertage, Festtage,
wo das Epos nur spärliche Angaben macht, folgt das Kapitel
über die Gebete, in dem Form, Gegenstand, Häufigkeit,
Wirksamkeit und Zeremonien behandelt sind. — Einige
Ungenauigkeiten in diesem Abschnitt sind mir aufgefallen:
S. 164 Was heißt das: 'Selbst fingierte Dinge werden ins
Reich des Wundeibaren gestellt'? In der Anm. wird auf
Amis v. 43 und Macaire v. 4311 verwiesen; dort handelt es
sich jedoch um ganz reale Vorgänge. — S. 166 Vor Karl neigt
sich in der Grabeskirche nur ein Stuhl. S. 167 Über den
Christen wachsen nicht Blumen, sondern arbroisel de coudre
Haselsträuche. — Die Geschichte von Hervis' Pferd, das im
Wasser nicht naß wird, steht nicht in Hervis (M. gibt keine
Versangabe (sondern in Garin Loh. I, S. 33. — In die Rhone
werden zwei Kinder geworfen. — Übrigens ist die Auf-
zählung der Wunder (S. 165 f.) nicht vollständig: Es fehlen
z. B. die vom Himmel fallende Flamme in Gir. Bouss. 2882r
das am Himmel erscheinende Kreuz in Gui Boury. 1355 u. a.
502 Referate und Rezensionen. Felix Busigny.
Eine Basler Dissertation befaßt sich mit den Wundern im
afr. Volksepos.
Der vierte Abschnitt, Anschauungen über die Diener der
Kirche, gliedert sich in zwei Kapitel: Der Klerus (Name
und Stand, Hierarchie, Bildung, soziale Stellung. Beruf und
staatliche Stellung) und das Mönchtum (Klöster, Mönche und
Nonnen, gesellschaftliche und staatliche Stellung, Rejdusen
und Eremiten). Denselben Stoff behandelte schon früher die
eingehende Dissertation von H. Mas sing, Die Geistlichkeit
im afr. Volksepos (Gießen 1904) und M. hat dieser genauen
Untersuchung gegenüber fast nichts neues gebracht ; dagegen
hätte vielfach ein Verweis auf den Vorgänger genügt, so für
die Listen der im Epos genannten Erzbischöfe und Bischöfe
(M. S. 197, Massing S. 8). Bei Massing ist die Fühlung mit
der Geschichte viel enger, ohne daß das epische Resultat
verzerrt würde. — S. 215, 9. Falsche Stellenangabe: in Raoul
steht meines Wissens nirgends, daß sich 1500 Nonnen in
Origni befanden; v. 1480 lese ich, daß es 100 waren. —
S. 223. Nicht ganz stimmt das epische Bild von den
Einsiedeleien: So arm, wie M. darstellt, sind sie nicht alle,
sonst hätte es gar keinen Sinn, sie auszurauben wie in
Moniage Guill. I, v. 470, wo es von den Räubern deutlich
heißt Deniers et rohes en orent aporte (vgl. Massing S. 112).
Den Schluß bilden Listen der Wunsch-, Beteuerungs-,
Gruß-, Abschieds-, Dankformeln und der Ausrufe. Als
Anhang endlich finden sich Bemerkungen über das religiöse
Kulturbild des Epos und die Wechselbeziehungen zwischen
Religion und Spielmannsdichtung. M. spricht sich dabei so
aus: 'Das religiöse Kulturbild des Epos ist mit der Dichtung
so organisch verbunden, daß nur eine gleichzeitige Entstehungs-
zeit vorauszusetzen ist', und weiter 'Daran ist festzuhalten :
Die Entstehungszeit des Epos darf nicht in die Ferne zurück-
bezogen werden. Man hat es nicht zu tun mit dem Auf-
greifen verschollener Lieder, mit der Überarbeitung alter
Sagen, vielmehr, nachdem das Rolandslied einmal gesungen
wurde, sind die Epen, wenn man das Bild gebrauchen darf,
wie Pilze aus dem Boden geschossen'. Das klingt sehr
sicher; immer aber bleibt die Frage: und der Rolatid? Was hat
denn sein 'aus dem Boden schießen' veranlaßt? Ich beschränke
mich darauf, einen Satz von Wendelin Foerster hier an-
zuführen: 'Wir kommen bei sorgfältiger Untersuchung des
uns erhaltenen Rolandmaterials zu einer frühen, einfacheren
Changon de geste, die vor dem XL Jh. bestanden haben
muß .... wir sehen ein volkstümliches, von der Kirche un-
abhängiges Rolandslied, ohne Klosterreliquien, ohne Pilger-
straßen vor uns, und der Held kann doch nicht glatt
erfunden worden sein'. (Kristian von Troyes, Wörterbuch
S. 4*: vgl. auch S. 229*). Es ist auch nicht einzusehen, warum
Merk, Anschauungen üb. d. Lehre etc. im altfrz. Heldenepos. 503
die Tatsache, daß das religiöse Kulturbild des Epos in die
Zeit vom Ende des 11. bis zur Mitte des 13. Jh. weist, ein
Beweis dafür sein soll, daß das Epos überhaupt erst dann
entstanden ist. Daß der Spielmann 'auf dem religiösen Niveau
seiner Zeit stand' und daß 'das religiöse Gewand der Dichtung
sein eigenes ist', mag stimmen ; haben aber die afr. Dichter
dieses religiöse Gewand ihrer Zeit nicht auch den antiken
Stoffen angezogen? Geht doch, um ein Schulbeispiel aus-
zuführen, im Thebenroman Ismene in ein Kloster! Wir
können höchstens sagen, die uns erhaltenen Chansons de
geste zeigen das religiöse Kulturbild des 11. und 12. Jh.; für
den Ursprung der Gattung kann das nicht beweisend sein.
Was M. mit dem Satze "Man darf den Verfassern der Epen
bei all ihrer Erfindungsgabe nicht zutrauen, als ob sie
anachronistische Züge eingefügt hätten' sagen will, weiß ich
nicht; anachronistische Züge eingefügt haben sie sicher nicht ;
aber solche, die für ihre Zeit anachronistisch gewesen wären,
haben sie vielleicht ausgewischt und andere, die ihr ent-
sprachen, neu eingeführt.
Der Band schließt mit ausführlichen Registern, die das
Auffinden ungemein erleichtern und nochmals Zeugnis ab-
legen von der Sorgfalt der Arbeit im Einzelnen l) !
Basel. Felix Büsigny.
E. Gamillsclieg und L. Spitzer: Die Bezeichnungen der
„Klette" im Galloromanischen. Mit einer Karte.
(Sprachgeographische Arbeiten 1. Heft. Halle
a. S. Niemeyer 1915.)
In der großen Anzahl sprachgeographischer Unter-
suchungen, die in den letzten Jahren erschienen sind, nimmt
vorliegende Arbeit entschieden einen hervorragenden Platz
ein. Die Verschiedenheit der Probleme, die darin behandelt
werden; die straffe Einheit, die gerade einige komplizierte
Kapitel (II. lappa, III. droue-gleteron) kennzeichnet; die über-
sichtliche Einteilung und saubere Scheidung des Stoffes und
nicht am wenigsten das bei den Verfassern so ausgesprochene
Verständnis für die lebendigen Kräfte der Sprache, alles
dies macht diese Abhandlung interessant, ich möchte fast
sagen — spannend. Um die Leistung der Verf. richtig
einzuschätzen, braucht man nur einen Blick auf die,
teilweise oder vollständig besprochenen Karten (112 bar-
dane, capitules; 1657 patience; 872 molene; 1487 cardere;
238 chardon; 1345 tussilage usw.) des A. L. zu werfen; man
') An Druckversehen sind mir aufgefallen: S. 21, 18 Cromer lies
Cröner, S. 24 Nocron lies Koiron, S. 81, 3 Schätzler . . . 1901 lies
Schätzer . . . 1905.
504 Referate und Rezensionen. Hans Mauer.
wird leicht einsehen, welche Fülle von Material verarbeitet
werden mußte, um aus den verwirrenden Momentaufnahmen
des Atlas ein klares Bild herauszukonstruieren. Farbige
Einzeichnungen verschiedener Worttypen auf die „blinden"
Karten, die oft dem sprachgeographisch geschulten Lin-
guisten von selbst Probleme enthüllen und auch teilweise
lösen, wären hier ziemlich wertlos gewesen (die beigelegte
Karte ist trotz geistvoller „Kontamination" mehrerer Blätter
des A. L., doch größtenteils — weiß geblieben). Die
Vielseitigkeit der Probleme bringt es mit sich, daß bei der
Lektüre dieses Büchleins der Phonetiker, der Morphologe,
der Lexikologe und der Sprachgeograph — im engeren Sinne
— auf ihre Kosten kommen werden. Der Morphologe findet
hier eine sehr nützliche und fördernde Vorarbeit über den
Ursprung und die Wandlung des Suffixes -eron (das eine
eingehende Untersuchung verdienen würde), daneben treffende
Bemerkungen zu den Suffixen -as und -aras ; dem Lexi-
kologen bietet sich eine ganze Menge neubesprochener
Wörter dar (ein Index, den man sehr vermißt, hätte dies
besser veranschaulicht und gute Dienste geleistet) und
Gillieron selbst (dem dieses Büchlein mit geistreichen, dem
Thema angepaßten Versen zum 60. Geburtstag gewidmet ist)
wird an Erklärungen, wie pen'olö — (= peignolot, petit peigne,
in der Bedeutung „Klettenkopf") > pen'oM, dieses dann als
peigne au hup aufgefaßt und in peigne de loup „verbessert"
(j3. 46/7) — seine Freude haben und sich an seinen vorbild-
lichen Artikel „Le merle dans le nord de la France" erinnern.
Für solche Etymologien haben die Verf. den passenden Aus-
druck „geistige Etymologie" geprägt (S. 40), gegenüber den
sonstigen rein „materiellen Etymologien" : zwei Ausdrücke,
die leicht Anklang und weitere Verbreitung finden werden.
Nun zum Inhalt. Das schriftfranzösische Wort für
Klette — bardane — ist nicht volkstümlich: der A. L. bietet
nur ein kleines, zusammenhängendes Gebiet im Südost-
französischen. Auffälligerweise bedeutet es in dieser Gegend
auch „Wanze", neben pariana < parietana (S. 5 — 7). Die
Etymologie des frz. bardane resp. des im mittelalterlichen
Latein seit dem 12. Jahrhundert belegten bardana bleibt un-
aufgeklärt; Zusammenhang mit dem schon früher nach-
gewiesenen dardana wird vermutet, dieses mit germ. darop,
frz. dard zusammengebracht. Auf S. 22 wird auf die Möglich-
keit eines Zusammenhanges von bardana mit arab. berdi
„Rohrkolbe" hingewiesen.
Das aus dem Capitulare de villis bekannte parduna,
sowie das öfters in den Glossen wiederkehrende parada werden
von bardana ferngehalten (S. 7 — 12).
Im II. Kapitel wird aus läppe (einige Punkte im Zentrum),
nappe, napperon (im Poitou) lapasse, laperasse (Char.-Inf.),
Gamülscheg u. Spitzer, Bezeichnungen d. „Klette" i. Gallo rom. 505
laparaso (im languedocisch-gaskognischen Grenzgebiet), lapiit
(ebenda) ; dann aus lampas, lapas, lavasse usw. in der Be-
deutung Sauerampfer auf der K. patience (in den Alpen-
gebieten) lapasse = Königskerze (im Languedocischen, K.
molene) laporda = Klette (ebenda) — ferner aus dem Typus
lappula „Klettenkopf" (in den Alpen : angrenzend an das ital.
lappola = Klette) ein großes einheitliches Gebiet des Wortes
„lappa" festgestellt. Es umfaßt ganz Frankreich südlich der
Loire. „Durch diese Loire-Linie wird Frankreich in zwei Teile
gespalten" (S. 32) und die Tatsache, daß diese lexikologische
Zweiteilung Frankreichs auch auf anderen Karten beobachtet
oder rekonstruiert wurde, wird vielleicht einmal, bei der Be-
urteilung der dialektalen Gliederung des Galloromanischen,
von größter Wichtigkeit sein (S. 12 — 32).
Für das nordfranzösische „droue" wird ein Artikel von
Thomas (Rom. XLI. 62 ff.) verwertet, aber alsursprünglicheBe-
deutung „Lolch" angesetzt. Dieses Wort ist nicht weit ver-
breitet und der eigentliche Ausdruck für „Klette" oder
„Klettenköpfe" nördlich der Loire ist glet{er)o)t mit über-
aus zahlreichen Nebenformen : die Volksphantasie hat in dieses
Wort eine ganze Reihe von Begriffen hineingedeutet. Bei
den Schicksalen, die auf diesem Wege „glet(er)onu erfahren
hat. erweist sich die Endung mit der angegebenen Variante
als das „einzige konstante Element". Es entsteht somit in
Nord westfrankreich in der Bedeutung „Klette" ein Worttypus,
zu dem sowohl glouteron, als auch piqueron und sogar
napperon (allerdings bis zu einem gewissen Grad) gehören.
Anderseits entsteht in der Reihe volksetymologischer Ein-
mischungen in den Typus kletto ein vendee. gripe = frz.
grippet (S. 40 schon im R. E.W. unter kletto!) das in der Form
an sein Etymon nicht im entferntesten mehr erinnert
(S. 32-41).
Weniger Interessantes bietet uns das IV. Kapitel, worin
zunächst der Typus amarifolium besprochen wird. Er ist
schon im 10. Jh. belegt, heute jedoch fast ganz ausgestorben.
Der A. L. hat nur spärliche und verkümmerte Reste davon :
amourettes, dog d'anier und dog d'amel. In amourettes hätte
sich nach den Verf. der Begriff „Liebe" erst später einge-
schlichen (S. 42—46).
Den Bedeutungsübergang „Klettenkopf" > „Klette" zeigen
peigne (übertragen von peigne = dipsacus fullonum „die
Weberkarde", wegen der äußeren Ähnlichkeit beider Pflanzen),
chien (meistens in der Deminutivform, was den Verf. nahe-
legt, das tertium comparationis in „Sprößling" zu suchen),
dann die im Suffix und infolge ihrer geographischen Ver-
breitung zusammengehörenden Typen japisson, bourrisson,
coutisson usw. (der Ausgangspunkt des Suff, scheint in coutisson
zu liegen), ferner gat, gaets (im Gaskognischen ; Etymon gafa
606 Referate und Rezensionen. Hans Maver.
„Haken", nach Schwund des intervokalischen -/- stellte sich
auf der Stufe gaets das Bild der Katze ein : neben er-
wähntem peigne de lonp ein weiteres, lehrreiches Beispiel, wie
sehr vorsichtig man sein muß bei Annahme di rekt er Über-
tragungen von Tiernamen auf Pflanzenbezeichnungen), das
südfranzösische bulürs = frz. voleurs usw. (S. 46 — 68).
Die Inhaltsangabe zeigt schon, daß die umsichtigen
Verf. in den meisten Fällen die richtige Deutung für die ver-
schiedenen Probleme gegeben haben. Nur in wenigen
Punkten kann ich ihnen nicht beistimmen.
Auf S. 5 wird bardane = „Wanze" und „Klette" (im
Südostfranzösischen) besprochen und bardane = „Klette" als
das Primäre angesehen („doch wohl von der Klette auf die
klettenhaft sich anhaftenden Tiere"), obwohl in derselben
Gegend die „Wanze" auch „pariana" genannt wird und
Thomas (Rom. XXXIX, 200) beide Worte auf parietana
zurückgeführt hat. Gegen eine solche Auffassung stellen
sich sofort mehrere Zweifel ein : warum soll sich das gelehrte
bardana = „Klette" gerade in dieser Gegend erhalten haben'.'
Ist nicht die Tatsache, daß die im Mittelalter vom Vaterland
getrennte frankoprovenzalische Kolonie Celle-Faeto bar-
dane = Wanze, aber nicht bardana = Klette kennt, eher ein
Beweis dafür, daß eben letzteres das Sekundäre ist! Kommen
13 b ertragungen von Pflanzennamen auf Tiernamen vor? Mir
sind augenblicklich keine bekannt, aber selbst, wenn dies der
Fall sein sollte, so dürften sie doch äußerst selten sein,
denn nur das Umgekehrte (Tiername > Pflanzenname) ist
ohne weiteres verständlich: man geht von Lebewesen aus
und verleiht gewissermaßen auch den Pflanzen die Eigenschaften
derselben. Die Verf. erwähnen zwar (S. 5 Anm. 1) hessisch:
Klette „Maikäfer" und Kleber „Käfer, besonders Maikäfer''
zu Kleber „Klette" — aber beide WTorte können sicher eben-
sogut direkt zu klebern resp. klettern in Beziehung gebracht
werden (vgl. das Oberhessische Wörterbuch von Crecelius :
„Klette II der Maikäfer" .... das Wort stammt von kletten,
welches dem klettern zu Grunde liegt). — Auch das genaue
Verhältnis des ebenfalls in der Anmerkung erwähnten nieder-
deutschen burrkäwer „Maikäfer" zu biirre „Wollkraut", „Klette"
wäre erst zu bestimmen. Die eher zu erwartende Bedeutungs-
entwicklung Wanze (oder dgl.) > Klette scheint vorzuliegen
in ital. zecca = „animaluzzo. che si attacca alle volpi, ai
cani ecc". (Tommaseo-Bellini) neben zeccola = „chiamansi
zeccole certe come lappole o simili cose, che si appiccano alla
lana" (idem). Ist es außerdem nicht etwas gewaltsam,
die gleichbedeutenden und in derselben Gegend vorkommen-
den bardana und pariana (= Wanze) voneinander zu trennen?
Lat. parietana konnte, nach dem Muster von delii und
dougiS (> delicatus) zwei Fortsetzer haben : einen älteren
Gamillscheg u. Spitzer, Bezeichnungen d. „Klette" i. Gallorom. 507
parduna und einen jüngeren pariana. Das anlautende b statt
p- ist zwar nicht aufgeklärt, aber es wäre doch eine Pedanterie,
nur aus diesem Grunde eine sonst einleuchtende Etymologie
abzuleugnen. Wenn aber nun einmal im Südostfranzösischen
bardane = Wanze und Maikäfer schon bestand, dann ist
leicht erklärlich, warum das gelehrte bardane = Klette gerade
hier volkstümlich wurde. Es wurden eben beide Worte, trotz
ihres verschiedenen Ursprungs, in Beziehung gebracht, was
nach den vorher erwähnten gemeinsamen Bezeichnungen für
Klette und Wanze (Maikäfer) nicht mehr wundernimmt.
Ich meine nicht, daß die Etymologie von bardane = „Klette"
im Südostfrz. bardane = „Wanze" sei. aber das Vorhanden-
sein dieses Wortes hat dem gelehrten bardane = „Klette"
zur Volkstümlichkeit verholfen.
Noch einige Worte über parietana = Wanze mögen hier
Platz finden. Das deutsche Wanze wird als Kurzform des
mhd. ivantlüs = „Wand -laus" gedeutet (vgl. Kluge). Das
Wort ist in die deutsch- französischen Grenzgebiete ein-
gedrungen: wallon. ivandion, ivandille usw. gehören hierher
(Romania XXXIX 201, und A. L. punaise). Da sonst in
der ganzen Romania nirgends der Name der Wanze von
„Wand" abgeleitet ist. könnten wir in pariana ein — aller-
dings sehr altes — Übersetzungslehnwort aus dem Germa-
nischen erblicken.
S. 12 läppe = Klette kommt eigentlich nur im Zentrum vor
und ist auch daselbst regional beschränkt: im Dep. Vienne
taucht der Typus wieder auf. aber nur auf Punkt 509. Hier
tritt uns jedoch ein Plural lappes entgegen, weshalb die ur-
sprüngliche (wenn auch ihrerseits erst sekundäre) Bedeutung
„Klettenköpfe" und nicht „Klette" sein wird. Dies paßt nun
zu Jouberts Angabe: „lappes — capitules de fleurs, tete de
la plante appelee bardane." Dies ist wichtig für die Be-
urteilung der in den Nachbardialekten verkommenden feuille
de nappe oder feuille de läppe (= bardane), worauf ich gleich
zurückkomme.
An läppe schließt sich im Westen nappe an. Südlich
davon tritt lapace auf. Es ist somit nicht ganz richtig, wenn
die Verf. schreiben daß das Zappe- Gebiet durch eine nappe-
Area unterbrochen sei. Und diese, wenn auch geringe, Unrichtig-
keit verdient hervorgehoben zu werden, da die Verf. „aus der
geographischen Verteilung dieser Formen" (S. 13) ohne
weiteres den Schluß ziehen, daß nappe erst sekundär aus
läppe entstanden sei. Der anlautende Konsonant l wäre
dabei entweder dissimiliert (la läppe > la nappe) oder assimiliert
worden (une läppe > une nappe). Der Schluß ist etwas zu
rasch gezogen worden: nur eines ist aus geographischen
und begrifflichen Gründen sicher: die n Formen m üssen aus
den /-Formen erklärt werden, der Ausgangspunkt der-
B08 Referate und Be:>>nsi<>>irit. Hans Maver.
selben braucht aber keineswegs in läppe (> nappe) selbst zu
liegen. Der westliche Teil des in Betracht kommenden Ge-
bietes kennt fast nur naperon Formen und es fällt auf, daß
dieser mehr nördliche -eron Typus durchweg mit anlautendem
)i- erscheint, der mehr südliche -ace und -erace Typus dagegen
den l Anlaut ausnahmslos bewahrt hat (also lapace resp.
laperasse lauten). Ich nehme daher an, daß ein ursprüng-
liches läppe in einem an erow-Ableitungen reichen Gebiet
zunächst zu Happeron erweitert und dieses erst zu napperon
wurde, durch Assimilation an den auslautenden Nasal.
In der Anmerkung 1 auf S. 13 können auch die Verf.
nur solche Beispiele anführen, die sich mit lapperon > napperon,
nicht aber mit läppe < nappe vergleichen lassen: s. na-
tiron < laiteron, nentille für lenülle und auch wall, napai < lapin,
da auch hier ein ursprünglich vorhandener Nasalvokal den
Anlaut assimiliert haben muß 1).
Die nappe-Y 'ormen selbst erkläre ich mir als Rück-
bildungen von napperon, oder — wenn man will - als Ver-
schränkung von napperon und läppe. Daß im Zentrum, wo
läppe eher zu Hause ist, kein nappe vorkommt, wundert mich
nicht : es fehlen hier eben die -eron Ableitungen, die durch
napperon den Ausgangspunkt für die w-Formen lieferten.
Wenn nun das bereits erwähnte lappes ursprünglich die
„Klettenköpfe" bezeichnet hat, so sind feuille de läppe bezw.
nappe (man könnte lappes, nappes schreiben) in der Bedeutung
bardane (eigentlich „Blätter der Klettenköpfe") ohne weiteres
klar.
Wir hätten somit für diese Gegend etwa folgende Wort-
genealogie.
läppe „Klette" lappes „Klettenköpfe"
/
lapp(er)as lapperon lappes „Klette" feuille de
\ lappe(s) „Klette"
\ /
napperon
nappe
Bei den S. 22 Anm. 1 angeführten rampiö, rapa, rapalu
wäre die Möglichkeit eines Zusammenhanges mit den Ö. 29
') Man könnte dagegen einwenden, daß im Dep. Tarn ein vereinzeltes
naparaso (P. 744 s. Seite 17) vorkommt und daß der in den Alpengebieten
heimische Typus lappula (Happulla ist wohl kaum anzunehmen) sehr häufig
dasselbe anlautende «- zeigt (S. 29). Bei naparaso haben wir es aber ent-
schieden mit einem dekadenten Worte zu tun, da daneben auch kaparaso,
taparaso, rapalaso usw. auftritt. In lappula dagegen war das anlautende
l- ganz anderes gefährdet als in lappa: tatsächlich treffen wir hier neben
naponl auch ebenso zahlreiche Vertreter mit anlautenden r- (rapoule,
rapid usw.)
Ganiillscheg it. Spitzer, Bezeichnungea d. ,,, Klette" i. Gallorom. 509
von *lappula hergeleiteten rapid, rapid usw. ins Auge zu
fassen.
Das languedocische lampourdo wird S. 23 als lappa burda
> *lappurda = „Klettengestrüpp-' gedeutet. Eine Etymologie,
die weder lautlich (man erwartet doch eher *labourdo) noch
begrifflich (burda kommt eigentlich nirgends in dieser Be-
deutung vor) recht überzeugend ist. Wir müßten außerdem
von einer Kollektivbezeichnung ausgehen und einen Bedeu-
tungswechsel („Klettengestrüpp1' > „Klette" vgl. filicaria)
annehmen, den wir sonst bei den Klettenbezeichnungen
nirgends konstatieren können. (Auf S. 41 Anm. 2 sagen die
Verf. selbst: „merkwürdig, daß sonst nie Kollektivbezeich-
nungen vom Typus fougere = filicaria, oder Plural statt
Singular für die „KlettenpHanze" eingetreten sind.) Das Wort
bleibt somit gleich bardana nach wie vor ganz unklar.
In der Tabelle auf S. 28 hätte, dem vorher Gesagten
entsprechend, ein Pfeil pataraso mit laparaso verbinden
sollen.
Zu den S. 37— 8 angeführten Formen napperon, piqueron,
eperon usw. sei noch hinzugefügt, daß im Poitevinischen das
Suff, -eron überhaupt sehr beliebt ist. Man vergl. noch die
Karten aiguillon, chardon, houcheron. Es ist also gar nicht
„gewiß", daß sich gleteron und napperon im Suffix gegen-
seitig beeinflußt hätten. Man müßte eine solche Frage auch
vom Standpunkte der mundartlichen Eigenart aus betrachten,
w7ie denn auch sonst jede wTortgeographische Arbeit die sprach-
lichen Einheiten (Mundarten) nie aus dem Auge verlieren
sollte.
Dem Sprachgeographen, wie dem Linguisten überhaupt
darf eben (wie die Verf. selbst in den der Arbeit hinzu-
gefügten Ergebnissen schreiben) gar nichts a priori
primär sein.
Wien. Hans Maver.
Ztgchr. f. frz. Spr. u. Litt. XLV'/«. 35
Miszelle.
Neben boche begegnendes alboche ist sal(e) boche mit
Abfall des s} das man irrtümlich für den Auslaut des be-
stimmten Artikels im Plural gehalten hat: les sal(es) boches —
les alboches, dazu der Singular l' alboche?
D. Behrens.
C Uschmanm Buchdrucker« t, Weimar.
Ö
PC Zeitschrift für französische
2003 Sprache und Literatur
Z5
Bd.45
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